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KRAEPELIN 

PSYCHIATRIE 

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LIBRARY 

Walter E. Fernald 
State School 




Waverley, Massachusetts 



No. 6 



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Vierter Band 

Klinische Psychiatrie 

III. Teil 



PSYCHIATRIE 

EIN LEHRBUCH 
FÜR STUDIERENDE UND ÄRZTE 

VON 

Dr. EMIL KRAEPELIN 

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN 

ACHTE, VOLLSTÄNDIG UMGEARBEITETE AUFLAGE 

IV. BAND 

KLINISCHE PSYCHIATRIE 

III. TEIL 



MIT 118 ABBILDUNGEN, 7 SCHRIFTPROBEN 
UND 1 FARBIGEN TAFEL 



Massac: 
for Feeble fv.inded. 



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LEIPZIG 

VERLAG VON JOHANN AMBROSIUS BARTH 

1915 



Copyright by Johann Ambrosius Barth Leipzig 19 15 



Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig 



Inhaltsverzeichnis» 

Seite 

XII. Die psychogenen Erkrankungen 1397 

1. Die Tätigkeitsneurosen (Ponopathien) I 4 00 

A. Die nervöse Erschöpfung 1400 

Ermüdungswirkungen, nervöse Überreizung, Dauerwirkungen der 
Überarbeitung, Krankheitsgefühl (Hypochondrie), Verlauf, Prognose, 

,, Neurasthenie", Ursachen, Umgrenzung, Erkennung, Behandlung. 

B. Die Erwartungsneurose 1416 

Äußere Anlässe (douleurs d'habitude), klinische Bilder (Akinesia 
algera), Verlauf, Ursachen, Umgrenzung, Behandlung. 

2. Die Verkehrspsychosen (Homilopathien) M 28 

C. Das induzierte Irresein 1428 

Begriffsbestimmung, Beeinflussung durch fremde Vorstellungen, Ver- 
folgungs- und Größenwahn, religiöse Sektenbildung, Erregungszustände, 
Verlauf, Entstehungsbedingungen, Umgrenzung, Behandlung. 

D. Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen 1441 

Entstehungsbedingungen, klinisches Bild, Verlauf, Ursachen, Um- 
grenzung, Behandlung. 

3. Die Schicksalspsychosen (Symbantopathien) J 449 

E. Die Unfallsneurosen 1449 

Schreckneurose M5 1 

Traumatische Neurose *457 

Klinisches Bild, psychologische Versuche, Verlauf, Rentenquerulanten, 
Ausgang, Ursachen und Wesen der Krankheit, Umgrenzung (Ver- 
stellung), Vorbeugung, Behandlung. 

F. Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen . . . 1502 
Begriffsbestimmung, akute Erregungs- und Verwirrtheitszustände, Ver- 
drängungserscheinungen, Verfolgungswahn, Unschuldswahn, Haftqueru- 
lanten, präseniler Begnadigungswahn, Gefangenenwahnsinn (Ver- 
folgungs- und Größenwahn), Verstellung. 

G. Der Querulantenwahn J 533 

Klinisches Bild, Verlauf, Ursachen, Umgrenzung, Behandlung. 

XIII. Die Hysterie 1547 

Begriffsbestimmung 1547 

Klinisches Bild 1548 

Verstand, Assoziation, Gedächtnis, gemütliche Erregbarkeit, Aus- 
drucksformen der Gemütsbewegungen, Selbstsucht, Hypochondrie, 
Triebhaftigkeit des Handelns, Selbstverletzungen, Lebensführung 

Körperliche Krankheitszeichen x 577 

Stigmata, Empfindungsstörungen, Gesichtsfeldeinschränkung, Schmer- 
zen, Lähmungen, Astasie-Abasie, Sprach- und Schriftstörungen, Span- 
nungen, Bewegungsstörungen, Zuckungen, Erbrechen, Singultus, 
Zittern, vasomotorische, sekretorische, trophische Störungen. 



VI Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Anfälle 1603 

Krampfanfälle, ,, großer Anfall", Starrkrampf, Ohnmacht, Schlaf- 
anfälle, Dämmerzustände, Nachtwandeln, Erregungszustände, läppische 
Anfälle, Verwirrtheitszustände (Wandertrieb), traumhafte, pathetische, 
delirante Zustände, Gansersche Dämmerzustände (Verdrängungs- 
erscheinungen), Haftstupor, besonnenes Delirium, Verdoppelung der 
Persönlichkeit (retrograde Amnesie). 

Verlaufsarten 1633 

Verteilung der Anfälle, Wechsel der Erscheinungen, Beeinflußbarkeit 
der Störungen, Anknüpfung an äußere Anlässe, Beziehungen zu Gemüts- 
bewegungen. 

Prognose 1642 

Verschiedene Formen, Entwicklungshysterie, Entartungshysterie, 
Alkoholhysterie, Unfallshysterie, Hafthysterie. 

Ursachen 1645 

Geschlecht, Lebensalter (Kinderhysterie), Zivilstand, Beruf, Stadt und 
Land, Kultur (Naturvölker), erbliche Veranlagung, Entartung, Gemüts- 
bewegungen, Alkohol, Unfälle, Haft, körperliche Erkrankungen (Ge- 
schlechtsorgane) . 

Wesen der Krankheit 1663 

Psychische Entstehung (Gemütsbewegungen), Ausdrucksformen der 
Gemütsbewegungen, Beziehungen zum Selbsterhaltungstriebe, Janets 
Auffassung (Bewußtseinsspaltung), Vigilambulismus (S ollier), Freuds 
Lehre (Verdrängung geschlechtlicher Erlebnisse, pathogene Komplexe). 

Umgrenzung 1684 

Pithiatismus (Babinski), Hysterie und hysterische Krankheitszeichen, 
Abgrenzung von der Epilepsie, Psychopathie, Unfalls- und Erwartungs- 
neurose, Dementia praecox, Vortäuschung körperlicher Leiden. 

Bekämpfung 1694 

Vorbeugung, Behandlung (operative Eingriffe, Geschlechtsverkehr, 
Mastkur, Arzneien, psychische Behandlung). 

XIV. Die Verrücktheit (Paranoia) 1707 

Geschichte des Paranoiabegriffes, Paranoia und paranoide Erkran- 
kungen, Begriffsbestimmung, Anschauungen der Franzosen. 

Krankheitsbild 1715 

Erinnerungsfälschungen, Beziehungswahn, Beeinträchtigungs- und 
Größenwahn, Systematisierung (milde, abortive Formen), Stimmung, 
Handeln und Benehmen. 

Klinische Formen 1726 

Verfolgungswahn, Eifersuchtswahn, Erfinderwahn, Abstammungswahn, 
religiöser Größenwahn, erotische Verrücktheit. 

Verlauf und Ausgang 1752 

Häufigkeit, Ursachen, Wesen der Krankheit *755 

Abnorme Entwicklung oder Krankheitsvorgang. 

Umgrenzung 1768 

Heilbare Formen, abortive Paranoia, paranoide Persönlichkeiten, Ab- 
grenzung vom manisch-depressiven Irresein, der Dementia praecox, den 
Paraphrenien, den Psychopathien, Behandlung. 

XV. Die originären Krankheitszustände .......... 1780 

A. Die Nervosität 1782 

Klinisches Bild 1783 

Verstandesleistungen (Ermüdbarkeit, Ablenkbarkeit, Gedächtnisstö- 
rungen, Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, Selbstüberschätzung, Man- 
gel an Selbstvertrauen, Fehlen des Wirklichkeitsbewußtseins, Beein- 



Inhaltsverzeichnis. VII 

Seite 
flußbarkeit des Denkens), gemütliche Erregbarkeit, Verstimmungen, 
Unzulänglichkeitsgefühl, Hypochondrie, Weltflucht, Unfreiheit, 
Triebhaftigkeit, Arbeitserschwerungen, Geschlechtsleben (sexuelle 
Neurasthenie, Verirrungen), körperliche Störungen. 

Verlauf 1803 

Prognose 1805 

Ursachen 1806 

Erbliche Entartung, Keimfeindschaft, Geschlecht, Zivilstand, Stadt 
und Land, Beruf, Lebensschicksale. 

Umgrenzung 181 1 

Bekämpfung und Behandlung 181 5 

B. Die Zwangsneurose 1823 

Begriffsbestimmung. 

Allgemeines Krankheitsbild 1826 

Gruppierung der klinischen Formen 1827 

Einteilungen von Koch, Friedmann, Löwenfeld, Magnan, 
Janet, Tamburini, Zwangsvorstellungen und Zwangsbefürchtun- 
gen (Unglücksangst, Verantwortungsangst, Verkehrsangst), ,, Zwangs- 
antriebe". 

Klinische Krankheitsbilder 1836 

Einfache Zwangsvorstellungen 1836 

Zwangsmäßige Denkgewohnheiten (Arithmomanie , Grübel- und 
Fragesucht). 

Phobien 1840 

Angst vor Gewitter, vor Tieren und Menschen, Unfällen, Messern 
und Nadeln, Schmutz und Ansteckung, Situationsphobien (Höhen- 
angst, Brückenangst, Platzangst, Klaustrophobie, Klaustrophilie, 
Nachtangst, Reiseangst, Akathisie), abergläubische Befürchtungen, 
Krankheitsfurcht. 

Verantwortungsangst 1848 

Zweifelsucht, Unterlassungsfurcht, Beachtungs- und Erinnerungs- 
zwang (Onomatomanie), Berufsangst, Verschuldungsangst, Selbst- 
mordangst, Diebstahlsangst, Papierangst, religiöse Skrupel. 

Verkehrsangst 1859 

Befangenheit, Prüfungsangst, Anthropophobie, Dysmorfophobie, 
Kleiderangst, Ereuthophobie , Stuhl- und Harndrang, Zwang- 
schwitzen. 

Gemütliche Störungen 1863 

Beeinflussung des Wollens und Handelns 1866 

Einschränkung des Willens, Sicherungen, Pedanterie, Wiederholungs- 
zwang (Rumination), Berührungsfurcht, Waschzwang, Schutzhand- 
lungen und Schutzsprüche, Zwangshandlungen. 

Verlauf 1875 

Schwankungen, Fortschreiten. 

Prognose 1880 

Ursachen und Wesen des Leidens 1881 

Erblichkeit, Geschlecht, Gemütsbewegungen, Geschlechtsleben, 
Freud sehe Komplexe, Sexualverdrängung, Affektverdrängung, 
Illogismen, Psychasthenie, Assoziationsschwäche, ängstliche Span- 
nung, Infantilismus des Charakters. 

Umgrenzung 1892 

Beziehungen zur Hysterie, Erwartungsneurose, zum manisch-depres- 
siven Irresein, zur Dementia praecox. 

Bekämpfung 1897 

Pädagogik, Ablenkung, Gedankenturnen, Psychoanalyse, Psycho- 
katharsis, Psychosynthese. 



VIII Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

C. Das impulsive Irresein 1901 

Triebhandlungen. 

Klinische Formen 1903 

Brandstiftungstrieb (Pyromanie), Mordtrieb, Giftmischer, anonyme 
Brief Schreiber, Stehltrieb (Kleptomanie), Kauf sucht, Schulden- 
machen. 

Wesen der Störung 1913 

„Monomanien." 

D. Die geschlechtlichen Verirrungen 1916 

Onanie 1917 

Psychische Onanie, Narzismus. 

Exhibitionismus 1918 

Psychischer Exhibitionismus. 

Fetischismus 1922 

Abirrung vom Geschlechtsziel, „Voyeurs", „Frotteurs", Urolagnie, 
Koprolagnie, Kleider-, Wäsche-, Schuhfetischismus, Einfluß be- 
stimmter Lebenserfahrungen. 

Sadismus 1928 

Messerstecher, Beschmutzer, Lustmörder, Geißler, psychische Sa- 
disten. 

Masochismus J 932 

Selbstquälereien, skatologische Formen. 

Homosexualität 1936 

Ausgang von der Onanie, Pubertätsfreundschaften, sexuelle Miß- 
erfolge, männliche Prostitution. 

Klinisches Bild 1943 

Verstandesbegabung, Gemütsart, Lebensführung (Effeminatio, Vira- 
ginität), körperliche Abweichungen (Androgyne, Gynandrier). 

Häufigkeit 1949 

Ursachen und Wesen der Störung I 95 2 

Entartung, Geschlecht, Bildungsgrad, Verführung, Alkohol, Bi- 
sexualität, angeborene Veranlagung, äußere Einflüsse, infantilistische 
Entwicklungshemmung. 

Umgrenzung 1965 

Pseudohomosexualität, kompensatorische, implantierte und konsti- 
tutionelle Parhedonie. 

Prognose 1968 

Behandlung 197° 

XVI. Die psychopathischen Persönlichkeiten 1973 

Allgemeine Gesichtspunkte, Vorstufen anderer Psychosen, um- 
schriebene Entwicklungshemmungen. 

A. Die Erregbaren 1979 

Klinisches Bild, gesteigerte gemütliche Erregbarkeit, Selbstmord- 
versuche, Erregungszustände, Kriminalität, geschlechtliche Be- 
ziehungen, hysterische Zeichen. 

Prognose 1986 

Ursachen 1987 

Geschlecht, Lebensalter, Zivilstand, Beruf, Stadt und Land, Erblich- 
keit, äußere Ursachen. 

Wesen der Störung 199* 

Entwicklungshemmung, Beziehungen zur Hysterie, zum manisch- 
depressiven Irresein, zu anderen Formen der Psychopathie. 

Behandlung 1995 



Inhaltsverzeichnis. IX 

Seite 

B. Die Haltlosen 1995 

Klinisches Bild, lebhafte Einbildungskraft, gehobenes Selbstgefühl, 
Reizbarkeit, Selbstsucht, Mangel an Ausdauer, Unstetigkeit, Beein- 
flußbarkeit (Verführung, Alkohol), geschlechtliche Beziehungen, 
Verschwendungssucht, Kriminalität, Selbstmordneigung, hysterische 
Züge. 

Prognose 2010 

Ursachen 20 11 

Geschlecht, Lebensalter, Zivilstand, Herkunft, Beruf, erbliche Ver- 
anlagung, Erziehung. 

Wesen der Störung 2015 

Mangelnde Reifung des Willens, „Künstlernaturen", Beziehungen zu 
anderen Formen psychopathischer Veranlagung. 

Behandlung 2018 

C. Die Triebmenschen 2019 

Klinisches Bild, hohe Selbsteinschätzung, Lügenhaftigkeit, Ver- 
stimmungen, Triebartigkeit des Handelns. 

Klinische Gruppen 2021 

Verschwender, Wanderer (Fortlaufen. Orientkunden), Periodentrinker. 

Ursachen 2030 

Wesen der Störung 2031 

Urwüchsige Triebrichtungen, Großmannssucht, Genußsucht, Frei- 
heitsdrang. 

Umgrenzung 2036 

Spiel- und Sammelwut, Beziehungen zu den Gesellschaftsfeinden und 
den Affektepileptikern. 

Behandlung 2038 

D. Die Verschrobenen 2039 

Klinisches Bild, ungleichmäßige Ausbildung der Verstandesleistungen, 
gehobenes Selbstgefühl, gemütliche Erregbarkeit, widerspruchsvolles 
Handeln, Absonderlichkeiten in den geschlechtlichen Beziehungen 

Umgrenzung 2042 

Beziehungen zur Dementia praecox und zur Paranoia. 

E. Die Lügner und Schwindler 2043 

„Pseudologia phantastica", geistige Regsamkeit, Mangel an Aus- 
dauer, lebhafte Einbildungskraft, erhöhtes Selbstgefühl, große Ideen 
und Pläne, Prahlereien, übertriebene Stimmungen, Selbstmordspie- 
lereien, Selbstsucht und Leichtsinn, Rastlosigkeit und Unstetigkeit, 
Verschwendungssucht, Schwindeleien (Kreditschwindel, Zechprellerei, 
Mietschwindel, Hochstapelei, Heiratsschwindel, Kurpfuscherei, 
Krankenhausschwindel, Bettelbrief Schwindel) , psychogene Psychosen, 
hysterische Krankheitserscheinungen. 

Prognose 2069 

Ursachen und Wesen der Störung 2070 

Geschlecht, Alter, Zivilstand, Beruf, Erblichkeit, Beziehungen zu 
kindlichen Eigentümlichkeiten. 

Umgrenzung 2073 

Behandlung 2075 

F. Die Gesellschaftsfeinde (Antisozialen) 2076 

Klinisches Bild, Arbeitsscheu, Mangel an Weitblick, Unwahrhaftig- 
keit, Reizbarkeit, Eitelkeit, gemütliche Stumpfheit, Unerziehbarkeit, 
Abenteuerlust, Genußsucht, geschlechtliche Neigungen, Kriminalität 
(Diebstahl, Unterschlagung, Betrug, Erpressung, Kuppelei, Meineid, 
Brandstiftung, Raubmord, Roheitsverbrechen), Rückfälligkeit. Aus- 
bildung von Spezialitäten, Reuelosigkeit. 



X Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Prognose 2090 

Ursachen und Wesen der Störung 2094 

Geschlecht, Alter (Entwicklungs- und Entartungsverbrecher), Zivil- 
stand, Herkunft, Beruf, Alkohol, erbliche Veranlagung (Verbrecher- 
familien), Entwicklungsstörungen, Entartungszeichen, äußere Ein- 
flüsse, Verkümmerung der sittlichen Gefühle. 

Umgrenzung 2103 

Übergänge zur Gesundheitsbreite, Frage des ,, geborenen Ver- 
brechers' 1 . 
Behandlung 2109 

C. Die Streitsüchtigen 2111 

Klinisches Bild, Engherzigkeit, Unsachlichkeit, gemütliche Erreg- 
barkeit, erhöhtes Selbstgefühl, Schwierigkeiten und Kämpfe, Er- 
bitterung. 

Ursachen und Wesen der Störung 21 14 

Geschlecht, Beziehungen zum Querulantenwahn. 

Behandlung 21 16 

XVII. Die allgemeinen psychischen Entwicklungshem- 
mungen (Oligophrenien) 2117 

Allgemeine Gesichtspunkte, angeborene (erbliche Entartung, Keim- 
schädigung) und erworbene Störungen (Krankheitsvorgänge) . 

Allgemeine Krankheitszeichen 2120 

Psychische Veränderungen 2121 

Störungen der Wahrnehmung und Auffassung (Aufmerksamkeit), des 
Gedächtnisses und der Merkfähigkeit (auffallende Gedächtnisleistun- 
gen), des Vorstellungsschatzes, der Bildung von Allgemeinvorstel- 
lungen und Begriffen (Zeit-, Wert-, Größenverhältnisse, Zahlenbegriffe), 
des Gedankenganges, der Assoziationen, geistige Schwerfälligkeit, Ur- 
teilslosigkeit, Schulleistungen, Verkümmerung der höheren Gefühle, 
Stimmungslage, Gemütsart, geschlechtliche Regungen, Willensäußerun- 
gen, mangelhafte Beherrschung der Bewegungen, taktmäßige Idioten- 
bewegungen, stumpfe und erregte Formen. 

Störungen der Sprache und Schrift 2I 44 

Hörstummheit, Stammeln, Poltern, Stottern, Lautumwandlungen und 
-Verschiebungen, Störungen der Silben- und Wortsprache, Akat- 
aphasie und Agrammatismus, mangelhafte Beherrschung der feineren 
sprachlichen Ausdrucksmittel, ,, Wortblindheit", Akatagraphie , Echo- 
schrift. 

Praktische Leistungsfähigkeit 2154 

Berufe, Kriminalität. 

Körperliche Krankheitszeichen 2156 

Allgemeine Körperentwicklung, Entartungszeichen, Schädelbildung 
(Beziehungen zwischen Verstandesbegabung und Schädelumfang bzw. 
Hirngewicht, Asymmetrien, Mikrocephalie, Makrocephalie, Hydro- 
cephalie, Turmschädel, Sattelkopf, Spitzkopf, Kielkopf), Beziehungen 
zwischen Hirn- und Schädelwachstum, rachitischer, natiformer Schädel, 
olympische Stirn, Störungen der Zahnentwicklung (Rachitis, Lues), 
Bildungsfehler der Augen, der Ohren, adenoide Wucherungen, nervöse 
Störungen (Strabismus, Nystagmus, Lähmungen, Spasmen, Hypotonie, 
Zittern, athetotische, choreatische Bewegungen, epileptiforme An- 
fälle), Zeichen der Erbsyphilis, der Rachitis. 

Idiotie, Imbezillität, Debilität 2170 

Grenzbestimmung (Altersstufen). 



Inhaltsverzeichnis. XI 

Seite 

Idiotie 2173 

Schwere und leichtere Formen. 

Imbezillität 2176 

Debilität 2184 

Einzelne Krankheitsgruppen 2189 

Gruppierungsversuche (symptomatische, pathologisch-anatomische, 
ätiologische, klinische). 

Mikrocephalie 2194 

Anencephalie, reine und Pseudomikrocephalie, klinisches Bild, Schädel- 
form und -große, Hirnbefund (Pachygyrie), mikroskopisches Bild, Ur- 
sachen (Nahtverknöcherung), Umgrenzung (Pseudomikrocephalie, rela- 
tive Mikrocephalie, Nanocephalie). 

Tuberöse Sklerose 2204 

Klinisches Bild, fortschreitender Schwachsinn, Krämpfe, Adenoma 
sebaceum, Haut-, Nieren- und Herzgeschwülste, Leichenbefund (Ver- 
änderungen an der Hirnoberfläche, Ventrikelgeschwülste), mikrosko- 
pisches Bild (Cajalsche Zellen, embryonale, atrophische, spindel- 
förmige Zellen, ,, große" Zellen nervöser und gliöser Art, Gliawirbel, 
Randgliose, mangelhafte Faserentwicklung), Frage der „großen Zellen", 
,,Histioatypia corticalis", „Gliomatose", Beziehungen zur Neurofibro- 
matose, Häufigkeit, Ursachen, Wesen der Erkrankung. 

Andere Entwicklungshemmungen 2221 

Fehler der Gefäßanlage, ,,Angiodystrophia cerebri", Hirnbruch, Balken- 
mangel, Agyrie, Mikrogyrie, Heterotopien, embryonale Rinden, aty- 
pische Zellen, Cajalsche Zellen, übermäßige Entwicklung der Tangen- 
tialfasern, Status verrucosus deformis, feinere Entwicklungshemmungen. 

Infantilismus 2240 

Klinisches Bild, infantilistischer Zwergwuchs, Verkümmerung, um- 
schriebene Infantilismen, dystrophischer, Mitral-, Pulmonalinfantilismus, 
anangioplastische, intestinale Form, degenerativer, blastophthorischer 
Infantilismus. 

Dysadenoide Entwicklungshemmungen 2246 

Athyreoidie (Typus Brissaud), Hypophysiserkrankungen (Riesen- 
wuchs, Zwergwuchs, Dystrophia adiposo-genitalis), Zirbelerkrankungen 
(Makrogenitosomia precoce, Fettsucht), Nebennierenerkrankungen 
(Pseudohermaphroditismus, Herkuleskinder), Entwicklungshemmun- 
gen der Geschlechtsdrüsen (Eunuchoidismus, Viraginität), Thymus- 
erkrankungen (Idiotia thymica, Status thymico-lymphaticus), Infanti- 
lismus pancreaticus, pluriglanduläre Insuffizienz, multiple Blutdrüsen- 
sklerose. 

Mongolismus 2256 

Klinisches Bild, Brachycephalie, Gesichtsschnitt (Epicanthus), Lingua 
scrotalis, Knochenwachstumsstörungen, Hypotonie, Hypothyreoidie, 
Lebhaftigkeit, geringe Bildungsfähigkeit, Herabsetzung der Widerstands- 
fähigkeit, Leichenbefund, Häufigkeit, Ursachen (kinderreiche Familien, 
Letztgeborene, Spätgeborene), Wesen des Leidens (Entwicklungshem- 
mung, dysadenoide Störungen). 

Krankheitsvorgänge 2267 

Meningitis 2267 

Blutungen 2269 

Littles Ätiologie. 

Hydrocephalus 2269 

Hydromikrocephalie, Meningitis serosa, Hydrocephalus internus (Schä- 
delform, Krankheitsbild, Verlauf, Leichenbefund, Ursachen). 

Schädelverbildungen mit Sehhervenschädigung 2278 



XII Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Encephalitis -. 2279 

Cerebrale Kinderlähmung (Lähmungen, Spasmen, Bewegungsstörungen, 
Mitbewegungen, Athetose, Chorea, Krampfanfälle, Empfindungs- und 
Wachstumsstörungen, psychisches Krankheitsbild), akute (Infektionen) 
und schleichende Formen (Lues), Leichenbefund (Porencephalie, lobäre 
Encephalitis, halbseitige Hirnatrophie, Mikrogyrie, akute Veränderun- 
gen, Ausfälle, Narben, Zerstörungen). 

Gefäßerkrankungen 2295 

Rindenverödung 2296 

Degenerative Atrophie 2298 

Lobäre, atrophische Sklerose. 

Megalencephalie 2299 

Geschwulstbildungen 2300 

Familiäre Erkrankungen 2300 

Verlauf 2301 

Stationäre und fortschreitende Formen, begleitende psychische Krank- 
heitsbilder. 

Prognose 2303 

Art und Grad der Störung, Nachreifung, Ausgleichsmöglichkeiten, Bil- 
dungsfähigkeit. 

Zahl der Oligophrenen 2307 

Ursachen 2309 

Geschlecht, Erblichkeit (Alkoholismus), Lues (klinische Zeichen, Fami- 
liengeschichte, Wasser mannsche Reaktion), Tuberkulose, Geburten- 
zahl, Schädigungen der Mutter, Geburtsschädigungen, Kinderkrank- 
heiten, Rachitis, Ernährung, Kopfverletzungen, Blutdrüsenerkrankun- 
gen, Not, Erziehungs- und Sinnesmängel, Stadt und Land. 

Umgrenzung 2325 

Erkennung 2326 

Aufdeckung der Ursachen, Begriff der cerebralen Kinderlähmung, der 
epileptischen Idiotie, des Infantilismus, Abgrenzung von Dementia prae- 
cox und juveniler Paralyse, von der Psychopathie, Abschätzung des 
Grades der Störung (Binet- Simons Verfahren), Tests, pädagogische 
und psychologische, Intelligenzalter, Intelligenzrückstand, andere 
Probeaufgaben. 

Bekämpfung 2340 

Vorbeugung (Alkohol, Lues), Behandlung der Ursachen (Lues, Drüsen- 
stoffe), chirurgische Eingriffe (Mikrocephalie, Hydrocephalie), all- 
gemeine ärztliche Maßregeln, Erziehung und Unterricht (Erziehung 
der Sinne, der Denktätigkeit, des Sprach Verständnisses Beherrschung 
der Bewegungswerkzeuge, der sprachlichen Ausdrucksmittel, Ausbildung 
des Gemütslebens, des Willens), Anstaltswesen, Hilfsschulen, Tages- 
internate, Förderklassen, Fortbildungsunterricht, Arbeitslehrkolonien, 
Arbeitsnachweis, Beziehungen zum Militärdienst und zur Rechtspflege. 



Verzeichnis der Abbildungen. 

Figur Seite 

257. Fortlaufendes Addieren bei einem ermüdbaren Gesunden und einem 

Unfallskranken 1462 

258. Durchschnittliche Rechenleistungen für 5 Minuten und täglicher Übungs- 

fortschritt bei Gesunden 1464 

259. Dasselbe bei Unfallskranken 1465 

260. Durchschnittliche Pausenwirkung bei Gesunden 1466 

261. Dasselbe bei Unfallskranken 1467 

262. Schreibdruckkurven (,,-/>*V) bei einem Gesunden 1468 

263. Dasselbe bei traumatischer Neurose 1469 

264. Taktmäßige Fingerbewegungen bei traumatischer Neurose (a) .... 1470 

265. Dasselbe (b) 1470 

266. Dasselbe (c) 1471 

267. Gehstörung bei traumatischer Neurose 1474 

268. Dasselbe 1475 

270. Hautverätzungen bei Hysterie 1573 

271. Hysterische Kranke im Bett J 574 

272. a und d. Verschiedenartige Ausbreitung der Hautunempfindlichkeit bei 

Hysterischen T 578 

272, b und c. Dasselbe J 579 

273, a und b. Unregelmäßige Verteilung über- und unterempfindlicher Haut- 

stellen bei Hysterie 1582 

274, a und b. Mäßige konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung bei Hysterie 

(Grenze für weiß) 1584 

274, c. Stärkere Gesichtsfeldeinschränkung mit leichten Grenzverschiebungen 

bei Hysterie 1585 

274, d. Unregelmäßige Gesichtsfeldeinschränkung mit Grenzverschiebungen 

bei Hysterie 1585 

274, e. Hochgradige konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung bei Hysterie . 1586 
274, f. Gesichtsfeld desselben Kranken nach Elektrisieren 1586 

274. g. Gesichtsfeld desselben Kranken zwei Tage später 1586 

275. Pendelnde Fingerbewegungen bei Hysterie (langsam) J 594 

276. Dasselbe (schnell) 1594 

277. Organisch bedingter und hysterischer Fußklonus (nach Weiler) . . 1599 

278. a — c. Stellungen im hysterischen Anfalle 1605 

279. Gesichtsausdruck im hysterischen Anfalle 1606 

280. Ausstrecken der Zunge im hysterischen Anfalle 1606 

281. Kranke im hysterischen Dämmerzustande 1616 

282. Zeichnung einer hysterischen Vision 1621 

283. Hysterischer Kranker in spielerischer Verkleidung (Ganser scher 

Dämmerzustand) 1625 

284. Prozentische Verteilung der hysterischen Erkrankungen auf die einzelnen 

Altersstufen (430 Fälle) 1648 

285. Verteilung der hysterischen Erkrankungen auf die einzelnen Altersstufen 

nach dem Geschlecht 1652 

286. Paranoischer Festschrifttitel 1749 

287. Selbstbeschädigungen eines sadistisch-masochistischen Kranken . . . 1931 

288. a und b. Männlicher Prostituierter in weiblicher und männlicher Tracht 1947 

289. Altersaufbau der „Erregbaren" 1987 



XIV Verzeichnis der Abbildungen. 

Figur Seite 

290. Zittern bei Psychopathie 2009 

291. Altersaufbau der ,, Haltlosen" 201 1 

292. Schwindler in Burenuniform 2053 

293. Schreibdruckkurven („-^-r-^") von einem psychopathischen Schwindler 2067 

294. Schreibdruckkurven von einer psychopathischen Betrügerin 2068 

295. Schreibdruckkurven von einer Gesunden 2068 

296. Taktmäßige Fingerbewegungen von einer psychopathischen Betrügerin 2069 

297. Mikrocephalie 2160 

298. Makrocephalie 2161 

299. Hydrocephalie 2162 

300. Turmschädel 2163 

301. Spitzschädel 2163 

302. Kielkopf 2164 

303. Rachitischer Schädel . 2165 

304. Rachitisches Gebiß I 2166 

305. Dasselbe II 2166 

306. Idiotisches Kind 2174 

307. Tiefstehender Idiot 2175 

308. Idiotie leichteren Grades 2176 

309. Imbeziller Gewohnheitsdieb 2183 

310. Imbeziller Brandstifter I 2183 

311. Dasselbe II 2183 

312. Dasselbe III 2183 

313. Dasselbe IV 2184 

314. Mikrocephaler Knabe 2198 

315. Erwachsener Mikrocephale, Seitenansicht 2198 

316. Derselbe Kranke von vorn 2198 

317. Mikrocephaler Schädel 2199 

318. Diagramm eines mikrocephalen Schädels 2199 

319. Mikrocephales Gehirn 2201 

320. Gehirn bei tuberöser Sklerose 2207 

321. Ventrikelgeschwülste bei tuberöser Sklerose 2208 

322. Spindelförmige Rindenzellen bei tuberöser Sklerose, Bielschows- 

k i s Färbung, Vergr. 260 2209 

323. Rinde mit „großen" Zellen bei tuberöser Sklerose, Toluidinblaufärbung, 

Vergr. 54 . 2210 

324. Große Nervenzellen bei tuberöser Sklerose, Toluidinblaufärbung, Vergr. 

1100 221 1 

325. Dasselbe 2212 

326. Nest großer Gliazellen bei tuberöser Sklerose, N i s s 1 färbung, Vergr. 

1100 2213 

327. Gliafilz bei tuberöser Sklerose, Weigerts Gliafärbung, Vergr. 576 . 2213 

328. Zapfenartige Gliawucherung bei tuberöser Sklerose, Weigerts Glia- 

färbung, Vergr. 58 2214 

329. Durchschnitt durch einen Ventrikeltumor bei tuberöser Sklerose, Benda- 

sche Färbung, Vergr. 11 2215 

330. Gliawucherung und Gefäßveränderungen in einem Ventrikeltumor bei 

tuberöser Sklerose, van Giesons Färbung, Vergr. 54 .... 2217 

331. Umschriebene Agyrie 2222 

332. Agyrie des Scheitel- und Hinterhauptslappens 2223 

333. Umschriebene Mikrogyrie (Status verrucosus deformis) 2224 

334. Hirnwindungen bei Status verrucosus deformis 2225 

335. Heterotopischer Hirnmantel, Zellfärbung 2226 

336. Heterotopischer Hirnmantel, Markscheidenfärbung 2227 

337. Frontalschnitt durch ein teilweise windungsloses Gehirn, Markscheiden- 

färbung 2228 



Verzeichnis der Abbildungen. XV 

Figur Seite 

338. Schnitt durch ein windungsloses Hinterhauptshirn, Markscheiden- 

färbung 2229 

339. Heterotopische Hirnrinde, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 2230 

340. Embryonale heterotopische Rinde, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 . . 2231 

341. Embryonale Hirnrinde, N i s s 1 färbung 2232 

342. Schnitt durch eine ungefurchte Rinde, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 2233 

343. Rinde mit C a j a 1 sehen Zellen, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 . . . 2234 

344. Übermäßige Entwicklung der Tangentialfasern, Färbung nach Kul- 

schitzki- Wolters. Vergr. 54 2235 

345. Status verrucosus deformis, Zellbild 2236 

346. Status verrucosus deformis, Markscheidenfärbung 2237 

347. Status verrucosus deformis (innere Mikrogyrie) 2238 

348. Männlicher Infantilismus 2242 

349. Weiblicher Infantilismus 2243 

350. Eunuchoidismus (Riesenwuchs) 2250 

351. Eunuchoidismus (Fettsucht) 2250 

352. Späte Verknöcherung bei Eunuchoidismus 2251 

353. Mongoloider Knabe 2258 

354. Gesichtsausdruck bei Mongolismus 2259 

355. Hydrocephalie 2270 

356. Hydrocephaler Schädel von vorn 2271 

357. Hydrocephaler Schädel (Seitenansicht) 2271 

358. Diagramm eines hydrocephalen Schädels 2272 

359. Hirnmantel bei Hydrocephalus 2277 

360. Sattelkopf mit Sehnervenschwund 2279 

361. Cerebrale Kinderlähmung (Hemiplegie) 2280 

362. Cerebrale Diplegie 2281 

363. Porencephalie 2288 

364. Encephalitis 2289 

365. Encephalitis einer Hirnhälfte 2290 

366. Mikrogyrie bei subcorticaler Encephalitis 2290 

367. Akute Encephalitis, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 2291 

368. Encephalitisches Narbengewebe mit Cystenbildung, Hämatoxylinfärbung, 

Vergr. 10 2292 

369. Encephalitisches Narbengewebe mit Gefäßwucherungen, Alzhei- 

mers Modifikation der Mann sehen Färbung, Vergr. 54 . . 2292 

370. Encephalitische Zerstörungen 2293 

371. Zerstreute encephalitische Herde 2294 

372. Encephalitis mit Mikrogyrie 2295 

373. Mikrogyrische Rinde, Markfaserbild, Vergr. 54 2296 

374. Verödete Hirnrinde, Toluidinblaufärbung, Vergr. 54 2297 

Einschaltbild: Tuberöse Sklerose mit Adenoma sebaceum 2206 

(Durch ein Versehen ist Fig. 269 ausgefallen, Schriftprobe 40 im Text als Fig. 270 und Fig. 286 
als 287 bezeichnet worden.) 



Schriftproben. 

r Seite 

40. Schriftproben einer Hysterischen. Brief an den Arzt und die Wärterin . 1559 

41. Hysterische Paragraphie 1592 

42. Ataktische Schrift bei Hysterie 1595 

43. Ataxie mit Akatagraphie bei Hysterie 1596 

44. Ataktische Schrift einer Psychopathin 1796 

45. Abschrift und Diktat bei Imbezillität 2152 

46. Echoschrift bei Imbezillität 2154 



XIL Die psychogenen Erkrankungen* 



Von psychogenen Erkrankungen kann in verschiedenem Sinne 
gesprochen werden. Sommer hat seinerzeit diesen Ausdruck auf 
solche Störungen beschränkt, die durch psychische Beeinflußbarkeit 
und abnorm starke Wirkung auf nervöse Vorgänge ausgezeichnet 
sind. Diese Begriffsbestimmung würde sich etwa mit derjenigen 
decken, die wir späterhin für die Hysterie zu geben haben werden. 
Zumeist ist jedoch das Beiwort psychogen in dem weiteren 
Sinne der Verursachung durch psychische Einwirkungen gefaßt 
worden und hat sich wohl jetzt ziemlich allgemein so eingebürgert. 
Es würde somit einerseits die hysterischen Erkrankungen, sodann 
aber noch eine Reihe andersartiger Psychosen kennzeichnen, die 
durch psychische Ursachen erzeugt werden, ohne doch die besonde- 
ren Merkmale der Hysterie zu tragen. In ungenauer und darum 
unzweckmäßiger Weise ist hie und da auch von psychogenen Stö- 
rungen die Rede, wenn es sich nicht um eine wirkliche Verur- 
sachung, sondern nur um die Auslösung durch psychische Ein- 
flüsse handelt, ein Fall, der allerdings bei gewissen Formen der 
Hysterie vorzukommen scheint. 

Außer der psychischen Entstehungsweise ist den psychogenen 
Erkrankungen im weiteren Sinne gemeinsam die Abhängigkeit der 
klinischen Erscheinungen nach Inhalt und Verlauf von der Art der 
ursächlichen psychischen Einwirkung. So kommen eine Reihe 
von Krankheitsbildern zustande, deren klinische Gestaltung im all- 
gemeinen ohne weiteres den Rückschluß auf ganz bestimmte 
psychische Ursachen zuläßt. Eine Ausnahme macht eigentlich nur 
die Hysterie. Hier wird das Auftreten dieser oder jener Krankheits- 
zeichen nicht durch die besondere Art der psychischen Einwirkungen, 
sondern durch Einflüsse bestimmt, die in der erkrankenden Persön- 
lichkeit selbst ihre Quelle haben. Was somit die Hysterie im Gegen- 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. I 



1398 Die psychogenen Erkrankungen. 

satz zu allen anderen psychogenen Erkrankungen kennzeichnet, das 
sind die ungewöhnlichen Formen, in die psychische Reize durch die 
krankhafte Reaktionsweise umgesetzt werden. Während wir sonst 
die inneren Beziehungen zwischen den Krankheitserscheinungen 
und ihren psychischen Ursachen unschwer erkennen und ver- 
folgen können, schieben sich bei der Hysterie unbekannte Zwischen- 
glieder ein, die diese Durchsichtigkeit des Zusammenhanges ver- 
wischen. Aus diesem Grunde erscheint es mir zweckmäßig, die 
Hysterie als eine Krankheit von ausgesprochener Eigenart aus der 
engeren Verbindung mit den übrigen psychogenen Störungen los- 
zutrennen. Es wäre demgemäß erforderlich, für diesen Rest, der sich 
ohne Bedenken zu einer Gruppe zusammenfassen läßt, eine neue 
Bezeichnung zu wählen. Ich habe es indessen vorgezogen, wenig- 
stens vorläufig die allgemeinere Benennung beizubehalten, da die 
Hysterie streng genommen weniger durch die psychogene Ent- 
stehungsweise der Krankheitserscheinungen, als vielmehr durch die 
eigenartige Verarbeitung der psychischen Reize gekennzeichnet ist. 

Der Inhalt des auf diese Weise umgrenzten Formenkreises ist 
noch immer ein ziemlich bunter. Ohne besonderen Zwang lassen sich 
aber in ihm eine Reihe von natürlichen Gruppen abgrenzen, die in 
sich gemeinsame Züge aufweisen. Zunächst werden wir derjenigen 
Störungen zu gedenken haben, die durch die Tätigkeit entstehen und 
an sie sich anknüpfen ; ich werde sie, da es sich um sehr leichte Er- 
krankungen handelt, als Tätigkeitsneurosen („Ponopathien") 
bezeichnen. Zu ihnen gehört einmal die nervöse Erschöpfung, 
die erworbene Neurasthenie, die durch andauernde, übermäßige 
Willensspannung bei der Arbeit entsteht. Ihr schließt sich die Er- 
wartungsneurose an, die ängstliche Behinderung von einfachen 
Verrichtungen durch die dunkle Erinnerung an frühere Störungen. 

Eine zweite Gruppe bilden die aus dem Verkehr der Menschen 
untereinander entspringenden Geistesstörungen ; sie sollen unter 
dem Namen der Verkehrs psychosen („Homilopathien") zusam- 
mengefaßt werden. Hier begegnen uns zunächst die Erkrankungen, 
die durch psychische Übertragung (Induktion) entstehen, so- 
dann der eigentümliche Verfolgungswahn der Schwerhöri- 
gen, wie er durch die Erschwerung der psychischen Beziehungen 
zur Umgebung hervorgerufen werden kann. Weit umfangreicher 
und praktisch wichtiger ist die dritte Gruppe, bei der das Leiden durch 



Allgemeine Gruppierung. 1399 

besondere Schicksalsschläge (xd ovjLißdvra) verursacht wird ; man 
kann hier von Situationspsychosen oder vielleicht besser von 
Schicksalspsychosen („Symbantopathien") sprechen. In erster 
Linie wären hier die Schreckneurose und die traumatische 
Neurose zu nennen, die wir unter der gemeinsamen Bezeichnung 
der Unfallsneurosen beschreiben wollen. Krankmachend wirken 
im ersteren Falle heftige gemütliche Erschütterungen, im letzteren 
die unheilvollen, psychisch niederdrückenden und den Willen läh- 
menden Bestimmungen unserer Unfallsgesetzgebung. Eine zweite 
Untergruppe bilden die Psychosen der Haft, die wiederum noch 
in eine Reihe von einzelnen Formen zerfallen, je nachdem mehr 
die unmittelbaren Druckwirkungen der Freiheitsentziehung oder 
die Zermürbung der psychischen Persönlichkeit oder endlich die 
Erscheinungsformen krankhafter Veranlagung das klinische Bild 
beherrschen. 

An letzter Stelle soll hier der Querulantenwahn, das Irresein 
der Prozeßkrämer, eingefügt werden, der früher als eine Unter- 
form der Paranoia aufgefaßt wurde. Gerade die eingehendere 
Durchforschung der psychogenen Erkrankungen, wie sie nament- 
lich im letzten Jahrzehnt geschehen ist, hat die Zugehörigkeit des 
Querulantenwahns zu dieser Gruppe immer deutlicher erkennen 
lassen. Hier wie dort sehen wir die Anknüpfung des Leidens an eine 
bestimmte, greifbare psychische Schädigung und die Abhängig- 
keit der weiteren Entwicklung im einzelnen von den Folgen, die 
sich aus dem Verlaufe der ganzen Angelegenheit ergeben. Dazu 
kommt aber, daß wir bei den offenbar nahe verwandten Symbanto- 
pathien, denen man den Querulantenwahn wohl auch unmittelbar 
zurechnen könnte, ganz entsprechende klinische Bilder sich heraus- 
bilden sehen, dasjenige des Rentenquerulanten und des Haftqueru- 
lanten. Auch Verlauf und Ausgang gestalten sich, soweit man es 
nach den äußeren Bedingungen erwarten kann, durchaus ähnlich. 
In Übereinstimmung mit einer Reihe von anderen Beobachtern, 
S erieux und Capgras, Gaupp, Heilbrunner, Löwy, habe ich 
mich daher entschlossen, den Querulantenwahn aus seiner bisherigen 
Verbindung mit der Paranoia loszutrennen und in die hier neu um- 
grenzte Gruppe der psychogenen Erkrankungen einzuordnen. 



ja oo XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

m 

1. Die Tätigkeitsneürösen (Ponopathien). 

A. Die nervöse Erschöpfung, 

Als nervöse Erschöpfung sollen hier diejenigen Krankheitszu- 
stände beschrieben werden, die durch übermäßig angestrengte 
oder zu lange fortgesetzte geistige oder körperliche Ar- 
beit erzeugt werden. Dabei ist indessen zu berücksichtigen, daß 
nur ein sehr kleiner Teil der Störungen, die man auf „Überarbeitung" 
zurückzuführen pflegt, wirklich hierher gehört. In der überwiegen- 
den Mehrzahl der Beobachtungen handelt es sich um ganz anders- 
artige Zusammenhänge. Bald haben wir es mit irgendwelchen 
äußeren oder inneren Schädlichkeiten zu tun, welche die Leistungs- 
fähigkeit und Spannkraft herabsetzen, bald besteht eine minder- 
wertige Anlage, die schon bei geringfügigen Anforderungen unter 
den Erscheinungen der Ermattung und Schonungsbedürftigkeit den 
Dienst versagt. Hier dagegen soll nur von den Krankheitszeichen die 
Rede sein, die bei einem sonst gesunden Menschen lediglich durch eine 
Steigerung der Arbeitsleistungen über das zulässige Maß hinaus er- 
zeugt werden. Allerdings wird dabei immer die ursprüngliche Lei- 
stungs- und Widerstandsfähigkeit eine wichtige Rolle spielen, und 
insofern werden sich gewisse Übergänge zwischen den Folgen der Über- 
arbeitung und der nervösen Arbeitsunfähigkeit auffinden lassen. Den- 
noch sollte, um nicht wichtige klinische Unterschiede zu verwischen, 
von einer nervösen Erschöpfung immer nur dort gesprochen werden, 
wo eine greifbare Überanstrengung zweifellos vorausgegangen ist. 

Jede fortgesetzte Arbeit erzeugt Ermüdung und damit Erschwe- 
rung der Leistung. Bis zu einem gewissen Grade kann diese Er- 
müdungslähmung, die wir wohl als einen Selbstschutz gegen Über- 
arbeitung auffassen dürfen, durch Steigerung der Willensspannung 
überwunden werden. Dadurch entsteht das Gefühl der erhöhten 
,, Anstrengung" bei längerer, ermüdender Tätigkeit. Ihm gesellen 
sich in der Regel bald jene Unlustgefühle bei, die den Zustand der 
Müdigkeit kennzeichnen; damit erlahmt der Wille, und die Gefahr 
der Überanstrengung ist beseitigt. Während die erhöhte Anspannung 
des Willens eine gewisse Zeit hindurch die Ermüdungswirkungen 
durch Steigerung des Kraftaufwandes auszugleichen vermochte, ge- 



Die nervöse Erschöpfung. 1401 

winnen jetzt jene letzteren endgültig die Oberhand und erzwingen 
Einschränkung oder Einstellung der Tätigkeit. 

Unter gewissen Bedingungen indessen scheint die Erhöhung der 
Willensspannung nicht durch das Unlustgefühl der Müdigkeit wieder 
beseitigt zu werden, sondern sie wird lange Zeit hindurch festgehalten. 
Das geschieht vor allem dann, wenn die Arbeit mit lebhafter ge- 
mütlicher Erregung verknüpft ist, also bei sehr verantwortungs- 
voller oder unseren Eifer aus irgend einem anderen Grunde stark 
anspornender Tätigkeit. Hier bleibt das Warnungszeichen aus, das 
zur Erholung mahnt, oder es wird durch eine Steigerung der Willens- 
erregung überwunden ; die Arbeit wird über das zulässige Maß hinaus 
fortgesetzt. Dadurch entsteht eine gewisse Erschöpfung des verfüg- 
baren Kraft Vorrates, eine stärkere Dauerermüdung, die sich nur 
langsam wieder ausgleicht und daher bei Wiederbeginn der Arbeit 
noch zum Teil fortbestehen kann. Ist das der Fall, so zeigt sich nun- 
mehr ein rascheres Sinken der Leistungsfähigkeit, eine Steigerung 
der Ermüdbarkeit. Die Wahrnehmung der Leistungsabnahme 
spornt aber ihrerseits den Willen zu erhöhter Spannung an, die 
freilich jeweils nur kürzere Zeit eingehalten werden kann und immer 
größere Schwankungen darbietet. Mit ihr verknüpft sich dann eine 
Zunahme der Reizbarkeit, die mit rascherer Auslösung von Affekt- 
handlungen einhergeht. 

Die Entwicklung aller dieser Störungen können wir in ihren 
ersten Andeutungen bei jeder mit besonderem Eifer betriebenen, 
lange fortgesetzten und ermüdenden Arbeit beobachten. Wir 
fühlen, wie mit fortschreitender Ermüdung unsere Anstrengung 
wächst, und wie wir mehr und mehr erregt und ungeduldig wer- 
den. Der hier sich abspielende Vorgang setzt sich somit aus zwei 
nebeneinander herlaufenden Veränderungen zusammen, von denen 
wir eigentlich nur die eine, die Abnahme unseres Kraftvorrates und 
die Zunahme der Ermüdbarkeit, als nervöse Erschöpfung bezeichnen 
sollten, während die andere, allerdings durch sie unmittelbar her- 
vorgerufene, die Erhöhung der Willensspannung und die damit 
zusammenhängende Steigerung der Reizbarkeit, wohl richtiger als 
,, nervöse Überreizung' ' anzusprechen wäre. 

Dieser Unterschied tritt deutlich hervor, wenn wir die Wir- 
kungen rein geistiger und körperlicher Tätigkeit miteinander ver- 
gleichen. Bei der ersteren stellt sich einfach eine wachsende Er- 



1402 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

schwerung der Arbeit ein, Unklarheit und Verschwommenheit des 
Denkens, Zerstreutheit, Unlust, starke Müdigkeit, Schläfrigkeit. 
Fortgesetzte, angestrengte körperliche Arbeit dagegen erzeugt neben 
Schwäche und Unsicherheit der Bewegungen eine gewisse Erregung, 
die durch die andauernde Steigerung der Willensantriebe bedingt 
wird und sich nach Aussetzen der Tätigkeit noch kürzere oder 
längere Zeit in schlafstörender Muskelunruhe und Zusammenzucken 
äußern kann. Indessen auch die geistige Arbeit kann mit derartigen 
Erregungen einhergehen, wenn sie unter ungewöhnlich hoher Wil- 
lensspannung ausgeführt wird. Neben der nervösen Erschöpfung 
entwickelt sich demnach überall nervöse Überreizung, wo die Arbeit 
unter dem Drucke lebhafter Gemütsbewegungen steht. Ja, man darf 
annehmen, daß eine nervöse Erschöpfung wohl kaum jemals ohne 
diese Begleiterscheinung zustande kommen wird, da ohne übermäßige 
gemütliche Spannung der Selbstschutz der Müdigkeit rechtzeitig das 
Abbrechen der Arbeit herbeiführen würde. Dagegen kann unter 
Umständen eine nervöse Überreizung auch ohne Erschöpfung, ledig- 
lich durch starke gemütliche Erregung zur Ausbildung gelangen. 
Leider fehlt es uns noch an Versuchen über die Wirkung dau- 
ernder Überanstrengung auf das Seelenleben. Wir wissen aber aus 
vielfacher Erfahrung, daß bei fortgesetzt ungenügendem Ausgleiche 
der Ermüdungswirkungen zunächst die Fähigkeit zu gleichmäßiger 
Anspannung der Aufmerksamkeit abnimmt. Der Kranke vermag 
nicht mehr, klar und scharf zu denken, längere Zeit hindurch bei 
demselben Gegenstande zu verweilen, sondern er wird leicht durch 
irgendwelche zufälligen Einflüsse nach dieser oder jener Richtung 
hin abgezogen; er wird unaufmerksam, zerstreut, vergeßlich, na- 
mentlich in bezug auf Namen und Zahlen. Seine Ermüdbarkeit 
steigert sich ; nach immer kürzerer Arbeitszeit stellt sich eine rasch 
anwachsende Erschwerung der geistigen Tätigkeit nebst 
einem Gefühle der Ermattung ein, das zu baldigem Aufhören zwingt. 
Weygandt hat diese Zunahme der Ermüdbarkeit bei Versuchen mit 
fortgesetztem Addieren einstelliger Zahlen in einem sofortigen Sinken 
der Arbeitswerte vom Beginn der Tätigkeit an zum Ausdrucke kom- 
men sehen. Die Ermüdung überwog also von vornherein die sonst 
zunächst die Oberhand gewinnenden arbeitfördernden Einflüsse der 
Anregung und Übung. Mit der Besserung des Zustandes änderte sich 
dieses Verhalten wieder. Infolge der Arbeitserschwerung verliert 



Die nervöse Erschöpfung. I4°3 

der Kranke bald die Freude an der gewohnten Beschäftigung. Nur 
noch mit ganz unverhältnismäßiger Anstrengung vermag er die Auf- 
gaben zu lösen, die ihm bis dahin nicht die geringste Schwierigkeit 
verursachten ; er muß sich mit Gewalt zwingen zu der Arbeit, die 
er sonst mit Lust und Befriedigung verrichtete. 

Unter dem Drucke dieser Veränderungen, des immer deutlicher 
hervortretenden Gefühls der mangelnden Leistungsfähigkeit, pflegt 
sehr bald die Stimmung in erheblichem Maße zu leiden. Der Kranke 
wird aufgeregt, mißmutig, verdrießlich, reizbar, heftig und ungerecht ; 
er findet keinen Geschmack mehr an seinen liebsten Vergnügungen, 
fühlt sich unbehaglich und unbefriedigt von seinem Berufe und seinen 
Lebensverhältnissen. Lächerlich kleine Anlässe, eine Unart seiner 
Kinder, kleine geschäftliche Unannehmlichkeiten, die ihn in ge- 
sunden Tagen unberührt gelassen hätten, vermögen ihm für Stunden 
und Tage die Laune zu verderben und ihn zu Heftigkeitsausbrüchen 
hinzureißen, die er später selber bedauert. Allmählich pflegt sich 
auch eine gewisse unbestimmte Beunruhigung und Beängstigung 
zu entwickeln. Der Kranke fühlt sich den stetig an ihn herantre- 
tenden Anforderungen nicht mehr gewachsen und empfindet neue 
Aufgaben als unerträgliche Steigerung der inneren Spannung. Er 
scheut daher vor jedem Entschlüsse zurück, weil ihm die Schwierig- 
keiten unüberwindlich erscheinen, und sucht das Gebiet seiner Be- 
tätigungen nach Möglichkeit einzuschränken. Man darf in diesen 
Beeinflussungen des Gemütslebens wohl den Ausdruck von Schutz- 
vorrichtungen, ähnlich der Müdigkeit, sehen, deren Wirkung auf 
eine Entlastung von dem steigenden Drucke der Anstrengung hin- 
ausläuft. Sie können bei entsprechender Veranlagung unter Um- 
ständen viel früher und viel stärker den Willen lähmen, als es die 
Gefahr der Erschöpfung in Wirklichkeit erfordern würde. 

Hand in Hand mit diesen psychischen Veränderungen gehen stets 
auch eine Reihe von körperlichen Krankheitszeichen. Zu- 
nächst und am stärksten wird der Kopf in Mitleidenschaft gezogen. 
Am häufigsten ist es das Gefühl eines dumpfen, allgemeinen Druckes, 
welches dem Kranken die Arbeitsfreudigkeit raubt und sich bei irgend 
einer Anstrengung rasch bis zum Unerträglichen steigern kann. 
Die Lokalisation dieser Empfindung ist eine verschiedene. Meist 
sitzt sie in der Stirngegend, ferner auf der Scheitelhöhe, seltener im 
Hinterkopf; bisweilen haben die Kranken das Gefühl eines festen 



1^04 KU. Die psychogenen Erkrankungen. 

Reifens, der sich rings um den Kopf spannt, eines spitzen Kammes 
auf dem Scheitel oder des Zusammenpressens von beiden Seiten 
her. In anderen Fällen haben sie mehr über wirkliche Schmerzen 
zu klagen, bisweilen halbseitiger (Migräne), häufiger doppelseitiger 
Natur. Namentlich die Augengegend und das Hinterhaupt sind der 
Lieblingssitz solcher schmerzhaften Empfindungen ; häufig erweisen 
sich dann die Austrittsstellen der Trigeminusäste und des Occipitalis 
major als druckempfindlich. Nicht selten wird von den Kranken 
auch das Auftreten leichter, rasch vorübergehender Schwindelanfälle 
oder Beängstigungen berichtet. In den Augen stellen sich bei ge- 
ringen Anstrengungen lebhafte Schmerzen, Verschwimmen der 
Eindrücke und mouches volantes ein (neurasthenische Asthenopie). 
Bumke hat neuerdings berichtet, daß bei nervöser Erschöpfung der 
Unterschied zwischen der Stärke des galvanischen Stromes, der eine 
Lichtempfindung, und desjenigen, der eine Irisbewegung auslöst, 
unverhältnismäßig groß sei (1:30 — 40 gegen 1 : 2 — 4 in der Norm). 
Sehr häufig ist das Gefühl allgemeiner körperlicher Schwäche 
und Hinfälligkeit. Der Kranke fühlt sich angestrengt und abgespannt, 
wenn er einen kurzen Spaziergang gemacht, ein Schwimmbad ge- 
nommen hat oder einige Treppen gestiegen ist. Eine wirkliche Ab- 
nahme der Muskelkraft läßt sich jedoch dabei gewöhnlich nicht 
nachweisen. Vielmehr scheint hier wesentlich die erhöhte Ermüd- 
barkeit, ebenso wohl auch die ängstliche Willensbehinderung in 
Betracht zu kommen, die den Kranken schon bei geringen Leistungen 
zu bedeutenden Anstrengungen zwingt und ihn verhältnismäßig 
leicht erlahmen läßt. Bisweilen werden leichte Zuckungen in ein- 
zelnen Muskeln, besonders des Gesichts, von dem Kranken wahr- 
genommen, die ihn sehr beunruhigen; auch über erschwertes Spre- 
chen, Andeutungen von Stottern wird geklagt, namentlich in größe- 
rer Gesellschaft oder bei besonderer Gelegenheit. Bei der Unter- 
suchung pflegen die Bewegungswerkzeuge keinerlei Störungen auf- 
zuweisen; nur lebhaftes Vibrieren der Lider bei kräftigem Augen- 
schluß, leichtes Zittern der Hände sowie starke fibrilläre Zuckungen 
in der Zunge sieht man sehr häufig. Weiterhin können sich schmerz- 
hafte und unangenehme Mißempfindungen mannigfachster Art und 
Ausbreitung einstellen, Rieseln, Schauern, Ziehen längs der Wirbel- 
säule, ausstrahlende oder zuckende Schmerzen in den Beinen, den 
Hoden, den Armen, das Gefühl von Unruhe, Brennen, Jucken, 



Die nervöse Erschöpfung. I4°5 

Ameisenkriechen, Pelzigwerden, Vertauben. Objektiv sind Emp- 
findungsstörungen nicht nachzuweisen ; die Sehnenreflexe erscheinen 
oft erhöht, bisweilen mit Nachzuckungen. 

Seitens der Kreislaufsorgane sind es neben dem häufigen 
Herzklopfen bisweilen auch andersartige, nagende oder brennende 
Empfindungen am Herzen, die den Kranken ängstigen. Nicht selten 
macht sich ihm ferner das Gefühl des Klopfens und Pulsierens im 
Kopfe und in anderen Teilen des Körpers, fliegende Hitze, leichtes 
Erröten, abnorme Trockenheit der Haut oder übermäßige Schweiß- 
absonderung unangenehm bemerkbar. Die Pulszahl zeigt große 
Schwankungen, auch wohl leichte Unregelmäßigkeiten ; sie wird 
durch Arbeit und Gemütsbewegungen stark beeinflußt. Auf dem 
Gebiete der Geschlechtsfunktionen wird erhöhte Erregbarkeit, das 
Auftreten häufiger Pollutionen oder psychisch bedingte Impotenz 
beobachtet. Der Appetit ist meist gering, der Leib aufgetrieben, 
die Zunge belegt, der Stuhlgang träge, vielleicht nur durch Nachhilfe 
zu erreichen ; seltener besteht Neigung zu plötzlichen Durchfällen. 
Bei leerem Magen stellen sich peinliche, nagende Empfindungen ein, 
die sich durch häufiges Essen beseitigen lassen (Heißhunger). Der 
Schlaf ist fast immer schlecht; die Kranken liegen sehr lange wach, 
bevor sie einschlafen, oder sie wachen unter plötzlichem Zusammen- 
schrecken bald wieder auf. Sie träumen viel und lebhaft und sind 
früh nicht erquickt, sondern unsäglich müde und abgespannt, 
vielleicht deswegen, weil sie ihre größte Schlaftiefe erst gegen 
Morgen erreichen und daher beim Erwachen die im Schlafe sich 
vollziegenden Umwälzungen nur unvollkommen überwunden haben. 
Erst im Laufe des Tages pflegt sich dann wenigstens ein Teil ihrer 
früheren Regsamkeit wiederherzustellen. In anderen Fällen besteht 
dauernd eine unüberwindliche Schläfrigkeit, die den Kranken zu 
häufigem Gähnen, bisweilen auch bei der geringsten Anstrengung, 
selbst in großer Gesellschaft, im Theater, zum Einschlafen bringt. 

Regelmäßig entwickelt sich im Anschlüsse an die geschilderten, 
mehr oder weniger stark ausgebildeten Störungen ein ausgeprägtes 
Krankheitsgefühl. Der Kranke empfindet die Veränderung, die 
sich mit ihm vollzogen hat, und wenn er auch, namentlich in Augen- 
blicken mißmutiger Erregung, alle möglichen äußeren Umstände 
dafür verantwortlich macht, so ist er doch darüber vollständig klar, 
daß sein Zustand als ein ungesunder betrachtet werden müsse. Leicht 



1406 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

bemächtigt sich seiner die bange Befürchtung, daß er im Beginne 
eines schweren, verhängnisvollen Leidens stehe, und dem befangenen 
Blicke bieten sich auch Anhaltspunkte genug zur Begründung dieser 
Anschauung dar. Auf diese Weise entwickelt sich sehr häufig jene 
Störung, die man früher als leichteste Form psychischen Leidens 
mit dem Namen der Hypochondrie bezeichnete, während man 
sie jetzt als eine Teilerscheinung sehr verschiedener Erkrankungs- 
formen kennen gelernt hat. Nach dem Bildungsgange und den 
Anschauungen des Kranken gestalten sich natürlich die hypochon- 
drischen Vorstellungen verschieden. Meist glaubt er an sich die 
Zeichen desjenigen Leidens zu entdecken, das ihm am geläufigsten 
ist und ihm am schrecklichsten vorschwebt. Ein chronischer Rachen- 
katarrh mit starkem Auswurf erscheint ihm als die beginnende 
Schwindsucht ; einzelne Akneknötchen lassen ihn den Ausbruch der 
Syphilis befürchten, der Bodensatz im Nachtgeschirr eine schwere 
Nierenerkrankung, das Herzklopfen beim Treppensteigen und das 
Pulsieren einen Herzfehler. Die Vergeßlichkeit bedeutet dem Me- 
diziner das Herannahen der Paralyse, der Kopfdruck den Hirntumor, 
die Mißempfindungen in den Beinen die Tabes. 

In der Regel werden diese Befürchtungen, anfangs wenigstens, 
von dem Kranken als unsinnig zurückgewiesen, aber gerade hier, 
wo es sich um das eigene Wohl und Wehe handelt, geht am leich- 
testen der kritische Widerstand gegenüber der Krankheit verloren. 
Die hypochondrischen Vorstellungen können daher unter Umständen 
den Kranken in eine so hoffnungslose, verzweiflungsvolle Stimmung 
versetzen, daß er sein Testament macht, sein Lebensglück für un- 
wiederbringlich verloren hält, vielleicht sogar sich mit Selbstmord- 
gedanken trägt. 

Die nervöse Erschöpfung entwickelt sich in der Regel allmählich, 
doch scheint es auch vorzukommen, daß sie sich bei Einwirkung 
rasch und heftig auftretender Schädlichkeiten (starke Blutungen, 
Wochenbett, schwere körperliche Überanstrengungen, fortgesetzte 
Nachtwachen, Gemütsbewegungen) in Form eines ,, Zusammen- 
bruches' ' verhältnismäßig rasch herausbildet. Maßgebend ist hier 
immer in erster Linie die Beeinträchtigung des Schlafes, die nicht 
lange ohne schwerere Folgen ertragen wird. 

Der Verlauf der Krankheit zeigt fast immer vielfache Schwan- 
kungen. Abgesehen von den häufigen Besserungen im Laufe des 



Die nervöse Erschöpfung. I4°7 

Tages, können sich die Kranken bei besonderem äußerem An- 
lasse meist so weit „zusammennehmen", daß die Erscheinungen 
vorübergehend in den Hintergrund treten, um allerdings mit dem 
Nachlasse der Anspannung um so stärker zurückzukehren. Wir 
sehen in diesen Erfahrungen nur eine Erweiterung der Tatsachen, 
die uns der psychlogische Versuch über die Wirkung der Anregung 
und des Antriebes auf die Beseitigung der Müdigkeit geliefert hat. 

Die Prognose der einfachen nervösen Erschöpfung ist als durch- 
aus günstig zu bezeichnen, sofern es gelingt, ihre Ursachen zu besei- 
tigen. Die Genesung wird eine um so vollkommenere sein, je wider- 
standsfähiger der Kranke vorher war, und je besser es gelingt, etwa in 
seiner Lebensführung liegende Schädlichkeiten zu beseitigen. Vor 
allem sind natürlich beide Gesichtspunkte maßgebend für die größere 
oder geringere Wahrscheinlichkeit des Rückfalls; die im Augenblicke 
vorhandenen Störungen wird man bei ausreichender Zeit und sonst 
günstigen Verhältnissen regelmäßig zu beseitigen imstande sein. — 

Die leichtesten Formen der nervösen Erschöpfung sind überaus 
häufige Erkrankungen ; ihre Erscheinungen dürften jedem bekannt 
sein, der einmal längere Zeit hindurch genötigt war, eine das durch- 
schnittliche Höchstmaß seiner Kräfte erreichende oder gar über- 
steigende Arbeit zu leisten. Trotzdem wurde eine eingehendere 
Kenntnis des ganzen Krankheitsbildes erst durch Beard x ) im Jahr 
1880 vermittelt, der in dem rastlosen Treiben des amerikanischen 
Lebens ganz besonders häufig Gelegenheit hatte, das Leiden zu 
beobachten. Er belegte es mit dem Namen der Neurasthenie, der 
allerdings sehr bald für eine ganze Reihe verschiedenartigster Krank- 
heitszustände gebraucht worden ist. Will man ihn beibehalten, so 
wäre jedenfalls eine genaue Begriffsbestimmung unerläßlich. Viel- 
leicht dürfte es sich empfehlen, ihn lediglich für die hier umschriebene 
Verbindung von nervöser Erschöpfung und Überreizung zu ge- 
brauchen, die er nicht unpassend kennzeichnen würde. 

*) Beard, Die Nervenschwäche, ihre Symptome, Natur, Folgezustände und 
Behandlung, deutsch von Ne isser, 2. Aufl. 1883; Bouveret, Die Neurasthenie, 
deutsch von Dornblüth. 1893; Müller, F. C.j Handbuch der Neurasthenie. 1893; 
Löwenfeld, Pathologie und Therapie der Neurasthenie und Hysterie. 1893; Mö- 
bius, Neurologische Beiträge, II, 62. 1894; Le vi Hain, Essais de neurologie cli- 
nique, neurasthenie de Beard et etas neurastheniformes. 1896; Jolly, Neurasthenie 
und Hypochondrie, Handbuch der praktischen Medizin von Ebstein und Schwalbe; 
Maurice de Fleury, Les grands symptomes neurastheniques. 1901. Vergleiche 
auch den späteren Abschnitt über die Nervosität. 



1408 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Aus den schon früher angedeuteten Gründen ist es die mit leb- 
hafter gemütlicher Erregung, mit großer Verantwortung verbun- 
dene und daher den Willen zu äußerster Anspannung treibende Tätig- 
keit, die das Zustandekommen der nervösen Erschöpfung in beson- 
derem Maße begünstigt. Der stille Gelehrte ist ihr in weit geringerem 
Grade ausgesetzt, als der Großkaufmann, der Offizier im Kriege, der 
Politiker, der vielbeschäftigte Arzt. Es liegt daher in der Natur der 
Sache, daß vorzugsweise die begabteren und lebhafteren, ferner die 
gebildeteren und pflichttreueren Menschen den Gefahren der Erkran- 
kung zugänglich sind, da sie in höherem Grade geneigt sein werden, 
wachsende Schwierigkeiten durch immer stärkere Anspannung aller 
ihrer Kräfte zu überwinden. Vielleicht ist dabei der Umstand nicht 
ohne Bedeutung, daß sich große Übungsfähigkeit anscheinend häu- 
fig mit großer Ermüdbarkeit verbindet. Frauen mit ihrer größeren 
gemütlichen Erregbarkeit und geringeren Widerstandsfähigkeit sind 
etwas stärker gefährdet, als das männliche Geschlecht, namentlich 
überlastete Mütter, Lehrerinnen, Krankenpflegerinnen. 

Andererseits können unzweifelhaft auch regelmäßige körperliche 
Überanstrengungen, wie sie im Kriege, in Manövern, aber auch bei 
übertriebenen Leibesübungen (Bergsteigen, Rudern, Radfahren) vor- 
kommen, das Bild der nervösen Erschöpfung erzeugen (Übertrai- 
nieren). Weiterhin ist natürlich die allgemeine Lebensweise und die 
Ernährung von großer Bedeutung. Ein überhastetes, unregelmäßiges 
und ausschweifendes Leben ohne ausreichende Erholung durch Ruhe 
und Schlaf führt auch bei weit geringeren Leistungen rascher zu einem 
Versagen der Arbeitsfähigkeit, als der geregeltere Tageslauf etwa des 
Beamten und Lehrers. Besonders ungünstig pflegen die vielfach unter- 
nommenen Versuche zu wirken, eine Herabsetzung der Arbeitskraft 
durch Reizmittel verschiedener Art wieder zu beseitigen. Kaffee, Tee 
und bis zu einem gewissen Grade wohl auch der Tabak verscheuchen 
die sich einstellende Müdigkeit und verhindern dadurch erst recht 
den Eintritt der Beruhigung und den Ausgleich der Erschöpfung. Der 
Alkohol beseitigt zwar die unlustige Stimmung und erzeugt mit der 
Willenserregung das Gefühl erhöhter Leistungsfähigkeit, aber er 
beeinträchtigt zugleich die geistige Leistungsfähigkeit und erschüt- 
tert die Herrschaft über den Willen. Sein regelmäßiger Genuß stei- 
gert die Ermüdbarkeit und erschwert die Beseitigung von Arbeits- 
störungen. Auch andere Gewaltkuren, von denen der Kranke eine 



Die nervöse Erschöpfung. 1409 

Auffrischung seiner gesunkenen Leistungsfähigkeit erhofft, kalte 
Duschen, angestrengte Sportleistungen, können wohl das Gefühl 
der Müdigkeit vorübergehend verjagen und den Willen anspornen, 
bewirken aber gerade dadurch eine Verschlechterung des Zustandes. 

Natürlich tritt ferner die Erschöpfung um so leichter ein, je 
geringer die Widerstandsfähigkeit des Einzelnen ist. Sie kann einer- 
seits durch körperliche Schädigungen leiden ; andererseits aber führt 
eine stetige Reihe von Übergängen von jenen beneidenswerten Na- 
turen, deren Nervensystem mit staunenswerter Geschwindigkeit und 
Spannkraft alle Störungen sofort wieder ausgleicht, hinüber zu 
solchen, die sich den Anforderungen des Lebens bereits nach sehr 
kurzer Zeit nicht mehr gewachsen fühlen, deren Arbeitskraft schon 
bei mäßigen Leistungen rasch und vollständig erlahmt, und denen 
daher jede ernstere Anstrengung von vornherein durch nervöse Nach- 
wehen verbittert wird. Je entscheidender indessen bei dem Zustande- 
kommen der Erschöpfung die persönliche Anlage mitgewirkt hat, 
desto mehr mischen sich in das Krankheitsbild die Züge der Ner- 
vosität, deren wir späterhin eingehender zu gedenken haben werden. 

Daß die Grundlage der hier besprochenen Erkrankung eine 
nervöse Erschöpfung bildet, ist wohl am folgerichtigsten von Mö- 
bius ausgeführt worden. Er denkt geradezu an eine Art chronischer 
Vergiftung durch Ermüdungsstoffe, entsprechend etwa der sich 
häufenden Wirkung regelmäßigen Alkoholmißbrauches. Demgemäß 
sucht er auch die einzelnen Krankheitszeichen in der gesunden 
Ermüdung wiederzufinden. Ich halte diese Betrachtungsweise für 
recht fruchtbar, da sie uns den Weg weist, der aus der jetzigen Un- 
klarheit in der Lehre von der Neurasthenie herausführt. Unbedingt 
notwendig erscheint mir jedenfalls eine Abtrennung derjenigen Krank- 
heitsbilder, die sich aus der einfachen Häufung von Ermüdungs- 
wirkungen begreifen lassen, von jenen, bei denen eine angeborene 
krankhafte Veranlagung die wesentlichste Rolle spielt. Das hier 
abgegrenzte Bild der erworbenen Neurasthenie enthält, wie ich glaube, 
in der Tat nur Störungen, die sich durch den Versuch überall würden 
wieder erzeugen lassen; freilich bin ich heute nicht imstande, den 
genauen Beweis dafür zu erbringen. Auch für die hypochondrischen 
Vorstellungen, die Möbius ausnimmt, halte ich einstweilen an der 
Entstehung aus der Erschöpfung fest. Sie wachsen, wie mir scheint, 
.aus der Verstimmung hervor, die sich auch des kräftig veranlagten 



14 io XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Mannes bemächtigt, wenn er, abgearbeitet und gehetzt, die Abnahme 
der Leistungsfähigkeit in der wachsenden Erschwerung seiner Arbeit 
empfindet. 

Die Umgrenzung der nervösen Erschöpfung in dem hier darge- 
legten Sinne wird außer der Nervosität noch eine Reihe von äußerlich 
ähnlichen klinischen Bildern ausscheiden müssen, die gewöhnlich 
noch zur Neurasthenie gerechnet zu werden pflegen. Namentlich 
gilt das von den Schwächezuständen bei und nach schweren körper- 
lichen Erkrankungen. Soweit dabei die Nachwehen von Infektions- 
krankheiten in Betracht kommen, haben wir ihrer schon bei Bespre- 
chung der infektiösen Schwächezustände gedacht ; wahrscheinlich 
sind sie der Ausdruck der durch die Krankheitsgifte hervorgerufenen 
und sich erst allmählich wieder ausgleichenden Rindenveränderun- 
gen. Ähnlich dürften auch die bisher psychiatrisch noch kaum ge- 
würdigten seelischen Veränderungen zu beurteilen sein, die sich bei 
manchen Organ- und Stoffwechselkrankheiten herausbilden können, 
beim Diabetes, bei der Addisonschen Krankheit, bei der Nephritis, 
beim Krebssiechtum usw. Wir werden wohl mit Selbstvergiftungen 
bestimmter Art zu rechnen haben, die wir zweckmäßigerweise nicht 
mit dem hier besprochenen, wesentlich anders entstehenden Leiden 
zusammenwerfen. Auch von einer ,, Intoxikationsneurasthenie 4 ', 
insbesondere von einer Neurasthenie der Trinker, hat man gesprochen. 
Wenn auch zuzugeben ist, daß der Alkoholmißbrauch der Entstehung 
einer nervösen Erschöpfung unter dafür geeigneten Bedingungen 
Vorschub leistet, so wird man doch die Herabsetzung der Leistungs- 
fähigkeit und die Steigerung der Reizbarkeit, wie sie durch die Dauer- 
wirkung des Giftes selbst bedingt werden, nicht ohne weiteres jenem 
Krankheitsbegriffe einordnen dürfen. Überall ist hier nicht nur die 
Entstehungsgeschichte, sondern auch Verlauf und Ausgang und da- 
mit die Behandlungsweise eine wesentlich andere, als bei der ner- 
vösen Erschöpfung in unserem Sinne. 

Um das Leiden richtig zu erkennen, wird man zunächst festzu- 
stellen haben, ob eine zureichende Ursache für die Abnahme der 
Leistungsfähigkeit vorliegt. Allerdings erhält man fast regelmäßig 
die Auskunft, daß eine Überarbeitung stattgefunden habe. Es ist 
jedoch zu betonen, daß nur dort wirklich von einer ursächlich be- 
deutsamen Überanstrengung die Rede sein kann, wo ganz bestimmte, 
außergewöhnliche Anlässe dafür nachweisbar sind. Im allgemeinen 



Die nerväse Erschöpfung. 1411 

pflegen uns die natürlichen Schutzeinrichtungen sehr zuverlässig 
gegen die Gefahren der Erschöpfung zu sichern, und nur da, wo dieser 
Damm durch starke gemütliche Spannungen durchbrochen wird, 
kann es zu ernsteren Schädigungen kommen. Man wird daher, wo 
nicht ganz zweifellose erschöpfende Ursachen eingewirkt haben, 
immer die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit im Auge behalten 
müssen, daß man es mit andersartigen Krankheitsvorgängen zu 
tun hat. 

Vor allem wird man sich die Frage vorzulegen haben, ob nicht 
die hypochondrischen Befürchtungen des Kranken wirklich begrün- 
det sind. Es ist daher unbedingt eine genaue Untersuchung des 
gesamten körperlichen Zustandes vorzunehmen, namentlich des 
Nervensystems, um das Bestehen ernsterer Allgemein- oder Organ- 
erkrankungen auszuschließen. Sein besonderes Augenmerk wird man 
unter Berücksichtigung des Lebensalters auf die Möglichkeit einer 
syphilitischen oder paralytischen Erkrankung zu richten haben, 
deren Kennzeichen wir früher ausführlich besprochen haben. Bei 
älteren Kranken wird das Versagen der Leistungsfähigkeit auch den 
Verdacht einer beginnenden Arteriosklerose erwecken können. Von 
Wichtigkeit ist hier neben der Untersuchung des Blutdruckes na- 
mentlich die Feststellung, ob Andeutungen von Herderscheinungen 
vorliegen. Schwindelanfälle, gelegentliches Versagen der Sprache, 
Halbseitenerscheinungen (Schlaffheit einer Gesichtshälfte, Schwäche 
eines Armes, Reflexunterschiede) werden zu beachten sein, auf 
psychischem Gebiete Schwerfälligkeit im Auffassen und Denken, 
Stumpfheit, weinerliche, rührselige Stimmung, Willensschwäche und 
Lenksamkeit. Schwindelgefühle, Stottern, Steigerung der Reflexe, 
Unbesinnlichkeit, verzweifelte Stimmung kommen freilich auch bei 
der nervösen Erschöpfung vor, aber die Kranken sind ungleich 
regsamer, verständnisvoller; sie schildern ihre Beschwerden lebhaft 
und genau und bemühen sich eifrig, davon befreit zu werden. 

Weiterhin ist zu beachten, daß „neurasthenische" Krankheits- 
erscheinungen vielfach auch die Einleitung anderer Formen des 
Irreseins bilden. Hauptsächlich wird hier an die Möglichkeit eines 
zyklothymischen Depressionszustandes oder einer Dementia praecox 
zu denken sein. Indessen der Erschöpfte ist verstimmt und reizbar, 
weil er merkt, daß seine Leistungsfähigkeit abnimmt ; seine Stimmung 
wird freier und froher, sobald eine äußere Anregung, eine fröhliche 



14 12 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Gesellschaft ihn vorübergehend seine Beschwerden vergessen läßt, 
namentlich aber, wenn er, von allen Sorgen und Pflichten seines Be- 
rufes entlastet, rückhaltlos Ruhe und Erholung genießen kann. Beim 
zyklothymischen Kranken dagegen entsteht das Gefühl der inneren 
Beängstigung und Erschwerung ohne klare Begründung, und es wird 
durch Zerstreuungs- und Ablenkungsversuche meist nicht nur nicht 
gemildert, sondern oft genug bis zum Unerträglichen gesteigert. 
Während im ersteren Falle der lebhafte Wunsch nach Wiederher- 
stellung besteht und den Kranken allen Ratschlägen und Trost- 
worten zugänglich macht, pflegt im letzteren das Gefühl der Hoff- 
nungslosigkeit vorzuherrschen und ihm den Gedanken der Selbst- 
vernichtung nahe zu rücken. Zudem wird hier auch die häufigere 
Wiederkehr der Zustände ohne Anlaß, meist auch ihr Wechsel mit 
Zeiten von entgegengesetzter Stimmungsfärbung bald Klarheit 
bringen. Die Verstandesabnahme und Verstimmung im Beginne 
der Dementia praecox ist gegenüber der nervösen Erschöpfung 
namentlich durch die gemütliche Stumpfheit der Kranken, ihre 
Gleichgültigkeit im Hinblicke auf die Zukunft, zuweilen auch durch 
die Unsinnigkeit der hypochondrischen Klagen und die Unbelehr- 
barkeit gekennzeichnet. 

Wo wir neurasthenische Störungen vorfinden, ohne daß sich eine 
greifbare äußere Ursache oder ein anderweitiger Krankheitsvorgang 
nachweisen ließe, wird es sich in der Regel um jene Form der krank- 
haften Veranlagung handeln, die wir als Nervosität bezeichnen. 
Auch hier begegnet uns die Herabsetzung der Leistungsfähigkeit, 
die Steigerung der Ermüdbarkeit, die erhöhte gemütliche Reiz- 
barkeit, aber diese Störungen bestehen dauernd fort, oder sie 
treten doch schon bei den geringfügigsten Anlässen überraschend 
stark hervor. Zugleich lassen sich regelmäßig noch andere Zeichen 
nervöser Veranlagung nachweisen, namentlich Stimmungsschwan- 
kungen, Angstzustände, Beeinflußbarkeit, geringe Kraft und Nach- 
haltigkeit der Willensrichtungen. Es liegt jedoch auf der Hand, daß 
die erworbene Neurasthenie und die angeborene Nervosität nicht 
schroffe Gegensätze, sondern nur die Endglieder einer langen Reihe 
von Zwischenstufen darstellen. Für den Arzt wird es aber wichtig 
sein, im gegebenen Falle einigermaßen über den Anteil Klarheit zu 
gewinnen, welcher der Erschöpf ung einerseits, der psychopathischen 
Eigenart andererseits in der Entstehungsgeschichte des Krankheits- 



Die nervöse Erschöpfung. 14 J 3 

zustandes zukommt, weil davon sowohl die Vorhersage wie die Auf- 
stellung eines zweckmäßigen Heilplanes wesentlich abhängig sind. 

Die Behandlung 1 ) der nervösen Erschöpfung bietet der Tätig- 
keit des Arztes ein sehr dankbares Arbeitsfeld. Zunächst vermag 
gerade hier die Vorbeugung außerordentlich viel zu leisten. Man 
hat, nicht ganz mit Unrecht, die Neurasthenie als die Krankheit un- 
serer Zeit bezeichnet. In der Tat liegen in der raschen Steigerung der 
Anforderungen, die der hastige Fortschritt unserer Kulturentwick- 
lung an die geistige, sittliche und körperliche Leistungsfähigkeit des 
Einzelnen stellt, wichtige Ursachen nervöser Überlastung. Das Zeit- 
maß, in dem uns das Jahrhundert der Eisenbahnen, Telegraphen und 
Telephone mit seinen wachsenden sozialen Aufgaben und seinem 
Weltverkehr zu leben zwingt, ist von der Beschaulichkeit der Ver- 
gangenheit weit entfernt. Da wir indessen die allgemeinen Lebens- 
bedingungen nicht ändern können, so wird es unsere Aufgabe sein 
müssen, uns ihnen anzupassen und namentlich das kommende Ge- 
schlecht für den Kampf ums Dasein gehörig auszurüsten. Alle jene 
früher geschilderten Bestrebungen, die darauf hinausgehen, an 
Stelle des Gedächtnisses und des Wissens den Willen und das Können 
auszubilden sowie der Sorge für die gelehrte Erziehung diejenige 
für die körperliche Ausbildung an die Seite zu setzen, dienen diesem 
Zwecke. Weiterhin ist auf Fernhaltung der Jugend von anstrengen- 
den und aufregenden Vergnügungen, vom Alkoholgenusse, auf Ver- 
meidung von Ausschweifungen, Einhaltung einfacher, natürlicher 
Lebensgewohnheiten ohne Verwöhnung und ohne Verzärtelung zu 
achten. 

Ganz besondere Aufmerksamkeit erfordert die ausreichende Be- 
friedigung des Schlafbedürfnisses. Es kann nicht oft genug wieder- 
holt werden, daß in diesem Punkte sehr bedeutende und tief begrün- 
dete Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Menschen bestehen, 
die nicht ohne schweren Schaden vernachlässigt werden dürfen. 
Gerade in dieser Beziehung wirken so manche unserer sogenannten 
Erholungen schädlich, indem sie spätes Aufbleiben und abendliche 
geistige Anregung mit sich bringen. Für angestrengt arbeitende oder 
sehr erregbare Menschen sind späte Theater- und Musikaufführun- 
gen, Geselligkeit mit Magenüberladung und reichlichem Alkohol- 

x ) Weygandt, Die Behandlung der Neurasthenie, Würzburger Abhandlungen. 
1901. 

Kraepelin. Psychiatrie IV. 8. Aufl. 2 



1414 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

genusse keine Ausspannung, sondern vielmehr recht sichere Mittel, 
den so notwendigen Schlaf empfindlich zu stören. Es ist also in 
Zeiten gesteigerter Anforderungen dringend geraten, auf sie zu ver- 
zichten. Das natürliche Warnungszeichen, das Gefühl der Müdigkeit 
und Abgespanntheit, soll nicht durch Gewaltmaßregeln, starken Tee 
oder Kaffee, kalte Duschen, verscheucht werden, sondern man soll 
seine Ursachen durch geeignete Ruhepausen, wenn auch von kurzer 
Dauer, durch rechtzeitiges Schlafengehen und Vermeidung aller 
Einflüsse zu beseitigen suchen, welche die Schlaftiefe verringern. 
Angestrengte Tätigkeit am späten Abend oder in der Nacht, Lesen 
im Bette, reichliche, späte Mahlzeiten, Mangel an körperlicher Be- 
wegung kommen hier besonders in Betracht, ferner geräuschvolle, 
ungenügend gelüftete, zu helle und zu warme Schlafräume. 

Von besonderer Wichtigkeit ist es, bei den ersten Zeichen von 
nervöser Überanstrengung rechtzeitig einzugreifen, da im Anfange 
leicht ein Erfolg zu erreichen ist, der später nur mit bedeutenden 
Opfern an Zeit und Geld erkauft werden kann. Die erste Aufgabe, 
die hier erfüllt werden müßte und doch nur allzuselten in ausreichen- 
dem Maße erfüllt werden kann, ist die Beseitigung aller jener schädi- 
genden Einflüsse, welche die Krankheit erzeugten. Regelung der 
Lebensweise nach den verschiedensten Richtungen hin, Ausmerzung 
aller unzweckmäßigen Gewohnheiten, sodann Entfernung aus der 
Berufsarbeit, womöglich auch aus der Häuslichkeit, zeitweilige Ver- 
setzung in eine andere, ruhige und anziehende Umgebung wird die 
wichtigste Vorbedingung einer jeden Behandlung bilden müssen. 
Für leichtere Formen genügt oft schon ein einfacher Landaufent- 
halt, ein Besuch in befreundeter Familie oder eine behagliche, 
keinesfalls ermüdende Reise ins Gebirge oder an die See, um 
ein Ausruhen des überreizten Nervensystems und damit das rasche 
Schwinden aller körperlichen und psychischen Beschwerden herbei- 
zuführen. Sehr zu empfehlen ist für Leute, die der Seekrankheit 
nicht zu stark ausgesetzt sind, in günstiger Jahreszeit eine längere 
Seereise, die in hohem Maße körperliche Erholung und geistige 
Ausspannung mit sich zu bringen pflegt. 

Bei längerer Dauer und stärkerer Ausbildung der Störungen wird 
man am besten die Durchführung einer vorzugsweise diätetischen 
Kur unter ärztlicher Aufsicht ins Auge fassen. Den zahlreichen 
Nerven- und Wasserheilanstalten strömen immerwährend in Scharen 



Die nervöse Erschöpfung. 14 J 5 

derartige Kranke zu. Außer der Befreiung von den Geschäften und 
Plackereien des täglichen Berufes muß hier vor allem eine einfache, 
sorgfältig geregelte und gesundheitsgemäße Lebensweise mit ange- 
messener Verteilung von Tätigkeit, Ruhe und Schlaf durchgeführt 
werden. Die Kranken sollen kräftig und reichlich, aber ohne 
Schlemmerei ernährt werden; der gewohnheitsmäßige Genuß von 
Alkohol, starkem Kaffee oder Tee ist streng zu untersagen. Stö- 
rungen des Appetits, der Verdauung, des Schlafes werden mit den 
gebräuchlichen Mitteln, namentlich aber durch regelmäßige, nicht 
allzuweit ausgedehnte Spaziergänge und durch ärztlich überwachte 
Leibesübungen verschiedener Art bekämpft. Ferner sucht man 
durch Wasserbehandlung, Massage und allgemeine Faradisation 
den Kreislauf und den Stoffumsatz möglichst zu fördern. Unter 
dem Einflüsse aller dieser Maßregeln pflegt sich die öfters stark 
gesunkene Ernährung stetig und beträchtlich zu heben. Gleichzeitig 
bessert sich der Schlaf, die Stimmung sowie die körperliche und 
geistige Leistungsfähigkeit. Als Mittel zur Bekämpfung der nervösen 
Unruhe und zur Erzielung von Schlaf sind neben verlängerten 
warmen Bädern hauptsächlich die Bromsalze (3 mal täglich 1 g 
oder eine abendliche Gabe von 1 — 3 g) in Gebrauch ; nur im Not- 
falle wird man vorübergehend seine Zuflucht zu den eigentlichen 
Schlafmitteln (Adalin, Veronalnatrium, Luminal) nehmen. Man hüte 
sich vor dem Morphium! 

Eine recht wesentliche Bedeutung hat bei neurasthenischen 
Zuständen fast immer die psychische Behandlung. Vielfach kann 
schon eine einfache Aufklärung über die verhältnismäßig harmlose 
Natur des Leidens den Eintritt gemütlicher Beruhigung, die Wieder- 
kehr des Schlafes und die Beseitigung mancher quälender Beschwer- 
den überraschend schnell herbeiführen. Jedenfalls trägt eine auf- 
merksame, geduldige, aber feste ärztliche Führung, die in geeigneten 
Fällen durch hypnotische Suggestion wirksam unterstützt werden 
kann, sehr viel dazu bei, dem Kranken sein erschüttertes Selbstver- 
trauen und die Herrschaft über seinen Willen wieder zu verschaffen. 
Nach dem Schwinden der eigentlichen Krankheitszeichen bleibt 
häufig noch eine gewisse Herabsetzung der psychischen Wider- 
standsfähigkeit zurück, die zu Rückfällen führen kann, wenn nicht 
die Berufsverhältnisse und die Lebensweise des Kranken dauernd 
derart geregelt werden, daß sie sich der persönlichen Eigenart in 



IAl6 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

zweckmäßiger Weise anpassen. Wer die Folgen der täglichen Arbeit 
in Überreiztheit und fortschreitender Abnahme der Leistungsfähig- 
keit empfindet, sollte sich daher unbedingt häufiger kleine Ruhe- 
pausen verschaffen und sich zu einer gründlichen Entspannung 
wenigstens einmal im Jahre für einige Wochen von dem Joche der 
gewohnten Verhältnisse befreien ; nur dann ist er sicher, sich seine 
Leistungsfähigkeit dauernd zu erhalten. 



B. Die Erwartungsneurose. 

Unter der Bezeichnung der Erwartungsneurose 1 ) möchte ich an 
dieser Stelle eine Gruppe von nervösen Störungen einfügen, die sich 
auf der gemeinsamen Grundlage einer ängstlichen Erwartung 
entwickeln. Schon aus der gesunden Erfahrung ist es bekannt, daß 
die Erwartung irgendeines Ereignisses eine allmählich wachsende 
innere Spannung erzeugt, die sich einmal in gewissen Trugwahr- 
nehmungen, andererseits aber in allerlei Bewegungsantrieben äußert. 
Ist das bevorstehende Ereignis ein unangenehmes, so können die 
Vorempfindungen äußerst peinigende und selbst schmerzhafte wer- 
den. Zugleich wird die Sicherheit des Handelns auf das empfind- 
lichste beeinträchtigt. 

Ein ganz ähnliches, nur krankhaft vergrößertes und gefärbtes 
Bild bietet die Erwartungsneurose. Die krankhafte Entwicklung 
vollzieht sich hier dadurch, daß die peinlichen Störungen nicht bei 
einem einmaligen, besonderen Anlasse auftreten, sondern daß sie 
sich an Vorgänge heften, die sich alltäglich immer wieder voll- 
ziehen. Diese laufen dann nicht in der gewöhnlichen, unbefangenen 
Weise ab, sondern sie werden durch Einmischung von Mißempfin- 
dungen, Unlustgefühlen und unzweckmäßigen Antrieben behindert 
und verzerrt. Da diese Schwierigkeiten sich immer wiederholen, 
steigert sich die Erwartungsangst bei dem durch sie beeinflußten 
Vorgange mehr und mehr und verstärkt ihrerseits wieder die Stö- 
rungen. 

Die Anlässe, bei denen die Erwartungsangst hervortritt, sind in 
der Regel Vorgänge, die beim Gesunden ohne besonderes Eingreifen 
bewußter Seelentätigkeit vonstatten gehen, vielmehr wesentlich 
maschinenmäßig ablaufen, das Gehen, Stehen, Schlucken, das Ein- 

x ) Isserlin, Münchener medizin. Wochenschr. 1908, 27. 



Die Erwartungsneurose. !4!7 

schlafen, das Lesen, Schreiben, Sprechen, Wasserlassen, der Ge- 
schlechtsakt, weiterhin auch eingelernte Fertigkeiten, Klavier-, 
Violinspielen. Zunächst scheint sich die ängstliche Erwartung regel- 
mäßig im Anschlüsse an wirkliche, wenn auch unbedeutende und 
vorübergehende Störungen zu entwickeln, an Blendungs- und Er- 
müdungserscheinungen in den Augen, leichte Überanstrengung, 
Schwächegefühle nach übermäßigen Märschen, Schmerzen bei 
Muskelzerreißungen, Schwierigkeiten irgendwelcher Art bei beson- 
deren Anlässen. Bei einer Dame schlössen sich die ersten Augen- 
beschwerden an die Entwicklung der Presbyopie an ; bei einer an- 
deren trat die Unfähigkeit, zu gehen, nach einer Mastkur mit länge- 
rer Bettruhe hervor. Die Erschwerung des Einschlafens bleibt nach 
einer Zeit gemütlicher Erregung zurück, Stottern nach einem Er- 
lebnis mit arger Verlegenheit. Gar nicht selten bildet den Ausgangs- 
punkt ein körperliches Leiden. Schluckschwierigkeiten überdauern 
eine Angina, Schwäche im Arm einen leichten Rheumatismus, 
Schmerzen in der Hüfte einen Fall, krampfhafte Unfähigkeit zum 
Schreiben eine Muskelzerrung auf dem Fechtboden. Wenn irgend- 
wo, paßt also hier die Bezeichnung von Möbius, daß die Störung 
durch Erinnerung an Krankheiten bedingt wird. 

Die Störungen selbst bestehen nicht in eigentlichen Angstgefühlen, 
sondern, entsprechend den Erfahrungen bei der Erwartung des Ge- 
sunden, in peinlichen, sich zu äußerstem Unbehagen und selbst hef- 
tigen Schmerzen (,,douleurs d'habitude" nach Brissaud) steigernden 
Empfindungen, ferner in Behinderung des Handelns durch lähmungs- 
artige Schwäche oder krampfhafte Nebenbewegungen. Ersteres tritt 
namentlich bei Auffassungsleistungen ein, letzteres vorzugsweise bei 
Willensanstrengungen, doch verbinden sich beide Reihen von Stö- 
rungen vielfach miteinander. Im Anfange zeigen sie sich in der Regel 
bei mehr umgrenzten Anlässen, beim Essen bestimmter Speisen, beim 
Steigen, beim Lesen in grellem Sonnenlicht, beim Einschlafen an 
fremdem Orte. Ich beobachtete einen Knaben, der eine Behinderung 
des Gehens nur morgens nach dem Aufstehen darbot, und Löwen- 
feld berichtet über einen Fall, in dem sie nur beim Herausgehen 
auf die Straße eintrat, im Hause aber ausblieb. Nach und nach 
aber kann sich das Leiden derart ausbreiten, daß es schließlich den 
Ablauf gewisser Vorgänge gänzlich unmöglich macht. Ich kannte 
eine Dame, die zunächst nicht schlafen konnte, wenn sie am nach- 



1418 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

sten Tage irgend etwas Besonderes vorhatte, in Gesellschaft gehen, 
einen Ausflug machen wollte. Allmählich genügte schon die ge- 
ringste Kleinigkeit, um £ie in eine Spannung zu versetzen, die ihr 
den Schlaf völlig raubte. 

Das klinische Bild des Krankheitszustandes ist ein sehr mannig- 
faltiges. Beim Lesen verschwinden die Buchstaben vor den Augen ; 
es treten Flimmern, Hitzegefühl, Spannungsempfindungen, Licht- 
scheu, Schmerzen auf, die sich rasch über die Stirn, bald auch über 
den ganzen Kopf ausbreiten und zum Aufhören zwingen. Salzer 
hat derartige Fälle beschrieben. Ähnliche Störungen können auf 
dem Gebiete des Gehörsinnes auftreten, wachsende Überempfindlich- 
keit, Druck im Ohr, subjektive Geräusche, ausstrahlende Schmerzen. 
Beim Schreiben stellt sich nach wenigen Buchstaben eine krampf- 
hafte Steifigkeit der Finger mit der Neigung zu ausfahrenden, un- 
zweckmäßigen Bewegungen oder völliges Versagen der Hand- 
muskeln ein, Erscheinungen, die nicht, wie der gewöhnliche Schreib- 
krampf, durch wirkliche Ermüdung hervorgerufen oder durch Än- 
derung der Federhaltung beseitigt werden. Schließlich geschieht 
schon das Ergreifen der Feder, das Ansetzen auf dem Papier unter 
stärkster Spannung aller beteiligten Muskeln. Der Ablauf der 
Schluckbewegung kann durch Hustenstöße oder häufiger durch 
krampfhaftes Würgen und Pressen unmöglich gemacht werden. 

Das Gehen wird durch lähmungsartige Schwäche in den Beinen, 
in anderen Fällen durch rasch sich steigernde Schmerzen oder auch 
durch Spannungen, Stolpern, Unsicherheit, Ermüdungsgefühle ge- 
hindert ; eine Kranke hatte die Empfindung, als sei das eine Bein 
zu lang. Einer meiner Kranken, der auch von Trömner beobach- 
tet wurde, vermochte wegen plötzlich sich einstellender krampf- 
hafter Spannungen nicht aufzustehen und mußte die Steifigkeit erst 
durch allerlei wilde Bewegungen überwinden. Beim Einschlafen 
stellen sich wachsende Unruhe, zuckende und ziehende Empfin- 
dungen in den Gliedern, Herzklopfen, Schweißausbruch ein. Der 
Kranke müht sich stundenlang ab, Ruhe zu finden, wird aber 
immer erregter, steht auf, geht herum, beruhigt sich etwas durch 
Lesen oder irgendein Hausmittel, um dann endlich noch einige 
Stunden einzuschlummern oder von neuem in der brennenden Er- 
wartung des Schlafes qualvolle Stunden zu verbringen. Eine meiner 
Kranken konnte nur einschlafen, solange sie ihren Mann noch 



Die Erwartungsneurose. M 10 - 

wach wußte, und weckte ihn immer wieder, bis sie endlich selbst 
zur Ruhe gekommen war. Auch manche Formen des Stotterns 
dürften hierher zu rechnen sein; man hat in Anlehnung daran 
auch von „Gehstottern", „Schreibstottern", „Klavierstottern", 
„Harnstottern" gesprochen. Bei letzterem wird die Harnentleerung 
durch störendes Eingreifen ängstlicher Nebenantriebe behindert. 
Ebenso scheint der Geschlechtsakt einen günstigen Boden für die 
Entwicklung der Erwartungsneurose abzugeben. Ich bin wenigstens 
geneigt, gewisse Fälle von psychischer Impotenz, die durch ge- 
legentliche Mißerfolge ausgelöst und gewöhnlich als „sexuelle 
Neurasthenie" aufgefaßt werden, der hier geschilderten Störung zu- 
zurechnen, der sie in Entstehung und Verlauf ungemein ähneln. 
Bechterew hat mehrere derartige Fälle beschrieben. 

Gerade die mehr nervöse Färbung der psychogenen Störungen 
bedingt fast immer eine Verkennung ihres wahren Ursprungs. 
Die Kranken führen ihre Beschwerden auf ernste Erkrankungen 
der Sinnesorgane, der Muskeln, des Gehirns, der Nerven, des Rücken- 
marks zurück, werden dadurch immer ängstlicher, fangen an, sich 
zu schonen, und verlieren mehr und mehr alles Selbstvertrauen. 
Die Vorgänge, an die sich die Erwartung der Störung knüpft, be- 
schäftigen die Aufmerksamkeit in ausgedehntestem Maße. Dadurch 
aber wird ihr Ablauf, wie die tägliche Erfahrung des Gesunden 
lehrt, immer nachhaltiger gestört. So entwickelt sich ein Kreis- 
lauf zwischen quälender Erwartung und seelischer Behinderung, der 
beiden stetig neue Nahrung zuführt und dem Kranken die Selbst- 
befreiung fast unmöglich macht. 

Auf diese Weise kommt es mit einer gewissen inneren Not- 
wendigkeit zu einer fortschreitenden Entwicklung des Leidens, die 
sehr einschneidende Beeinträchtigungen der gesamten Lebensführung 
nach sich ziehen kann. Die wachsende Empfindlichkeit der Augen 
führt allmählich zu einer planmäßigen Abschließung von allem 
Lichte. Die Kranken wagen sich nur noch bei trübem Wetter oder 
in der Dämmerung, schließlich überhaupt nicht mehr ins Freie. 
Fechner, auf dessen ungemein lehrreiche Selbstschilderung Mö- 
bius hingewiesen hat, brachte lange Zeit im Dunkelzimmer zu, 
ging nur noch mit verbundenen Augen an die Luft und beschäftigte 
sich mit kleinen Handarbeiten. Eine Dame meiner Beobachtung 
gab das Malen auf, an dem sie viele Freude gehabt hatte, trug 



1420 ^H* ^ e psychogenen Erkrankungen. 

grüne Schirme und dunkle Gläser, setzte sich mit dem Rücken 
gegen die Lampe und getraute sich nicht mehr, zu lesen. Ein 
Kranker, der sich durch Lesen sehr angegriffen fühlte, mußte nach 
Tisch immer stundenlang unbeweglich liegen, bevor er den Versuch 
wieder wagen durfte, ein Buch vorzunehmen. Bie Behinderung des 
Gehens und Stehens durch rasch auftretende und sich ausbreitende 
Schmerzen macht die Kranken mutlos und veranlaßt sie, sich mehr 
und mehr zu schonen, so daß sie ihre schüchternen Gehversuche 
nach immer kürzerer Zeit wieder abbrechen und am Ende kaum 
noch einige Schritte zu machen wagen. 

In einzelnen Fällen kann sich so das von Möbius eingehend 
geschilderte Krankheitsbild der Akinesia algera 1 ) entwickeln, 
das, wie ich glaube, nur die höchste Ausbildung der Erwartungs- 
neurose darstellt. Die Kranken schränken ihre Bewegungen auf das 
äußerste ein und bleiben schließlich jahrelang regungslos im Bette 
liegen, da jeder Versuch irgendeiner aktiven und selbst passiven 
Bewegung sofort stürmische und anhaltende Schmerzen bei ihnen 
hervorruft, während sie in vollkommener Ruhe beschwerdefrei sind. 
Die Bewegungen des Kopfes und das Sprechen bleiben in der Regel 
dauernd frei. 

Entsprechend der ursprünglichen Anknüpfung des ganzen Lei- 
dens an ganz bestimmte unangenehme Erfahrungen, betrifft die 
Erwartungsneurose gewöhnlich nicht nur von vornherein ein ein- 
zelnes Gebiet von Vorgängen, sondern sie bleibt auch dauernd auf 
dieses beschränkt und zeigt trotz ihres immer wachsenden Ein- 
flusses auf das Seelenleben geringe Neigung, auf andere Gebiete 
überzugreifen. Nur in sehr schweren Fällen mit langer Entwick- 
lung trifft man neben derjenigen Störung, die das Krankheitsbild 
beherrscht, noch diese oder jene andere. Die Kranken bleiben an- 
dauernd klar, besonnen, geordnet und zeigen keine auffallenderen 
Stimmungsschwankungen. Sie haben ein lebhaftes Krankheitsgefühl 
und unterziehen sich geduldig allen möglichen Kuren, um wieder 
gesund zu werden, ertragen aber ihr schweres Leiden, das sie selbst 
für ein rein körperliches halten, meist mit merkwürdiger Fassung. 
Hysterische Zeichen, Stigmata, Krämpfe, Dämmerzustände, ge- 
hören nicht zum Krankheitsbilde, wenn sie auch hier und da ein- 
mal vorkommen können. 

x ) Möbius, Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilkunde I, 121 ; II, 436. 



Die Erwartungsneurose. 1421 

Der Verlauf des Leidens ist im allgemeinen ein langsam fort- 
schreitender. Kleine Schwankungen sind häufig. In der Regel be- 
wirken die Versuche, die von den Kranken aus eigenem Antriebe 
oder auf fremdes Drängen zur Überwindung der Behinderungen 
unternommen werden, eine nachhaltige Verschlimmerung, mögen 
sie auch noch so vorsichtig ausgeführt werden. Bei einem Kranken 
Erbs, der 14 Jahre nur in horizontaler Lage zubringen konnte, ge- 
lang das allmähliche Aufrichten durch tägliches Unterschieben einer 
neuen Pappschicht unter den Oberkörper immer nur bis zu einem 
bestimmten Punkte ; dann traten die Schmerzen mit erneuter Heftig- 
keit auf. Der Kranke merkt bei dem Versuche, des Leidens Herr 
zu werden, daß er ,,des Guten zu viel getan", sich überanstrengt hat, 
und wird dann nur noch vorsichtiger. Alle Kurversuche, bei denen 
im Laufe der Zeit das ganze Rüstzeug der Medizin aufgeboten zu 
werden pflegt, haben nur eine rasch vorübergehende, meist aber gar 
keine oder eine verschlechternde Wirkung, bis sich der Kranke schließ- 
lich völlig entmutigt in sein Leiden fügt und es als Dulder erträgt. 

Ein so ungünstiger Ausgang tritt indessen nur in Ausnahme- 
fällen ein. Eine große Zahl derartiger Erkrankungen heilt gewiß 
von selbst, indem die Kranken durch irgendeine glückliche Er- 
fahrung allmählich wieder Selbstvertrauen gewinnen, durch einen 
verständnisvollen Arzt, unter Umständen auch einen Kurpfuscher, 
kurz, durch einen Einfluß, der ihre Erwartungsangst mildert und 
die verloren gegangene Fähigkeit durch planmäßige Übung und 
Gewöhnung wieder unter ihre Herrschaft bringt. Auch die Selbst- 
erziehung kann, wie Fechners Beispiel lehrt, hier zum Ziele führen. 
Da er eines Tages die Beobachtung machte, daß seine Augen die 
Helligkeit eine Zeitlang ganz gut ertrugen, sobald sie nicht ,,mit 
Furcht und Ängstlichkeit", sondern ,,mit einer gewissen Desperation, 
mit Energie und Spannung" dem Lichte entgegenblickten, fand er 
selbst den Weg, der ihn aus seiner verzweifelten Lage erlöste. 

Die leichtesten Formen der Erwartungsneurose sind ohne Zweifel 
sehr häufige Störungen, wenn sie auch regelmäßig unter ganz andere 
Krankheitsbilder untergeordnet werden. Ihre Wurzel im gesunden 
Leben ist die ängstliche Scheu vor der Wiederholung eines miß- 
glückten Versuches, der Verlust des Selbstvertrauens bei der Wahr- 
nehmung der eigenen Schwäche. In der Rekonvaleszenz nach kör- 
perlichen Krankheiten sieht man oft genug das Gefühl der Un- 



14.22 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Sicherheit und ein gewisses Schonungsbedürfnis fortbestehen, wenn 
sich die greifbaren Störungen selbst schon völlig verloren haben. Ge- 
sund veranlagte Persönlichkeiten sind imstande, diese Anwandlungen 
durch rücksichtslose Vernachlässigung zu überwinden. Bei unseren 
Kranken dagegen nehmen die psychischen Hindernisse anscheinend 
stärker zu, als die Erleichterung durch Übung und Gewöhnung. 
Da es sich hier aber fast immer um Vorgänge handelt, die mit Not- 
wendigkeit tagtäglich wiederkehren, so erhält das Unbehagen immer 
neue Nahrung und wächst schließlich so weit an, daß es vollkommen 
die Herrschaft über den Willen gewinnt. Gerade der stete Kampf 
gegen die Behinderung bringt dem Kranken eine fortlaufende Reihe 
von Niederlagen und verstärkt auf diese Weise sein Leiden. 

Die allgemeinen Ursachen der Erwartungsneurose liegen daher 
unzweifelhaft in einer eigenartigen Verarbeitung der Lebensreize 
auf Grund psychopathischer Veranlagung. In der Tat han- 
delt es sich meist um Personen, die aus belasteten Familien stam- 
men. Mir ist aufgefallen, daß sie gewöhnlich ein etwas ängstliches, 
unsicheres Wesen zeigten und anscheinend gemütlich leicht erreg- 
bar waren. Eine meiner Kranken litt an Morbus Basedowii ; sie 
konnte nur einige wenige Speisen vertragen, von denen sie sich in 
ganz einförmiger Weise nährte. Als ihr einmal wegen Krampf- 
adern Wickelung eines Beines verordnet wurde, fuhr sie mehr als 
ein Jahrzehnt damit fort, aber auch am gesunden Beine. Ihr Sohn 
litt ebenfalls an Erwartungsneurose, ihre Tochter an einer manisch- 
depressiven Erkrankung. 

Wenn es demnach auch nicht schwer fällt, ein allgemeines 
psychologisches Verständnis für die hier sich abspielenden Vor- 
gänge zu gewinnen, so kann es doch zweifelhaft sein, welche kli- 
nische Stellung wir der Erwartungsneurose einzuräumen haben. 
Man pflegt bei den leichteren Formen des Leidens meist von ,, Ner- 
vosität" oder gar von Neurasthenie zu sprechen. Jan et beschreibt 
zahlreiche hierher gehörige Störungen als Ausdrucksformen der 
„Psychasthenie". Ich möchte indessen betonen, daß die Kranken 
durchaus keine anderweitigen nervösen Störungen darzubieten 
brauchen, und daß die Anknüpfung der Beschwerden an bestimmte 
Vorgänge und Erfahrungen wie ihre einförmige Weiterentwicklung 
diesen Fällen doch eine gewisse Sonderstellung gegenüber den son- 
stigen Erscheinungsformen der nervösen Veranlagung geben dürfte. 



Die Erwartungsneurose. M 2 3 

Von einer nervösen Erschöpfung kann vollends gar nicht die Rede 
sein. Auch dann, wenn das Leiden seinen Ausgang etwa von einer 
körperlichen Erkrankung nimmt, wird es keineswegs durch einfache 
Erholung und Kräftigung beseitigt, sondern immer nur durch Ver- 
scheuchung der Erwartungsangst und Stärkung des Selbstvertrauens. 
Ganz ähnliche Gesichtspunkte gelten für die Abgrenzung von 
der Hysterie. Gemeinsam ist den Störungen in beiden Fällen die 
psychogene Entstehungsweise. Namentlich die Gehstörungen bei 
der Erwartungsneurose können an die Abasie der Hysterischen er- 
innern. Sie sind jedoch fast niemals so hochgradig und treten erst 
im Verlaufe des Gehens, nicht schon beim ersten Schritte hervor ; 
es handelt sich auch mehr um Schwäche und Schmerzen, als um 
Ataxie. Ferner besteht bei der Hysterie die allgemeine Neigung zu 
unbewußter Beeinflussung der körperlichen Vorgänge durch ge- 
mütliche Erregungen; hier dagegen liegt die Wurzel des Leidens 
einzig in einem gewissen Mangel an Mut und Selbstvertrauen, das 
den Kranken unsicher und ängstlich macht und ihn zu unwillkür- 
lichen, hemmenden und störenden Eingriffen in den Ablauf alltäg- 
licher Vorgänge veranlaßt. Daher sehen wir dort die Störungen 
vielfach wechseln, von einem Gebiete zum anderen überspringen, 
während sich hier ein ganz einförmiges, folgerichtig fortschreiten- 
des Krankheitsbild entwickelt. Der Einfluß der gemütlichen Span- 
nung schlägt hier nur die gewöhnlichen Bahnen ein. Zunächst 
handelt es sich um Behinderungen, wie sie etwa auch durch die 
Verlegenheit hervorgebracht werden können. Sie verstärken sich 
zwar unter Umständen allmählich bis zu den äußersten Graden, 
nehmen aber doch keine ganz fremdartigen Formen an, wie wir 
das vielfach bei der Hysterie beobachten. Gerade die kennzeich- 
nende Eigentümlichkeit der Hysterie, die Ausstrahlung der gemüt- 
lichen Wirkungen in sonst unzugängliche Bahnen, fehlt hier. Auch 
von der Abspaltung einzelner Bewußtseinsgebiete, wie wir sie dort 
annehmen dürfen, ist hier keine Rede ; die Störungen sind zwar 
unwillkürliche, aber keineswegs unbewußte. Endlich fehlen, wie 
schon angedeutet, die eigentlich hysterischen Krankheitserschei- 
nungen ; wo sich ausnahmsweise die eine oder andere nachweisen 
läßt, erklärt sich das aus der allgemeinen Verwandtschaft der 
psychogenen und hysterischen Störungen, namentlich ihrem ge- 
meinsamen Ursprünge aus Gemütsbewegungen. 



1424 ^** *-^ e psychogenen Erkrankungen. 

Besonders häufig scheint die Erwartungsneurose bei Kindern 
zu sein. Diejenigen Fälle von kindlicher ,, Hysterie", bei denen es 
sich um die Behinderung einzelner Vorgänge durch Schmerzen, 
Schwächegefühle, Spannungen, Unsicherheit, krampfartige Stö- 
rungen handelt, dürften zumeist dem hier umgrenzten Gebiete an- 
gehören; dafür spricht auch deren Zugänglichkeit für suggestive 
Behandlung und das Ausbleiben von Rückfällen, endlich das Fehlen 
anderweitiger hysterischer Krankheitszeichen, die ,, monosympto- 
matische' ' Umgrenzung. 

Offenbar steht die Erwartungsneurose in einer näheren Ver- 
wandtschaft zu den sogenannten ,, Phobien" ; es gibt wohl geradezu 
gewisse Übergangsformen zwischen beiden Krankheitsbildern. Den- 
noch liegen jenen letzteren in der Regel Befürchtungen mehr all- 
gemeiner Art zugrunde, während hier bestimmte persön- 
liche Erfahrungen den Ausgangspunkt des Leidens bilden. Bei 
den Phobien bewegen sich daher die Befürchtungen auch oft 
genug in mehreren, bisweilen wechselnden Richtungen, während 
die Erwartungsneurose ausgeprägt einseitig ist und immer einen 
hypochondrischen, die Vorgänge des eigenen Körpers betreffenden 
Inhalt hat. Dort wird der Eintritt irgendeines peinlichen oder un- 
heilvollen Ereignisses gefürchtet; hier dagegen handelt es sich um 
die Behinderung bestimmter, alltäglicher Vorgänge durch Gemüts- 
bewegungen. Gewisse Beziehungen bestehen vielleicht zu jenen 
Phobien, bei denen der gefürchtete Vorgang gerade durch die Angst 
vor ihm herbeigerufen wird, wie das Erröten, Erbrechen, die Durch- 
fälle. In beiden Fällen findet eine Beeinflussung des Körpers durch 
ängstliche Gemütsbewegungen statt, aber bei der Erwartungsneurose 
wird dadurch eine notwendige und selbstverständliche Leistung ge- 
stört, bei der Phobie eine unliebsame Erscheinung heraufbeschworen. 
Weiterhin sind es bei den Phobien wirkliche Angstzustände, die 
den Kranken behindern oder zu Schutzhandlungen treiben; hier 
dagegen wird sich der Kranke selbst des ängstlichen Ursprunges 
seiner Beschwerden zunächst gar nicht bewußt. Sie erscheinen als 
Schmerzen, Schwäche, Spannungen, Ataxie, kurz als rein nervöse 
Störungen. Ihr Wesen und ihre Entstehungsweise muß daher eine 
abweichende sein. Endlich sehen wir bei den Phobien regelmäßig 
einen vielfach schwankenden, aber nicht allzu häufig einen so stetig 
fortschreitenden Verlauf wie bei den schwereren Formen der Er- 



Die Erwartungsneurose. *4 2 5 

wartungsneurose. Dafür gelingt es uns auch nicht, dort jene raschen 
und endgültigen Heilungen zu erzielen, die wir hier so oft erreichen 
können. 

Auch mit der traumatischen Neurose zeigt die hier besprochene 
Erkrankung gewisse Übereinstimmungen, die Anknüpfung an be- 
stimmte Anlässe, die lähmende Wirkung der Ängstlichkeit auf das 
Selbstvertrauen und den Willen. Indessen handelt es sich bei der 
Erwartungsneurose regelmäßig nicht um eine einzelne heftige Ge- 
mütserschütterung, sondern um die sich allmählich verstärkende 
Wirkung kleiner unangenehmer Erfahrungen. Dementsprechend 
pflegen sich die Störungen wesentlich langsamer zu entwickeln, 
als bei den Unfallskranken. Vor allem aber fehlen durchaus die 
Wirkungen des Rentenkampfes, die bei der Unfallsneurose so sehr 
in den Vordergrund treten, die dauernde Niedergeschlagenheit, die 
allgemeine Arbeitsunfähigkeit, die Erregbarkeit des Herzens, die 
gemütliche Reizbarkeit. Vielmehr sind die Störungen mehr oder 
weniger scharf auf das einmal ergriffene Gebiet beschränkt. Sie 
sind aber auch in weit höherem Maße und weit rascher der psychi- 
schen Behandlung zugänglich, als die traumatische Neurose. 

Gerade dieser letztere Umstand ist, wie ich glaube, für das Ver- 
ständnis wie für die Umgrenzung der Erwartungsneurose von er- 
heblicher Bedeutung. Sehr viele Kranke werden ohne jede Behand- 
lung gesund, indem sie von selbst, unter dem Einflüsse irgendeiner 
Kur, durch den Zuspruch einer Vertrauensperson ihr Selbstvertrauen 
und damit die Kraft wiedergewinnen, ihres Leidens Herr zu werden. 
Es gibt aber eine nicht unerhebliche Zahl von Fällen, bei denen die 
ersten Mißerfolge in der Behandlung des Leidens die Hoffnung auf 
Wiederherstellung vollständig untergraben. Die Kranken beginnen 
wohl noch neue Kuren, gehen aber von vornherein mit der dunklen 
Befürchtung an sie heran, daß ihnen doch nicht mehr zu helfen sei. 
Diese Erwartung pflegt sich dann auch zu erfüllen, da ja weder 
Liege- und Mastkuren noch Massage, Elektrizität, Wasserbehand- 
lung, Arsen, Eisen, Spermin, Brom oder Valeriana imstande sind, 
sie von dem auf ihnen lastenden inneren Drucke zu befreien. Noch 
weniger nützt natürlich die Behandlung der sie quälenden örtlichen 
Störungen; im Gegenteil pflegt sie ungünstig zu wirken, da sie die 
Aufmerksamkeit der Kranken immer stärker auf ihre schwachen 
Punkte hinlenkt. 



1426 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Die einzige Behandlungsart, die zum Ziele führt, ist die psychi- 
sche, sofern sie unmittelbar am Ausgangspunkte des Leidens an- 
greift, an der krankhaften Erwartungsangst. Dazu ist es natürlich 
vor allem nötig, diesen Ursprung zu erkennen, was bei seiner Über- 
lagerung durch anscheinend rein körperliche Beschwerden nicht 
immer leicht ist. Unerläßlich ist vor allem die sorgsame Feststellung, 
daß den Klagen der Kranken keine körperlichen Veränderungen 
zugrunde liegen; jedenfalls hat man sich davon zu überzeugen, 
daß die Behinderungen außer jedem Verhältnisse zu den etwa 
nachweisbaren Befunden stehen. Zahlreiche Kranke mit Erwar- 
tungsneurose befinden sich nicht 'nur in Sanatorien, wo sie für 
neurasthenisch oder hysterisch gelten, sondern sie werden auch 
von Augenärzten, Chirurgen, Gynäkologen wegen irgendeines dunk- 
len Leidens behandelt. Eine meiner Kranken wurde schließlich 
wegen der Schmerzen, die beim Gehen auftraten und auch im 
Liegen noch andauerten, für osteomalacisch gehalten und erhielt 
dementsprechend längere Zeit hindurch Phosphor. Auch die „Psycho- 
analyse* * scheint sich hier gelegentlich zu versuchen. Einer meiner 
Kranken wurde unter diesem Gesichtspunkte von ihrem Arzte mit 
Nachdruck versichert, daß sie von ihrem Manne nicht befriedigt 
werde ; glücklicherweise glaubte sie es nicht. Eine andere berichtete 
mir über die erfolglos verlaufene psychoanalytische Sexualfolter mit 
den Worten: ,,Es war schrecklich !" 

Hat man das Wesen der Erwartungsneurose einmal richtig er- 
faßt, so gehört seine Behandlung zu den dankbarsten Aufgaben des 
Psychiaters. Zunächst wird man den Kranken über die Grundlage 
seiner Beschwerden aufklären und ihn davon zu überzeugen suchen, 
daß es sich bei ihm nicht um ein schweres körperliches Leiden han- 
delt, wie er annimmt, sondern lediglich um Folgeerscheinungen der 
Angst. Häufig wird man damit im Anfange auf Unglauben stoßen, 
um so mehr, je öfter der Kranke schon von den verschiedensten 
Versicherungen enttäuscht wurde, daß sein Leiden diesen oder jenen 
Ursprung habe. Nach kurzer, durch harmlose Maßregeln, Bäder, 
Bettruhe, ausgefüllter Vorbereitungszeit, die lediglich dazu dient, 
das Vertrauen des Kranken zu gewinnen und seine Eigenart kennen 
zu lernen, beginnen vorsichtige, aber planmäßig fortschreitende 
Übungen, wo sie nach der Art der Krankheitserscheinungen mög- 
lich sind. Auch hierbei stellen sich gewöhnlich allerlei Schwierig- 



Die Erwartungsneurose. *4 2 7 

keiten ein. Die Kranken werden ängstlich, suchen die an sie ge- 
stellten Anforderungen herabzumindern, widerstreben in mehr oder 
weniger versteckter Weise. Durch ruhigen, freundlichen und sach- 
gemäßen Zuspruch, der ihnen immer wieder die wahren Gründe 
ihrer Unfähigkeit vor Augen führt, gelingt es jedoch mit einiger 
Geduld regelmäßig, allmählich vorwärts zu kommen und die Lei- 
stungen Schritt für Schritt zu steigern, namentlich, wenn man die 
Übungen zuerst selbst überwacht, damit den Mut der Kranken hebt 
und auftauchende Befürchtungen im Entstehen unterdrückt. Sehr 
gute Dienste leistet bei den Kranken, die nicht gehen können, sich 
kraftlos und ruhebedürftig fühlen, ein regelrechter, mit den ein- 
fachsten Freiübungen beginnender Turnunterricht ; auch späterhin 
wird man hier, um den Willen, die Entschlußfähigkeit und das 
Selbstvertrauen zu kräftigen, die dauernde Beteiligung an einem 
geeigneten Sport empfehlen. 

Mit diesen einfachen, dem Wesen des Leidens angepaßten Mitteln 
ist es mir regelmäßig gelungen, binnen einigen Wochen oder läng- 
stens Monaten ein Schwinden aller beängstigenden Krankheits- 
erscheinungen zu erreichen, auch in Fällen, die viele Jahre, ja ein 
Jahrzehnt von den verschiedensten Ärzten mit allen möglichen 
Kuren erfolglos behandelt worden waren. Haben sich die Kranken 
erst einmal davon überzeugt, um was es sich handelt, so pflegen sie 
rasche Fortschritte zu machen ; sie gelangen dann auch bald da- 
zu, die hier und da auftretende Verzagtheit sogleich selbst wirksam 
zu bekämpfen und sich so vor Rückfällen zu bewahren. Die Kranken, 
deren weitere Schicksale ich verfolgen konnte, sind sämtlich ge- 
sund geblieben, zum Teil seit mehr als 20 Jahren. 

Eine wesentliche Stütze dieses, lediglich eine verständige Wach- 
suggestion anwendenden Behandlungsverfahrens bildet unter Um- 
ständen die beruhigende Wirkung einer leichten hypnotischen Be- 
einflussung. Sie wird unentbehrlich, wo im Beginne zu starke 
ängstliche Widerstände vorhanden sind, oder wo eine fortschreitende, 
planmäßige Übung ausgeschlossen ist, wie bei den Behinderungen 
des Einschlafens, des Schluckens, bei der psychischen Impotenz. 
Der Erfolg der Hypnose ist, namentlich bei Kindern, bisweilen ganz 
verblüffend. Man vermag unter Umständen in einer oder einigen 
wenigen Sitzungen äußerst hartnäckige und beunruhigende Störungen 
glatt und dauernd zu beseitigen. In anderen Fällen ist freilich viel 



1428 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

mehr Geduld nötig. Hindernd wirkt einmal die unausgesprochene, 
meist nicht in Erfüllung gehende Erwartung der Kranken, daß sie 
bei der Hypnose in Schlaf verfallen müßten, weiterhin die einge- 
wurzelte, oft durch ungeschickte Vorversuche genährte Überzeugung, 
daß sie der Hypnose nicht zugänglich seien oder doch durch sie nicht 
geheilt werden könnten. Es ist wichtig, diese Gegensuggestionen 
rechtzeitig aufzudecken und durch geeignete Einwirkungen un- 
schädlich zu machen. Sichere Fälle von Erwartungsneurose, die 
bei zweckmäßiger Behandlung einer Heilung oder doch wesentlichen 
Besserung nicht zugänglich gewesen wären, sind mir bisher nicht 
vorgekommen. Ob sich aber bei sehr langer Dauer des Leidens 
unter ungünstigen Verhältnissen, namentlich aber bei Personen 
mit sonstigen starken psychopathischen Mängeln, nicht doch ein 
unheilbares Siechtum ausbilden kann, möchte ich einstweilen da- 
hingestellt sein lassen. 

2. Die Verkehrspsychosen (Homilopathien). 
C. Das induzierte Irresein. 

Unter der Bezeichnung des induzierten Irreseins 1 ) fassen wir 
diejenigen Seelenstörungen zusammen, die durch den psychi- 
schen Einfluß von Geisteskranken verursacht werden. Diese 
Begriffsbestimmung schließt demnach alle diejenigen Formen aus, 
welche bei verschiedenen Personen gleichzeitig, aber ohne ursäch- 
liche Abhängigkeit voneinander, wenn auch in ähnlicher Weise, 
auftreten, ebenso natürlich die Erkrankungen aus gemeinsamer 
körperlicher Ursache, wie die syphilitischen, paralytischen, alkoho- 
lischen, kokainistischen Psychosen. Endlich wären solche Fälle 
auszuscheiden, in denen der Einfluß des zunächst Erkrankten nur 
als auslösender, nicht aber als allein oder doch wesentlich krank- 
machender Umstand in Betracht kommt. Schönfeldt spricht da- 
von, daß die Psychose des Induzierenden die „spezifische" Ursache 
der durch sie erzeugten Erkrankung sein müsse. Das trifft außer 
für die Anfälle des manisch-depressiven Irreseins auch für das 
große Gebiet der hysterischen Erkrankungen nicht zu. Bei ihnen 

x ) Raimann, Wiener klin. Wochenschr. XVIII, 8; Weygandt, Beitrag zur 
Lehre von den psychischen Epidemien. 1905; Partenheimer, Zeitschr. f. d. ges, 
Neurol. u. Psychiatrie VI, 326. 



Das induzierte Irresein. *4 2 9 

haben wir es zwar nicht so selten mit auffälligster Abhängigkeit 
der Krankheitserscheinungen von ähnlichen Störungen umgebender 
Personen zu tun, aber die weitere Verarbeitung dieser Einflüsse ist 
dabei doch eine so eigenartige, daß wir in der hysterischen Veran- 
lagung die eigentliche Ursache der in der Regel auch rasch wieder 
schwindenden krankhaften Zufälle sehen dürfen ; zu ihrem Auf- 
treten gibt die induzierende Einwirkung eines anderen Kranken 
nur in ähnlicher Weise den äußeren Anstoß, wie es irgendein anderes 
erregendes Ereignis tun könnte. Es liegt daher kein Grund vor, 
derartige Erfahrungen von den sonstigen Erscheinungsformen der 
Hysterie abzutrennen. 

Die Zahl der Beobachtungen, die unter diesen Gesichtspunkten 
noch übrigbleibt, ist eine ziemlich kleine. Dennoch kann kein 
Zweifel darüber bestehen, daß hier und da doch psychische Erkran- 
kungen vorkommen, die ihre Entstehung lediglich der Beeinflussung 
durch andere Geisteskranke verdanken. Der bei weitem größte Teil 
dieser Störungen gehört dem Grenzgebiete zwischen geistiger Gesund- 
heit und Krankheit an, insofern es sich bei beiden Beteiligten, 
mindestens aber bei dem Induzierten, nicht um eine ausgesprochene 
Geistesstörung, sondern um verhältnismäßig geringfügige Abwei- 
chungen von der Gesundheitsbreite handelt. Wie bereits im all- 
gemeinen Teile angedeutet, spielt die erregende Wirkung krank- 
hafter oder doch ans krankhafte streifender Zustände auf die Um- 
gebung in mannigfachen Erscheinungen des Gesellschaftslebens eine 
erhebliche Rolle, namentlich bei der Sektenbildung, bei gewissen 
religiösen Übungen, bei der Panik und ähnlichen, die Massen in 
Aufruhr versetzenden Vorgängen. 

Beschränken wir uns hier mehr auf die klinische Betrachtungs- 
weise, so läßt sich zunächst etwa feststellen, daß ein Geisteskranker 
das Seelenleben der ihn umgebenden Personen in sehr verschiede- 
nem Grade in Mitleidenschaft ziehen kann. Dabei kommt es jedoch 
nur in seltenen Fällen zur Entwicklung ausgeprägter psychischer 
Störungen. Die Beeinflussung gestaltet sich regelmäßig so, daß von 
dem Induzierten in erster Linie gewisse krankhafte Vorstellungen 
des Vorbildes ohne Berichtigung übernommen werden. Eine Reihe 
von Vorstellungskreisen pflegen hier immer wiederzukehren. Auf 
der einen Seite handelt es sich um Verfolgungsideen. Der Induzierte 
gewinnt die Überzeugung, daß dem Kranken Unrecht geschehen sei, 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 3 



1430 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

daß er Feinde hat, die ihn zu unterdrücken, vielleicht aus der Welt 
zu schaffen suchen, ihm Geld, Rang und Würden vorenthalten. Er 
hält ihn für geistig vollkommen gesund, seine Angaben über Nach- 
stellungen, Schädigungen und Beeinträchtigungen aller Art für wahr, 
seine Abwehr- und Verteidigungsmaßregeln für berechtigte Selbst- 
hilfe. Auch ihm leuchtet es ein, daß die von dem Kranken vorge- 
brachten wahnhaften Vorgänge je nachdem nicht ohne schwere 
Pflichtverletzungen der Gerichte, der Polizei, der Regierung oder 
planmäßige Feindseligkeit bestimmter Personen möglich sind, die 
er daher sehr abfällig zu beurteilen geneigt ist. 

Eine wesentlich größere induzierende Rolle pflegen aber Größen- 
ideen zu spielen. Sie treten im allgemeinen bei den Kranken, die 
ihre Umgebung in stärkerer Weise zu beeinflussen vermögen, mehr 
in den Vordergrund; sie erwecken aber auch Aussichten und Hoff- 
nungen, die leichter Widerhall bei der Umgebung finden, als die 
doch immer nur den Kranken allein bedrohenden Verfolgungen. 
Personen, die mit großen Geldansprüchen hervortreten, finden daher 
verhältnismäßig leicht Glauben, namentlich wenn es sich um Hun- 
derttausende oder gar Millionen handelt. Die verlockende Möglich- 
keit, an dem zu erwartenden Segen auch ein wenig teilnehmen zu 
können, ist ein sehr günstiger Boden für die Leichtgläubigkeit. Die 
Höhe der Summe verstärkt die einleuchtende Kraft auch noch 
deswegen, weil es zu gewagt erscheinen muß, so weitgehende 
Behauptungen ohne triftige Begründung aufzustellen. Ähnliche 
Gesichtspunkte gelten für die nicht seltenen Ideen vornehmer Ab- 
stammung, die für den Induzierten ebenfalls wesentlich die Aus- 
sicht auf allerlei sehr greifbare Vorteile bedeuten. Am leichtesten 
findet aus naheliegenden Gründen die Behauptung der Kranken 
Glauben, ein Kind der Liebe aus fürstlichem, womöglich regieren- 
dem Hause zu sein, mit Anspruch auf reichlich bemessene Ent- 
schädigung, seltener auch auf den Thron. 

Die bei weitem ergiebigste Quelle der psychischen Beeinflussung 
aber entspringt auf religiösem Gebiete. Einerseits besteht ja im 
weitesten Umfange das Bedürfnis nach näheren Beziehungen mit 
den höheren Mächten und tieferem Eindringen in die Geheimnisse 
des Übersinnlichen; andererseits aber versagen hier mehr oder 
weniger alle Hilfsmittel verstandesmäßiger Beurteilung. Auch das 
Unwahrscheinlichste, das Wunder, die göttliche Sendung und Ab- 



Das induzierte Irresein. M3 1 

stammung, ist wenigstens grundsätzlich nicht ganz unmöglich. 
Kranke, die eine abweichende Art von religiösen Anschauungen 
und von Gottesverehrung vertreten, die Bibel auf ihre Weise deuten, 
sich als besonders begnadet, als Propheten und Nachfolger Christi 
ausgeben, finden daher nicht allzu schwer diesen oder jenen Gläu- 
bigen, der von der neuen, vielleicht den Regungen der Volksseele 
mehr entsprechenden Lehre und dem in greifbare Nähe gerückten 
Erlöser mehr erhofft, als von den überlieferten Glaubensanschau- 
ungen der Kirche. Ins Gewicht fällt dabei natürlich auch die Aus- 
sicht, zu der kleinen Schar Auserwählter zu gehören und auf diese 
Weise eine bevorzugte Ausnahmestellung einzunehmen. Nament- 
lich die Armen und Bedrängten pflegen besonders geneigt zu sein, 
sich solchen neuen Erlösungsmöglichkeiten zuzuwenden, zumal 
wenn sie ihrem Verlangen entgegenkommen, an den Freuden dieser 
und jener Welt in reichlicherem Maße teilzunehmen. 

Die bis hierher geschilderten Beeinflussungen gehören im all- 
gemeinen noch durchaus der Gesundheitsbreite an. Leichtgläubig- 
keit und Urteilslosigkeit, Neigung zu Aberglauben und Schwarm- 
geisterei sind der Boden, auf dem die Übernahme fremder Wahn- 
vorstellungen verhältnismäßig leicht erfolgt. Der Vorgang ist grund- 
sätzlich nicht wesentlich verschieden von demjenigen, der sich bei 
der Entstehung und Verbreitung von Parteien, Sekten, „Richtungen", 
Zeitströmungen aller Art abspielt. Nur wird hier die Krankhaftig- 
keit des Ausgangspunktes verkannt, sei es, weil nach der Natur 
der Dinge die richtige Würdigung dieses Umstandes unmöglich oder 
doch schwierig ist, sei es, daß aus Nachlässigkeit, Gedankenlosigkeit 
oder Urteilsschwäche jede nähere Prüfung unterbleibt. 

Unmerklich aber kann die rein verstandesmäßige Anerkennung 
fremder wahnhafter Vorstellungen sich zu einer persönlichen, ge- 
mütlich stark betonten Parteinahme fortentwickeln, die dann auch 
für das Handeln maßgebende Bedeutung gewinnt. Auch dieser Vor- 
gang hält sich noch im Rahmen des Gesunden, wenn das von über- 
nommenen wahnhaften Voraussetzungen ausgehende Handeln we- 
nigstens durch verständige Beweggründe geleitet wird. Wer die 
Beschwerden eines angeblich rechtswidrig seiner Freiheit beraubten 
Geisteskranken für begründet hält und tatkräftig seine Partei er- 
greift, leidet deswegen natürlich noch nicht an induziertem Irresein, 
ebensowenig wie ein Bauer, der einen mit großen Geldansprüchen 

3 # 



1432 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

hervortretenden Querulanten als willkommenen Schwiegersohn zu 
gewinnen suchte. Immerhin besteht hier die ernste Gefahr, all- 
mählich ins Fahrwasser des Krankhaften hineinzugleiten, je mehr 
nicht nur die wahnhaften Gedankengänge ohne Berichtigung selb- 
ständig fortgesponnen werden, sondern auch die Gemütslage und 
das Handeln von ihnen maßgebend beeinflußt wird. Schließlich kann 
es zu einer so starken Beeinflussung der Persönlichkeit kommen, 
daß eine weitgehende Annäherung des gesamten Denkens, Fühlens 
und Wollens an dasjenige des krankhaften Vorbildes zustande 
kommt. 

Auf diese Weise kann sich zunächst der induzierte Verfolgungs- 
wahn entwickeln. Hier wird unter Umständen auch die Ver- 
arbeitung äußerer Eindrücke in Mitleidenschaft gezogen. Dem 
Induzierten enthüllen sich überall dieselben feindseligen Bedrohun- 
gen, die den induzierenden Kranken beunruhigen, verdächtige Ge- 
räusche, Gebärden und Mienen. Es klopft an der Türe, wispert vor 
dem Fenster, poltert auf dem Dachboden; an den Scheiben der 
Glastüre huschen Gestalten vorüber; in der Wand sind Beobach- 
tungslöcher. Die Luft im Zimmer ist dunstig, mit giftigen Gasen 
geschwängert ; das Essen hat einen abscheulichen Geschmack. Der- 
artige beängstigende Wahrnehmungen häufen sich bei gegenseitiger 
Beeinflussung. Jeder der Kranken steigert die wahnhafte Befangen- 
heit des anderen und entnimmt aus deren Schöpfungen wieder die 
Bestätigung für die eigenen krankhaften Auffassungen. Oft weiß 
keiner mehr, was er selbst wirklich wahrgenommen hat, und was 
ihm von dem anderen mitgeteilt wurde. Wir begegnen hier der 
bekannten Erfahrung, daß Gemütsbewegungen und damit deren 
verfälschende Einwirkungen auf die Wahrnehmung sich rasch ver- 
stärken, sobald sie Widerhall finden. 

Ferner können sich Erinnerungsfälschungen entwickeln. Ent- 
sprechend den Erfahrungen über die gegenseitige Beeinflussung von 
Zeugen nach häufigen Vernehmungen, trübt und verändert sich 
das Bild der Vergangenheit durch übernommene wahnhafte Be- 
standteile. Eine Kranke, die längere Zeit nach Abschluß eines Ver- 
trages mit der Behauptung herausrückte, sie habe mit ihrem Manne 
nur leere Blätter unterschrieben, brachte diesen, der allerdings er- 
heblich altersschwachsinnig war, binnen kurzem zu der gleichen 
Angabe. Häufig genug erweist es sich als ganz unmöglich, mit 



Das induzierte Irresein. 1433 

einiger Zuverlässigkeit festzustellen, was der Induzierte wirklich 
selbst erfahren hat, und was ihm aufgedrängt wurde, da er außer- 
stande ist, diese verschiedenen Bestandteile auseinanderzuhalten. 

Gewöhnlich kommt es zu einer widerstandslosen Unterordnung 
des eigenen Urteils unter das des induzierenden Kranken, oder rich- 
tiger, nur dort, wo diese Unterordnung stattfindet, nimmt die Be- 
einflussung das Gepräge des Krankhaften an. Auch die unsinnig- 
sten und widerspruchsvollsten Behauptungen werden gar nicht 
weiter geprüft, sondern ohne weiteres hingenommen ; an die Stelle 
der verstandesmäßigen Überzeugung tritt der blinde Glaube. Be- 
günstigt wird diese Beeinflussung namentlich durch Ängstlichkeit. 
Sobald der Induzierte die Überzeugung gewinnt, daß er selbst mit- 
gefährdet ist, pflegt seine Kritik zu versagen. Ein schon früher 
erwähntes, von seiner Herrin in Schrecken versetztes Dienstmädchen 
wurde von ihr leicht überzeugt, daß ein Mörder im Klavier ver- 
steckt sei. 

Im Zusammenhange mit den übernommenen Wahnvorstellungen 
wird auch die Stimmung und das Handeln beeinflußt. Die Furcht 
vor feindlichen Einwirkungen, das Mißtrauen gegen die Umgebung 
führen zur Absperrung und zu allerlei Schutzmaßregeln. Die Kran- 
ken schließen sich zusammen ein, verrammeln Türen und Fenster, 
lassen niemanden mehr ins Haus, beten Tag und Nacht, nehmen 
keine Nahrung zu sich, um nicht vergiftet zu werden, rufen um Hilfe, 
schimpfen zum Fenster hinaus. Sie steigern sich gegenseitig immer 
mehr in Angst und Verzweiflung hinein, vernachlässigen ihre körper- 
liche Pflege, lassen sich verwahrlosen und schreiten schließlich viel- 
leicht zum gemeinsamen Selbstmorde, wie in einem von Kon- 
stantinowsky berichteten Falle, in dem sich 5 Schwestern gleich- 
zeitig vergifteten. Auf die Anhänger der Querulanten pflegt sich 
deren Kampfesstimmung zu übertragen; sie schreiben Eingaben, 
Zeitungsaufsätze, Streitschriften, suchen die öffentliche Meinung 
aufzuklären und die Gesetzgebung zu beeinflussen. 

Bei dauerndem Zusammenleben kann auch das gesamte äußere 
Verhalten des induzierten Kranken bis in alle Einzelheiten hinein 
in den Bann seines Vorbildes geraten. Die beiden Kranken 
können sich auf das innigste aneinander anschließen, unzertrenn- 
lich werden, sich gleich kleiden, dieselben Wendungen gebrauchen, 
sich in Haltung, Gang, Gebärden und Mienenspiel genau aneinander 



1434 ^^' **^ e psychogenen Erkrankungen. 

anpassen. Am leichtesten vollzieht sich diese Entwicklung natür- 
lich bei Blutsverwandten. Auf der anderen Seite beobachtet man 
hier und da wieder eine gewisse Selbständigkeit in der Ausbildung 
der Krankheitserscheinungen, wenn auch die Gemeinsamkeit der 
Ausgangspunkte regelmäßig deutlich erkennbar bleibt. 

Bei einer zweiten Hauptgruppe von Fällen steht der Größenwahn 
im Vordergrunde des Krankheitsbildes. Freilich läßt sich eine solche 
Scheidung nicht streng durchführen, da sich beim induzierenden 
Kranken vielfach Größenideen und Verfolgungsideen miteinander 
verbinden, doch pflegt die Färbung der Stimmung bald mehr von 
diesen, bald mehr von jenen beeinflußt zu sein. Auch hier können 
Trugwahrnehmungen durch Suggestion erzeugt werden. Die von 
Sikorski geschilderten ,, Malewanzen' ' rochen den unvergleich- 
lichen Duft des heiligen Geistes, sahen Farben; Gestalten, Kronen 
am Himmel, bemerkten, wie ihre Glaubensgenossen über der Erde 
schwebten. Eine meiner Kranken begann leuchtende Farben, 
Blumen, das Jesuskind, die Himmelsmutter zu sehen, als ihr ähn- 
liches von einer Frau mitgeteilt wurde, die gleich ihr von einer 
dritten induziert worden war. 

Die blinde, widerspruchslose Übernahme fremder Überzeugungen 
erscheint vielleicht am begreiflichsten bei religiösen Wahnbildungen, 
die sich von vornherein nur an den Glauben wenden. Die Aus- 
sprüche des mit großer Sicherheit auftretenden Nachfolgers Christi, 
des Herrn und Meisters, gelten bedingungslos als ewige Wahr- 
heiten ; seine Prophezeiungen und Verheißungen werden sich buch- 
stäblich erfüllen, so daß sie unbedenklich als Richtschnur für die 
gesamte Lebensführung hingenommen werden. Eine Kranke glaubte 
an die religiösen „Kündigungen" einer Frau, weil sich doch vieles 
,,so schön gereimt" habe. Aber auch der geheimnisvolle Nimbus, 
der den Fürstensproß und Thronanwärter umgibt, vermag ihren 
Anhängern selbst die abenteuerlichsten Behauptungen schmack- 
haft zu machen. Eine Kranke, die erklärte, sie sei der Sohn ( !) 
Ludwigs II. und der Herzogin von Alencon, werde demnächst 20 Mil- 
lionen erhalten und den bayrischen Thron besteigen, fand bei einer 
Reihe von Personen Glauben und Unterstützung. Eine Kloster- 
schwester, der sie, nach ihrer Angabe mit päpstlichem Dispens, die 
Ehe und die Königinwürde versprochen hatte, meinte auf Vorhalt : 
,, Unter der Sonne kann alles vorkommen, und das ist eben kein 



Das induzierte Irresein. 1435 

gewöhnlicher Fall." Sie stützte sich, wie das sehr häufig vorkommt, 
darauf, daß auch andere an „ihn" glaubten, und entkräftete die 
schriftliche Auskunft, daß sie einer Schwindlerin zum Opfer gefallen 
sei, mit dem Hinweise, das Schreiben habe weder Stempel noch 
Unterschrift getragen. 

Auf Grund ihrer Überzeugungen führen die Parteigänger der 
Kranken allerlei Kämpfe, um der gerechten Sache zum Siege zu 
verhelfen. Sie bringen Geldmittel zusammen, machen Reisen, suchen 
einflußreiche Persönlichkeiten auf. Ein Mann, den seine kranke 
Frau davon überzeugt hatte, daß ihr nebst vielen anderen Besitzungen 
auch das Gasthaus gehöre, in dem sie zur Miete wohnten, begann 
eines Tages, selbst das Schlafgeld von den Gästen einzufordern, und 
traf Anstalten, den eigentlichen Wirt an die Luft zu setzen. Die 
Beeinflussung durch religiösen Größenwahn führt zu Sektenbildung 
mit ihren Begleiterscheinungen. Die Kranken treten aus der Kirche 
aus, widersetzen sich den kirchlichen Geboten, halten Zusammen- 
künfte, erbauen sich an den Predigten ihres Meisters, dem sie ge- 
horchen, entsprechende Ehrungen erweisen und nach Kräften Geld 
spenden. Die Jünger eines Kranken, der sich für den ,, himmlischen 
Hochzeitsmahlgeber" erklärte, brachten die großen Kosten einer 
Vervielfältigung seiner umfangreichen Predigten und Prophezeiungen 
auf und verteilten diese zu zwei verschiedenen Malen in einer Reihe 
von bayrischen Städten. Bei Völkern mit stärkerer Neigung zu 
religiöser Schwärmerei, wie bei den Russen, ergeben sich mitunter 
auch weit folgenschwerere Handlungen. Die von Sikorski be- 
schriebenen Kranken verkauften in sicherer Erwartung des geweis- 
sagten jüngsten Tages Hab und Gut, um ihr Leben noch nach Mög- 
lichkeit zu genießen. Selbst Menschenopfer oder freiwillige Selbst- 
aufopferung sind schon in solchen Sekten vorgekommen. Die Aus- 
bildung des induzierten Krankheitsbildes pflegt sich hier im all- 
gemeinen eng an das Vorbild anzuschließen, bleibt aber an Reich- 
haltigkeit meist hinter ihm zurück. So erwarb sich die Tochter 
einer meiner Kranken wie jene die Gabe der Wahrträume, konnte 
aber nicht, wie sie, im Wachen prophezeien. ,,Weil meine Träume 
alle wahr werden, muß ich sie doch glauben", meinte sie. 

Außer der Übernahme und inneren Verarbeitung von Wahn- 
vorstellungen nebst den sich daraus ergebenden Folgen für das 
Handeln begegnen uns im Bereiche des induzierten Irreseins noch 



1436 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

mehr vorübergehende Erregungszustände, die bald mehr ein 
ängstlich-verwirrtes, bald mehr ein ekstatisch-verzücktes Gepräge 
tragen. Die ersteren finden sich vorzugsweise in Verbindung mit 
Verfolgungswahn, unter Umständen auch mit Besessenheitsideen. 
Die Kranken geraten, meist unter gegenseitiger starker Beeinflus- 
sung, in heftige Unruhe, werden schlaflos, verkennen Umgebung 
und Vorgänge im Sinne ihrer Wahnvorstellungen, führen verwirrte, 
zusammenhanglose Reden, begehen verkehrte Handlungen, schreien, 
brüllen, wälzen sich am Boden, widerstreben. Die zweite Form ent- 
wickelt sich namentlich im Anschluß an gemeinsame religiöse 
Übungen und stellt eine Steigerung der überschwänglichen Stim- 
mungen dar, in die sich die Gläubigen durch gegenseitige An- 
eiferung zu versetzen pflegen. Visionäre Trugwahrnehmungen, Ge- 
fühle von Überseligkeit, von geistiger Durchströmung und innerer 
Erleuchtung, der Drang, zu predigen, ,,in fremden Zungen zu 
reden", zu singen, herumzutanzen, plötzliche Einfälle („Ein- 
gebungen") triebartig auszuführen, spielen dabei eine große Rolle. 
Gewöhnlich verknüpfen sich damit erotische Erregungen, die 
den Anlaß zu wilden, in das Gewand der Kultushandlung sich 
kleidenden Ausschweifungen geben können. Auch hysterische Zu- 
fälle, Zuckungen, Zittern, Ohnmächten, Krämpfe, starrkrampf- 
ähnliche Zustände, sind häufig. Seltener und wohl nur auf dem 
Boden hysterischer Veranlagung kann sich eine Art besonnenen 
Deliriums entwickeln. Eine meiner Kranken, die von einer anderen 
für ein abenteuerliches religiöses Liebeswerk gewonnen worden war 
und lebhafte Visionen gehabt hatte, fühlte, wie das Jesuskind von 
ihrem linken Arm Besitz nahm, den sie einwickeln, streicheln und 
küssen mußte, und mit dem sie sich in der Weise unterhielt, daß die 
rechte Hand durch Bewegungen antwortete. ,,Das ist etwas, das 
noch nicht so leicht da war", meinte sie. Bisweilen mußte sie 
schnaufen wie ein Auto, wurde vom heiligen Geiste geschüttelt und 
fiel unter Zuckungen hintenüber. 

Der Verlauf der induzierten Geistesstörungen ist in hohem 
Maße von den äußeren Bedingungen abhängig, unter denen die 
Kranken leben. Die zuletzt geschilderten Zustände pflegen sich bei 
sachgemäßer Behandlung fast plötzlich, jedenfalls aber binnen 
wenigen Tagen zu verlieren. Weniger leicht beeinflußbar sind die 
rein wahnhaften Formen. Auch hier zeigt sich jedoch regelmäßig, 



Das induzierte Irresein. 1437 

daß die Krankheitserscheinungen bei Trennung von der induzieren- 
den Persönlichkeit ziemlich bald ihre Gewalt verlieren. Das leb- 
hafte Interesse an dem gemeinsamen Wahne beginnt zu verblassen ; 
der Kranke wird weniger ablehnend gegenüber Einwendungen, gibt 
vielleicht zu, daß er sich in diesem oder jenem Punkte getäuscht 
haben könne, daß er nervös, aufgeregt gewesen sei. Nicht selten 
kommt auch eine wirkliche Krankheitseinsicht zustande. In an- 
deren Fällen verliert zwar der Wahn seine bestimmende Bedeutung 
für das Seelenleben, wird aber nicht oder doch nur unvollkommen 
berichtigt ; die Kranken bleiben dauernd von der Richtigkeit der 
übernommenen Vorstellungen überzeugt, verzichten jedoch darauf, 
sie weiter zu verfolgen und in Handeln umzusetzen. Bouman hat 
einen Fall mitgeteilt, in dem ein unter den Einflüssen seines Bruders 
erkrankter und dann genesener junger Mann von neuem in ängst- 
liche Erregung verfiel, als der Zustand des Bruders, den er pflegte, 
sich wieder verschlechterte. 

Die allgemeinen Wurzeln des induzierten Irreseins liegen in der 
gegenseitigen Beeinflußbarkeit und im Nachahmungstriebe der 
Menschen, wie sie die Grundlage einerseits aller Erziehung und 
Gesittung, andererseits der Massenpsychologie bilden. Das Wirk- 
same ist überall die stärkere Persönlichkeit, der entschiedenere 
Wille. Natürlich vermögen aber nur solche Kranke auf ihre Um- 
gebung einen bestimmenden Einfluß auszuüben, die von dieser für 
geistig gesund gehalten werden. Wenn die Urteilsfähigkeit in diesem 
Punkte auch innerhalb sehr weiter Grenzen schwankt, so ergibt sich 
doch, daß als induzierende Kranke wesentlich nur besonnene und 
geordnete Persönlichkeiten in Betracht kommen, deren Wahnbil- 
dungen sich nicht allzuweit von der Wahrscheinlichkeit oder wenig- 
stens Möglichkeit entfernen. Die Hauptrolle spielen daher die Para- 
noiker und die Querulanten ; in geringerem Umfange und unter be- 
sonderen Umständen können einzelne paranoide, namentlich para- 
phrenische Kranke induzierende Wirkungen ausüben. Auch manisch 
veranlagte Kranke mit paranoiden Zügen kommen hier gelegentlich 
in Betracht. Die unbekümmerte Rücksichtslosigkeit, mit der die 
wahnbildenden Kranken ihre Ideen zu verfechten und bei der Ver- 
wirklichung ihrer Pläne vorzugehen pflegen, ferner der ungewöhn- 
liche und aufregende Inhalt ihrer krankhaften Vorstellungen sind 
gewiß für die Wirkungen, die sie auf ihre Umgebung ausüben, von 



1438 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

nicht zu unterschätzender Bedeutung. Verstärkt werden sie noch, 
wenn äußere Umstände, die Stellung des Kranken in der Familie, in 
der Gesellschaft oder hervorragende persönliche Eigenschaften seinen 
Anschauungen und Willensmeinungen besonderes Gewicht verleihen. 

Auf der anderen Seite wird eine induzierte Geistesstörung am 
leichtesten bei Personen mit großer Beeinflußbarkeit zustande kom- 
men. Leichtgläubigkeit, gemütliche Erregbarkeit, Bestimmbarkeit 
bahnen ihr den Weg. Nach einer Zusammenstellung von Jörger 
standen etwa die Hälfte der Induzierten diesseits des 30. Lebens- 
jahres; das weibliche Geschlecht scheint stärker vertreten sein, 
wie es ja auch seiner erhöhten Beeinflußbar keit entspricht. Eine 
erhebliche Rolle spielt jedenfalls die Veranlagung. Wenn sich über 
diese Frage zurzeit auch genauere Angaben nicht machen lassen, 
so war es doch in den meisten von mir beobachteten Fällen unver- 
kennbar, daß es sich um urteilslose, bisweilen geradezu schwach- 
sinnige, ferner um hysterische oder sonstwie psychopathische Per- 
sönlichkeiten handelte. Von Wichtigkeit aber ist sodann die Tatsache, 
daß ganz besonders häufig Mitglieder einer und derselben Familie 
einander in krankmachender Weise beeinflussen. Wollen berg, der 
108 Fälle zusammengestellt hat, berichtet, daß 32 mal eine Schwester, 
je 14 mal ein Bruder, die Mutter oder eine Tochter, 8 mal ein Sohn, 
6 mal der Vater und 3 mal weitläufige Verwandte in zweiter Linie 
erkrankten. Für den Ehemann traf das nur 7 mal, für die Frau 
5 mal, für Fremde ebenfalls 5 mal zu. Es sind auch eine ganze Reihe 
von Beobachtungen bekannt, in denen 3, 4, ja 6 und 8 Mitglieder 
einer Familie anscheinend unter gegenseitigem Einflüsse erkrank- 
ten. Sicherlich wird man zur Erklärung derartiger Erfahrungen 
auch auf das enge Zusammenleben, die von Jugend auf bestehende 
Gemeinsamkeit der Lebensanschauungen und Interessen Wert legen 
müssen, namentlich, wenn die Kranken, wie nicht selten, schon 
lange vorher die Neigung hatten, sich von der Umgebung abzu- 
schließen und sich miteinander einzuspinnen. Indessen deutet doch 
die verhältnismäßige Seltenheit des induzierten Irreseins bei Ehe- 
gatten darauf hin, daß bei den familiären Erkrankungen weit mehr 
die Blutsverwandtschaft, als die Lebensgemeinschaft ins Gewicht 
fallen dürfte. 

Daß durchaus nicht alle Fälle von gemeinsamer psychischer Er- 
krankung als induziertes Irresein anzusehen sind, wurde schon 



Das induzierte Irresein. 



1439 



früher betont. Außer den dort angeführten Einschränkungen ist 
ausdrücklich noch auf die Möglichkeit hinzuweisen, daß es sich um 
Fälle von familiärer Dementia praecox handeln kann. Namentlich 
dort, wo sich nach lange schon bestehenden Absonderlichkeiten das 
Leiden schleichend, vielleicht auch mit akuten Schüben entwickelt, 
wird daran gedacht werden müssen. Wir haben hier wohl mit 
Sicherheit anzunehmen, daß die eigentliche Ursache des Leidens bei 
allen Betroffenen nicht in psychischen Einflüssen zu suchen ist. 
Andererseits aber macht es doch den Eindruck, als ob unter Um- 
ständen die mit der Erkrankung eines Familienmitgliedes verbundene 
Erregung auch bei anderen ähnliche Krankheitserscheinungen aus- 
zulösen vermöchte, die vielleicht sonst nicht zustande gekommen 
wären. Man wird sich hier daran erinnern, daß sich in einer Familie 
neben den ausgebildeten schizophrenen Erkrankungen häufig noch 
manche abnorme Persönlichkeiten finden, die für gewöhnlich nur ge- 
wisse leichte Absonderlichkeiten und Mängel darbieten, bei gegebenem 
Anlasse aber doch wenigstens vorübergehend auch schwerere Krank- 
heitserscheinungen zeigen können. Es ist ja eine nicht seltene Erfah- 
rung, daß in schleichend verlaufenden Fällen von Dementia praecox, 
so bei alten Landstreichern und Gewohnheitsverbrechern, unter dem 
Einflüsse einer psychischen Erregung bisweilen rasch ausgeprägtere 
Krankheitsbilder zur Entwicklung kommen können. Solche Be- 
obachtungen würden dann denjenigen beim manisch-depressiven 
Irresein an die Seite zu stellen sein, mit dem Unterschiede, daß in 
unserem Falle ein dauerndes, wenn auch äußerlich wenig hervor- 
tretendes psychisches Siechtum besteht. 

Aus den Entstehungsbedingungen des induzierten Irreseins er- 
gibt sich, daß die Krankheitserscheinungen nach Art, Verlauf und 
Dauer regelmäßig eine deutliche Abhängigkeit von der ursächlichen 
Erkrankung aufweisen müssen. Allerdings wird man nicht etwa 
immer ein genaues Abbild dieser letzteren erwarten dürfen, wie es 
bisweilen vorkommt ; meist wird die induzierte Psychose einerseits 
schwächer entwickelt sein, andererseits doch auch wieder diese oder 
jene persönlichen Züge darbieten. Namentlich die Erregungszustände 
pflegen eine mehr selbständige Gestaltung zu zeigen. Schönfeldt 
hat die Ansicht ausgesprochen, daß von einem induzierten Irresein 
nur dann die Rede sein könne, wenn die Wahnvorstellungen nach 
der Trennung von dem Ersterkrankten längere Zeit hindurch fest- 



1440 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

gehalten und weiter verarbeitet würden. Wo das nicht geschehe, 
liege ein einfacher Irrtum und keine Wahnbildung vor. 

Es ist gewiß richtig, daß auf diesem Gebiete die Grenzen zwischen 
Irrtum und Aberglauben einerseits, krankhaftem Wahne andererseits 
schwer zu ziehen sind. Dennoch wird man wohl nicht darin allein das 
Kennzeichen des Krankhaften sehen dürfen, daß die übernommenen 
Vorstellungen dauernd unberichtigt bleiben. Bildet die Beeinflussung 
durch einen anderen Geisteskranken wirklich die Ursache des in- 
duzierten Irreseins, so wäre es durchaus denkbar, daß die so ent- 
standenen Störungen wieder schwinden, sobald ihre Ursache be- 
seitigt wird. Ähnliches beobachten wir bei den Wahnbildungen der 
Gefangenen, die ebenfalls zurücktreten und berichtigt werden 
können, wenn der Druck aufhört, der sie hervorrief. Allerdings muß 
das dort wie hier durchaus nicht immer eintreten. Wir dürfen uns 
wohl vorstellen, daß die Wirkungen der Schädlichkeit je nach ihrer 
Stärke und namentlich auch nach der Empfänglichkeit des Er- 
krankten sehr verschieden tief gehen können. Sie werden sich je 
nachdem rascher oder langsamer, völlig oder nur teilweise aus- 
gleichen. Ja, es kann bei entsprechender Veranlagung, wie manche 
Beispiele zeigen, auch zu einer selbständigen paranoischen Fort- 
entwicklung der einmal angeregten Wahnbildungen kommen. 

Im allgemeinen freilich wird die weitere unabhängige Ausge- 
staltung des induzierten Krankheitsbildes mehr den Verdacht er- 
wecken müssen, daß es sich nicht um die Verursachung, sondern 
nur um die Auslösung einer Psychose gehandelt hat. Maßgebend 
für die Entscheidung dieser Frage ist die klinische Form der 
induzierten Störung. Wo uns kennzeichnende Krankheits- 
bilder begegnen, die augenscheinlich der Dementia praecox oder 
dem manisch-depressiven Irresein angehören, und die weiterhin 
auch den diesen Erkrankungen eigentümlichen Verlauf nehmen, 
kann von einem eigentlich psychogenen, induzierten Irresein nicht 
die Rede sein. Gegenüber der Hysterie wird man Übergangs- und 
Mischformen zu erwarten haben. Während die ursprüngliche 
Geistesstörung einerseits lediglich als gemütlich erregendes Ereignis 
hysterische Zufälle auslösen kann, sehen wir doch andererseits auf 
dem empfänglichen hysterischen Boden Krankheitsbilder zur Ent- 
wicklung kommen, die in ihrer engen Anlehnung an das Vorbild 
und in ihrer Abhängigkeit von dessen Einwirkung ganz die Eigen- 



Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen. 1441 

tümlichkeiten des induzierten Irreseins tragen; dazu können sich, 
namentlich in Erregungszuständen, einzelne echt hysterische Krank- 
heitszeichen gesellen. Hier sind demnach die Grenzen schwimmende, 
wie es bei der so nahe verwandten Entstehungsart beider Formen 
durchaus begreiflich erscheint. Ähnliches gilt für die induzierten 
paranoischen Krankheitsbilder. Wenn wir annehmen, daß die 
Paranoia eine dauernde krankhaft egozentrische Verarbeitung der 
Lebenserfahrungen bedeutet, so wird es vorkommen können, daß 
der Einfluß eines Geisteskranken eine schlummernde paranoische 
Veranlagung zur Entfaltung bringen und in eine bestimmte Richtung 
drängen kann. Je stärker daher die Neigung zu paranoischer Wahn- 
bildung bei dem Induzierten von vornherein ausgesprochen war, 
desto selbständiger wird sich bei ihm weiterhin das Krankheitsbild 
entwickeln und umgekehrt. 

Die Behandlung des induzierten Irreseins hat vor allem die 
Erkrankten voneinander zu trennen. In der Regel stellt sich da- 
bei, wenn es vorher nicht erkennbar war, bald heraus, wer als der 
induzierende Teil anzusehen ist ; bei ihm sind die Krankheitserschei- 
nungen viel hartnäckiger und häufig unheilbar. Der Zustand des 
Induzierten pflegt sich unter dem Einflüsse der gewöhnlichen Be- 
ruhigungsmittel, der Bettruhe, aufklärenden Zuspruchs, späterhin 
angemessener Beschäftigung, bald soweit zu bessern, wie es nach 
Lage der Dinge überhaupt erreichbar ist. Für die Vorbeugung ist 
von jeher auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, Geisteskranke, 
die einen starken Einfluß auf ihre Umgebung ausüben, rechtzeitig 
aus dieser zu entfernen. 

D. Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen. 

Bei Personen, denen die Verständigung mit der Umgebung durch 
starke Schwerhörigkeit oder gar völlige Taubheit nahezu unmöglich 
gemacht wird, kommt hier und da ein etwas verschwommener 
Verfolgungswahn mit eigentümlich unbestimmten Sinnes- 
täuschungen und halb ängstlicher, halb gereizter Stim- 
mung zur Beobachtung, der seine Wurzel anscheinend in dem 
Gefühle der Unsicherheit hat, wie sie durch die Unterbindung der 
wichtigsten seelischen Beziehungen zur Außenwelt hervorgerufen 
wird. Es ist ja bekannt genug, daß Schwerhörige im Laufe der Zeit, 



1442 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

namentlich Fremden gegenüber, mißtrauisch werden und sehr geneigt 
sind, Blicke, Gebärden, Heiterkeitsausbrüche auf sich zu beziehen, 
da ihnen die Hilfsmittel fehlen, dem Gange der Unterhaltung zu 
folgen, und da sie ja auch in der Tat der peinlichen Möglichkeit aus- 
gesetzt sind, daß man sich in ihrer Gegenwart ohne ihr Wissen über 
sie lustig macht. Auf diesem, ganz langsam vorbereiteten Boden 
pflegen sich dann die eigentlichen Krankheitserscheinungen im Laufe 
einiger Jahre allmählich immer deutlicher zu entwickeln. 

Eine erhebliche Rolle scheinen dabei öfters auch Geräusche im 
Ohr zu spielen, das Brummen, Rauschen, Rumpeln, Pumpern, das 
Sausen und Pfeifen. Die Kranken meinen, allerlei zu hören, was 
sie angeht. Man ruft sie, spricht über sie, über das, was sie gerade 
denken; „wenn man nicht recht hört, kommt es einem halt so 
vor", meinte eine Kranke. Die Leute sprechen auf der Straße 
Schlechtes, von Mord, unverschämte Sachen; ,,es ist nicht grad' 
Schimpfen, aber sie sagen grad' so was". Sie erzählen allerlei; der 
Kranke soll am Tode des Enkelchens Schuld sein ; die Schwester soll 
durch ihn ums Leben gekommen sein ; den Schwager hat man auch 
schon erstochen. Eine Kranke sollte einem Herrn nachgelaufen 
sein ; es heißt : ,,die müssen wir ein wenig utzen : sie muß fort, ver- 
schubt werden, soll das roheste Weib sein". Alle diese Wahr- 
nehmungen scheinen eine sehr geringe sinnliche Deutlichkeit zu 
besitzen. „Ich hab's nicht verstanden wegen des Ohrensausens", 
erklärte eine Kranke, und eine andere, der vorgeworfen wurde, daß 
sie auf dem Friedhofe Kränze fortgenommen habe, meinte: ,,Es lag 
so in der Luft." Bisweilen wird die Anknüpfung an Ohrgeräusche 
deutlich ; eine Kranke hörte es im Kopfe in drei Sprachen sprechen. 
Der Inhalt des Gehörten ist fast ausschließlich unangenehm und 
beängstigend; nur eine Kranke gab an, es sei auch „von Erb- 
schaft" gesprochen worden. 

Auch wirkliche Beobachtungen werden von den Kranken viel- 
fach in feindseligem Sinne gedeutet. Die Leute machen Zeichen, 
weisen mit Fingern auf den Kranken, werfen ihm belästigende 
Blicke zu, blasen ihn mit Rauch an; sie schleichen sich heran, 
stellen sich auf, um ihn zu überwachen, lauern ihm auf, drehen sich 
um; sobald er ans Fenster tritt, schauen sie hinauf. Sie fixieren 
ihn, wollen ihn anrempeln, hetzen Hunde auf ihn, glotzen ihm 
nach, strecken ihm die Zunge aus. Man macht sich über ihn lustig, 



Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen. 1443 

lacht verstohlen über ihn, ärgert, foppt, schikaniert, verleumdet ihn. 
Ein vollständig tauber Kranker behauptete, die Gendarmen plauder- 
ten hinter seinem Rücken über ihn, was er nicht hören könne; ein 
anderer bemerkte, daß Polizisten auftauchten, wo er sich blicken 
ließ. Eine Kranke meinte, daß die Frauen sie ,, krumm ansähen" ; 
eine andere bemerkte, daß man ihr Gegenstände absichtlich verräume. 
Der Magen tut weh ; es war wohl etwas im Essen. Ein Kranker 
beklagte sich, daß man überall die Fenster aufreiße, damit er sich 
erkälten solle. 

Im Zusammenhange mit diesen Wahrnehmungen bilden sich 
Verfolgungsideen heraus. Die Kranken kommen zu der Ansicht, 
daß man sie verachte, sie nicht leiden könne, ihnen etwas antun 
wolle ; sie sollen krank gemacht werden, sterben. Man will sie 
ärgern, ihnen etwas anhängen, sie vor den Leuten verächtlich 
machen, geschäftlich schädigen ; sie haben Neider, die sie reizen, 
außer sich bringen wollen, ihnen keine Ruhe lassen. Sie werden 
für die Aufregung der Mitkranken verantwortlich gemacht, wegen 
Klatschereien eingesperrt, dürfen nicht mehr heim. Schutzleute 
kommen, verhaften sie, bringen sie gefesselt ins Zuchthaus ; sie 
werden in einen Kasten gesteckt, erschossen, gekreuzigt, geköpft. 
Die Ärzte vergiften sie ; das Haus ist voll Polizisten. Nachts werden 
sie am Schlafen gehindert; man schleicht sich ein; es steht jemand 
am Bett; eine Kranke glaubte, daß sie nachts photographiert und 
ihr Bild dann als Verbrecherin ausgestellt werde. Vielfach wehren 
sich die Kranken gegen die Bedrohungen. Sie beteuern, daß sie 
nichts getan hätten, nichts dafür könnten, verlangen eine Ver- 
handlung, erklären, daß sie sich nicht ins Zuchthaus bringen lassen. 

Auffassung und Orientierung lassen im allgemeinen keine gröbere 
Störung erkennen, doch ist mir mehrfach aufgefallen, daß die Kran- 
ken unzutreffende Antworten gaben, auch wenn die Fragen schrift- 
lich gestellt waren. Vielleicht bedingt die gemütliche Spannung 
im Verein mit den oft äußerst quälenden Ohrgeräuschen dodh eine 
gewisse Unbesinnlichkeit und Zerstreutheit. Die Kranken klagen 
auch häufig, zum Teil vielleicht im Zusammenhang mit Labyrinth- 
erkrankungen, darüber, daß sie schwindlig seien, Kopfschmerzen 
hätten, daß der Kopf leer sei, daß sie ,,ganz tappig", nicht mehr 
richtig seien. Zeitweise kann ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl vor- 
handen sein. „Ich weiß nicht, hab ich den Wahn oder hab ich die 



1444 ^** ^* e P s y c hogenen Erkrankungen. 

Schwermut", äußerte eine Kranke; eine andere meinte, sie ,, bilde 
sich das Einsperren ein". 

Die Stimmung ist vor allem durch das Gefühl der Unsicherheit 
beherrscht. Die Kranken sind argwöhnisch und mißtrauisch; ,,alle 
hörenden Menschen sind schlecht, alle tauben gut", meinte ein 
Kranker. Sie fürchten sich vor Personen, die hinter ihnen stehen, 
können der überall sich aufdrängenden Zweifel und Besorgnisse 
nicht Herr werden. „Wenn man nichts hört, dann kann man einem 
alles mögliche aufbinden", erklärte eine Kranke. Eine andere wurde 
von dem Gedanken gepeinigt, daß ihr vor Jahren verstorbener Mann 
vielleicht gar nicht tot gewesen sei, da er im Leichenhause noch 
so rote Backen gehabt habe. ,, Schwermutgedanken" tauchen auf; 
die Kranken werden ängstlich, fühlen sich unglücklich, beten; ,,das 
macht das Leiden, weil ich nicht recht höre", erklärte eine Kranke. 
Sie weinen, jammern, bitten um Verzeihung, äußern Selbstmord- 
gedanken. Regelmäßig verknüpft sich jedoch damit eine gewisse 
Erregung und Reizbarkeit. Die Kranken sind zeitweise gespannt, 
nörgelig, streitsüchtig, schimpfen, werden auch wohl gewalttätig, 
schreiben beleidigende Briefe, erstatten Anzeige. Eine Kranke 
sprang plötzlich auf und lief davon mit dem Ausrufe, sie wisse ja 
nun, daß man sie auch da verfolge. Zwischendurch pflegen sie sich 
jedoch wieder zu beruhigen, sind dann ganz umgänglich und zu- 
tunlich, bisweilen sogar humorvoll. 

Das äußere Verhalten der Kranken ist meist völlig geordnet. Sie 
neigen jedoch je länger je mehr dazu, sich von dem Verkehr mit der 
Umgebung zurückzuziehen, fühlen sich am wohlsten für sich allein, 
,, studieren" viel vor sich hin, führen Selbstgespräche, schließen sich 
ein, verrammeln nachts sorgfältig die Türe. Er sei stumpfsinnig 
und menschenscheu geworden, meinte ein Kranker. Die Reden der 
Kranken erscheinen öfters zusammenhangslos und unverständ- 
lich, doch gelingt es meist ohne Schwierigkeit, sich mit ihnen in 
Beziehung zu setzen. Manche Kranke äußern sich schriftlich mit 
großer Gewandtheit. In der Regel sind sie auch dauernd imstande, 
sich zu beschäftigen und sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben, 
solange sie nicht zu sehr gequält sind. Schlaf und Eßlust können 
unter der ängstlichen Spannung zeitweise sehr leiden. 

Der Verlauf des Leidens ist im allgemeinen ein chronischer; 
er pflegt aber vielfachen Schwankungen unterworfen zu sein, die 



Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen. J 445 

eine deutliche Abhängigkeit von äußeren Bedingungen aufweisen. 
Gemütlich erregende Vorkommnisse bewirken sehr häufig eine Ver- 
schlechterung des psychischen Zustandes. Bei einem Kranken 
schloß sich eine wesentliche Zunahme seiner Verfolgungsideen an 
einen Entschädigungsprozeß an, den er mit einem Nachbarn führte, 
ferner wieder an eine Verletzung durch Hundebiß, die er auf bös- 
williges Verschulden des Hundebesitzers zurückführte. Eine Kranke 
erfuhr eine sehr beträchtliche Steigerung ihrer ängstlichen Erregung, 
als sich ihre Tochter ohne ihr Wissen verheiratet hatte. Umgekehrt 
sieht man die Kranken sich in verständnisvoller, freundlicher Um- 
gebung meist rasch beruhigen. Unter Zunahme des Körpergewichts 
und Besserung des Schlafes kann sich sogar eine vollständige Krank- 
heitseinsicht herausstellen. ,, Verfolgt hat mich doch niemand; ich 
glaub's nimmer", erklärte eine Kranke; sie habe nur Angst gehabt 
und sich etwas eingebildet durch das ewige Gesäuse im Ohr. An- 
dere lassen sich allerdings von der Richtigkeit der gemachten 
Wahrnehmungen trotz der Beruhigung nicht abbringen; ,,es war 
keine Einbildung* ', meinte ein Kranker; er habe doch auch seine 
Augen. 

Das hier in kurzen Zügen geschilderte Krankheitsbild ist in 
schwächerer Ausprägung bei Schwerhörigen wahrscheinlich gar 
nicht selten, wenn es auch nur ausnahmsweise eine solche Ent- 
wicklung nimmt, daß die Kranken dem Irrenarzte zugeführt wer- 
den. Die Ursachen sind wohl in dem Gefühle der Vereinsamung 
und Hilflosigkeit zu suchen, das bei höheren Graden der Schwer- 
hörigkeit und bei längerer Dauer des Leidens immer drückender 
wird und den Kranken schließlich fast vollständig von den Bezie- 
hungen zu anderen Menschen abschließt. Die Äußerungen der 
Kranken selbst, die Entstehungsbedingungen der Krankheit und 
namentlich auch der günstige Einfluß teilnehmender Fürsorge lassen 
darüber kaum einen Zweifel. Die äußere Anregung für die auf- 
tauchenden Gehörstäuschungen wird dann durch die regelmäßig 
stark ausgebildeten Ohrgeräusche gegeben. Mit dieser Deutung 
des Krankheitsbildes steht in bester Übereinstimmung die Tat- 
sache, daß fast alle meine Kranken Frauen und entweder ledig 
oder verwitwet waren, also unter der Vereinsamung besonders schwer 
zu leiden hatten. Mehrfach ließ sich auch feststellen, daß sich die 
ungünstige Gestaltung des Seelenzustandes erst im Anschlüsse an 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 4 



jaa6 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

einen Todesfall herausgebildet hatte, der den Kranken ihre letzten 
Beziehungen zu näheren Angehörigen geraubt hatte. 

Die überwiegende Mehrzahl der Kranken stand beim Einsetzen der 
Krankheit im 5. oder 6. Lebensjahrzehnt, also in einem Alter, in dem 
die seelische Anpassungsfähigkeit bereits gering geworden und die An- 
knüpfung neuer Beziehungen aus vielen Gründen erheblich erschwert 
ist. Die Schwerhörigkeit oder der Verlust des Gehörs hatte dagegen 
schon lange Jahre vorher bestanden, wenn auch bei einzelnen 
Kranken eine Zunahme ihres Leidens in den letzten Jahren ver- 
merkt wurde. Alle von mir beobachteten Kranken befanden sich 
in wirtschaftlich kümmerlichen Verhältnissen, die sie die Er- 
schwerung des Erwerbs wie die Absperrung von der Umgebung be- 
sonders drückend empfinden ließen. Einige Male wurde über Ängst- 
lichkeit, Trunksucht, Schlaganfälle, Selbstmord bei Angehörigen 
berichtet. Die Verstandesbegabung der Kranken war meist gut. 

Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises darauf, daß die hier 
geschilderte Störung nur einen Teil der bei Schwerhörigen und Tau- 
ben beobachteten psychischen Erkrankungen umfaßt ; ich möchte 
mit Sicherheit nur etwa die Hälfte der mir vorgekommenen Fälle 
dahin rechnen. Einige weitere Fälle schienen allerdings klinisch 
ganz ähnlich zu sein, doch habe ich sie außer Betracht gelassen, 
weil sie der Lues verdächtig waren zu einer Zeit, wo man noch nicht 
die Hilfsmittel zu genauerer Prüfung dieser Frage besaß. Außer- 
dem aber scheint es bei nahezu oder völlig Tauben noch andere 
Krankheitsbilder zu geben, die wegen der Verständigungsschwierig- 
keiten kaum zu deuten sind. Manche Fälle erinnern an die Dementia 
praecox, namentlich wegen der eigentümlichen Unsinnigkeit ihrer 
mündlichen und schriftlichen Äußerungen. Es scheint sich aber 
dabei um die noch wenig bekannten Störungen der inneren Sprache 
zu handeln, wie sie durch den Ausfall der Klangbilder und den allei- 
nigen Aufbau der Sprache auf motorischen Sprachvorstellungen und 
Schriftbildern bedingt werden, verbunden mit dem Fehlen jenes un- 
ausgesetzt regelnden Einflusses, den das Hören der eigenen und 
vor allem auch fremder sprachlicher Äußerungen auf den Ausbau 
des Sprachgefüges ausübt. 

Sehen wir von derartigen, durch weitere Untersuchungen viel- 
leicht noch näher zu klärenden Fällen ab, so bietet die Erkennung 
des hier umgrenzten psychogenen Verfolgungswahns der Schwer- 



Der Verfolgungswahn der Schwerhörigen. 1447 

hörigen keine Schwierigkeiten. Man wird ihn insbesondere nicht 
mit den paranoiden Formen der Dementia praecox verwechseln, 
auch wenn der sprachliche Ausdruck aus den angedeuteten Grün- 
den allerlei Absonderlichkeiten und Entgleisungen erkennen läßt. 
Die Kranken bleiben in ihrem Wesen immer natürlich, für freund- 
liches Entgegenkommen zugänglich ; sie zeigen namentlich keinerlei 
Willensstörungen, weder Negativismus noch Manieriertheit oder 
Stereotypien. Ihre Wahnbildungen gehen nicht über den Rahmen 
ängstlicher Befürchtungen hinaus; ihre Sinnestäuschungen ent- 
behren regelmäßig der Reichhaltigkeit wie der zwingenden sinn- 
lichen Deutlichkeit. Endlich zeigt die Krankheit auch im Laufe 
sehr langer Zeiträume keinen wesentlichen Fortschritt ; Wahnbil- 
dung und äußeres Verhalten bleiben in der Hauptsache unverändert. 
Im Gegenteil kann durch wohlwollende ärztliche Einwirkung ein 
unverkennbar günstiger Einfluß auf die Gestaltung des Zustandes 
ausgeübt werden. 

Auch von den Depressionszuständen des manisch-despressiven 
Irreseins hebt sich das Krankheitsbild deutlich ab. Ihm fehlt 
zunächst die Willenshemmung, wenn man die Äußerungen der 
Kranken auch bisweilen vielleicht im Sinne einer Denkhemmung 
deuten könnte. Die Kranken äußern sich ohne Schwierigkeit, sind 
auch meist imstande, sich in gewohnter Weise zu beschäftigen. Ihre 
Stimmung ist weniger traurig und gedrückt, als ängstlich und ge- 
reizt; ihr Wahn bewegt sich nicht in Versündigungs-, sondern in 
Verfolgungsideen. Der Verlauf des Leidens zeigt keine innere Ge- 
setzmäßigkeit, sondern ist abhängig von äußeren Einflüssen ; er 
vollzieht sich nicht in abgegrenzten Anfällen, sondern er bietet nur 
Schwankungen dar, die sich aus Änderungen der äußeren Lebens- 
bedingungen erklären. Manische Züge werden nicht beobachtet, 
wenn die Kranken auch in freieren Zeiten öfters ganz vergnügt 
sein können. 

Die hier versuchte Deutung bringt unser Krankheitsbild in eine 
gewisse innere Verwandtschaft zum Verfolgungswahn der Ge- 
fangenen. Es läßt sich auch wohl nicht verkennen, daß die Ent- 
stehungsbedingungen in beiden Fällen gewisse Übereinstimmungen 
darbieten. Dahin gehört einmal die hier durch die Taubheit, dort 
durch die Haft verursachte Absperrung von der Außenwelt und die 
so entstehende Einengung des Gedanken- und Interessenkreises, 



IAA& XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

sodann das Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit, endlich der 
weitgehende Ausschluß der Gehörsreize, der wenigstens auch in 
der Einzelhaft eine erhebliche Rolle spielt. Dadurch wird hier wie 
dort die Empfindlichkeit des ganzen Sinnesgebietes gesteigert, die 
Aufmerksamkeit auf die subjektiven Ohrgeräusche gerichtet und 
so vermutlich die Entstehung von Trugwahrnehmungen begünstigt. 
Auch der klinische Verlauf des Leidens zeigt in beiden Fällen manche 
Ähnlichkeiten, namentlich in der Beeinflußbarkeit durch äußere 
Maßregeln, im raschen Schwinden des Wahns und der Täuschungen 
unter günstigen Verhältnissen, in der dann sich einstellenden, mehr 
oder weniger vollständigen Krankheitseinsicht. 

Auch zu dem senilen Verfolgungswahn dürften Beziehungen 
bestehen, wenn sie auch weniger nahe sind. Das Gefühl der wach- 
senden Hilflosigkeit und das aus ihm sich entwickelnde Mißtrauen 
ist beiden Krankheiten ebenso gemeinsam wie die zumeist dürftige 
und einförmige Gestaltung des Wahns und seine Besserung unter 
zweckmäßiger Behandlung. Selbstverständlich ist jedoch der Ver- 
folgungswahn der Schwerhörigen nicht etwa als eine senile Erkran- 
kung aufzufassen, schon wegen des viel jüngeren Alters der Kranken. 
Auch als präsenil möchte ich das Leiden nur insoweit ansehen, als 
in den betreffenden Lebensjahrzehnten die äußeren Bedingungen für 
eine Vereinsamung (Tod der Angehörigen, Heirat oder Fortziehen 
der Kinder) besonders häufig gegeben sind; einzelne Fälle lehren 
jedoch, daß auch viel früher schon, in den zwanziger oder dreißiger 
Jahren, das gleiche klinische Bild zur Entwicklung gelangen kann. 

Die Behandlung des Leidens hat nur die Aufgabe, die hilf- 
losen und geängstigten Kranken zweckmäßig zu versorgen. Vor- 
übergehend kann bei lebhafterer Erregung Bettruhe geboten sein, 
die gewöhnlich rasch beruhigend wirkt; dazu kommt teilnahm- 
voller Verkehr mit den Kranken, freundlicher Zuspruch, passende 
Beschäftigung. Bei sehr ungünstigen äußeren Verhältnissen kann 
längere, unter Umständen dauernde Anstaltsfürsorge notwendig sein. 
Andere, rüstigere und erwerbsfähige Kranke können nach einiger 
Zeit, sobald sie sich beruhigt haben, wieder in ihre Tätigkeit zurück- 
kehren, namentlich, wenn sie Angehörige oder Freunde besitzen, 
die sich ihrer annehmen und ihrer Vereinsamung entgegenarbeiten. 



Die Unfallneurosen. 1449 

3. Die Schicksalspsychosen (Symbantopathien). 

E. Die Unfallsneurosen. 

Die Lehre von den durch Unfälle erzeugten Geistesstörungen hat 
im Laufe der letzten Jahrzehnte mancherlei Wandlungen durch- 
gemacht. Sie knüpfte sich zunächst an die von Erichsen (1866), 
Riegler (1879), Westphal (1880), Möli (1881), Page (1883) u. a. 
mitgeteilten Erfahrungen über die Folgen von Eisenbahnunfällen an 
und faßte vor allem die körperlichen Krankheitserscheinungen ins 
Auge, die auf feinere oder gröbere Verletzungen des Rückenmarks 
(„Railway-spine") oder des Gehirns zurückgeführt wurden. Op- 
penheim gab dann 1889 eine zusammenfassende Übersicht über 
eigene und fremde Arbeiten auf diesem Gebiete. Er stellte fest, daß 
nach Unfällen außer den Folgen grober Hirnschädigungen einmal 
hysterische und neurasthenische Störungen zur Beobachtung kom- 
men, sodann aber recht häufig ein eigenartiges, aus psychischen 
und körperlichen Krankheitserscheinungen zusammengesetztes kli- 
nisches Bild, das er unter der Bezeichnung ,, traumatische Neurose" 
abzugrenzen suchte. Er war vorerst geneigt, als die Ursache dieser 
Erkrankung feinere Veränderungen des Nervengewebes durch 
plötzliche Erschütterungen oder reflektorische Beeinflussung anzu- 
sehen, kam aber dann von der Annahme einer organischen Grund- 
lage des Leidens zurück, abgesehen von gewissen Ausnahme- 
fällen. Demgegenüber vertrat Charcot die Ansicht, daß die psychi- 
schen Störungen nach Unfall, soweit sie funktionelle sind, allgemein 
der Hysterie zuzurechnen seien. Er verglich sie den hypnotischen 
Zuständen, indem er die Vermutung aussprach, daß die den Unfall 
begleitende Gemütsbewegung eine der Hypnose ähnliche Bewußt- 
seinstrübung bedinge, die weiterhin den günstigen Boden für die 
Entstehung fest einwurzelnder Eigensuggestionen abgebe. 

In der Tat war die Verwandtschaft der traumatischen Neurose 
mit der Hysterie so unverkennbar, daß sich die Überzeugung von 
der psychischen Entstehung der Krankheitserscheinungen immer 
mehr Bahn brach. So vielfach auch die Selbständigkeit des von 
Oppenheim neu aufgestellten Krankheitsbildes bekämpft wurde, 
so einig war man doch darüber, daß nicht die Art und Schwere 
des erlittenen Unfalles, sondern die an ihn sich anknüpfenden Ge- 



A 

ja cq XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

mütsbewegungen die wesentliche Krankheitsursache darstellen. 
Sah man doch gelegentlich die gleichen Störungen zur Entwicklung 
kommen, ohne daß überhaupt eine körperliche Schädigung statt- 
gefunden hatte! Am nächsten lag es, hier an die Nachwirkung 
der gemütlichen Erschütterungen zu denken, mit denen Unfälle 
verknüpft zu sein pflegen. Man nahm nach dem Vorgange von 
Charcot an, daß sich die unter dem psychischen Eindrucke des 
Unfalles entstandenen Störungen nur langsam oder unter Umstän- 
den gar nicht wieder ausgleichen, entsprechend etwa dem Vorgange 
bei der Entstehung hysterischer Lähmungen oder Kontrakturen. 

Es zeigte sich indessen allmählich immer deutlicher, daß diese 
Erklärung nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil der Fälle 
zutreffend sein konnte. Man beobachtete, daß sich die Beschwerden 
der Kranken in der Regel keineswegs an die ursprüngliche Gemüts- 
erregung beim Unfall anschlössen, sondern vielfach erst wesentlich 
später einsetzten und sich nunmehr allmählich verstärkten, ferner, 
daß die Zahl der traumatischen Neurosen nach der Einführung 
unserer Unfallgesetzgebung 1884 in unheimlicher Weise zunahm. 
Weiterhin ließ sich nicht verkennen, daß ,,der Kampf um die Rente" 
einen äußerst ungünstigen Einfluß auf das Befinden der Kranken 
ausübte. So wurde es klar, daß die große Mehrzahl der traumatischen 
Neurosen wesentlich durch die Wirkungen der Unfallsgesetzgebung 
erzeugt und unterhalten wurde, einerlei, ob man dabei nun mehr 
Gewicht auf die Züchtung des Krankheitsgefühls durch die immer 
wiederholten ärztlichen Untersuchungen und Begutachtungen oder 
auf die von Strümpell betonten ,, Begehrungsvorstellungen' * 
legen mag, die dem Kranken sein Leiden als Mittel zur Erlangung 
einer Rente erscheinen lassen. Ganz in den Vordergrund treten 
diese letzteren bei einer kleinen Gruppe von Kranken, die ohne 
hinreichenden Rechtsgrund mit größter Hartnäckigkeit und Er- 
bitterung den Kampf um die Rente gegen Behörden und Ärzte 
führen und dabei zu einer paranoischen Umwertung ihrer Ansprüche 
und der ihrer Verwirklichung entgegenstehenden Widerstände fort- 
schreiten. 

Aus diesen Darlegungen ergeben sich ohne weiteres die Gesichts- 
punkte, nach denen heute die Gruppierung der Unfallskranken 
zweckmäßig zu geschehen hat. Auszuscheiden sind zunächst die- 
jenigen Fälle, deren Krankheitserscheinungen lediglich durch Hirn- 



Die Unfallsneurosen. I45 1 

Verletzungen bedingt sind, die eigentlichen traumatischen Psychosen, 
die wir bereits an anderer Stelle besprochen haben. Unter den 
lediglich psychisch verursachten Krankheitsbildern wäre ferner 
die Entstehung von kennzeichnend hysterischen Störungen nach 
Unfällen abzutrennen, die traumatische Hysterie; wir haben ihrer 
bei der Darstellung der Hysterie zu gedenken, der sie ihrem Wesen 
nach zugehören. In dem Reste von Beobachtungen wären dann vor 
allem diejenigen Krankheitsbilder, die unmittelbar den Aufregungen 
des Unfalls ihre Entstehung verdanken, von solchen zu sondern, 
deren Ursachen wir in den späteren gesundheitlichen und wirtschaft- 
lichen Folgen des schädigenden Erlebnisses, insbesondere im Renten- 
kampfe, zu suchen haben. 

Für die erstere Gruppe erscheint vielleicht die Bezeichnung 
,, Schreckneurose'* am besten geeignet, weil bei ihnen der 
Schreck über ein plötzlich hereinbrechendes Unheil die eigentliche 
Krankheitsursache bildet. Ich hatte diesen Namen früher für die 
Unfallsneurosen im allgemeinen vorgeschlagen, habe mich aber 
davon überzeugt, daß die Voraussetzungen, von denen ich damals 
ausging, unzutreffend sind. Die Benennung ,, Emotionsneurose", 
wie sie namentlich von den Franzosen bevorzugt wird, halte ich 
wegen ihrer Unbestimmtheit nicht für zweckmäßig. Aus der zweiten 
Gruppe endlich heben sich dann wieder die eigentlichen Renten- 
kämpfer heraus, die offenbar den Querulanten an die Seite zu 
stellen sind und darum auch im Zusammenhange mit ihnen be- 
rücksichtigt werden sollen. Die Hauptmasse indessen bilden Krank- 
heitszustände anderer Art, die aber doch ebenfalls wesentlich aus 
den Erregungen des Rentenkampfes ihre Nahrung ziehen. Wir 
wollen sie unter der Bezeichnung der traumatischen Neurose 
zusammenfassen, da sie den wesentlichen Inhalt des von Oppen- 
heim unter diesem Namen umschriebenen Krankheitsbildes dar- 
stellen. Brissaud hat dafür die Bezeichnung „Sinistrose" vor- 
geschlagen; Morselli spricht von ,, metatraumatischer" Neurose. 

Die Schreckneurose 1 ) stellt sich uns dar als eine krankhafte 
Steigerung und Fortdauer der Wirkungen, die eine heftige Gemüts- 
erschütterung auf das seelische und körperliche Verhalten des 
Menschen ausübt. Ihr Krankheitsbild setzt sich daher wesentlich 



*) Mondio, Rivista di psichologia applicata VII, 5; Stier lin, Deutsche 
Medizin. Wcchenschr. XXXVII, 2028; Monatsschr. f. Psychiatrie XXV, 185. 



1452 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

aus Erscheinungen zusammen, die uns als Ausdruck starker Ge- 
mütsbewegungen aus der täglichen Erfahrung bekannt sind. In 
der Hauptsache handelt es sich um eine rasch eintretende 
Bewußtseinstrübung mit allgemeiner Willenserregung, 
seltener mit Willenshemmung. Wenn man will, kann man 
in dieser Reaktion ein Zusammenspiel von Schutz- und Abwehr- 
maßregeln ursprünglichster Art sehen, insofern einmal den er- 
schreckenden Eindrücken der Zutritt zum Bewußtsein gesperrt 
wird, während andererseits entweder durch Aufbietung aller mög- 
lichen Willensantriebe Abwehr oder Flucht versucht oder nach 
dem Beispiele der Kataplexie der Gefahr durch völlige Willenlosig- 
keit begegnet wird. Es wäre denkbar, daß diese stammesgeschicht- 
lich alten Einrichtungen in Betrieb gesetzt werden, wo die gemütliche 
Spannung ein gewisses Maß übersteigt, oder wo die Verteidigungs- 
mittel einer höheren Entwicklungsstufe, Überlegung und ziel- 
bewußtes Handeln, unvollkommen ausgebildet sind. Wir werden 
ähnliche Überlegungen bei der Betrachtung der hysterischen Krank- 
heitserscheinungen anzustellen haben. 

Die leichtesten Formen der Schreckneurose hat Meyer 1 ) be- 
schrieben, der das psychische Verhalten frisch Verletzter genauer 
untersuchte. Er fand Abweichungen von der Gesundheitsbreite in 
25 von 37 Fällen ; fünfmal waren sie ziemlich stark. In der Regel 
war die Orientierung gestört, besonders über Zeitverhältnisse. Die 
Kranken erschienen zerstreut, vergeßlich, leicht ermüdbar. Bei 
Rechenversuchen versagten sie leicht, zeigten Neigung zum Haften. 
Ein Kranker war einige Tage stuporös. Die Stimmung war bald 
mürrisch, abweisend, bald auffallend gehoben. In den schwereren 
Fällen wurde Rededrang, starkes Haften und Neigung zu Kon- 
fabulationen beobachtet. Bisweilen zeigten sich auch Schwierig- 
keiten der Wortfindung, Unfähigkeit, zu lesen oder zu schreiben ; 
hier dürften überall greifbare Hirnschädigungen mitgespielt haben. 

Ähnliche Erfahrungen werden nach Unfällen oder sonstigen 
erschütternden Ereignissen häufiger gemacht. Es entwickeln sich 
Zustände von Benommenheit, Unbesinnlichkeit, Unklarheit mit Er- 
schwerung und Verfälschung der Wahrnehmung und der Verarbei- 
tung äußerer Eindrücke, ferner starke innere Spannung oder Er- 
regung, die sich in stürmischen Ausdrucksbewegungen und sinn- 

1 ) Meyer, Berl. Klin. Wochenschr., 1911, 19. 



Die Unfallsneurosen. I 453 

losen Handlungen Luft machen kann. Dabei ist das Bewußtsein 
bald von zahlreichen, wirr durcheinander drängenden Vorstellungen 
und Gedankengängen erfüllt, bald wird das ganze Denken durch 
einzelne, beherrschende Vorstellungen gehemmt; eine meiner 
Kranken wartete nach einem heftigen Schreck ,,auf Leben und 
Tod", fragte sich, ob sie noch schnaufe oder nicht. Die Erinnerung 
an solche Zeiten ist regelmäßig unklar und lückenhaft. Hier und 
da kommt es zu deliranten Erregungszuständen mit Sinnestäu- 
schungen und Wahnbildungen, die jedoch wohl dem Gebiete der 
Hysterie einzuordnen sind. Da alle diese Störungen die Dauer 
einiger Stunden, Tage oder höchstens Wochen nicht zu überschreiten 
und sich vollkommen wieder auszugleichen pflegen, kommen sie 
nur sehr selten in irrenärztliche Beobachtung. 

Wesentliche Fortschritte in der Kenntnis der Schreckneurosen 
haben uns die Beobachtungen gebracht, die von mehreren Forschern 
über die durch Massenunglücksfälle erzeugten Geistesstörungen ge- 
sammelt wurden, besonders bei dem Erdbeben von Messina und 
bei dem Grubenunglück von Courrieres. Das Bild, das wir uns 
nach diesen Untersuchungen von dem Zustande der Erkrankenden 
machen können, bietet in der Hauptsache die Züge einer Verwirrt- 
heit mit triebartiger Erregung dar. Die Kranken fassen lückenhaft, 
verschwommen und falsch auf, verkennen die Personen, begreifen 
nicht, was man ihnen sagt, verstehen ihre Lage und die sich ab- 
spielenden Vorgänge nicht. Sie sind unklar, unbesinnlich, ,,wie be- 
trunken", verworren, vergeßlich, bisweilen auch delirant. Ihre 
Stimmung ist gereizt, ängstlich, mißtrauisch, gespannt, oder tief 
deprimiert, mutlos, öfters aber auch stumpf und gleichgültig. Sehr 
häufig ist sinnlose Unruhe. Die Kranken lachen verständnislos, 
brüllen, fluchen, drohen, schlagen wild um sich, greifen wahllos 
an, kämpfen verzweifelt, rennen mit dem Kopfe gegen die Wand. 
Sie laufen mit stierem Blicke plötzlich davon, bleiben taub gegen 
Zureden, verweigern die Nahrung; sie geben unverständliche Ant- 
worten, wiederholen dieselben Worte, treffen unsinnige Anord- 
nungen, führen die sonderbarsten Handlungen aus. Ein junger 
Mensch beteiligte sich nach dem Einstürze seines Hauses durch 
ein Erdbeben am Löschen des Feuers, kümmerte sich aber gar nicht 
um seine Angehörigen und benahm sich wie ein Clown, trieb sich 
planlos herum, um erst nach einer Woche zu sich zu kommen. 



1454 ^^' **^ e P s y c hogenen Erkrankungen. 

Einer der Geretteten von Courrieres irrte 2 Tage und 2 Nächte 
herum ; ein anderer sprang in einen gerade haltenden Zug und fuhr 
davon; ein dritter beschmierte sich mit faulenden Leichenteilen. 
Nach der Vernichtung von Messina lief ein Kranker lachend im 
Hemde herum, in der Hand einen Hering ; ein anderer, ebenfalls im 
Hemde, schickte sich an, Blumen zu begießen. Hier und da kom- 
men auch Stuporzustände zur Entwicklung, dumpfes, verständnis- 
loses Hinbrüten mit völliger Lähmung aller Willensregungen. In 
der Regel setzen die Störungen sehr rasch nach dem Hereinbrechen 
des Unglücks ein, seltener erst im Laufe der nächsten Tage. 

Die Bewußtseinstrübung pflegt sich nach einigen Tagen all- 
mählich aufzuhellen; bisweilen bleibt allerdings eine leichte Un- 
besinnlichkeit und Denkerschwerung mit einzelnen verkehrten 
Antworten und Handlungen noch mehrere Wochen und selbst 
Monate zurück. Die Erinnerung an die durchlebte Zeit und meist 
auch an die gemütlich erschütternden Vorgänge ist verworren und 
lückenhaft. Gewöhnlich besteht zunächst noch Gedächtnisschwäche, 
Vergeßlichkeit, Ermüdbarkeit, gesteigerte gemütliche Erregbarkeit, 
innere Unruhe, Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Schreckhaftig- 
keit; oft drängen sich einzelne Bilder aus der Unglückszeit mit 
großer Macht immer wieder ins Bewußtsein und bedingen die Be- 
fürchtung vor der Wiederkehr ähnlicher Ereignisse. Lebenslust 
und Tatkraft können noch längere Zeit fehlen; manche Kranke 
erscheinen schlaff, abgestumpft, wie gebrochen, früh gealtert ; 
andere wieder sind merkwürdig sorglos, berichten über die schreck- 
lichsten Einzelheiten ihrer Erlebnisse anscheinend ohne innere Er- 
regung. Der Schlaf ist regelmäßig ungenügend, durch ängstliche 
Träume, Albdrücken und Aufschrecken gestört. Daneben finden 
sich eine ganze Reihe von körperlichen Beschwerden in stärkerer 
oder schwächerer Ausprägung, Herzklopfen, Beklemmungsgefühle, 
rascher Wechsel der Pulsfrequenz, Schweißausbrüche, Wallungen, 
Kälte- und Hitzeempfindungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Mattig- 
keit, Zittern, Mißempfindungen. 

Alle diese Störungen treten gewöhnlich im Verlaufe einiger 
Monate nach und nach zurück, wenn sich auch leichte Andeu- 
tungen, Erdbeben- oder Gewitterfurcht, Abneigung gegen das Bahn- 
fahren, gelegentliche ängstliche Träume mit Wiederkehr der alten 
Schreckensbilder, vielleicht noch längere Zeit hindurch erhalten. 



Die Unfallsneurosen. 1455 

Es scheint aber, daß es auch schwere Fälle gibt, die unter deli- 
ranten Erscheinungen rasch zum tödlichen Ende führen. Ob hier 
wirklich nur unmittelbare Folgen heftiger Gemütsbewegungen, etwa 
Versagen des Herzens, den unglücklichen Ausgang verursachen, 
oder ob es sich um die Verbindung mit zufälligen körperlichen Er- 
krankungen (Arteriosklerose, Nierenleiden) handelt, ist noch nicht 
genügend aufgeklärt, zumal die Fälle offenbar recht selten und die 
Bedingungen für ihre genauere Untersuchung meist sehr un- 
günstige sind. 

Als auslösende Ursachen für die Schreckneurose können natur- 
gemäß alle Ereignisse (Unfälle, Brände, Blitzschläge, Starkstrom- 
schläge, Explosionen, Schiffbrüche, Erdbeben) in Betracht kommen, 
die heftige Gemütserschütterungen erzeugen, einerlei, ob dabei eine 
wirkliche Schädigung der Kranken stattfindet oder nicht. Außer 
dem Schreck im engeren Sinne spielt daher auch die Angst vor 
schwerer Gefahr oder die Verzweiflung über eigenes oder fremdes 
Unglück eine große Rolle. Es ist jedoch unverkennbar, daß weiter- 
hin sehr viel von der persönlichen Widerstandsfähigkeit und ge- 
mütlichen Spannkraft abhängt. Allerdings gibt es Anlässe, wie 
große Brände, Schiffbrüche, Erdbeben, bei denen zahlreiche Be- 
teiligte gleichzeitig in die hier geschilderten Zustände geraten. 
Dennoch zeigt sich bei anderen, weniger die Massen aufpeitschenden 
Unglücksfällen und namentlich auch beim Einzelunfalle, daß die 
Gefahr der Schreckneurose je nach der persönlichen Veranlagung 
sehr verschieden groß ist. Man wird wohl im allgemeinen annehmen 
dürfen, daß gemütlich leicht erregbare Menschen, besonders Frauen 
und Psychopathen, unter dem Einflüsse heftiger Gemütserschütte- 
rungen leichter ,,den Kopf verlieren", in Verwirrung und sinnlose 
Erregung geraten. Andererseits scheint es, daß sich die Folgen der- 
artiger Stürme bei älteren und sonstwie geschwächten Personen, 
bei Trinkern, Arteriosklerotikern, Herzkranken, langsamer und un- 
vollkommener wieder ausgleichen. Bis zu einem gewissen Grade 
kann die Zugänglichkeit für die Schreckneurose, wie die oben an- 
geführten Beispiele lehren, durch die Massensuggestion gesteigert 
werden. In den Entsetzenstaumel großer, allgemeiner Katastrophen 
werden wenigstens vorübergehend viele mit hineingezogen, die bei 
einem Einzelunfalle Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung zu be- 
wahren imstande gewesen wären. 



1456 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Der Umstand, daß wir es bei der Schreckneurose mit den Folge- 
erscheinungen von Gemütsbewegungen zu tun haben, könnte zu 
der Auffassung führen, daß es sich hier lediglich um hysterische 
Störungen handle. Es ist auch gewiß richtig, daß durch die gleichen 
Anlässe, welche die Schreckneurose erzeugen, oft genug hysterische 
Erscheinungen zustande kommen, ja, man wird mit der Möglich- 
keit rechnen müssen, daß uns bei demselben Kranken unter Um- 
ständen Krankheitszeichen begegnen, die zum Teil dem Bilde der 
Schreckneurose, zum Teil demjenigen der Hysterie angehören. 
Der Unterschied zwischen beiden Erkrankungen liegt einmal darin, 
daß wir es bei der Schreckneurose nur mit einer einfachen Ver- 
stärkung derjenigen seelischen und körperlichen Wirkungen zu tun 
haben, die wir auch sonst bei Gemütsbewegungen beobachten, 
während bei der Hysterie die Erregung daneben noch auf ganz 
ungewöhnliche Bahnen abgelenkt wird. Nicht die Heftigkeit, son- 
dern die besondere Art der Folgen gemütlicher Erregungen ist hier 
das kennzeichnende; sie wird, wie Babinski zweifellos richtig 
hervorgehoben hat, vielfach durch Vorstellungen bestimmt, die mit 
dem auslösenden Ereignisse gar nicht oder nur in lockerem Zu- 
sammenhange stehen. 

Außerdem aber scheinen die Gemütsbewegungen der Hyste- 
rischen auf Gebiete auszustrahlen, die sonst auch den stärksten 
Erschütterungen des seelischen Gleichgewichtes nicht zugänglich 
sind. Die Eigenart der hysterischen Reaktion zeigt sich daher 
auch, wie ebenfalls Babinski betont hat, keineswegs bei großen, 
das ganze Seelenleben aufwühlenden Anlässen, sondern vielmehr 
bei den kleinen Erregungen des täglichen Lebens. Ja, es scheint 
geradezu, als ob gewaltige Gemütserschütterungen der Entwick- 
lung der eigentlich hysterischen Störungen ungünstig wären; 
wenigstens berichtet Babinski, daß Neri, der unmittelbar nach 
dem Erdbeben von Messina etwa 2000 davon Betroffene unter- 
suchen konnte, weder hysterische Kontrakturen noch Hemi- 
anästhesien noch konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung nach- 
weisen konnte. Er meint, daß eben die durch das furchtbare Er- 
eignis erzeugte Verwirrung die Ausbildung von Suggestionen und 
damit von hysterischen Krankheitszeichen verhindert habe. Wenn 
mir auch Babinskis Erklärung anfechtbar erscheint, so wird doch 
zugestanden werden müssen, daß die Entstehungsbedingungen für 



Die Unfallsneurosen. I 457 

die Schreckneurose und für die hysterischen Störungen verschiedene 
sind. Dort handelt es sich um einen allgemeinen gemütlichen Auf- 
ruhr von unerhörter Heftigkeit, hier dagegen um viel enger um- 
schriebene und daher gewiß auch dem Einflüsse der Suggestion 
weit stärker zugängliche gemütliche Erregungen, die an sich gar 
nicht besonders stark zu sein brauchen. Im Gegenteil wird man 
vielleicht begreifen können, daß besonders stürmische Erschütte- 
rungen des Seelenlebens die hysterische Umgrenzung der Wirkungen 
auf bestimmte Gebiete verhindern. 

Noch wichtiger aber wohl, als der soeben besprochene Unter- 
schied, ist die Neigung der hysterischen Störungen, selbständig 
fortzudauern, wenn die auslösende Gemütsbewegung selbst längst 
geschwunden ist. Auch bei der Schreckneurose können sich ein- 
zelne Zeichen der durchlebten gemütlichen Erschütterung längere 
Zeit hindurch erhalten, aber nur im Zusammenhange mit dem 
Nachzittern der großen inneren Bewegung. Bei der Hysterie löst 
sich diese Verbindung. Die ursprünglich durch einen Schreck, 
einen Unfall entstandene Lähmung oder Kontraktur besteht weiter, 
unter Umständen viele Jahre hindurch, auch wenn die Kranken 
längst vollständig' gemütsruhig geworden sind. Daher dort die noch 
einige Zeit das ganze innere Leben beherrschende, allmählich ab- 
klingende Erregung mit ihren Begleiterscheinungen, hier die Fort- 
dauer von Einzelstörungen ohne erkennbare Spur von innerer Be- 
unruhigung. 

Die Behandlung der Schreckneurose in dem hier umgrenzten 
Sinne wird sich zunächst auf Bettruhe, tröstenden Zuspruch und 
körperliche Pflege beschränken können ; späterhin kommt wesent- 
lich Ablenkung und befriedigende, das Selbstvertrauen hebende Be- 
schäftigung in Betracht. — 

Das allgemeine Bild der traumatischen Neurose 1 ) ist durch 
eine depressive oder mürrische Verstimmung mit Weh- 

x ) Oppenheim, Die traumatischen Neurosen, 2. Aufl. 1892; Schultze, 
Sammlung klinischer Vorträge, N. F. 14 (Innere Medizin Nr. 6); Deutsche Zeit- 
schrift f. Nervenheilkunde I, 5 u. 6, 445; Strümpell, Münchner medizinische 
Wochenschrift 1895, 49 u. 50; Sänger, Die Beurteilung der Nervenerkrankungen 
nach Unfall. 1896; Fürstner, Monatsschrift für Unfallheilkunde 1896, 10; Bruns, 
Die traumatischen Neurosen. Unfallsneurosen; Nothnagels Handbuch XII, 1, 4. 
1901; Schuster, Die traumatischen Neurosen. 1905; Aschaffenburg, Cursch- 
manns Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 798. 1909; Ewald, Die traumatische 
Neurose und die Unfallsgesetzgebung. 1908; Windscheid, Der Arzt als Begut- 



lAKS XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

leidigkeit, Willensschwäche und allerlei körperlichen, 
teils allgemein nervösen, teils örtlichen Krankheitser- 
scheinungen gekennzeichnet. Das Leiden entwickelt sich regel- 
mäßig erst einige Zeit nach dem erlittenen Unfall, frühestens nach 
einigen Wochen. Meist vergehen Monate, bisweilen Jahr und Tag, 
bis die Störungen deutlich werden. Allerdings pflegen sich die Be- 
schwerden in gewissem Sinne an die unmittelbaren Unfallsfolgen an- 
zuknüpfen, aber sie erfahren doch eine ganz selbständige Fortbildung. 
Gewöhnlich nehmen die Kranken nach Heilung der Schädigungen 
durch den Unfall zunächst ihre Arbeit wieder auf, um sie erst nach 
kürzerer oder längerer Zwischenzeit auszusetzen, ein Vorgang, der 
sich auch mehrfach wiederholen kann. Nunmehr treten sie mit leb- 
haften Klagen über ihren körperlichen und seelischen Zustand sowie 
mit der Erklärung hervor, daß ihnen das Weiterarbeiten unmöglich sei. 
Die Auffassung und namentlich das Verständnis verwickelter er 
Eindrücke erscheint verlangsamt und erschwert. Manche Kranke 
klagen über Abnahme des Seh- und Hörvermögens. Sie antworten 
erst auf eindringliches Befragen, verstehen falsch, begreifen nicht, 
was sie lesen, können sich auf nichts besinnen, versagen bei den 
einfachsten Aufgaben, können nicht rechnen, geben unklare, ver- 
schwommene Auskünfte, sie seien ,, schon hübsch lange" ver- 
heiratet, hätten ,, ziemlich viele* ' Kinder. Über die Zeitverhältnisse 
wissen sie öfters gar nicht Bescheid, vermögen weder ihr Geburts- 
jahr noch die jetzige Jahreszahl oder den Wochentag anzugeben. 
Alle geistigen Leistungen erfolgen außerordentlich schwerfällig, 
werden auch wohl ganz abgelehnt. Die Kranken erklären, sie 
seien ,,ganz damisch, über und über", ganz auseinander, wirr im 
Kopfe, sie dürften sich nicht anstrengen, bekämen sonst Kopfweh, 
würden sogleich müde, gerieten in Erregung; ein Kranker meinte, 
er wisse nicht mehr, was er zu tun habe und wo er sich befinde. 
In der Regel zeigen die Kranken daher auch nur geringe geistige 
Regsamkeit, beschäftigen sich nicht, treten nicht in Verkehr mit 
den Mitkranken, kümmern sich nicht um die Vorgänge in ihrer 

achter auf dem Gebiete der Unfall- und Invalidenversicherung. 1905; Sachs, Die 
Unfallneurose, ihre Entstehung, Beurteilung und Verhütung. 1909; Müller, 
Zeitschr. f. d. ges. Versicherungswissenschaft VII, 2; Bailey, Diseases of the ner- 
vous System resulting from accident and injury. 1906; Morselli, Rivista di 
freniatria speriment. XXXVIII, 1; Flatau, Die Nervenkrankheiten nach Unfällen. 
1912. 



Die Unfallsneurosen. 1459 

Umgebung. Ihre Gedankengänge erscheinen außerordentlich dürftig 
und einförmig; manche Kranke geben an, daß sie immerfort über 
den Unfall nachdenken müßten. Freilich pflegt die Schwerfällig- 
keit, Unbesinnlichkeit und Stumpfheit bei weitem am stärksten aus- 
geprägt zu sein, wenn man sich mit den Kranken beschäftigt 
und sie beobachtet. In ihrer Familie oder im Verkehr mit ihres- 
gleichen können die auffallenden Störungen mehr oder weniger 
vollständig zurücktreten. 

Häufig sind Mißempfindungen aller Art. Im Kopfe pocht, 
hämmert, saust, reißt, sticht es, läuft es herum. Einige Kranke 
hatten das Gefühl, als ob Geschwüre im Kopfe seien ; ein Kranker, 
der einen Schädelbruch gehabt hatte, klagte, daß ihm das Hirn 
vorfalle. Hitze steigt in den Kopf, gerade wie ein Anfall; ,,das muß 
das Gehirn sein; ich kann es mir gar nicht anders vorstellen", 
meinte ein Kranker. In der Brust sticht es; der Körper schaukelt 
hin und her ; Haut, Fleisch und Rückgrat schmerzen. Bisweilen 
werden ganz absonderliche hypochondrische Vorstellungen ent- 
wickelt. Ein Kranker behauptete, daß sich zwischen Knochenhaut, 
Hirnhaut und Hirnschale Knochensplitter ablösten, zum Gaumen- 
deckel in den Kehlkopf gelangten und von da mit einem Gefühle 
von Vollwerden heraufkämen. Manche Kranke geben an, gegen 
Witterungswechsel, Hitze und Kälte besonders empfindlich zu sein ; 
ein Kranker hatte bei Ostwind links, bei Westwind rechts Schmerzen. 
Ganz allgemein begegnet uns das Gefühl der inneren Schwäche, 
Mattigkeit und Unfähigkeit. Der Kranke ist ,,der Mann nicht mehr 
wie früher", ,, nicht mehr der, der er war". In einzelnen Fällen 
werden Sinnestäuschungen beobachtet. Ein Kranker, der aus dem 
Wagen geschleudert worden war, sah das Pferd in einer Ecke des 
Zimmers; eine Frau sah Gestalten, mit denen sie sprach, einen 
nackten Mann mit einem Prügel. Wahrscheinlich handelt es sich 
hier um hysterische, unter Umständen auch um alkoholische Bei- 
mischungen. 

Das Gedächtnis der Kranken erscheint regelmäßig sehr stark 
gestört, doch zeigt sich bei längerer Beobachtung und namentlich 
in ihrem Verhalten außerhalb des ärztlichen Gesichtskreises, daß 
von einem wirklichen Verluste der Kenntnisse und Erinnerungen, 
bei deren Wiedergabe sie versagen, keine Rede sein kann ; vielmehr 
handelt es sich nur um eine gewisse Unbesinnlichkeit und Begriffs- 



I^ÖO XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

stutzigkeit. Auf dem gleichen Grunde erwächst die häufige Merk- 
störung der Kranken. Sie sind zerstreut, unaufmerksam, machen 
keine Anstrengungen, sich die ihnen dargebotenen Eindrücke wirk- 
lich einzuprägen. 

Die Stimmung der Kranken ist meist gedrückt, niedergeschla- 
gen, weinerlich, ängstlich; sie sind ,, schwermütig im Geiste". Sehr 
häufig findet sich eine weichliche Rührseligkeit und Wehleidigkeit. 
Ein Kranker gab an, wenn er von Unfällen höre, so gehe es ihm 
durch und durch ; andere sind ganz verzweifelt, jammern und 
klagen, wünschen den Tod herbei, doch scheint es niemals zu ernsten 
Selbstmordversuchen zu kommen. Hier und da treten Zwangsvor- 
stellungen, Grübelsucht, Platzangst auf, wohl nur bei Personen, die 
ohnedies dazu geneigt waren. Manche Kranke geraten sofort in 
Verlegenheit und Verwirrung, sobald man sich mit ihnen beschäftigt. 
Fremden Angelegenheiten gegenüber sind die Kranken in der Regel 
gleichgültig, teilnahmlos; sie entziehen sich mürrisch und übel- 
launig allen an sie gestellten Anforderungen. Damit verbindet 
sich vielfach eine große Reizbarkeit, die nicht selten durch Alkohol- 
mißbrauch noch gesteigert wird. Die Kranken regen sich bei ge- 
ringfügigen Anlässen stark auf, lachen und weinen durcheinander, 
schrecken leicht zusammen, werden zittrig und ängstlich, miß- 
handeln ihre Angehörigen. Besonders gereizt pflegen sie zu werden, 
wenn man ihnen rät, die Arbeit wieder aufzunehmen. Ein Kranker 
verwahrte sich mit großer Heftigkeit gegen diese Zumutung; ,,und 
wenn sie mir die halbe Rente nähmen", erklärte er; ein anderer 
bekam einen schweren Erregungszustand, als er für arbeitsfähig 
erklärt worden war. 

Im Mittelpunkte des ganzen Krankheitsbildes steht eben die Un- 
fähigkeit zur Arbeit, die von den Kranken in den mannigfaltig- 
sten Wendungen beteuert wird. Sie fühlen sich matt, hinfällig, auf- 
geregt, vermögen keine schwere Arbeit mehr zu leisten, nicht in 
der Hitze auszuhalten, nicht mehr auf ein Gerüst zu steigen. Sobald 
sie es versuchen, werden sie zittrig, schwach, bekommen Übelkeit 
und Schmerzen, Herzklopfen und Atemnot, so daß sie aufhören 
müssen; der Nebel legt sich ihnen vor die Augen. Ein Kranker 
erklärte, alles tanze vor ihm, sobald er schwer trage ; einem anderen 
ging bei Anstrengungen unwillkürlich der Harn ab; ein dritter 
mußte bei schwerer Arbeit den Mund aufreißen, da er nicht mehr 



Die Unfallsneurosen. 1461 

schnaufen konnte; einem vierten fiel einfach die Hacke aus der 
Hand. Ein fünfter Kranker konnte wohl hier und da noch etwas 
arbeiten, mußte sich aber jede Woche zweimal niederlegen, um 
sich wieder zu erholen. Auch ganz einfache körperliche Leistungen 
sind oft mit großen Beschwerden verknüpft. Die Kranken können 
sich nicht bücken, werden dabei schwindlig; sie haben Schmerzen 
bei starkem Auftreten. Wenn sie den Kopf drehen, werden sie 
,, damisch", bekommen Genickschmerzen; eine Kranke, die freilich 
hysterische Beimischungen zeigte, meinte, sie müsse Blut spucken, 
sobald sie ihr rechtes Bein strecke. 

Einen tieferen Einblick in das Wesen der bei der traumatischen 
Neurose bestehenden Arbeitsbehinderung haben wir durch die von 
einer Reihe von Forschern nach den verschiedensten Verfahren 
durchgeführten psychologischen Untersuchungen 1 ) gewonnen. In 
größerem Umfange sind namentlich Versuche mit dem fortlaufen- 
den Addieren einstelliger Zahlen angestellt worden, zumeist in der 
schon öfters erwähnten Anordnung, daß in einer längeren Versuchs- 
reihe abwechselnd einen Tag 10 Minuten ohne Pause, am nächsten 
zweimal je 5 Minuten mit Einschiebung einer Pause von 5 Minuten 
gerechnet wurde. Die ältesten derartigen, allerdings noch nach ab- 
weichendem Plane und nur an einem einzigen Kranken durch- 
geführten Versuche stammen von Groß; späterhin haben Röder, 
Specht, Plaut, Buddee eine große Zahl vergleichbarer Be- 
obachtungen an Gesunden und Unfallskranken mitgeteilt, die ein 
ziemlich klares Bild von der eigentümlichen Arbeitsweise dieser 
letzteren geliefert haben. Die Bedeutung solcher planmäßig an- 
geordneten Untersuchungen liegt darin, daß sie uns nicht nur über 
die Höhe der Arbeitsleistung an sich, sondern auch über den täg- 
lichen Übungsfortschritt unterrichten und uns innerhalb gewisser 
Grenzen auch ein Urteil über die Ermüdbarkeit wie über das Ver- 
halten der Willensspannung ermöglichen. Der Übungsfortschritt 
läßt sich aus der durchschnittlichen Steigerung der Leistung in den 
ersten 5 Arbeitsminuten von Tag zu Tag berechnen, während sich 
die Ermüdbarkeit aus der Größe der Leistungszunahme nach der 
eingeschobenen Erholungspause gegenüber dem Fortarbeiten ab- 
schätzen läßt und die Stärke der angewandten Willensspannung 

x ) Specht, Archiv f. d. ges. Psychologie III, 245; Leupoldt, Sommers 
Klinik I, 130. 

Kr aepel in, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 5 



1462 



XII. Die psychogenen Erkrankungen. 



einen gewissen Ausdruck in der Erhöhung des ersten Minutenwertes 
gegenüber dem zweiten findet. 

Zur näheren Erläuterung dieser Verhältnisse gebe ich in 
Fig- 2 57 den aus je 5 Arbeitstagen gewonnenen durchschnitt- 





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Fig- 2 57- Fortlaufendes Addieren in 10 Minuten (. . . Pause). 
1) Ermüdbarer Gesunder, 2) Unfallkranker. 



liehen Gang der Leistung für die einzelnen Minuten an den Tagen 
mit und ohne Pause von einem Gesunden und einem Unfalls- 
nervenkranken wieder. Man erkennt zunächst den ganz außer- 
ordentlichen Unterschied in der allgemeinen Höhe der Arbeits- 
leistung, die bei dem Gesunden das 6— 9 fache derjenigen des 



Die Unfallsneurosen. 1463 

Kranken beträgt. Weiterhin zeigt sich, daß die Kurve des Gesun- 
den an den pausenlosen Tagen und ebenso im ersten Abschnitte 
der Pausentage stark sinkt, während diejenige des Kranken fast 
vollkommen wagerecht verläuft. Hier ist zu bemerken, daß jenes 
Sinken einer gesteigerten Ermüdbarkeit entspricht, deren Wir- 
kungen hier gerade gezeigt werden sollten. Es gibt auch Kurven 
von Gesunden, die viel langsamer sinken, unter Umständen, bei 
großer Übungsfähigkeit, sogar ansteigen, freilich immer bei sehr 
erheblich höherer Gesamtleistung, als sie unser Kranker zu ver- 
zeichnen hat. 

Der starken Ermüdbarkeit unserer gesunden Versuchsperson ent- 
spricht die deutliche Wirkung der Pause, nach der die Leistung weit 
über derjenigen der pausenlosen Tage bleibt. Demgegenüber sehen 
wir bei dem Unfallskranken fast gar keine Pausenwirkung ; unmittel- 
bar nach der Pause findet sogar eine kleine Abnahme der Leistung 
statt. Wir würden somit zu dem überraschenden Schlüsse kommen, 
daß bei dem Unfallskranken, entgegen seinen eigenen Angaben, 
die Ermüdbarkeit herabgesetzt gewesen sei. Betrachten wir jedoch 
den Beginn der Kurven, so sehen wir, daß der erste Minutenwert, 
anders als bei den Kurven des Gesunden, den zweiten nicht über- 
ragt, an den pausenlosen Tagen sogar erheblich unter ihm liegt. 
Daraus geht hervor, daß der Kranke mit äußerst geringer Willens- 
spannung an seine Arbeit gegangen ist, ein Schluß, der in der un- 
gemein geringen Gesamtleistung seine volle Bestätigung findet. 
Damit ist aber auch die Erklärung für den wagerechten Verlauf 
der Arbeitskurve und das Fehlen der Pausenwirkung gegeben ; es 
handelt sich nicht um eine Herabsetzung der Ermüdbarkeit, son- 
dern um das Fehlen der Ermüdungswirkungen wegen völligen Ver- 
sagens des Willens ; dadurch ist auch die Einschränkung der Leistung 
auf ein Mindestmaß bedingt. 

Dieses Ergebnis steht in einem gewissen Widerspruche mit dem 
seinerzeit von Groß erhobenen Befunde, daß sich bei seinem Kran- 
ken in der Tat, seinen Klagen entsprechend, eine erhöhte Ermüd- 
barkeit nachweisen ließ. Die weitere Erfahrung hat gezeigt, daß 
dieses Verhalten zwar hier und da vorkommt, aber weitaus seltener 
ist, als jene außerordentliche Herabsetzung der Willensspannung, 
die ein Urteil über die wirkliche Größe der Ermüdbarkeit nach dem 
hier angewandten Verfahren überhaupt nicht gestattet. Zur näheren 



1464 



XII. Die psychogenen Erkrankungen. 



Erläuterung dieser Störung gebe ich in Fig. 258 und 259 nach 
den Untersuchungen Plauts zunächst die durchschnittlichen 
Rechenleistungen für 5 Minuten von 18 Gesunden und 22 Unfalls- 
nervenkranken wieder. Man sieht hier ohne weiteres, daß von den 
letzteren nur drei eine noch in die Normalbreite hineinreichende 
Durchschnittsleistung aufzuweisen haben; die übrigen rechnen un- 




+ 11 + 7 + 12 + 14 + 11 +10 + 11 +10 +8 + 9 +12 +14 + 7 +9 +9 +10 +10 +7 



Fig. 258. Durchschnittliche Rechenleistungen für 5 Minuten und täglicher 
Übungsfortschritt bei Gesunden. 



gemein viel weniger, zum Teil nur 1 / 1 — 1 / 9 der niedrigsten Leistung 
bei den Gesunden. In mannigfachen Abstufungen treffen wir somit 
hier jene Herabsetzung der Leistung wieder, als deren Ursache wir 
vorhin die Unfähigkeit zu wirksamer Anspannung des Willens 
kennen gelernt haben. 

Dieser Deutung entspricht auch der Umstand, daß bei den 
Kranken der durchschnittliche tägliche Übungszuwachs, dessen 



Die Unfallsneurosen. 



1465 



Größe in Form von schwarzen Stäben den Fig. 258 und 259 eingefügt 
wurde, nur in 4 Fällen gerade noch in die Normalbreite hineinragt, 
ja, daß er 2 mal ganz fehlt und 6 mal negativ ausgefallen ist. Die 
Steigerung der Leistung durch die Übung ist aber bei Gesunden eine 
so ausnahmslose Regel, daß dieser Befund unbedingt als krankhaft 
angesehen werden darf. Er bedeutet, daß die natürlichen Übungs- 
einflüsse durch entgegengesetzte Wirkungen überwogen werden. 



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+ 6 + 5 +7+10+12 +4 + 3 +7 -1 -1 +5 +6 + 3 -1 +3 -2 +2 +10 -10 -1,5 



Fig. 259. Durchschnittliche Rechenleistungen für 5 Minuten und täglicher 
Übungsfortschritt bei Unfallskranken. 



Das hängt einmal mit der Geringfügigkeit der Übung beim Fehlen 
kräftigerer Willensanspannung zusammen ; weiterhin können sich 
aber hier und da auch im Verlaufe der Versuchsreihe noch besondere 
arbeithindernde Einflüsse entwickelt haben, Ängstlichkeit, Unlust, 
Widerwille, welche die an sich schon niedrige Willensspannung noch 
weiter herabsetzten. Man wird hier unwillkürlich an die bei allen 
diesen Kranken wiederkehrende Erfahrung erinnert, daß sie wohl 
die Arbeit aufnehmen, aber nach mehr oder weniger kurzer Frist 
erlahmen und sie wieder aufgeben. 



1466 



XII. Die psychogenen Erkrankungen. 



Es kann uns nicht wundernehmen, wenn uns unter diesen 
Umständen die Pausenwirkung hier nicht, wie das bei Gesunden 
im allgemeinen zutrifft, ein Bild von der Ermüdbarkeit der Kranken 
liefert. In den Fig. 260 und 261 findet sich die Größe der Leistungs- 
steigerung nach der Pause für die hier besprochenen Gesunden und 
Kranken dargestellt. Es zeigt sich, daß die durchschnittliche Größe 
der Pausenwirkung bei der großen Mehrzahl der Kranken diejenige 
der Gesunden übertrifft, daß sie aber 6 mal gleich o oder sogar 
negativ geworden ist. Wir dürfen daraus zunächst schließen, daß 



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Fig. 260. Durchschnittliche Pausenwirkung bei Gesunden. 



im allgemeinen die Ermüdungswirkungen der Arbeit bei unseren 
Kranken verhältnismäßig große sind, was namentlich im Hinblicke 
auf die geringe Höhe ihrer Leistung sehr bemerkenswert erscheint. 
Sodann aber wird die natürliche Erholungswirkung der Pause offen- 
bar bisweilen durch entgegengesetzte Einflüsse mehr als aufge- 
wogen. Diese letzteren haben vielleicht auch die Pausenwirkungen 
bei den übrigen Kranken herabgedrückt, so daß die Steigerung 
der Ermüdbarkeit ohne sie noch deutlicher hervortreten würde. 
Auch hier werden wir vorzugsweise an die hemmenden Einflüsse 
auf gemütlichem Gebiete denken dürfen, die nach einer Unter- 
brechung der Arbeit durch die Pause deren Wiederaufnahme er- 
schweren. 



Die Unfallsneurosen. 



1467 



Das Bild, das wir uns auf Grund dieser Ergebnisse von der 
Arbeitsweise unserer Kranken entwerfen können, würde also zeigen, 
daß sie mit mehr oder weniger stark herabgesetzter Willensspannung 
ans Werk gehen, die unter dem Einflüsse gemütlicher Hemmungen 
bei Unterbrechung der Arbeit durch kürzere oder längere Pausen 
leicht noch weiter sinkt. Zugleich aber scheint, wenigstens bei der 




Fig. 261. Durchschnittliche Pausenwirkung bei Unfallskranken. 



Mehrzahl, auch eine Steigerung der Ermüdbarkeit zu bestehen ; 
bei den übrigen ist sie aus versuchstechnischen Gründen nicht 
nachzuweisen. 

Diese Ergebnisse stehen mit den klinischen Erfahrungen bei 
der traumatischen Neurose in bestem Einklänge ; sie finden aber 
auch durch eine Reihe von weiteren Untersuchungen Bestätigung. 
So erhielt Specht von Unfallsnervenkranken bei Ergographen- 



t 
1453 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

versuchen sogenannte endlose Kurven, d. h. die Kranken arbeiteten 
mit so geringer Willensspannung und lieferten so niedrige Hebungen, 
daß Ermüdungswirkungen längere Zeit hindurch gar nicht zur Ent- 
wicklung gelangten. Weiler, der mit seinem Arbeitsschreiber an 
18 Kranken Versuche nach einem ähnlichen Plane ausführte, wie 
er den Rechenversuchen zugrunde lag, fand deren Leistungen viel 
geringer, als diejenigen der Gesunden. Bei 5 Kranken war eine 
gesteigerte Ermüdbarkeit nachzuweisen, bei den übrigen nicht ; hier 
bestanden mehr oder weniger starke Willenshemmungen. Das Ver- 
halten der ersteren Gruppe ähnelt nach Weilers Erfahrungen dem- 
jenigen von Rekonvaleszenten nach körperlichen Erkrankungen, 




Fig. 262. 
Schreibdruckkurven („-*^-#-") bei einem Gesunden. 

während die letzteren in ihren Ergebnissen an Hysterische erinnern. 
Er vermutet daher, daß dort vielleicht organische Veränderungen 
eine Rolle spielen könnten, daß es sich hier aber lediglich um psy- 
chogene Störungen handle. 

Wieder von einer anderen Seite her wird die hier besprochene 
Frage beleuchtet durch die ebenfalls von Weiler angestellten Ver- 
suche mit der Schriftwage. Die Fig. 262 und 263 zeigen die bei immer 
wiederholtem Schreiben des Buchstaben ^*^ von einem Gesunden 
und einem Unfallsnervenkranken gewonnenen Druckkurven ; es wur- 
den der besseren Vergleichbarkeit halber absichtlich Beispiele mit 
annähernd gleichem Schreibdrucke gewählt. Das Ansteigen der 
Kurven entspricht steigendem, ihr Fallen sinkendem Schreibdrucke. 
Die drei aufstrebenden Spitzen wurden also durch die Grundstriche, 



Die Unfallsneurosen. 1469 

die Senkungen dazwischen durch Haarstriche hervorgebracht; die 
Zeitschreibung gibt Fünftelsekunden wieder. Was sofort in die 
Augen fällt, ist die sehr starke Verlangsamung der Bewegung bei 
dem Kranken; die Ausführung der gleichen Schreibbewegung 
nimmt bei dem Gesunden etwa 5 (1"), bei dem Kranken dagegen 
15—20 Fünftelsekunden (3— 4") in Anspruch. Sodann aber sieht man, 
daß die Schreibbewegung des Kranken sich aus einer Menge von 
einzelnen Anstößen zusammensetzt, die durch kurze Nachlässe 
unterbrochen sind. Wir finden deren allein im ersten Auf- und 
Abstrich 4 — 5, während sich beim Gesunden fast nur der Übergang 
von jenem zu diesem durch eine kleine Drucksenkung andeutet. 
Nicht ohne Bedeutung ist vielleicht auch die Geringfügigkeit der 




Fig. 263. 
Schreibdruckkurven („■*<*<*.") bei traumatischer Neurose. 

Drucksteigerung beim letzten Grundstriche, im Gegensatze zu dem 
starken Hinaufschnellen beim Gesunden; sie könnte auf ein Er- 
lahmen des Willens am Schlüsse jeder einzelnen Schreibhandlung 
hindeuten. Andererseits bricht die Bewegung auch nicht so plötz- 
lich ab wie beim Gesunden, wo dadurch meist ein starkes Zurück- 
schnellen der Feder unter die Grundlinie bewirkt wird. Ferner prägt 
sich die Langsamkeit, mit der hier die Willenshandlungen ablaufen, 
darin aus, daß der erreichte Druck beim letzten Haarstrich nur ganz 
allmählich wieder sinkt. 

Endlich teile ich noch einige Kurven mit, die nach dem von 
Isser lin ausgebildeten Verfahren taktmäßiger Fingerbewegungen 
bei Unfallsnervenkranken gewonnen wurden; sie sind ohne wei- 
teres den früher bei der Dementia praecox abgebildeten vergleichbar. 
Die erste Figur (264) zeigt die am häufigsten beobachtete Form, 



1470 Xll. Die psychogenen Erkrankungen. 

überaus langsam verlaufende, wenig ausgiebige, in ihrer Größe 
wechselnde Bewegungen. Wir dürfen darin wohl die oft besproche- 
nen Hemmungen und die geringe Spannung der Willensantriebe 
wiedererkennen. Weiterhin aber sehen wir in Fig. 265 wohl ein- 
zelne Bewegungen mit normaler Schnelligkeit und Ausgiebigkeit 




Fig. 264. Taktmäßige Fingerbewegungen bei traumatischer Neurose (a). 

ablaufen; dazwischen aber schieben sich andere, die nur unvoll- 
kommen durchgeführt wurden oder eine plötzliche Hemmung mit 
darauffolgendem neuen Antriebe zeigen. In stärkster Ausbildung 
zeigt sich aber die so bedingte Unregelmäßigkeit der sonst so gleich- 




Fig. 265. Taktmäßige Firfgerbewegungen bei traumatischer Neurose (b). 

artig ablaufenden Pendelbewegungen in Fig. 266, wo sich in 
eine Reihe langsamer, aber weit ausholender Bewegungen eine 
Gruppe gänzlich verunglückter, in den Anfängen stecken gebliebener 
Bewegungsversuche eingeschoben hat. Wir werden somit an- 
nehmen dürfen, daß bei unseren Kranken neben der allgemeinen 
Verlangsamung und Erschwerung der Willenshandlungen vielfach 
auch vorübergehende Hemmungen der Antriebe eintreten, die eine 



Die Unfallsneurosen. 



1471 



flotte und gleichmäßige Durchführung der verlangten Bewegungen 
erheblich behindern. 

Die hypochondrischen Vorstellungen, die unsere Kranken be- 
herrschen, kommen in ihrem Verhalten vielfach deutlich zum Aus- 
drucke. Sie haben die Neigung, viel von ihrem Unfälle zu sprechen, 
berichten mit allen Einzelheiten, meist in den gleichen, stark auf- 
tragenden Wendungen darüber, kommen bei jeder Unterhaltung 
bald darauf zurück. Auch wenn sie für gewöhnlich wortkarg und 
verschlossen sind, pflegen sie lebhaft und mitteilsam zu werden, 
sobald man sie über ihre Angelegenheit befragt. Ihre Beschwerden 
malen sie gern sehr eindringlich aus; sie werden gereizt und noch 
eifriger, wo sie auf Zweifel zu stoßen glauben. Oft tragen sie schon 



Fig. 266. Taktmäßige Fingerbewegungen bei traumatischer Neurose (c). 

in ihrer schlaffen, zusammengesunkenen Haltung, in ihren ver- 
grämten Zügen, in ihren müden, langsamen Bewegungen, der 
klanglosen oder weinerlichen Stimme ihr Leiden deutlich zur Schau, 
oder sie fallen durch Eigentümlichkeiten der Gliederstellung, des 
Gehens auf, die mit ihrem Unfälle in Beziehung stehen. Manche 
Kranke bedienen sich wegen Lichtscheu dunkler Brillen ; ein Kran- 
ker erschien mit einem feuchten Schwämme auf dem Kopfe; ein 
anderer hatte sich wegen der Empfindlichkeit seines Schädels 
gegen Witterungseinflüsse die Haare lang wachsen lassen und trug 
außerdem noch ein Käppchen. 

Sehr häufig klagen die Kranken über Schwindelgefühle, na- 
mentlich beim Bücken, beim Hinaufsteigen auf Leitern, aber auch 
bei Anstrengungen. Bisweilen treten Schwindelanfälle auch ohne 
äußeren Anlaß auf ; seltener kommt es zu wirklichen Ohnmächten. 



J472 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

In vereinzelten Fällen wird über Zustände von Bewußtseinstrübung 
berichtet, doch handelt es sich dabei wohl regelmäßig um hysterische, 
vielleicht auch einmal um epileptische Beimischungen. Die Sprache 
ist oft verlangsamt, stockend, stotternd, eintönig, bisweilen schwer- 
fällig, schmierend. In der Schrift finden sich Auslassungen; die 
Buchstaben werden mit unsicheren, fahrigen, zittrigen Bewegungen 
ausgeführt, sind unter Umständen ganz unleserlich. Eine sehr 
merkwürdige Entstehung hatte die in den Schriftproben 39 a bis d 




4r /fsUl sv^^J^U- Jt«^ <2~&£*>r 

a) 12./X. 1905. 





^2/a~ 




b) 28./VII. 1906. 



c) 10./IX. 1907. 



< j 0^ vr v % ^[kv/w>^^ 




d) 22./XI. 1909. 
Schriftprobe 39 a — d. Zitterschrift bei traumatischer Neurose. 

wiedergegebene Zitterschrift. Das Zittern betraf bei dem Kranken, 
der am 9. März 1904 von einer Leiter etwa 3 m tief auf die Füße 
heruntergerutscht war, an sich nur die Beine, allerdings in sehr 
starkem Grade; von da setzte sich die rhythmische Erschütterung 
auf den übrigen Körper fort und kam so beim Schreiben in den 
ungemein regelmäßigen Wellenbewegungen zum Ausdruck, ohne 
zunächst die Deutlichkeit der Schrift nennenswert zu beeinträch- 
tigen. Die vier, annähernd in Jahresabständen aufeinander folgen- 
den Proben zeigen die allmähliche Verschlimmerung des Krank- 
heitszeichens. 



Die Unfallsneurosen. 1473 

Das Zittern ist bei unseren Kranken sehr verbreitet. Öfters 
handelt es sich allerdings nur um feinschlägiges Vibrieren der ge- 
spreizten Finger, das auch verschiedenen anderen Ursachen seine 
Entstehung verdanken kann. Eigentlich kennzeichnend ist ein 
grober Schütteltremor des ganzen Körpers oder einzelner Glieder, 
der sich in der Regel bedeutend verstärkt, sobald sich die Aufmerk- 
samkeit auf ihn richtet. Das betroffene Glied ist gewöhnlich die An- 
griff sstelle des erlittenen Unfalls. Die Bewegungen der Kranken 
sind meist kraftlos, unsicher, ausfahrend, verlangsamt, besonders 
bei der Prüfung durch den Arzt, während die alltäglichen Hantie- 
rungen keine oder nur geringe Störungen erkennen lassen. In den 
vom Unfälle in Mitleidenschaft gezogenen Gliedern besteht nicht 
selten deutliche Schwäche. Ein Kranker konnte den Arm, auf den 
ihm ein Ziegelstein gefallen war, kaum heben ; ein anderer meinte, 
der Arm, mit dem er sich bei der Flucht vor einer vermeintlichen 
Explosionsgefahr an der Leiter angehalten hatte, sei ,, bereits nichts 
mehr". Bei dem Versuche, die angeblich geschädigten Glieder aktiv 
oder passiv zu bewegen, stellen sich vielfach Muskelspannungen 
und auch Schmerzen ein, die in der Ruhe wieder zu verschwinden 
pflegen. Aus der Verbindung solcher, psychogen entstehender Spas- 
men mit Schwäche und Zittern setzt sich das von Fürstner und 
Nonne beschriebene klinische Bild der ,, pseudospastischen Parese 
mit Tremor" zusammen, dem wir bei den Unfallsnervenkranken 
nicht selten begegnen. Dauernde Kontrakturen, die hier und da 
vorkommen, sind wohl' als hysterische Beimischungen zu deuten. 

Sehr häufig sind Gehstörungen, offenbar deswegen, weil die 
Beine der Gefährdung durch Unfälle besonders ausgesetzt sind. 
Die Kranken hinken, gehen langsam, schleppend oder steif mit 
kleinen, ängstlichen Schritten ; sie schwanken, drohen hinzustürzen, 
suchen überall nach einer Stütze, lassen sich wohl auch vorsichtig 
auf den Boden gleiten, ohne sich aber jemals ernstlich wehzutun. 
Meist sind dabei die Muskeln der Beine straff angespannt, führen 
ruckende, schiebende Bewegungen aus. Beispiele für diese Geh- 
störungen geben die Fig. 267 und 268. Bisweilen macht schon das 
Stehen große Schwierigkeiten, namentlich bei geschlossenen Augen. 
Die Kranken beginnen sofort, zu taumeln, nach vorn oder hintenüber 
zu fallen, vermögen aber in der Regel auch bei stärkstem Stolpern 
und Schwanken ihr Gleichgewicht wiederzugewinnen. Ein Kranker 



1474 



XII. Die psychogenen Erkrankungen. 



bot bei der Prüfung in täuschendster Weise die Zeichen einer Klein- 
hirnataxie dar, während er sich für gewöhnlich ganz sicher be- 
wegte ; er hatte vor langen Jahren eine Hinterhauptsverletzung mit 
Störungen von Seiten des Kleinhirns durchgemacht. 

Die Sehnenreflexe sind oft sehr lebhaft. Beim Beklopfen der 
Patellarsehne erfolgt nicht selten eine Reihe von heftigen Zuckungen, 
die keine Reflexe, sondern ein psychogenes Zusammenfahren des 

Kranken bedeuten ; 
in einem Falle konnte 
man auf diese Weise 
einen Schütteltremor 
des Beines auslösen; 
bei einem anderen 
Kranken stellte sich 
Kopfschmerz ein. Die 
Pupillen sollen nach 
Bachs Angaben öf- 
ters ungleich sein ; 
über asthenopische 
Beschwerden wird 
hier und da geklagt. 
Die Beweglichkeit der 
Augen ist bisweilen 

eingeschränkt. 
Westphal sah in 
einem Falle starre 
Feststellung beider 
Augäpfel bei der Un- 
tersuchung, so daß 
eine Ophthalmoplegie vorgetäuscht wurde; sobald der Kranke, der 
noch viele andere Zeichen einer schweren traumatischen Neurose dar- 
bot, unbefangen war, spielten die Augen ziemlich frei, doch mit lang- 
samen, ruckweise erfolgenden, auf starke Spannungen hindeutenden 
Bewegungen. Diese Störung ist wohl, ebenso wie die gelegentlich be- 
obachtete konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung, als eine der 
hier so häufigen hysterischen Begleiterscheinungen aufzufassen. 
Ebendahin dürften die in vereinzelten Fällen auftretende psycho- 
gene Erblindung, das Doppelsehen mit einem Auge, der vorüber- 




Fig. 267. Gehstörung bei traumatischer Neurose. 



Die Unfallsneurosen. 



1475 



gehende Strabismus, der Verlust des Farbenunterscheidungsver- 
mögens und ähnliche, dem gewöhnlichen Bilde der traumatischen 
Neurose fremde Krankheitszeichen gehören. 

Von Empfindungsstörungen begegnet uns am häufigsten 
erhöhte Schmerzhaftigkeit auf Druck und bei Bewegungen, nament- 
lich an den vom Unfälle betroffenen Körperteilen; hier und da be- 
steht auch Überempfindlichkeit gegen Geräusche. Kopf und Wirbel- 
säule sind öfters klopfempfindlich. Sehr verbreitet sind Kopfschmer- 




Fig. 268. Gehstörung bei traumatischer Neurose. 



zen, die sich gern auch an bestimmte Anlässe, Witterungswechsel, 
Anstrengungen, Aufregungen, anknüpfen. Dazu gesellen sich 
Ziehen in den Schultern, Spannungsempfindungen, Schmerzen im 
Kreuz, Sausen und Klingen in den Ohren, Frieren, Hitze in den 
Füßen, krampfhaftes Ziehen im Nacken, Flimmern vor den Augen 
und ähnliche, nach der Art des Falles wechselnde, aber bei demselben 
Kranken meist sehr einförmig fortbestehende Mißempfindungen. 
Umschriebene oder halbseitige Aufhebung der Hautempfindlichkeit 
ist selten und wohl als hysterische Begleiterscheinung zu deuten. 
Auf vasomotorischem Gebiete zeigen sich Herzklopfen, Be- 



1476 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

klemmungsgef ühle , Pulsbeschleunigung, Schweißausbrüche, Wal- 
lungen. Gelegentlich tritt Kurzatmigkeit auf. Der Schlaf ist vielfach 
durch ängstliche Träume, Aufschrecken, Albdrücken gestört. Der 
Appetit ist meist gering; die Kranken klagen öfters über Übelkeit, 
Erbrechen, Stuhlverstopfung ; der Ernährungszustand kann beträcht- 
lich sinken. Die Harnentleerung scheint bisweilen erschwert, die Po- 
tenz vermindert zu sein. Ob die nicht selten festgestellte alimentäre 
Glykosurie in engerer Beziehung zum Krankheitsbilde der trau- 
matischen Neurose steht, ist nicht ganz sicher, aber immerhin mög- 
lich, da sie auch sonst bei Depressionszuständen vorkommt. Fried- 
mann hat endlich auf die geringere Widerstandsfähigkeit der 
Kranken gegen Anstrengungen, Alkoholgenuß, Gemütsbewegungen, 
Galvanisation des Kopfes und Karotidenkompression aufmerksam 
gemacht. Er ist der Meinung, daß unter dem Einflüsse einer beim 
Unfälle erlittenen Hirnerschütterung eine dauernde Störung in der 
Regelung der Blutversorgung des Gehirns zustande kommen könne, 
die sich auch in erhöhter Neigung zu Schwindelgefühlen, namentlich 
beim Bücken, kundgebe. 

Das hier geschilderte Krankheitsbild ist aus naheliegenden 
Gründen nicht immer rein. Auf der einen Seite mischen sich ihm, 
wie vielfach erwähnt, öfters einzelne ausgesprochen hysterische 
Krankheitszeichen bei. Wir werden uns darüber nicht wundern, 
wenn wir bedenken, daß ähnliches bei der Epilepsie, bei der De- 
mentia praecox, ja bei Herderkrankungen des Gehirns beobachtet 
wird. Hier, wo das ganze Leiden auf dem Boden lebhafter Gemüts- 
bewegungen erwächst, sind natürlich die Bedingungen für eine 
solche Verbindung noch weit günstiger. Außerdem aber haben wir 
damit zu rechnen, daß, ganz abgesehen von mehr zufälligem Zu- 
sammentreffen mit Alkoholismus, Syphilis, Arteriosklerose usf., in 
einer großen Zahl von Fällen wirklich ernstere Verletzungen, nament- 
lich auch des Gehirns, stattgefunden haben, deren Nachwirkungen 
sich weiterhin dem klinischen Bilde hinzugesellen können. Neben 
allen möglichen sonstigen körperlichen Schädigungen wird man 
hier daher gelegentlich organisch bedingte Lähmungen und Emp- 
findungsausfälle, Sehnervenatrophie, Labyrinthtaubheit, Reste apha- 
sischer Störungen antreffen. — 

Der allgemeine Verlauf der traumatischen Neurose pflegt bei 
uns ein schleppender zu sein. Die Kranken versuchen zwar im An- 



Die Unfallsneurosen. *477 

fange noch ein oder das andere Mal, die Arbeit wieder aufzunehmen, 
versagen aber in der Regel schon nach wenigen Tagen, um nunmehr 
um so ausgesprochenere Krankheitserscheinungen darzubieten. Sie 
wenden sich etwa einer leichteren, schlechter entlohnten Beschäfti- 
gung zu, oder sie beschränken sich darauf, im Haushalte ein wenig 
mitzuhelfen, Kinder zu beaufsichtigen, Gänge zu besorgen, lehnen 
aber anstrengendere Arbeit entschieden ab. Manche geben jede 
Tätigkeit auf, verbringen ihre Zeit im Wirtshause oder sitzen müßig 
zu Hause herum, gehen spazieren. Namentlich, wenn ihre Rente, 
eigene Mittel oder der Verdienst der Frau gerade noch ausreichen, 
um den Lebensunterhalt zu bestreiten, suchen sie sich lieber kümmer- 
lich so durchzuschlagen, als tatkräftig an der Wiederherstellung 
ihrer Leistungsfähigkeit zu arbeiten. Nicht wenige Kranke verfallen 
dem Alkoholismus, namentlich, wenn schon vorher Alkoholmiß- 
brauch bestand. 

Auch Arteriosklerose scheint sich öfters zu entwickeln oder 
doch eine erhebliche Verschlechterung zu erfahren. Man pflegt 
derartige Beobachtungen mit den starken und dauernden gemüt- 
lichen Erregungen in Beziehung zu bringen, denen die Kranken 
ausgesetzt sind ; von manchen Seiten wird auch über die Häufig- 
keit von Blutdrucksteigerungen berichtet. Sachs ist demgegenüber 
geneigt, die Arteriosklerose nicht als Folge der traumatischen 
Neurose anzusehen, sondern sie auf die Verbindung mit Alkoholis- 
mus oder Lues zurückzuführen. In ähnlicher Weise mag die Be- 
obachtung zu deuten sein, daß die Kranken oft ein frühzeitig ge- 
altertes Aussehen darbieten, doch darf nicht vergessen werden, daß 
die Arbeit nicht nur den Menschen verbraucht, sondern ihn bei 
verständiger Lebensführung auch jung und frisch erhält, daß also 
Hinfälligkeit und Greisenhaftigkeit auch Folgen des Nichtstuns 
sein können. Abgesehen von besonderen Zufällen kann der Krank- 
heitszustand mit geringen Schwankungen lange Jahre fortbestehen, 
sich verschlechternd, sobald die Gefahr einer Rentenherabminderung 
droht, sich bessernd, wenn die Kranken nicht durch neuerliche Unter- 
suchungen und Verhandlungen beunruhigt werden. Sobald der 
dauernde, ungestörte Genuß der Rente gesichert ist oder sonst be- 
friedigende Daseinsbedingungen geschaffen wurden, können die 
Krankheitserscheinungen vollständig oder bis auf ganz gering- 
fügige Überreste verschwinden. 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 6 



IAJ8 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Auf der anderen Seite kann sich aus dem Bilde des Unfallsnerven- 
kranken unter Umständen ein anderer, ebenfalls psychogener Krank- 
heitszustand herausentwickeln, derjenige des Rentenquerulan- 
ten 1 ). Obgleich der erlittene Unfall vielleicht von vornherein nur ein 
sehr unbedeutender war oder doch keine nennenswerten Beschwer- 
den hinterlassen hat, setzt sich bei dem Verletzten dennoch die von 
lebhaften Begehrungsvorstellungen begleitete und getragene Über- 
zeugung fest, durch den Unfall ein unbestreitbares Anrecht auf 
reichliche Entschädigung, womöglich auf die Vollrente, erworben 
zu haben. Stellen sich der Verwirklichung dieser Forderung Hinder- 
nisse entgegen, oder wird die gewährte Rente nach einiger Zeit 
wegen Schwindens der Arbeitsbehinderung herabgesetzt, so beginnt 
ein Kampf um die Rente, der ganz die Formen des später genauer 
zu schildernden Querulantentums annehmen kann; beide wurzeln 
auf demselben Boden des Wahns einer rechtlichen Benachteiligung. 

Zunächst werden die etwa noch vorhandenen Beschwerden in 
maßloser Weise übertrieben. Der Kranke klagt über die mannigfal- 
tigsten Schmerzen, über Schwäche, Schwindelgefühle, die sich sofort 
einstellen, wenn er zu arbeiten anfängt, und ihn gänzlich erwerbs- 
unfähig machen. Nicht selten versucht er auch, um sein vermeint- 
liches Recht zu erkämpfen, geradezu die Vortäuschung schwerer 
Krankheitserscheinungen. So kann er bei der ärztlichen Unter- 
suchung einen Zustand erbarmungswürdigster Hilflosigkeit dar- 
bieten, während er im gewöhnlichen Leben gar keine Störungen 
erkennen läßt. Er vermag sich vielleicht nur mühsam und schlep- 
pend vorwärts zu bewegen, hat nicht die geringste Kraft in den Ar- 
men, gerät bei der leisesten Anstrengung in heftiges Zittern. Die 
einfachsten Fragen kann er nicht beantworten, gibt ganz verkehrte 
Auskunft, muß sich immerfort besinnen, faßt mit der Hand nach dem 
Kopfe, erscheint ganz blödsinnig. Nur, wenn man auf den Unfall 
zu sprechen kommt, pflegt er mit stockender, unbeholfener Aus- 
drucksweise, mit wehleidiger Miene dessen Hergang und die durch 
ihn bedingten Beschwerden zu schildern. 

In den ausgeprägten Fällen wird die Kampfesweise allmählich 
immer rücksichtsloser. Der Kranke beruhigt sich nicht bei den 
erhaltenen Bescheiden, legt immer wieder Berufung ein, verfaßt 
Eingaben über Eingaben, in denen er mit den gleichen Wendungen 

x ) Mendel, Neurol. Centralbl. 1909, 1140; Tetzner, ebda. 1910, 235. 



Die Unfallsneurosen. 1479 

seine Ansprüche verteidigt. Jeder Mißerfolg gibt ihm Anlaß zu ent- 
rüstetem Widerspruch. Er beschuldigt die für ihn ungünstigen 
Zeugen der persönlichen Gehässigkeit, bringt Verdächtigungen gegen 
sie vor, zeigt sie wegen Meineids oder sonstiger angeblicher Straf- 
taten an, überschüttet sie mit Beleidigungen und Drohungen; ein 
Kranker bezeichnete sich als ,, Opfer falscher und hinterlistiger 
Arbeitsgenossen". Die begutachtenden Ärzte sind Dummköpfe, 
Schwindler oder bestochen ; die Behörden sind parteiisch ; es ist ein 
Staatsbetrug. Schließlich läßt sich der Kranke auf gar keine Verhand- 
lungen mehr ein, weigert sich, zu Terminen oder zur ärztlichen Unter- 
suchung zu erscheinen, nimmt die Zustellungen nicht entgegen, weist 
die nach seiner Meinung ungenügende Rente zurück, verlangt ,,den 
vollen Unfall" und leidet lieber äußerste Not, bevor er das geringste 
Zugeständnis macht. Ein Kranker lehnte sogar die ihm zugebilligte 
Vollrente ab und verlangte eine noch höhere Entschädigung. Die 
Stimmung wird dabei immer erregter und gereizter, mißtrauisch und 
feindselig; ein Kranker drohte, den vermeintlichen ,, Urheber seines 
Unglücks' ' zu erschießen. Öfters verbindet sich damit ein gehobenes 
Selbstgefühl ; der Kranke rühmt sein ausgeprägtes Rechtsgefühl, 
seine frühere Leistungsfähigkeit: ,,wie ich früher habe arbeiten 
können, so ist kein einziger da". 

Die weitere Gestaltung des meist über Jahre sich erstreckenden 
Krankheitszustandes hängt lediglich von dem Verlaufe des Renten- 
kampfes ab. Sind alle Mittel zur Erreichung des Zieles erschöpft, 
so findet sich der Kranke wohl schließlich grollend und unbefriedigt 
auch mit einem teilweisen Erfolge ab und kann unter allmählicher 
Beruhigung es auch lernen, seiner psychogenen Beschwerden einiger- 
maßen Herr zu werden. Jeder Versuch aber, die Rente herabzu- 
setzen, pflegt den Kampf sogleich wieder aufs neue zu entfachen. 

Der Ausgang der traumatischen Neurose ist unter den jetzigen 
Bedingungen bei uns gewöhnlich eine wesentliche Abnahme der gei- 
stigen und körperlichen Leistungsfähigkeit unter Fortbestehen ver- 
schiedener, auf der Höhe des Leidens entstandener Beschwerden. 
Nur allzu häufig kommt es sogar zur Entwicklung schweren 
psychischen Siechtums mit gänzlichem Verluste der Arbeitskraft. 
Hat die traumatische Neurose erst eine Reihe von Jahren angedauert, 
so ist die Aussicht auf vollkommene Wiederherstellung jedenfalls 
eine sehr geringe. Darüber, wie oft wir mit diesem ungünstigsten 

6* 



1480 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Verlaufe zu rechnen haben, gehen die Angaben recht weit ausein- 
ander. Fr i edel 1 ) berichtet, daß unter 131 Fällen nur 4 mal völlige 
Genesung eintrat. Auch Seh all er, der in 87 von 140 Fällen Nach- 
richten über die weiteren Schicksale einziehen konnte, fand, daß 
nur in 4,6% der Fälle die Rente vollständig entzogen werden konnte ; 
39 Fälle waren ungeheilt geblieben, 21 gebessert. Knapp sah von 
seinen Fällen kaum 10% genesen, 40% sich bessern, während 
weitere 40% ungeheilt blieben und der Rest starb. Nach Put na ms 
Erfahrungen werden etwa 25% der Kranken dauernd invalide. Auf 
der anderen Seite wurden von 138 Fällen, die Nägeli untersuchte, 
115 wieder voll erwerbsfähig, und auch W immer konnte feststellen, 
daß unter 63 Fällen von reiner traumatischer Neurose 59 (93,6%) 
dauernd wiederhergestellt waren. Sorge gibt an, daß nur 8 von 
64 Fällen nicht geheilt wurden. 

Als Ursache für dieses Auseinanderweichen der Erfahrungen 
könnte zunächst die Verschiedenheit der berücksichtigten Kranken 
angeführt werden. Wo neben der traumatischen Neurose schwere 
Hirnschädigungen stattgefunden haben, sind natürlich die Aus- 
sichten auf völlige Genesung wesentlich ungünstiger; ebenso kann 
die Verbindung mit anderen eingreifenden Unfallsfolgen oder mit 
zufälligen körperlichen Erkrankungen die Aussichten auf Heilung 
sehr verschlechtern. Weiterhin fallen psychopathische Veranlagung, 
höheres Lebensalter mit seiner Einbuße an Spannkraft, endlich 
Alkoholmißbrauch als die Wiederherstellung erschwerende Umstände 
ins Gewicht. Weit bedeutsamer aber, als alle diese Einflüsse, ist 
für den Ausgang der traumatischen Neurose die Regelung der 
Entschädigungsfrage 2 ). Es unterliegt nicht dem geringsten 
Zweifel, daß der überraschende Unterschied im Verlaufe des Leidens, 
wie er uns in Deutschland (Friedel, Schaller), in der Schweiz 
(Nägeli), in Italien (Sorge) und in Dänemark (Wimmer) ent- 
gegentritt, in der Hauptsache lediglich auf die verschieden- 
artige Erledigung der Entschädigungsansprüche zurückzuführen ist. 



!) Friedel, Monatsschr. f. Psych. XXV, 189. 

2 ) W immer, Verhandlungen des internat. Kongresses f. Versicherungsmedizin 
1906, 429; Zentralbl. f. Nervenheilk. XXXIII, 117; Gaupp, Münchener Medizin. 
Wochenschr. 1906, 46; Ho che, Notwendige Reformen der Unfallversicherungs- 
gesetze. 1907; Nägeli, Corrbl. f. Schweizer Ärzte 40, 33; Sc hall er, Einige 
Zahlen über Unfallsneurose, Rente und Kapitalsabfindung. 1910; Laquer, Die 
Heilbarkeit nervöser Unfallsfolgen. 19 12. 



Die Unfallsneurosen. 1481 

Rumpf und Hörn konnten feststellen, daß von 136 mit Kapital 
abgefundenen Unfallkranken 70% als praktisch geheilt und weitere 
16% als wesentlich gebessert angesehen werden durften, während 
von 31 Rentenempfängern nur 2 eine Besserung erfahren hatten. 
Wir werden auf diesen Punkt noch mehrfach zurückzukommen 
haben. 

Auch die Häufigkeit der traumatischen Neurose ist großen 
Schwankungen unterworfen. Blind sah unter 905 Unfallverletzten 
Elsässern 6% der Männer und 12% der Frauen nervös erkranken, 
während unter den landfremden italienischen Arbeitern bei 39% 
nervöse Störungen auftraten. Merzbacher gibt an, daß unter 1370 
Unfallkranken, die eine mindestens einmalige Entschädigung er- 
halten hatten, 13, d. h. 0,9% an traumatischer Neurose litten. 
Einstein berichtet, daß bei über 5000 Betriebsunfällen 0,7% er- 
krankten, während Stursberg nur 1,6 Neurosen auf je 1000 Be- 
triebsunfälle der Rheinisch -Westfälischen Baugewerks - Beruf sge- 
nossenschaft feststellen konnte. In Italien schwankt nach den von 
Mo r selli mitgeteilten Erfahrungen Peris und Ramoinos das Ver- 
hältnis der traumatischen Neurosen unter den Unfallsfolgen etwa 
zwischen 0,1 — 0,6%. 

Bei uns sind wohl die Meinungen darüber einig, daß die Häufig- 
keit der traumatischen Neurose seit der Einführung der Unfallgesetz- 
gebung sehr erheblich zugenommen hat. Müller betont diese Er- 
fahrung besonders unter Hinweis darauf, daß die Unfalls t ödes fälle 
seit 1890 keine Steigerung erfahren haben. Dabei zeigt es sich, daß 
lediglich die entschädigungspflichtigen Unfälle in höherer Zahl trau- 
matische Neurosen und zugleich ungünstigere Verlaufsformen er- 
zeugen. Döllken sah zwar nach 700 Mensurverletzungen 25 mal 
nervöse Störungen auftreten ; sie heilten aber bis auf einen Fall rasch 
ab. Bruns hat darauf aufmerksam gemacht, daß die nicht seltenen 
schweren Reitunfälle in der Offiziersreitschule Hannover keine trau- 

t 

matischen Neurosen nach sich zu ziehen pflegen ; auch die mannig- 
fachen Verletzungen beim Sport, die Unfälle der Artisten, die ,, Kirch- 
weihschlachten' ' sind in dieser Beziehung wenig bedenklich. Ho che 
weist ferner darauf hin, daß die Aufregungen, Schmerzen und Ver- 
letzungen, die der Geburtsvorgang mit sich bringt, die Entwicklung 
traumatischer Neurosen nicht begünstigen. Ebenso sieht man Kinder 
selbst nach schweren Unfällen nicht in dieser Weise erkranken. 



1482 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Aus diesen Feststellungen geht schon soviel hervor, daß jeden- 
falls die Art und Schwere des erlittenen Unfalls nicht ausschlag- 
gebend für die Verursachung der traumatischen Neurose sein kann. 
Nonne hat über eine Reihe schwerster Verstümmelungen berichtet, 
die ganz ohne nervöse Störungen geheilt sind und die Arbeitsfähig- 
keit überraschend wenig geschädigt haben. Sachs hat geradezu 
die Meinung ausgesprochen, daß die Entwicklung des Leidens bei 
schweren organischen Schädigungen seltener sei, als bei leichten ; er 
meint, daß dort, wo ohnedies die Berechtigung weitgehender Ent- 
schädigungsansprüche zweifellos sei, der Ansporn für die Ausbildung 
nervöser Krankheitserscheinungen fortfalle. 

Auch Reichhardt meint, daß die Häufigkeit der traumatischen 
Neurose in umgekehrtem Verhältnisse zur Schwere der Verletzung 
stehe. Dem ist zunächst entgegenzuhalten, was Asch äffe nburg aus- 
führt, daß wir keinen brauchbaren Maßstab besitzen, um die Schwere 
einer Verletzung zu bestimmen. Abgesehen von der Möglichkeit, daß 
im einzelnen Falle Schädigungen stattgefunden haben können, die 
unserer Untersuchung entgehen, wird derselben Verletzung je nach 
dem Berufe und der Lebensstellung des Geschädigten, natürlich auch 
nach seiner persönlichen Empfindlichkeit, eine sehr verschiedene Be- 
deutung zukommen. Sodann aber widerspricht jener, wohl mehr aus 
allgemeinen Eindrücken geschöpften Auffassung einigermaßen die 
Angabe von Merzbacher, der nach 12 schweren Kopfverletzungen 
5 mal, nach 10 leichten 2 mal und nach 1340 Unfällen, die nicht den 
Kopf betrafen, nur 6 mal eine traumatische Neurose sich entwickeln 
sah. Friedel fand bei 131 Kranken 65 mal Kopfverletzungen, 
darunter 7 mal Schädelbrüche. Unter 137 an traumatischer Neurose 
leidenden Männern, die ich in den letzten Jahren beobachten konnte, 
waren 73 nach Kopfverletzungen erkrankt, darunter 9 mit schweren 
Hirnschädigungen. Verletzungen des Rumpfes oder der Glieder 
lagen in 25 Fällen vor, während es sich bei den übrigen um Unfälle 
mit unbestimmtem Angriffspunkte oder um mehr allgemeine, in 
5 Fällen nur psychische Einwirkungen handelte, Blitzschlag, Fall 
ins Wasser, leichte Verbrennungen beim Herausschlagen von Feuer, 
Furcht vor einer drohenden Explosion, Schreck beim Zerplatzen 
eines Ofens, dringende Gefahr eines Eisenbahnunglücks usw. 

Mir scheint daraus hervorzugehen, daß doch den Kopfverletzun- 
gen eine ganz überwiegende Rolle in der Entstehungsgeschichte der 



Die Unfallsneurosen. 1483 

traumatischen Neurose zukommt. Das erklärt sich vielleicht zum Teil 
aus dem Umstände, daß sich an sie von vornherein am leichtesten 
die Befürchtung schwerer, bleibender Nachteile knüpft, vielleicht 
aber auch daraus, daß in der Tat durch die Schädigungen und 
Erschütterungen des Gehirns häufig zunächst bedrohlichere Krank- 
heitserscheinungen hervorgerufen werden, die den Ausgangspunkt 
für die sich späterhin entwickelnde Vorstellung eines ernsteren 
Leidens bilden können. Auf der anderen Seite ist zu betonen, daß 
selbst tiefgreifende Hirnverletzungen nicht selten ohne Entwicklung 
einer traumatischen Neurose heilen. Da weiterhin, wie angedeutet, 
das Leiden auch dann auftreten kann, wenn irgendeine körperliche 
Schädigung gar nicht stattgefunden hat, sondern ein erschreckender 
Vorgang, ein erschütternder Anblick nur durchlebt wurde, ja, wenn 
eine drohende Gefahr überhaupt nicht eintrat, werden wir zu dem 
Schlüsse kommen, daß die krankmachende Bedeutung eines Unfalls 
zunächst von dem Eindrucke abhängt, den er im Seelenleben des 
Kranken hinterläßt. Allerdings sieht man gelegentlich auch trau- 
matische Neurosen sich an lächerlich geringfügige Anlässe anschlie- 
ßen, an eine leichte Prellung des Rückens, eine Muskelzerrung beim 
Heben, eine unbedeutende Quetschung. Wenn derartige Beobach- 
tungen, namentlich im Hinblicke auf die ungeheure Häufigkeit 
solcher kleinen Unfälle, auch zu den seltenen Ausnahmen gehören, 
so weisen sie uns doch darauf hin, daß eben noch andere Umstände 
für die weiteren Folgen eines Unfalls in Betracht kommen, als seine 
unmittelbaren psychischen Wirkungen. 

Alle Erfahrungen stimmen darin überein, daß nicht nur für den 
Ausgang, sondern auch schon für die Entstehung der traumatischen 
Neurose die Entschädigungsfrage von maßgebendster Bedeutung 
ist. Die oben angeführten Unterschiede in der krankmachenden 
Wirkung der Unfälle je nach ihrer Verursachung und der Art der 
betroffenen Personen hängen ebenso damit zusammen, wie die 
verschiedene Häufigkeit der traumatischen Neurose in den einzelnen 
Ländern und Zeitabschnitten. Ganz allgemein ist die Aussicht, an 
traumatischer Neurose zu erkranken, für jemanden, der gegen 
Unfall versichert ist, wesentlich größer, als bei demjenigen, der kei- 
nerlei Entschädigung zu hoffen hat. Offenbar ist also der Einfluß, 
den die Aussicht auf Entschädigung im Seelenleben des Unfall- 
verletzten ausübt, die eigentliche Quelle der psychischen Störungen, 



1484 ^*- ^ e psychogenen Erkrankungen. 

aus denen sich das klinische Bild der traumatischen Neurose zusam- 
mensetzt. Man wird annehmen dürfen, daß sich diese Wirkungen 
je nach der Eigenart des Verletzten verschieden und sehr mannig- 
faltig gestalten können. Dennoch wird es, wie ich glaube, möglich 
sein, sie wenigstens in ihren Hauptumrissen zu kennzeichnen. 

Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß die Entschädigung, nament- 
lich wenn sie eine gewisse Höhe erreicht, eine verweichlichende 
Wirkung auszuüben vermag. Sie überhebt den Verletzten der Sorge 
für seinen und seiner Familie Lebensunterhalt und beseitigt somit 
den kräftigsten Ansporn, die Folgen des erlittenen Unfalls so rasch 
wie möglich wieder zu überwinden. Er wartet daher, so lange noch 
Beschwerden bestehen, ruhig ab, nimmt die Arbeit nicht bald wieder 
auf, und wenn er es doch versucht, legt er sie wieder nieder, sobald 
sich ihm die zunächst unvermeidlichen Unbequemlichkeiten des 
Einarbeitens fühlbar machen. Ein solcher Mißerfolg trägt nicht 
dazu bei, seine Arbeitsfreudigkeit zu vermehren. Der Kranke schiebt 
daher, wenn ihn die inzwischen erlangte Rente der Notwendigkeit 
überhoben hat, sich ausreichenden Verdienst zu schaffen, die Rück- 
kehr zu seiner Arbeit immer weiter hinaus und findet bei sorgsamer 
Prüfung seines Zustandes immer wieder Gründe, die ihm die An- 
strengung noch nicht ratsam erscheinen lassen. So kommt allmäh- 
lich die dauernde Entwöhnung von der Arbeit zustande, die ganz dem 
,, Verbummeln" willensschwacher Müßiggänger entspricht. 

Aller Anfang ist schwer. Das bringt uns jede längere Unterbre- 
chung unserer Berufstätigkeit deutlich zum Bewußtsein. Es kostet 
zunächst eine erhöhte Willensanspannung, sich auf die Arbeit einzu- 
stellen, die auftauchenden kleinen Schwierigkeiten und Hemmnisse 
zu überwinden und wieder die Herrschaft über sein Handwerkszeug 
zu gewinnen. Je länger die Unterbrechung war, und je weniger in 
der Zwischenzeit die Kräfte geübt wurden, desto schwieriger wird 
es, sich wieder einzuarbeiten. Schließlich können die Hindernisse 
unüberwindlich werden, namentlich, wenn jeder wirksame Antrieb 
fehlt und im Gegenteil noch fühlbare Beschwerden das Selbstver- 
trauen schwächen und die Abneigung gegen jede kräftigere Willens- 
anspannung verstärken. 

Hell p ach hat mit Recht auf die veränderte Stellung hin- 
gewiesen, welche die große Mehrzahl der versicherungspflichtigen 
Arbeiter gegenüber ihrer Berufstätigkeit einnimmt. Was den Men- 



Die Unfallsneurosen. I4&5 

sehen inneren Anteil an seiner Arbeit nehmen läßt, ihn befriedigt, mit 
Arbeitsfreude erfüllt, das ist das selbständige Schaffen von Werten. 
Niemand wird leugnen wollen, daß die „Entgeistigung" der Arbeit 
durch den Maschinen- und Großbetrieb, der die Vollendung eines 
Werkes in eine Unzahl kleinster Einzelleistungen verschiedener 
Menschen zersplittert, der persönlichen schöpferischen Betätigung 
nicht günstig ist und damit die inneren Beziehungen des zum Werk- 
zeug gewordenen Arbeiters zu seiner Tätigkeit stark gelockert hat. 
Die Arbeit ist ihm wenig mehr, als eine unangenehme Notwendig- 
keit, zu der ihn vielfach nicht mehr seine Herzensneigung treibt. 
Die inneren Widerstände gegen die Rückkehr zu ihr können da- 
durch nur verstärkt werden. Besonders begünstigt wird die Ent- 
wicklung solcher Widerstände ferner dadurch, daß man den Ver- 
letzten, in dem Bestreben, zunächst alle Unfallsfolgen sich möglichst 
ausgleichen zu lassen und so vermeintlich der Ausbildung einer 
traumatischen Neurose vorzubeugen, möglichst lange als Kranken 
behandelt, ihm Schonung auferlegt und sorgsam alle von ihm vor- 
gebrachten Beschwerden beachtet. 

Die so entstandene Sachlage wird weiterhin wesentlich verschlim- 
mert durch die Furcht vor dem Verluste der Rente. Auf der einen 
Seite befestigt sich in dem Kranken immer mehr das Gefühl seiner 
Arbeitsunfähigkeit. Es entspringt zunächst aus den unmittelbaren 
Wirkungen des Unfalls, den gemütlichen Erschütterungen wie den 
körperlichen Beschwerden, die er nach sich gezogen hat. In diesem 
Punkte ist somit die Art und Schwere des erlittenen Unfalls gewiß 
nicht ohne Bedeutung. Dazu kommen sodann die aus der Schädi- 
gung wie aus den Aussprüchen der Ärzte sich ableitenden Befürch- 
tungen für die Zukunft, die besonders durch die sich immer wieder- 
holenden Untersuchungen und Begutachtungen genährt werden. 
Auch die Mißerfolge bei dem Versuche, die Arbeit wieder aufzu- 
nehmen, wirken natürlich im gleichen Sinne. Es kann nicht fehlen, 
daß sich auf diese Weise eine gewisse Mutlosigkeit ausbildet, die 
gewöhnlich die Formen einer hypochondrischen Verstimmung an- 
nimmt; es stellt sich ein schweres Krankheitsgefühl mit der Über- 
zeugung dringender Hilfsbedürftigkeit ein. Infolgedessen erscheint 
als der einzige Rettungsanker in der Not die Rente. Jeder Versuch 
aber, zu einer Erwerbstätigkeit zurückzukehren, führt die Gefahr ihrer 
Verkürzung oder gar ihres völligen Verlustes herauf ; wird doch der 



14.86 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Kranke tatsächlich daraufhin überwacht, ob er nicht etwa doch schon 
wieder dem Verdienste nachgeht. Diese Abhängigkeit der Rente 
von der Verdrängung der Arbeitslust hat naturgemäß die gleiche 
Wirkung, als ob auf das Nichtstun eine Belohnung gesetzt würde. 
Die Scheu, die einzige Unterhaltsquelle durch das Arbeiten zu ver- 
lieren und so in Not zu geraten, wenn der Versuch vielleicht doch 
mißlingen sollte, muß für alle Menschen mit geringem Selbstvertrauen 
ein schwer zu überwindendes Hindernis bilden, sich wieder zur Arbeit 
zu erziehen, um so mehr, wenn diese Aufgabe wegen langer Ent- 
wöhnung von ernsthafter Tätigkeit ohnedies schon sehr starke Wil- 
lensanstrengung erfordert. So kommt es, daß manche Kranke lieber 
mit einer ganz unzulänglichen Rente Hunger leiden, anstatt sich 
durch Rückkehr zur Arbeit ein behagliches Dasein zu schaffen. 

Endlich kann aber noch ein weiterer Umstand das Einwurzeln 
der Krankheitserscheinungen begünstigen ; man pflegt ihm gewöhn- 
lich die Hauptrolle zuzuschreiben, wohl nicht ganz mit Recht. Wie 
im Anschlüsse an die von Strümpell geäußerten Anschauungen 
von verschiedenen Seiten ausgeführt worden ist, haben die Wirkun- 
gen der Unfallsgesetzgebung in den versicherungspflichtigen Volks- 
schichten allmählich die Überzeugung verbreitet, daß der Unfall an 
sich, ohne Rücksicht auf seine Folgen für die Arbeitsfähigkeit, ein 
Anrecht auf Entschädigung gewähre, daß man gewissermaßen durch 
Erleiden eines Unfalls sich ein Schmerzensgeld verdient habe. Aus 
dieser Auffassung entspringen die „Begehrungsvorstellungen", die 
den Verletzten wenig geneigt machen, sein vermeintliches Anrecht 
auf die ihm unerschöpflich scheinenden und plötzlich in erreichbare 
Nähe gerückten Geldmittel der Berufsgenossenschaft durch tatkräf- 
tige Überwindung der Unfallsfolgen und schleunige Rückkehr zur 
Arbeit aufs Spiel zu setzen. Bestärkt wird er in dieser Stellungnahme 
einmal durch das Beispiel von Kameraden, die spazieren gehen und 
ihre Rente einholen dürfen, sodann durch die Überredungskünste 
von Arbeitsgenossen, Winkelkonsulenten, Angehörigen und nament- 
lich der Frau, die es nicht begreifen können, wenn er die schöne 
Gelegenheit, „seinen Unfall" auszunutzen und endlich einmal von 
den lange gezahlten Beiträgen Vorteil zu ziehen, vorübergehen lassen 
wollte. Es liegt auf der Hand, daß derartige Erwägungen an sich 
schon hinreichen können, um gewinnsüchtige Personen zur Vor- 
täuschung gar nicht vorhandener Unfallsfolgen zu veranlassen. In 



Die Unfallsneurosen. *4&7 

weit größerem Maßstabe aber müssen sie dazu führen, daß wirklich 
vorhandene Beschwerden mit möglichst lebhaften Farben ausgemalt 
werden und auch dann noch ein Arbeitshindernis bilden, wenn sie 
in Wirklichkeit gar keine Bedeutung mehr haben. Rieger spricht 
hier von einer ,, Prämie auf das Gewinsel". Diese Verhältnisse sind 
es vor allem, die zu den erbitterten Kämpfen um die Rente führen, 
wie sie in Verbindung mit einer schiefen Auffassung der eigenen 
Rechtsansprüche den Rentenquerulanten kennzeichnen. 

Da sich nach diesen Darlegungen die eigentliche Entstehungs- 
geschichte der traumatischen Neurose auf psychischem Gebiete 
abspielt, ist es begreiflich, daß dabei die ursprüngliche Veranlagung 
des Verletzten eine erhebliche Rolle spielen muß. Schon lange ist 
man darauf aufmerksam geworden, daß von einer größeren Zahl 
durch den gleichen Unfall betroffener Menschen immer nur einige 
wenige an traumatischer Neurose erkranken, und zwar durchaus 
nicht immer diejenigen, die am schwersten geschädigt werden. 
Sänger fand, daß von 15 bei einem Eisenbahnunglück schwer 
verletzten Soldaten nur ein einziger neurasthenische Erscheinungen 
darbot, während bei einer anderen Entgleisung von 13 Verletzten 
6 deutliche psychische Nachwirkungen zeigten. 

Namentlich die französichen Forscher, Janet, Dejerine, 
haben daher die ursächliche Bedeutung der Entartung für die 
Entstehung der traumatischen Neurose nachdrücklichst betont. 
Leider sind gerade auf diesem Gebiete die mir zu Gebote stehenden 
Erhebungen so ungemein lückenhaft, daß sie unverwertbar er- 
scheinen, da die Unfallsnervenkranken fast immer ohne ausreichende 
Familiengeschichte eintreten und selbst nur sehr unzuverlässige 
Angaben zu machen pflegen. In der unverhältnismäßig kleinen Zahl 
von Fällen, bei denen eine direkte erbliche Belastung festgestellt 
werden konnte, schien mir immerhin die elterliche Trunksucht noch 
am häufigsten vertreten zu sein. Ergiebiger schon waren die Angaben 
über frühere ungünstige persönliche Eigenschaften der Kranken. 
Etwa 10% von ihnen wurden als schlecht begabt, schon immer 
etwas dumm, „schwach in den Talenten* ', oder als weichmütig, weh- 
leidig, willensschwach geschildert. Von den beiden Geschlechtern 
überwog aus naheliegenden Gründen das männliche mit 90%. Auf 
die einzelnen Altersklassen verteilten sich Beginn der Erkrankung 
einerseits, letzter Eintritt in die Klinik andererseits in 134 Fällen, 



1488 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

bei denen der Beginn des Leidens genauer festgestellt werden konnte, 
folgendermaßen : 

Jahre . . . . — 20 — 30 — 40 — 50 — 60 — 70 — 80 
Erkrankung .9 36 46 27 14 2 — 

Eintritt ... 2 22 41 41 20 7 1 

Aus der starken Verschiebung zwischen Erkrankungs- und Ein- 
trittsalter ersieht man einigermaßen den schleppenden Verlauf des 
Leidens. Während 68% der Kranken vor dem 40. Jahre erkrankten, 
gelangten nur 48% vor diesem Lebensabschnitte in klinische Be- 
obachtung. In welchem Grade die höheren Lebensalter stärker ge- 
fährdet sind, was man aus allgemeinen Erwägungen und auf Grund 
der aus der Beobachtung gewonnenen Eindrücke annehmen möchte, 
würde sich wohl nur auf Grund einer umfassenderen Statistik unter 
Berücksichtigung des Altersaufbaues der in Betracht kommenden 
Berufsklassen sicher feststellen lassen. Sehr bemerkenswert ist 
jedenfalls der große Unterschied in der Beteiligung der einzelnen 
Lebensalter an der traumatischen Neurose gegenüber der Hysterie. 
Dem entspricht auch der Umstand, daß 72% meiner Kranken, bei den 
Männern allein sogar 76%, verheiratet waren; die Rolle, die bei der 
Entwicklung von ,, Begehrungsvorstellungen" vielfach den Frauen zu- 
geschrieben wird, erfährt dadurch vielleicht eine gewisse Beleuchtung. 
Nicht ohne Bedeutung ist wohl auch die Feststellung, daß 
von den männlichen Kranken über 31% einfache Tagelöhner 
waren. Man darf einerseits annehmen, daß sich unter dieser Gruppe 
in größerer Zahl solche Persönlichkeiten finden, die eine minder- 
wertige Verstandes- oder Charakteranlage aufweisen oder durch 
Alkoholmißbrauch wirtschaftlich verkommen sind. Andererseits 
aber ist gerade für den Tagelöhner mit seinem geringen und un- 
sicheren Verdienst die Rente von besonders hoher Bedeutung, sei 
es, daß sie von vornherein als das erstrebenswerte Ziel erscheint, 
sei es, daß sich der Kranke bei der Ungewißheit, wieder lohnenden 
Verdienst zu finden, mit leidenschaftlicher Angst an diese, zwar 
kleine, aber sichere Einnahme klammert. Auch das möchte ich 
noch erwähnen, daß von meinen Kranken nur etwa 6—7% aus 
München, dagegen 83% vom Lande oder aus kleinen Städten 
stammten. Es ist schwerlich anzunehmen, daß dieses Verhältnis 
demjenigen der Unfallversicherten im allgemeinen entspricht. Viel- 
mehr werden wir, namentlich im Zusammenhalte mit unseren frühe- 



Die Unfallsneurosen. 1489 

ren Feststellungen, schließen dürfen, daß es vorzugsweise die nicht 
festwurzelnden und dabei wenig anpassungsfähigen Persönlich- 
keiten sind, die als Zugewanderte in den schwierigen Arbeitsverhält- 
nissen der Großstadt den psychischen Wirkungen unserer Unfalls- 
gesetzgebung unterliegen. In dieser Beziehung bestehen, wie wir 
später sehen werden, gewisse Übereinstimmungen zwischen der trau- 
matischen Neurose der ungelernten männlichen Arbeiter mittleren 
Lebensalters und der Hysterie der jungen weiblichen Dienstboten. 

Eine sehr erhebliche Rolle in der Entstehungsgeschichte der 
traumatischen Neurose kommt weiterhin dem Alkoholmißbrauche 
zu. Fr i edel fand allerdings nur bei 9 von 115 Männern Alkoholis- 
mus, was mit den allgemeinen Erfahrungen kaum übereinstimmen 
dürfte. Von meinen männlichen Unfallsnervenkranken tranken 
34% mehr als 2 1 Bier täglich. Diese Beziehungen sind durchaus 
erklärlich. Die wesentliche Grundlage der traumatischen Neurose 
ist die Willensschwäche und der Mangel an Spannkraft, die Un- 
fähigkeit, Behinderungen der Arbeitsfähigkeit durch verstärkte An- 
spannung zu überwinden, ferner sich veränderten Arbeitsbedingungen 
durch geschickte Ausnutzung der erhaltenen Fähigkeiten und Kräfte 
anzupassen. Wir wissen aber, daß der Alkohol nach beiden Richtun- 
gen hin eine unheilvolle Wirkung ausübt, daß er die Tatkraft lähmt 
und die schöpferische Selbständigkeit beeinträchtigt. Dazu kommt, 
daß er die wirtschaftlichen Verhältnisse zerrüttet und den Arbeiter 
aus höheren auf niedere Erwerbsstufen herabsinken läßt, Grund ge- 
nug, die mühelos erlangte Rente in den Mittelpunkt der Lebensinter- 
essen zu rücken. Auch der Arteriosklerose, die sich nach den An- 
gaben von Leers bei 37,5% der Männer und bei 20% der Frauen 
finden soll, wird von verschiedenen Seiten ein Einfluß auf die Ent- 
wicklung der traumatischen Neurose zugeschrieben. Fried el ver- 
zeichnet sie freilich nur bei 12 von 131 Kranken. Es ist aber gewiß 
anzunehmen, daß Verletzte mit erkrankten Hirngefäßen weniger 
fähig sein werden, die Unfallsfolgen durch erhöhte Willensanstren- 
gung und Änderung der Arbeitsweise wieder auszugleichen, daß 
sie daher im Gefühle ihrer Unfähigkeit leichter ihre Zuflucht zu 
den Vergünstigungen der Unfallsversicherung nehmen werden. — 

Die verwickelten Entstehungsbedingungen der traumatischen 
Neurose lassen die Frage berechtigt erscheinen, ob sie eine ein- 
heitliche Erkrankung darstellt oder in verschiedene Bestandteile 



1400 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

aufzulösen ist. Gewöhnlich ist man geneigt, einige klinische Grup- 
pen auseinanderzuhalten, von denen die traumatische Hysterie, 
Neurasthenie und Hypochondrie, endlich eine paranoide Form am 
meisten Anerkennung gefunden haben. Friedel rechnet von 
115 Männern und 16 Frauen 69 Menner und 8 Frauen der neurasthe- 
nischen, 39 Männer und 8 Frauen der hysterischen, 7 Männer der 
hypochondrischen Form zu. In 2 Fällen, die aber nicht als besondere 
klinische Form ausgeschieden worden sind, handelte es sich um 
Querulieren. 

Nach den aus meiner Erfahrung gewonnenen Anschauungen bin 
ich geneigt, zunächst die traumatische Hysterie von der traumatischen 
Neurose ganz abzutrennen und sie als Unterform des Hysterie auf- 
zufassen, entsprechend etwa der Alkoholhysterie. Ebenso möchte 
ich, wie oben angedeutet, die kleine Gruppe der eigentlichen Renten- 
querulanten aussondern und sie ohne weiteres zu den übrigen Queru- 
lanten stellen, da ich keine Möglichkeit sehe, sie von ihnen zu 
scheiden, während sie mit der traumatischen Neurose nur sehr äußer- 
liche Beziehungen aufweisen. Innerhalb des nun noch verbleiben- 
den Restes traumatischer Neurosen noch Untergruppen je nach der 
neurasthenischen oder hypochondrischen Färbung des Krankheits- 
bildes aufzustellen, scheint mir nicht erforderlich, da sich verwert- 
bare Anhaltspunkte für eine solche Abgrenzung kaum finden lassen. 
Höchstens könnte man, was der erwähnten Gruppierung etwa ent- 
sprechen würde, leichtere und schwerere Fälle auseinanderhalten. 
Überdies dürfte aus allgemein klinischen Gründen die Verquickung 
des hier besprochenen Leidens mit dem verschwommenen Krank- 
heitsbilde der Neurasthenie wenig zweckmäßig sein. Mit diesen 
Darlegungen ist zugleich meine Stellung zu den Bestrebungen ge- 
geben, den Krankheitsbegriff der traumatischen Neurose überhaupt 
aufzulösen und seine Bestandteile der Hysterie, der Neurasthenie, 
Hypochondrie als Unterformen einzugliedern. Nur für die trauma- 
tische Hysterie erscheint mir dieses Verfahren aus sogleich noch 
näher zu erörternden Gründen berechtigt. Dagegen ist die trauma- 
tische Neurose in der hier umschriebenen Gestalt eine durch Ent- 
stehungsgeschichte, klinisches Bild, Verlauf und Ausgang so gut 
gekennzeichnete Krankheitsform, daß ich in ihrer Beseitigung nur 
einen bedauerlichen Rückschritt sehen könnte. 

Eine schwierige Frage ist es, wie weit in das Krankheitsbild der 



Die Unfallsneurosen. M9 1 

traumatischen Neurose die Folgeerscheinungen wirklicher Hirn- 
schädigungen hineinspielen. Die Häufigkeit gerade der Kopfver- 
letzungen in der Vorgeschichte der Unfallsnervenkranken mahnt 
zu einer gewissen Vorsicht bei der rein psychogenen Deutung aller 
Krankheitszeichen, zumal wir über die leichteren klinischen Nach- 
wirkungen von Hirnerschütterungen noch ziemlich mangelhaft unter- 
richtet sind. Nicht ganz selten lassen sich ja auch, wie früher an- 
geführt, unzweifelhafte organische Störungen neben psychogen 
bedingten nachweisen. Sachs und Freund bezeichnen als Über- 
reste traumatischer Hirnschädigungen Merkstörungen, Reizbarkeit, 
Charakterveränderung, Kopfschmerzen, Schwindelanwandlungen, 
selbst bis zur Ohnmacht, Hitzegefühl, Sausen im Kopfe, Neigung zu 
Pulsbeschleunigung, neuralgische Beschwerden. Trömner fügt 
diesen ,, Stigmata commotionis" noch gesteigerte Ermüdbarkeit, 
Apathie, Mißmut, Empfindlichkeit für Gemütsbewegungen hinzu. 
Es läßt sich nicht verkennen, daß hier mannigfache Übereinstim- 
mungen mit dem Bilde der traumatischen Neurose bestehen. Aller- 
dings ist es wohl noch keineswegs sicher, wie weit die angeführten 
Krankheitszeichen wirklich und regelmäßig organischen Ursprunges 
sind. Die Erfahrung, daß sie nach Regelung der Entschädigungs- 
frage spurlos verschwinden können, spricht einigermaßen dagegen. 
Es verdient jedoch Beachtung, daß hier und da wenigstens einzelne 
der angeführten Störungen auch nach vollständiger Beseitigung 
psychogener Ursachen fortbestehen können, ferner, daß manche 
derselben auch in Fällen beobachtet werden, in denen die Ent- 
schädigungsfrage gar keine Rolle spielt. Es wird Aufgabe weiterer 
Untersuchungen bleiben, die zurzeit hier noch bestehende Un- 
sicherheit der Beurteilung zu beseitigen. 

Daß die traumatische Neurose mit der Neurasthenie keine 
näheren klinischen Beziehungen aufweist, bedarf kaum des genaueren 
Nachweises. Faßt man die Neurasthenie im Sinne der von mir ge- 
zeichneten ,, nervösen Erschöpfung" auf, so ist nicht nur ihr Ur- 
sprung, sondern auch ihr klinischer Verlauf und ihr Ausgang von 
demjenigen der traumatischen Neurose so vollständig verschieden, 
daß demgegenüber die oberflächliche Ähnlichkeit einzelner Krank- 
heitszeichen, der Verstimmung, Reizbarkeit, Ermüdbarkeit, Schlaf- 
störung, gar nicht ins Gewicht fällt. Ähnliches gilt für diejenigen, 
ebenfalls häufig als Neurasthenie bezeichneten Zustände, die ledig- 



IAQ2 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

lieh Erscheinungsformen der psychopathischen Veranlagung sind. 
Auch hier fehlen die wirklich kennzeichnenden Züge der trauma- 
tischen Neurose, ihre Anknüpfung an den Unfall, ihre Abhängigkeit 
von der Entschädigungsfrage, ihre Heilbarkeit durch Beseitigung 
ihrer Entstehungsbedingungen. 

Die Abgrenzung von der Hysterie soll bei Besprechung dieses 
Leidens von uns versucht werden. Hier sei nur soviel betont, daß 
die kennzeichnenden hysterischen Krankheitszeichen, die um- 
grenzten Lähmungen und Empfindungsstörungen, die Anfälle und 
Dämmerzustände, an sich dem klinischen Bilde der traumatischen 
Neurose nicht angehören. Dennoch aber werden sie nicht selten 
als Beimischungen beobachtet, da sich unter den Unfallverletzten 
immer auch eine ganze Reihe von Persönlichkeiten befindet, die 
durch ihr Alter, ihre besondere Veranlagung oder durch Alkohol- 
mißbrauch dazu vorbereitet sind, hysterische Störungen zu ent- 
wickeln; in einzelnen Fällen waren solche geradezu schon vor dem 
Unfall aufgetreten. Diese Verbindung ist somit, da auch die Er- 
scheinungen der traumatischen Neurose durch Gemütsbewegungen 
ausgelöst und beeinflußt werden, eine ganz natürliche. Dennoch 
werden wir grundsätzlich die traumatische Neurose nicht nur von 
der Hysterie im allgemeinen abzutrennen haben, von der sie sich 
durch Entstehungsbedingungen, klinisches Bild, Verlauf und Aus- 
gang durchaus unterscheidet, sondern wir werden sie auch nicht 
mit der traumatischen Hysterie im besonderen zusammenwerfen 
dürfen. Dieser letzteren gehören vor allem die Krankheitsbilder 
an, die Strümpell als ,, lokale traumatische Neurose" beschrieben 
hat, mit Beschränkung des Leidens auf einzelne, meist mit dem 
Angriffspunkte des Unfalls in Beziehung stehende Störungen ohne 
allgemeine Beeinträchtigung des Seelenlebens. Die Krankheits- 
erscheinungen werden hier nicht durch die Entschädigungsfrage, 
sondern durch die vom Unfälle verursachte Gemütsbewegung er- 
zeugt und knüpfen sich unmittelbar an diesen selbst an; so zeigte 
ein junger Mann, der bei einem Brande zum Fenster hinausge- 
sprungen war, noch nach Jahren Lähmung und Unempfindlichkeit 
der Seite, auf die er damals fiel. Derartige Störungen werden in 
der Regel merkwürdig gleichmütig ertragen ; man kann sie gewöhn- 
lich durch suggestive Maßnahmen zur Heilung bringen, und sie 
pflegen durch den Gang des Entschädigungsverfahrens wenig oder 



Die Unfallsneurosen. 1493 

gar nicht beeinflußt zu werden. Da indessen die beiden hier be- 
sprochenen Krankheiten in ihrem Ursprünge verwandt sind und 
überdies oft auf ähnlichem oder gleichem Boden erwachsen, liegt 
es auf der Hand, daß unter Umständen eine Mischung der Krank- 
heitszeichen vorkommen kann, die bei schwacher Ausbildung der 
unterscheidenden Merkmale die Zuteilung des einzelnen Falles zu 
dieser oder jener Seite bis zu einem gewissen Grade willkürlich er- 
scheinen läßt. 

Die größten Meinungsverschiedenheiten sind über die Häufig- 
keit und den Nachweis der Verstellung 1 ) bei der traumatischen 
Neurose entstanden, eine Frage, die im Hinblicke auf die Unfalls- 
gesetzgebung sehr große praktische Bedeutung besitzt. Leider 
haben sich, wie das in der Natur der Sache liegt, alle bisher an- 
geführten „objektiven" Zeichen des Leidens, die Gesichtsfeldein- 
schränkung, die Pulsbeschleunigung, Erweiterung der Pupille und 
Blutdrucksteigerung bei Berührung überempfindlicher Stellen, die 
traumatische Muskelreaktion, die Herabsetzung der galvanischen 
Erregbarkeit, die Steigerung der Reflexe, als praktisch wenig brauch- 
bar erwiesen, um einen zuverlässigen Beweis für das Bestehen des 
psychischen Leidens zu erbringen. Wie ich glaube, ist indessen die 
Gefahr einer Täuschung wirklich sachverständiger Ärzte vielfach be- 
deutend überschätzt worden. Alle erfahrenen Beobachter kommen 
mehr und mehr dahin überein, daß zwar die Übertreibung einzelner 
Krankheitszeichen recht häufig, wirkliche Vortäuschung des ganzen 
Krankheitsbildes dagegen ungemein selten ist. Die erstere ist in 
der Tat gewissermaßen ein Ausfluß der Krankheit selbst, ähnlich 
wie wir auch bei der Hysterie auf grobe Täuschungen durch die 
Kranken gefaßt sein müssen, die durch den krankhaften Wunsch 
veranlaßt werden, die eigenen Leiden recht sinnfällig erscheinen zu 
lassen und sich das Mitleid und die Hilfe des Arztes nach Möglich- 
keit zu sichern. 

Auch für den Unfallsnervenkranken, namentlich für den Renten- 
kämpfer, wird sein Leiden zu einer Art Lebensaufgabe; er wird 
durch die Rücksicht auf das Entschädigungsverfahren dazu ge- 
drängt, seine Arbeitsunfähigkeit und Hilflosigkeit mit größter 
Eindringlichkeit darzutun. Die sich immer wiederholenden ärzt- 
lichen Untersuchungen, von deren Ausfall nach seiner Meinung 

x ) Sand, La simultation et l'interpretation des accidents du travail. 1907. 
Kraepel in, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 7 



1^94 ^*** ^ e psychogenen Erkrankungen. 

sein Wohl oder Wehe abhängt, geben ihm dazu reichliche Gelegen- 
heit. Er lernt aus der Unterhaltung mit dem Arzte wie aus den Auf- 
klärungen durch Leidensgenossen sehr bald, auf welche Krank- 
heitszeichen Gewicht gelegt wird; was ist natürlicher, als daß er 
seine Klagen und sein Benehmen den Umständen anpaßt, um seine 
wichtigste Hilfsquelle, die Rente, nicht zu verlieren! Aus diesem 
Verhalten darf man natürlich ebensowenig wie bei der Hysterie 
den Schluß ziehen, daß der Übertreibende etwa nicht krank, sondern 
überhaupt ganz gesund sei. Faßt man die traumatische Neurose 
als die den Willen lähmende Wirkung der Unfallversicherung auf 
psychopathische und willensschwache Menschen auf, so liegt eben 
das Krankhafte in der Unfähigkeit, die ungünstigen Einflüsse zu 
überwinden, in der Unterjochung von Tatkraft und Stimmung durch 
die Rücksicht auf die Entschädigungsfrage, und die Übertreibung 
ist nur ein Zeichen für das hilflose Unterliegen des Kranken im 
Kampfe um die Selbstbehauptung seiner Persönlichkeit. 

Auch bei den Rentenquerulanten wird man die krankhafte 
Grundlage ihrer leidenschaftlichen Hartnäckigkeit bei genauerer 
Prüfung nicht übersehen können. Die Vorteile, die ihnen auch im 
günstigsten Falle erreichbar sind, stehen regelmäßig in gar keinem 
rechten Verhältnisse zu ihrem Verdienste und ihren Aussichten bei 
Wiederaufnahme der Arbeit, ganz abgesehen von den steten Auf- 
regungen und der Unsicherheit des Kampfes ; die Kranken könnten 
daher, wenn ihnen eine verständige Würdigung der Sachlage und 
eine unbefangene Entscheidung möglich wäre, über die Wahl nicht 
lange im Zweifel sein. Tatsächlich ist daher auch die Zahl der 
ausgesprochenen Rentenquerulanten im Verhältnisse nicht nur zu 
derjenigen der Unfälle, sondern auch der Unfallsnervenkranken 
recht klein. Wie die Erfahrung lehrt, handelt es sich hier, wie bei 
den Prozeßkrämern, um einzelne reizbare, eigensinnige, paranoid 
veranlagte Persönlichkeiten, die sich unter dem ungünstigen Ein- 
flüsse der Unfallsgesetzgebung in den Kampf ums Recht verrennen 
und ihm ihre ganzen sonstigen Interessen zum Opfer bringen. 

Will man ein besonderes Prüfungsverfahren ersinnen, das uns 
über das Bestehen oder Fehlen gewisser, von dem Kranken vorge- 
brachter Beschwerden einigermaßen zuverlässigen Aufschluß gibt, 
so kann das immer nur der psychologische Versuch 1 ) sein, da ja das 

1 ) Becker, Sommers Klinik III, 127. 



Die Unfallsneurosen. 1495 

ganze Krankheitsbild ein psychisches ist; die neurologische Unter- 
suchung wird hier nie zum Ziele führen. Am meisten benutzt 
wurde zu dem angeführten Zwecke bisher die sehr bequem aus- 
führbare Messung der Leistungsfähigkeit, Übungsfähigkeit und Er- 
müdbarkeit mit Hilfe des fortlaufenden Addierens, doch könnten 
auch eine Reihe von anderen Verfahren dafür herangezogen wer- 
den, namentlich die Untersuchung von Willensleistungen. Es wird 
sich empfehlen, im einzelnen Falle verschiedene Versuchsformen, 
Assoziationsversuche, Auffassungs-, Rechen- und Lernversuche, 
Ergogramme, Arbeitsschreiberkurven, Zitter- und Haltungskurven, 
Aufzeichnung von einfachen Fingerbewegungen, Schreibdruckkur- 
ven, Plethysmogrammen, Sehnenreflexkurven usf. nebeneinander in 
Anwendung zu ziehen, um aus dem Vergleiche aller, einander er- 
gänzender Ergebnisse ein möglichst sicheres Urteil über das Hinein- 
spielen absichtlicher Täuschung zu gewinnen. 

Der besondere Wert der Rechenversuche liegt in der Möglich- 
keit, zu prüfen, ob das Verhältnis der einzelnen, im Versuche 
gewonnenen Werte zueinander den uns bekannten Gesetzmäßig- 
keiten entspricht oder nicht. Ist der Kranke wirklich bemüht, die 
ihm gestellte Aufgabe zu lösen, so lassen sich in den Versuchs- 
zahlen trotz aller krankhaften Abweichungen doch bestimmte gegen- 
seitige Beziehungen erkennen, die verzerrt und widerspruchsvoll 
erscheinen, wo eine Fälschung der Ergebnisse versucht wurde. So 
ist fortschreitendes erhebliches Sinken der Arbeitswerte am pausen- 
losen Tage durchaus unverträglich mit Geringfügigkeit oder Fehlen 
der Pausenwirkung, weil sie auf Steigerung der Ermüdbarkeit hin- 
deutet, die eben einen starken erholenden Einfluß der Arbeitspause 
bedingt. Leistungen von mindestens mittlerer Höhe können nie- 
mals einen negativen Übungsfortschritt ergeben, weil dabei die 
Übungswirkungen immer so starke sind, daß sie alle zufälligen 
Schwankungen der Disposition überwiegen ; es müßte denn gerade 
ein einzelner Tag ganz aus dem Rahmen der übrigen herausfallen. 
Ansteigen der Leistung an den pausenlosen Tagen kann nie 
mit ungünstiger Pausenwirkung zusammentreffen, weil es starke 
Übungsfähigkeit anzeigt, die eben die an sich günstige Wirkung der 
Pause noch verstärken müßte. Ist man mit den Gesetzen, welche 
die Arbeitskurve beherrschen, einigermaßen vertraut, so lassen sich 
diese und ebenso eine Reihe anderer, etwa auftretender Wider- 



1496 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Sprüche unschwer aufdecken; sie weisen darauf hin, daß nicht un- 
befangen, sondern mit ganz willkürlich wechselnder Willensspan- 
nung gearbeitet wurde. Allerdings ist diese Feststellung, wie Plaut 
betont hat, nur dann von größerer Tragweite, wenn die Willens- 
spannung überhaupt eine nennenswerte Höhe aufweist. Bei ganz 
niedrigen Leistungen, wie sie z. B. die letzten Kranken in Fig. 259 
aufweisen, kommen naturgemäß weder die Wirkungen der Übung 
noch diejenigen der Ermüdung oder der Erholung zu klarem Aus- 
drucke, so daß auch ihre Beziehungen nicht genauer verfolgt werden 
können. Indessen wird in solchen Fällen das klinische Gesamtbild 
meist so kennzeichnend sein, daß bewußte Fälschung bei aus- 
reichender Beobachtung sich wohl immer wird ausschließen lassen. 

Es wäre jedoch vielleicht denkbar, daß jemand, der annähernd 
weiß, worauf es bei solchen Versuchen ankommt, imstande wäre, 
die Versuchsergebnisse in bestimmtem Sinne zu fälschen. Auf meine 
Veranlassung hat sich vor Jahren Röder zuerst bemüht, bei dem 
angegebenen Verfahren gesteigerte Ermüdbarkeit vorzutäuschen; 
Specht hat dann später in größerem Maßstabe und mit allen mög- 
lichen Kniffen dieselbe Aufgabe zu lösen versucht. Der Ausfall 
war überall der gleiche. Da wir während des Rechnens nur eine 
sehr unvollkommene Vorstellung von der jeweiligen Höhe unserer 
Leistung besitzen, führt die bewußte Absicht, bestimmte Änderungen 
künstlich nachzuahmen, regelmäßig zu maßlosen Übertreibungen, 
die unschwer zu erkennen sind. Zugleich erscheint es gänzlich 
unmöglich, alle die verwickelten Beziehungen der einzelnen Werte 
zueinander, wie sie in der Arbeitskurve zum Ausdrucke kommen, 
willkürlich herzustellen, so daß sich überall Widersprüche und Un- 
möglichkeiten ergeben. Alle diese Schwierigkeiten verringern sich 
wesentlich und lassen sich auch wohl ganz überwinden, wenn ein 
vollkommenes Versagen des Willens mit äußerster Herabminderung 
der Leistung vorgetäuscht werden soll. Dann aber wird man auch 
dem psychischen Gesamtzustande das gleiche Gepräge geben müssen, 
was auf die Dauer kaum durchführbar sein dürfte. 

Becker hat noch auf eine Reihe weiterer Anhaltspunkte für 
das Erkennen der Simulation hingewiesen, von denen mir nament- 
lich die Betrachtung von willkürlich hergestellten Zitterkurven be- 
achtenswert erscheint. Er teilt mit, daß die Bewegungen beim will- 
kürlichen Zittern langsamer und unregelmäßiger erfolgen und auf 



Die Unfallsneurosen. *497 

der Höhe der Ausschläge ein Haften zeigen, wie es beim natürlichen 
Zittern nicht vorkommt; auch die Schwankungen in der Haltung 
des untersuchten Gliedes sollen stärkere sein. v. Hößlin hat dar- 
auf aufmerksam gemacht, daß die Hemmung einer Bewegung durch 
einen Widerstand beim Gesunden eine kräftige Anspannung der 
beteiligten Muskeln bewirkt und deswegen bei plötzlichem Nach- 
lassen des Widerstandes ein Vorwärtsschnellen des bis dahin ge- 
hemmten Gliedes erfolgt. Wo gar nicht die Absicht zur Ausführung 
der geforderten Widerstandsbewegung oder gar der Wunsch zu ihrer 
Unterdrückung besteht, wird dieses Fortschnellen ausbleiben, weil 
die Antagonisten angespannt werden, was sich unschwer feststellen 
läßt. Das wird regelmäßig bei bewußter Vortäuschung von Kraft- 
losigkeit eintreten, kann aber wohl auch bei den unbewußten Be- 
wegungsstörungen der Hysterischen Zustandekommen. 

Endlich ist noch das Verhalten des Schlafes und des Körper- 
gewichtes für die Beurteilung der Verstellung von Bedeutung. 
Unfallsnervenkranke mit starken Beschwerden und namentlich 
ausgeprägter Verstimmung leiden fast immer an erheblichen Schlaf- 
störungen, wie sie sich auf die Dauer nicht vortäuschen lassen ; 
ebenso pflegt ihre Ernährung stark zu leiden. Personen, die sehr 
lebhafte Klagen vorbringen, dabei aber vortrefflich schlafen und 
große Eßlust entwickeln, sind daher der Verstellung oder mindestens 
der Übertreibung recht verdächtig. 

Eine nicht immer leicht zu überwindende Fehlerquelle für 
die Beurteilung ergibt sich öfters aus der Schwierigkeit, zu ent- 
scheiden, ob vorhandene Krankheitszeichen durch den Unfall er- 
zeugt wurden oder aus anderen Ursachen entsprungen sind, viel- 
leicht schon vorher bestanden haben. Absichtlich oder unabsicht- 
lich werden Seh- und Hörstörungen, Anfälle, Kopfschmerzen, 
arteriosklerotische, emphysematische Beschwerden u. a. m. auf den 
Unfall zurückgeführt, teils in dem Bedürfnisse, eine Ursache aufzu- 
finden, teils in dem Wunsche nach einer möglichst hohen Rente. 
Wo sich nach der Natur des Leidens ein solcher ursächlicher Zu- 
sammenhang von vornherein ablehnen läßt, wird man sich be- 
mühen müssen, die Sachlage durch möglichst genaue Erhebung der 
Vorgeschichte und sorgfältige Organuntersuchung zu klären, nicht 
immer mit Erfolg. Wichtige Aufschlüsse gibt uns die Wasser- 
mannsche Reaktion in den nicht seltenen Fällen, in denen tabische 



1498 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

oder paralytische Erscheinungen zunächst den Anschein einer trau- 
matischen Neurose erwecken. — 

Will man der Entstehung traumatischer Neurosen vorbeugen, 
so wären einerseits eine Reihe von Maßnahmen zur gesundheitlichen 
und sittlichen Hebung der durch Unfälle Gefährdeten, also vorzugs- 
weise des Arbeiterstandes, andererseits eine Änderung der Unfalls- 
gesetzgebung nötig. Die erstere Aufgabe ist eine sehr weit aus- 
sehende und überschreitet den Rahmen des ärztlichen Wirkungs- 
kreises ; es würde sich darum handeln, in den breiten Massen der 
Bevölkerung die Spannkraft und die Anpassungsfähigkeit des Willens 
zu erhöhen, Gemeinsinn und Verantwortlichkeitsgefühl zu stärken, 
Selbstachtung und Schaffensfreude zu wecken und den Alkohol- 
mißbrauch rücksichtlos zu bekämpfen. Weiterhin aber ist es un- 
erläßlich, an Stelle der in Deutschland fast ausschließlich zulässigen 
Rentengewährung in weitestem Umfange die Möglichkeit der 
Kapitalabfindung zu setzen. In diesem Punkte herrscht heute 
bei nahezu allen ärztlichen Kennern der Frage vollste Übereinstim- 
mung. Das Beispiel, das uns die Länder mit Kapitalabfindung vor 
Augen führen, ist derart überzeugend, daß der Weg vollkommen 
klar vorgezeichnet ist, wie von Jolly, Leppmann, Cramer, 
Hoche, Gaupp, L aquer nachdrücklich betont wurde. Die von 
einzelnen Seiten geäußerte Befürchtung, daß manche Verletzte mit 
der ihnen zufallenden größeren Geldsumme schlecht wirtschaften 
und dann der Armenfürsorge doch noch zur Last fallen oder sich 
absichtlich weitere Unfälle zuziehen könnten, wird in der Haupt- 
sache durch die in der Schweiz und in Dänemark gemachten Er- 
fahrungen widerlegt; sie kann auch gegenüber den heute bestehen- 
den, offenkundigen schweren Schäden nicht wesentlich ins Gewicht 
fallen. 

Ist in dem Kampfe um die Rente und ihre Erhaltung sowie in 
seinen Begleiterscheinungen der wesentliche Grund für die Ent- 
wicklung der traumatischen Neurose zu suchen, woran heute nicht 
mehr gezweifelt werden kann, so muß dieser Kampf beseitigt und 
das ganze Entschädigungsverfahren so rasch wie möglich zu einem 
endgültigen Abschlüsse gebracht werden. Der Erfüllung dieser For- 
derung steht lediglich das Bedenken entgegen, daß es schwierig 
erscheint, die ganze Tragweite eines Unfalles binnen kurzem zu- 
verlässig abzuschätzen. Man darf indessen wohl behaupten, daß 



Die Unfallsneurosen. 1499 

die Bedeutung dieses Bedenkens gerade unter dem Einflüsse unserer 
Gesetzgebung außerordentlich überschätzt wird. Die Schreck- 
neurosen nach den erschütterndsten Massenunglücksfällen pflegen 
binnen Jahresfrist völlig ausgeheilt zu sein; ebenso sehen wir die 
schwersten Gehirnverletzungen nach verhältnismäßig kurzer Zeit 
zu einem Abschlüsse kommen, der den Umfang der dauernden Schädi- 
gung deutlich erkennen läßt. Ja, auch die traumatische Neurose 
kann in überraschend kurzer Zeit günstig ausgehen, nicht nur, wenn 
Entschädigungsansprüche rasch befriedigt wurden, sondern unter 
Umständen selbst dann, wenn ein endgültiger ablehnender Bescheid 
jede Hoffnung auf deren Berücksichtigung vernichtete. Nur dort, 
wo die Entschädigungsfrage eine nie endende Beunruhigung schafft, 
schleppt sich auch der Krankheitsvorgang ungemessene Zeit hin- 
durch fort. 

Daß dabei auch die Kostenlosigkeit der Berufungen ungünstig 
wirkt, ist von Ho che richtig bemerkt worden. Es liegt daher, viel- 
leicht von ganz vereinzelten Ausnahmefällen abgesehen, die be- 
sonders zu beurteilen wären, für die große Masse der Unfallsschädi- 
gungen nicht der mindeste triftige Grund gegen eine Erledigung 
der Entschädigungsfrage innerhalb des ersten oder längstens des 
zweiten Jahres vor. Wird alsdann eine Abfindungssumme gewährt, 
so ist damit einerseits der menschlich berechtigte Wunsch nach 
Entschädigung erfüllt ; andererseits aber hat der Verletzte nunmehr 
wieder selbst die Verantwortlichkeit für sein Schicksal zu tragen, 
was sein Selbstvertrauen hebt und seine Tatkraft anspornt, anstatt 
beide zu lähmen, wie es die Rentengewährung tut. 

Nach der heute geltenden Gesetzgebung ist die Ablösung der 
Rente durch eine Abfindungssumme nur auf Antrag des Verletzten 
und nur bei Renten bis zu 15% des Arbeitsverdienstes zulässig. 
Diese Einschränkung muß also unbedingt fallen, wenn wir nicht 
traumatische Neurosen weiter züchten und damit eine Menge von 
Arbeitskräften dauernd lahm legen wollen. Soll die Möglichkeit 
der Rentengewährung für besonders gelagerte Fälle und auf eine 
gewisse Zeit noch offen gelassen werden, so berücksichtige man bei 
der Entscheidung außer dem Wunsche des Verletzten vor allem das 
Gutachten sachverständiger Ärzte, die mit den Gründen und Gegen- 
gründen für eine derartige Regelung genau vertraut sind. In der 
Hauptsache muß es aber bei der Abfindung bleiben, der die Renten- 



iqoo XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Zahlung nur als vorläufige Hilfe vorauszugehen hat. Gaupp schlägt 
vor, die Entschädigungssumme nach 3 Jahren durch 3 Ärzte fest- 
setzen zu lassen, von denen 2 den Verletzten schon vorher beobachtet 
haben. Recht zweckmäßig scheint die in Dänemark eingeführte 
zweizeitige Abfindung zu sein, wobei die zweite Teilsumme nach 
2 Jahren gezahlt wird. Wie Wimmer mitteilt, war es in 37 von 
75 Fällen nicht mehr nötig, die zweite Zahlung zu leisten, weil die 
Kranken inzwischen gesund geworden waren, ein glänzendes Er- 
gebnis im Vergleich zu den kläglichen Erfolgen der Rentenentschädi- 
gung! 

Bei der Behandlung des einzelnen Falles ist die einzige Aufgabe 
die Sorge für möglichst schleunige Wiederaufnahme der Arbeit 
durch den Verletzten. Sobald die unmittelbaren körperlichen Un- 
fallschädigungen geheilt sind, muß nicht Schonung, sondern Übung 
den maßgebenden Gesichtspunkt bilden. Aus diesem Grunde ist ein 
übermäßig langer Krankenhausaufenthalt zu vermeiden und die 
notwendig werdende Rente nach ihrer Dauer wie nach ihrer Höhe 
so zu bemessen, daß der Kranke genötigt ist, Arbeitsverdienst zu 
suchen, sobald es sein körperlicher Zustand irgend zuläßt. Das ist 
keine Härte, sondern im Gegenteil das einzige Mittel, der Entwick- 
lung schweren Siechtums vorzubeugen. Ganz abgesehen davon, 
daß hohe und lange Zeit fortlaufende Renten die gefährliche Ent- 
wöhnung von der Arbeit begünstigen, verstärken sie auch die 
hypochondrischen Neigungen des Verletzten, die Vorstellung, schwer 
geschädigt und schonungsbedürftig zu sein. Der Arzt muß von 
vornherein alles vermeiden, was diese Ansicht nähren könnte, 
namentlich nicht die Möglichkeit schlimmer Folgen des Unfalls an- 
deuten. 

Zweckmäßig erscheint es, den Kranken über die wahre Sach- 
lage freundlich, aber bestimmt aufzuklären, ihm die Gefahren langer 
Untätigkeit vor Augen zu stellen und ihn auf die Wichtigkeit und 
Notwendigkeit baldiger Rückkehr zur Arbeit hinzuweisen. Der Arzt 
wird dabei geltend machen können, daß jede Rente ungünstiger ist, 
als die Wiederherstellung, daß die etwa noch vorhandenen Krank- 
heitszeichen für die Arbeitsfähigkeit belanglos sind und sich über- 
dies mit der Gewöhnung an die Arbeit allmählich verlieren werden. 
Übertreibungen sollen ruhig und sachlich auf das richtige Maß zu- 
rückgeführt werden. Dagegen ist es nicht unbedenklich, rasch mit 



Die Unfallsneurosen. 1501 

dem Vorwurfe der Verstellung bei der Hand zu sein. Wie Gaupp 
richtig bemerkt, verstärkt man dadurch leicht das Übel, das man 
bekämpfen will. Der Kranke, der beim Arzte offenes oder ver- 
stecktes Mißtrauen findet, wird sich noch mehr als bisher bestreben, 
seine Beschwerden mit allen Mitteln in das rechte Licht zu rücken ; 
zugleich wird er immer weniger empfänglich für zweckdienliche 
Ratschläge werden. 

Alle besonderen Heilverfahren, die nicht lediglich durch die 
körperlichen Folgen des Unfalls erfordert werden, sind durchaus 
vom Übel. Es hat bei der eigenartigen Entstehungsgeschichte der 
traumatischen Neurose gar keinen Sinn, die auftauchenden Be- 
schwerden mit den bei der ,, Neurasthenie* ' gebräuchlichen Kuren, 
mit Elektrisieren, Bädern, Land-, Gebirgs-, Seeaufenthalt, Massage 
usf. zu behandeln. Im Gegenteil, das Krankheitsgefühl zieht, wie 
leicht begreiflich, und wie die Erfahrung gezeigt hat, aus allen der- 
artigen Maßnahmen nur neue Nahrung; der Verletzte wird immer 
willensschwächer und wehleidiger, vielfach auch anspruchsvoller. 
Wenig zu bewähren scheinen sich die Unfallskrankenhäuser, weil 
in ihnen nicht nur keine zweckentsprechende Beschäftigung ge- 
boten werden kann, sondern weil außerdem noch durch gegen- 
seitige Verhetzung Begehrungsvorstellungen und Kunstgriffe für 
den Kampf um die Rente gezüchtet werden. Auch die suggestive 
Behandlung, einschließlich der Hypnose, muß versagen, wenn sie 
sich auf eine Bekämpfung der Beschwerden richtet, ohne deren Ur- 
sache, den Kampf um die Rente, zu beseitigen. 

Es muß indessen betont werden, daß das Unterlassen jeder im 
engeren Sinne ärztlichen Behandlung seine Ergänzung in einer 
planmäßigen Erziehung des Kranken zur Arbeit finden muß. Das 
soll aber nicht am Ergostaten oder an Zanderapparaten geschehen, 
sondern in der Werkstatt. In dieser Richtung fehlt es uns noch sehr 
an geeigneten Einrichtungen. Der körperlich genesene, aber vor- 
erst nur beschränkt arbeitsfähige Verletzte hat die größten Schwierig- 
keiten, eine für ihn passende Beschäftigung zu finden, um sich so 
allmählich wieder einzuarbeiten. Hier wären einmal, wie von ver- 
schiedenen Seiten gefordert wurde, geeignete Arbeitsnachweise ein- 
zurichten, deren Vermittlungstätigkeit den Kranken wie den Be- 
rufsgenossenschaften bedeutenden Nutzen bringen würde. Ob es 
gesetzlich möglich ist, Betriebe zur Aufnahme von Halbinvaliden 



I cq2 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

zu zwingen, wie Döllken wünscht, steht dahin. Soweit sich aber 
die angeführte Maßregel als unzulänglich erwiese, den Genesenden 
vor der Entwöhnung von der Arbeit zu bewahren, müßten, wie 
ebenfalls schon oft vorgeschlagen wurde (Br uns, Lahr), am besten 
wohl in Verbindung mit den Nervenheilanstalten, Arbeitsstätten ge- 
schaffen werden, in denen auch solche Arbeiter Beschäftigung 
finden könnten, die den Anforderungen lediglich dem Erwerbe dienen- 
der Betriebe noch nicht gewachsen sind. Hier müßte eine mit den 
Leistungen wachsende, verhältnismäßig reichlich bemessene Be- 
zahlung gewährt werden, zu der nach Hackländers Vorschlag die 
Berufsgenossenschaften in ihrem eigenen wohlverstandenen Inter- 
esse beisteuern sollten. Da wir wissen, daß die psychischen Unfalls- 
folgen in absehbarer Zeit schwinden, wenn sie nicht künstlich ge- 
züchtet werden, so ist dabei die Rente immer nur für eine fest be- 
stimmte Zeit zu gewähren, damit sich der Kranke auf ihren Fort- 
fall einrichten kann. Dauerrenten sollten lediglich für die rein 
körperliche Einbuße an Leistungsfähigkeit, nicht aber für die der 
traumatischen Neurose entspringenden Beschwerden zuerkannt und, 
soweit es nach Lage der Gesetzgebung möglich ist, schon heute über- 
all durch Geldabfindung ersetzt werden. 

F. Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen 1 ). 

Als man sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts 
zuerst eingehender mit den Geistesstörungen der Gefangenen zu be- 
schäftigen anfing (Delbrück, Gutsch, Kirn, Reich), war man 
im allgemeinen geneigt, die beobachteten Erkrankungen ohne 
weiteres zu den schädigenden Einflüssen der Straf- oder Unter- 
suchungshaft, vielleicht auch des vorausgegangenen Verbrecher- 
lebens in ursächliche Beziehung zu setzen. Man sah in ihnen den 
Ausdruck eigenartiger Krankheitsvorgänge, wenn auch die klini- 
schen Bilder eine Reihe von mehr oder weniger weit auseinander- 



l ) Nitsche und Wilmanns, Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., Ref. III, 353 
(Literatur); Bonhöffer, Klinische Beiträge zur Lehre von den Degenerations- 
psychosen. 1907; Birnbaum, Psychosen mit Wahnbildung und wahnhafte Ein- 
bildungen bei Degenerativen. 1908; Rüdin, Über die klinischen Formen der Seelen- 
störungen bei zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe Verurteilten, Habilitationsschrift. 
1909; Homburger, Lebensschicksale geisteskranker Strafgefangener. 191 2; 
Többen, Monatsschr. f. Kriminalpsychologie IX, 449. 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 1503 

weichenden Formenkreisen erkennen ließen. Erst mit dem Fort- 
schreiten der klinischen Erkenntnis überhaupt zeigte es sich, daß 
zum mindesten ein recht erheblicher Teil der in der Haft vorkommen- 
den Psychosen in allen wesentlichen Zügen den aus der Freiheit 
bekannten Erkrankungen entspricht, somit nicht erst durch die 
Gefangenschaft hervorgerufen sein kann. Diese Tatsache, die von 
Rüdin, dann besonders nachdrücklich von Siefert betont wurde, 
führte zunächst zu einer Scheidung der Beobachtungen in zwei 
Hauptgruppen. Die erste bilden diejenigen Geistesstörungen, die 
zwar in der Haft ausbrechen, oft auch nur in ihr zuerst bemerkt 
werden, aber keinesfalls durch sie verursacht sein können, weil sie 
in ganz ähnlichen Formen auch sonst auftreten. Dahin gehören 
vor allem die Dementia praecox, ferner epileptische Störungen, ge- 
legentliche manisch-depressive, senile, paralytische, paranoische Er- 
krankungen und allerlei vereinzelte, mehr zufällig einmal vorkom- 
mende klinische Bilder. Auf der anderen Seite stehen diejenigen 
Erkrankungsformen, die entweder gar nicht oder doch nicht in 
dieser Gestaltung und Häufigkeit außerhalb der Gefangenschaft be- 
obachtet werden, die also mit einem gewissen Rechte die Bezeich- 
nung ,, Psychosen der Gefangenen*' verdienen. 

Es hat sich nun schon früh herausgestellt, daß auch dieser Rest, 
der wohl kaum die Hälfte der ausgeprägteren Geistesstörungen in 
der Haft ausmacht, in sich keineswegs einheitlich ist. Delbrück 
und Gutsch, die vorzugsweise alte Sträflinge mit langfristigen Frei- 
heitsstrafen beobachteten, gewannen wesentlich andere Bilder, als 
Reich, der hauptsächlich Untersuchungsgefangene schilderte, und 
Kirn, der an einem Gefängnis mit kurzfristig verurteilten Insassen 
wirkte. Mehr Klarheit wurde in diese vielfachen Widersprüche 
namentlich durch die Arbeiten Mölis, Gansers und Räckes ge- 
bracht, die zweifellos feststellten, daß ein nicht unerheblicher Teil 
namentlich der in der Untersuchungshaft auftretenden psychischen 
Störungen als hysterisch aufzufassen ist. In solchen Fällen 
bestehen zwar sicherlich ursächliche Beziehungen zu den Ein- 
wirkungen der Haft, aber sie rücken in besondere Beleuchtung; 
sowohl die Auslösung der krankhaften Erscheinungen wie ihre 
klinische Gestaltung sind in hohem Grade abhängig von der psychi- 
schen Eigenart des Gefangenen. Zudem können bei diesem ganz 
gleiche oder doch sehr ähnliche Bilder unter Umständen auch durch 



1504 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

andere gemütserschütternde Anlässe erzeugt werden, wenn auch 
die Gefangenschaft offenbar unverhältnismäßig starke krank- 
machende Wirkungen ausübt und zudem den klinischen Krankheits- 
zuständen noch gewisse auffallende Züge beizumischen pflegt. 

Indessen nicht alle Beobachtungen lassen sich in diesem Sinne 
deuten. Zunächst hat Rüdin darauf hingewiesen, daß es in der 
Haft paranoide Erkrankungen gibt, die weder den Verblödungs- 
prozessen noch der Hysterie zugerechnet werden können, sondern 
nach Entstehungsgeschichte, Verlauf und klinischem Bilde eine Son- 
derstellung in Anspruch nehmen dürfen. Dem anfänglich von ihm 
beschriebenen Verfolgungswahne der Gefangenen hat er später- 
hin namentlich noch die Krankheitsform des präsenilenBegnadi- 
gungswahns hinzugefügt. Sodann aber sind von S i e f e r t wie weiter- 
hin von Bonhöffer und namentlich von Birnbaum in größerer 
Zahl weit buntere und mannigfaltigere Krankheitsfälle mitgeteilt 
worden, die ebenfalls zumeist ihren Ursprung in der Haft nehmen 
und sich nicht in den Rahmen der Dementia praecox oder des 
hysterischen Irreseins einfügen lassen. Die beiden letzteren For- 
scher sind dabei geneigt, die Gefangenschaft nur als eine aus- 
lösende Ursache der Psychose zu betrachten, in ähnlicher Weise, 
wie es für die hysterischen Erkrankungen gilt, und den Hauptnach- 
druck auf die bei den Häftlingen bestehende psychische Entartung 
zu legen. Sie sprechen geradezu von ,, Degenerationspsychosen", 
von ,, wahnhaften Einbildungen bei Degenerativen", doch beziehen 
sich die von ihnen mitgeteilten Beobachtungen mit verschwindenden 
Ausnahmen auf Gefangene, wenn auch einige derselben schon vor 
ihrer Einsperrung stärker ausgebildete krankhafte Züge dargeboten 
hatten. 

Fassen wir vorerst diese letztere Gruppe ins Auge, so zeigt sich, 
daß es sich hier im allgemeinen um psychopathische Lügner 
und Schwindler handelt, deren Störungen in der Tat lediglich als 
Ausfluß ihrer minderwertigen Veranlagung zu betrachten sind und 
durch die Haft höchstens verschlimmert, unter Umständen aber 
auch zurückgedrängt werden können. Man wird ferner zugeben 
können, daß auch die übrigen, in der Haft mit paranoiden Wahn- 
bildungen aller Art erkrankenden Persönlichkeiten im allgemeinen 
Entartete sind. Dennoch aber scheint bei ihnen die krankmachende 
Bedeutung der Gefangenschaft sicher dem Grade, vielleicht aber auch 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 1505 

der Art nach eine wesentlich andere zu sein. Ich schließe das aus 
dem Umstände, daß wirklich gleichartige, einwandfreie paranoide 
Erkrankungen aus dem Leben in der Freiheit, wenn überhaupt, so 
doch nur außerordentlich selten und unter ganz besonderen Be- 
dingungen beobachtet werden. Deswegen halte ich es für berechtigt, 
diese Formen von den ,, wahnhaften Einbildungen der Degenerativen" 
im engeren Sinne abzutrennen und den psychogenen Geistes- 
störungen der Gefangenen zuzurechnen. Wir werden späterhin 
zu untersuchen haben, in welchem Verhältnisse sie zu den von Rüdin 
abgegrenzten klinischen Bildern stehen. 

Weiterhin ist darauf hinzuweisen, daß der Druck der Gefangen- 
schaft, ähnlich wie irgendein anderes vermeintlich erlittenes Un- 
recht, bei dazu veranlagten Personen auch das Bild des Queru- 
lantenwahns erzeugen kann. Soviel sich zurzeit erkennen läßt, 
finden sich dabei keine grundsätzlichen Abweichungen von den durch 
entsprechende Vorgänge in der Freiheit ausgelösten Störungen. Es 
scheint mir daher nicht zweckmäßig, die querulatorischen Er- 
krankungen der Gefangenen gesondert zu betrachten, wenn ihnen 
auch die besondere Lage, in der sich die Kranken befinden, eine ge- 
wisse Färbung geben mag. 

Nur mit wenigen Worten soll endlich noch zweier anderer 
Gruppen von krankhaften Störungen gedacht werden, die zwar an 
sich auch nicht kennzeichnende Wirkungen der Gefangenschaft 
sind, doch aber hier besonders häufig erzeugt werden und durch sie 
ihr eigenartiges Gepräge zu erhalten pflegen. Die erste Gruppe 
umfaßt die krankhaften Gemütsbewegungen, die bei psychopathisch 
veranlagten Personen durch ein schwebendes Gerichtsverfahren aus- 
gelöst werden können. Sie entsprechen natürlich in der Haupt- 
sache den psychogenen Verstimmungen und Erregungs- 
zuständen, die wir auch bei anderen Anlässen auf dem Boden 
krankhafter Minderwertigkeit auftreten sehen. In zweiter Linie wäre 
die psychopathische Simulation und Dissimulation zu nennen, 
denen wir so häufig, auch mit allerlei krankhaften Störungen ge- 
mischt, in der Haft begegnen. Sie kommen ebenfalls oft genug in 
der Freiheit zustande, aber nicht im entferntesten in der Ausbildung, 
die sie in der Gefangenschaft erreichen können. 

Die hysterischen Geistesstörungen der Gefangenen, die haupt- 
sächlich die Form des Ganser sehen Dämmerzustandes oder des 



ISOÖ XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Haftstupors annehmen, werden zusammen mit den entsprechenden 
Krankheitsformen des freien Lebens in dem Abschnitte über Hysterie 
Berücksichtigung finden müssen; ebenso werden wir die krank- 
haften psychogenen Gemütsbewegungen späterhin an anderem Orte 
zu schildern haben. So bleiben für uns denn hier als eigentlich 
selbständige psychogene Geistesstörungen der Gefangenen in der 
Hauptsache nur die von Rüdin abgegrenzten Formen des Ver- 
folgungs-, Unschulds- und Begnadigungswahns nebst den Haft- 
querulanten und sodann diejenigen paranoiden Erkrankungen der 
Entarteten übrig, die engere ursächliche Beziehungen zur Gefangen- 
schaft erkennen lassen. Ihnen würden endlich die durch die Haft 
erzeugten Formen der psychopathischen Vortäuschung seelischer 
Krankheitszustände anzureihen sein. — 

Um ein Verständnis für die Eigenart der Psychosen der Ge- 
fangenen zu gewinnen, werden wir uns zunächst Rechenschaft über 
die Wirkungen zu geben versuchen, welche die Freiheitsentziehung 
auf das Seelenleben ausübt. Man darf gewiß annehmen, daß eine 
Verhaftung bei bis dahin unbescholtenen Menschen regelmäßig eine 
heftige Gemütserschütterung bedingt, die sich aus Schreck, Angst 
vor dem Kommenden, vor Verhandlung und Strafe, Verzweiflung 
über den Verlust der bürgerlichen Ehre und die Zerrüttung der 
Lebensstellung, ferner aus Scham und Reue oder wenigstens Be- 
dauern über die begangene Straftat zusammensetzt. Bei Gewohn- 
heitsverbrechern, die ja in der Regel lange Freiheitsstrafen zu er- 
warten haben, wird vielleicht Verhaftung und Strafverfahren selbst 
weit gleichmütiger hingenommen werden, andererseits mehr der 
Ärger über das Unterliegen im Kampfe um den Lebensgenuß und 
die trübe Aussicht auf lange Jahre der Einsperrung im Vordergrunde 
stehen. 

Es liegt auf der Hand, daß vorzugsweise die oben zuerst ge- 
nannten, beim Gewohnheitsverbrecher kaum noch eine Rolle 
spielenden Regungen imstande sind, eine tiefer greifende Störung 
des seelischen Gleichgewichtes zu verursachen. Die so vermittelten 
Krankheitserscheinungen sind vor allem ängstliche Erregungs- 
zustände und Verzweiflungsausbrüche von triebartiger Heftigkeit 
mit Trübung des Bewußtseins, sinnlosen Willensentladungen, 
Schreien, Kreischen, Fortdrängen, Ankrallen, Herumwälzen am 
Boden, Wüten gegen die Umgebung oder die eigene Person. Die 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. !5°7 

Kranken schlagen blind um sich, zerraufen sich die Haare, rennen 
mit dem Kopfe gegen die Wand, kratzen und beißen sich, suchen 
aus dem Fenster zu springen, beteuern leidenschaftlich ihre Un- 
schuld. Oder aber es kommt zu tiefer Verstimmung mit mehr oder 
weniger vollständigem Zusammenbruche des Willens. Die Kranken 
sind ängstlich, verzagt, zittern, schrecken zusammen, versinken in 
dumpfe Verzweiflung, lassen alles widerstandslos über sich ergehen. 
Damit verbinden sich leidenschaftliche Selbstanklagen, unter Um- 
ständen auch Entlastungsversuche durch Ableugnen, Anschuldi- 
gungen anderer, ferner hypochondrische Beschwerden, Vernichtungs- 
ideen, schreckhafte Träume. 

Gewinnen diese Gemütsbewegungen das Gepräge des Krank- 
haften zunächst nur durch ihre Maßlosigkeit oder durch unverhältnis- 
mäßig lange Dauer, so wird das Herausgleiten aus der Gesundheits- 
breite augenscheinlich beim Auftreten anhaltender Bewußtseins- 
trübung, wie sie den Gans er sehen Dämmerzustand und den Haft- 
stupor kennzeichnet. Die besondere Nachwirkung des krankmachen- 
den Ereignisses zeigt sich hier im Auftreten von Verfolgungsideen 
und entsprechenden Trugwahrnehmungen, wenn auch deren In- 
halt sich zum Teil weit von den wirklich drohenden Gefahren ent- 
fernt und mehr einem traumhaften Umdeuten und Fortspinnen der 
ursprünglichen erschreckenden Vorstellungen entspricht. Die Ver- 
sündigungsideen pflegen hier ganz zurückzutreten oder höchstens 
andeutungsweise in einzelnen halluzinierten Beschuldigungen noch 
aufzutauchen. Vielmehr wird der Zustand beherrscht von den Ver- 
drängungserscheinungen, deren erste Stufe die Bewußtseinstrübung 
darstellt. Vor allem sind es die Erinnerungen an die Straftat und 
die mit ihr zusammenhängenden Ereignisse, die verdrängt werden ; 
der Kranke ist unschuldig, hat nichts verbrochen, befindet sich nicht 
in Haft, sondern ganz wo anders, weiß nicht, wie er daher ge- 
kommen ist. 

Weiterhin aber werden auch alle Brücken abgebrochen, auf denen 
irgendwie die Beziehungen zu der rauhen Wirklichkeit wiederher- 
gestellt werden könnten. Dem Kranken verdunkeln sich die schar- 
fen, klaren Begriffe des wachen Lebens, und wenn sie auch ihren 
Einfluß auf sein Denken keineswegs verlieren, so verblassen doch, 
wie im Traume, die Widersprüche, in die ihn die allgemeine Nei- 
gung zur Verdrängung der Wirklichkeitsvorstellungen mit seinem 



1508 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

festen geistigen Besitzstande bringt. Dazu gesellt sich aber ferner 
noch das Versenken in eine schönere Traumwelt mit reichlichster 
Wunscherfüllung, wie es seinen Ausdruck in den deliranten Größen- 
ideen mit dazu passenden Sinnestäuschungen und Erinnerungs- 
fälschungen findet. Wir werden hier, wie fast überall bei den hyste- 
rischen Krankheitserscheinungen, an gewisse Eigentümlichkeiten 
der Kindesseele erinnert, der ebenfalls die Verleugnung der pein- 
lichen Wirklichkeit und die Flucht in eine bunte, nach den eigenen 
Wünschen sich gestaltende Traumwelt so außerordentlich naheliegt. 
Es ist der Weg, auf dem sich die Schwäche, die das Leben nicht zu 
meistern versteht, der Berührung mit seinen Stacheln zu entziehen 
sucht. 

Ein wesentlich anderes Bild zeigt uns die Wirkung langfristiger 
Freiheitsstrafen. Wie Rüdin dargelegt hat, können wir sie am 
deutlichsten dort erkennen, wo wir es mit der schwersten Form der 
Freiheitsstrafe, der Einsperrung auf Lebenszeit, zu tun haben. Hier 
sind es in erster Linie die andauernde Knechtung jeder eigenen 
Willensregung und das Gefühl der unbedingten, schutzlosen Unter- 
werfung unter die übermächtige Staatsgewalt, die dem Stimmungs- 
hintergrunde seine bestimmte Färbung geben. Der Kranke steht 
unter einem erdrückenden Zwange, der sein Handeln, ja bis zu einem 
gewissen Grade auch sein Denken tagaus, tagein in bestimmten, 
völlig gleichmäßigen Bahnen hält und jede Abweichung, jede selb- 
ständige Betätigung mit unerbittlicher Härte nahezu völlig aus- 
schließt. Jeder Versuch, diesem Drucke auszuweichen, führt un- 
fehlbar zu einer Vergewaltigung des Gefangenen mit allen den 
furchtbaren Peinigungsmitteln, die der Strafanstalt zu Gebote 
stehen, Dunkelarrest, Entziehung der Beschäftigung, der Bewegung 
im Freien, der Lagerstatt, der warmen Kost, unter Umständen 
Fesselung. Von allem, was er liebte und erstrebte, an dem sein 
Herz hing, ist er durch eine unübersteigliche Schranke getrennt, 
die er nur in sehnsüchtigen Träumereien zu überfliegen vermag. 

Es ist selbstverständlich, daß jeder Gefangene diese Vergewaltigung 
seiner Persönlichkeit als eine schwere Unbill empfindet, gegen die 
er sich, wenn auch nur innerlich, auflehnt, und der er sich wenig- 
stens mit allen Kräften seiner Seele zu entziehen sucht. Sie wird 
um so unerträglicher, wenn die Hoffnung auf Befreiung in weite 
Ferne gerückt oder gar völlig abgeschnitten ist. Um die Mächte, 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 1509 

die ihn beherrschen und seine Befreiung verhindern, sowie um die 
Mittel und Wege, die geeignet scheinen, ihn von dem Zwange zu 
erlösen, dreht sich daher sein ganzes Dichten und Trachten. Unter- 
stützt wird diese einseitige Einstellung des Denkens und Strebens 
noch durch die Abschließung von jeder Berührung mit der Außen- 
welt, namentlich in der Einzelhaft, die zudem das Grübeln und die 
Entstehung von Trugwahrnehmungen auf dem überempfindlich 
werdenden Gebiete des Gehörssinnes begünstigt. Dazu kommen end- 
lich noch die Folgen einer durch Jahre und selbst Jahrzehnte fort- 
gesetzten gesundheitswidrigen Lebensweise, die durch mangelnde 
Bewegung und Einförmigkeit der Kost hervorgerufenen Verdauungs- 
störungen, die durch Unterernährung und Entziehung von Licht 
und Luft erzeugte Anämie, die Schlaflosigkeit, oft genug auch die 
Nachwirkungen früherer Ausschweifungen, alles Umstände, welche 
die Widerstandsfähigkeit des Sträflings gegen die gemütlichen 
Qualen der dauernden Einsperrung noch mehr herabsetzen. 

Wie die Erfahrung lehrt, gewinnen die hier geschilderten Ver- 
hältnisse einen verhängnisvollen Einfluß auf das Seelenleben der 
Gefangenen, namentlich derjenigen, denen nicht ein reicher ent- 
wickeltes Innenleben die Möglichkeit gewährt, sich einen Ersatz 
für die äußere Verarmung zu schaffen und aus der äußeren Un- 
freiheit in die innere Freiheit zu flüchten. So kommt es, daß, wie 
namentlich Wilmanns bemerkt hat, der ganze ,, Geist" der Straf- 
anstalten, besonders der Zuchthäuser und vielleicht noch mehr der 
von minderwertigen Persönlichkeiten bevölkerten Arbeitshäuser, ge- 
tränkt ist mit Vorstellungen und Stimmungen, die sich aus den Ein- 
wirkungen der Freiheitsentziehung ableiten. Die Gemüter sind er- 
regt von äußerstem Mißtrauen und von Feindseligkeit gegen die 
überwachenden Beamten. Diesen werden vielfach auch von geistig 
gesunden Häftlingen ohne weiteres die größten Schändlichkeiten 
zugetraut, und es ist ein gern geglaubter und eifrig weiter verbreiteter 
Klatsch, daß in den genannten Anstalten so mancher heimlich be- 
seitigt werde. Sofern sie nicht die Furcht abhält, sind daher die 
Insassen auch in der Regel alle einig, einander zu unterstützen, 
wo es gegen den gemeinsamen Feind geht, gegen die Vertreter der 
Staatsgewalt. 

Sehr bemerkenswert ist es, daß sich diese Einflüsse auf das 
deutlichste auch im klinischen Bilde solcher Geistesstörungen wirk- 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 8 



ic IQ XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

sam zeigen können, die an sich gewiß nicht durch die Gefangen- 
schaft erzeugt werden. Das gilt z. B. von den psychischen Er- 
krankungen der Epileptiker, namentlich aber auch von der Dementia 
praecox, ein Beweis für die besonders von Bleuler nachdrücklich 
hervorgehobene Tatsache, daß bei diesem Leiden persönliche Erleb- 
nisse für die Gestaltung des Wahns und der Täuschungen bestim- 
mend werden können. Wir sehen hier vielfach Krankheitsbilder 
sich entwickeln, die zunächst die größte Ähnlichkeit mit den psycho- 
genen Erkrankungen der Gefangenen darbieten. Gerade darum sind 
sie auch so lange mit diesen zusammengeworfen worden, bis die 
weitere Erfahrung, ihr Verlauf und der Ausgang in tiefe Verblödung 
mit Zerfall der Persönlichkeit, ihre Zugehörigkeit zur Dementia 
praecox klarlegte. 

Es darf jedoch wohl heute als sichergestellt betrachtet werden, 
daß der Druck der Gefangenschaft nicht nur den aus anderen Grün- 
den sich entwickelnden Geistesstörungen der Sträflinge eine eigen- 
artige Färbung verleiht, sondern daß er auch, wenngleich nicht allzu 
häufig, selbständige Krankheitsbilder von paranoider Gestaltung 
zu erzeugen vermag. Die Vorstellungskreise, in denen sich dabei 
die Wahnbildung bewegt, sind einmal Verfolgungsideen gegen 
die Strafanstaltsbeamten sowie die bei der Verurteilung und Straf- 
zumessung beteiligten Personen, namentlich den Staatsanwalt, so- 
dann die Überzeugung, unschuldig verurteilt zu sein, und 
endlich die Meinung, bereits begnadigt zu sein und nur noch 
widerrechtlich festgehalten zu werden. Wenn sich auch diese Vor- 
stellungen im einzelnen Falle vielfach miteinander verbinden, so 
lassen sich doch gewisse klinische Gestaltungen auseinanderhalten, 
je nachdem der eine oder der andere Inhalt der Wahnbildung im 
Vordergrunde der Erkrankung steht. 

Die bei weitem häufigste Krankheitsform scheint der Ver- 
folgungswahn zu sein. Die Krankheit entwickelt sich gewöhn- 
lich nach mehrjähriger Dauer einer längeren Freiheitsstrafe, be- 
sonders unter den härteren Erstehungsbedingungen des Zucht- 
hauses. Nicht selten schließt sich der Ausbruch an einen äußeren 
Anlaß an, der den Gefangenen die Trostlosigkeit seiner Lage be- 
sonders lebhaft empfinden läßt, eine Disziplinierung, die Verwerfung 
eines Begnadigungs- oder Wiederaufnahmegesuches, die Verhängung 
einer Zusatzstrafe wegen eines neuen Vergehens, namentlich wenn 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 15*1 

sie als unverdient oder zu hart empfunden wird. Der Gefangene, 
der vielleicht schon einige Zeit vorher öfters über allerlei Beschwer- 
den zu klagen hatte, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, mangelnde 
Eßlust, Schwindelgefühl, zeigt, meist ziemlich plötzlich, ein verän- 
dertes Benehmen. Er erscheint verstört, finster, gedrückt, spricht 
vor sich hin, verweigert die Nahrung, läßt Maßregelungen gleich- 
gültig über sich ergehen, oder er wird widerspenstig, gereizt, legt die 
Arbeit nieder und begeht nicht selten einen Selbstmordversuch. 

Bei näherem Befragen stellt sich nun meist heraus, daß er ver- 
spottende oder bedrohende Stimmen gehört hat. Vor der Türe seiner 
Zelle flüstern die Aufseher ; sie sagen, daß er mit anderen Gefange- 
nen geschlechtlichen Verkehr gehabt, den Arzt beleidigt, seinem Vater 
das Haus angezündet, einen erstochen, draußen Geld vergraben 
habe ; er solle hingerichtet, für die Anatomie aufgemästet werden ; 
eine Kranke hörte Vorwürfe über eine wirkliche geschlechtliche 
Verfehlung mit ihrem Pflegevater. Die Aufseher führen bisweilen 
lange Gespräche über den Kranken; sie verspotten, foppen ihn, 
schleichen auf Gummisohlen herum, klopfen an die Türe, rufen 
seinen Namen, Schimpfworte; dazwischen tönt Glockenläuten und 
Musik. Auch die Mitgefangenen reden über ihn, stecken die Köpfe 
zusammen, wenn er erscheint, zischeln: „Der ist's, der ist's", ,,der 
spinatert". Der Arzt macht Bemerkungen, aus denen hervorgeht, 
daß er ebenfalls mit im Bunde ist; ,,der hat schwer abgenommen", 
heißt es; man ruft ihm zu: ,, Wirst beobachtet und weißt es nicht!" 
Wenn es dunkel wird, sieht er einen hellen Schein ; ihm wird in die 
Augen geleuchtet; schwarze Gestalten, Fratzen erscheinen; in der 
Zelle liegen zwei Leichen; die Wände kommen auf ihn zu. 

In den Fingerspitzen spürt er Empfindungen, einen Strom im 
Körper, Wanzen im Bette. Das Essen ist verdorben, hat einen be- 
sonderen Geschmack, macht Übelkeit und Durchfall ; nach einem 
Pulver entwickelt sich ein schlechter Geruch im Munde ; der Kranke 
fühlt das Gift in seinem Körper, in der Speiseröhre. Auf der Suppe 
schwimmt Petroleum ; die Decken stinken ; in der Luft sind schäd- 
liche Dünste. 

Eine ganz besondere Rolle pflegen unheimliche, meist nächtliche 
Erlebnisse zu spielen. Arzt und Wärter erscheinen nachts in der 
Zelle, um den Kranken zu betäuben; die Aufseher kommen und 
prügeln ihn durch; man elektrisiert und hypnotisiert ihn, so daß 



iqi2 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

er nicht sprechen und sich nicht rühren kann, um auf diese Weise 
ein Geständnis von ihm zu erreichen. Ein Kranker behauptete, der 
Zuchthausdirektor sei mit dem Ministerialreferenten nachts zu ihm 
gekommen ; sie hätten ihm einen Degen in den Leib gerannt, später 
auch einen Hund auf ihn gehetzt. Ein anderer hielt längere Zeit 
daran fest, daß ihm der Staatsanwalt nachts den Kopf Göthes oder 
Schillers aufgesetzt habe, meinte erst später, es sei wohl eine Hallu- 
zination gewesen. Ein dritter erklärte, der Staatsanwalt habe ihn 
bei einem Transporte durch das Droschkenfenster mit dem Re- 
volver bedroht. Derartige Vorkommnisse werden mit allen Einzel- 
heiten und größter Überzeugungstreue geschildert und immer in 
gleicher Weise wiedergegeben. Es bleibt dabei unsicher, ob es sich 
um traumartige Erlebnisse oder um Erinnerungsfälschungen handelt. 
Im Zusammenhange mit den Trugwahrnehmungen, aber auch 
unabhängig von ihnen, entwickelt sich nun ein geistig mehr oder 
weniger verarbeiteter Verfolgungswahn. In dessen Mittelpunkt steht 
gewöhnlich die Meinung, daß die Strafanstaltsbeamten, vor allem 
der Direktor, darauf ausgehen, den Kranken auf alle Weise zu unter- 
drücken und womöglich zugrunde zu richten. In den Knödeln sind 
Nägel ; die Mitgefangenen werden angestiftet, ihn zu erdrosseln. 
Alle haben sich gegen ihn verschworen, helfen zusammen, sind 
ihm aufsässig, schikanieren ihn, lügen ihn an, begegnen ihm mit 
Hohn und Spott. Freundliches Entgegenkommen bedeutet ihm nur 
Schleicherei und Hinterlist, um irgend etwas von ihm zu erreichen, 
z. B. die Zurückziehung eines Wiederaufnahmegesuches, einer Be- 
schwerde. Das Angebot des Direktors, für seine Familie besser 
Fürsorge zu treffen, betrachtete ein Kranker als einen Bestechungs- 
versuch, der ihn von der Einreichung einer Beschwerde abhalten 
solle. Er wird belogen und hintergangen ; ein Kranker meinte, die 
Nachricht vom Tode seiner Frau sei gefälscht, um zu vertuschen, 
daß der Hausgeistliche mit ihr im Konkubinat lebe. Man sucht 
ihn durch Schikanen aller Art zu reizen, um mit den so hervor- 
gerufenen Ausschreitungen nachträglich die harten, gegen ihn in 
Anwendung gebrachten Maßregeln rechtfertigen zu können. Dar- 
um wird Wasser in seine Zelle geschüttet, der Kübel verschmiert; 
man behandelt ihn bei jeder Gelegenheit ungerecht, fälscht seine 
Briefe, sendet Beschwerden nicht ab ; bei einer Blutentnahme spritzt 
man ihm Gift ein. Er wird von Detektivs überwacht, soll in einen 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. ^^S 

Hinterhalt gelockt, unschuldig im Wahnsinn hingemacht werden ; 
der Arzt will an ihm studieren, ihn in der nächsten Woche operieren. 
Ein Kranker erklärte deshalb, er werde nur mit Messer und Revolver 
bewaffnet in den Garten gehen. Er soll wahnsinnig gemacht werden ; 
das Schaf fot wird schon aufgeschlagen ; der Landesfürst war mit 
zwei Kriminalbeamten da, um das Todesurteil zu unterschreiben. 

Hier und da werden auch ganz abenteuerliche Ideen geäußert. 
Ein Kranker klagte darüber, daß er überall Bedeutungen merke und 
sich gar nicht mehr zurechtfinden könne ; ein roter Fleck in seinem 
linken Auge bedeute den Teufel ; um seinen Kopf habe er eine 
Schlange, im Leibe den lieben Gott. Ein anderer erklärte, daß er 
von Jugend auf durch Todfeinde verfolgt werde, die ihm keine Ruhe 
ließen bis zum Schaffot. 

Sehr häufig verknüpft sich mit diesen Wahnbildungen die Über- 
zeugung, unschuldig verurteilt zu sein. Der Kranke hat die Straftat 
gar nicht begangen; man hat ihn ohne jeden Grund verhaftet, wollte 
ihn nur gehörig „hineindrücken". Bei der Verhandlung war alles 
eine abgekartete Sache ; die Strafe war schon vorher bestimmt, das 
Gericht beeinflußt ; man lachte spöttisch. Die Zeugen sind meineidig, 
die Akten gefälscht ; Intriguen spielten. Ein Kranker meinte, die in- 
zwischen erfolgte Beförderung des Anklägers in seinem Prozesse 
habe nur den Zweck, dessen Mitwirkung in der Berufungsinstanz 
zu sichern, um ihn zu vernichten. Manche Kranke hören auch 
Stimmen, daß sie für unschuldig erklärt, begnadigt seien, wieder 
verhandelt würden, und betrachten daher ihre Zurückhaltung als 
das Werk ihnen feindseliger Personen, in erster Linie des Strafanstalts- 
direktors und des Staatsanwaltes, deren schändliches Treiben sonst 
ans Licht kommen würde. 

Alle diese Wahnvorstellungen werden mit Leidenschaftlichkeit 
vorgebracht und geistig verarbeitet, mit Zähigkeit festgehalten 
und gegen Einwände verteidigt. Die Zumutung, daß es sich um 
krankhafte Vorstellungen handele, wird meist heftig zurück- 
gewiesen; man will den Kranken nur mit Gewalt kaput und blöde 
machen; es ist ein treuloser Schwindel. Ein Kranker erklärte 
sehr entschieden, die von ihm gehörten Stimmen seien „Natur- 
sachen" gewesen. In anderen Fällen besteht ein hypochondrisch 
gefärbtes Krankheitsgefühl. Die dauernde Trockenluft und die 
Isolierung haben nachteilig eingewirkt ; der ganze Unterleib ist ab- 



je 14 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

gestorben, das Gedächtnis völlig geschwunden. Ein Kranker meinte, 
er werde infolge des Alleinseins noch völlig auseinander, sei immer 
aufgeregt ohne Grund, sehe den Tod vor Augen; ein anderer bat 
den Arzt, er möge ihm doch den Kopf aufschneiden, um zu sehen, 
ob nicht Eiter im Gehirn sei. Das Bewußtsein ist dabei dauernd 
völlig klar; höchstens geraten die Kranken ganz vorübergehend 
einmal in Verwirrung, wenn sie sehr aufgeregt sind. Ein Kranker 
gab an, ihm sei es verworren und dumpf im Kopfe gewesen; ein 
anderer erklärte, er habe sich unausgesetzt mit seiner Sache be- 
schäftigt, sich alles deutlich vorgestellt und ausgemalt. 

Auf gemütlichem Gebiete besteht bei den Kranken regelmäßig 
eine starke Spannung. Sie fühlen sich verlassen, hoffnungslos, ver- 
zweifelt, leben in steter Angst und Aufregung und greifen daher 
auch häufig zu Selbstmordversuchen. Das äußerste Mißtrauen er- 
füllt sie gegen ihre gesamte Umgebung, von der sie annehmen, daß 
alle eingeweiht und gegen sie verschworen sind. Sie lehnen daher 
auch häufig jede Erörterung ihrer Angelegenheit ab, lassen sich auf 
keine Untersuchung ein, wollen ihre Ruhe haben, sind ver- 
schlossen, finster, gereizt und feindselig; sie werfen gelegentlich 
die Kostschüssel an die Wand, schlagen einen Krug zusammen, 
schimpfen zum Fenster hinaus, greifen Mitgefangene an, drohen, 
noch jemanden niederzuschlagen. Zugleich pflegen sie mit großer 
Hartnäckigkeit und Verbissenheit den Kampf gegen die vermeint- 
lichen Verfolger zu führen. Sie verfassen zahlreiche Eingaben, um 
die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, beschweren sich 
über die ,, Rechtsverweigerung* ', machen Anzeigen über die ihnen 
in der Strafanstalt widerfahrende falsche und ungerechte Behand- 
lung. Ein Kranker schrieb, wie er selbst meinte, ,,in der Verwirrung", 
einen Brief an den Kaiser mit der Bitte, zu der für ihn bevorstehen- 
den Verhandlung über eine Zusatzstrafe einen Bevollmächtigten zu 
senden, damit er nicht von dem ihm feindlich gesinnten Ankläger 
vernichtet werde. Die innere Spannung gibt sich vielfach in Unbot- 
mäßigkeiten und Widersetzlichkeiten kund, die dann zunächst zu 
neuen Disziplinierungen führen und damit den Krankheitszustand 
verschlimmern können. Der Schlaf der Kranken ist regelmäßig 
sehr gestört; sie schrecken auf, liegen nachts grübelnd wach, wer- 
den von beängstigenden Träumen gequält. Auch die Nahrungs- 
aufnahme pflegt mangelhaft zu sein, zum Teil im Anschlüsse an 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 15^5 

Vergiftungsideen; ein Kranker verweigerte die Annahme der Kost, 
weil ihm Stimmen gesagt hatten, daß über ihn Kostabzüge verhängt 
seien, ein anderer, weil er sich verhungern lassen wollte. Das 
Körpergewicht nimmt daher öfters stark ab. 

Der Verlauf des Leidens ist in hohem Grade davon abhängig, 
wie sich die äußeren Lebensbedingungen des Kranken gestalten; 
die Dauer der Krankheitserscheinungen kann von wenigen Wochen 
bis zu vielen Jahren schwanken. Solange der Druck der Straf- 
anstaltsdisziplin anhält, pflegt sich der Zustand zu verschlechtern. 
Versetzung aus der besonders ungünstig wirkenden Einzelhaft in 
Gemeinschaftshaft oder ins Lazarett führt regelmäßig zu einer ge- 
wissen Beruhigung. Noch mehr gilt das von der Überführung in 
psychiatrische Behandlung, vorausgesetzt, daß damit keine Straf- 
unterbrechung verbunden ist. Zwar sträuben sich die Kranken, wie 
schon angedeutet, zunächst meist sehr gegen die Zumutung geistiger 
Erkrankung, aber die neue Umgebung, die Rücksichtnahme auf 
ihren Zustand, das Wegfallen der fortwährenden, durch ihren Ver- 
folgungswahn bedingten Reibungen führt doch gewöhnlich bald zu 
einer Abnahme der gemütlichen Spannung, so daß sie freier, zu- 
gänglicher, versöhnlicher werden. 

Zu einer wirklichen Berichtigung der Wahnvorstellungen kommt 
es allerdings nur bei einem Teile der Kranken. Sie geben wenig- 
stens zu, daß sie sich in diesem oder jenem Punkte getäuscht haben 
könnten, sehr aufgeregt gewesen seien, wenn sie auch ihr all- 
gemeines Mißtrauen dauernd für berechtigt halten. Andere erweisen 
sich als durchaus unbelehrbar, lassen sich von der Tatsächlich- 
keit ihrer wahnhaften Erlebnisse nicht abbringen. Aber auch bei 
ihnen verlieren diese Ideen allmählich ihren Stachel und ihre 
Triebkraft. Sie werden nicht weiter entwickelt und verarbeitet, 
überhaupt nicht mehr ohne besondere Anregung geäußert, ver- 
blassen, geraten auch wohl teilweise ganz in Vergessenheit und 
spielen jedenfalls keine Rolle mehr für das Handeln des Kranken ; 
sie nehmen also die Eigenschaften des ,, Residualwahns" an. Läßt 
es sich erreichen, daß der Kranke dauernd in für ihn erträgliche 
Verhältnisse kommt, so ist damit sein Leiden abgeschlossen. Ge- 
schieht das nicht, so kann es zu einem viele Jahre, selbst Jahr- 
zehnte fortgeführten, leidenschaftlichen und erbitterten Kampfe 
gegen die Staatsgewalt und ihre Vertreter kommen, der für beide Teile 



15 16 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

die schwersten Unzuträglichkeiten und Gefahren mit sich bringt. 
Grausamste disziplinare Martern von der einen, Entweichungen, 
gefährliche Angriffe und Mordversuche von der anderen Seite be- 
zeichnen den Weg. Geraten die einmal mit Defekt Genesenen 
späterhin wiederum in Gefangenschaft, so erlebt man sehr ge- 
wöhnlich eine Wiederkehr der alten Sinnestäuschungen und Wahn- 
bildungen, die in der Freiheit gänzlich geschwunden waren. 

Die verhältnismäßig kleine Zahl der mir für diese Form zu Ge- 
bote stehenden Beobachtungen verbietet genauere Angaben über 
die persönliche Veranlagung der Kranken. Das Lebensalter ist im 
Durchschnitte ein höheres, als bei den hysterischen Formen der Ge- 
fangenenpsychosen, zum Teil wohl deswegen, weil hier, im Gegen- 
satze zu jenen Erkrankungen, nur schwere und langdauernde Frei- 
heitsstrafen in Betracht kommen. Das weibliche Geschlecht war fast 
gar nicht vertreten. Erbliche Belastung, auch durch Alkoholismus der 
Eltern, schien mir stärker zu sein, als dort ; auffallend viele Kranke 
waren außerehelich geboren, was auf das Zusammenwirken un- 
günstiger Anlage mit Verwahrlosung in der Erziehung schließen läßt. 

In einer Reihe von Fällen verknüpft sich mit den Verfolgungs- 
ideen der Unschuldswahn. Sind die Strafgefangenen an sich schon 
vielfach geneigt, ihre Schuld in weit milderem Lichte zu sehen, als 
der Richter, so kommt es hier nicht nur zu einer vollständigen 
Verdrängung des Schuldbewußtseins, sondern auch zu einer nach- 
träglichen Umdeutung und Umwandlung der verhängnisvollen Er- 
eignisse. Der Kranke, der vielleicht sogar früher geständig gewesen 
ist, tritt allmählich, meist nach einigen erfolglosen Begnadigungs- 
und Wiederaufnahmegesuchen, immer entschiedener mit der Be- 
hauptung hervor, daß er unschuldig verurteilt worden sei. Die 
Zeugen haben bei der Verhandlung falsch ausgesagt; die richtigen 
Zeugen sind nicht vernommen worden. Es haben schwere Gesetzes- 
verletzungen, Urkundenfälschungen stattgefunden. Die Anzeige 
des Gendarmen entsprach nicht der Wahrheit ; der Staatsanwalt hat 
,, Amtsschurkereien' ' begangen; die beteiligten Ärzte werden durch 
gegenamtliche Ärzte des Meineids überführt. Zur Stütze seiner An- 
gaben führt der Kranke Aussprüche oder Sätze, die bei Verhören, in 
der Verhandlung gefallen sein sollen, aus den ihm zugegangenen 
Bescheiden in willkürlicher Auslegung und Verdrehung an. Auch 
unverkennbare Erinnerungsfälschungen sind häufig; der Gerichts- 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. IS 1 ? 

Vorsitzende habe dem Kranken selbst mitgeteilt, daß er freigesprochen 
sei, daß etwas in den Akten nicht stimme. Aus den Vorgängen bei 
der Straftat pflegen die belastenden Züge zu verschwinden ; alles 
hat sich ganz anders abgespielt, als die Anklage behauptete. Der 
Kranke war damals gar nicht zugegen ; ihm fallen nach Jahren 
noch eine ganze Anzahl wichtiger Entlastungszeugen ein, die sich 
entweder als unauffindbar erweisen oder nur belanglose, jedenfalls 
nicht die von ihm erwarteten Angaben machen. An ihrer Stelle werden 
dann öfters neue und immer wieder neue benannt, mit demselben 
Erfolge, was den Kranken zu erbitterten Meineidsbeschuldigungen 
veranlaßt. Sehr klar wird der Ursprung des Unschuldswahnes aus 
dem leidenschaftlichen Bestreben, sich dem übermächtigen Drucke 
der Freiheitsstrafe zu entziehen, wenn nebeneinander ganz wider- 
sprechende Begründungen vorgebracht werden. Ein Kranker, der 
im Rausche ein Sittlichkeitsverbrechen begangen hatte, gab ein- 
mal an, er sei sinnlos betrunken gewesen, habe sich berufsmäßig 
betrinken müssen; er sei schwerer Neurastheniker, erblich belastet 
und schon bei der Verhandlung für unzurechnungsfähig erklärt 
worden. Zugleich aber behauptete er, er sei gar nicht der Täter ; er 
werde ,,das mysteriöse Verbrechen lüften" und den wahren Täter 
ausfindig machen. 

Auf dieser Grundlage entwickelt sich das klinische Bild des 
Haftquerulanten. Der Kranke wird unbotmäßig, verdirbt und 
zerstört Staatseigentum, verschmiert seine Zelle, verweigert die 
Arbeit, weist das Essen zurück, schimpft in den stärksten Aus- 
drücken und zieht sich zahlreiche Disziplinarstrafen zu, die seine 
Erbitterung natürlich nur vermehren und ihn unter Umständen zu 
gefährlichen Angriffen auf die Beamten veranlassen. Zugleich 
schreibt er in endloser Folge langatmige Beschwerden, Anträge, 
Eingaben, Wiederaufnahmegesuche, die in einförmigen Wendungen 
seine Unschuld beteuern, die erduldeten Leiden schildern und die 
vermeintlichen Urheber alles Unheils mit Beschimpfungen, Verdäch- 
tigungen, Bedrohungen überschütten. Er sei rechtswidrig interniert, 
,,ein Freiheitsmensch", kein Verbrecher, brauche eigentlich um 
nichts zu bitten; ein längst abgeurteilter Kranker behauptete, er 
sei noch Untersuchungsgefangener. Er komme nicht zu seinem 
Rechte ; man wolle ihn wegräumen ; sein Nervensystem sei bereits 
unheilbar zerrüttet. Ein Kranker erklärte, er habe sich im Zucht- 



iqi8 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

hause sechs bleibende Nachteile zugezogen, unter denen er auch 
einen nicht vorhandenen Leistenbruch und ,, Gehirnerweichung" auf- 
führte. Die Beamten sind Sauhunde, Dreckhunde, der Vorstand der 
größte Verbrecher; der Staatsanwalt gehört ins Zuchtshaus. Es 
muß Gerechtigkeit geschehen, wenn es überhaupt eine gibt; der 
Kranke wird durch das Ministerium, durch die Presse, durch ehren- 
hafte Landboten seine Sache führen lassen ; ein Kranker wollte eine 
Ministeranklage erheben. Durch Kraftworte, hochtrabende, schwül- 
stige Wendungen, Unterstreichungen und Ausrufezeichen sucht der 
Kranke diese Schriftstücke möglichst eindrucksvoll zu gestalten. 
Bei mündlicher Unterhaltung gerät er leicht in lebhafte Erregung, 
bringt leidenschaftlich, mit lauter Stimme, unter großem Wort- 
schwall seine Beteuerungen und Beschwerden vor, ohne sich durch 
Einwendungen irgendwie beirren zu lassen, ja ohne sie überhaupt 
zu beachten. 

Regelmäßig besteht bei den Kranken ein stark gehobenes Selbst- 
gefühl, das sich in anspruchsvollem, aufgeblasenem Wesen, Recht- 
haberei und Wichtigtuerei äußert. Ein Mörder erklärte, er sei ein 
Ehrenmann, mehr, als die Aufseher und Beamten; ein herunter- 
gekommener Trinker, der nach einer Reihe von Vorstrafen wegen 
Notzucht zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, meinte, 
er sei ein redlicher Charakter, brav und tüchtig; das könnten 
300 Arbeiter, 2 Fabrikärzte und verschiedene Kaufleute bezeugen. 
Man darf wohl annehmen, daß eine hohe Selbsteinschätzung, ver- 
bunden mit gemütlicher Reizbarkeit, den günstigen Boden für die 
Entwicklung querulatorischer Krankheitsbilder abgibt, insofern sie 
das Schuldgefühl nicht aufkommen läßt und die Empfindlichkeit 
für den Druck der Strafe steigert. Andererseits aber ist es wohl 
auch unzweifelhaft, daß die eiserne, jede freiere Willensregung 
unerbittlich unterdrückende Zuchthausdisziplin eben durch ihre 
Strenge zur Auflehnung reizt und die Verschanzung hinter trotziger 
Selbstüberhebung begünstigt. 

Der querulatorische Unschuldswahn stellt nur eine Verlaufsform 
des psychogenen Verfolgungswahns der Gefangenen dar, von dem 
er sich eigentlich nur künstlich abgrenzen läßt. Er kann, wie jener, 
zu einem gewissen Stillstande, wenn auch nicht zur wirklichen 
Heilung kommen, falls es möglich ist, den Kranken durch vor- 
zeitige Beurlaubung oder Begnadigung bald von dem Drucke der 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 15 19 

Freiheitsentziehung zu entlasten oder ihn doch in günstigere Be- 
dingungen zu versetzen (Krankenabteilung, Irrenanstalt). Im an- 
deren Falle verschlechtert sich sein Zustand unfehlbar fortschreitend 
und führt zu dem oben erwähnten verzweifelten Ankämpfen gegen 
die Machtmittel des Staates, bis endlich die abstumpfende Wirkung 
des Alters die Triebkraft des Willens lähmt. 

Eine weitere, anscheinend zwar recht seltene, aber für das Ver- 
ständnis der Haftpsychosen doch sehr wichtige Erkrankungsform 
hat Rüdin unter der Bezeichnung des ,, präsenilen Begnadi- 
gungswahns" beschrieben; sie wurde bisher nur bei Sträflingen 
beobachtet, die zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt 
wurden. Es handelt sich dabei um die Entwicklung der unverrück- 
baren Überzeugung, begnadigt zu sein, bei alternden Gefangenen. 
Nach jahrzehntelanger, meist tadelfrei verbüßter Strafzeit tritt der 
Sträfling plötzlich mit der zuversichtlichen Behauptung hervor, 
schon vor längerer Zeit sei ihm mitgeteilt worden, daß er begnadigt 
sei. Er schildert dabei gewöhnlich den Vorgang ganz genau, wie 
es ihm der Direktor mitgeteilt habe, wie ein Protokoll aufgenommen 
wurde, wie er einen Brief erhielt, wie nachts Freunde kamen und 
ihm die Kunde brachten; einzelne Kranke erzählen, daß ihnen 
nächtliche Stimmen die Begnadigung mitgeteilt hätten. Offenbar 
handelt es sich hier meist um Erinnerungsfälschungen. Zugleich 
gibt der Kranke an, daß ihm eine Stellung versprochen worden sei, 
als Werkführer im Zuchthause, als Meister draußen in einem Ge- 
schäfte; ein Kranker erklärte, er habe ein Geschäft geerbt, ein 
anderer, er sei vom Kaiser zum Hofprediger und Gesangsdirigenten 
ernannt, weil er so fleißig in der Bibel gelesen und so schön im 
Chore mitgesungen habe ; er müsse nun nach Berlin, um seine 
Probepredigt zu halten. Infolgedessen betrachtet der Kranke seine 
Zurückhaltung im Zuchthause als widerrechtlich. Man vorenthält 
ihm die Papiere über seine Begnadigung aus Mißgunst oder, um 
seinen Arbeitsverdienst an sich zu ziehen. 

Regelmäßig verbinden sich mit diesen krankhaften Vorstellungen 
noch andere Wahnbildungen, die vollkommen dem Rahmen des 
oben geschilderten Verfolgungswahns angehören. Die Aufseher 
reden über den Kranken, sind gedungene Meuchelmörder, wollen 
ihn beseitigen, kommen nachts mit Messern; vermummte Männer 
mit Masken, graue Weiber treten nachts ein und bedrohen ihn; 



1^20 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

nächtliche Stimmen lassen ihm keine Ruhe. Er wird von den Mit- 
gefangenen schikaniert, gepeinigt; der Pfarrer hypnotisiert ihn, ex- 
perimentiert an ihm, um ihn kraft- und willenlos zu machen; ihm 
wird der Schädel geöffnet, das Gehirn teilweise herausgenommen ; 
man setzt ihm Stichflammen in die Ohren. Die Augen des Werk- 
meisters verfolgen ihn in Gestalt feuriger Kugeln; im Essen ist 
Gift. Der Minister ist sein Feind; man will ihm sein Recht nicht 
geben. Der Hergang der gewöhnlich mehrere Jahrzehnte zurück- 
liegenden Straftat pflegt sich in der Erinnerung des Kranken, im 
Widerspruche zu früheren Geständnissen, wesentlich zu seinen 
Gunsten zu verschieben, so daß seine Ansicht, er sei viel zu hart 
bestraft worden, dadurch in seiner Darstellung eine Stütze findet. 

Das Bewußtsein der Kranken ist dabei völlig klar ; nur ein 
Kranker klagte, daß es ihm im Kopfe so dumpf, so schleierhaft sei. 
Ihr Denken bewegt sich in einförmigen, engen Bahnen, macht den 
Eindruck des Kindlichen, Naiven. Ihr Gedächtnis zeigt vielfache 
Lücken ; ihre Urteilsfähigkeit ist geschwächt. An ihren Wahn- 
vorstellungen halten sie trotz aller Einwände unerschütterlich fest, 
wenn sie auch vielleicht vorübergehend scheinbare Zugeständnisse 
machen. ,,Es lebt nun doch mal in mir", erklärte ein Kranker 
gegenüber den Bemühungen, ihm die Haltlosigkeit seines Wahns 
klarzumachen. Die Stimmung der Kranken ist gedrückt, leicht 
ängstlich, gelegentlich reizbar oder weinerlich ; sie sind still, ernst, 
aber zugänglich, willig, höflich und arbeitsam. Der Behandlung 
bereiten sie keine wesentlichen Schwierigkeiten ; sie weigern sich 
höchstens, weiter zu arbeiten, da sie ja doch längst keine Zucht- 
haussträflinge mehr seien. Im übrigen aber fügen sie sich, in der 
festen Zuversicht, daß ihr Recht schon an den Tag kommen werde, 
ohne besondere Schritte zur Verwirklichung ihrer Hoffnungen zu 
tun, und ohne sich zur Abwehr der Verfolgungen hinreißen zu 
lassen. 

In körperlicher Beziehung machen die Kranken nach Rüdins 
Darstellung den Eindruck frühzeitigen Greisenalters, obgleich die 
Hälfte bei Beginn der Krankheit das 50. Lebensjahr noch nicht er- 
reicht hatte. Sie erscheinen gebrochen, ohne Spannkraft und Lebens- 
frische, zeigen Zittern, Muskelschwäche, Unsicherheit der Bewe- 
gungen, arteriosklerotische Veränderungen. Sehr gewöhnlich sind 
ferner Klagen über Kopfschmerzen und Schlafstörungen. 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. IS2I 

Ob das hier geschilderte Krankheitsbild Anspruch auf klinische 
Selbständigkeit erheben kann, ist nicht ganz zweifellos. Auf der 
einen Seite entspricht es in wesentlichen Zügen dem Verfolgungs- 
wahne der Gefangenen. Dazu rückt allerdings auf der anderen 
Seite noch eine neue Krankheitserscheinung in den Vordergrund, 
eben der eigentümliche Begnadigungswahn. Es muß indessen be- 
tont werden, daß der Begnadigungswahn auch sonst im Bilde des 
Verfolgungswahns nicht ganz fehlt ; hier und da hören die Kranken 
auch dort ähnliche frohe Botschaften. Dasselbe gilt vom Unschulds- 
wahn, der beiden Erkrankungsformen gemeinsam ist. Wie es 
scheint, handelt es sich somit wesentlich um eine gewisse Ver- 
schiebung in der Ausbildung der Wahnformen ; früher sahen wir 
den Verfolgungswahn, hier den Begnadigungswahn vorherrschen. 
Dazu kommt ferner, daß bei den oben geschilderten Kranken der 
ersteren Gruppe die Beeinflussung des gesamten Seelenlebens, na- 
mentlich der Stimmung und des Willens, eine unverhältnismäßig 
stärkere war ; sie litten auf das schwerste unter dem auf ihnen lasten- 
den Drucke und waren leidenschaftlich bestrebt, sich mit allen 
Mitteln von ihm zu befreien. Demgegenüber sehen wir hier stille 
Dulder, die sich mit ihrem schweren Schicksale in der Hauptsache 
abgefunden haben und sich nur die Hoffnung auf eine doch schließ- 
lich noch eintretende günstige Wendung nicht nehmen lassen. 

Diesem Gegensatze entspricht einerseits das hier weit höhere Le- 
bensalter. Unter den Kranken mit Verfolgungswahn war nur einer bei 
Beginn des Leidens über 40, hier der jüngste 45 Jahre. Dort handelte 
es sich um Freiheitsstrafen bis zu etwa 8 Jahren Zuchthaus, in deren 
Verlaufe die Erkrankung, öfters schon nach wenigen Jahren und 
selbst Monaten, einsetzte ; hier waren meist 30 und mehr Jahre im 
Zuchthause verbüßt worden, ohne nennenswerte Aussicht auf Rück- 
kehr in die Freiheit. Es schien sogar, als ob die immer wiederholte 
Ablehnung von Begnadigungsgesuchen trotz Befürwortung durch 
die Anstaltsbeamten eine gewisse auslösende Wirkung ausübte. 
Endlich will ich nicht unerwähnt lassen, daß die erbliche Belastung 
hier eine verhältnismäßig geringe zu sein schien, obgleich sich dar- 
über ein zuverlässiges Urteil erst nach Sammlung weit zahlreicherer 
Beobachtungen wird gewinnen lassen. 

Das Bild, das wir nach diesen Erörterungen von den Beziehungen 
der beiden, hier verglichenen Krankheiten erhalten, weist, wie mir 



l<22 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

scheint, darauf hin, daß wir es mit nahe verwandten klinischen Er- 
scheinungsformen zu tun haben, deren Abweichungen sich wohl 
wesentlich aus einer Verschiebung ihrer Entstehungsbedingungen 
erklären lassen. Das verhältnismäßig frühe Erkranken bei der ersten 
Gruppe deutet darauf hin, daß wir dort stark psychopathisch ver- 
anlagte Persönlichkeiten von geringer psychischer Widerstands- 
fähigkeit vor uns haben. Demgegenüber erkranken am präsenilen 
Begnadigungswahn Menschen, die mit geradezu erstaunlicher Trag- 
fähigkeit die namenlose Qual einer etwa ein Menschenalter um- 
fassenden Freiheitsentziehung erduldet haben, ohne darunter zu- 
sammenzubrechen. Verschärft wird dieser Druck noch durch die 
völlige Vernichtung jeder Hoffnung auf die Rückkehr ins Leben, 
wie sie durch das ursprüngliche Urteil, noch mehr aber durch die 
Vergeblichkeit der späteren Versuche einer Milderung bewirkt wird. 
Wir haben somit hier die schwerste Belastungsprobe vor uns, der 
das menschliche Gemüt überhaupt ausgesetzt werden kann. Wenn 
irgendwo, so werden wir bei diesen Kranken die reine Wirkung 
der Einflüsse beobachten können, die sich in der Gefangenschaft 
vereinigen, während wir bei der erstbesprochenen Gruppe daneben 
noch in sehr erheblichem Maße mit den Folgen einer angeborenen 
oder erworbenen Minderwertigkeit zu rechnen haben. 

Es leuchtet unter diesen Umständen ein, daß der präsenile Be- 
gnadigungswahn nichts anderes bedeutet, als den vollständigen und 
endgültigen Zusammenbruch der seelischen Persönlichkeit. 
Die Zeit des Kampfes, der trotzigen Auflehnung des vergewaltigten 
Willens gegen die Machtmittel des Staates sind längst vorüber, aber 
auch der letzte wirkliche Hoffnungsschimmer, der das Leben erhellen 
könnte, ist erloschen. Das ist ein Seelenzustand, den kein mensch- 
liches Wesen auf die Dauer zu ertragen vermag ; ist es doch nur die 
Hoffnung, die uns veranlaßt, die Bürde des Daseins täglich von neuem 
auf unsere Schultern zu nehmen! Wie sich daher die Erlösungs- 
sehnsucht aus der Not des Lebens hinweg der Aussicht auf ein über- 
irdisches Glück zuwendet, so flüchtet sich die zermürbte Seele des 
alten Sträflings aus der unerträglichen, hoffnungslosen Gegenwart in 
einen Wahn, der wenigstens die Möglichkeit der Befreiung offen 
läßt. Es ist also ein ähnlicher Vorgang, wie bei der Entwicklung 
hysterischer Haftpsychosen, der uns hier begegnet, aber er ist nicht 
von einer Bewußtseinstrübung begleitet. Bei wachem und klarem 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. *5 2 3 

Bewußtsein versagt hier die Fähigkeit, den Widerspruch zwischen 
Einbildung und grausamer Wirklichkeit zu erkennen; der Wahn 
ist gewissermaßen zum religiösen Dogma, zum Evangelium ge- 
worden, das in dem Kranken lebendig ist, keines Beweises mehr 
bedarf und keiner Widerlegung zugänglich ist. Aber freilich, daß 
es soweit kommt, ist nur möglich in einer verarmten, geschwächten 
und durch unerhörten gemütlichen Druck in eine einzige Richtung 
des Denkens und Strebens gepreßten Seele. Erst dann, wenn das 
nahende, durch die Einsperrung beschleunigte Alter die seelische 
Spannkraft gebrochen hat, fällt der Sträfling dem freundlich er- 
lösenden Wahne widerstandslos zum Opfer. So kommt es, daß 
auch der begleitende Verfolgungswahn sein verödetes Gemüt nicht 
mehr sonderlich aufrührt, seinen Willen nicht mehr zu Widerstand 
und Abwehr treibt. Der präsenile Begnadigungswahn ist ein Siech- 
tum, das einer wirklichen Rückbildung nicht mehr fähig ist, wenn 
auch unter günstigeren Lebensbedingungen die krankhaften Vor- 
stellungen selbst allmählich mehr und mehr verblassen können. 
Von den hier geschilderten Krankheitsbildern, die ich wegen 
ihrer Entstehungsgeschichte unter der gemeinsamen Bezeichnung 
„Haftpsychosen" im engeren Sinne zusammenfassen möchte, hebt 
sich weiterhin eine Gruppe von Beobachtungen ab, die vor ihnen 
namentlich durch die bunte Mannigfaltigkeit der Wahnbildungen, 
vielfach auch durch die Beimischung einzelner hysterischer Züge 
ausgezeichnet ist. Während bei den eigentlichen Haftpsychosen 
die krankhaften Wahrnehmungen und Vorstellungen sich nahezu 
ausschließlich auf die Gefangenschaft, ihre Ursachen, Folgen und 
Begleiterscheinungen bezogen, enthält der Wahn der nunmehr zu 
betrachtenden Kranken neben dem „Haftkomplexe" alle möglichen 
anderen, mehr deliranten Züge, die vielfach sehr an die Erfahrungen 
bei hysterischen Dämmerzuständen erinnern, aber nicht von einer 
irgend ausgeprägten und namentlich dauernden Bewußtseins- 
trübung begleitet sind. Da immerhin hier und da eine leichte Un- 
klarheit und Unbesinnlichkeit hervorzutreten pflegt, kann man, 
wenn man will, in manchen Fällen mit einem gewissen Rechte 
von „protrahierten Dämmerzuständen" sprechen, ohne daß damit 
freilich mehr, als eine ganz allgemeine verwandtschaftliche Be- 
ziehung zu den entsprechenden hysterischen Krankheitsformen an- 
gedeutet werden könnte. Um diese Gruppe von den übrigen Formen 



1^24 Xll. Die psychogenen Erkrankungen. 

der psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen abzutrennen, 
schlage ich vor, sie mit dem Namen des ,, Gefangenenwahn- 
sinn s" zu belegen, der seine ursprüngliche geschichtliche Bedeutung 
längst verloren hat und diese Form leidlich gut kennzeichnet. 

Die Krankheit beginnt in der Regel bald nach der Verhaftung 
oder doch nach verhältnismäßig kurzer Dauer der Strafzeit. Zu- 
nächst treten Störungen auf, die sehr an den oben beschriebenen 
Verfolgungswahn erinnern, aber im allgemeinen eine mehr theatra- 
lische Färbung zeigen. Die Kranken hören ihren Namen rufen, be- 
schimpfende Stimmen ; es heißt Lump, Zuchthäusler ; die ver- 
storbene Mutter macht ihnen Vorwürfe, ruft: ,, Schäm dich!" Eine 
Kranke hörte eine von ihr verletzte Frau schelten. Man lacht sie 
aus, redet vom Elektrisieren ; andere sprechen ihre Gedanken aus. 
Eine Kranke hörte Stimmen, die ihr ganzes Tun und Treiben be- 
sprachen, alles wußten, was sie tat. Sie führte mit ihnen Zwie- 
gespräche, hörte, wie bei einer Verhandlung unzüchtige Bilder von 
ihr vorgezeigt wurden und alle sagten: ,, Scheußlich! scheußlich!" 
„Um Gottes Willen !" Man rief ihr zu : ,, Satan, Satan ! Scheusal ! Sau ! 
Schwein! Die kommt an den Galgen!" Die Kranken sehen nachts 
Gestalten mit Dolch und schwarzem Mantel, den Teufel ; sie werden 
mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, so daß es unter der Decke hell 
wird ; man hypnotisiert sie, prügelt sie, mischt ihnen Gift ins Essen. 

Zugleich entwickelt sich ein lebhafter Verfolgungswahn. Der 
Kranke ist schuld am Tode seiner Mutter; ihm geschieht etwas. 
Er wird mit dem Tode bestraft, im Schlafe fortgeschafft, ver- 
schnitten, ins Wasser geworfen, kommt in die Anatomie, zu den 
Lustmördern. Die Leute warten auf ihn ; die ganze Welt hat sich 
gegen ihn verschworen ; es besteht ein Betrügerkomplott gegen 
ihn. Der Staatsanwalt ist meineidig; hohe Beamte verfolgen ihn, 
wollen ihm seine Pension hinterziehen ; Menschen werden um 
seinetwillen irrsinnig; der Bruder wird im Hofe geköpft. Häufig 
sind mehr oder weniger abenteuerliche hypochondrische Vorstel- 
lungen. Der Kranke hat die Rückenmarkschwindsucht, die Krätze, 
keinen Atem mehr, muß sterben. Im Leibe ist etwas zerrissen ; 
das Gehirn wird zerwühlt ; er verblödet, verliert das Gedächtnis ; 
ihm wird künstlich Herzschlag und Atmung gemacht ; im Leibe, 
im Mastdarm steckt etwas. Ein Kranker behauptete, aus Pillen, 
die er eingenommen habe, sei eine Schlange in seinem Innern ge- 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. *5 2 5 

worden, die ihm die Zunge verpeste, ihm Schimpfworte zurufe 
und aus dem Magen zu ihm spreche. 

In merkwürdigem Gegensatze zu diesen depressiven Vorstellungen 
stehen die fast regelmäßig daneben auftretenden Größenideen. Vor 
allem erklären sich die Kranken meist für unschuldig; sie leugnen 
schlankweg ihre Tat oder suchen sie doch in ganz anderem Lichte 
darzustellen. Ein Zuhälter betonte nachdrücklich, er sei ein ehr- 
licher Mensch, habe niemandem Schaden zugefügt ; ein Kranker, 
der eine seiner Geliebten mit Erschießen bedroht, eine zweite ver- 
letzt und eine dritte wirklich erschossen hatte, beteuerte feierlich, 
er sei sich keiner Schuld bewußt, lege keinem Menschen etwas in 
den Weg, sei noch nie ein Verbrecher gewesen und müsse für frem- 
des Verschulden büßen. Er habe nicht die Absicht gehabt, das 
Mädchen ,,in verbrecherischem Geiste" zu erschießen, und meine, er 
sei von Gott dazu bestimmt gewesen. Später behauptete er, die 
Geliebte, deren Sektion er beigewohnt hatte, gesehen zu haben, und 
schrieb ihr zärtliche Briefe. Ein anderer Kranker erzählte, er habe 
einen Altar und ein Kruzifix gesehen; Christus neigte den Kopf, 
begnadigte ihn und vergab ihm seine Sünden. Ein dritter, der sich 
für einen Arzt ausgegeben und allerlei Schwindeleien begangen 
hatte, behauptete, in der Nacht sei ein Arzt zu ihm gekommen und 
habe ihm eröffnet, daß er auch Arzt sein dürfe. Andere haben die 
Stimme Gottes gehört, sich bekehrt, werden ewig leben ; ein Kranker 
erklärte, er sei Einsiedler, heiße Hieronymus. 

Dazu gesellen sich alle möglichen abenteuerlichen Ideen. Der 
Kranke hat etwas von Belohnung gehört, eine Erbschaft gemacht, 
ist sehr reich, besitzt viele Millionen, ein großes Tuchlager, eine 
Apanage von 40 000 Mark. Er hat hohe Verbindungen, ist General, 
Grafenkind, Kaiser, Adjutant des Königs von Württemberg, bester 
Freund des Kaisers, den er nur ,, Willy" nennt. Ein Kranker be- 
hauptete, er sei der Sohn König Ludwigs und der Lola Montez und 
werde demnächst den bayrischen Thron besteigen. Andere haben 
große Reisen, merkwürdige Erfindungen gemacht, Bücher ge- 
schrieben, die Romane von Nie Karter und Rinaldini; sie werden 
mit einem reichen Amerikaner nach Amerika reisen, einen Zirkus 
kaufen, in Afrika Löwen fangen, einen Berliner Lustmörder ver- 
haften, viel Geld verdienen. 

Alle diese und zahlreiche andere Äußerungen werden von den 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. o 



1526 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Kranken vielfach nur vorübergehend geäußert und dann wieder 
durch andere, ähnlich unsinnige Vorstellungen ersetzt, ohne geistig 
weiterverarbeitet zu werden; nur hier und da scheint eine Idee 
fester zu haften und weiter ausgesponnen zu werden. Es handelt 
sich zumeist, wie es Birnbaum ausgedrückt hat, nicht um wirk- 
liche Wahnvorstellungen, sondern um ,, wahnhafte Einbildungen", 
die auftauchen und wieder schwinden, ohne zu einem festen Be- 
standteile der geistigen Persönlichkeit zu werden. Es war ,,wie 
Ahnungen, ging so durch und durch", erklärte ein Kranker. Das 
Bewußtsein ist dabei im allgemeinen klar, die Orientierung un- 
gestört ; die Kranken fassen ohne Schwierigkeit auf und geben zu- 
sammenhängende Auskunft. Dennoch schieben sich nicht selten 
Zeiten ein, in denen die Kranken unfrei, leicht verwirrt und zer- 
fahren erscheinen, Personen mit falschen Namen bezeichnen, zu- 
sammenhangslose Reden führen. 

Die Stimmung der Kranken ist vielfachem Wechsel unter- 
worfen. Sie sind bald ängstlich, weinerlich, oft mit eigentümlich 
kindischer Färbung, bald weichlich, empfindsam, bald läppisch-heiter, 
zu albernen Scherzen geneigt. Ein Kranker, der behauptete, den 
Teufel zu sehen, malte sich mit Ruß zwei Hörner auf die Stirne; 
während er stuporös und unzugänglich dalag, schnappte er regel- 
mäßig nach dem Finger, sobald man ihm die Unterlippe herab- 
zudrücken versuchte. Hier und da kommt es zu einem spielerischen 
Selbstmordversuche. Zeitweise können auch heftige Erregungen auf- 
treten, besonders nach äußeren Anlässen. Die Kranken schimpfen, 
schreien, zerstören, oder sie singen, tanzen herum. Sehr häufig 
erscheinen sie lange Zeit hindurch auffallend stumpf, schwerfällig 
und gedankenarm, stehen teilnahmlos herum. Hier und da be- 
obachtet man auch geradezu ein stuporöses Verhalten ; die Kranken 
starren ins Leere, geben keine Antwort, befolgen keine Aufforde- 
rungen, lassen sich widerstandslos stechen, sind kataleptisch. Es 
läßt sich aber öfters beobachten, daß sich ihr Verhalten ändert, 
wenn sie sich selbst überlassen sind, und namentlich, wenn sie in 
die Freiheit gelangen. Auch unvermutete, mit Geschick durch- 
geführte Fluchtversuche zeigen gelegentlich, daß ihre geistige Reg- 
samkeit und ihre Tatkraft durchaus nicht so geschädigt ist, wie ihr 
teilnahmloses Wesen hätte vermuten lassen. 

Im Handeln der Kranken kommen zum Teil ihre Wahnvor- 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. *5 2 7 

Stellungen zum Ausdruck. Ängstliche Kranke schließen sich ab, 
verstecken sich, bitten um Schutz, beten, verweigern die Nahrung ; 
ein Kranker näßte regelmäßig ein, weil er sich nicht getraute, zum 
Klosett zu gehen. Andere richten Eingaben an den Kaiser und den 
Landesfürsten, verlangen Kapitänsuniform, drohen, Kanonen auf- 
fahren zu lassen, setzen eine Beschwerde wegen Vorenthaltung 
der ihnen zugefallenen großen Erbschaft auf. Der obenerwähnte 
Kranke, der seine Geliebte erschossen hatte, ohrfeigte einen harm- 
losen Paralytiker, weil er an jene Briefe schreibe. Das Benehmen 
bietet allerlei Absonderlichkeiten. Die Kranken schneiden Gesichter, 
schrecken bei jeder Annäherung zusammen, lachen oder sprechen 
vor sich hin; ein Kranker brachte mehrere Monate kein Wort her- 
vor, obgleich er sich schriftlich reichlich und ohne Schwierigkeiten 
verständlich machen konnte. Die mündlichen und schriftlichen 
Äußerungen der Kranken sind zuweilen unklar und verworren ; 
auch Andeutungen von Vorbeireden kommen gelegentlich vor. 
Andere Kranke vermögen sich sehr gewandt auszudrücken ; ein- 
zelne machen Gedichte. Eine Probe davon, die einen guten Einblick 
in die romantisch-empfindsame Gemütsverfassung des Kranken, 
eines schweren Einbrechers, gewährt, füge ich bei : 

,,Die ganze Welt verachtet mich, 

Weil ich gefallen bin — 

O armes Herze! Noch nicht brich, 

Nimm alles, alles hin. 

In stetem Dunkel, rings um mich her, 

Verachtet von der ganzen Welt! 

Wandle ich auf Pfaden, öd und leer, 

Die kein Sonnenstrahl erhellt. 

Wo mich in dunklem Schatten gefangen halten 

Die schwarzen Fittichen ungeheuren Gestalten! 

Wo Kröten und Schlangen beherrschen ihr dunkles Reich. 

Bis mein müdes Herze zur ewigen Ruhe sich neigt." 

An sonstigen Krankheitszeichen begegnen uns hier, teils in der 
Vorgeschichte, teils während der Psychose, bei der Mehrzahl der 
Kranken vor allem einzelne hysterische Störungen, Nachtwandeln 
in der Jugend, Ohnmächten, Krampfanfälle, Schwindel, ferner 
Analgesie oder Hyperalgesie, Globus, konzentrische Gesichtsfeld- 
einschränkung, Herabsetzung des Korneal- oder Rachenreflexes. 
Dazu kommen Kopfschmerzen, Zittern, Schlafstörungen ; ein Kran- 



1528 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

ker zeigte Basedowerscheinungen. Von den Kranken standen 64% 
diesseits des 30. Lebensjahres; das Verhältnis der Frauen zu den 
Männern stellte sich wie 1 : 3. Die erbliche Belastung der Kranken 
schien mir ungewöhnlich stark zu sein ; mehr als ein Drittel stamm- 
ten von Trinkern ab. 

Wenn diese letzteren Angaben auch wegen der verhältnismäßig 
kleinen Zahl meiner Beobachtungen keinen Anspruch auf un- 
bedingte Zuverlässigkeit erheben können, so läßt sich doch aus 
ihnen wie aus der Eigenart des geschilderten klinischen Bildes mit 
einer gewissen Berechtigung schließen, daß wir es hier mit einer 
Erkrankungsform zu tun haben, bei der die psychopathische 
Veranlagung eine sehr wesentliche Rolle spielt. In der Tat zeigte 
es sich, daß die Kranken fast durchweg von Jugend auf abnorme 
Persönlichkeiten waren, bald weichlich, schwärmerisch, phanta- 
stisch, bald mehr reizbar, eigensinnig, nichtsnutzig. Eine Reihe 
der Kranken waren geradezu pathologische Lügner und Schwindler ; 
ich versuchte sie zunächst abzutrennen, fand aber, daß die klinischen 
Bilder durchaus keine verwertbaren Unterschiede darboten. Wir 
kommen somit zu dem Schlüsse, daß wir es hier wirklich mit ,, wahn- 
haften Einbildungen bei Degenerativen" zu tun haben, in deren 
Entstehungsgeschichte die Haft mehr eine auslösende Rolle spielt. 
Es war mir unter diesem Gesichtspunkte von besonderer Bedeutung, 
daß ich eine Schulschwester beobachten konnte, die von einer als Prinz 
auftretenden, anscheinend paranoischen Kranken zu geschlecht- 
lichen Annäherungen verführt worden war und unter dem Drucke 
der nunmehr in ihrem Kloster über sie verhängten Strafen und De- 
mütigungen in ganz entsprechender Weise erkrankte. 

Der ,, Gefangenenwahnsinn" rückt damit in die Nähe der hyste- 
rischen Dämmerzustände, mit denen ihn auch die Häufigkeit einzelner 
hysterischer Störungen verbindet. Dennoch würde es wohl zu weit 
gegangen sein, hier einfach von hysterischen Psychosen zu sprechen. 
Abgesehen davon, daß immerhin nur ein Teil der Kranken Stigmata 
darbot, entfernt sich die hier im Vordergrunde des Krankheitsbildes 
stehende phantastische Wahnbildung doch recht erheblich von den 
landläufigen Gestaltungen der Hysterie. Andererseits hat sie un- 
verkennbare Beziehungen zu bestimmten Formen der psychopathi- 
schen Veranlagung. Mir erscheint daher die Auffassung befrie- 
digender, daß sich einzelne hysterische Störungen auch außerhalb 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 1529 

der eigentlichen Krankheit Hysterie bei verschiedenen anderen For- 
men der psychopathischen Veranlagung und so auch hier einstellen. 
Wir werden späterhin Gelegenheit haben, diese Ansicht noch wei- 
ter zu begründen. Auch zum Verfolgungswahn der Gefangenen 
führen von der hier besprochenen Form Beziehungen hinüber, in- 
sofern dort ebenfalls die krankhafte Anlage wesentlich ins Gewicht 
fällt. Indessen sehen wir hier die Wahnbildung, die dort nur den 
Vorstellungskreis der Haft umfaßte, weit über dieses Gebiet hinaus- 
schweifen und die allerbuntesten Erzeugnisse zutage fördern. Dar- 
in und in der hier geringen, dort großen Beeinflussung des Wollens 
und Handelns durch den Wahn zeigt es sich, daß es sich beim Ge- 
fangenenwahnsinn eben wesentlich um wahnhafte Einbildungen, beim 
Verfolgungswahn aber um wirkliche Wahnvorstellungen handelt. 

Mir scheint somit die Auffassung berechtigt, daß sich gewisser- 
maßen nach dem ursächlichen Verhältnisse zwischen Veranlagung 
und Wirkung der Haft eine Reihe von Krankheitsbildern aufstellen 
läßt, an deren einem Ende die hysterischen Dämmerzustände stehen, 
während den äußersten Gegensatz dazu der präsenile Begnadigungs- 
wahn bildet. Der Gefangenenwahnsinn nähert sich mehr jenen 
ersteren, der Verfolgungswahn der Gefangenen mehr diesem letz- 
teren. Freilich wird man im Hinblicke auf das wechselnde Ver- 
hältnis zwischen inneren und äußeren Ursachen und die Verwandt- 
schaft der verschiedenen Formen psychopathischer Veranlagung 
untereinander nicht erwarten dürfen, daß die hier versuchten Ab- 
grenzungen ganz scharfe sind; vielmehr werden wir naturgemäß 
mit Übergangsformen zu rechnen haben. Diejenigen Krankheits- 
bilder, bei denen die krankhafte Anlage ausschlaggebend ist, finden 
wir in entsprechender Form häufiger oder seltener auch in der 
Freiheit, sobald die Bedingungen dafür gegeben sind; der prä- 
senile Begnadigungswahn scheint ausschließlich unter dem Drucke 
andauernder und aussichtsloser Freiheitsentziehung zustande zu 
kommen. 

Wie bei allen psychogenen Erkrankungen, wird der Verlauf beim 
Gefangenenwahnsinn durch äußere Einwirkungen und Bedingungen 
in maßgebendster Weise beeinflußt. An ein peinliches Verhör, eine 
Todesnachricht, eine Disziplinierung schließt sich eine Verschlech- 
terung, an die Versetzung in die Krankenabteilung oder die Wieder- 
gewinnung der Freiheit unter Umständen eine rasche und voll- 



1530 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

ständige Besserung an. Gewöhnlich pflegen sich die krankhaften 
Erscheinungen unter manchen Schwankungen nach einigen Mo- 
naten allmählich wieder zu verlieren. Die Erinnerung an die krank- 
haften Zeiten ist meist ganz gut; auch besteht in der Regel Krank- 
heitseinsicht, wenn es auch bei der Neigung der Kranken zu Aus- 
flüchten und Flunkereien oft schwer ist, darüber klare Auskunft 
zu erhalten. Bei manchen Kranken gehen die wahnhaften Ein- 
bildungen der Krankheitszeit ganz unmerklich in gewohnheits- 
mäßige Schwindeleien und Aufschneidereien über, mit denen sie 
sich bisweilen schon auf der Höhe der Psychose unentwirrbar ver- 
mischen. 

Die Tatsache, daß ein erheblicher Teil der in der Gefangenschaft 
ausbrechenden Geistesstörungen der Dementia praecox angehört, 
kann unter Umständen die Deutung des einzelnen Falles zweifelhaft 
machen. Aschaffenburg weist darauf hin, daß weder die Ent- 
stehungsgeschichte noch das klinische Bild oder der Ausgang immer 
mit Sicherheit die Abgrenzung von der Dementia praecox erlaube. 
Die Gesichtspunkte, die mir in dieser Frage von Bedeutung zu sein 
scheinen, sind in dem Abschnitte über Dementia praecox bereits an- 
geführt worden. Ernstere Schwierigkeiten dürften im allgemeinen 
wohl nur für die richtige Erkennung des Ganser sehen Zustands- 
bildes und des Haftstupors bestehen, während der Verfolgungswahn 
der Gefangenen und namentlich der präsenile Begnadigungswahn 
kaum zu länger dauernden Verwechselungen Anlaß geben werden ; 
eher könnte das beim Gefangenenwahnsinn vorkommen. Die Zu- 
gänglichkeit und Beeinflußbarkeit der Kranken, beziehungsweise 
die rein wahnhafte Begründung ablehnenden oder feindseligen Ver- 
haltens, die gemütliche Ansprechbarkeit und das Fehlen ausgepräg- 
terer Willensstörungen werden in der Regel genügen, um die Sach- 
lage zu klären. — 

Zum Schlüsse dieses Abschnittes haben wir noch mit wenigen 
Worten der bei krankhaft veranlagten Untersuchungsgefangenen 
und Sträflingen hier und da vorkommenden Verstellung zu ge- 
denken. Ich spreche hier nicht von den später zu erörternden 
Vortäuschungen der Hysterischen, auch nicht von den Dämmer- 
zuständen mit Verdrängungserscheinungen, deren psychologische 
Entstehungsgeschichte der willkürlichen Erzeugung von Krank- 
heitszeichen so nahesteht, sondern von den absichtlichen Versuchen, 



Die psychogenen Geistesstörungen der Gefangenen. 1531 

den Arzt ein falsches Bild von dem eigenen Geisteszustände ge- 
winnen zu lassen. Zwei Wege sind es hauptsächlich, die zu diesem 
Zwecke eingeschlagen werden. Am häufigsten wird wohl ,,der wilde 
Mann" gespielt. Der Gefangene schreit und brüllt, rollt die Augen, 
zerreißt, zertrümmert, schlägt wild um sich. Naturgemäß kann 
ein solcher scheinbarer Ausbruch nur kurze Zeit andauern. Die 
rasche Beeinflussung durch entsprechende Maßnahmen, kaltes 
Wasser, Fesselung, sowie das Verhalten des anscheinend Tobsüch- 
tigen unmittelbar nachher, seine Besonnenheit, Überlegung und Vor- 
sicht trotz heftigsten Gebahrens werden in der Regel das Fehlen 
wirklicher innerer Erregung deutlich machen. Hier und da kann 
sich allerdings an die Erregung der Versuch anschließen, einen 
täppischen Blödsinn nachzuahmen, dessen Bild durch die Vor- 
stellung beherrscht wird, die sich der Gefangene von dem Verhalten 
Geisteskranker macht. Unsinnige, läppische Handlungen aller Art, 
unter Umständen sogar das Verzehren von Kot und Urin, wirre, 
unverständliche Reden, berechnetes Vermeiden der selbstverständ- 
lichen und natürlichen Reaktionen können auf diese Weise zu- 
stande kommen. Das so entstehende Bild kann in einzelnen Zügen 
sehr an katatonische Erkrankungen, noch mehr an einen Gan- 
ser sehen Dämmerzustand erinnern, doch wird die Schwierigkeit, 
längere Zeit hindurch widerspruchslos eine derartige Rolle durchzu- 
führen, meist bald zur richtigen Deutung führen. Sehr auffallend ist 
in der Regel der Wechsel des Benehmens bei Gegenwart des Arztes, 
während in der Zwischenzeit die angeblichen Krankheitszeichen voll- 
ständig verschwinden und sich ein ungezwungener Verkehr mit einzel- 
nen Mitkranken, Besuchern oder sogar Pflegern anbahnt. Bisweilen 
zeigt ein aufgefangener, völlig geordneter und mit dem sonstigen 
Verhalten des Gefangenen in unlösbarem Widerspruche stehender 
Brief ohne weiteres die wahre Bedeutung des Zustandes. Auch diese 
Verstellungsversuche pflegen meist bald aufgegeben zu werden. 

Weit schwieriger sind die hier und da vorkommenden Fälle zu 
beurteilen, in denen die Gefangenen jedem Eindringen in ihr Seelen- 
leben einfach einen zähen, passiven Widerstand entgegensetzen. 
Sie geben einsilbige, ablehnende, vielleicht auch gar keine Antwort, 
gehen auf keine Untersuchung ein, verleugnen die einfachsten 
Kenntnisse, aber nicht durch Vorbeireden, sondern durch Kopf- 
schütteln, Stillschweigen oder die einförmige Auskunft: ,,Ich weiß 



1532 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

nicht!" Meist blicken sie teilnahmlos vor sich hin, wenn man sich 
mit ihnen zu beschäftigen sucht, befolgen Aufforderungen lässig 
und unvollkommen, lassen alles mit sich geschehen. Auch um ihre 
Umgebung kümmern sie sich anscheinend nicht, halten sich ab- 
seits, benehmen sich jedoch im übrigen geordnet und unauffällig. 
Man erkennt aber gewöhnlich bald, daß sie sehr genau beobachten 
und über alle Einzelheiten ihrer Lage völlig im klaren sind, was sich 
unter Umständen in schlauen und kühnen Ausbruchsversuchen 
deutlich zeigen kann. Sie vermögen auch das Bedürfnis nach Be- 
schäftigung auf die Dauer nicht ganz zu unterdrücken, verschaffen 
sich Lesestoff, schreiben heimlich, suchen unauffällig Gespräche 
und Beziehungen anzuknüpfen. Gelegentliches Erröten bei auf- 
regenden Mitteilungen, Zunahme der Pulszahl bei Anreden können 
lehren, daß die anscheinende Teilnahmlosigkeit künstlich vorge- 
täuscht wird. Die Leichtigkeit, mit der dieses Bild, das höchstens 
mit dem Haftstupor eine gewisse Ähnlichkeit aufweist, festgehalten 
werden kann, hat zur Folge, daß wir es in einzelnen Fällen viele 
Monate hindurch, ja selbst jahrelang, ziemlich gleichmäßig fort- 
bestehen sehen. Dabei kann es für lange Zeit gänzlich unmöglich 
werden, eine einigermaßen zutreffende Vorstellung von dem wirk- 
lichen Geisteszustände des Gefangenen zu gewinnen, auch wenn über 
die Vortäuschung der zunächst ins Auge fallenden Störungen kein 
Zweifel herrscht. Ich kenne einen Fall, in dem es einem sehr ge- 
riebenen, allerdings zweifellos psychopathischen Verbrecher wieder- 
holt gelang, auf diese Weise als Geisteskranker der Strafe zu ent- 
gehen und in eine Irrenanstalt seines Heimatlandes zu kommen, 
wo er ungemein schnell gesund wurde, um nun zu neuen Taten 
auf den früheren Schauplatz seines Treibens zurückzukehren. 

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, diesen Fragen weiter 
nachzugehen, als es die rein klinische Betrachtungsweise erfordert. 
Nur soviel soll, wie schon früher, betont werden, daß lange 
dauernde, planmäßige Vortäuschung geistiger Krankheit erfahrungs- 
gemäß nahezu ausnahmslos nur bei abnorm veranlagten Personen 
beobachtet wird. Insbesondere handelt es sich vielfach um Gewohn- 
heitsverbrecher, gewerbsmäßige Schwindler und Hochstapler, Ein- 
brecher, männliche Prostituierte u. dgl., deren psychopathische 
Minderwertigkeit klar am Tage liegt. Man wird es auch begreiflich 
finden, daß für eine gesunde psychische Persönlichkeit der Anreiz 



Der Querulantenwahn. 1533 

zur Verstellung nur selten und nur vorübergehend gegeben sein wird, 
etwa um Gelegenheit zur Flucht zu gewinnen. Beim vollwertigen 
Menschen wird immer in erster Linie der Wunsch lebendig sein, 
den Widerstreit mit dem Strafgesetze, in den er geraten ist, so bald 
wie möglich zu einem endgültigen Abschlüsse gebracht zu sehen, 
um das Leben auf neuer Grundlage fortsetzen zu können. Er wird 
daher lieber dem Richterspruche entgegengehen, als der zweifel- 
haften Aussicht, im günstigsten Falle nach endloser Verschleppung 
seiner Angelegenheit auf unbestimmte Zeit in einer Irrenanstalt 
verwahrt zu werden. Um diesen Preis wird er sich schwerlich dem 
dauernden Zwange unterwerfen, unter fortgesetzten peinlichen Un- 
tersuchungen mit größter Hartnäckigkeit und Schlauheit eine be- 
stimmte, unerquickliche Rolle durchzuführen. Würde er auch viel- 
leicht gern für geisteskrank zurzeit seiner Straftat gelten, so verliert 
die Schaustellung einer noch bestehenden psychischen Störung doch 
in der Regel sehr rasch ihren Reiz für ihn, sobald er über die daraus 
sich ergebenden Folgen klar geworden ist. So kommt es, daß die 
Vortäuschung von Geisteskrankheit im allgemeinen lediglich ein 
Schutzmittel der Willensschwachen und Haltlosen, der geistig Kurz- 
sichtigen und der Abenteurer ist, die sich planlos vom Schicksal 
treiben lassen, statt es zu beherrschen. 

G. Der Querulantenwahn. 

Den Grundzug im Krankheitsbilde des Querulantenwahns 1 ) 
liefert die Vorstellung der rechtlichen Benachteiligung 
und der leidenschaftliche Drang, gegen das vermeintlich erlittene 
Unrecht bis auf das äußerste anzukämpfen. Diese Vorstellung 
knüpft sich regelmäßig an irgendeine Niederlage an, die der Kranke 
in der Verfolgung seiner Interessen erlitten hat. Den Ausgangs- 
punkt bildet meist ein Rechtsstreit, eine Auseinandersetzung mit 
Nachbarn oder Geschwistern, ein Zusammenstoß mit einer Behörde, 
bei dem der Kranke entweder wirklich bis zu einem gewissen 
Grade in seinen Rechten verkürzt wird oder doch zu der Auffassung 

x ) Hitzig, Über den Quaerulantenwahnsinn, 1895; Koppen, Archiv f. Psy- 
chiatrie XXVIII, 221; Chariteannalen XIX; ebenda XX; Meyer, Friedreichs 
Blätter f. gerichtl. Medizin, 1903; Pf ist er, Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie LIX, 
589; Petren, Studier öfver Paranoia querulans, Hygiea, 1904; Heil bronner, 
Zentralbl. f. Nervenheilk. u. Psychiatrie 1907, 769. 



1534 ^** ^* e Psychogenen Erkrankungen. 

kommt, daß ihm Unrecht getan wurde, sei es, daß er von vornherein 
seine Ansprüche überspannte, sei es, daß eine verwickelte Rechts- 
lage oder formal- juristische Schwierigkeiten deren Durchsetzung 
unmöglich machten. 

Alsbald stellt sich nunmehr heraus, daß er außerstande ist, die 
entstandene Sachlage richtig zu beurteilen und danach zweckmäßig 
vorzugehen. In auffallendster Weise macht sich seine Unfähigkeit 
zu unbefangener, sachlicher Beurteilung des vorliegenden Interessen- 
gegensatzes geltend. Den gegnerischen Standpunkt vermag er durch- 
aus nicht zu würdigen und verlangt ohne weiteres die allgemeine 
und rückhaltslose Anerkennung seiner persönlichen Auffassungen 
und Wünsche. Auch eine etwa wirklich erlittene Beeinträchtigung 
wird in maßloser Weise aufgebauscht und mit so erbitterten An- 
griffen erwidert, daß der Kranke sich dadurch sofort selbst wie- 
der ins Unrecht setzt. Der Widerstand, auf den er dabei stößt, 
meist auch greifbare Nachteile, die ihm erwachsen, befestigen in 
ihm die Ansicht, daß ihm schwere Unbill geschehen sei, gegen die 
er sich mit allen Mitteln auflehnen müsse. Es liegt auf der Hand, 
daß der Gedanke, auf jeden Fall die Anerkennung der eigenen 
Rechtsansprüche zu erzwingen, an sich ein vollkommen gesunder 
genannt werden muß. Was den Querulanten kennzeichnet, ist der 
Mangel an Verständnis für das wirkliche Recht, die einseitige Be- 
tonung der persönlichen Interessen gegenüber dem höheren Gesichts- 
punkte des allgemeinen Rechtsschutzes. „Er sucht das Recht, kann 
es aber nicht finden", meinte ein Zeuge im Entmündigungsverfahren 
sehr bezeichnend von einem Querulanten; das gleiche sagte ein 
Kranker von sich selbst. 

Wenn die ersten Anfänge des Querulantenwahns wegen ihrer 
Anknüpfung an tatsächliche Vorkommnisse für die oberflächliche 
Betrachtung als Ausfluß eines besonders empfindlichen Rechtsgefühls 
erscheinen können, so tritt nach und nach die krankhafte Natur jener 
Gedankengänge immer deutlicher hervor. Die Gendarmerie handelt 
parteiisch, beleumundet den Kranken absichtlich schlecht ; man will 
ihn um Hab und Gut bringen, mundtot machen, ladet seine Zeugen 
nicht, die nunmehr ganz gewiß glänzend zu seinen Gunsten ausge- 
sagt haben würden. Man verdreht seine Aussagen, fälscht die Akten 
und Protokolle, seine Unterschrift, schickt ihm die Vorladungen 
durch falsche Postboten, macht unter die Bescheide „Stempel, wie 



Der Querulantenwahn. 1535 

wenn es von der Kgl. Hoheit herkommen würde". Alle der eigenen 
Ansicht entgegenstehenden Aussagen werden ohne weiteres für un- 
glaubwürdig und erlogen erklärt; die fremden Zeugen sind mein- 
eidig, bestochen. Demgegenüber beruft sich der Kranke bei jeder 
seiner Behauptungen auf eine Menge namhaft gemachter Zeugen, 
die indessen gar keine oder nur ganz belanglose Angaben zu machen 
wissen und dann verleugnet werden, weil sie nicht recht ausgesagt 
haben. An ihre Stelle treten gewöhnlich andere und wieder andere, 
von denen der Kranke besonders wichtige Aufschlüsse in Aussicht 
stellt, um stets von neuem in seiner Erwartung betrogen zu werden. 

Da er bei seinen rücksichtslosen Bemühungen, sich trotz 
alledem Recht zu verschaffen, immer wieder den kürzeren zieht 
und meist auch durch Verurteilungen in wachsende Schwierig- 
keiten gerät, breitet sich der Kreis seiner Widersacher für ihn mit 
jeder neuen Enttäuschung weiter aus. Die Anwälte tun nichts, 
lassen sich von der Gegenpartei schmieren, arbeiten gegen ihn. 
Der Amtsrichter weist seine Zeugen zurück, macht vorher mit ihnen 
aus, was sie sagen sollen. Alle stecken unter einer Decke ; die 
Richter und Behörden sind eine Bande von Räubern und Spitzbuben, 
die zusammenhalten, um ihn zu unterdrücken und ihre eigenen 
Schlechtigkeiten nicht an den Tag kommen zu lassen. ,,Dem hilft 
alles", sagt er von seinem Gegner. Die Justiz will die Blamage da- 
durch verdecken, daß sie den Kranken zum Narren machen will ; 
es ist ein Staatsbetrug. Hier und da tauchen Vergiftungsideen 
auf. Ein Kranker war besorgt, weil man ihn gefragt hatte, wo er 
zu Mittag esse; ein anderer meinte, daß man ihn im Gefängnisse 
durch starkgewürzte und gepfefferte Speisen närrisch machen wollte. 
Auch wahnhafte Eifersucht und hypochondrische Beschwerden 
werden nicht selten geäußert. 

Die leidenschaftliche Parteilichkeit, die den Kranken beherrscht, 
macht ihn vollkommen unzugänglich für Belehrungen und Ein- 
wände. Selbst die handgreiflichsten Beweisstücke haben nicht den 
geringsten Einfluß auf ihn, ja sie werden gar keiner eigentlichen 
Prüfung gewürdigt. Er hört die an ihn gerichteten Auseinander- 
setzungen wohl ruhig mit an, gibt zu, was nach seiner Ansicht 
unverfänglich ist, entzieht sich jedoch jedem logischen Zwange da- 
durch, daß er als Antwort einfach seine früheren Ansichten wieder- 
holt oder alle Einwendungen durch einen gänzlich untriftigen Gegen- 



iqg6 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

beweis abschneidet. „Ich bleibe bei meiner Sache stehen; was ge- 
schrieben ist, ist geschrieben", meinte ein Kranker, und ein anderer 
erklärte : „Ich bleib' bloß bei dem, was meine Zeugen ausgesagt ha- 
ben; das ist die Wahrheit, und von der Wahrheit geh' ich nicht ab." 

Aus der einseitigen Verranntheit entspringt auch die eigentüm- 
liche Leichtgläubigkeit der Querulanten, die in bemerkenswertem 
Gegensatze zu ihrer Unbelehrbarkeit steht. Jede Klatschgeschichte, 
jedes Gerücht, jede beliebige Rederei gilt ihnen sofort als unum- 
stößliche Gewißheit, sobald sich ihr Inhalt in den eigenen Vor- 
stellungskreis einfügt. So unzugänglich sie gegenüber den schlagend- 
sten Einwänden sind, so empfänglich erweisen sie sich für jede üble 
Nachrede über ihre Gegner. Sie halten sich nicht nur für berechtigt, 
ohne die geringste Prüfung daran zu glauben, sondern sie auch in 
der schärfsten und übertriebensten Form weiter zu verbreiten, ja 
sie zur Grundlage gehässiger Anschuldigungen bei Gericht zu machen. 
Die eingehendsten und wohlwollendsten Belehrungen über die 
Rechtslage von wirklich Sachverständigen fruchten bei ihnen nichts, 
sobald sie ihrer Auffassung zuwiderlaufen ; dagegen bauen sie felsen- 
fest auf die Bestätigung dieser letzteren, die ihnen „rechtskundige 
Männer" im Dorfe gegeben haben. 

Die Auffassung und das Gedächtnis des Querulanten erscheinen 
zunächst ungestört, ja man ist oft sogar über die Genauigkeit er- 
staunt, mit welcher der Kranke umfangreiche Aktenstücke, Ver- 
höre, Gesetzesstellen, anscheinend wörtlich, auswendig herzusagen 
weiß. Bei eingehenderer Prüfung findet man jedoch sehr häufig, 
daß er den Sinn seiner Ausführungen durchaus nicht verstanden 
hat und die klarsten Sätze in ganz verschrobener Weise aus- 
deutet, sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Außerdem laufen, 
namentlich bei der Wiedergabe von Unterredungen, die gröbsten 
Unrichtigkeiten mit unter, von denen sich schwer sagen läßt, ob 
sie durch ursprüngliche Mißverständnisse oder durch nachträgliche 
Fälschungen der Erinnerung entstanden sind. Zweifellos kommt 
auch das letztere vor; man hat bisweilen Gelegenheit, unmittelbar 
zu beobachten, wie sich eine Erzählung bei häufiger Wiedergabe 
immer mehr im Sinne des Wahnes verändert. Ein Kranker be- 
hauptete hartnäckig, ich habe ihn vor Gericht für gesund erklärt 
und gesagt, die Geisteskrankheit werde erst in 3 — 4 Jahren aus- 
brechen. Er hielt an dieser Behauptung trotz meiner Ableugnung 



Der Querulantenwahn. 1537 

dauernd fest. Bei einem anderen Kranken wuchs die Summe, um 
die er geschädigt sein wollte, sehr rasch von 1200 auf 10 000 Gul- 
den an ; eine Geldschuld, die er anfangs zugab, behauptete er später- 
hin, bereits vor Jahren abgetragen zu haben. 

Die Besonnenheit der Kranken ist dauernd ungetrübt, die Ord- 
nung ihrer Gedanken erhalten. Vielfach erscheinen sie lebhaft, ge- 
wandt, schlagfertig. Niemals aber wird man eine sehr große Ein- 
tönigkeit des Vorstellungsinhaltes vermissen. Jede Unterredung 
mit einem Querulanten pflegt sehr bald auf seine Beeinträchtigungs- 
ideen zu führen, die, je länger, desto mehr, sein ganzes wirkliches 
Interesse in Anspruch nehmen. Von jedem, noch so entlegenen 
Punkte aus führt sein Gedankengang immer wieder auf diesen 
Mittelpunkt zurück. In endlosen, vielfach wörtlichen Wieder- 
holungen kehren bei seinen Ausführungen dieselben Ideenver- 
bindungen wieder, offenbar, ohne daß der Kranke imstande wäre, 
sie zu unterdrücken oder auch nur abzukürzen. Bei längerem 
Bestände der Krankheit pflegt übrigens auch der Zusammenhang 
der langatmigen Auseinandersetzungen zu leiden. Von einer Ein- 
sicht in die Krankheit ist niemals die Rede; vielmehr betrachtet 
der Kranke den Einwand der geistigen Störung als einen ,, treu- 
losen Schwinder'. Fast immer findet er aber auch Laien und selbst 
Ärzte genug, die ihm auf Wunsch seine geistige Gesundheit be- 
scheinigen. Einer meiner Kranken brachte mit Genugtuung die 
Gesundheitszeugnisse vor, die ihm sechs Bürgermeister ausgestellt 
hatten. 

Eine regelmäßige Begleiterscheinung des Querulantenwahns ist 
das stark gehobene Selbstgefühl. Die Kranken halten sich für 
hervorragend tüchtig und rechtlich, blicken daher unter allen Um- 
ständen auf ihre Gegner herab. Sie treten mit einer gewissen Würde 
auf, halten etwas auf sich, machen Ansprüche, finden es besonders 
erschwerend, daß man gerade ihnen, als ,, verheirateten Männern*', 
das Recht vorenthält. Ein Kranker unterzeichnete sich: ,, Bürger, 
Landwirt und Witwer" ; ein anderer, der in eine Menge von Pro- 
zessen verwickelt war, erklärte kurzweg, er habe immer recht, sei 
überall beliebt, wo er hinkomme. Mit dieser Selbstüberschätzung 
hängt es auch zusammen, daß der Kranke die unsittlichsten Mittel 
für erlaubt hält, sobald sie ihm zur Schädigung seines Feindes 
dienen, während selbst die mildesten Formen des rechtlichen Zwanges 



I<3& XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

in ihrer Anwendung auf ihn selbst als unerhörte Angriffe und Ver- 
gewaltigungen, als ,, gefühllose Mißhandlungen" aufgefaßt werden. 
Ein Kranker empfand die verzögerte Ablieferung einer Postkarte 
seitens des Postbeamten an ihn als eine schwere Schädigung, wäh- 
rend ihm die Blutschande mit seiner Stieftochter und die Unterschla- 
gung einer Geldsumme als geringfügige Übertretungen erschienen; 
er schrieb seiner Frau Briefe mit hochtrabenden Ermahnungen zur 
Sittlichkeit und rühmte sein gutes Gewissen. ,,So gefühlvoll?" 
schrieb ein anderer erstaunt, als wegen eines von gröbsten Belei- 
digungen strotzenden Briefes Anklage gegen ihn erhoben wurde. 
In seinem gesteigerten Selbstgefühle pflegt der Kranke ungeheure 
Summen als Entschädigung für das ihm angetane Unrecht zu ver- 
langen. 

Ausnahmslos finden wir ferner bei den Querulanten eine be- 
deutende Steigerung der gemütlichen Erregbarkeit. In ihr 
ist höchstwahrscheinlich der eigentliche Grund für den Mangel an 
ruhiger, sachlicher Überlegung zu suchen. Während sie für gewöhn- 
lich keine auffallenderen Störungen der Stimmung darbieten, ge- 
raten sie bei der Besprechung ihrer Rechtsstreitigkeiten sehr rasch 
in die lebhafteste Aufregung, überschütten den Hörer mit einer 
wahren Flut von Schmähungen über ihre Gegner und wenden sich 
gegen jeden Widerspruch oder Einwand mit der gleichen zornigen 
Gereiztheit. Einer meiner Kranken bat den Großherzog schriftlich 
um die Erlaubnis, seine Gegner selbst abtun zu dürfen; ein anderer 
erklärte, er gebe ja doch keine Ruhe über den ,, großen Schwindel, 
Beschiß und Betrug" ; er müsse so einen Satan, einen der Staats- 
betrüger (Landrichter) niederschlagen. Seinen Rechtsanwalt wollte 
er in einen Schweinestall sperren, wohin er gehöre. 

Diese Leidenschaftlichkeit in Verbindung mit der Unbelehrbar- 
keit beeinflußt auch das Handeln des Kranken in entscheidender 
Weise. Er ist nicht imstande, sich nach Erschöpfung der gewöhn- 
lichen Rechtsmittel bei der endgültigen, unabänderlichen Entschei- 
dung zu beruhigen. Ohne jedes Verständnis für die völlige Nutzlosig- 
keit, ja die sicheren schweren Folgen weiterer Schritte, sucht er 
um jeden Preis und mit allen Mitteln den Sieg im Kampfe um sein 
vermeintliches Recht zu erzwingen. Blind gegen besseren Rat, setzt 
er alle nur irgend möglichen Rechtsmittel in Bewegung, verlangt 
,,eine richterliche Untersuchung" über Dinge, die längst abgetan 



Der Querulantenwahn. 1539 

sind, appelliert von einer Instanz an die andere, durch keinen Miß- 
erfolg belehrt oder wenigstens eingeschüchtert. Vielmehr nimmt 
die Hartnäckigkeit und Leidenschaftlichkeit immer zu. Er schreibt 
unzählige Briefe und Eingaben an die Gerichte, an Privatpersonen, 
Beamte, Abgeordnete, an den Reichstag, den Landesfürsten und 
den Kaiser, in denen er in den schärfsten, beleidigendsten Ausdrücken, 
ja in unflätigen Schimpfereien über seine Gegner, über die Behörden, 
die Richter seinem Herzen Luft macht. Ein Kranker schrieb an die 
,, Weltschwindelf irma", mit der er im Streite lag, offene Postkarten 
mit der Aufschrift ,,An die Meineidsfirma" und der Überschrift: 
,, Lieber Herr Zuchthäusler!" Ein anderer fragte an, ob die Gen- 
darmen das Privileg zum Meineidschwören hätten. 

Schon in der äußeren Form, in den Unterstreichungen, Aus- 
ruf ungs-, Frage- und Anführungszeichen, in der Hervorhebung der 
Kraftstellen durch besondere Schrift oder farbige Tinte, ferner in 
der Langatmigkeit, Umständlichkeit und Eintönigkeit des Inhaltes 
pflegen diese Schriftstücke ihre krankhafte Entstehungsweise zu 
verraten. Duck, der die Schrift einiger Querulanten untersuchte, 
kam zu dem Ergebnisse, daß sie regelmäßig, steil und langsam 
sei, starken Druck, scharfe Ecken und keine Verbesserungen auf- 
weise ; der Raum werde durch Kleinheit der Züge und Schmalheit 
des Randes möglichst ausgenutzt. Der Stil zeigt vielfach eine 
eigentümlich verzwickte, verschrobene Ausdrucksweise, die Wieder- 
kehr einzelner absonderlicher, halbverstandener, aber tönender Rede- 
wendungen, die sich an die Rechtssprache anlehnen. Ein Kranker 
schrieb viel vom ,, falschen Meineid"; ein anderer gebrauchte mit 
Vorliebe den angeblich von mir geäußerten Satz: „Juristenrecht 
geht über Reichsrecht". Ein dritter äußerte, er lebe ,, nicht in einem 
konstitutionellen, sondern in einem inquisitionellen Staate". Die 
Paragraphen der Gesetzbücher, die Berufung auf die ,, Akten" spielen 
eine große Rolle. Abschriften seiner Eingaben, Vorladungen, Be- 
scheide pflegt der Kranke wohlverpackt mit sich herumzutragen 
und bei passender Gelegenheit auszukramen. 

Die zunächst folgenden Anklagen und Strafen wegen Beleidi- 
gung oder Verleumdung steigern nur die Erbitterung des Kranken ; 
er antwortet mit neuen, immer weiter gehenden und ungeheuer- 
licheren Schmähungen. Seine ganze Tätigkeit, seine Lebensinter- 
essen gehen immer mehr in der Sucht auf, Recht zu behalten, mag 



1540 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

auch alles andere darüber zugrunde gehen; seine Häuslichkeit, sein 
Geschäft, sein Vermögen — - alles wird diesem krankhaften Drange 
geopfert. Auf diese Weise kommt er in seinen Verhältnissen her- 
unter, wird durch die endlosen Prozesse und Anklagen in dauernder 
Aufregung erhalten, die ihn zu immer schrofferer Stellungnahme 
gegenüber seinen Feinden veranlaßt. Schließlich weist er jede Ge- 
meinschaft mit der bestehenden Rechtsordnung, ja auch mit den 
staatlichen Einrichtungen überhaupt zurück. Er unterschreibt kein 
Protokoll mehr, verweigert die Annahme von Vorladungen, läßt 
sich zur Verhandlung mit Gewalt vorführen. Er greift zur Selbst- 
hilfe, nimmt einfach fort, was er als sein Eigentum betrachtet, 
wendet sich an die Presse, bedroht seine Gegner persönlich, schießt 
auf den pfändenden Gerichtsvollzieher. Ein schon oben erwähnter 
Kranker tötete einen Landgerichtsrat. 

Sehr häufig gelingt es dem Kranken mit seiner rücksichtslosen 
Tatkraft, diese oder jene Person seiner Umgebung von der Recht- 
mäßigkeit seiner Ansprüche zu überzeugen. Ich kannte einen 
58 jährigen Querulanten, der in einem fernen Dorfe mehrere Bauern 
veranlaßt hatte, große Geldopfer zu bringen, um eine vermeintliche 
Entschädigungssumme von 50 000 Mark von einem Bürgermeister 
herauszupressen. Die von ihnen verfaßten Eingaben ähnelten denen 
des Kranken ganz überraschend ; einer der Bauern hatte den letzteren 
bereits als willkommenen Schwiegersohn in Aussicht genommen. 
Andererseits ergreifen Querulanten vielfach mit Freuden die Ge- 
legenheit, auch für andere Briefe, Eingaben, Proteste, Streitschriften 
zu verfassen, und geraten auf diese Weise bisweilen geradezu in die 
Laufbahn von Winkeladvokaten hinein. Dabei kommt ihnen be- 
sonders eine gewisse Spitzfindigkeit und ihre äußerliche Kenntnis 
der Rechtssätze zugute, die sie überall hervorkehren. 

Im weiteren Verlaufe der Krankheit, nach einem oder mehreren 
Jahrzehnten, pflegt sich ganz allmählich eine Abnahme der geistigen 
und gemütlichen Regsamkeit sowie der Tatkraft einzustellen. Die 
Eingaben und Reden des Kranken werden einförmiger und zusam- 
menhangloser. Er wartet auch meist gar nicht mehr auf eine Ant- 
wort, sondern verfaßt nur noch gewohnheitsmäßig von Zeit zu Zeit 
eines seiner eigenartigen Schriftstücke. Die Kampfesstimmung ver- 
blaßt; der Kranke wird gleichmütig, fügsam, öfters sogar weiner- 
lich und rührselig, wenn man ihn nicht durch Berührung des wun- 



Der Querulantenwahn. 1541 

den Punktes geflissentlich reizt. Er vermehrt freundlich mit dem 
Arzte, den er vielleicht eben noch in einer Eingabe als infamen 
Lügner und Schwindler bezeichnet hat. Bisweilen verleugnet er 
geradezu seine früheren Handlungen, um unangenehmen Aus- 
einandersetzungen auszuweichen ; er will nichts mehr davon wissen ; 
das ist vorbei. Von einer wirklichen Berichtigung der krankhaften 
Vorstellungen ist dabei jedoch keine Rede; vielmehr läßt sich bei 
Anregung der alten Erinnerungen in den Augenblicken, wo die 
Selbstbeherrschung versagt, stets erkennen, daß der Kranke unver- 
ändert auf seinem früheren Standpunkte stehen geblieben ist und 
nur die Spannkraft zu äußerem Widerstände verloren hat. 

Der Querulantenwahn ist aus naheliegenden Gründen eine Er- 
krankung des reiferen Alters. Die überwiegende Zahl meiner 
Kranken stand im 5. Lebensjahrzehnt ; vorher scheint nur ausnahms- 
weise ein Fall zur Entwicklung zu kommen. Eine Frau wurde mir 
mit 75 Jahren zugeführt; sie war mit 66 Jahren erkrankt. Diese 
Tatsache deutet darauf hin, daß nicht nur die Häufigkeit von An- 
lässen zu Rechtsstreitigkeiten, wie sie in den Lebensverhältnissen 
gegeben sind, sondern auch die mit dem Alter sich einstellende Er- 
starrung der psychischen Persönlichkeit, der Verlust der Leicht- 
lebigkeit und Gefügigkeit, für die Entstehung des Querulantenwahns 
von Bedeutung ist. Männer mit ihrer verantwortlicheren Stellung 
im Leben und ihrem stärkeren Selbständigkeitsgefühl erkranken 
wesentlich häufiger, als die geschützteren und nachgiebigeren Frauen. 

Der Querulantenwahn gehört zu den selteneren oder doch den 
Irrenarzt nicht gerade häufig beschäftigenden Geistesstörungen. 
Yennaropoulos fand ihn bei etwa 1 / 2 % der aufgenommenen 
Kranken. Da überdies bei den schon in höherem Alter stehenden 
Kranken die Nachrichten über die Vorgeschichte sehr unsichere sind, 
vermag ich über die Erblichkeitsverhältnisse keine zuverlässigen An- 
gaben zu machen. Die ursprüngliche Begabung der Kranken wurde 
öfters als gut bezeichnet, schien auch in der Regel mindestens dem 
Durchschnitte zu entsprechen. Gaupp gibt an, daß man bei ihnen 
regelmäßig von vornherein Reizbarkeit, Leidenschaftlichkeit, Emp- 
findlichkeit, gehobenes Selbstgefühl, Stolz, vorschnelles, verbohrtes 
Denken finde. Von meinen Kranken wurden nur einzelne als streit- 
süchtig bezeichnet; manche waren auch schon vor dem Ausbruche 
des Querulantenwahns in Prozesse verwickelt oder wegen Beleidigung 

Kraepelin Psychiatrie IV. 8. Aufl. 10 



Itj42 ^^* *^* e psychogenen Erkrankungen. 

bestraft. Gewöhnlich aber traf das nicht zu, sondern der die Krank- 
heit auslösende Rechtsstreit war der erste im Leben; die Kranken 
galten bis dahin als ruhig, ordentlich und fleißig. Nicht wenige 
waren im gewöhnlichen Verkehr ganz verträgliche, wenn auch viel- 
leicht etwas sonderbare Menschen. Wilmanns fand bei Queru- 
lanten häufig Entartungszeichen und einzelne hysterische oder 
psychogene Krankheitserscheinungen; ähnliches berichtet Heil- 
bronner. Einer meiner Kranken machte im Gefängnis eine kurz- 
dauernde Haftpsychose mit ängstlicher Erregung und Gehörstäu- 
schungen durch; er hörte Vorwürfe und Drohungen, glaubte, daß 
seine Hinrichtung bevorstehe. 

Man wird wohl im allgemeinen annehmen müssen, daß in der 
persönlichen Eigenart der Querulanten die Ursachen liegen müssen, 
die so verhängnisvolle Folgen an ein verhältnismäßig harmloses 
und ganz gewöhnliches Lebensereignis knüpfen. Da die Querulanten 
dem Arzte erst dann zur Beobachtung kommen, wenn sie durch die 
Krankheit schon auf das einschneidendste beeinflußt sind, kann man 
über die persönlichen Vorbedingungen des Leidens nur Vermu- 
tungen aufstellen. Wie schon angedeutet, ist dabei gewiß eine er- 
höhte gemütliche Erregbarkeit von Bedeutung, die den Kranken 
seine Niederlage besonders stark empfinden läßt. Dazu kommt je- 
doch ferner wohl noch ein gesteigertes Selbstgefühl, das ihm 
die unbefangene Anerkennung fremder Gleichberechtigung und 
die Gewinnung eines unparteiischen Standpunktes unmöglich macht. 
Beide Umstände dürften im allgemeinen hinreichen, um die leiden- 
schaftliche Verranntheit und Unbelehrbarkeit des Querulanten zu er- 
klären, namentlich in der Hitze des Gefechtes; sehen wir doch 
z. B. in Wahlkämpfen ganz ähnliche Einseitigkeiten, Verdrehungen, 
Übertreibungen, Verunglimpfungen des Gegners zustande kommen, 
wie sie uns bei den Kranken begegnen. 

Vielleicht kann man aber ferner vermuten, daß bei den Querulanten 
eine mangelhafte Entwicklung jenes begrifflichen Denkens vorliege, 
das die Erhebung zu höheren und allgemeineren Gesichtspunkten 
ermöglicht ; sie kleben am Persönlichen und Kleinlichen und haben 
kein Verständnis für die Beschränkungen, die dem einzelnen das 
verwickelte Getriebe des menschlichen Zusammenlebens auferlegt. 
Der Umstand, daß die überwiegende Mehrzahl der Kranken nahe 
dem 50. Lebensjahre stand, weist wohl auch darauf hin, daß sich die 



Der Querulantenwahn. 1543 

Engherzigkeit und der Starrsinn des beginnenden Alters in ihren 
ersten Andeutungen geltend machen könne. Einzelne ältere Kranke 
erschienen ängstlich und bekümmert und klammerten sich mit einer 
gewissen eigensinnigen Ratlosigkeit an ihr vermeintliches Recht. 

Die Abhängigkeit des Querulantenwahns von dem Gefühle der 
rechtlichen Beeinträchtigung ist nach der Art des Beginnes und dem 
Inhalte des Wahns regelmäßig so unverkennbar, daß wir an der 
psychischen Verursachung des Leidens nicht zweifeln können, zu- 
mal für eine andere Entstehungsgeschichte durchaus kein Anhalt 
gegeben ist. Die klinische Verwandtschaft mit den Zustandsbildern 
des Rentenquerulanten und Haftquerulanten leuchtet daher ohne 
weiteres ein. Der ungünstige Verlauf des Querulantenwahns dürfte 
sich aus dem Umstände erklären, daß eine wirksame Beseitigung 
der Ursache des Leidens nach Lage der Sache selten oder niemals 
möglich ist. Auch in den vereinzelten Fällen, in denen dem Queru- 
lanten ursprünglich irgendwie wirklich ein greifbares Unrecht zu- 
gefügt wurde, das späterhin Ausgleich findet, erscheint es doch aus- 
geschlossen, die von ihm erhobenen, ins Maßlose wachsenden Ent- 
schädigungsforderungen zu erfüllen, so daß also die Grundlage für 
immer neue Beeinträchtigungsideen und Beschwerden fortbesteht. 

In der Regel trägt freilich schon der erste Anlaß den unausrott- 
baren Keim aller späteren Verwicklungen in sich, da die von dem 
Kranken rücksichtslos geforderten Zugeständnisse die schwerste 
Schädigung fremder Interessen bedeuten würden. Immerhin kommt 
es vor, daß dieser sich nach kürzerer oder längerer Zeit wenigstens 
äußerlich den gegen ihn ins Feld geführten Zwangsmitteln fügt, die 
von Geld- und Gefängnisstrafen bis zur Entmündigung und zur 
Einweisung in die Irrenanstalt fortzuschreiten pflegen ; freilich be- 
wahrt er dabei den Groll im Herzen und gerät bei neuem Anreiz 
rasch wieder in das alte Fahrwasser. Bisweilen beruhigt sich der 
Kranke auch einigermaßen, wenn er in günstigen Verhältnissen 
lebt oder von seinen Angehörigen verständig beeinflußt wird, wäh- 
rend Aufhetzereien und der Druck von Not und Entbehrung seinem 
Wahne und seiner inneren Erregung neue Nahrung geben können. 
Petren berichtet von einem Querulanten, der zur Übersiedelung 
nach Amerika veranlaßt werden konnte und dort als Straßenbahn- 
schaffner unauffällig seinen Lebensunterhalt verdiente, obgleich er 
an seinen alten Ideen durchaus festhielt. — 

10* 



1544 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

Das klinische Bild des Prozeßkrämers ist nicht der Ausdruck 
einer einheitlichen Krankheit. Daß sich im Anschlüsse an einen er- 
littenen Unfall und bei Gefangenen ein krankhaftes Querulieren 
entwickeln kann, wurde bereits besprochen. Die dort sich heraus- 
bildenden Zustände sind von dem hier geschilderten Querulanten- 
wahn nur durch ihre Entstehungsgeschichte abzugrenzen, die aller- 
dings auch Verlauf und Ausgang dahin beeinflußt, daß ein Ver- 
blassen der Störungen durch bestimmte Maßnahmen nach Lage der 
Sache weit eher zu erreichen ist. Auch bei paranoischen Kranken 
kommen querulatorische Züge vor, wenn die Kranken ihre vermeint- 
lichen Rechte durchzusetzen suchen oder sich gegen die Verfol- 
gungen ihrer Feinde wehren. Man wird hier jedoch leicht erkennen, 
daß dem Querulieren ein ganz anderer Wahninhalt zugrunde liegt, 
als die sich durchweg an tatsächliche Vorkommnisse anknüpfende 
Idee der rechtlichen Benachteiligung. Nach welchen Gesichts- 
punkten sich die Paranoia überhaupt vom Querulantenwahn ab- 
grenzen läßt, soll später erörtert werden. 

Weiterhin begegnet uns ausgesprochenes Querulieren öfters bei 
hypomanischen Erkrankungen und ihrer Vorstufe, der manischen 
Veranlagung. Diese Fälle sind es, die den Ausgangspunkt für die 
von Specht vertretene Ansicht gebildet haben, daß der Querulanten- 
wahn lediglich eine Erscheinungsform des manisch-depressiven 
Irreseins darstelle. In der Tat finden wir auch bei den ,, echten" 
Querulanten manche Züge wieder, die an manische Erkrankungs- 
formen erinnern, das erhöhte Selbstgefühl, die Reizbarkeit, die 
Neigung zu umfangreichen, eindrucksvollen Schriftstücken und 
weitschweifigen Reden. Dennoch kann ich einer allgemeinen Ver- 
schmelzung des Querulantenwahns mit dem manisch-depressiven 
Irresein nicht zustimmen. Abgesehen von der Entwicklung des 
Leidens in vorgeschrittenerem Alter ohne frühere Anfälle, scheint 
mir die genaue Abhängigkeit der klinischen Erscheinungen von der 
ursprünglichen psychischen Schädigung und den einzelnen, sich an 
sie knüpfenden Nachspielen, endlich die gleichmäßige Fortdauer des 
Wahns durch Jahrzehnte, ohne manische oder depressive Zwischen- 
fälle, sehr entschieden gegen jenen Versuch zu sprechen. Nach 
welchen Gesichtspunkten sich die manischen von den echten Queru- 
lanten im einzelnen Falle unterscheiden lassen, wurde früher bereits 
besprochen. 



Der Querulanten wahn. 1545 

Von der hier geschilderten Gruppe der Querulanten mit psychogener 
Wahnbildung finden sich fließende Übergänge zu anderen leiden- 
schaftlichen Rechtskämpfern, deren Reihen wir durch das Zwischen- 
gebiet der Psychopathen hindurch bis in die Gesundheitsbreite ver- 
folgen können. Vielfach ist auch die Ansicht geäußert worden, daß 
die Streitsucht gewissermaßen nur eine mildere Form oder die Ein- 
leitung des Querulantenwahns bilde. Ich halte diese Ansicht für min- 
destens zweifelhaft, da die Neigung, mit aller Welt in Unfrieden zu 
leben, in höchstem Grade ausgebildet sein kann, ohne zum Querulan- 
tenwahn zu führen, und da andererseits viele Querulanten sonst 
durchaus nicht ungewöhnlich streitsüchtig sind. Es müssen daher 
wohl noch gewisse besondere Vorbedingungen erfüllt sein, wenn sich 
ein Querulantenwahn entwickeln soll. Kennzeichnend für diesen ist 
vor allem die wahnhafte Gestaltung der Vorstellungskreise, die 
völlige Unbelehrbarkeit, die allmähliche Ausbreitung der Verfol- 
gungsideen auf immer weitere Personen, der Ausgang der ganzen 
Entwicklung von einem bestimmten Vorkommnisse, an das un- 
mittelbar oder mittelbar alle späteren Gedankenreihen und Hand- 
lungen des Kranken immer wieder anknüpfen. Hier besteht eben 
wegen der wahnhaften Verarbeitung der vermeintlichen Benach- 
teiligungen ein innerer Zusammenhang zwischen allen einzelnen 
Abschnitten des Kampfes ; der ganze Rattenkönig von Prozessen, 
Klagen und Beschwerden läßt sich von einem Punkte aus aufrollen. 
Demgegenüber sehen wir die streitsüchtigen und rechthaberischen 
Psychopathen, mit denen wir uns späterhin noch näher zu beschäf- 
tigen haben werden, bei den verschiedensten Gelegenheiten 
Zank und Streit vom Zaune brechen, Prozesse anfangen, Beleidi- 
gungen begehen. Jede einzelne Angelegenheit findet, wenn auch 
nach langen Kämpfen, endlich ihre Erledigung, bei der sich alle 
Beteiligten beruhigen. Beim Querulanten dagegen endet der ur- 
sprüngliche Streit niemals; er wächst nur immer ungeheuerlicher 
an und erreicht erst in der Entmündigung des Kranken seinen ge- 
waltsamen und äußerlichen Abschluß. 

Bei der Beurteilung von Querulanten ist natürlich immer die 
Möglichkeit zu erwägen, daß die anscheinend wahnhaften Vor- 
stellungen und Behauptungen wirklich der Wahrheit entsprechen. 
Die Erbitterung und der rücksichtslose Kampf bis auf das äußerste 
kann die gesunde Antwort eines lebhaft entwickelten und schnöde 



1546 XII. Die psychogenen Erkrankungen. 

beleidigten Rechtsgefühls sein. So stellte sich in einem von mir 
beobachteten Falle nachträglich heraus, daß der schwer ange- 
schuldigte Gegner in der Tat nicht der Ehrenmann war, für den er 
amtlich galt, sondern sich ernster Verbrechen schuldig gemacht 
hatte. Ein anderes Mal konnte nachgewiesen werden, daß eine zu- 
nächst wahnhaft erscheinende Unterschriftfälschung von dem Be- 
schuldigten wirklich begangen war. In dieser Beziehung ist also 
äußerste Vorsicht geboten. Trotzdem waren übrigens in beiden 
Fällen die Ankläger Querulanten, aber das ließ sich nicht aus der 
Richtigkeit oder Unrichtigkeit der vorgebrachten Beschuldigungen 
entscheiden, sondern aus der Art, wie sie diese begründeten und 
wahnhaft weiter verarbeiteten. Freilich pflegt auch in ausgespro- 
chenen Fällen der Querulantenwahn erst nach längerer Zeit erkannt 
zu werden, weil das oft gut erhaltene Gedächtnis und die Gewandt- 
heit im Reden und Schreiben für den richterlichen Beobachter die 
krankhaften Züge verdecken. Die Entstellungen und Verdrehungen 
des Tatbestandes, die der Kranke vom Standpunkte seiner wahn- 
haften Auffassung in bestem Glauben vorbringt, werden leicht für 
absichtliche, schlau berechnete Täuschungen gehalten und als Be- 
weis für seine sittliche Verkommenheit und Unverschämtheit an- 
gesehen. 

Die Behandlung dieser Kranken hat nur die Aufgabe, sie für 
einige Zeit, noch besser für immer, der Umgebung zu entziehen, 
die auf sie erregend wirkt. Vorübergehend kann das durch die 
Verbringung in die Anstalt, dauernd durch die Übersiedelung in 
andere Verhältnisse geschehen. Längeren Anstaltsaufenthalt ver- 
tragen die Kranken in der Regel schlecht. Man tut daher gut, sie 
nach eingetretener Beruhigung möglichst rasch wieder zu ent- 
lassen, wenn man nicht durch die Rücksicht auf die Gemeingefähr- 
lichkeit im einzelnen Falle genötigt wird, sie auch trotz der Schä- 
digung durch das Anstaltsleben ihrer Freiheit zu berauben. 



XIII. Die Hysterie 1 ). 



Die vielfachen und tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten, 
die noch immer unter den Fachgenossen hinsichtlich des Wesens 
der Hysterie herrschen, lassen es heute kaum möglich erscheinen, 
eine knappe und scharfe Begriffsbestimmung des hysterischen Irre- 
seins aufzustellen. Wir geben gelegentlich einer ganzen Reihe von 
krankhaften Seelenzuständen den Beinamen des ,, Hysterischen' ', 
ohne ihn immer mit genügender Klarheit begründen zu können. 
Ja, es dürfte kaum in Abrede gestellt werden, daß hier und da ein 
nicht zu rechtfertigender Mißbrauch mit der verallgemeinerten An- 
wendung jener Bezeichnung getrieben worden ist. Als wirklich 
einigermaßen kennzeichnend für alle hysterischen Erkrankungen 
dürfen wir vielleicht die außerordentliche Leichtigkeit und 
Schnelligkeit ansehen, mit der Gemütsbewegungen nicht 

*) Möbius, Schmidts Jahrbücher 199, 2, 185 (Literatur); Neurologische 
Beiträge I; Monatsschr. f. Geburtshilfe und Gynäkologie I, 12; Vogt, Zeitschr. f. 
Hypnotismus VII, 172, 342; VIII, 10 (Literatur); Richer, Etudes cliniques de la 
grande hysterie. 1885; Legrand du Saulle, Les hysteriques. 1891; Pitres, Lecons 
cliniques sur l'hysterie et l'hypnotisme. 1891; Gilles de la Tourette, Die Hy- 
sterie nach den Lehren der Salpetriere, deutsch von Gruber. 1894; Janet, Der 
Geisteszustand der Hysterischen (die psychischen Stigmata), deutsch von Kahane. 
1894; Sollier, Genese et nature de l'hysterie. 1897; L'hysterie et son traitement. 
1901; Fürstner, Deutsche Klinik VI, 2, 155. 1901; Krehl, Über die Entstehung 
hysterischer Erscheinungen, Volkmanns klinische Vorträge, Neue Folge 330. 
1902; Jolly in Ebstein u. Schwalbe, Handbuch der praktischen Medizin ; Bins- 
wanger, Nothnagels Handbuch XII, 1, 2. 1904; Raimann, Die hysterischen 
Geistesstörungen. 1904; Räcke, Archiv f. Psychiatrie XL, 171; Ziehen, Deutsche 
Klinik, 1906; Schnyder, Revue neurologique 1907, 876; Claude, ebenda 
1907, 882; Binet et Simon, L'annee psychol. XVI, 67; Laruelle, Bull, de la 
societe de media mentale de Belgique, 1908, 140; Aschaffenburg, Cursch- 
manns Lehrbuch d. Nervenkrankheiten, 744. 1909; v. Voß, Klinische Beiträge 
zur Lehre von der Hysterie. 1909; Hartenberg, L'hysterie et les hysteriques. 1910; 
Heilbronner, Handbuch der inneren Medizin von Mohr und Stähelin, 790. 
1912; Raimist, Hysterie. 1913. 



1548 XIII. Die Hysterie. 

nur das gesamte Seelenleben beeinflussen, sondern auch 
mannigfaltige körperliche Krankheitserscheinungen her- 
vorbringen, seien es Anästhesien oder Parästhesien, seien es Aus- 
drucksbewegungen, Lähmungen, Krämpfe, Störungen der Gefäßinner- 
vation oder der Drüsentätigkeit. Freilich ist diese Kennzeichnung, 
wie späterhin erörtert werden soll, weit davon entfernt, allgemein 
anerkannt zu sein. Bei der unbefangenen Durchmusterung eines 
umfangreicheren Krankenmaterials, dessen Zugehörigkeit zur Hy- 
sterie im großen und ganzen kaum bestritten werden dürfte, finde 
ich jedoch keinen anderen Gesichtspunkt, der alle diese im einzelnen 
vielfach auseinanderweichenden Beobachtungen zusammenzufassen 
vermöchte. 

Gemütsbewegungen sind im allgemeinen flüchtige Erscheinungen. 
Ein großer Teil der hysterischen Störungen ist daher ebenfalls vor- 
übergehender Natur ; sie tauchen bei gegebenem äußerem oder inne- 
rem Anlasse auf und verschwinden bald wieder. Andererseits aber 
weist die angeführte eigenartige Reaktionsweise auf das Bestehen 
dauernder Eigentümlichkeiten im Verhalten des Seelenlebens der 
Hysterischen und seiner Beziehungen zu körperlichen Äußerungen 
hin. In der Tat lassen sich deren Anzeichen gewöhnlich auch dann 
in stärkerer oder schwächerer Ausprägung nachweisen, wenn die 
auffallenderen, aber flüchtigeren Störungen gerade in den Hinter- 
grund getreten sind. Es liegt auf der Hand, daß wir solche dauernden 
Zeichen der Hysterie namentlich auf dem Gebiete der gemütlichen 
Vorgänge zu suchen haben werden. Bei der außerordentlichen Be- 
deutung jedoch, die diesen für das gesamte Seelenleben und nicht 
minder für dessen Einfluß auf den Körper zukommt, werden sich 
die Wirkungen der dauernden hysterischen Eigenart vielfach auch 
über das Gemütsleben der Kranken hinaus verfolgen lassen. Dazu 
gesellen sich dann öfters noch allerlei Störungen, die an sich nicht 
hysterischer Art sind, aber der minderwertigen Veranlagung ent- 
springen, wie wir sie als die allgemeine Grundlage der Hysterie an- 
zusehen berechtigt sind. 

Die Verstandesbegabung der Hysterischen kann eine sehr 
verschiedene sein. Unter 164 Fällen, in denen mir genauere An- 
gaben über diesen Punkt vorlagen, fanden sich etwa 40%, die 
gut, und 5%, die sehr gut gelernt hatten; die übrigen waren 
mittelmäßige oder schlechte Schüler gewesen und erwiesen sich auch 



Psychische Krankheitszeichen. !549 

als gedankenarm und urteilsschwach. Die Auffassung zeigt in der 
Regel keine besonderen Störungen. Manche Kranke überraschen 
durch ihre gute Beobachtungsgabe ; sie haben ein scharfes Auge 
für Kleinigkeiten, ganz besonders für die Schwächen ihrer Um- 
gebung. Einzelne zeigen geradezu hervorragende Begabung, wenig- 
stens nach gewissen, namentlich künstlerischen Richtungen hin ; 
sie musizieren, malen, dichten, schreiben Romane, während die 
nüchterne Verstandesarbeit weniger ihre Stärke zu sein pflegt. 

Nicht selten findet sich, offenbar im Zusammenhange mit erhöhter 
gemütlicher Ansprechbarkeit, eine besondere geistige Regsamkeit und 
namentlich große Lebhaftigkeit der Einbildungskraft. Die Kranken 
interessieren sich für alles mögliche, finden sich überall leicht zu- 
recht, verstehen es, sich rasch in die verschiedensten Lebenslagen 
hineinzuversetzen. Bei näherer Bekanntschaft pflegt sich dann 
freilich herauszustellen, daß sich diese leichte Beweglichkeit mit 
gesteigerter Ablenkbarkeit und Mangel an Ausdauer verbindet. Die 
Kranken sind nicht imstande, sich längere Zeit hindurch angespannt 
mit demselben Gegenstande zu beschäftigen, werden leicht unauf- 
merksam, zerstreut, unbeständig in ihrem Interesse. Alles Neue 
hat für sie einen besonderen Reiz; sie geben sich ihm um so lieber 
und um so unbedenklicher hin, je mehr es mit dem Alltäglichen 
und Gewohnten im Widerspruche steht. Ungewöhnliche, äußerlich 
wirkungsvolle Persönlichkeiten und Begebenheiten pflegen daher 
auf sie einen großen Eindruck zu machen; ihnen gegenüber zeigen 
sie sich oft leichtgläubig und blind empfänglich. Deswegen sind 
Hysterische zu allen Zeiten die ersten Gläubigen und begeistertsten 
Vorkämpfer für Wundergeschichten der verschiedensten Art ge- 
wesen, namentlich auch auf religiösem Gebiete. Die bei feierlichem 
Gottesdienste, in schwärmerischer Verzückung, in spiritistischen 
Sitzungen ausbrechenden Geistesstörungen sind zum größten Teile 
hysterischer Art. Manche Kranke zeigen eine starke Neugier, die 
Neigung, sich um fremde Angelegenheiten zu bekümmern ; sie wissen 
sich in kürzester Frist eine genaue Kenntnis der persönlichen Ver- 
hältnisse ihrer Umgebung zu verschaffen, haben Freude am Klatsch, 
am Skandal, an öffentlichen Schaustellungen, aufregender Lektüre 
und nervenkitzelnden Genüssen aller Art. 

Eigentliche Sinnestäuschungen kommen bei Hysterischen nur 
ganz vorübergehend und nur in abnormen Bewußtseinszuständen 



1550 XIII. Die Hysterie. 

zur Beobachtung. Dagegen sind nächtliche, in einer Art Halb- 
wachen sich einstellende Trugwahrnehmungen nicht selten. Ihre 
eigentümlich wirkungsvolle Färbung läßt ihren Zusammenhang mit 
Gemütsbewegungen meist ohne weiteres erkennen. Die Kranken 
sehen verstorbene Angehörige, die Mutter im Leichengewande oder 
im Sarge, Totenköpfe, schwarze Männer mit langen Messern, dunkle 
Schatten mit glühenden Augen, Metzger, die Schüsseln mit Menschen- 
köpfen tragen, wilde Tiere, Gestalten, halb Vieh, halb Mensch. Eine 
Kranke sah eine alte runzelige Frau mit einem Messer, die ein 
Säckchen mit der Aufschrift „Gift" trug. Glocken klingen; Musik 
ertönt; Hunde bellen; es klopft; der Teufel redet; Mutter und 
Schwester sprechen das Verdammungsurteil. Eine Kranke sah den 
Tod als Gerippe, der sie aufforderte, mitzukommen; zu einer an- 
deren kam jemand nachts herein und empfahl ihr mit hohler Stimme, 
sich umzubringen. 

Die Vorstellungsverbindungen Hysterischer sind eingehend 
von Jung und Ricklin untersucht worden. Jung 1 ) beobachtete, 
daß sich bei Assoziationsversuchen 60% äußere Assoziationen, 
14% Fehler, 9% Klangassoziationen einstellten, und spricht daher 
von einem „flachen Reaktionstypus". Dieses Verhalten ließe sich 
etwa aus einer erhöhten Ablenkbarkeit nebst einer gewissen Ober- 
flächlichkeit der Gedankenverbindungen erklären, die ein Über- 
wiegen rein äußerlicher und namentlich durch Gleichklang und 
sprachliche Gewöhnung vermittelter Anknüpfungen bedingen würde. 
Jung sieht darin, entsprechend seiner ganz auf Freudschem Boden 
stehenden Auffassung von der Hysterie, die Wirkung von verdräng- 
ten Komplexen. Auch Ricklin vertritt die gleiche Meinung; er 
fand bei seinen an 8 Hysterischen durchgeführten Assoziations- 
versuchen mehr Fehler, das Auftreten von Sätzen, Zitaten, Perse- 
verationen, mimischen Reaktionen, verlängerten Reaktionszeiten, 
alles Zeichen, die nach seiner Meinung „Komplexmerkmale" dar- 
stellen. Unter diesem Gesichtspunkte beobachtete er demnach bis 
zu 50% Komplexassoziationen; so berichtet er, daß in einem Falle 
15% mit dem „Geliebtenkomplex", 7% mit dem ,, Komplex der sexu- 
ellen Erkenntnis", 12% mit einem „politischen Komplex" in Be- 
ziehung standen. 

Daß ich auf Grund meiner eigenen Erfahrungen über Asso- 
x ) Jung, Journal f. Psychol. u. Neurol. VIII, 25; Ricklin, ebenda VII, 223. 



Psychische Krankheitszeichen. ^-SS 1 

ziationsversuche die Komplexmerkmale für äußerst trügerisch 
halten muß, habe ich schon früher erwähnt; in der weit über- 
wiegenden Mehrzahl der Beobachtungen sind die angeführten Ab- 
weichungen sicherlich durch andere Umstände weit ungezwungener 
zu erklären, als durch das „Anschneiden" eines verborgenen, be- 
sonders empfindlichen „Komplexes". Wenn es auch selbstverständ- 
lich möglich ist, die Assoziationen nach einzelnen, in ihnen zum 
Ausdrucke kommenden Vorstellungskreisen zu gruppieren, wie es 
Ricklin getan hat, so bleibt es doch sehr die Frage, ob die so um- 
schriebenen „Komplexe" wirklich im Augenblicke der Assoziations- 
bildung eine bestimmende Rolle gespielt haben. Schon Galton 
und Trautschold haben, sicherlich zutreffend, darauf hingewiesen, 
daß der bei weitem größte Teil der im Versuche zutage geförderten 
Assoziationen aus der Jugend stammt und nur ein verschwindender 
Bruchteil Beziehungen zu Erlebnissen der jüngsten Zeit erkennen 
läßt, vielfach recht oberflächlicher Art. Das hängt vor allem mit 
der nicht genug zu betonenden Tatsache zusammen, daß unter den 
gegebenen Versuchsbedingungen notwendig und tatsächlich der Ein- 
fluß der sprachlichen Gewohnheit auf die vorgebrachten Äuße- 
rungen ein ungeheurer ist. Ganz gewiß sind wir daher nur ausnahms- 
weise berechtigt, sie als den Ausdruck persönlicher und bedeutungs- 
voller, uns gerade beherrschender Gedankengänge anzusehen. Rick- 
lin hat sich freilich durch Ausfragen in der Hypnose über den wahren 
Sinn der „Deckassoziationen" Klarheit zu verschaffen gesucht. 
Welche Gewähr er jedoch für die als selbstverständlich vorausgesetzte 
Zuverlässigkeit dieses Verfahrens besitzt, ist nicht erkennbar. 

Auch ohne besondere Versuche kann man erkennen, daß der 
Vorstellungsverlauf der Hysterischen vielfach abspringt und durch 
äußerliche, sprachliche Anknüpfungen sowie durch Eigenbeziehungen 
stark bestimmt wird. Ihr Urteil ist daher oft oberflächlich, haftet 
an Äußerlichkeiten, ersten Eindrücken, zufälligen Nebenumständen, 
trägt auch fast regelmäßig eine lebhaft persönliche Färbung. Wenn 
sie auch manchmal in ihren Anschauungen eigensinnig und un- 
belehrbar sind, sich durch Gründe nicht überzeugen lassen, kann 
sich andererseits doch bei ihnen unter Umständen mit verblüffender 
Schnelligkeit ein vollständiger Wechsel ihrer nicht mühsam erarbei- 
teten und tiefwurzelnden, sondern mehr gefühlsmäßig gebildeten 
und festgehaltenen Überzeugungen vollziehen. 



1552 XIII. Die Hysterie. 

Hier und da beobachtet man bei Hysterischen Zwangsvorstellun- 
gen, wie namentlich Thomsen betont hat. Einer meiner Kranken 
zerriß seine Briefe immer wieder, weil ihm deren Fassung verfehlt 
schien; er mußte 3 — 4 mal nachsehen, ob er die Lampe gelöscht, 
die Türe richtig geschlossen habe. Eine Kranke beklagte sich, daß 
sie immer so schmutzige Sachen denken müsse. Andere haben 
Platzangst, Furcht vor Selbstmord; ein Kranker wurde von dem 
Drange gequält, Gegenstände anzusehen und zu berühren. Es ist 
indessen daran festzuhalten, daß diese Störungen nicht für die 
Hysterie kennzeichnend sind, sondern nur für die nahe Verwandt- 
schaft der verschiedenen Formen des Entartungsirreseins und deren 
gelegentliche Verbindung miteinander sprechen. 

Aus der Erregbarkeit der Einbildungskraft entspringt bei 
Hysterischen öfters ein gewisser Hang zu Wachträumereien, auf den 
besonders Pick hingewiesen hat. Die Kranken lieben es, sich in 
unwirkliche Lebenslagen zu versetzen und sie sich mit allen Einzel- 
heiten möglichst lebendig auszumalen; sie gefallen sich dabei als 
Teilnehmer an abenteuerlichen Erlebnissen, als Helden unerhörter 
Großtaten, Opfer schändlichster Angriffe. Diese Träumereien können 
unter Umständen den Kranken derart fesseln, daß er sich ganz in 
sie hineinlebt und das Bedürfnis fühlt, sie gewissermaßen in die 
Wirklichkeit zu übersetzen. Auf diese Weise kommt es dann ge- 
legentlich zu allerlei prahlerischen Erdichtungen, ja weiterhin auch 
zur künstlichen Veranstaltung von Tatumständen, welche die 
Erzählungen von schrecklichen Begebenheiten glaubhaft machen 
sollen. Ein junger Malergehilfe bezeichnete sich als Künstler, nannte 
sich ,,Fella von Felsenhorst", behauptete, er habe sich den Adel 
gekauft, mit Studenten verkehrt, viel Geld ausgegeben, besitze eine 
geheime Anziehungskraft für Damen, werde von der Polizei ver- 
folgt, weil er Mitglied einer Anarchieloge sei; ein junges Mädchen 
erzählte, es sei ein Herr dagewesen, um sie in seinem Wagen mit 
an die See zu nehmen, da sie eine Wassernixe sei. Eine Frau träumte 
sich so in die Vortäuschung einer Schwangerschaft hinein, daß sie 
ihren Mann zu veranlassen suchte, ein Kind anzunehmen. 

Sehr häufig kommen hysterische junge Mädchen zur Erdichtung 
von geschlechtlichen oder räuberischen Angriffen 1 ). Eine unserer 
Kranken wurde abends anscheinend bewußtlos in einer belebten 

x ) Brouardel, Annales d'hygiene pratique, Nov. 1899. 



Psychische Krankheitszeichen. 1553 

Passage aufgefunden und erklärte, sie sei von einem Unbekannten 
niedergeschlagen und beraubt worden ; eine andere lag geknebelt und 
oberflächlich verletzt auf dem Bette und behauptete, das Opfer ihres 
Geliebten geworden zu sein. Beide Male handelte es sich, wie gewöhn- 
lich in derartigen Fällen, um Erdichtungen. Ganz ähnlich sind wohl 
manche falsche Anschuldigungen zu beurteilen, wie sie von Hyste- 
rischen hier und da vorgebracht werden. Auch hier sind es nament- 
lich geschlechtliche Angriffe, die den Inhalt der gegen Lehrer, 
Ärzte und sogar Angehörige gerichteten Anklagen bilden. Eine 
meiner Kranken schrieb zahllose anonyme Briefe, in denen sie sich 
bald überschwänglich herausstrich, bald sich der gemeinsten ge- 
schlechtlichen Ausschweifungen mit Nachbarn und Geistlichen be- 
zichtigte. Diese Erfahrungen leiten uns einmal hinüber zu den 
später an anderer Stelle zu besprechenden hysterischen Schwindlern 
und Lügnern, andererseits zu den ganz ähnlichen Schöpfungen der 
Einbildungskraft, die uns in den Dämmerzuständen unserer Kran- 
ken begegnen werden. 

Das Gedächtnis ist bei unseren Kranken im allgemeinen treu, 
die Merkfähigkeit gut, doch besteht öfters eine gewisse Vergeßlich- 
keit, zum Teil vielleicht deswegen, weil die Kranken leicht ablenk- 
bar sind und zum Versinken in Träumereien neigen. Unter Um- 
ständen können einzelne Gruppen von Erinnerungsbildern verloren 
gehen. Sollier berichtet über einen Knaben, der die Fähigkeit 
einbüßte, sich Gesichtsbilder vorzustellen; Jan et sah ein Mädchen, 
das nach dem Tode der Mutter zunächst deren Bild lebhaft hallu- 
zinierte, es dann aber vollständig aus ihrer Erinnerung verlor. Der 
im Anschlüsse an Anfälle auftretenden, sehr merkwürdigen Formen 
von Amnesie werden wir späterhin zu gedenken haben. Entschieden 
beeinträchtigt wird ferner die Zuverlässigkeit der Erinnerungen durch 
die häufigen und lebhaften Gemütsbewegungen, die nicht nur zu 
einer einseitigen Auffassung der Erlebnisse verleiten, sondern ihnen 
auch nachträglich noch eine ganz besondere Färbung geben können. 
Endlich aber besteht in einzelnen Fällen geradezu ein ausgeprägter 
Hang, die Vergangenheit nach persönlichen Bedürfnissen umzu- 
gestalten und auszuschmücken, ja in sie völlig erdichtete Züge 
hineinzutragen. Bisweilen mag das in bestimmter Absicht ge- 
schehen, um zu täuschen und zu schwindeln; in anderen Fällen 
aber handelt es sich darum, daß den Kranken ihre Einbildungskraft 



I5«54 XIII. Die Hysterie. 

gewissermaßen durchgeht, daß sie sich selbst an ihren Erzählungen 
berauschen und, wenigstens für den Augenblick, Wahrheit und 
Dichtung kaum scharf auseinanderzuhalten imstande sind. Von 
meinen Kranken wurden etwa 5 — 6% als lügenhaft bezeichnet; 
ebensoviele ungefähr zeigten die Neigung zu abenteuerlichen Träu- 
mereien, ohne sonst unwahrhaftig zu sein. 

Wesentlich beherrscht wird der Dauerzustand der Hysterischen 
durch die krankhaften Eigentümlichkeiten des Gefühlslebens. 
Zunächst wird uns in mindestens einem Drittel der Fälle über eine 
von Jugend auf bestehende, außerordentlich starke Erregbarkeit 
berichtet. Die gemütlichen Schwankungen erhalten dadurch leicht 
das Gepräge des Maßlosen, Übertriebenen. Auf der einen Seite 
kommt es zu schwärmerischer Überschwänglichkeit, verstiegener 
Empfindsamkeit, auf der anderen zu Ausbrüchen wütendsten Hasses 
und wildesten Jähzorns. Die Kranken drohen, das Haus anzuzün- 
den, ihren Widersacher zu erschießen, schlagen blind drauf los, auch 
mit gefährlichen Gegenständen, zerstören, was ihnen in die Hand 
fällt. Von einem Kranken wurde berichtet, daß er sich bei einem 
Streite ,,wie ein Teufel* ' auf seine Schwester gestürzt habe, um sie 
umzubringen ; ein anderer schrie bei seiner Verurteilung im Gerichts- 
saale: „Ihr Lumpen! Ihr Spitzbuben!*', drohte, den Staatsanwalt 
zu erschießen, suchte eine große Holztafel auf ihn zu werfen, und 
zerschlug dann noch einige Fenster. Eine Kranke zerschnitt in 
der Wut einem Mädchen mit dem Messer das Gesicht. Auch sinn- 
lose, triebartige Selbstbeschädigungen und Selbstmordversuche wer- 
den von den Kranken in der Aufregung begangen; sie beißen sich 
in die Arme, springen aus dem Fenster, laufen spornstreichs ins 
Wasser. 

Manche Kranke sind dauernd empfindlich, reizbar, leicht be- 
leidigt, streitsüchtig, unverträglich, ungebärdig; andere sind weich- 
mütig ,,wie ein Mädchen" und empfinden die Heftigkeit ihrer ge- 
mütlichen Schwankungen äußerst peinlich. ,, Freude, Leid und 
Schmerz kann mich furchtbar aufregen", klagte ein Kranker; ,,der 
Ärger greift mich kolossal an" ; ein anderer gab an, er werde bei 
Aufregungen ,,ganz damisch" und bekomme Ohrensausen, und eine 
Kranke erklärte: ,,Nach Aufregungen zittert alles in mir." Aus 
dieser Lebhaftigkeit der Gefühlsbetonung erklärt es sich, daß den 
Kranken nichts gleichgültig ist, daß sie sich immerfort veranlaßt 



Psychische Krankheitszeichen. 1555 

sehen, zu allen Ereignissen in ihrer Umgebung persönlich Stellung 
zu nehmen. Überall fühlen sie sich beteiligt und getroffen; sie 
sind daher auch geneigt, alle sachlichen Beziehungen und Über- 
legungen sofort mit reichlichen persönlichen Zutaten zu durchsetzen, 
sich in ihrem Denken und Handeln weit mehr von Stimmungen und 
Gefühlsregungen, als von Grundsätzen und vernünftigen Erwä- 
gungen leiten zu lassen. 

Als natürliche Folge der mangelhaften gemütlichen Dämpfung, 
die außerstande ist, rasche und heftige Gefühlsschwankungen aus- 
zugleichen, entwickelt sich ein häufiger, unvermittelter Wechsel 
der Stimmung. Die Kranken sind unberechenbar, wetterwendisch, 
launenhaft ; aus plötzlicher Ausgelassenheit können sie binnen kür- 
zester Frist und bei geringfügigstem Anlasse oder auch ganz ohne 
solchen in zornige, entrüstete, in bittere, weltschmerzliche oder in 
schwärmerisch verzückte Gefühlsregungen verfallen. Eine Kranke 
meinte, sie sei bald närrisch vor Freude, bald trübselig. Diese Zügel- 
losigkeit und Sprunghaftigkeit der Stimmungsäußerungen führt da- 
zu, daß die Kranken nicht jener tiefen, innerlichen Ergriffenheit 
fähig sind, die trotz geringer äußerer Zeichen das gesamte Fühlen 
dauernder und mächtiger beherrscht, als die Stürme einer stets 
schwankenden, unausgeglichenen Gemütsverfassung. 

Der allgemeine Stimmungshintergrund kann dabei eine sehr ver- 
schiedene Färbung aufweisen. Vielfach beobachtet man neben den 
plötzlichen, heftigen Gefühlsausbrüchen eine gleichmütig heitere, 
selbstzufriedene Stimmung, die ,, belle indifference" der Hysterischen, 
die in merkwürdigem Gegensatze zu den zahlreichen von ihnen vor- 
gebrachten Beschwerden stehen kann. Andere Kranke sind dauernd 
still, scheu, schüchtern oder ängstlich. Sehr häufig sind Beklem- 
mungsgefühle, ferner große Schreckhaftigkeit, starkes Zusammen- 
fahren bei unerwarteten Reizen. Manche Kranke berichten über 
traurige Verstimmungen, in denen sie das Leben nicht mehr freut, 
sie sich selbst nicht mögen, sich von Gott verlassen fühlen. Eine 
Kranke bezeichnete sich als ,, freudlos, interesselos, existenzlos", 
meinte, sie könne an nichts mehr Freude haben, und gäbe man ihr 
alle Schätze der Welt; eine andere erklärte, die Welt sei ,,so ekel- 
haft" ; eine dritte mußte immer an ihre verstorbene Mutter denken. 
Öfters sind die Kranken tagelang mürrisch, verdrießlich, ablehnend, 
gereizt, doch pflegen sich alle diese Stimmungen nach kurzer Zeit 



1556 XIII. Die Hysterie. 

mit oder ohne äußere Einwirkung wieder zu verlieren. Namentlich 
bei der Versetzung in eine neue Umgebung erscheinen die Kranken 
ganz gewöhnlich zunächst scheu, unzugänglich, trotzig, um dann 
nach einiger Zeit ziemlich unvermittelt ein natürlicheres Wesen 
anzunehmen. Ihr Verhalten erinnert dabei an dasjenige kleiner 
Kinder, die sich fremden Personen gegenüber mißtrauisch und ängst- 
lich abschließen und erst allmählich zutraulich werden. 

Von noch größerer Bedeutung für die Kennzeichnung der Hyste- 
rie, als die Lebhaftigkeit der gemütlichen Schwankungen, ist deren 
Ausstrahlung auf das Gebiet der körperlichen Vorgänge. 
Wir wissen, daß schon beim Gesunden den Gemütsbewegungen ein 
weitgehender Einfluß auf körperliche Verrichtungen zukommt, so- 
gar auf solche, die der Herrschaft des bewußten Willens gar nicht 
unterworfen sind. Der Schreck lähmt die Glieder, läßt uns verstum- 
men und erblassen, sträubt uns die Haare, läßt Kälte durch unsere 
Adern rieseln, Atmung und Herz stillstehen. Die Angst hemmt oder 
beflügelt unsere Schritte, macht unsere Bewegungen unsicher, 
unsere Sprache stotternd, läßt uns erzittern, bei jeder Berührung, 
bei jedem Laut zusammenfahren, die Glieder schlottern, die Zähne 
klappern; sie schnürt uns die Kehle zu, regt Schweißabsonderung, 
Schlingbewegungen und Darmtätigkeit an, führt zur Harnentleerung, 
beschleunigt Atmung und Schlagfolge des Herzens. Der Zorn läßt 
alle Muskeln sich spannen, die Adern schwellen, erstickt die Stimme, 
macht uns blind, unempfindlich gegen Schmerzen und veranlaßt 
uns zu Zähneknirschen, Schnauben, unartikuliertem Brüllen und 
wilden, ungeordneten, rücksichtlosen Willensentladungen. Die Ver- 
zweiflung führt uns zu sinnlosem Wüten gegen uns selbst, Zer- 
raufen der Haare, Zerkratzen des Gesichtes, Anstoßen des Kopfes, 
Wälzen am Boden; der Ekel erzeugt Übelkeit, Würgbewegungen 
und Erbrechen. Der Schmerz verstärkt die Tränenabsonderung; 
die Scham läßt uns erröten ; Kummer und Sorge rauben uns Eßlust 
und Schlaf und machen unsere Glieder kraftlos. Begeisterung, 
Freude, Hoffnung lassen unsere Pulse höher schlagen und geben 
uns neue Kräfte. 

Schon diese ganz flüchtige Aufzählung, die sich leicht noch er- 
heblich erweitern ließe, zeigt die ungemein starken und vielseitigen 
Einwirkungen der Gemütsbewegungen auf Körperzustände. Bei 
Hysterischen scheinen mir diese Beziehungen in abnormer Weise 



Psychische Krankheitszeichen. *557 

verstärkt und ausgebreitet zu sein. Schon ganz unbedeutende Reize 
lassen sie erblassen und zusammenschrecken ; Lachen und Weinen 
werden zu krampfartigen, stundenlang sich fortsetzenden, ununter- 
drückbaren Ausdrucksbewegungen ; Erröten, Erbrechen, Durch- 
fälle, Tränenergüsse stellen sich bei den geringfügigsten Anlässen 
ein. Das Zittern der Erregung wird zum Gliederschütteln, die Un- 
sicherheit der Bewegungen zur ausgeprägten Ataxie, das Versagen 
der Knie zur völligen Unfähigkeit, zu gehen und zu stehen, die 
Spracherschwerung zur Aphonie, zum Lallen, zur Stummheit. Zorn 
und Angst entladen sich in den wildesten, sinnlosesten Verzerrungen, 
Verrenkungen, Spannungen und Zuckungen des gesamten Körpers. 
Ein nicht unbeträchtlicher Teil der körperlichen Störungen, die wir 
im Krankheitsbilde der Hysterie vorfinden, läßt sich wie schon öfters, 
neuestens von Raimist, hervorgehoben wurde, ohne weiteres unter 
dem Gesichtspunkte vergröberter und verstärkter Affektwirkungen 
begreifen. 

Auch die Beeinflussung des Seelenlebens durch Gemütsbewe- 
gungen erscheint in der Hysterie krankhaft gesteigert. Alle heftigen 
gemütlichen Erregungen bedingen eine gewisse Einengung und unter 
Umständen auch Trübung des Bewußtseins. In der Hysterie tritt 
diese Wirkung schon bei verhältnismäßig geringen Schwankungen 
des gemütlichen Gleichgewichts ein. Das Vergehen der Sinne, die 
Verwirrung der Gedanken, das Schwinden der Klarheit vollzieht 
sich hier ungewöhnlich leicht und häufig. Aber auch Sinnes- 
täuschungen und delirante Zustände, die im gesunden Leben nur 
ganz ausnahmsweise und in schwachen Andeutungen durch die 
heftigsten Gemütsbewegungen erzeugt werden können, kommen 
hier gar nicht selten zustande. Insbesondere wird auch Inhalt und 
Gestaltung der Träume wie der Zustände des Halbtraumes in der 
Nacht bei Hysterischen durch affektvolle Vorstellungen weit stärker 
beeinflußt, als im gesunden Leben. 

Vielfach führt die Gewohnheit sehr lebhafter Gefühlsäußerungen 
bei Hysterischen zu einer mehr oder weniger unwillkürlichen Über- 
treibung der Ausdrucksbewegungen. Sie haben das Bedürfnis 
nach immer kräftigeren Kundgebungen, um die Stärke der inneren 
Erregung wiederzugeben. Darum pflegt der Leidenschaftlichkeit 
ihres äußeren Gebarens meist auch nicht im entferntesten die wirk- 
liche Stärke der Gemütsbewegung zu entsprechen, die überraschend 

K r a e p e 1 i n , Psychiatrie IV. 8. Aufl. 1 1 



1558 XIII. Die Hysterie. 

schnell durch eine andere, entgegengesetzte Gefühlsschwankung 
abgelöst werden kann. Auf diese Weise entwickelt sich bei den 
Kranken öfters eine dauernde Neigung zum Mißbrauche starker Aus- 
drücke für ihre Gefühle, zu einer Art unwahrer Überschwänglich- 
keit. Das eigene Leid wird als entsetzlich, unsäglich, grenzenlos ge- 
schildert ; die Kranken bezeichnen sich als Ausgestoßene, Verfluchte, 
fallen bei der Erinnerung an die ausgestandenen Seelenqualen in 
Ohnmacht oder gebrauchen wenigstens fleißig das Taschentuch ; eine 
Kranke dankte bei ihrer Entlassung auf den Knien für die Behand- 
lung. Zugleich aber ist, anders als bei wirklich schweren Gemüts- 
erschütterungen, die Freude an niederen Genüssen recht gut erhalten. 
Eine Kranke schloß einen Brief voll der schauerlichsten Selbstverwün- 
schungen mit der Bitte um Zusendung einiger Makronen. 

Die nachstehenden, von einer und derselben Kranken stammen- 
den Schriftproben gewähren einen Einblick in die meist sehr reich- 
lichen schriftlichen Ergüsse Hysterischer und die Wandlungen ihrer 
gern in Gegensätzen sich bewegenden Gemütslage. In dem ersten, an 
den Arzt gerichteten Briefe tritt die mitleiderregende Häufung der 
mannigfachsten Beschwerden hervor, Schlaflosigkeit, Lachkrämpfe, 
Weinkrämpfe, Hitze, Frost, ferner der Wunsch, zu sterben, dankbare 
Unterwürfigkeit gegenüber dem Arzte und Andeutungen über ge- 
hässige Behandlung durch die Umgebung. Die verhaltene Erregung 
drückt sich in den teilweise flüchtigen Zügen, den Gedankenstrichen 
und Abkürzungen aus. Sie beherrscht vollständig Inhalt und Form 
der zweiten, für eine Wärterin bestimmten Probe mit den großen, 
am Schlüsse jeweils in Striche ausgehenden Buchstaben, den langen 
und häufigen Zwischenstrichen und ihren leidenschaftlichen Kraft- 
ausdrücken. 

Ein viel umstrittenes Gebiet bildet das geschlechtliche Fühlen 
der Hysterischen. Lange Zeit hindurch hat man gemeint, daß als 
die Ursache des Leidens geschlechtliche Begierden bei mangelnder 
oder übermäßiger Befriedigung anzusehen seien, und die Freudsche 
Lehre von der verdrängten und umgewandelten Libido, mit der wir 
uns später zu beschäftigen haben werden, arbeitet mit ähnlichen 
Vorstellungen, wenn auch in verändertem Zusammenhange. Es 
ist in der Tat unbestreitbar, daß die geschlechtlichen Beziehungen 
bei Hysterischen eine große Rolle spielen. Etwa 3 — 4% meiner 
weiblichen Hysterischen waren Prostituierte, und auch von den 



Psychische Krankheitszeichen. 



1559 



übrigen hatten noch manche eine recht bewegte geschlechtliche 
Vergangenheit. Der Ausbruch hysterischer Störungen schloß sich 
gar nicht selten an Auseinandersetzungen mit dem oder der Gelieb- 
ten an. In vereinzelten Fällen wurde auch über geschlechtliche 
Verirrungen, Onanie, homosexuelle, sadistische oder masochistische 



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270. Schriftproben einer Hysterischen. Brief an den Arzt und die Wärterin. 

Neigungen berichtet; ein junger Mensch hatte sich selbst Stiche 
und Schnitte auf der Brust beigebracht, wobei ihm das Glied steif 
wurde. Einige weibliche Kranke gaben an, geschlechtlich kalt zu 
sein, trotz reichlicher Betätigung. Bei der ganz überwiegenden 
Mehrzahl der Kranken ließ indessen das geschlechtliche Leben im 
Vergleiche zu den sonstigen Erfahrungen keine nennenswerten Ab- 

11* 



1560 XIII. Die Hysterie. 

weichungen erkennen. Wenn dennoch die geschlechtlichen Be- 
ziehungen im Leben der Hysterischen einen so breiten Raum ein- 
nehmen, so dürfte sich das ungezwungen aus dem Umstände er- 
klären, daß die hysterischen Störungen sich, wie wir sehen werden, 
vorzugsweise in einem Lebensalter und bei demjenigen Geschlechte 
abspielen, bei dem das Geschlechtsleben die weitaus mächtigste 
Quelle gemütlicher Erregungen bildet. 

Wie bei allen mit lebhaften Gefühlsbetonungen einhergehenden 
Krankheitszuständen wird auch bei der Hysterie die eigene Person 
besonders stark in den Vordergrund des Bewußtseins gerückt. Wir 
begegnen daher nicht selten einem erhöhten Selbstgefühl. Manche 
Kranke legen ihren eigenen Bedürfnissen und Zuständen eine 
ganz ungebührliche Wichtigkeit bei, der sie ohne Rücksicht auf 
andere und allgemeine Interessen Anerkennung zu verschaffen 
suchen. Jede kleine Beeinträchtigung ihres Behagens empfinden 
sie mit krankhafter Lebhaftigkeit, während ihnen die schwer- 
sten Opfer von anderer Seite fast selbstverständlich erscheinen. Sie 
werden daher ungerecht, unzufrieden, anspruchsvoll, fordern be- 
sondere Beachtung und Auszeichnung von ihrer Umgebung, sind 
sehr gekränkt durch vermeintliche Zurücksetzungen und Vernach- 
lässigungen, fühlen sich nicht genügend verstanden. Daraus ent- 
wickeln sich ungemein leicht Eifersüchteleien mit nachfolgenden 
Gefühlsausbrüchen, langen Aussprachen, endlosen Auseinander- 
setzungen, Versöhnungsszenen, alles aus lächerlich unbedeutendem 
Anlasse. 

Dabei ist meist das Bestreben erkennbar, interessant zu er- 
scheinen, von sich reden zu machen. Die Kranken tun wichtig, 
spielen sich auf, suchen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, 
sind vorlaut, frech, führen burschikose, schnippische Reden, be- 
nehmen sich sehr ungezwungen, oder sie drücken sich gewählt, in 
hochtrabenden Wendungen aus. Ihre Beziehungen zum Arzte 
suchen sie sofort persönlich zu gestalten, sei es, daß sie ihn als Feind 
und Unterdrücker behandeln, sei es, daß sie ihn zum Seelenfreunde 
erwählen ; oft genug wechselt die Färbung dieser Beziehungen ganz 
unvermittelt. Ihre Mitteilungen sind dann Schmerzensschreie einer 
gequälten Seele, vertrauliche Herzensergüsse oder unbestimmte 
Redensarten voll gegenstandsloser Geheimtuerei. In den Briefen 
wird die Einförmigkeit der Klagen durch schillernde Selbstver- 



Psychische Krankheitszeichen. 1561 

lachung schmackhaft gemacht. Eine meiner Kranken nannte sich 
Dulderin Schmerzensreich, die große Närrin, das Studienobjekt. 

Aus dem erhöhten Selbstgefühl und der Unbeständigkeit der 
Stimmung geht die Begehrlichkeit so vieler Hysterischen hervor. 
Sie sind dauernd unbefriedigt, des Augenblickes überdrüssig, ver- 
langen nach Neuem, noch nicht Dagewesenem, besonders nach Ver- 
günstigungen, die sie vor anderen auszeichnen. Immer andere 
Wünsche tauchen auf; Veränderungen in der Ausstaffierung des 
Zimmers, in der Kleidung, der Nahrung werden vorgenommen, der 
Verkehr gewechselt, und in zahllosen Briefen und Kärtchen ergießt 
sich ein Strom von Aufträgen, Bitten, Forderungen, Beschwörungen 
und Klagen. Es ist oft erstaunlich, mit welchem Geschicke Hyste- 
rische es verstehen, nach den verschiedensten Richtungen hin Be- 
ziehungen anzuknüpfen, kleine und große Vorteile zu erlangen, sich 
zum wohlbeachteten Mittelpunkte ihrer Umgebung zu machen. 
Selbst unbegabte, ja geradezu schwachsinnige Kranke können diese 
Fähigkeit in hohem Grade besitzen. In den Familien pflegen daher 
Hysterische regelmäßig die Herrschaft zu führen und ihre nächsten 
Angehörigen in der unglaublichsten Weise zu tyrannisieren ; frei- 
lich spielt dabei die Eigenart dieser letzteren eine erhebliche Rolle. 

Bei anderen Kranken sehen wir an Stelle der krankhaften Selbst- 
sucht vielmehr eine Neigung zu absichtlicher, geflissentlicher Hint- 
ansetzung der natürlichen selbstsüchtigen Regungen treten, aller- 
dings mit dem stillen Ansprüche auf besondere Anerkennung der weit- 
gehendsten, ja geradezu törichtsten Aufopferung. Viele hysterische 
Kranke berauschen sich an dem Gedanken, alles für die Armen zu 
geben, in selbstgewählter Erniedrigung den Kranken und Elenden 
zu dienen. Sie möchten etwas Großes leisten, eine Tätigkeit haben, 
der Menschheit nützen. Freilich bleibt es in der Regel bei solchen 
großen Gedanken oder einigen unzweckmäßigen einleitenden Schrit- 
ten. Öfters kann man sich auch davon überzeugen, daß die Kranken, 
die sich nach ihren Reden anscheinend für das Glück ihrer Kinder, 
für irgendeine Wohltätigkeitsaufgabe ganz aufopfern, gar keine 
wirkliche Arbeit dafür leisten, sondern es bei gewissen, in die Augen 
fallenden Äußerlichkeiten bewenden lassen. Dennoch unterliegt es 
keinem Zweifel, daß die schwärmerische Entsagung des Kloster- 
lebens, der Beruf der Krankenpflege von jeher eine gorße Zahl 
hysterisch veranlagter Personen besonders angezogen haben. 



1^62 XIII. Die Hysterie. 

Öfters zeigt sich bei den Kranken die Neigung, sich mit einer 
gewissen Liebe in ihre eigenen Zustände zu vertiefen, über sie 
nachzudenken, sich mit sich selbst zu beschäftigen. An diesem 
Punkte liegt die Wurzel der hier so häufigen hypochondrischen 
Beschwerden. Jedes Unbehagen wird von den überempfind- 
lichen Kranken in vergrößertem Maßstabe wahrgenommen und 
erregt die peinlichsten Gefühle. Zudem haben unangenehme Ge- 
mütsbewegungen hier in noch erheblich höherem Grade, als schon 
bei Gesunden, die Möglichkeit, nach den verschiedensten Rich- 
tungen hin Störungen des körperlichen Wohlbefindens zu erzeugen. 
Vielfach sind es wirkliche, aber durch die lebendige Einbildungs- 
kraft der Kranken bis ins Ungeheuerliche vergrößerte Beschwerden, 
an die sich hypochondrische Vorstellungen anknüpfen. Das Gefühl 
einer allgemeinen Schwäche infolge von Blutarmut, Verdauungs- 
beschwerden, Kopfschmerzen verschiedener Art, unangenehme 
Empfindungen längs des Rückens, in den Beinen, im Unterleibe, 
am Herzen bieten der empfänglichen Selbstbetrachtung die Anhalts- 
punkte für den Aufbau eines äußerst merkwürdigen und quälenden 
Leidens, dessen Einzelheiten in feinster Ausmalung und wirkungs- 
vollen Übertreibungen bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund ge- 
schoben werden. 

Auch psychische Leiden können den Stoff für die hypochondrische 
Verarbeitung abgeben. Entsetzliche Gedanken, Angstzustände, die 
Erinnerung an die unerhörten Schicksale ihres Lebens, an geschlecht- 
liche Angriffe, furchtbare Seelenpein, Träume von grauenhafter Aus- 
führlichkeit und Schrecklichkeit, schauerliche nächtliche Sinnes- 
täuschungen pressen den Kranken Sturzbäche von Tränen aus den 
Augen und bringen sie an den Rand der Verzweiflung. Der nach- 
folgende Ausschnitt aus einem Briefe an den Arzt zeigt diese Eigen- 
tümlichkeiten deutlich : 

„1. Ich kann es nicht begreifen, daß Sie gegen manche Kranke so un- 
gehalten sein können wie z. B. gegen mich besonders. 2. Glauben Sie viel- 
leicht es ist mir so einerlei — o weit entfernt davon. 3. Gedenken Sie nur, 
daß ich kenne es deutlich, daß mein armseliges Leben sehr abgekürzt worden 
ist . . . 4. Wer ist wol Schuld daran, als die verfluchte Menschheit. 5. Wo da 
der Grund begraben liegt, das weiß Gott im Himmel, dazu ist mein Verstand 
zu schwach. 6. Ich weiß das wol, daß ich schon öfters gesagt habe, ich nehme 
mir doch noch mein Leben, denn so darf und kann es doch nicht lange fort 
gehen. 8. Aber ich kann das nicht mit Gewißheit sagen, ob es dennoch noch 



Psychische Krankheitszeichen. 1563 

geschieht. 9. Lebensüberdrüssig bin ich doch so wie so; das vergeht jetzt 
nicht so schnell wie es gekommen ist. 9. Denn Tag und Nacht keine Ruhe 
haben, das ist wol unerhört, und ich habe nirgends keinen Trost zu finden; 
da gehört wol Kraft dazu. 10. Solche Ereignisse, das verbittert das Leben 
auf das allerhöchste, ist wol unerhört . . 14. Denn die unheimlichen Ge- 
danken immer ertragen zu müssen, das ist entsetzlich. 15. Als wie z. B., 
wenn ich in der Frühe aufstehen sollte, so meine ich fast, ich kann kein Glied 
nicht rühren, so steif und kein Gefühl ist mehr in mir. 16. Ich kann es nicht 
mehr ertragen . . 18. Bedenken Sie einmal, daß ich mich schon so viel über- 
wunden habe, und es hilft aber alles nichts. 19. Ich denke mir immer, für 
was plage ich mich noch herum auf dieser Teufelswelt; ich habe wol nichts 
verloren . . 22. Hätten mich meine Geschwister nur anders behandelt, so 
wäre es nicht so weit gekommen . . 24. an keinem natürlichem Tod sterbe 
ich so wie so nicht, das weiß ich im voraus . . 25. Es ist ganz gut, daß ich 
keinen freien Ausgang nicht habe, denn vor allem wäre das erste der Gottes- 
acker. 26. Und was noch geschehen würde, das wüßte ich noch nicht. 
27. Denn die Wasserflächen spiegeln mir immer vor Augen. 28. Aber nur 
dann würden mir solche Gedanken kommen, wenn ich allein wäre. 29. Aber 
eines hält mich immer noch zurück, und das sind meine Vorgesetzten, welche 
es so gut meinen mit mir, und das ist das beste, was ich noch habe. 30. Wo 
soll ich denn Kraft dazu hernehmen, wo ich schon seit 14 Tagen keine einzige 
Nacht, wo ich zwei Stunden schlafen kann. 31. Dann habe ich so auch aus- 
zustehen mit den entsetzlichen Gedanken und schauderhaften Erschei- 
nungen. 32. Was ich mir mit dem Erbrechen viel ausstehen muß, und was 
kann ich dabei tun — nichts. 3^. Ich weiß das schon, daß Sie schon so vieles 
angefangen haben. 34. Es wäre kein Wunder nicht, es würde Ihre Geduld 
erschöpft. 35. Aber es könnte noch weiter kommen, daß es mir so ergehen 
könnte als meiner seligen Mutter, die ist an dem nämlichen Leiden gestorben . . 
Ihre höchst gefährliche Patientin . ." 

Eine erhebliche Rolle spielt bei der Entstehung hysterischer Stö- 
rungen die große Beeinflußbarkeit der Kranken. Schon der An- 
blick von aufregenden Krankheitserscheinungen bei anderen kann bei 
ihnen ähnliche Zufälle auslösen, so wie etwa der Gesunde die Schmer- 
zen beim Ausbrennen einer Wunde, bei einem Einschnitt oder bei 
einer Zahnoperation mitfühlt ; nur hat beim Hysterischen die Um- 
setzung solcher Mitempfindungen in körperliche Störungen einen viel 
größeren Spielraum. Namentlich der Anblick epileptischer oder 
hysterischer Krämpfe, choreatischer Zuckungen pflegt die unbe- 
wußte Nachahmung Hysterischer sehr herauszufordern, aber auch 
andere Beeinflussungen können in dieser Richtung wirken. Eine 
meiner Kranken zeigte Harnverhaltung, als sie eine Mitkranke hatte 
katheterisieren sehen; andere bekommen Gehstörungen, wenn sie 
neben gelähmten Kranken liegen. Einzelne Kranke vermögen so- 



1564 XIII. Die Hysterie. 

gar dem Anreize nicht zu widerstehen, absichtlich Störungen bei 
sich selbst vorzutäuschen, die sie bei anderen gesehen haben, Blut- 
brechen, Hautgeschwüre, Gebärmutterblutungen. 

Weiterhin aber kommt es hier und da zu einer Art Selbstnach- 
ahmung. Schmerzen und Unbehagen, die zunächst durch irgendein 
Leiden erzeugt wurden, verlieren sich nicht mit dem Schwinden der 
Ursache, sondern sie dauern fort und werden gewissermaßen fest- 
gehalten, können unter Umständen sogar noch größere Ausdehnung 
gewinnen. Störungen, die früher Begleiterscheinungen einer körper- 
lichen Krankheit waren, tauchen nach längerer Frist selbständig 
wieder auf. Ein Kranker, der eine Sydenhamsche Chorea über- 
standen hatte, bot später wiederholt choreaähnliche Zuckungen im 
Anschlüsse an Gemütsbewegungen dar; ein anderer, dessen Glieder 
einmal durch Gelenkrheumatismus längere Zeit unbeweglich ge- 
worden waren, zeigte nach Jahren aus psychischem Anlasse eine 
ganz ähnliche Starrheit einzelner Glieder. Eine Kranke, die wegen 
des allerdings unbegründeten Verdachtes einer tuberkulösen Spon- 
dylitis längere Zeit hindurch die Rückenlage einhalten mußte, ver- 
lor dadurch allmählich vollständig jede Bewegungsfähigkeit der 
Beine und Füße unter gleichzeitigem hochgradigstem Muskel- 
schwund. 

Endlich aber wirkt im Sinne einer Steigerung und Entwicklung 
von allen möglichen Krankheitserscheinungen vor allem auch die 
Ängstlichkeit und Besorgtheit der Umgebung ein. Die lebhaften 
Klagen und namentlich die auch oft sehr aufregenden Störungen 
wecken naturgemäß bei der laienhaften Umgebung und besonders 
bei überängstlichen Angehörigen die ernstesten Befürchtungen und 
eine zu jedem Opfer entschlossene Hilfsbereitschaft. Dadurch aber 
erhält bei den Kranken das Gefühl des außerordentlichen Leidens 
immer neue Nahrung. Zugleich wird die immer bedrohlichere Fort- 
entwicklung des Krankheitsbildes zu einer Macht, die dem Kranken 
die unbedingte Herrschaft über seine Umgebung verschafft und die 
pünktliche Befriedigung jeder Laune erzwingt. So steigern sich die 
Krankheitszeichen und damit die Angst und Aufregung der Um- 
gebung, und es entsteht eine Wechselwirkung, die zu der Züchtung 
ganz abenteuerlicher Krankheitsbilder führen kann. Entfernung 
aus diesen Einflüssen und nüchterne, sachliche Behandlung bringt 
sie dann gewöhnlich rasch zum Verschwinden. 



Psychische Krankheitszeichen. 1565 

Die hypochondrischen Beschwerden führen die hysterischen 
Kranken vielfach den Ärzten zu; öfters besteht ein ausgeprägtes 
Arztbedürfnis. Der Arzt soll sich ihnen besonders widmen, auf ihre 
Klagen und Wünsche ausführlich eingehen, jeden Augenblick zu 
ihrer Verfügung stehen. Sie lieben es daher, ihn auch in der Zwischen- 
zeit immer über ihre Zustände zu unterrichten, ihn mit Briefen zu 
überschütten, seine Hilfe bei den geringfügigsten Anlässen tags oder 
nachts in Anspruch zu nehmen. Auf diese Weise kann sich eine 
geradezu hilflose Abhängigkeit von einem bestimmten Arzte heraus- 
bilden, ohne den die Kranken nicht leben zu können glauben. 
Meistens jedoch wechseln diese Beziehungen häufiger. Die an- 
spruchsvollen Kranken fühlen sich nicht genügend berücksichtigt, 
in ihren hochgespannten Erwartungen getäuscht ; überdies sehnen 
sie sich nach Veränderung. So kommt es, daß sie bisweilen von einem 
Arzte zum andern wandern, zahllose Berühmtheiten und Spezialisten 
um Rat fragen, aber nirgends aushalten, die eingeholten Ratschläge 
gar nicht oder nach Gutdünken befolgen. Man sieht solche Kranke, 
die alle nur erdenklichen Heilverfahren schon an sich erprobt haben 
und mit Begeisterung jedes neue Arzneimittel schlucken, freilich 
nur, um nach kurzer Zeit wieder zu dem allerneuesten überzugehen. 
,,Sie kann in vielen Stücken ihr Arzt selbst sein", schrieb mir der 
Mann einer solchen Kranken. Schließlich fallen sie dann oft genug 
Kurpfuschern in die Hände, die ihren Neigungen entgegenkommen, 
ihren Drang nach wunderbaren Kuren befriedigen und dadurch 
bisweilen erstaunliche Erfolge erzielen. Auch die Wallfahrtsorte 
haben von ihnen reichlichen Zuspruch. 

In einzelnen Fällen kann das allmählich immer reichhaltiger 
entwickelte Leiden zum Mittelpunkte der gesamten Interessen des 
Kranken werden. Es macht ihm Eindruck, gibt ihm eine Art Aus- 
nahmestellung gegenüber allen anderen Menschen und wird schließ- 
lich gar mit einem gewissen heimlichen Stolze erduldet. Ja, es kann 
dahin kommen, daß die Krankheit trotz der mit ihr verbundenen 
Beschränkungen zu einer Quelle der Unterhaltung, zum eigentlichen 
Lebensberufe wird, dem die Kranken nur mit entschiedenem, 
wenn auch geheimem, nicht klar bewußtem Widerstreben entsagen 
würden. Die Störungen, die an sich weit geringfügiger sind, als die 
Kranken zugeben möchten, sind ein Teil ihrer Persönlichkeit ge- 
worden, dessen Schwinden eine Lücke und damit die Notwendigkeit 



1566 XIII. Die Hysterie. 

neuer Entschlüsse und Ziele, einer Neueinstellung auf das Leben 
bedingen würde. Die Krankheit mit der offenkundigen und immer 
wieder stark betonten Hilfsbedürftigkeit gewährt ihnen die Berechti- 
gung, nicht nur ausschließlich sich selbst zu leben, sondern auch 
noch die Unterstützung der Umgebung in ausgiebigster Weise in 
Anspruch zu nehmen. Unter diesen Umständen erscheint das Krank- 
sein leichter, als das Leben in Gesundheit mit seinen sofort sich 
meldenden Anforderungen an den durch Schonung lange verweich- 
lichten und geschwächten Willen. 

Wir machen daher die merkwürdige Beobachtung, daß die Kran- 
ken trotz ihrer beweglichen Klagen doch gänzlich unfähig erschei- 
nen, ernsthaft und zielbewußt an ihrer Wiederherstellung zu ar- 
beiten. Nicht selten streben sie die Verordnungen des Arztes, den 
sie selbst aufgesucht haben, auf alle Weise zu umgehen, tragen eine 
gewisse Genugtuung zur Schau, wenn ihnen das gelungen ist. So- 
bald von ihrer Ausdauer und Beharrlichkeit die gewissenhafte Durch- 
führung eines langwierigen Kurplans gefordert wird, pflegen sie 
ungemein rasch zu versagen. Ihnen fehlt mehr oder weniger voll- 
ständig das Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit für ihre Gesund- 
heit, die natürliche, brennende Sehnsucht nach Genesung, nament- 
lich aber die Kraft, sich auf dornigem Wege zu ihr durchzukämp- 
fen. Der Arzt hat dafür zu sorgen, daß sie sich wohl fühlen ; ihn 
klagen sie an bei jeder Störung, um sich zu entlasten. Nicht für 
sich, sondern ihm zu Gefallen unterziehen sie sich der Behandlung, 
die ihnen daher keine Unbequemlichkeiten zumuten darf. Nur wo 
es ganz absonderliche, neu erfundene Methoden oder große Ope- 
rationen gilt, sind sie gern bereit, erstaunliche Dinge zu ertragen. 

Unter Umständen stemmen sich die Kranken jedem Schritte zur 
Genesung mit größtem Nachdrucke entgegen. Sie sind entrüstet, 
wenn der Arzt in irgendeinem Punkte eine Besserung findet, er- 
klären ihn für einen Dummkopf, wenden sich sofort an eine andere 
Autorität und verdoppeln ihre Klagen oder fördern ganz neue Krank- 
heitserscheinungen zutage. Die ziemlich verbreitete Neigung der 
Kranken zu Übertreibungen und selbst zur Vortäuschung von Stö- 
rungen hat ihre Wurzel zum Teil gewiß in der Befürchtung, daß 
man die Schwere ihres Leidens unterschätzen und sie für gesund 
erklären könne. Bei manchen Kranken entwickelt sich ein solcher 
Abscheu vor den Anforderungen des gesunden Lebens und eine so 



Psychische Krankheitszeichen. 1567 

tiefe Überzeugung von ihrem Anrecht auf fremde Hilfe, daß sie 
dauernd und endgültig auf jeden Versuch der Wiederherstellung 
verzichten und ihr Leben durch Herumwandern aus einem Kranken- 
hause oder Sanatorium in das andere ausfüllen. 

Die eigentümliche Stellung, welche die hier geschilderten Kran- 
ken gegenüber ihrem Leiden einnehmen, ist der Grund, warum sie 
trotz ihrer beweglichen, nie ermüdenden Klagen doch offenbar ver- 
hältnismäßig wenig gequält erscheinen. Da sie von dem Gefühle 
durchdrungen sind, daß die gegebene Sachlage sich wahrscheinlich 
nicht wesentlich ändern wird, und daß auch eine Genesung ihre 
Schattenseiten haben würde, finden sie sich mit ihrer Krankheit ge- 
wissermaßen ab, richten sich dauernd auf sie ein. Sie sind jedoch 
dabei in der Regel gar nicht geneigt, auf den Lebensgenuß zu ver- 
zichten, so sehr ihnen auch ihr Leiden den Geschmack daran 
verbittern sollte. Sie knüpfen überall ausgedehnte Beziehungen an, 
empfangen zahlreiche Besuche, schreiben Briefe nach allen Rich- 
tungen, müssen überall dabei sein. Man ist erstaunt, die Kranken, 
die sich vor kurzem noch fast am Rande des Grabes fühlten und 
ihre übermenschlichen Schmerzen mit heldenhafter Ergebung zur 
Schau trugen, anstrengende Vergnügungen von Anfang bis zu Ende 
mitmachen zu sehen, vielleicht allerdings, um dann sofort wieder 
gänzlich zusammenzubrechen. Es kommt vor, daß die gelähmten 
Kranken sich nicht davon abhalten lassen, weite Reisen zu machen, 
Gesellschaften zu geben, Museen zu besuchen. Ich selbst sah eine 
deutsche Dame mit gelähmten Beinen, von zwei Männern getragen, 
oben auf der Akropolis. Das vermag nur die Hysterie zu leisten. 

Im Handeln und Benehmen der Hysterischen pflegt sich vor 
allem ihre gesteigerte gemütliche Erregbarkeit zu zeigen. Es gibt 
zwar eine große Zahl von Kranken, die für gewöhnlich keine auf- 
fallenderen Züge darbieten und ruhige, fleißige, bescheidene, ver- 
ständige Arbeiter sind. In der Regel jedoch kommt in ihrer Lebens- 
führung und ihrem Verhalten zur Umgebung die Unausgeglichenheit 
ihres Gemütslebens und die unvermittelte Heftigkeit ihrer Gefühls- 
regungen zum Ausdruck. Zunächst zeigen sich deren Wirkungen in 
dem Schwanken ihres Wollens zwischen Bestimmbarkeit und Eigen- 
sinn. Auf der einen Seite sind die Kranken allen möglichen Einwir- 
kungen zugänglich, rasch begeistert, ebenso rasch aber auch wieder 
abgelenkt. Ihr Verhalten wie ihre Beschwerden können durch die 



1^68 XIII. Die Hysterie. 

verschiedenartigsten, gelegentlich unsinnigsten Maßregeln in ent- 
scheidender Weise beeinflußt werden. So wenig sie vielfach Ver- 
nunftgründen und Überlegungen zugänglich sind, so leicht sind sie 
unter Umständen bereit, sich einem ihnen entgegentretenden festen 
Willen rückhaltlos zu fügen und sich nach Belieben leiten zu lassen. 
Auch das Beispiel hat für ihr Handeln eine sehr große Bedeutung. 

Nur in scheinbarem Widerspruche zu ihrer Bestimmbarkeit steht 
die häufig sehr stark hervortretende launenhafte Eigenwilligkeit. 
Wenn sie sich etwas ,,in den Kopf gesetzt*' haben, so kann es außer- 
ordentlich schwer werden, ihren Widerstand zu überwinden ; sie 
sind dann widerspenstig, hartnäckig, zähe und unlenksam. Man 
sieht solche Kranke bisweilen ohne erkennbaren Beweggrund sich 
lange Zeit hindurch den peinlichsten Selbstquälereien unterziehen, 
sich heimlich verletzen, die Nahrung verweigern, auf das Sprechen 
verzichten, sinnlos brüllen. Mehrfach sind mir junge Mädchen vor- 
gekommen, die mit unglaublich geringen Nahrungsmengen Jahr und 
Tag an der Grenze des Verhungerns geblieben und zum Skelett ab- 
gemagert waren, während der Versuch ergab, daß sie körperlich nicht 
im geringsten am ausreichenden Essen behindert waren. In Wirk- 
lichkeit wird dieses widerspruchsvolle Verhalten durch die Unfähig- 
keit bedingt, aus dem einmal eingefahrenen Geleise aus eigener 
Kraft wieder in die natürlichen Bahnen zu gelangen. In den er- 
wähnten Fällen genügte ein Machtspruch, um die eingewurzelte 
Gewohnheit sofort zu beseitigen. 

Nicht zu verkennen ist es, daß bei Hysterischen vielfach die 
zwingende Gewalt der natürlichen Triebe abgeschwächt erscheint. 
Man kann daran denken, daß durch die lebhaften und auch die 
körperlichen Gebiete stark in Mitleidenschaft ziehenden Gemüts- 
bewegungen das selbstverständliche und zuverlässige Wirken der 
natürlichen Triebe in ähnlicher Weise gestört wird, wie etwa der 
Ablauf unwillkürlicher Bewegungen durch die Einmischung von 
Überlegungen, Ängstlichkeit, willkürlichen Bemühungen. So hat 
die Nahrungsaufnahme unter dem launenhaften Einflüsse aller 
möglichen Neigungen, Abneigungen und Vorurteilen zu leiden. Die 
Kranken vertragen bald diese, bald jene Speisen nicht, erbrechen 
bei den geringfügigsten Anlässen, bisweilen nach jeder Mahlzeit, 
oder sie schränken ihren Speisezettel auf ganz wenige Gerichte 
ein, die dann jahrelang genossen werden, um unvermittelt wieder 



Psychische Krankheitszeichen. 1569 

durch andere ersetzt zu werden. Einer meiner Kranken konnte 
lange Zeit hindurch nur Beefsteak essen; ein Knabe nährte sich 
ausschließlich von Kakao. Auch das natürliche Eintreten des Ruhe- 
und Schlafbedürfnisses ist vielfach gestört. Die Kranken sind zeit- 
weise bis zur äußersten Erschöpfung rastlos tätig, um sich dann 
wieder wochen- und monatelang zu jeder Anstrengung unfähig zu 
fühlen; sie finden abends durchaus keinen Schlaf, verscheuchen 
ihn auch wohl durch eine unzweckmäßige Lebensführung, werden 
aber vielleicht mitten am Tage plötzlich von unüberwindlichem 
Schlafbedürfnisse bewältigt. Die gleiche Unordnung zeigt öfters 
auch ihr Geschlechtsleben, sprunghaften Wechsel von Kälte und 
Begehrlichkeit, Zugänglichkeit für alle möglichen Verirrungen. 

Eine weitere Folge der Abhängigkeit des Handelns von leb- 
haften und schwankenden Gefühlen ist seine Triebhaftigkeit und 
Unüberlegtheit. Plötzliche Aufwallungen werden sofort in mitunter 
sehr folgenschwere Taten umgesetzt ; Entschlüsse tauchen auf und 
werden wieder verdrängt ; es kommt zu raschen Anläufen und un- 
vermitteltem Versagen. Besonders verhängnisvoll werden natürlich 
für das Handeln die leicht sich einstellenden Erregungszustände. 
Die Kranken ,, machen Krach", verlieren dabei sofort ihre Selbst- 
beherrschung, schimpfen und schreien maßlos, zerstören, was ihnen 
in die Hand fällt, zerschlagen die Fenster, gehen auf ihre Um- 
gebung los, bedrohen sie, werden gewalttätig, kratzen und beißen. 
Namentlich aber schreiten sie ungemein häufig zum Selbstmord- 
versuche. Nicht weniger als ein Viertel meiner Kranken hatten sich 
mit dem Gedanken getragen, das Leben fortzuwerfen, oder waren 
sogar zur Ausführung ihres Vorhabens geschritten, meist aus ganz 
nichtigen Gründen, in augenblicklicher Erregung. Eine Kranke 
sprang aus Ärger über eine Mitkranke vom Balkon herunter ; an- 
dere gehen ins Wasser, weil ihnen gekündigt wurde, weil die Haus- 
frau sie schalt, nach einem Zank mit dem Schatz. Einzelne Kranke 
machten eine ganze Reihe von Selbstmordversuchen ; so verschluckte 
eine Kranke zu verschiedenen Zeiten ihren Fingerhut, suchte sich 
die Pulsadern aufzubeißen, sprang in die Isar und aus dem Fenster. 

Allerdings pflegen die Selbstmordversuche Hysterischer verhältnis- 
mäßig selten zum Ziele zu führen, da sie oft mit untauglichen Mitteln 
und ohne Tatkraft angestellt werden, sei es, daß die treibende Ge- 
mütsbewegung trotz der Heftigkeit ihrer Äußerungen doch nur 



1570 XIII. Die Hysterie. 

oberflächlich ist, sei es, daß die Kranken überhaupt nicht die ernste 
Absicht haben, sich etwas anzutun, sondern nur eine gewisse äußer- 
liche Wirkung erzielen wollen. Sie ritzen sich ein wenig am Arm, 
machen Anstalten, sich auf einer Brücke zu entkleiden, über die 
Brüstung zu springen, schlingen ein Taschentuch, einen Bindfaden, 
das Strumpfband um den Hals, stoßen mit dem Kopfe gegen die 
Wand, legen ein Messer unter das Kopfkissen, kaufen sich einen 
Revolver. Ein Kranker strich sich Bleiweiß auf die Zunge ; ein 
anderer hängte sich in einer belebten Straße an einen Laternenpfahl. 
Eine Kranke verschluckte den Knopf einer elektrischen Klingel ; 
eine andere trank ein Glas mit grüner Tinte aus ; eine dritte aß 
bittere Mandeln, um sich zu vergiften. Vielfach kündigen die Kran- 
ken ihre selbstmörderischen Absichten vorher an, schreiben rührende 
Abschiedsbriefe. Ein Beispiel dafür gibt folgendes, von einem Dienst- 
mädchen verfaßtes, ,,an Eltern, Verwandte und Bekannte* ' gerich- 
tetes Bruchstück : 

„Im 17. Lebensjahre im schönsten Jahre der Blüten sind meine wenigen 
Stunden schon abgezählt. Ihr werdet es mir nicht in übel haben, daß ich 
etwas getan habe, denn mich kann ja niemand mehr leiden. Von allen 
Seiten bin ich verstoßen und verachtet. In diesem Falle habe ich auf der 
Welt nichts mehr zu suchen; denn ich irre umher wie ein verlorenes Schaf, 
das seine Herde nicht mehr findet. Ein jedes hat mir die gemeinsten Schimpf- 
namen gegeben, z. B. ich wäre ein Mensch, eine Hure; mehr hättet Ihr 
Euch nicht ausdrücken können und nur dies hat mich gebracht in die größte 
Verzweiflung . . Einen Fehler macht ein jedes und es wird ihm verziehen; 
bei mir sagte aber ein jedes, man kann mir das niemals mehr verzeihen. 
Wenn man mir nicht mehr verzeihen kann, so bin ich lieber tot wie lebendig . . 
Eine innere Stimme sagt mir, daß meine Stunde abgelaufen ist. Ich werde 
ein Opfer eines himmelblauen Sees; ich stürze mich hinab in die Wellen der 
Ostsee. Es ist der schönste und leichteste Tod für mich wo ich mir denken 
kann, denn da weiß ich gewiß, daß mich niemand mehr retten kann, sondern 
nur mehr als eine verstümmelte Leiche ans Land geschwemmt werde. Aber 
nicht daß Ihr denkt, ich habe es getan in einem Anfall von momentaner 
Geistesstörung; Nein! Ich hab es bei vollem Bewußtsein gemacht, und 
zwar mein Vorsatz dauerte schon Monate lang . . Wer über mich nach mei- 
nem Tode schimpft oder mir sonst etwas schlechtes nachredet, denjenigen 
wird mein Geist Tag und Nacht verfolgen und er wird nirgends Ruhe und 
Rast finden, denn sein Gewissen peinigt ihn, wie wenn er ein schweres Ver- 
brechen begangen hätte . . Es ist freilich nicht recht, daß ich so etwas mache, 
aber mein Karakter läßt es nicht zu, denn mein Geist ist stärker, als ich selbst 
bin und ich kann ihn nicht mehr überwinden . . Als ich noch ein unschuldiges 
Kind war und das erste Mal die Augen aufschlug, hat mich mein Vater nicht 



Psychische Krankheitszeichen. I57 1 

angeschaut, das ist mir Beweis genug, daß ich nur zum Unglück geboren 
bin. Das Schicksal hat über mich schon das Loos geworfen . . Ihr könnt 
Euch denken, daß ich schon so manche Träne vergossen habe, weil ich 
mein junges, zartes Leben so dahingehen muß. Man weiß nicht, für was es 
besser ist; Ihr werdet gewiß alle recht froh sein, denn da braucht Ihr für mich 
zur Beerdigung und sonst weiter kein Geld mehr auszugeben. Ich habe auch 
diesen Wahn in mir, eine Sängerin zu werden, und wenn ich davon einmal 
etwas gesagt habe, dann war der Teufel los. Daß ich dieses Talent habe, 
dafür kann ich nicht . . Ihr braucht Euch nicht zu kümmern und zu sorgen, 
was aus mir noch werden kann; jetzt brauche ich auch keinen Mann mehr. 
Es ist Zeit, daß ich mein Schreiben schließe; da will ich noch mein letztes 
Lieblingslied aufschreiben: Das ist im Leben häßlich (u. s. w.) . . Auch 
meine Herrschaft hat viel mit beigetragen und zwar nur mit ihrem Schimpfen. 
Viele Grüße noch an meinen Herrmann." 

Die eigentümliche Mischung von kindlicher Romantik und Welt- 
schmerz, das heldenhafte Selbstgefühl und das Haschen nach Mit- 
leid sind überaus kennzeichnend für die Hysterie der jungen Mäd- 
chen ; dazwischen hinein klingt leise die Liebessehnsucht. 

Es muß jedoch ausdrücklich betont werden, daß die Selbstmord- 
versuche Hysterischer durchaus nicht immer so harmlos sind. In 
der Erregung gehen die Kranken bisweilen auch ganz rücksichtslos zu 
Werke, nehmen irgendein Gift, das gerade zur Hand ist, Sublimat, 
Phosphor, Morphium, Chloralhydrat, Lysol, öffnen den Gashahn, 
springen aus dem Fenster, schießen sich in die Brust. Öfters wählen 
sie dabei Aufsehen erregende, besonders wirkungsvolle Todesarten, 
Herabstürzen von hohen Türmen oder Brücken, Selbstverbrennung 
mit Petroleum, Erschießen in der Wohnung oder vor dem Hause des 
Geliebten; auch hier bleibt es freilich oft bei den vorbereitenden 
Schritten. 

Aus der beherrschenden Bedeutung, die für das Leben mancher 
Hysterischen ihre Krankheitszustände gewinnen, aus der Furcht, 
die bevorzugte Stellung als bemitleidete und verhätschelte Kranke 
einzubüßen, sowie aus der Freude an aufregenden Erlebnissen er- 
klärt sich die merkwürdige Tatsache, daß von ihnen nicht ganz 
selten die schlauesten und hartnäckigsten Versuche gemacht werden, 
ernste Krankheitserscheinungen vorzutäuschen, ja, daß unter Um- 
ständen sogar quälende und gefährliche Selbstverletzungen zu diesem 
Zwecke vorgenommen werden. Durch vorheriges Erwärmen oder 
Reiben bei der Messung wird das Thermometer in die Höhe getrieben ; 
aus Verletzungen des Zahnfleisches oder der Nasenmuscheln wird Blut 



1572 XIII. Die Hysterie. 

in das Erbrochene oder den Auswurf gebracht ; auch das Menstrual- 
blut kann dazu verwendet werden. Manche Kranke geben vor, 
monatelang nichts zu essen, verschaffen sich aber die Nahrung 
heimlich in der Nacht mit Hilfe anderer, vielleicht ganz blödsinniger 
Kranker; sie beseitigen unbemerkt Stuhl und Harn, trinken sogar 
letzteren, um ihn wieder zu erbrechen, bringen auch Kot in das Er- 
brochene. Rothmann und Nathanson beschreiben eine Kranke, 
die monatelang, anscheinend durch Einspritzen von Milch in die 
Blase, Chylurie vortäuschte. Eine Kranke von Speleers weinte mit 
Kupfersulfat grünblau gefärbte Tränen; Göbel stellte fest, daß 
Ödem durch Umschnüren der Glieder erzeugt wurde ; bei einer 
Kranken Siemerlings fand sich Kot in der Scheide. 

Andere Kranke bringen sich Hautverbrennungen mit Salzsäure, 
Lysol, ungelöschtem Kalk bei, selbst unter Verbänden. In Fig. 270 
gebe ich das Bild einer 21jährigen, schwer hysterischen Kranken, die 
nach wiederholten Laparotomien wegen „Appendicitis" mit immer 
neu auftretenden, auf Verwachsungen zurückgeführten Beschwer- 
den im Leibe sich schließlich heimlich ausgedehnte Hautverätzungen 
durch Lysol ( ?) erzeugte, um sich dadurch das Mitleid der Ärzte 
weiter zu erhalten. Einer meiner Kranken, der ziemlich schwach- 
sinnig war, wußte sich in eine Bruchschnittwunde immer von neuem 
abgebrochene Streichhölzer und Drahtstückchen hineinzubringen ; 
er litt jahrelang an Abszessen, aus denen sich derartige Fremd- 
körper entwickelten. Eine Kranke brachte sich Staub und Splitter 
ins Auge, rieb sich wund ; eine andere verletzte sich wiederholt heim- 
lich schwer mit einer Schere in der Vagina, um Blutungen zu erzeugen. 
Sgalitzer berichtet über ein hysterisches Mädchen, das sich zu- 
nächst ein Stück Staniol, dann 8 lange, mit Widerhaken versehene 
Eisennägel in die Weichteile des Handgelenks einbohrte, während 
Mc Arthur eine Kranke beobachtete, die es nach operativer Ent- 
fernung der inneren Geschlechtsteile durch fortgesetzte Selbst- 
mißhandlung erreichte, daß ihr nacheinander zunächst die Finger, 
dann der linke Unterarm und schließlich auch der Oberarm bis 
zur Schulter abgenommen werden mußte. 

Aus solchen und ähnlichen Beobachtungen hat man nicht selten 
den in der Tat verführerischen Schluß gezogen, daß es sich bei 
Hysterischen überhaupt nicht um Krankheit, sondern um ganz 
gewöhnliche Verstellung handele. Ohne Zweifel werden einzelne 



Psychische Krankheitszeichen. 



1573 



Krankheitszeichen von Hysterischen willkürlich und zweckbewußt 
vorgetäuscht. Man darf indessen nicht außer acht lassen, daß uns 
die Neigung zu einer Art Vortäuschung einzelner Störungen auch bei 
einer Reihe von anderen psychischen Erkrankungen gelegentlich 
begegnet. Es wäre jedenfalls durchaus verkehrt, aus dem Nachweise 
einer absichtlichen Täuschung auf den Mangel einer psychischen 
Erkrankung überhaupt schließen zu wollen. Wenn auch diese oder 
jene von dem Kranken 
behauptete Störung in 
Wirklichkeit nicht vor- 
handen ist, so fällt doch 
eben die eigentümliche 
Neigung zur Täuschung 
des Arztes und der dem 
gesunden Menschen ganz 
unverständliche Beweg- 
grund selber ohne Zwei- 
fel in das Gebiet des 

Krankhaften hinein. 
Noch einleuchtender ist 
das für die sinnlosen 
Selbstquälereien. 

Die Lebensführung 
der Kranken wird durch 
die Triebartigkeit ihres 
Handelns vielfach eine 
unstete und unberechen- 
bare. Ihr Hang zum Aben- 
teuerlichen veranlaßt 
sie, das Ungewöhnliche 

aufzusuchen, ins Ausland zu gehen, Verlockungen zu folgen, herum- 
zureisen, immer wieder etwas neues zu unternehmen. Sie halten 
nirgends lange aus, wechseln häufig die Stellen, lassen sich treiben, 
geraten in die merkwürdigsten Lebenslagen. Ihr Benehmen schwankt 
dabei unvermittelt zwischen herausfordernder Ungebundenheit, 
sprudelnder Lebhaftigkeit, gesuchter Derbheit einerseits, gezierter 
Unnahbarkeit, Verschämtheit, gereizter Ablehnung oder leidseliger 
Empfindsamkeit andererseits. Ihr ganzes Verhalten gewinnt durch 




Fig. 270. Hautverätzungen bei Hysterie. 



Kraepel in, Psychiatrie IV. 8 . Aufl. 



12 



1574 



XIII. Die Hysterie. 



diese Unausgeglichenheit öfters den Anstrich des Läppischen, Alber- 
nen, Kindischen. Auf ihr Äußeres pflegen die Kranken in der 
Regel etwas zu halten. Sie sind gefallsüchtig, eitel, putzen sich 
möglichst vorteilhaft heraus, bald glänzend, auffallend, mit kühnen 
Frisuren, bald mit berechneter Einfachheit. Daneben haben sie oft 
Sinn für Zierlichkeit und Behaglichkeit, sammeln allerlei niedliche 
Sachen um sich, die sie malerisch aufzubauen lieben. Ein Bild 
davon gibt die Fig. 271. 




Fig. 271. Hysterische Kranke im Bett. 

Die Arbeitsfähigkeit der Hysterischen wird natürlich durch die 
Schwankungen ihres gemütlichen Gleichgewichtes stark beein- 
trächtigt. Sie gehen zwar an eine neue Aufgabe mit Eifer heran, 
erlahmen aber nach kurzer Zeit, springen ab, haben keine Neigung, 
sich zu vertiefen, betreiben die Dinge spielerisch, ohne Ernst und 
Ausdauer. Zudem sind sie vielfachen Launen und Stimmungen 
unterworfen, fühlen sich plötzlich angegriffen, bekommen unüber- 
windliche Abneigungen, werden durch die Arbeit nervös. Gleich- 
wohl entwickeln manche Hysterische in der Verfolgung ihrer Ziele 
eine große Hartnäckigkeit, lassen sich durch keine Schwierigkeiten 
abschrecken, opfern für irgendeine leidenschaftlich erfaßte Aufgabe 



Psychische Krankheitszeichen. 1575 

Bequemlichkeit, Schlaf und Gesundheit. Nicht selten zeigen die 
Kranken künstlerischen Geschmack und Geschick, vertun aber doch 
meist ihre Zeit mit allerlei Nichtigkeiten und Tändeleien, zierlichen 
Handarbeiten, dilettantischer Kunstbetätigung. 

Eine gewisse Zahl von Hysterischen zeigt einen mehr oder weniger 
hohen Grad von sittlicher Minderwertigkeit. Sie sind arbeitsscheu, 
leichtsinnig, genußsüchtig, naschhaft, lügenhaft, laufen aus Schule 
und Lehre, streunen herum und setzen den erzieherischen Einwir- 
kungen störrischen Eigensinn oder höhnische Ablehnung entgegen. 
Häufig führen sie allerlei unsinnige oder schlechte Streiche aus, 
zerstören heimlich Gegenstände, zerschneiden Kleider, begehen 
Diebstähle, Unterschlagungen, Schwindeleien, machen Schulden ; 
eine Kranke suchte mit Hilfe einer Bahnsteigkarte nach Paris zu 
reisen. Einzelne Hysterische vollführen Brandstiftungen, so eine mei- 
ner Kranken, weil sie gescholten worden war, eine andere, weil sie 
wünschte, das Landhaus möchte abbrennen, damit ihre Herrschaft 
wieder mit ihr in die Stadt zurückkehren müsse. Diese letztere 
schrieb in der Untersuchungshaft mit Blut aus ihrer Nase an die 
Wand: ,,Das Kind, was da gefangen genommen ist, die ist es nicht. 
Geschriebene Worte von Gott dem Vater. Gedenket des armen 
Kindes." Eine andere Kranke beschuldigte ihre Dienstherrin, sie 
mit Salzsäure vergiftet zu haben, und täuschte jahrelang ein schweres 
Magenleiden vor, so daß jene zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt 
wurde. Erst als sie späterhin eine angebliche Leuchtgasvergiftung 
ins Werk zu setzen suchte, wurde der hysterische Ursprung ihrer 
Beschuldigung erkannt. Derartige minderwertige Kranke pflegen 
sehr rasch auf eine abschüssige Bahn zu gelangen. Sie sind in hohem 
Grade der Gefahr des Alkoholismus ausgesetzt, werden auch leicht 
zu Landstreichern und Krankenhausbummlern; weibliche Kranke 
verfallen der Prostitution. 

Das hier in großen Zügen gezeichnete Bild der hysterischen 
Persönlichkeit ist natürlich nur die Zusammenfassung einer Reihe 
von ganz bestimmten Erfahrungen. Jeder einzelne Fall kann wieder 
seine Besonderheiten und wird vor allem eine gradweise sehr ver- 
schiedene Ausbildung der aufgezählten Eigentümlichkeiten dar- 
bieten. Von angesehenen Forschern, namentlich von Löwenfeld, 
ist die Ansicht vertreten worden, daß die hier geschilderte psychische 
Veränderung an sich gar nichts mit der Hysterie zu tun habe, son- 

12* 



1576 XIII. Die Hysterie. 

dem dem Bilde des Entartungsirreseins angehöre, das sich mit der 
Hysterie verbinden könne, aber nicht verbinden müsse. Dazu ist 
zu bemerken, daß ohne Zweifel zahlreiche Hysterische für gewöhn- 
lich keine auffallenderen Abweichungen in ihrem Gesamtverhalten 
erkennen lassen, namentlich diejenigen, bei denen, wie wir sehen 
werden, die hysterischen Störungen nur gewisse Lebensabschnitte 
begleiten. Insbesondere ist es gänzlich verfehlt, etwa die in einzel- 
nen, besonders hervorstechenden Fällen beobachteten sittlichen 
Mängel, die Neigung zum Lügen, Schwindeln, Verleumden, als eine 
allgemeine oder auch nur weit verbreitete Eigenschaft der Hyste- 
rischen anzusehen. Sobald man eine größere Zahl von Krankheits- 
fällen ins Auge faßt, wird es in der Tat klar, daß die genannten Züge 
auf einer Verbindung hysterischer Störungen mit anderen Formen 
des Entartungsirreseins beruhen. So haben wir ja früher schon 
gesehen, daß auch im Verlaufe des manisch-depressiven Irreseins 
nicht selten hysterische Krankheitszeichen zur Entwicklung gelangen. 

Auf der anderen Seite darf indessen wohl daran festgehalten 
werden, daß gewisse seelische Eigenschaften doch in näherer Be- 
ziehung zum Krankheitsbilde der Hysterie stehen, vor allem die über- 
mäßige Ausgiebigkeit der Gemütsbewegungen mit ihren oben ge- 
schilderten Einwirkungen auf das Denken und Handeln. Diese Eigen- 
schaften sind tatsächlich bei der überwältigenden Mehrzahl der Kran- 
ken mit hysterischen Krankheitserscheinungen leicht aufzufinden. 

Allerdings muß zugegeben werden, daß große Lebhaftigkeit 
der gemütlichen Regungen an sich noch kein Kennzeichen der 
Hysterie ist, sondern sich auch bei anderen, nicht hysterischen For- 
men des Entartungsirreseins findet. Hinzukommen muß noch die 
weit ausstrahlende Beeinflussung der verschiedensten körperlichen 
und seelischen Vorgänge. Es ist jedoch klar, daß für das Zustande- 
kommen dieser Wirkungen die leichte Beweglichkeit des Gemüts- 
lebens die wichtigste Vorbedingung bildet. Denken könnte man sich 
freilich, daß unter Umständen auch schwächere Gemütsbewegungen 
gerade eine besondere Neigung besitzen, Fernwirkungen zu ent- 
falten, und es soll nicht bestritten werden, daß dieser Fall ge- 
legentlich vorkommt; einzelne Kranke mit hysterischen Erschei- 
nungen werden wirklich als ruhig und unauffällig geschildert. In 
der Regel aber wird das Auftreten der hysterischen Fernwirkungen 
durch besondere Lebhaftigkeit der gemütlichen Schwankungen zum 



Körperliche Krankheitszeichen. *577 

mindesten sehr begünstigt werden. Gerade ihre Häufigkeit in den An- 
fällen des manisch-depressiven Irreseins scheint mir für diese Auf- 
fassung zu sprechen. Auch sonst sehen wir nicht selten bei leicht 
erregbaren Psychopathen hier und da einmal ein hysterisches Krank- 
heitszeichen auftauchen, obgleich wir nach ihrem sonstigen Verhalten 
noch nicht berechtigt wären, von einer wirklichen Hysterie zu sprechen. 

Nach der hier vertretenen Anschauung wäre also für das Krank- 
heitsbild der Hysterie die ausstrahlende Wirkung der Gemütsbewe- 
gungen nach den verschiedensten Richtungen hin wesentlich. Außer 
der bisher besprochenen Beeinflussung der geistigen Persönlichkeit 
beobachten wir auf dieser Grundlage auch eine ganze Reihe von 
körperlichen Krankheitserscheinungen, teils vorübergehen- 
der, teils länger dauernder Art. Namentlich die letzteren pflegt man 
als ,, Stigmata* * zu bezeichnen, weil ihr Nachweis das Bestehen einer 
hysterischen Veränderung aufzudecken vermag. Zunächst wären die 
Störungen der Sinneswahrnehmungen zu erwähnen. Auf dem 
Gebiete des Hautsinnes findet sich am häufigsten Herabsetzung oder 
völlige Aufhebung der Empfindlichkeit, eine Tatsache, die in der 
Geschichte der Hexenprozesse eine traurige Berühmtheit erlangt hat, 
da man in diesen Anästhesien und Analgesien die Spuren von Be- 
rührungen des Teufels (stigmata diaboli) erblickte. Meist betreffen 
sie in mehr oder weniger strenger Abgrenzung eine Körperhälfte ; 
seltener werden enger umschriebene oder fleckweise ausgebreitete, 
noch seltener ganz allgemeine Empfindungsstörungen beobachtet. 
Halbseitige Anästhesie und Hypästhesie fand Briquet in nicht ganz 
39%, Pitres in 45%, Richter in 40,8%, v. Voß in 22% der Fälle ; 
sie ist links wesentlich häufiger, als rechts. Fleckweise Herabsetzung 
der Hautempfindlichkeit soll nach Briquet in nahezu 60%, nach 
Pitres in 25%, nach Richter in 33,8% der Fälle vorkommen; 
v. Voß sah sie nur in 3,3%. Dagegen konnte Briquet allgemeine 
Anästhesie nur in 1% der Beobachtungen feststellen, einen Satz, 
den Binswanger für noch zu hoch gegriffen hält; Richter gibt 
dafür 8,4%, v. Voß fast 10% an. 

Wichtig ist es, daß die Empfindungsstörungen nicht dem Ver- 
laufe bestimmter Nerven folgen, sondern die größten Unregelmäßig- 
keiten zeigen. Öfters scheinen sie nach Janets Ausdruck durch die 
Anschauungen einer populären Psychologie beeinflußt zu sein, in- 
dem sie sich in manschettenförmiger, binden-, platten- oder strumpf- 



1578 XIII. Die Hysterie. 

artiger Umgrenzung auf einen von der Sprache als Einheit aufge- 
faßten Körperteil, Knie, Schulter, Hand, Unterschenkel, Bauch, Brust 
erstrecken. Einige Beispiele geben die Fig. 272 a — d. Auf der 



a. ■■ Unempfindliche Hautstellen. d. 

Fig. 272 a u. d. Verschiedenartige Ausbreitung der Hautunempfindlichkeit bei Hysterischer 

ersten sehen wir die Unempfindlichkeit sich nur auf die rechte 
Brust- und Oberbauchseite ausdehnen, während sie beim folgenden 
Falle (Fig. 272b und c) den ganzen Kopf, den oberen Teil des 
Rückens, die Vorderfläche der Unterarme und Oberschenkel sowie 
die Unterschenkel und Füße betrifft. Im dritten Falle bestand eine 



Körperliche Krankheitszeichen. 



1579 



vollkommene Unempfindlichkeit der ganzen Haut mit Ausnahme 
eines Gürtels unterhalb der Brustwarzen. 

Die einzelnen Formen des Hautsinnes können gleichzeitig oder 




b. ■§ Unempfindliche Hautstellen. c. 

Fig. 272 b u. c. Verschiedenartige Ausbreitung der Hautunempfindlichkeit bei Hysterischen. 

gesondert betroffen sein ; sehr gewöhnlich ist namentlich die Auf- 
hebung oder Herabsetzung der Schmerzempfindlichkeit, oft auch des 
Temperatursinnes, bei Erhaltung der Berührungsempfindlichkeit. 
Auch die sogenannte tiefe Empfindlichkeit, diejenige der Muskeln, 
Sehnen und Gelenke, sowie der damit zusammenhängende Lagesinn 



1580 XIII. Die Hysterie. 

wird bisweilen in Mitleidenschaft gezogen ; das Ermüdungsgefühl 
kann in den betroffenen Gliedern fehlen. Die Schleimhäute selbst 
verhalten sich meist wie die benachbarte Oberhaut, doch scheinen 
die mehr in der Tiefe des Körpers gelegenen Teile keine halbseitigen 
Störungen zu zeigen. Außerdem aber findet sich sehr häufig ge- 
sonderte Unempfindlichkeit der hinteren Rachenwand, der Binde- 
haut, öfters auch der Hornhaut, seltener der Nasenschleimhaut, so 
daß die von den genannten Stellen her ausgelösten Reflexe aus- 
bleiben oder abgeschwächt sind. Gemeinsam ist allen diesen Emp- 
findungsstörungen nicht nur die Unregelmäßigkeit der Verteilung, 
sondern auch die Launenhaftigkeit ihres Auftretens und Verschwin- 
dens. Es kommt zwar vor, daß Art und Umgrenzung einer Empfin- 
dungslähmung, namentlich bei den halbseitigen und örtlich um- 
schriebenen Formen, längere Zeit hindurch annähernd dieselben 
bleiben. Sehr gewöhnlich aber sieht man bei wiederholten Unter- 
suchungen Verschiebungen, Ausbreitungen und Einengungen, Ab- 
schwächungen und Verstärkungen, bisweilen auch Umspringen von 
einer Seite auf die andere eintreten. Namentlich im Anschlüsse an Er- 
regungszustände oder Anfälle pflegen die Störungen am stärksten zu 
sein, um sich dann vielfach allmählich oder auch rasch wieder zurück- 
zubilden. Am hartnäckigsten sind in der Regel die Empfindungsläh- 
mungen, die sich nach traumatischen Einwirkungen ausbilden, ferner 
diejenigen, die mit Lähmungen oder Kontrakturen verknüpft sind. 
Die Herabsetzung der Empfindlichkeit kommt den Kranken viel- 
fach gar nicht zum Bewußtsein, sondern wird erst bei der Unter- 
suchung zu ihrer Überraschung aufgedeckt. Binswanger berichtet 
von Kranken, die im elektrischen Bade auf die Verschiedenheit der 
Empfindungen in beiden Körperhälften aufmerksam wurden. Dem 
entspricht es, daß die Kranken auch durch sehr ausgedehnte An- 
ästhesien in ihren Verrichtungen gar nicht gestört zu werden pflegen. 
Nur der Verlust des Lagesinns hat Unsicherheit und, wenn der 
Ersatz durch den Gesichtssinn abgeschnitten wird, Unmöglich- 
keit der Ausführung von abgemessenen Bewegungen zur Folge. 
Durch vielfache Erfahrungen konnte auch festgestellt werden, daß 
die auf unempfindliche Hautstellen einwirkenden Reize psychische 
Verwertung finden, obgleich sie nicht bewußt aufgefaßt werden. 
So berichten Sidis und Prince von einem Kranken, daß er die 
Zahl der Berührungen seiner unempfindlichen Hand auf dem Rücken 



Körperliche Krankheitszeichen. 1581 

einer vor seinem Auge auftauchenden Hand aufgeschrieben sah. 
Auch kann man beobachten, daß die Kranken, obgleich sie die Be- 
rührungen nicht wahrgenommen haben, doch deren Zahl nennen, 
wenn sie nachher aufgefordert werden, eine beliebige Zahl anzu- 
geben. Die Schmerzreaktion der Pupillen kommt auch bei Reizung 
ganz unempfindlicher Hautstellen zustande. Dagegen gibt Cur seh - 
mann an, daß bei der Reizung hysterisch unempfindlicher Haut- 
stellen keine Steigerung des Blutdruckes auftrete, daß sie aber bei 
Wiederkehr der Empfindlichkeit in gleicher Weise wie von der ge- 
sunden Seite her auszulösen sei. 

Wesentlich seltener, als Anästhesien, sind Hyperästhesien, die 
sich übrigens auf dem Gebiete des Hautsinnes von den ebenfalls 
nicht allzu häufigen Hyperalgesien nur schwer genügend sicher 
trennen lassen. Ihre Verteilung ist eine ganz ähnliche wie diejenige 
der Empfindungslähmungen; auch in ihrem launenhaften Auf- 
treten und Verschwinden gleichen sie jenen. Nicht selten finden 
sich anästhetische und unter- oder überempfindliche Hautstellen 
nebeneinander oder in symmetrischen Körpergegenden. Eine sehr 
launenhafte Verteilung von über- und unterempfindlichen Gebieten 
an der Vorder- und Hinterfläche des Körpers zeigen die von dem- 
selben Kranken stammenden Fig. 273 a und b ; daneben finden sich 
auch Teile mit unveränderter Empfindlichkeit. In einzelnen Fällen 
verbindet sich Unempfindlichkeit der Haut mit Überempfindlichkeit 
der darunter gelegenen Teile (Anästhesia dolorosa). 

Von den übrigen Sinnen wird am häufigsten das Gesicht in Mit- 
leidenschaft gezogen. Hier und da kommt es, besonders) im An- 
schlüsse an Anfälle, zu völliger Blindheit entweder auf einem oder 
seltener auf beiden Augen. In diesem letzteren Falle geben die 
Kranken an, durchaus gar nichts zu sehen ; dennoch läßt sich zeigen, 
daß die Gesichtseindrücke verwertet werden. Ein von mir beobach- 
teter hysterisch -blinder Kranker blinzelte regelmäßig bei rascher 
Annäherung eines Fingers gegen das Auge. Bei halbseitiger Blind- 
heit verschmelzen die Kranken stereoskopische Bilder, und sie be- 
kommen Doppelbilder beim Vorsetzen eines Prismas vor das sehende 
Auge; in einem von Binswanger berichteten Falle bestanden sie 
fort, auch wenn das blinde Auge verdeckt wurde. Wenn es sich 
nicht um unrichtige Angaben der Kranken handelt, so kann man 
an die bei Hysterischen hier und da auftretende monokulare Diplo- 



1582 XIII. Die Hysterie. 

und Polyopie denken, die man auf astigmatische Verzerrung der 
Bilder durch Akkomodationskrampf zurückzuführen pflegt. Öfters 
besteht Asthenopie und Flimmern vor den Augen. In vereinzelten 




■I unempfindliche, EIR1 überempfindliche Hautstellen. 

Fig. 273 a u. b. Unregelmäßige Verteilung über- und unterempfindlicher Hautstellen 

bei Hysterie. 

Fällen wird völliger oder teilweiser Verlust der Farbenempfindungen 
beobachtet ; auch hysterisches Farbensehen, namentlich Gelb- oder 
Rotsehen, kommt vor. 

Die bei weitem häufigste und deswegen praktisch bedeutsamste 



Körperliche Krankheitszeichen. 1583 

Störung im Bereiche des Gesichtssinnes ist indessen die konzen- 
trische Einschränkung des Gesichtsfeldes, die sich beson- 
ders gern mit Hemianästhesie und mit einer allgemeinen Herab- 
setzung der Empfindlichkeit für Licht und Farben verbindet. Die 
Einschränkung kann die Gesichtsfelder für die einzelnen Farben 
in entsprechender Weise verengern, so daß sie für Violett und 
Grün am stärksten ist, doch kommen für Blau und Rot Verschie- 
bungen vor. Die beiden Gesichtsfelder Fig. 274 a und b vom 
rechten und linken Auge desselben Kranken zeigen eine mäßige 
konzentrische Einschränkung, die, wie sehr häufig, unregelmäßige 
Begrenzung, auch eine Einziehung, darbietet und auf beiden Augen 
etwas verschieden ausgefallen ist. Eine stärkere Einengung mit 
leichter Verschiebung der Grenzen von rot und blau läßt Fig. 274 c 
erkennen. Wesentlich stärker sind die Grenzverschiebungen in 
Fig. 274 d, die zugleich außerordentlich zackige Umrisse erkennen 
läßt. Derartige, ganz unwahrscheinliche und offenbar durch zufällige 
Fehler, namentlich Aufmerksamkeitsschwankungen und suggestive 
Einflüsse, gefälschte Gesichtsfelder erhält man bei Hysterischen nicht 
ganz selten. Wie rasch und ausgiebig sich das Gesichtsfeld ver- 
ändern kann, zeigen die von einem 10 jährigen Kranken stammenden 
Fig. 274 e, f und g 1 ) , von denen die zweite am gleichen Tage wie die erste 
nach Elektrisieren, die dritte 2 Tage später erhalten wurde. Die erste 
stellt ein höchstgradig verengtes, röhrenförmiges Gesichtsfeld dar. 

Auch die Gesichtsfeldeinschränkung wird von den Kranken, 
selbst wenn sie sehr hochgradig ist, nicht bemerkt, ein Beweis dafür, 
daß die nicht wahrgenommenen peripheren Reize dennoch ver- 
wertet werden. Im Gegensatze zu Kranken mit organisch bedingter 
Einengung finden sich die Hysterischen ohne Schwierigkeit im Räume 
zurecht. 

Störungen des Geschmacks und Geruchs scheinen nicht sehr 
häufig zu sein ; es wird Über- und Unterempfindlichkeit für alle oder 
einzelne Arten der Reize beobachtet, auch halbseitig. In der Regel 
bestehen gleichzeitig entsprechende Störungen der Hautempfind- 
lichkeit. In einzelnen Fällen wird ein fast vollständiges Versagen 
aller Sinneswahrnehmungen beobachtet, so bei dem berühmten 
Strümpellschen Kranken, bei dem neben allgemeiner Empfin- 
dungslosigkeit Verlust des Muskel- und Lagesinnes, des Geschmacks 

*) Ich verdanke sie der Freundlichkeit des Herrn Kollegen Salzer. 



1584 



XIII. Die Hysterie. 




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Körperliche Krankheitszeichen. 



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1586 



XIII. Die Hysterie. 




Grenze für Weiß. 

„ „ Blau. 
„ „ Rot. 

Fig. 274 c Hochgradige konzentrische Gesichts- 
feldeinschränkung bei Hysterie. 




Fig. 274 f. Gesichtsfeld desselben Kranken 
nach Elektrisieren. 



Fig. 274 g. Gesichtsfeld desselben Kranken 
zwei Tage später. 



Körperliche Krankheitszeichen. 15^7 

und Geruchs sowie Blindheit des linken Auges und Taubheit des 
rechten Ohres zustande gekommen war. 

Eine besonders wichtige Form der hysterischen Überempfindlich- 
keit bildet das Auftreten eng umschriebener druckschmerzhafter 
Stellen in den verschiedensten Körpergegenden. Zum Teil scheint 
es sich um Nervendruckpunkte zu handeln, so an den Austrittsstellen 
der Trigeminusäste, am Hinterhaupte, im Sulcus bicipitalis internus, 
am Olekranon, in der Kniekehle, an den unteren Rippenrändern, 
in der tieferen Glutäalgegend. Bei anderen überempfindlichen Stellen 
ist eine Beziehung zu bestimmten Nervenästen nicht auffindbar; 
sie finden sich neben dem Sternum, an seinem oberen Einschnitte, 
unter dem Schlüsselbein, an der Symphyse, namentlich auch am 
Kopfe, in der Schläfen-, Scheitel- und Parietalgegend. Ferner kann 
die Wirbelsäule überall oder an einzelnen Stellen, besonders zwischen 
den Schulterblättern oder in der Steißbeingegend, druckempfindlich 
sein (,, Spinalirritation' ') ; namentlich aber finden sich Druckpunkte 
am unteren Rande der Brustdrüsen sowie bei tiefem Druck im Epiga- 
strium und in der Iliakalgegend, öfters auch einseitig, häufiger links. 
Die Empfindlichkeit der letztgenannten Stelle ist auch als Ovarie be- 
zeichnet worden, da sie von C h a r c o t auf den Eierstock bezogen wurde. 
Es hat sich jedoch gezeigt, daß ihr Sitz nicht der Lage des Ovariums 
entspricht, und daß sie bei Männern ebenfalls oft genug druckschmerz- 
haft ist ; bei diesen kann übrigens auch der Hode hyperalgetisch sein. 

Klinische Bedeutung können die Druckpunkte durch ihre nicht 
seltenen Beziehungen zu den hysterischen Anfällen gewinnen. Ein- 
mal kommt es gelegentlich vor, daß sich die Anfälle durch Miß- 
empfindungen in den überempfindlichen Gegenden einleiten. Ferner 
ist es häufiger möglich, einen Anfall durch Druck auf einen jener 
Punkte auszulösen; Charcot sprach daher von „hysterogenen", 
Pitres richtiger von „spasmogenen" Punkten oder Zonen. 
Endlich kann bisweilen der Ablauf eines Anfalles durch das gleiche 
Verfahren plötzlich unterbrochen werden ; wir haben es dann mit einer 
„spasmophrenen" Wirkung zu tun. Es scheint nicht, als ob es sich 
hier überall, wie man ursprünglich annahm, um gesetzmäßige Bezie- 
hungen zwischen bestimmten Druckpunkten und der Entwicklung 
der Anfälle handelt ; vielmehr dürfte wesentlich die psychische, sug- 
gestive Beeinflussung in Frage kommen. Es ist wenigstens unzweifel- 
haft möglich, spasmogene wie spasmophrene Wirkungen durch ge- 



1588 XIII. Die Hysterie. 

eignete Suggestionen zu züchten, auch ohne Rücksicht auf die be- 
kannten Druckpunkte. 

Eine sehr bedeutende Rolle pflegen im hysterischen Krankheits- 
bilde die Mißempfindungen und namentlich die Schmerzen zu 
spielen. Sie sind nach Art und Sitz von einer so unübersehbaren Man- 
nigfaltigkeit, daß eine eingehende Schilderung kaum durchführbar ist. 
Auf der einen Seite begegnen uns Vertaubungsempfindungen, Krib- 
beln, Jucken, Rieseln, Schaudern, Klopfen, Zucken, Wärme- und Kälte- 
gefühl, auf der anderen drückende, brennende, beißende, dann wieder 
bohrende, stechende, schießende, ziehende Schmerzen. Sehr häufig 
sind Kopfschmerzen, bald in Form des Bohrens auf der Scheitel- 
höhe („Clavus"), bald als dumpfer innerer oder äußerer Druck, 
als Schmerzhaftigkeit umschriebener Bezirke, als Migräne mit Stirn- 
oder Hinterkopfschmerz. Auch die Zähne können der Sitz hysteri- 
scher Schmerzen sein; Binswanger erwähnt einen Fall, in dem 
deswegen vergeblich sämtliche Zähne des Oberkiefers entfernt wor- 
den waren. Besonders häufig nisten sich Schmerzen in den ver- 
schiedenen Gegenden des Unterleibes ein. Dahin gehören vor allem 
krampfartiges Zusammenziehen in der Magengegend, oft mit Übel- 
keit und Erbrechen verbunden, ferner Brennen, Pressen, Drücken, 
Bohren, Schneiden in der Gegend der Leber, der Nieren, des Kolons, 
der Blase, bald andauernd, bald mehr anfallsweise ; auch dysmenor- 
rhoische Schmerzen können hysterischen Ursprunges sein. In an- 
deren Fällen ist hauptsächlich die Herzgegend beteiligt; es kommt 
zu Gefühlen des Zusammenschnürens, der Beklemmung, bisweilen 
mit Ohnmachtsanwandlungen (,, Herzkrämpfe"). 

Einen breiten Raum nehmen endlich die vielfach an traumatische 
Einwirkungen sich anschließenden Gelenkschmerzen ein, die bald 
Teile der Wirbelsäule, namentlich aber das Knie und die Hüfte, seltener 
andere, kleinere Gelenke befallen. Sie verknüpfen sich gewöhnlich 
mit Spannungen der umliegenden Muskeln und Überempfindlichkeit 
der Haut in näherem oder weiterem Umkreise. Seltener sind Schmer- 
zen in einzelnen Nerven- oder Muskelgebieten ; sie lassen sich eben- 
falls in der Regel auf bestimmte äußere Einwirkungen zurückführen. 

Die } praktische Wichtigkeit der hysterischen Schmerzen und 
ihrer Folgeerscheinungen liegt, abgesehen von den oft sehr quälen- 
den Krankheitszuständen selbst, in dem Umstände, daß sie nicht 
selten schwere körperliche Leiden vortäuschen und unter Um- 



Körperliche Krankheitszeichen. I5&9 

ständen auch zu eingreifenden ärztlichen Maßnahmen verführen. 
Ich sah noch kürzlich einen Kranken mit hysterischen Hoden- 
schmerzen, der nicht ruhte, bis er, freilich ohne Erfolg, kastriert 
worden war. So gibt es eine hysterische Pseudomeningitis, eine 
Pseudoangina pectoris, eine Pseudocoxalgie, eine Pseudoappendicitis 
usf., deren richtige Erkennung unter Umständen recht schwierig 
sein kann. Abgesehen von den besonderen Kennzeichen der ein- 
zelnen, in Frage kommenden Leiden, die von der Hysterie doch 
immer nur annähernd nachgeahmt werden, ist für die zutreffende 
Beurteilung einmal der nicht seltene Wechsel der Krankheits- 
erscheinungen und ihre Beeinflußbarkeit, sodann aber namentlich 
auch der Nachweis andersartiger hysterischer Störungen von Be- 
deutung. Ferner wird das Mißverhältnis zwischen der außerordent- 
lichen Stärke der Beschwerden und der Geringfügigkeit des nachweis- 
baren Befundes den Verdacht einer hysterischen Grundlage des Lei- 
dens erwecken müssen. Zu berücksichtigen bleibt jedoch dabei 
immer, daß öfters wirkliche krankhafte Veränderungen den An- 
stoß zur Entwicklung hysterischer Störungen geben. Man wird dem- 
nach aus dem Nachweise der Hysterie im einzelnen Falle nicht ohne 
weiteres den Schluß auf die Grundlosigkeit der vorgebrachten 
Klagen ziehen können; ebensowenig aber wird die Feststellung 
einer nachweisbaren Erkrankung an sich schon gestatten, die hyste- 
rische Natur der vorhandenen Beschwerden auszuschließen, wenn 
sonstige Gründe für eine solche sprechen. 

Noch reichhaltiger, als auf sensorischem und sensiblem, ist die 
Fülle der hysterischen Störungen auf psycho-motorischem Gebiete. 
Zunächst beobachten wir nicht selten Lähmungen, die von ein- 
fachen Schwächegefühlen bis zu völliger Bewegungsunfähigkeit 
fortschreiten können. Gemeinsam ist allen hysterischen Lähmungen 
die aus ihrer Entstehungsgeschichte verständliche Eigentümlich- 
keit, daß sie Bewegungen und nicht Muskeln oder Nerven betreffen ; 
es ist stets eine bestimmte motorische Gesamtleistung, die erschwert 
oder unmöglich wird, nicht die Arbeit eines einzelnen Werkzeugs. 
Am deutlichsten wird das in denjenigen Fällen, in denen nur ge- 
wisse Verwendungsarten der betroffenen Teile beeinträchtigt wer- 
den, während andere Verrichtungen ungestört vonstatten gehen. 

Die häufigste Form der hysterischen Lähmung ist die Hemiplegie, 
meist ohne Beteiligung des Gesichtes. Briquet, der unter 430 Fäl- 

Kraepel in, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 13 



IKgo XIII. Die Hysterie. 

len von Hysterie in 28% mehr oder weniger ausgesprochene Läh- 
mungserscheinungen feststellen konnte, sah in der Hälfte dieser 
Fälle Hemiplegien. Ähnliche Angaben macht v. Voß aus Peters- 
burg, während Löwenfeld und Binswanger die Häufigkeit der 
Lähmungen in Deutschland wesentlich geringer fanden. Auch unter 
meinen Kranken, die freilich in erster Linie wegen psychischer 
Störungen zur Beobachtung gelangten, fanden sich Lähmungen 
nur in kleiner Zahl. Die von der Lähmung betroffene Seite scheint 
weit häufiger die linke, als die rechte Seite zu sein, doch fand Jones 
umgekehrt unter 277 Fällen von Hemiplegie 150 mal die rechte 
Seite befallen. Nach ihrer Häufigkeit stehen an zweiter Stelle 
die Paraplegien, besonders der Beine, an dritter die Monoplegien 
einzelner Glieder. Außerdem kommen dann noch Triplegien, 
Verbindungen von Hemiplegie mit Monoplegie und allgemeine 
Lähmungen, doppelseitige Hemiplegien, zur Beobachtung. 

Die Lähmungen können ganz schlaffe sein, so daß die betrof- 
fenen Glieder wie tote Massen herabhängen oder -fallen. So wird 
das gelähmte Bein schleifend oder in Beugestellung nachgeschleppt, 
nicht, wie bei einer organischen Hirnlähmung, im Bogen herum- 
gezogen. Dazu gesellt sich dann in der Regel eine völlige Emp- 
findungslosigkeit, so daß die gelähmten Teile aus dem Bewußtsein 
des Kranken gewissermaßen völlig ausgeschaltet sind. Er erhält 
weder irgendwelche Nachricht von ihrem Zustande und den auf 
sie einwirkenden Reizen noch vermag er ihnen Willensantriebe zu- 
zuführen. Dem entspricht die von Lhermitte betonte Erfahrung, 
daß hier die Gegenbewegungen fehlen, die beim Versuche, organisch 
gelähmte Glieder zu bewegen, in den entsprechenden gesunden 
Gliedern aufzutreten pflegen; so wird das gesunde Bein gegen die 
Unterlage gepreßt, wenn das gelähmte gehoben werden soll, und 
umgekehrt. Das Unterbleiben dieser ,, oppositionellen Synergien" 
würde etwa darauf hindeuten, daß nicht nur die Bewegung, sondern 
schon die Innervation des gelähmten Gliedes unmöglich geworden 
ist. Dennoch aber zeigt sich öfters, daß die gänzlich gelähmten 
Glieder unter Umständen noch unwillkürliche Bewegungen auszu- 
führen imstande sind, namentlich solche, die durch gemütliche 
Vorgänge ausgelöst werden, Ausdrucksbewegungen, unwillkürliche 
Schutz-, Stütz-, Abwehrbewegungen. So kommt es, daß die Kranken 
durch ihre Lähmungen niemals in ernstere Gefahren geraten, bei 



Körperliche Krankheitszeichen. 159 1 

Versagen der Beine immer noch rechtzeitig irgendeinen Stützpunkt 
gewinnen oder doch vorsichtig zu Boden gleiten. 

Ein weiterer Beweis dafür, daß die gelähmten Glieder zwar für 
bewußte Willkürantriebe, nicht aber für andersartige Erregungen un- 
zugänglich sind, liegt in der Erfahrung, daß in ihnen sehr häufig 
Spannungen und selbst starre Kontrakturen auftreten, bisweilen von 
vornherein, bisweilen erst im weiteren Verlaufe. Nach einer von 
v. Krafft-Ebing geäußerten, ansprechenden Ansicht könnte man 
die häufige Verbindung von Spannung und Lähmung darauf zurück- 
führen, daß den dem Willkürgebrauche entrückten Gliedern auf an- 
deren Wegen Erregungen zuströmen, die mindestens zum Teil ihre 
Quelle in dem Bestreben haben, unwillkürliche Behinderungen und 
Störungen irgendwie auszugleichen. In der Entstehungsgeschichte 
der hysterischen Lähmungen liegt es begründet, daß sie weder von 
kennzeichnenden Veränderungen der Reflexe noch von Entartungs- 
reaktion begleitet sind; dagegen können die längere Zeit hindurch 
außer Gebrauch gesetzten Muskelgruppen einen unter Umständen 
sehr hochgradigen Schwund aufweisen, der sich jedoch durch plan- 
mäßige Übung vollständig wieder ausgleichen läßt. 

Eine überaus kennzeichnende Form der hysterischen Lähmung 
ist die von Blocq zuerst genauer beschriebene Astasie-Abasie; 
die Beschränkung der Störung auf bestimmte Leistungen ist hier 
am augenfälligsten. In den reinen Fällen sind Beweglichkeit und 
Kraft der Beine vollständig ungestört; die Kranken vermögen im 
Liegen alle Bewegungen, auch diejenigen des Gehens, kräftig und 
richtig auszuführen. Dagegen knicken sie bei dem Versuche, sich 
auf die Füße zu stellen, sofort hilflos zusammen und sind natürlich 
noch viel weniger imstande, auch nur einen Schritt zu machen; 
sucht man sie zu stützen, so hängen sie sich ein und ziehen die 
Beine in die Höhe. Bei leichteren Graden der Störung sind die Kran- 
ken nur sehr unsicher auf den Beinen, schwanken, taumeln, greifen 
nach einer Stütze, sobald man sie losläßt. Sie machen einzelne 
tappende oder trippelnde Schritte oder schieben sich durch Dreh- 
bewegungen des Körpers schurrend ein wenig vorwärts, immer dar- 
auf bedacht, den nächsten Stützpunkt zu erreichen, den sie aus mög- 
lichst weitem Abstände, halb zusammenfallend, ergreifen. In man- 
chen Fällen stehen gewisse Formen der Fortbewegung den Kranken 
noch zu Gebote, und nur das gewöhnliche Gehen ist unmöglich. 

13* 



1592 XIII. Die Hysterie. 

Eine Kranke Thyssens konnte noch mit sehr großen Schritten, 
,, dramatisch", gehen; andere vermögen rückwärts zu marschieren, 
sogar Treppen zu steigen; viele können noch klettern, schwimmen 
oder wenigstens rutschen oder kriechen. 

Auch die Sprache kann ähnliche Störungen erleiden. Einzelne 
Kranke verstummen völlig, bringen keinen artikulierten Laut her- 
vor, machen vielleicht beim Versuche, zu sprechen, allerlei unzweck- 
mäßige Zungen- und Mundbewegungen, schnauben, hauchen, 
räuspern sich. Manchmal können sie noch singen. Jahnel be- 
richtet von einem Kranken, der nur zu bestimmten Stunden des 
Tages die Sprache verlor. Hier und da gesellt sich zur Stummheit 
noch Taubheit. Weit häufiger ist die hysterische Aphonie, bei 
der die Kranken nicht klangvoll, wohl aber flüsternd oder heiser 
sprechen, bisweilen auch ungestört singen können. Einer meiner 
Kranken, der 6— 7 Wochen lang ganz stumm erschien, nachdem ihm 
ein Balken auf die Schulter gefallen war, sprach später in Fistelstimme. 




Schriftprobe 41. Hysterische Paragraphie. 

Auf dem Gebiete der Schriftsprache findet sich öfters eine Art 
von Agraphie. Die Kranken vermögen, obgleich sie keinerlei Be- 
wegungsstörungen darbieten, sich schriftlich nicht verständlich zu 
äußern. Manche Kranke schreiben noch Buchstaben, Silben oder 
selbst Wörter, aber ohne Sinn und Zusammenhang. Ein Beispiel 
dafür gibt die Schriftprobe 41. Der besonnene, wenn auch leicht 
benommene, sich mündlich ohne Schwierigkeit ausdrückende 
Kranke sollte niederschreiben ,, München, 1907" und bemühte sich 
auch sichtlich, der Aufforderung zu entsprechen, brachte aber nur 
einzelne unvollkommene Buchstaben, ein Wortbruchstück (deri 
Anfang seines Namens) und einige griechische Silben zusammen, 
alles ohne die geringste Beziehung zu der gestellten Aufgabe. Der 
Übergang zur griechischen Schrift, wo er Zahlen schreiben sollte, ist 
vielleicht nicht zufällig, sondern durch die Vorstellung beeinflußt, 
daß nun etwas anderes kommen müsse. Die in vielen Versuchen ganz 
gleichmäßig wiederkehrende Störung dauerte nur wenige Tage an. 



Körperliche Krankheitszeichen. J 593 

Von den mehr umschriebenen Lähmungen sollen hier nur kurz 
die hysterische Ptosis, die immer nur die unteren Äste betreffenden 
Lähmungen des Facialis und die Augenmuskellähmungen erwähnt 
werden, die regelmäßig Blicklähmungen zu sein scheinen. Bei 
allen diesen Formen pflegt der genaue Einblick in den Sitz und die 
Ausdehnung der Lähmung durch ihre Verbindung mit spastischen 
Erscheinungen in den benachbarten und mitwirkenden Muskeln 
sehr erschwert zu sein. Seyffert hat anfallsweise auftretendes 
Versagen der Kaumuskeln und Herabsinken des Kopfes beschrieben. 

Mit den Lähmungen verbinden sich sehr häufig Spannungen, 
die, wie schon erwähnt, unter Umständen die allerhöchsten Grade 
erreichen können. Sie erstrecken sich dann gewöhnlich auf einen 
Gliedabschnitt und führen zur Feststellung eines oder einiger Ge- 
lenke. Bei solchen Kontrakturen befindet sich regelmäßig die ganze, 
den betreffenden Gliedabschnitt versorgende Muskulatur in starrer 
Spannung; zugleich treten bei jedem Dehnungsversuche sehr starke 
Schmerzen auf, so daß es meist nur in der Narkose möglich ist, die 
Widerstände zu überwinden. Haut und Muskeln sind in der Regel 
hyperalgetisch. Die Stellungen der betroffenen Glieder können sehr 
verschiedene sein, bald äußerste Streckung oder Beugung, bald 
Mittelstellung. Auch ganz absonderliche Stellungen kommen vor; 
einmal sah ich einzelne Finger in äußerster Streckstellung fest- 
gehalten. Manchmal können größere Körperabschnitte von der 
Kontraktur befallen werden, öfters durch Ausbreitung der Störung 
von einem Gelenke auf die benachbarten. Es kommt dann zu 
hemiplegischen oder paraplegischen Kontrakturen. Bisweilen 
findet man ganz merkwürdige Verbindungen von Lähmung und 
Kontraktur an demselben Gliede; bei einem Kranken, der nach 
einer Kopfverletzung eine Trepanation durchgemacht hatte, be- 
fanden sich die Finger der rechten Hand in starrer Streckstellung, 
während alle übrigen Muskeln des Armes schlaff gelähmt waren. 

Unter Umständen kann sich die Störung auf ganz umschriebene 
Muskelgruppen beschränken, wie beim hysterischen Blepharo- 
spasmus, beim Facialiskrampf, Stimmritzenkrampf, Akkommoda- 
tionskrampf , beim Strabismus (am häufigsten Strabismus convergens 
oder einseitige Blickrichtung), beim Hemispasmus glossolabialis, 
Trismus, Torticollis, bei der hysterischen Skoliose. Hierher werden 
wir ferner den Krampf des Blasenschließmuskels zu rechnen haben, 



1594 



XIII. Die Hysterie. 




Fig. 275. Pendelnde Fingerbewegungen 
bei Hysterie (langsam). 



der bisweilen zu fortgesetzter künstlicher Entleerung der Blase 
zwingt, in einem von Oekonomakis berichteten Falle vier Jahre 
hindurch. Vielleicht beruht auch die hartnäckige Verstopfung 
mancher Hysterischen, die zu starker Auftreibung einzelner Darm- 
schlingen oder des ganzen Lei- 
bes führt, auf krampfartiger 
Zusammenschnürung gewis- 
ser Darmabschnitte. Ähnliche 
Störungen können die Kran- 
ken zur fälschlichen Annahme 
einer Schwangerschaft veran- 
lassen. 

Der Ablauf der Willkür- 
bewegungen selbst kann bei 
Hysterischen in mannigfaltiger Weise gestört sein. Bald beobachten wir 
triebartige Heftigkeit der Entladungen, dann wieder weichliche Schlaff- 
heit der Antriebe, zugleich aber Ungleichmäßigkeit und Unberechen- 
barkeit der Willensspannung. Mit überraschender Deutlichkeit treten 
diese Eigentümlichkeiten schon bei der Ausführung einfacher, takt- 
mäßiger Beuge- 
und Streckbewe- 
gungen des Zeige- 
fingers hervor. Die 

Fig- 2 75 un( * 276 

geben derartige 
Kurven wieder, die 
in derselben Weise 
gewonnen wurden, 
wie die früheren, 
von Katatonikern 
und Traumatikern 
gelieferten Figu- 
ren, und ihnen 
ohne weiteres ver- 
gleichbar sind. Wir sehen hier in Fig. 275 langsame und kraftlose, 
in Fig. 276 sehr schnelle und ausgiebige Fingerbewegungen von 
zwei verschiedenen Kranken. Bei beiden fällt gegenüber dem nor- 
malen Verhalten die große Unregelmäßigkeit der Antriebe auf, die 




Fig. 276. Pendelnde Fingerbewegungen bei Hysterie 

(schnell). 



Körperliche Krankheitszeichen. 



1595 



dazwischen auch einmal plötzlich stocken, um dann einen neuen 
Anlauf zu nehmen. 

Sehr häufig sind krankhafte Veränderungen der Sprache, der 
Schrift und des Gehens. In das erstere Gebiet gehört das hysterische 
Stottern, die verwaschene Sprache, das Stammeln und das Lallen; 
auch Silbenstolpern habe ich bei einer Kranken beobachtet. Man 
kann hier an die Sprachstörungen der Bulbärparalyse, des Rausches, 
der Paralyse erinnert werden. Als eine Störung der inneren Sprache 
kann der gelegentlich auftretende Agrammatismus aufgefaßt werden, 
der sich allerdings nur in den Zuständen von Puerilismus zeigt. 




LXinfachste Personalien und Lebensgeschichte. 



9 



Wie heissen Sie? 
Was sind Sie? 
Wie alt sind Sie? 
Wann sind Sie geboren? 
Wo sind Sie geboren? 





Schriftprobe 42. Ataktische Schrift bei Hysterie. 



Die Schrift wird öfters durch Zitterbewegungen stark beein- 
flußt. Außerdem aber zeigt sie bisweilen ataktische Störungen. In 
der Schriftprobe 42, die von einem 18 jährigen jungen Manne stammt, 
hat sich die Schrift in ein Gewirr fahriger Striche aufgelöst, in dem 
kaum noch Andeutungen von Buchstaben zu erkennen sind. Nur 
aus den ersten, allerdings auch schon sehr undeutlichen Angaben 
(„Otto Englmeier", ,,6. Januar", ,,9 Uhr") geht hervor, daß der 
Kranke wirklich bestimmte Worte zu schreiben versuchte. Ein 
etwas anderes Gepräge trägt die folgende, von einem jungen Mädchen 
gelieferte Probe 43, in der das Abschreiben der Geschichte „vom hab- 
gierigen Hunde" versucht wurde. Hier sind einzelne Buchstaben 
ganz deutlich und selbst zierlich herausgekommen; dazwischen 



1596 



XIII. Die Hysterie. 



aber schiebt sich ein wirres Gekritzel. Außerdem erkennt man, daß 
die Kranke wiederholt Ansätze gemacht hat, dieselben Worte (,,der 
habgierige Hund") zu schreiben, dann aber abbrach, um Bruch- 
stücke später kommender Wörter („sein", „Maul", „schritt", „da- 
mit", „über", „einen", „trug", „da sah") ganz ohne Zusammen- 
hang hinzuzufügen. Zu der Ataxie gesellt sich demnach hier, wie 




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Schriftprobe 43. Ataxie mit Akatagraphie bei Hysterie. 

vielleicht auch im vorigen Falle, noch die Unfähigkeit, Worte und 
Sätze richtig zusammenzufügen („Akatagraphie"). 

Der Gang ist bisweilen ataktisch, taumelnd, stampfend, schlen- 
kernd, zusammenknickend, tänzelnd, trippelnd, hinkend, federnd 
und kann an diese oder jene Form organisch bedingter Gehstörungen 
erinnern. So kann durch Ataxie mit entsprechenden Empfindungs- 
störungen und Schmerzen der Anschein einer Tabes („hysterische 



Körperliche Krankheitszeichen. !597 

Pseudotabes* ') erweckt werden, um so leichter, als die Kranken häufig 
beim Rombergschen Versuche schwanken und zu fallen drohen, 
freilich meist viel stärker, als bei wirklicher Tabes. Auch cerebellare 
Gangstörungen können vorgetäuscht werden ; ich sah das in einem 
Falle, in dem vor Jahren nach einer Verletzung des Hinterhauptes 
wahrscheinlich wirklich Kleinhirnerscheinungen bestanden hatten. 

Eine weitere große Gruppe von Bewegungsstörungen, die bei der 
Hysterie außerordentlich verbreitet sind, bilden die Zuckungen, das 
,, Nervenzupf en", wie eine Kranke sagte. Sie treten vielfach rhyth- 
misch auf, können aber auch ganz unregelmäßig sein. Die ersteren 
befallen gewöhnlich kleinere Muskelgruppen; es kommt dann zu 
Zucken des Gesichts, des Kopfes, der Schulter, der Lider, der Unter- 
schenkel, unter Umständen auch einzelner Muskeln, wie beim hy- 
sterischen Paramyoklonus. Die unregelmäßigen Zuckungen können 
sehr an Chorea erinnern, sind aber in der Regel ausgiebiger. Na- 
mentlich diese letzteren gehen ohne scharfe Grenze in die mannig- 
fachen verwickeiteren Bewegungen über, die sich bei Hysterischen 
zwangsmäßig oft unzählige Male wiederholen. Dahin gehört das 
Schütteln, Fuchteln, Trampeln, Gesichterschneiden, Hüpfen, Sprin- 
gen, das Schreien, Bellen, Wiehern, Miauen, Grunzen, Blöken, die 
Lach- und Weinkrämpfe, die, im Gegensatze zu der wirklichen Stim- 
mung des Kranken, und trotz aller Bemühungen, sie zu unterdrücken, 
stundenlang andauern können. Auch eine Reihe von halb unwill- 
kürlichen oder reflektorischen Bewegungen können in ähnlicher 
Weise krampfartige Ausdehnung gewinnen, so das Husten, Schnüf- 
feln, Schnauben, Räuspern, das Aufstoßen, das Gähnen und Niesen. 
Alle diese Erscheinungen können für kürzere oder längere Zeit, unter 
Umständen jahrelang, das Krankheitsbild beherrschen, um dann all- 
mählich oder unter Umständen auch plötzlich wieder zu verschwinden. 

Endlich aber haben wir auch allerlei krampfartige Störungen 
von Seiten der inneren Organe zu erwähnen. Eines der bekannte- 
sten hysterischen Zeichen ist der Globus, das Gefühl einer im 
Schlünde aufsteigenden Kugel, das wohl mit dem die Angst be- 
gleitenden Zusammenschnüren der Kehle verwandt ist und mit 
mehr oder weniger deutlichen Schlundkrämpfen in Beziehung 
stehen dürfte. Davon zu unterscheiden ist der Ösophagismus, das 
Auftreten von Schlundkrämpfen bei Berührung und namentlich bei 
Nahrungsaufnahme. Er kann so stark werden, daß, wie ich in einem 



1598 XI11 - Die Hysterie. 

Falle beobachtete, jedes Schlucken, auch von Flüssigkeit, unmög- 
lich wird und selbst die Sonde nur unter den größten Schwierigkeiten 
eingeführt werden kann. Der Sitz ähnlicher Krämpfe kann auch 
der Magen werden, namentlich der Pförtner ; es entwickelt sich dann 
leicht das ebenso unerfreuliche wie häufige hysterische Erbrechen. 
Sofort nach der Nahrungsaufnahme, bisweilen auch erst einige 
Zeit nachher, wird der Mageninhalt rasch und leicht, ohne Übel- 
keit, wieder hinausbefördert. Gewöhnlich handelt es sich nur um 
einen Teil der zugeführten Speisen, so daß die Kranken oft trotz 
regelmäßigen Erbrechens in gutem Ernährungsstande bleiben. Hier 
und da aber, bei großer Hartnäckigkeit des Leidens, kann dadurch 
der Kräftezustand in bedrohlicher Weise gefährdet werden. 

Viele Hysterische haben die Neigung, gewohnheitsmäßig Luft zu 
schlucken, die sich dann im Magen ansammelt und ihn aufbläht, um 
stoßweise wieder nach oben zu entweichen. Zwerchfellkrämpfe er- 
zeugen die äußerst lästige Erscheinung des Singultus; ich sah eine 
Kranke, die durch ihren jahrelang fast unaufhörlich andauernden, 
mit lauter, tönender Inspiration einhergehenden Singultus zur Qual 
für ihre Umgebung geworden war und nirgends mehr Unterkunft 
finden konnte. Krampfartige Bewegungen des Darms führen zur Ent- 
stehung lauter gurrender Geräusche und auch zu plötzlichen Entlee- 
rungen ; in einzelnen Fällen soll rückläufige Beförderung des Darm« 
inhaltes und selbst Kotbrechen vorkommen. Häufige Zusammen- 
ziehungen der Blase zwingen zu immer wiederholter Entleerung 
kleiner Harnmengen. Von Seiten des Herzens gehört wohl hierher 
das mit heftigen Beklemmungsgefühlen einhergehende Herzklopfen, 
von Seiten der Atmung die unter Umständen sehr starke Tachypnoe, 
bis zu 80, 120 und mehr Atemzügen in der Minute, der jedoch keine 
wirkliche Atemnot entspricht, da sie nicht durch Sauerstoffmangel 
hervorgerufen ist. 

Als letzte, aber sehr verbreitete hysterische Störung auf motori- 
schem Gebiete haben wir noch das Zittern anzuführen. Es ist bald 
feinschlägig (vibratorisch) , bald gröber (oscillatorisch) , kann unter 
Umständen auch geradezu in Schütteln übergehen. Seine Ge- 
schwindigkeit ist sehr verschieden, beträgt meist etwa 5 — 8 Schwin- 
gungen in der Sekunde, pflegt aber bei demselben Kranken ziemlich 
gleich zu bleiben. Dagegen ist die Ausgiebigkeit der Schwingungen 
oft großen Schwankungen unterworfen. Meist nimmt sie bedeutend 



Körperliche Krankheitszeichen. 



1599 



zu, wenn der Kranke in Erregung gerät, wenn man sich mit ihm 
beschäftigt, wenn seine Aufmerksamkeit auf die Störung gelenkt 
wird. Manchmal bedingt jede Bewegung eine erhebliche Zunahme 
des Zitterns, ähnlich dem Intentionszittern ; in anderen Fällen ist 
der Tremor in der Ruhe am stärksten, verschwindet aber fast ganz, 
sobald der Kranke sich unbefangen beschäftigt, schreibt, Hand- 
arbeiten macht. Am häufigsten tritt das Zittern an den Händen 
hervor, bisweilen einseitig. Es kann aber auch die Beine allein, 
eine ganze Seite, den Kopf betreffen. Gerade eine solche Beschrän- 




Fig. 277. Organisch bedingter und hysterischer Fußklonus (nach Weiler). 

kung auf einzelne Körpergebiete, ferner das Kommen und Schwin- 
den bei bestimmten Anlässen werden für die hysterische Natur des 
Zitterns sprechen; sonst wird man immer mit der Möglichkeit zu 
rechnen haben, daß es sich auch aus einer Reihe von anderen Ur- 
sachen herleiten kann. 

Die Reflexe erleiden bei der Hysterie nur verhältnismäßig ge- 
ringe Störungen. Die Hautreflexe sind meist normal, auch bei An- 
ästhesie, doch konnten die Bauchdeckenreflexe öfters nicht nach- 
gewiesen werden. Dagegen sind die weit verwickeiteren Schleim- 
hautreflexe (Lidschluß-, Würg-, Niesreflex) bei Unempfindlichkeit 
der entsprechenden Schleimhäute abgeschwächt oder aufgehoben, 



l6oo XIII. Die Hysterie. 

bei Überempfindlichkeit gesteigert. Die Sehnenreflexe sind häufig 
sehr lebhaft; vielfach beobachtet man bei Beklopfen der Patellar- 
sehne Nachzittern, Nachzucken, Übergreifen auf das andere Bein, 
schüttelndes Zusammenfahren des ganzen Körpers. Auch Fuß- 
klonus kommt öfters vor, nach Binswangers Angaben in 20% 
der Fälle. Meist handelt es sich nur um einige wenige, rasch sich 
erschöpfende Stöße, seltener um länger fortgesetztes Zucken. Wie 
Weiler durch Aufzeichnung feststellen konnte, finden dabei ge- 
wöhnlich ganz unregelmäßige Muskelzusammenziehungen statt, im 
Gegensatze zu den durchaus regelmäßig ablaufenden Zuckungen des 
organisch bedingten Fußklonus. Die Figur 277 zeigt diesen Unter- 
schied, doch scheint es, daß auch bei Hysterischen die regelmäßigen 
Zuckungen gelegentlich vorkommen können. Babinskis Reflex 
findet sich bei reiner Hysterie niemals. Ebenso muß Fehlen der 
Sehnenreflexe, wenn es nicht durch Spannungen vorgetäuscht wird, 
den Verdacht einer organischen Erkrankung erwecken. Nonne sah 
es vorübergehend in Verbindung mit Astasie-Abasie. Starke Ab- 
schwächung wird bei schlaffer, durch Nichtgebrauch hochgradig 
geschwundener Muskulatur beobachtet. Unterschiede in der Stärke 
der Reflexe auf beiden Seiten kommen hier und da vor ; sie dürften 
in der Regel mit verschiedenen Spannungszuständen der Muskeln 
zusammenhängen. Die mechanische Erregbarkeit der Muskeln ist 
öfters gesteigert; auch Facialisphänomen kommt gelegentlich vor. 

Die Pupillen sind im allgemeinen über mittelweit. Sie zeigen 
sehr ausgiebige und rasch erfolgende Reaktionen auf die verschieden- 
artigen Reize sowie eine starke Pupillenunruhe. Bei einzelnen Kran- 
ken können die später zu besprechenden, im hysterischen Anfall 
auftretenden Pupillenstörungen auch nachher noch kürzere oder 
längere Zeit hindurch nachweisbar sein. 

Ein vielfach umstrittenes Gebiet sind die Beziehungen der Hy- 
sterie zuvasomotorischen, sekretorischenund atrophischen'* 
Vorgängen. Daß die Herztätigkeit, wie durch Gemütsbewegungen, so 
auch durch die hysterischen Krankheitszustände sehr erheblich be- 
einflußt werden kann, ist nicht zweifelhaft. Ungemein häufig be- 
obachten wir anfallsweise oder für längere Zeit Beschleunigung, 
seltener Verlangsamung des Herzschlags, außerdem aber alle mög- 
lichen Mißempfindungen in der Herzgegend, die wenigstens zum 
Teil wohl auf Veränderungen der Herztätigkeit zurückgeführt wer- 



Körperliche Krankheitszeichen. IÖOI 

den dürfen, Klopfen, Vibrieren, Flattern, Druck, Beklemmungs- 
gefühle, die sich bis zu lebhafter Angst steigern können. 

Die Beteiligung der Gefäßnerven an dem Leiden zeigt sich in den 
häufigen Störungen der Blutverteilung. In kleineren oder größeren 
Abschnitten des Körpers stellen sich Wallungen, Rötung, Hitzegefühl, 
Pulsieren oder Blässe, Kälte, Cyanose mit Vertaubungsempfindungen 
ein. Auch örtliche oder allgemeine Schweißausbrüche sind nicht 
selten. Aus den durch Gefäßkrampf blutleer gewordenen und oft 
auch unempfindlichen Hautstellen fließt beim Einstechen wenig 
oder kein Blut, eine Eigentümlichkeit, die der Kennzeichnung der 
Stigmata diaboli bei Hexen diente ; auch die Rötung durch Senf- 
teige kann ausbleiben. Andererseits findet sich bei Hysterischen 
sehr oft ausgeprägte Dermatographie, vom einfachen Nachröten bis 
zur Bildung von erhabenen Leisten und Quaddeln. Aber auch an- 
scheinend von selbst können sich flüchtige, umschriebene Schwel- 
lungen bilden, auch jene an Ödeme erinnernden Formen, die man 
nach Charcots Vorgang als „oedeme bleu" und ,,blanc" zu be- 
zeichnen pflegt, je nachdem dabei die Erscheinungen einer venösen 
Stauung mit Herabsetzung der örtlichen Temperatur oder diejenigen 
des Gefäßkrampfes hervortreten. In der Regel finden sich dabei 
Empfindungsstörungen, oft auch Lähmungen. 

Daß die Menses durch die gemütlichen Schwankungen bei der 
Hysterie beeinflußt und namentlich zum Aufhören gebracht werden 
können, wird uns nicht wundernehmen. Dagegen wird man die Be- 
richte über das Auftreten von Haut- und Schleimhautblutungen, Stig- 
matisierungen, über blutige Tränen und Schweiße jedenfalls mit 
größter Vorsicht aufzunehmen haben. Es scheint ja, daß einzelne 
derartige Erscheinungen hier und da wenigstens andeutungsweise in 
der Hypnose erzeugt werden können, und daß Schleimhautblutungen 
unter Umständen in Form von vikariierenden Menses auftreten. In- 
dessen jene Vorgänge sind in so hohem Grade geeignet, die krankhaft 
gesteigerte Einbildungskraft der Hysterischen anzuregen, daß für ein- 
zelne, zur Täuschung geneigte Kranke die Verführung außerordent- 
lich nahe liegt, sie künstlich zu erzeugen. Das wird um so leichter, 
als die unbedingt zuverlässige Ausschließung dieser Fehlerquelle 
recht schwierig ist. Die Seltenheit der Beobachtungen ist daher wohl 
kein Zufall ; zudem hat sich in einer größeren Reihe von Fällen eine 
Täuschung sicher nachweisen lassen. 



IÖ02 XIII. Die Hysterie. 

Nicht genügend geklärt ist auch noch immer die Frage des 
hysterischen Fiebers, dessen Vorkommen von manchen Seiten 
ebenso entschieden behauptet wie von anderen bestritten wird. Daß 
die stellenweise über 42, ja über 45 Grad hinausgehenden Tempera- 
turen, die bei Hysterischen berichtet werden, sehr ernste Zweifel 
an ihrer hysterischen Entstehung, ja an der Zuverlässigkeit der Be- 
obachtung selbst erwecken müssen, bedarf kaum der Begründung, 
zumal dabei Störungen des Allgemeinbefindens meist fehlen oder doch 
sehr geringfügig sein sollen. Andererseits wird man die Möglich- 
keit, daß durch nervöse Einflüsse einmal eine Temperaturerhöhung 
zustande kommen könne, kaum von vornherein abweisen können. 
Dagegen sind die in der Natur der Sache liegenden Fehlerquellen 
der Beurteilung, auch wenn man absichtliche Täuschung sicher aus- 
schließen kann, immer noch so groß, daß eine endgültige Ent- 
scheidung der Frage schwer möglich erscheint. Kauffmann sah 
nach Arbeit am Ergostaten Temperaturerhöhung, auch halbseitig, 
auftreten ; er denkt an verminderte Wärmeabgabe durch die Haut- 
drüsen. 

Von sekretorischen Störungen wären den Anomalien der Schweiß- 
absonderung zunächst etwa diejenigen der Tränen-, Speichel- und 
Milchausscheidung hinzuzufügen, wie sie hier und da beobachtet 
worden sind, entsprechend den durch Gemütsbewegungen auf die 
Drüsenleistungen ausgeübten Einflüssen. Kauffmann berichtet 
über starke Schwankungen des Wasserhaushaltes, die er auf Stö- 
rungen der Nieren- und Muskelinnervation zurückführt. Die Harn- 
menge kann stark vermehrt sein, meist im Zusammenhange mit 
krankhaftem Durste. Auch über erhebliche Abnahme der Harn- 
menge, ja vollständige Anurie ist öfters berichtet worden; zugleich 
soll im Schweiße und durch Erbrechen Harnstoff ausgeschieden 
worden sein. Man wird gut tun, auch diesen Erfahrungen das 
äußerste Mißtrauen entgegenzubringen, zumal sich dabei wiederholt 
Betrügereien (Trinken und dann Erbrechen des Harnes) haben fest- 
stellen lassen. Marinesco sah in einem Falle bei sorgfältigster 
Überwachung zweimal je 48 und einmal 36 Stunden jede Harn- 
absonderung aussetzen ; die Blase erwies sich beim Katheterisieren 
als leer. Zugleich bestand Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen. 
Vielleicht spielen Störungen in der Absonderung der Verdauungssäfte 
eine gewisse Rolle bei der Entstehung und namentlich bei dem 



Anfälle. 1603 

Einwurzeln der hysterischen Nahrungsverweigerung, deren Ent- 
wicklung jedoch vor allem durch die früher besprochene Erschütte- 
rung der natürlichen Triebe begünstigt wird. 

Die Ernährung der Hysterischen hat vielfach mit großen Schwie- 
rigkeiten zu kämpfen. Es gibt zwar Kranke genug, deren Nahrungs- 
aufnahme und Kräftezustand nichts zu wünschen übrig lassen, 
doch kann einerseits die Neigung zum Erbrechen, sodann die hy- 
sterische Launenhaftigkeit in der Auswahl und Ablehnung der 
Speisen, endlich aber ein triebartiges, eigensinniges, mitunter auch 
auf hypochondrische Vorstellungen oder Mißempfindungen sich 
stützendes Widerstreben gegen die Nahrungsaufnahme überhaupt 
Zustände allerhochgradigster Entkräftung herbeiführen. Es gibt 
Kranke, die viele Monate und selbst Jahre hindurch nur soviel 
Nahrung, gewöhnlich in flüssiger Form, zu sich nehmen, daß ihr 
Lebensflämmchen gerade noch glimmend erhalten bleibt. Auch 
der Schlaf ist in der Hysterie sehr häufig schwer gestört. Außer- 
ordentlich verbreitet ist die Unfähigkeit, einschlafen zu können, die 
einerseits zu immer längerem Aufbleiben und allerlei nächtlicher 
Tätigkeit, Musizieren, Aufsuchen von Zerstreuungen, Schreiben, 
Lesen im Bett, verführt, andererseits aus diesen Verkehrtheiten der 
Lebensführung neue Nahrung zieht. Die Kranken entschließen sich 
erst spät in der Nacht, die Ruhe aufzusuchen, und bringen dafür den 
halben nächsten Tag im Bette zu. Oft wird der Schlaf durch innere 
Unruhe, Beängstigungen, Herzklopfen und schwere Träume ge- 
stört ; die Kranken sprechen im Schlafe, knirschen mit den Zähnen, 
schrecken plötzlich auf, schreien. Manchmal kommt es, wie früher 
erwähnt, zu nächtlichen deliriösen Sinnestäuschungen im Halb- 
schlummer, vorzugsweise bei jugendlichen Kranken auch zum 
Nachtwandeln. — 

Auf der Grundlage der allgemeinen hysterischen Krankheits- 
erscheinungen können sich jederzeit jene rasch sich entwickelnden 
und nach kürzerer oder längerer Frist wieder schwindenden Stö- 
rungen einstellen, die man als „An fälle" zu bezeichnen pflegt. 
Eine scharfe Abtrennung von den dauernden hysterischen Krank- 
heitszeichen ist allerdings nicht durchführbar. Sehr viele der bis- 
her besprochenen Abweichungen können ebenfalls nach Art der An- 
fälle kommen und gehen; sie schließen sich auch tatsächlich viel- 
fach an Anfälle an oder hören mit ihnen auf. Dennoch pflegen^sie 



1604 XIII. Die Hysterie. 

im allgemeinen weit länger und anhaltender das Krankheitsbild zu 
begleiten, als die Anfälle. Was dagegen diese letzteren einigermaßen 
kennzeichnet, ist, wie wir mit Binswanger annehmen können, der 
sie begleitende veränderte Bewußtseinszustand, der von leich- 
tester Umnebelung bis zu völliger Bewußtlosigkeit alle Grade der 
Trübung aufweisen kann. Auch hier könnte noch der Einwand 
erhoben werden, daß namentlich einige der früher erwähnten 
krampfartigen Bewegungen und Triebhandlungen ebenfalls häufig 
mit Bewußtseinstrübung einhergehen. Wo das nachweisbar ist, 
werden wir in der Tat von Anfällen sprechen dürfen, und wir werden 
dabei die angeführten Störungen in enger umgrenzte Zeitabschnitte 
sich zusammendrängen sehen. Nur wird man im Auge behalten 
müssen, daß dieselben Krankheitserscheinungen ein anderes Mal 
ohne anfallsartige Anordnung dauernd das Krankheitsbild begleiten 
können. 

Die Gruppierung der hysterischen Anfälle stößt wegen der großen 
Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltung auf sehr erhebliche Schwierig- 
keiten. Dennoch werden wir zunächst diejenigen Formen abtrennen 
können, bei denen unter mehr oder weniger tiefer Bewußtseins- 
trübung körperliche Reizungs- oder Lähmungserschei- 
nungen das Krankheitsbild beherrschen; eine zweite Hauptgruppe 
wäre dann durch das Auftreten ausgeprägter psychischer Stö- 
rungen gekennzeichnet. Die Schilderung der ersteren Gruppe wird 
am zweckmäßigsten an die Betrachtung des gewöhnlichen hyste- 
rischen Krampfanfalles anknüpfen, der wohl so ziemlich die 
häufigste aller hysterischen Anfallsformen überhaupt darstellt. 

Dem Auftreten des Anfalls gehen bisweilen allerlei Vorboten 
schon einige Zeit voraus, Unbehagen, innere Unruhe, auffallende 
Lustigkeit oder Verstimmung, gesteigerte Reizbarkeit, Kopfschmer- 
zen, Herzklopfen, Beklemmungsgefühle. Der Anfall selbst kann 
mit einer Aura beginnen, die meist in Mißempfindungen besteht, 
Kitzelgefühl, Pelzigsein in den Händen, Kriebeln in den Beinen, 
wie von einem elektrischen Strome, Stechen in der Seite, Zusammen- 
ziehen und Drücken in der Magengegend, aufsteigender Hitze ,,wie 
zum Ersticken"; ferner können sich Angst, Schwächegefühl, 
Schwindel, Übelkeit, Doppelsehen einstellen. Ein Kranker hatte 
das Gefühl, wie wenn er ,,aus Wachs" sei, eine Kranke, ,,wie 
wenn ein Hammer auf sie niederdrücke". Alles dreht sich; dem 



Anfälle. 



1605 




a. 



Kranken wird schwarz vor den Augen; das Bewußtsein trübt sich, 
und er sinkt zu Boden, in der Regel, ohne sich dabei zu verletzen. 
Der weitere Verlauf des Anfalles kann sich nunmehr sehr ver- 
schieden gestalten. Meist liegen die Kranken zunächst 1 — 2 Minuten 
still; dabei bestehen 
Spannungen im gan- 
zen Körper oder in 
einzelnen Muskel- 
gruppen, Streck- 
krämpfe, starre, ab- 
sonderliche Haltun- 
gen der Glieder. So- 
dann beginnen ge- 
wöhnlich leichte, sich 
rasch verstärkende 
Zuckungen im Ge- 
sicht, am Kopfe, den 
Armen und Beinen, 
Schüttelbewegungen , 
Schleudern, Umsich- 
schlagen und vielfach 
eine wirre, abwechse- 
lungsreiche Folge der 

wildesten motori- 
schen Entladungen. 
Die Kranken verdre- 
hen und verrenken 
die Glieder (Fig. 278 a) 
zu den absonderlich- 
stenStellungen, strek- 
ken sich , krümmen 
sich nach hinten oder 

vorn zusammen, werfen, wälzen und rollen sich herum, strampeln, 
stampfen, stoßen, schlagen um sich ; sie schnellen sich in die Höhe, 
wippen mit dem Becken, bäumen sich auf, so daß sie schließlich 
nur noch mit Fußsohlen und Hinterhaupt den Boden berühren 
(„arc de cercle", Fig. 278b und c) , schlagen Purzelbäume. Die 
Augen sind dabei geschlossen oder weit aufgerissen, starr in die 

Kr aepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 14 




b. 




Fig. 278 a — c. Stellungen im hysterischen Anfall. 



i6o6 



XIII. Die Hysterie. 



Ferne gerichtet (Fig. 279) , in äußerster Konvergenzstellung, oder 
nach oben, in eine Ecke der Lidspalte geflohen; sie werden herum- 
gerollt, verdreht. Die Gesichtszüge sind gespannt; die Zunge wird 




Fig. 279. Gesichtsausdruck im hysterischen Anfalle. 



K 


V \ 










X 







_ 



Fig. 280. Ausstrecken der Zunge im hysterischen Anfalle. 

bisweilen weit vorgestreckt (Fig. 280). Die Atmung ist beschleunigt, 
krampfhaft, öfters durch Stillstände in äußerster Exspirations- 
stellung unterbrochen ; die Kranken stöhnen, ächzen, keuchen, 
röcheln, stoßen unartikulierte Laute oder durchdringende Schreie 






Anfälle. 1607 

aus, schäumen auch bisweilen, schlucken Luft. Hier und da beißen 
sie sich in Zunge oder Lippen. Der Puls pflegt beschleunigt zu sein. 
Die Pupillenreaktionen können im Anfall erhalten sein. Nicht 
selten aber erscheinen die Pupillen starr ; sie sind dann in der Regel 
sehr weit. Es handelt sich dabei nach Bumkes Darlegungen um 
eine krampfartige Steigerung der Hemmungen des Sphinkterentonus, 
wie sie der Erweiterung der Pupille durch psychische Reize zugrunde 
liegen. Seltener sind die Pupillen bei mittlerer oder sehr geringer 
Weite lichtstarr. Da zugleich Akkommodationskrampf und in der 
Regel auch Strabismus convergens besteht, muß hier ein Sphink- 
terenkrampf angenommen werden. Die Empfindlichkeit für Sinnes- 
reize kann erloschen sein. Häufiger jedoch macht man die Be- 
obachtung, daß die Kranken bei kräftigen Eingriffen zusammen- 
zucken, ausweichen, sich herumwälzen. Hier und da geht Harn ab. 
Zwischen die angeführten, sinn- und ziellosen Entladungen 
schieben sich im Verlaufe des Anfalles sehr gewöhnlich noch andere 
ein, die Ausdrucksbewegungen darstellen oder in einer gewissen 
Beziehung zur Umgebung stehen. Die Kranken schneiden Ge- 
sichter, fahren schreckhaft zusammen, zeigen einen zornigen, 
ängstlichen, verzückten Gesichtsausdruck; sie springen auf, reißen 
sich Haare aus, beißen sich, weinen, stoßen Wutschreie, Schimpf- 
worte, Hilferufe, Verwünschungen aus; sie blicken starr um sich, 
drängen blind fort, klammern sich an, kratzen, schlagen zu, greifen 
an, klettern, nesteln, suchen herum, haschen, greifen. Man kann 
sich dabei meist leicht überzeugen, daß die Kranken, wenn auch 
unklar und bruchstückweise, äußere Eindrücke wahrzunehmen 
und zu verarbeiten vermögen. Bei einem Kranken, der sich mit 
größter Gewalt im Polsterbette in die Höhe schnellte, wurden die 
Anstrengungen sofort erheblich verstärkt, als ich versuchte, durch 
Überspannen einer Wolldecke die Gefahr des Hinausschleuderns zu 
verringern, und sie ließen nach, sobald auf dieses Hilfsmittel ver- 
zichtet wurde. Äußerungen der Umgebung können bisweilen das 
Verhalten der Kranken deutlich beeinflussen. Oft genug ist es auch 
möglich, durch bestimmte Eingriffe, Anspritzen oder Übergießen 
mit kaltem Wasser, ein kühles Bad, den faradischen Pinsel, Druck 
auf einen krampf hemmenden, „spasmophrenen" Punkt, den An- 
fall plötzlich zu beenden oder doch erheblich abzukürzen. Weiter- 
hin ist bemerkenswert, daß sich die Kranken trotz der oft außer- 

14* 



l6o8 XIII. Die Hysterie. 

ordentlichen Heftigkeit ihrer Bewegungsäußerungen doch nur sehr 
selten ernstere Verletzungen zuziehen. • Wir können aus diesen 
und ähnlichen Beobachtungen den Schluß ziehen, daß im hysteri- 
schen Anfalle das Bewußtsein vielfach nur getrübt, aber nicht er- 
loschen ist; wahrscheinlich ist seine Helligkeit vielfachen Schwan- 
kungen unterworfen. 

Die Dauer des Anfalls zeigt sehr große Verschiedenheiten. In 
der Regel erstreckt sich die einzelne Gruppe von Störungen etwa 
über 10—15 Minuten. Dagegen pflegt der Anfall ganz gewöhnlich 
nach kurzer Ruhepause mit oder ohne Klärung des Bewußtseins 
in gleicher oder abgeänderter Form von neuem zu beginnen, ein 
Vorgang, der sich noch eine Reihe von Malen wiederholen kann. 
Auf diese Weise verlängert sich der Anfall sehr häufig auf 1 / 2 bis 
1 Stunde, öfters auch auf 2—3, ja hier und da auf 5—6 Stunden; 
eine meiner Kranken lag 29 Stunden im Anfall. In solchen Fällen 
kann man, wenn man will, von einem Status hystericus sprechen, 
dem indessen durchaus nicht die gefahrdrohende Bedeutung zu- 
kommt, wie dem Status epilepticus. Da die Anfälle sich unter Ein- 
schiebung kurzer freier Zwischenzeiten ganz außerordentlich oft 
wiederholen können, ist eine scharfe Grenze zwischen Anfallsreihen 
und gehäuften Einzelanfällen kaum zu ziehen; solche Häufungen 
können wochenlang fortdauern. 

Die Lösung der Anfallserscheinungen geschieht in der Regel 
allmählich. Die Entladungen werden schwächer; die Spannungen 
lassen nach ; die Atmung beruhigt sich ; der Kranke reckt sich, öffnet 
die Augen, blickt um sich, beginnt deutlicher auf äußere Eindrücke 
zu reagieren. Bisweilen besteht noch eine gewisse Unbesinnlichkeit 
und Verwirrtheit; meist sind die Kranken müde, abgeschlagen, 
schwerfällig, öfters mürrisch, ablehnend oder gereizt, verkriechen 
sich, geben keine Antwort, um erst allmählich ihr natürliches Ver- 
halten wiederzugewinnen. Die Erinnerung an den Anfall und oft 
auch an die ihm kurz vorhergehenden Vorfälle ist vielfach ganz 
ausgelöscht oder doch unklar und lückenhaft. 

Eine weit reichere Ausgestaltung, als dieses, dem gewöhnlichen 
hysterischen Anfalle entsprechende Bild, zeigt der ,, große" Anfall, 
wie er von Charcot und seinen Schülern, namentlich Rieh er 
und Gilles de la Tourette, geschildert worden ist. Er beginnt 
nach Vorläufern und Aura mit einem ersten, „epileptoiden" Ab- 



Anfälle. 1609 

schnitte, der sich wieder in einen tonischen und einen klonischen 
Unterabschnitt gliedert. Im ersteren treten zunächst noch einzelne 
langsame Bewegungen in den erstarrenden Gliedern auf, Beugungen, 
Streckungen, Drehungen; dann folgt eine allgemeine starre Span- 
nung, die plötzlich in rasche Zuckungen des ganzen Körpers oder 
einzelner Körperabschnitte übergeht, dann aber zur Erschlaffung 
führt. Nunmehr beginnt der zweite Hauptabschnitt, derjenige des 
,, Clownismus". Er ist gekennzeichnet durch Verdrehungen und Ver- 
krümmungen des gespannten Körpers und durch sinnlose Stellungen, 
die er einnimmt (,,attitudes illogiques"). Ihm folgen die großen 
Bewegungen (,,grands mouvements"). Die Kranken beugen und 
strecken sich, wälzen sich herum, treten, schlagen und schleudern 
mit den Armen, alles mit großer Gewalt und Schnelligkeit, öfters 
in vielfacher Wiederholung. Der dritte Abschnitt ist erfüllt von 
leidenschaftlichen Körperhaltungen und Gebärden (,,attitudes pas- 
sionelles"). Hier bieten die Kranken Ausdrucksbewegungen dar, 
in denen sich das halluzinatorische Erleben aufregender Vorgänge 
widerspiegelt, vielfach derjenigen, die den Anlaß zum ersten Aus- 
bruche des Leidens gegeben haben. Sie fliehen, verteidigen sich, 
wehren ab, sind in Verzweiflung, können im Eingange auch heitere 
Erlebnisse, Liebesabenteuer durchmachen. Den Abschluß bildet 
endlich ein unter Umständen Stunden und Tage dauernder deli- 
ranter Zustand, in dem die Kranken bei etwas sich aufhellendem 
Bewußtsein die Umgebung illusionär verkennen und unter lebhafter, 
meist auch sprachlicher Erregung allerlei wechselnde Bilder, na- 
mentlich Tiere, vor sich sehen, ihre Vergangenheit an sich vorüber- 
ziehen lassen, sich mit sich selbst beschäftigen. Zugleich pflegen 
allgemeine oder örtliche Kontrakturen zu bestehen. 

Dieser große hysterische Anfall hat durch die meisterhaften, 
bis in die feinsten Einzelheiten gehenden Beschreibungen der 
französischen Forscher eine gewisse Berühmtheit erlangt. Man 
nahm einmal an, daß sein Ablauf und das Auftreten der einzelnen 
körperlichen und psychischen Krankheitserscheinungen durch eine 
innere Gesetzmäßigkeit beherrscht sei, sodann, daß diese vollkom- 
mene Form des hysterischen Anfalles das Vorbild für alle übrigen 
Gestaltungen darstelle, die sich aus ihm durch Abkürzung, Ab- 
schwächung und Unterdrückung dieser oder jener Abschnitte ab- 
leiten ließen. Beide Annahmen dürfen heute als überwunden gelten. 



IÖIO XIII. Die Hysterie. 

Die großen Anfälle, die zu Charcots Zeit in der Salpetriere häufig 
und in vollkommenster Ausbildung beobachtet werden konnten, ge- 
hören außerhalb jener Umgebung zu den größten Seltenheiten; sie 
verschwinden vollständig gegenüber der ungeheuren Zahl ,, gewöhn- 
licher" Hysterien, und sie sind zudem weit davon entfernt, mit der 
geschilderten Regelmäßigkeit abzulaufen, wenn auch bald diese, 
bald jene einzelnen Bestandteile wiederkehren, die unverkennbar 
jenem Bilde entsprechen. Es ist in der Tat längst erkannt worden, 
daß der vorbildliche große hysterische Anfall das Ergebnis einer 
Züchtung gewesen ist, wie sie sich auf dem empfänglichen Boden 
der Hysterie unter dem Einflüsse der eifrigen ärztlichen Beobachtung 
nach einzelnen, besonders ausgezeichneten Mustern entwickelte. 
Gerade darum werden wir ihn auch nicht als das Urbild, sondern 
eher als eine monströse Form des hysterischen Anfalles betrachten 
dürfen. 

Dennoch dürfen wir vielleicht ganz allgemein an der Vorstellung 
festhalten, daß die verschiedenen Gestaltungen des hysterischen An- 
falles, ähnlich wie wir es bei der Epilepsie annahmen, gewissermaßen 
Abwandlungen eines und desselben Vorganges darstellen. Ver- 
suchen wir unter diesem Gesichtspunkte die weitere Gruppierung, 
so können wir zunächst Formen von Anfällen auffinden, in denen 
die Bewußtseinstrübung eine verhältnismäßig geringe ist. Die 
Krampf erscheinungen können dabei denjenigen des voll entwickel- 
ten Anfalles gleichen oder mildere Formen annehmen. Im ersteren 
Falle fallen die Kranken zu Boden, krampfen die Hände ein, drücken 
sie gegen den Leib, ziehen die Beine an, verdrehen die Augen, wer- 
den starr am ganzen Körper, zucken mit den Gliedern, nehmen aber 
wahr, was um sie herum vorgeht, verstehen das Gesprochene, ver- 
mögen sich jedoch nicht zu regen und nicht zu antworten, so daß 
Zustände von ,, Starrkrampf* mit geringer Bewußtseinstrübung 
entstehen. Andere Kranke schimpfen dabei, lachen, schlagen um 
sich, wälzen sich herum. Bisweilen entwickelt sich auch ausge- 
prägte Befehlsautomatie mit wächserner Biegsamkeit und Echo- 
praxie. Weiterhin können sich die Krampferscheinungen auf ein- 
faches Starrwerden des Körpers und des Blickes mit Zähneknirschen, 
auf tetanieartiges Zusammenziehen der Arme ohne Umfallen be- 
schränken, oder es stellt sich ein allmählich sich ausbreitendes Zit- 
tern mit oder ohne Atmungsbehinderung und Beklemmungsgefühl 






Anfälle. 1 6 1 1 

ein. Ein Kranker wurde plötzlich von einem ,, toten Gefühl" be- 
fallen und konnte dann die Glieder nicht regen ; einem anderen wurde 
es heiß, und er schlug dann um sich, ohne das Bewußtsein zu ver- 
lieren. Hierhin wären auch die nicht seltenen ,, Herzkrämpfe" zu 
rechnen, die Anfälle von Atemnot und Herzklopfen mit Todes- 
angst, ferner die Magenkrämpfe, das Gefühl von Übelkeit mit 
Brechneigung. 

Auf der anderen Seite stehen diejenigen Anfälle, in denen die 
krampfartigen Störungen gänzlich hinter der Bewußtseinstrübung 
zurücktreten. Das Musterbeispiel dafür ist die bei Hysterischen so 
außerordentlich häufige Ohnmacht, der „synkopale" Anfall. Die 
Kranken erblassen und sinken unter Erschlaffung aller Glieder zu 
Boden, liegen einige Zeit hindurch mit geschlossenen Augen ruhig 
und unempfindlich gegen äußere Einwirkungen da, um dann rasch 
wieder zu sich zu kommen. Den Übergang zu den Krampfanfällen 
bilden diejenigen Beobachtungen, in denen die Kranken bei der 
Ohnmacht steif werden oder ein wenig um sich schlagen. Als eine 
Art verlängerter Ohnmacht lassen sich die ,, lethargischen" Anfälle 
ansehen, in denen wir es mit schlafähnlichen Bewußtseinstrübungen 
zu tun haben. Bei den einfachsten Formen nehmen die Gesichts- 
züge der Kranken plötzlich den Ausdruck der Ermüdung an ; die 
Augen schließen sich; der Kopf sinkt herab; die Glieder werden 
schlaff, und die Kranken scheinen mit tiefen, regelmäßigen Atem- 
zügen zu schlafen. Meist erwachen sie nach kurzer Zeit von selbst 
wieder, oder es gelingt, sie durch kräftige Reize zu erwecken. Sie 
sind dann zunächst noch schlaftrunken, blicken beim Erwachen 
verstört um sich, geben verwirrte Antworten und wissen gar nicht, 
wie alles gekommen. Manchmal werden die Kranken irgendwo, 
auf dem Speicher, im Abort, schlafend aufgefunden. Derartige Be- 
obachtungen erinnern an die Fälle mit weitgehender hysterischer 
Einschränkung aller Sinneswahrnehmungen, in denen oft schon 
die einfache Absperrung der noch gebrauchsfähigen Sinneswerk- 
zeuge das Versinken in stundenlangen Schlaf herbeiführt. Hier 
und da spielen sich solche Schlafanfälle auch im Stehen ab ; die 
Kranken stehen plötzlich starr da und schlafen für wenige Minuten 
ein. Auch in den natürlichen Schlaf können sie sich einschieben 
und werden dann von den Kranken an der ihnen folgenden Be- 
nommenheit und Abgeschlagenheit erkannt. Einer meiner Kranken 



IÖI2 XIII. Die Hysterie. 

war bisweilen morgens ganz steif und konnte nicht erweckt werden. 
Die Schlafanfälle sind meist von kurzer Dauer, können sich aber 
sehr häufig wiederholen. Donath sah 207 Anfälle in 109 Tagen 
auftreten. 

Eine weitere Ausbildung erfahren die lethargischen Zufälle da- 
durch, daß die Kranken längere Zeit hindurch wie in tiefster Ohn- 
macht daliegen, auf keine Weise zu erwecken sind, auf keine Reize 
reagieren, keine Nahrung zu sich nehmen und unter sich gehen 
lassen. Die Haut ist dabei kühl und blaß, bisweilen auch etwas 
cyanotisch. Puls und Atmung sind verlangsamt und abgeschwächt; 
sie können in einzelnen Fällen derart darniederliegen, daß der An- 
schein des Scheintodes entsteht. Die Pupillen sind weit. Ein leises 
Vibrieren in den Augenlidern, manchmal auch Spannungszustände 
in einzelnen Muskelgruppen können als Andeutung von Krampf- 
zuständen betrachtet werden. Hier und da schieben sich auch wirk- 
liche Krampfanfälle in den Stuporzustand ein oder bringen ihn zum 
Abschlüsse. Die Dauer dieser Lethargie kann sich über Wochen und 
selbst Monate erstrecken ; ist sie noch länger, so wird man mit der 
Wahrscheinlichkeit eines katatonischen Stupors zu rechnen haben. 
Das Bewußtsein ist traumhaft getrübt, doch sind manche Kranke 
imstande, äußere Eindrücke aufzufassen. Eine Kranke berichtete, 
sie sei ,,wie tot" gewesen; sie war matt, hatte kein Gefühl, erkannte 
niemanden, lag wie im Traum, konnte nicht sprechen. Hier be- 
stehen Übergänge zu den Starrkrämpfen mit leichterer Bewußt- 
seinstrübung. Vorübergehend können die Kranken etwas klarer 
erscheinen; sie legen sich zurecht, richten sich auf, gehen auch 
wohl aus dem Bette, weinen, murmeln einige unverständliche Worte, 
um bald wieder in den früheren stuporösen Zustand zurückzuver- 
fallen. Die Erinnerung an die Zeit des Anfalls ist meist vollständig 
erloschen, oder es haften nur noch einzelne verworrene Traum- 
bilder, hier und da auch wirkliche Wahrnehmungen. 

In den leichtesten, sehr häufigen Formen der Anfälle kann sich 
die Bewußtseinstrübung auf eine rasch vorübergehende Benommen- 
heit beschränken. Den Kranken schwimmt es vor den Augen; sie 
haben ein ohnmachtartiges Gefühl ; sie werden blaß oder sie merken, 
wie ihnen das Blut in den Kopf steigt, fühlen sich schwindlig, hin- 
fällig, unbesinnlich, unklar. Nach einer oder wenigen Minuten ist 
jedoch alles wieder vorüber. Bisweilen gesellen sich Andeutungen 



Dämmerzustände. 1 6 1 3 

von motorischen Störungen hinzu, Schwäche in den Knien, Zu- 
sammenbeißen der Zähne, Beschleunigung der Atmung, Herz- 
klopfen. 

Die zweite große Hauptgruppe der hysterischen Anfälle wird 
von den Dämmerzuständen gebildet. Es handelt sich hier um 
Zustände von Bewußtseinstrübung mit deliranten Störungen der 
Wahrnehmung und des Handelns. Ihre Betrachtung wird am besten 
anknüpfen an die bei Hysterischen nicht seltenen Erscheinungen 
des Nachtwandeins oder Somnambulismus Als Vorstufen des- 
selben können wir die unruhigen Träume, das Zähneknirschen, 
Sprechen und Aufschreien im Schlafe betrachten. Ein Kranker 
träumte häufig, daß er sich in fremden Ländern, in Afrika, 1 befinde, 
von Wilden überfallen werde, schwere Kämpfe bestehe. Beim aus- 
geprägten Nachtwandeln erheben sich die Kranken aus ihrem 
Bette, kramen mit den Bettstücken herum, raufen mit ihnen, öffnen 
das Fenster, sehen hinaus, machen Licht, gehen mit geschlossenen 
oder halbgeöffneten Augen im Zimmer oder selbst im ganzen Hause 
herum, rütteln an der Türe, verrichten allerlei, oft ganz^geordnete, 
bisweilen aber auch unsinnige Handlungen (Zerreißen von Klei- 
dern, Zertrümmern des Nachtgeschirrs, Verstecken oder Hinaus- 
werfen von Gegenständen). Eine Kranke weckte die Kinder; eine 
andere nahm einen Stuhl mit ins Bett. Nach einiger Zeit legen sich 
die Kranken wieder nieder, um am anderen Morgen mit dumpfem 
Kopfe und meist ohne Erinnerung an das Geschehene zu erwachen. 
Nicht selten ist es möglich, sie durch Anreden oder doch durch stär- 
kere Reize (Kälte, Stechen, Kneifen) aus ihrem Zustande zu er- 
wecken. 

Manchmal stellen sich schon beim Einschlafen Verwirrtheits- 
zustände ein; die Kranken reden verkehrt, lachen ,, komisch", 
phantasieren. Auch Erregungen können in der Nacht auftreten. 
Die Kranken werden unruhig, schwatzen, deklamieren, fallen aus 
dem Bette, tanzen, springen herum, klatschen in die Hände, schreien, 
lachen. Endlich wären unter den nächtlichen Anfällen noch die 
schon früher erwähnten, halb traumhaften, deliriösen Erlebnisse 
anzuführen. Die Kranken sehen ihre Mutter an das Bett treten, 
den Verführer, der sie auffordert, mit ihm zu gehen, da sie ihm ge- 
hören. Männer mit Schlapphüten und blutroten Mänteln wollen sie 
mit Ketten in ein öffentliches Haus schaffen, wie sie es verdienen. 



1614 XIn - Die Hysterie. 

Das verstorbene Kind liegt im Bett; der Geist des Vaters zeigt sich 
am Fenster, erscheint als Mephistopheles ; ein Männergesicht an 
der Decke befiehlt ihnen, aus dem Hause zu gehen, weil es verflucht 
sei. Der Teufel mit Hundsschnauze taucht auf; weißgekleidete 
Männer ohne Köpfe steigen ins Fenster. 

Die in das wache Leben sich einschiebenden Dämmerzustände 
zeigen eine noch weit größere Mannigfaltigkeit, so daß es schwer 
ist, eine befriedigende Darstellung von ihnen zu geben, um so mehr, 
als die einzelnen Formen vielfach ineinander übergehen. Eine erste 
Gruppe ist durch ihre Verbindung mit lebhaften Erregungszustän- 
den gekennzeichnet, sie stellt gewissermaßen eine zum hysterischen 
Dämmerzustande verzerrte Gemütsbewegung dar. Die Kranken 
fassen Einzelheiten ziemlich gut auf, sind aber unklar über ihre 
Umgebung, verkennen die Personen, haben keine rechte Vorstellung 
von ihrer Lage. Illusionäre Wahrnehmungsverfälschungen scheinen 
häufig zu sein. Öfters werden von den Kranken einzelne Wahn- 
vorstellungen geäußert, man wolle sie vergiften, jemand sei ihnen 
mit dem Revolver nachgelaufen, die Mitkranken haben sie ge- 
schimpft. Die Färbung der Stimmung ist sehr wechselnd. Die 
Kranken sind bald mürrisch, gereizt, unzugänglich, bald heiter, ver- 
zückt, erotisch. Regelmäßig aber besteht eine außerordentliche Er- 
regbarkeit. Mit oder ohne äußeren Anstoß entwickeln sich unver- 
sehens die heftigsten Ausbrüche. Die Kranken weinen, schreien, 
brüllen, reißen Bilder von der Wand, zerstören, schlagen Scheiben 
ein, werfen mit Gegenständen, donnern an die Türe, drängen hin- 
aus, werden gewalttätig; sie schimpfen und drohen, singen mit 
verklärtem Ausdrucke, schneiden Gesichter, tanzen herum, wälzen 
sich im Bette, lassen sich hinausfallen, schlagen mit dem Kopfe 
auf den Boden. Zeitweise äußern sie lebhafte Angst, klagen über 
Beklemmungsgefühle, rufen nach der verstorbenen Mutter. In der 
Regel dauern die Erregungszustände nur kurze Zeit, höchstens 
einige Stunden, aber sie wiederholen sich sehr häufig, selbst viele 
Male im Verlaufe von Tag und Nacht. In den Zwischenzeiten sind 
die Kranken ruhiger, etwas klarer, aber schwerfällig, unbesinnlich, 
bald zugänglich, bald ablehnend, gespannt, um beim geringsten An- 
lasse plötzlich wieder loszubrechen. Derartige Erregungszustände 
können sich im Anschlüsse an einen bestimmten Anlaß entwickeln 
und schon am nächsten oder übernächsten Tage wieder schwinden. 



Dämmerzustände. 1615 

Der unberechenbare Wechsel zwischen ruhigeren Zeiten und un- 
bändigen Ausbrüchen kann sich aber auch über viele Wochen, ja 
Monate erstrecken, bis endlich eine dauernde Abnahme der Reiz- 
barkeit und Rückkehr der Klarheit und Ordnung im Denken und 
Handeln eintritt. 

Sehr nahe verwandt mit der geschilderten, ungemein häufigen 
Form sind die vorzugsweise bei jugendlichen Kranken beobachteten 
Dämmerzustände mit läppischer Färbung 1 ). Die Kranken sind 
unklar über ihre Umgebung, halb träumerisch, halb neugierig und 
sehr ablenkbar, verkennen die Personen. Ihre Stimmung ist aus- 
gelassen heiter, oft erotisch ; sie lachen viel und laut, spielen auf ihre 
Liebesabenteuer an, singen, tanzen herum, scherzen; eine Kranke 
behauptete, himmelblaue Hunde, fliegende Schneebälle, rote Mäuse 
und gelbe Krebse zu sehen. Dazwischen aber werden sie auch leicht 
gereizt, schimpfen, kratzen, beißen, schlagen die Mitkranken. Sie 
zeigen eine lebhafte Unruhe, suchen davon zu laufen, verkriechen 
sich, schlagen Purzelbäume, machen sonderbare Bewegungen mit 
den Händen, suchen in die Höhe zu klettern, tollen herum ,,aus 
Viehcherei", wie eine Kranke sagte. Sie duzen alle Welt, geben 
verkehrte, schnippische Antworten, machen Witze. Oft begehen sie 
allerlei törichte und mutwillige Streiche, werfen alles in die Ecke, 
legen sich in fremde Betten, schütten Wasser in die Schuhe, zeigen 
die Zunge, schmücken sich aus. Eine Kranke, deren Anfälle durch 
den Schreck vor einer Katze ausgelöst worden waren, miaute wie 
eine Katze; andere krähen, bellen, laufen auf allen Vieren. Eine 
Kranke hätschelte ihr Kopfkissen wie ein Wickelkind; eine andere 
streichelte und fütterte ihren in ein Tuch eingewickelten Pantoffel 
und pflückte Blumen auf den Betten; eine dritte rief immer: ,,Zu 
meiner Mutter möcht' ich!" 

Das Benehmen der Kranken erinnert daher vielfach an dasjenige 
eines ungezogenen, albernen Kindes. Dem entspricht es, daß sie be- 
haupten, ihren Namen nicht zu wissen, noch nicht schreiben zu 
können, ein kindliches Alter angeben, eine unbeholfene Sprache reden, 
auch die einfachsten Rechnungen ganz falsch ausführen. Dadurch 
entsteht jenes Zustandsbild , das man als ,, Puerilismus" bezeichnet 
hat, und das in ganz ähnlicher Weise durch die Hypnose erzeugt 
werden kann. Eine Vorstellung von diesem kindischen Gebahren 

x ) Sträussler, Jahrb. f. Psychiatrie XXXII, 1. 



I6i6 XIII. Die Hysterie. 

mag die Fig. 281 geben. Die Kranke hat sich mit Hufe von Bett- 
laken, Taschentüchern, Handtüchern und Zeitungspapier in aben- 
teuerlichster Weise herausstaffiert ; zwei Schuhe sind seitlich am 
Kopfe festgebunden. Die Dauer solcher Zustände beträgt in der 
Regel nur einige Stunden oder höchstens Tage; sie können durch 




Fig. 281. Kranke im hysterischen Dämmerzustande. 

einen Krampfanfall eingeleitet oder abgeschlossen werden. Auch 
diese Anfälle pflegen sich jedoch häufig zu wiederholen. In den 
Zwischenzeiten sind dann die Kranken oft völlig umgewandelt, still, 
gedrückt, wortkarg; sie haben meist gar keine oder nur eine sehr 
dunkle Erinnerung an den Dämmerzustand. 

Eine weitere Form von Dämmerzuständen verläuft als ein- 



Dämmerzustände. 1617 

fache, rasch vorübergehende Bewußtseinstrübung mitVer- 
wirrtheit, ohne sonstige auffallendere Erscheinungen. Meist im 
Anschlüsse an eine Gemütsbewegung werden die Kranken unklar, 
verlieren das Verständnis für ihre Umgebung und führen auch viel- 
fach Handlungen aus, über die sie sich nachher keine Rechenschaft 
zu geben vermögen. Sie verrichten ihre Obliegenheiten verkehrt, 
machen grobe Fehler beim Kochen, verirren sich auf dem ge- 
wohnten Wege, gehen eine falsche Treppe, laufen planlos herum, 
stoßen mit den Leuten auf der Straße zusammen, sitzen wie ab- 
wesend da, starren vor sich hin, begeben sich eine Nacht nicht ins 
Bett. Ein Kranker gab an, er sei manchmal irgendwo, ohne zu wissen, 
wie er dahin gekommen sei ; ein anderer wurde nackt und bewußtlos 
auf der Straße aufgefunden ; ein dritter lag in den Anlagen auf dem 
Bauche und gab einen ganz verkehrten Namen an. Eine Kranke fuhr 
im Faschingskostüm von Regensburg nach München, ohne es zu 
wissen ; eine andere wurde auf dem Friedhofe angetroffen, im Begriffe, 
ein Grab zu graben ; sie behauptete, ein ihr bekannter Arzt liege dort 
begraben. Gar nicht selten werden in solchen Zuständen auch un- 
überlegte Selbstmordversuche begangen. Die Kranken sind dabei in 
der Regel verwirrt, können auf die einfachsten Fragen keine Ant- 
wort geben, wissen ihren Namen nicht, reden überhaupt nicht. Die 
Dauer solcher Zustände ist gewöhnlich eine kurze ; die Kranken 
kommen nach einigen Minuten, längstens nach Stunden, wieder zu 
sich. Meist handelt es sich um gelegentliche und vereinzelte Vor- 
kommnisse, die keine besondere Neigung zu gehäuftem Auftreten 
erkennen lassen. 

Ganz ähnliche, aber leichtere und länger andauernde Bewußt- 
seinstrübungen dürften dem hysterischen Wandertriebe zu- 
grunde liegen. Die Kranken unternehmen mit oder ohne Anlaß 
abenteuerliche und zwecklose Reisen, treten unter falschem Namen 
auf, verbrauchen viel Geld, spielen sich auf und führen allerlei un- 
begreifliche Streiche aus. Ein Kranker stellte sich als Polizeibeamter 
vor und begann Nachforschungen nach einem angeblichen ,, Müller" ; 
andere geben sich den Anschein von Ärzten, Offizieren, Staatsan- 
wälten, begehen Zechprellereien und Schwindeleien. Da es sich hier 
regelmäßig um krankhaft minderwertige Persönlichkeiten handelt, 
werden wir dieser Störungen später eingehender zu gedenken haben. 

Dem Nachtwandeln verwandt sind die nunmehr zu besprechenden 



1618 XI11 - Die Hysterie. 

Dämmerzustände mit traumhafter Benommenheit. Die Kran- 
ken sind ganz unklar, versunken, fassen nicht auf, was um sie herum 
vorgeht, werden anscheinend von einzelnen Sinnestäuschungen und 
verworrenen Wahnvorstellungen beherrscht, soweit man das aus 
ihrem Benehmen und ihren abgerissenen Äußerungen entnehmen 
kann. Sie haben keine Ahnung, wo sie sich befinden, glauben sich 
in ihrer Wohnung, im Himmel, in der Hölle, im Gefängnis, fahren 
im Automobil, zu beiden Seiten den Satan. Sie sehen Gespenster, 
Gesichter, eine kleine schwarze, zusammengekauerte Gestalt, 
schwarze Kisten mit vielen schwarzen Schlössern, Flammen. Das 
Bett versinkt ; sie stehen bis an den Hals im Wasser ; alles kocht. 
Draußen wird gesprochen, ihr Name gerufen; man lacht sie aus, 
schimpft sie, will sie erwürgen; Gott und die verstorbene Mutter 
reden. Die Kranken sind ratlos, ängstlich, schrecken zusammen, 
fahren plötzlich auf, seufzen, sprechen leise, undeutlich vor sich 
hin ; eine Kranke bat, man solle ihr die heißen Tücher fortnehmen ; 
es sei aus, vorbei. Dazwischen schiebt sich hier und da krampf- 
haftes Weinen oder Lachen. 

Haltung und Benehmen zeigen in der Regel eine gewisse Ge- 
bundenheit. Die Kranken starren mit finsterem oder ängstlichem 
Ausdrucke vor sich hin, gehen mit verschränkten Armen oder ge- 
stikulierend langsam auf und ab; sie beachten ihre Umgebung 
nicht, lassen sich auch durch äußere Störungen nicht beirren, 
geben keine Antwort, befolgen keine Aufforderung, blicken höch- 
stens einmal erstaunt auf. Öfters besteht ausgesprochene wäch- 
serne Biegsamkeit. Bisweilen ergreifen die Kranken, was ihnen ge- 
rade in die Augen fällt, das Stethoskop des Arztes, Badetücher, 
Strümpfe, Kleidungsstücke, um sie in irgendeinem Winkel oder in 
ihrem Bette zu verstecken. Auch Brandstiftungen kommen vor; 
eine meiner Kranken sah ganze Berge von Papier vor sich, durch 
deren Anbrennen sie die Vernichtung ihres Anwesens und ihres 
Wohlstandes herbeiführte. In einzelnen Fällen werden die Kranken 
lebhafter, rutschen auf dem Boden herum, kriechen unter das Bett, 
suchen nach ihren Kindern, reden die Personen der Umgebung mit 
verkehrten Namen an, werden gereizt und ablehnend. Hier finden 
sich fließende Übergänge zur nächsten Form. 

Die Dauer dieser Dämmerzustände pflegt sich nur über wenige 
Stunden, höchstens über 1—2 Tage zu erstrecken; je länger sie sich 



Dämmerzustände. 1 6 1 9 

hinziehen, desto mehr treten neben der traumhaften Benommenheit 
delirante Züge hervor, desto mehr stellen sich Beziehungen zwischen 
den Kranken und den Eindrücken der Umgebung her. Während es 
bei den rasch verlaufenden Anfällen bisweilen auch durch die stärksten 
Reize nicht möglich ist, die Kranken aus ihrer Versunkenheit abzu- 
lenken oder gar zu erwecken, werden diese bei längerer Dauer zu- 
gänglicher und geordneter. Das Erwachen geschieht dort immer ziem- 
lich plötzlich, öfters unter leichten Krampferscheinungen, hier viel- 
fach unter allmählicher Aufhellung des Bewußtseins. Die Erinne- 
rung an den Anfall ist dort völlig erloschen, kann hier teilweise 
erhalten sein. 

Eine gewisse Sonderstellung nehmen diejenigen Dämmerzu- 
stände ein, in denen ganz bestimmte, mit starker gemütlicher Er- 
regung einhergehende Ereignisse bei getrübtem Bewußtsein immer 
in der gleichen Weise von den Kranken durchlebt werden. Es 
handelt sich dabei um Überfälle, Lebensgefahren und Schreckens- 
szenen aller Art, sehr häufig auch um geschlechtliche Angriffe. Viel- 
fach sind es wirkliche Vorkommnisse, die sich mit allen Einzel- 
heiten in der Einbildung des Kranken wiederholen ; gewöhnlich 
haben sie dann auch den ersten Anlaß zum Auftreten hysterischer 
Zufälle gebildet. Eine Kranke, die Gegenstand von Zudringlich- 
keiten geworden war, ,,sah immer den Menschen vor sich" ; ein 
Kranker, dessen Vetter durch Sturz von einem Baume tödlich ver- 
unglückt war, durchlebte diesen Vorfall in den Dämmerzuständen 
immer wieder, rief jenem zu, er solle nicht hinaufsteigen, erinnerte 
ihn an seine Mutter, sprach vom Sarge und geriet dabei ganz außer 
sich. Eine Kranke kämpfte jedesmal mit einem Arzte, der ihr, 
nach ihren abgerissenen Äußerungen zu schließen, Gewalt antun 
wollte. Giannuli 1 ) hat unter anderen hierher gehörenden Bei- 
spielen den Fall eines Zollbeamten berichtet, der unter großer 
Lebensgefahr eine Frau aus einer wildgewordenen Rinderherde er- 
rettet hatte. Als er einige Monate später zufällig die gerettete Frau 
getroffen hatte und von ihr mit Danksagungen überhäuft worden 
war, erkrankte er an hysterischen Dämmerzuständen, in denen er 
jenes aufregende Ereignis immer wieder durchlebte. Bisweilen ist 
jedoch der Inhalt der Delirien auch ein rein erdichteter oder doch 
stark ausgeschmückter. 

x ) Giannuli, Monatsschr. f. Psychiatrie IX, 107. 



IÖ20 XIII. Die Hysterie. 

Außerordentlich packend pflegt die Lebendigkeit zu sein, mit 
der das erschütternde Erlebnis in dem ganzen Verhalten der Kranken 
zum Ausdrucke kommt. Ihr wechselndes Mienenspiel zeigt auf das 
deutlichste die einzelnen Abschnitte des Vorganges bis zum schreck- 
lichen Höhepunkte ; sie suchen zu fliehen, brechen zusammen, flehen 
um Gnade, wehren sich verzweifelt, geraten in Wut, werden über- 
wältigt, alles mit größter Naturwahrheit. „Geh' weg! Du sollst 
mir nichts tun!" rief eine Kranke; „jetzt hat er mir ein Messer 
in die Brust gestoßen!" Ihrer wirklichen Umgebung sind sie dabei 
vollkommen entrückt, lassen sich durch äußere Einwirkungen gar 
nicht beirren. Die Anfälle dauern immer nur kurze Zeit, x / 4 — Y2 
Stunde; ihren Abschluß bildet ein ziemlich plötzliches Erwachen 
ohne Erinnerung an das Vorgefallene. Sie pflegen sich öfters, bis- 
weilen sogar sehr häufig, zu wiederholen und dann jedesmal in fast 
genau gleicher Form abzulaufen. 

Diese ,, pathetischen" Dämmerzustände bilden eine Art Übergang 
von den traumhaften zu den deliranten Formen, die durch eine 
weit geringere Trübung des Bewußtseins und das Auftreten leb- 
hafter Sinnestäuschungen mit abenteuerlichen Wahnbildungen ge- 
kennzeichnet sind. Die Kranken machen einen leicht benommenen 
und unbesinnlichen, ratlosen Eindruck, fassen mangelhaft auf und 
sind unklar über Ort und Zeit wie über ihre Lage. Sie verkennen ihre 
Umgebung, reden den Arzt mit falschem Namen an, bezeichnen ihn 
als Graf, glauben, in einer anderen Stadt, in Petersburg, in einem 
anderen Lande zu sein; sie befinden sich auf einem Maskenballe, 
in einem Schlosse, im Zuchthause. Alles ist blau; an den Wänden 
sitzen grüne Raupen, Schlangen; wilde Tiere, Löwen, Pudel, Pferde 
tauchen auf ; Köpfe wachsen aus der Wand heraus ; schwarze Vögel 
fliegen herum; in den Betten sind ,, Schlangenketten", Ungeziefer. 
Eine Dame steigt zum Fenster herein; Engel, Hexen und Teufel 
erscheinen, schwarze Männer, Schutzleute, Kapuziner, drei Kinder 
in weißen Kleidern, Christus am Bett, die Jungfrau Maria auf einer 
Wolke mit dem Rosenkranz. Die Glocken läuten; Verwandte 
schimpfen; die verstorbene Geliebte ruft; eine Frau droht. Der 
Liebhaber kommt mit dem Revolver, schreit : ,,Dich krieg* ich schon ; 
du kommst mir nicht mehr aus!" Es heißt : ,, Hallunke!" , »Schwind- 
lerin, Betrügerin" ; der Name des Kranken wird gerufen. Es riecht 
nach Tod; im Essen ist Gift; der Kranke fühlt sich gezupft, an den 



Dämmerzustände. 



IÖ2I 



Haaren gezogen; er spürt eine Nadel, ein Messer im Bein. Ihm 
werden Knochen aus dem Arm genommen ; er hat kein Hirn mehr, 
weiße Mäuse im Kopfe, wird wahnsinnig; man hat ihm den Krebs 
eingeimpft. Aus Mund, After und Nase kommen Mäuse ; ein Kran- 







Fig. 282. Zeichnung einer hysterischen Vision. 



ker zog sie heraus und warf sie fort. Eine Kranke meinte, sie sei 
im Feuer und müsse verbrennen. 

Die Sinnestäuschungen der Kranken beschränken sich vielfach 
nicht auf einzelne Trugwahrnehmungen, sondern tragen ein er- 
lebnisartiges Gepräge. Die Mutter des Kranken erscheint nachts 
und verkündet ihm den Tod ; eine Gestalt mit langem grauem Haare 
befiehlt ihm, sich umzubringen; die Schwester sitzt in einem Käfig 



Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 



15 



IÖ22 XIII. Die Hysterie. 

und schreit um Hilfe. Ein Kranker sah sich von einem Kopfe mit 
,, lauter Haxen" verfolgt, der ihm Tag und Nacht keine Ruhe lasse, 
ihn auslache, mit schmutzigen Fingern in sein Essen greife ; er ent- 
warf davon die umstehende, stark verkleinerte Zeichnung (Fig. 282). 
Eine Kranke wurde von einem Manne mit einer großen Nase geküßt, 
der sie notzüchtigen wollte ; ein Kranker, der behauptete, der Pfarrer 
gebe sich mit seinem Mädchen ab, verlangte ein Gewehr, als er 
jenen angeblich auf dem Dache erblickte, markierte das Anlegen, 
Zielen, Losdrücken und erklärte, jetzt habe er ihn erschossen. 

Dazu gesellen sich allerlei bunte Verfolgungs- und Größenideen. 
Leute werden umgebracht, Galgen gebaut; das Haus ist voller 
Schutzleute; die Familie ist ermordet; Vater und Mutter wurden 
gestern geköpft. Der Kranke wird für einen Spion gehalten, soll 
langsam zu Tode gemartert, aufgehängt werden, muß wegen Landes- 
verrates heute hingerichtet werden; der Bruder will ihn töten. Ein 
Kranker erklärte, er solle von denÄrzten, die er als Metzger bezeich- 
nete, fettgemacht und dann abgestochen werden. Der Kranke ist 
Hannibal, Fürst von Thurn und Taxis, der reichste Prinz der Welt, 
Adjutant des Kaisers, Verwandter des Landesfürsten, schickt alle 
nach Sibirien ; eine Kranke bezeichnete sich als Kaiserin von Berlin. 
Von einem Grafen bekommt der Kranke 20 000 Mark ; er besitzt 
95 000 Millionen, 100 Schlösser, 40 Hengste; Sträflinge müssen Gold 
graben und es ihm abliefern. Er hält Hofball ab, tanzt mit Prin- 
zessinnen, hat Prinzen zu Kindern, muß zum Kaiser, wartet, bis 
die Herren aus Österreich kommen, soll im Auftrage des Königs 
von Sachsen das Haus besichtigen. Ein Kranker behauptete, er 
habe ein wirtschaftliches System erfunden, das alle glücklich machen 
werde ; ein anderer wollte Papst werden, eine neue Religion gründen. 

Öfters werden auch Konfabulationen vorgebracht. Der Kranke hat 
seine Schwester erstochen, sein Mädchen schwer verletzt ; er wurde 
vom Scharfrichter verhört, zum Tode verurteilt, schon einmal ge- 
köpft, der Kopf aber mit Gummi wieder angeleimt; die Engländer 
haben ihm Kugeln in den Kopf geschossen. Er wurde durchgeprügelt 
und überfahren, mußte mit Riesen kämpfen, war beim Prinzregenten, 
in Paris, fuhr mit dem Blitzzuge ; man hat ihn in den Reichstag 
gewählt. Den Arzt sah er schon früher bei Hofe. 

Während dieses Deliriums sind die Kranken meist zugänglich, 
wenn auch oft etwas schläfrig und träumerisch, einsilbig. Sie geben 



Dämmerzustände. 1623 

Antwort, gehen auf Anregungen und Einwände ein, bleiben aber 
dabei im Rahmen ihrer kindlich-spielerischen Erdichtungen. Ein 
Kranker, der sich Ito, Kaiser bald von Japan, bald von China 
nannte und behauptete, er regiere seit 3 Jahren, wolle jetzt den König 
von Bayern besuchen, erwiderte auf die Aufforderung, japanisch 
zu sprechen, das tue er bei Barbaren nicht. Ein anderer, der sich 
für den Kaiser von Rußland ausgab, erklärte, er kenne kein deutsches 
Geld, nur das russische; er schrieb eine Postkarte, die von Peters- 
burg nach München gerichtet war. Eine Kranke, die sich aus 
einigen Tüchern eine Puppe verfertigt hatte, legte sie sofort an die 
Brust, als man ihr sagte, daß die Kleine hungrig sei und geschrieen 
habe. Bisweilen tritt in den Äußerungen der Kranken ein gewisses 
Krankheitsgefühl hervor; ein Kranker fürchtete, er werde wahn- 
sinnig; eine Kranke sprach von ihrem ,, Rappel". 

Sehr eigenartige Krankheitsbilder entstehen durch die gerade in 
diesen Zuständen besonders häufigen und stark ausgebildeten hy- 
sterischen Verdrängungserscheinungen. Sie treten am auf- 
fallendsten hervor in dem zuerst von Möli geschilderten Vorbei- 
reden, dessen innige Beziehungen zu hysterischen Dämmer- 
zuständen besonders von Ganser 1 ) 1897 klargelegt worden sind. 
Diese Störung, die uns vorübergehend oder längere Zeit hindurch 
in der überwiegenden Mehrzahl der deliranten Dämmerzustände 
begegnet, zeigt sich einmal im Versagen der einfachsten Kenntnisse, 
andererseits in dem Vorbringen ganz falscher, oft unsinniger An- 
gaben. In solchen „Ganserschen" Dämmerzuständen reden die 
Kranken anscheinend, ohne nachzudenken, darauf los, oder sie 
machen nach einigem Besinnen Angaben, die wohl ,,in der Rich- 
tung der Frage* ' liegen, sie aber unzutreffend beantworten. Die 
Kranken wissen ihren Namen nicht zu nennen, geben ihn falsch 
an, ebenso Alter und Geburtsjahr, jetzige Jahreszahl oder Datum, 
vielleicht nicht einmal die Tageszeit; sie rechnen ganz verkehrt 
(1 + 1 = 200), vermögen Farben und Münzen nicht zu bezeichnen, 
die Zahl ihrer Augen, Füße, Finger nicht anzugeben. Ein Kranker 
begann bei solchen Fragen umständlich und unbeholfen an Nase, 
Ohren usf. herumzuzählen, ohne jedoch zum richtigen Ziele zu 

l ) Ganser, Archiv f. Psychiatrie XXX, 633; Ebenda XXXVIII, 34; Henne- 
berg, Allgemeine Zeitschr. f. Psych. LXI, 479; Lücke, ebenda 1903, 1; Vorster, 
Monatsschr. f. Psychiatrie XV, 160; Hey, Das Gans er sehe Symptom, seine kli- 
nische und forense Bedeutung, 1904. 

15* 



!Ö24 XIIL Die Hysterie. 

kommen. Auf die einfachsten Fragen erhält man ganz sinnlose 
Antworten. Die Woche hat 31 Tage, der Goldfisch 4 Beine; die 
Hauptstadt von Deutschland ist Europa ; der Himmel ist weiß ; die 
Blätter sind gelb. Gegenstände werden unrichtig, aber im Sinne 
einer gewissen Anknüpfung an die Wirklichkeit benannt, bisweilen 
mit Umschreibungen, ein Markstück als 5 Pfennige, rotes Papier 
als weiß, ein Taschentuch als Hemd, Geld als Papier. 

Auch über ihre persönlichen Verhältnisse geben die Kranken die 
albernsten Auskünfte. Ein Kranker bezeichnete sich als ,, Mister 
Smoking" ; eine Kranke gab an, ihre Mutter nicht zu kennen; ein 
lediger Kranker erklärte, er habe eine Frau und vier Kinder ; eine Frau 
behauptete, ihr Mann sei tot ; ihre Wohnung wisse sie nicht. Ebenso 
ist es unmöglich, über frühere Erlebnisse klare und richtige Angaben 
zu erhalten, namentlich, wo es sich um Straftaten handelt. Die Kran- 
ken wissen nicht, was sie angestellt haben, weswegen sie in die 
Klinik gekommen sind, wer sie gebracht hat, wo sie vorher waren, 
ob sie schon bestraft wurden. Bisweilen bringen sie erdichtete Er- 
zählungen vor ; sie waren früh in einem entfernten Orte bei der 
Mutter, sind schon ein halbes Jahr da, haben gerade Tee getrunken ; 
es war Besuch da. 

Manche Kranke können auch nicht schreiben, bringen, wie früher 
geschildert, nur unverständliche Schnörkel auf das Papier, lassen 
Buchstaben und Worte aus. Ein Kranker vermochte seinen Namen 
nur zu schreiben, wenn man ihm jeden einzelnen Buchstaben vor- 
sagte; als man ihn aufforderte, seinen Vornamen hinzuzusetzen, 
schrieb er ,, Vorname". Vielfach weichen die Kranken den Fragen aus, 
besonders, wenn sie etwas verfänglicher Art sind ; sie sprechen von 
etwas ganz anderem, antworten überhaupt nicht, oder sie bringen 
auch wohl dieselbe Redensart immer wieder vor. Eine Kranke er- 
widerte tagelang auf alle Fragen: „Ist ausgeschlossen!"; ein Russe, 
der das Deutsche sehr gut beherrschte, ließ alle deutschen Anreden 
völlig unbeachtet. Manche Kranke lesen zusammenhanglos, unter 
Auslassungen. Die Stimmung der Kranken ist in der Regel wechselnd. 
Zeitweise erscheinen sie ängstlich, weinerlich, jammern ; dann wieder 
zeigen sie eine läppisch-übermütige Heiterkeit, oder sie machen den 
Eindruck schläfriger Gleichgültigkeit. Hier und da kommt es zu 
Selbstmordversuchen, die aber regelmäßig mit geringer Überlegung 
und Tatkraft ins Werk gesetzt werden. 



Dämmerzustände. 



1625 



Das Benehmen der Kranken ist öfters nicht besonders auf- 
fällig. Manche Kranke kümmern sich wenig um ihre Umgebung, 
liegen teilnahmlos da; andere sind kindisch eigensinnig, wider- 
strebend, verstecken sich unter der Decke, lehnen jede Unterhaltung 
ab ; wieder andere sind neugierig, fassen alles an, gehen dem Arzte 




Fig. 283. Hysterischer Kranker in spielerischer Verkleidung 
(Ganser scher Dämmerzustand). 



nach, treiben allerlei Possen, verstecken Gegenstände im Bett. 
Eine Kranke faltete sich aus einem Tuche ein Schiff zusammen, 
mit dem sie nach Amerika fahren wollte. Der obenerwähnte an- 
gebliche Kaiser von Japan klebte sich eine Marke auf die Stirn, 
verfertigte sich Papiermanschetten und eine eigenartige Kopf- 
bedeckung aus einigen Tüchern, wie sie Fig. 283 zeigt ; ein anderer 



IÖ2Ö XIII. Die Hysterie. 

Kranker streute nachts in seinem Zimmer Brot, um Tauben zu 
füttern. Nicht selten beobachtet man theatralische Gebärden und 
Stellungen. 

Hier und da zeigt sich Unruhe, namentlich nachts, seltener 
stärkere Erregung. Die Kranken gehen aus dem Bette, drängen fort, 
schimpfen, schneiden Fratzen, tanzen, singen, schreien, werfen 
Gegenstände ins Zimmer, wälzen sich am Boden, werden auch wohl 
einmal gewalttätig; ein Kranker bedrohte seine Frau mit dem 
Messer. Die sprachlichen Äußerungen sind in der Regel verständlich, 
wenn auch oft etwas zusammenhanglos; einzelne Kranke gefallen 
sich in gezierter Sprechweise, in verworrenen Reimereien oder 
schreiben ,, Gedichte" nieder. Meist sind die Kranken beeinflußbar, 
schrecken bei unerwarteten Reizen zusammen, beruhigen sich auf 
Zuspruch, werden ängstlich oder aufgeregt bei Bedrohungen. Der 
Kranke, von dem die Zeichnung Fig. 282 stammt, lief laut schreiend 
davon, als ihm plötzlich zugerufen wurde, sein Verfolger komme. 
Das gesamte klinische Bild ist vielfachen Schwankungen unter- 
worfen. Zeitweise können die Kranken leidlich klar erscheinen, um 
bald darauf von neuem die unsinnigsten Antworten zu geben. 
Öfters lassen sich äußere Anlässe für solche Verschlechterungen 
nachweisen, ein Brief, Besuch, eine Zustellung, eine Äußerung des 
Arztes; hier und da gelingt es auch durch kräftiges Zureden, den 
Kranken zu vernünftigem Eingehen auf die an ihn gerichteten 
Fragen zu bringen. 

Auf körperlichem Gebiete finden sich fast immer diese oder jene 
hysterischen Störungen. Am häufigsten ist Unempfindlichkeit gegen 
Nadelstiche, bald am ganzen Körper, bald auf einzelne Hautgebiete 
beschränkt. Ferner beobachtet man konzentrische Gesichtsfeld- 
einschränkung, Strabismus, Doppelsehen, Zittern, Geh- und Sprach- 
störungen, ataktische Schrift, Anfälle, Zuckungen, Fehlen des Kon- 
junktival- und Würgreflexes, übermäßige Steigerung der Sehnen- 
reflexe ; hier und da besteht wächserne Biegsamkeit. Der Schlaf ist 
oft sehr gestört. 

Die Dauer dieser deliranten Dämmerzustände beträgt meist 
einige Tage oder Wochen, kann sich aber gelegentlich auch über 
Monate, in einzelnen Fällen mit vielen Schwankungen über Jahr 
und Tag erstrecken. Man hat dabei den Eindruck, daß es sich 
um eine ganze Kette von Einzelanfällen handelt, die sich mit 



Dämmerzustände. 1627 

kurzen, klareren Zwischenzeiten aneinander schließen. Die Kran- 
ken sind jeweils einige Tage hindurch ablehnend, finster, unbe- 
sinnlich, delirant, plötzlich gereizt, sinnlos gewalttätig, dann wieder 
besonnen, erotisch, scherzhaft, anspruchsvoll, putzen sich heraus, 
kennen den ganzen Hausklatsch, wissen aber nichts von den Vor- 
gängen während der stärkeren Bewußtseinstrübung. Nach wenigen 
Tagen, bevor sie noch völlig frei geworden sind, setzt schon wieder 
ein neuer Dämmerzustand ein. Auch in den Pausen bestehen Stig- 
mata fort, namentlich Empfindungsstörungen ; hier und da schieben 
sich Krampfanfälle ein. Die Lösung des Krankheitszustandes pflegt 
allmählich zu erfolgen; die Erinnerung ist aufgehoben oder doch 
stark beeinträchtigt. Manchmal reicht die Erinnerungslücke über 
den Beginn des Dämmerzustandes zurück, läßt sich aber meist in 
der Hypnose aufhellen. Die Anfälle zeigen nicht die Neigung, sich 
häufig zu wiederholen. 

Die hier geschilderten deliranten Dämmerzustände, namentlich 
in der von Ganser umschriebenen Form, finden sich ganz auffallend 
häufig bei Untersuchungs- und Strafgefangenen, wenn sie auch 
keineswegs auf diese beschränkt sind. Besonders gern setzen sie 
bald nach der Verhaftung oder nach einem Verhöre ein, in dem 
der Kranke sich des Ernstes seiner Lage recht deutlich bewußt 
wurde. Eine meiner Kranken wurde in einem Warenhause, wo sie 
Diebstähle verübt hatte, festgenommen und verfiel sofort in leb- 
hafte Aufregung, die ihre Verbringung in die Klinik veranlaßte; 
bei der Aufnahme war der Ganser sehe Dämmerzustand bereits 
voll ausgebildet und dauerte eine Reihe von Tagen an. Derartige 
Beobachtungen zeigen uns, daß den Ausgangspunkt der Erkrankung 
eine heftige Gemütserregung bilden kann ; sie läßt sich auch fast 
immer nachweisen. Wir dürfen uns wohl vorstellen, daß bei ge- 
eigneter Veranlagung oder auf sonstwie vorbereitetem Boden die 
gewöhnliche, durch gemütliche Erschütterungen erzeugte Verwir- 
rung sich zu einem krankhaften Dämmerzustande fortbilden kann. 
Dabei werden, entsprechend der allgemeinen Neigung der Hysteri- 
schen, die Vorstellungen und Gefühle, durch die der Krankheits- 
zustand ausgelöst wurde, aus dem Bewußtsein verdrängt. Die 
Kranken geraten in eine Traumwelt, in deren beängstigenden Er- 
lebnissen zum Teil noch die Gemütserschütterung unmittelbar nach- 
wirkt, während auf der anderen Seite freundlichere Bilder das 



!Ö28 XIII. Die Hysterie. 

Denken und Fühlen in ganz anderen Bahnen halten. Es läßt sich 
nicht verkennen, daß dieser Vorgang die größte Ähnlichkeit mit 
dem so oft auch vom Gesunden betätigten, bewußten Bestreben 
aufweist, unangenehme Eindrücke und Erlebnisse durch geflissent- 
liche Ablenkung und Zerstreuung in den Hintergrund zu drängen, 
das mahnende Gewissen ,,zu betäuben". Ja, man darf vielleicht 
annehmen, daß diese Selbstbefreiung, wie sie einerseits willkürlich 
geübt werden kann, andererseits durch stammesgeschichtlich er- 
worbene Einrichtungen begünstigt wird, die eben bei Hysterischen 
in breiterem Umfange benutzt werden. So würde es verständlich 
werden, daß sich hier krankhafte Verdrängung und bewußte Ver- 
stellung vielfach so eng zu berühren, ja miteinander zu verbinden 
scheinen. Es ist indessen zu betonen, daß bei unseren Kranken 
die Häufigkeit sonstiger hysterischer Störungen ohne weiteres auf 
die krankhafte Grundlage des klinischen Krankheitsbildes hinweist. 
Auch bei der erwähnten Warenhausdiebin hatten schon lange vor- 
her die Zeichen einer schweren Hysterie bestanden. 

Nahe verwandt mit dem Ganser sehen Dämmerzustande und 
ebenfalls den Erscheinungsformen der Hysterie zuzurechnen ist der 
von Räcke beschriebene Haftstupor. Es handelt sich dabei 
um einfache, mehr oder weniger tiefe Bewußtseinstrübungen mit 
hysterischen Verdrängungserscheinungen. Wie es scheint, ent- 
wickeln sich diese Bilder ausschließlich unter dem Einflüsse der 
Gefangenschaft, besonders in der Untersuchungshaft. Vielleicht sind 
hier die Bedingungen für das Auftreten lähmender Bewußtseins- 
trübung mit starker Neigung zur Verdrängung besonders günstige, 
da die Lage einerseits einen überaus heftigen gemütlichen Druck 
ausübt, andererseits der tatkräftigen Willensbetätigung nicht den 
geringsten Spielraum läßt. 

Die Einleitung bildet ein verstörtes, ablehnendes, mürrisches 
oder ängstliches Wesen, bisweilen auch eine heftige tobsüchtige 
Erregung. Die Kranken erscheinen benommen, unklar, unzu- 
gänglich, kümmern sich nicht um die Vorgänge in der Umgebung, 
setzen sich mit niemandem in Beziehung, beschäftigen sich nicht, 
reagieren kaum oder gar nicht auf Anreden, Einwirkungen und 
Aufforderungen. Hier und da kann eine sinngemäße Handlung 
zeigen, daß sie doch aufgefaßt haben, was um sie geschieht. 
Meist sind sie ganz stumm, oder sie geben einsilbige, unzulängliche 



Dämmerzustände. 1629 

oder unsinnige Antworten, bringen auch wohl immer die gleichen 
Worte vor: ,,ich weiß nicht* • ; ein Kranker erwiderte regelmäßig: 
,,Bier, Bier!" Hier und da kann man aus abgerissenen Äußerungen 
entnehmen, daß die Kranken beschimpfende oder drohende Stimmen 
hören, namentlich nachts; sie müssen ihr Leben lassen, werden er- 
schossen ; der Teufel will ihnen etwas tun. Manche Kranke sehen 
schwarze Gestalten, Feuergarben, brennende Lichter ; ein Kranker 
rief plötzlich aus: „Ich bin der König !" und verlangte ein Messer, 
um die Schwarzen zusammenzustechen und sich den Hals abzu- 
schneiden ; ein anderer fragte nach der Hinrichtung. Nicht selten 
bestehen auch Vergiftungsideen mit Nahrungsverweigerung. 

Der Stimmungshintergrund ist bisweilen von einer dumpfen Teil- 
nahmlosigkeit beherrscht; häufiger sind die Kranken düster, reiz- 
bar, gespannt oder ängstlich, mißtrauisch. Der Gesichtsausdruck 
ist starr, niedergeschlagen oder verdrießlich, ihr Benehmen steif, 
gebunden. Gegen Eingriffe widerstreben die Kranken, lassen sich 
aber manchmal widerstandslos stechen, erscheinen unempfindlich. 
Öfters begehen sie allerlei unsinnige Handlungen. Sie entkleiden 
sich, zerreißen ihre Kleider, werfen sie in den Abort, verstecken 
sich, legen sich nackt unter das Bett, schleppen die Matratze herum, 
binden sich eine Schnur um den Hals, machen Fluchtversuche. Mit- 
unter werden sie plötzlich erregt, schimpfen, weinen, machen iro- 
nische Bemerkungen, drohen; ein Kranker rief aus: „Ihr seid 
Massenmörder!" Auf körperlichem Gebiete werden ganz ähnliche 
hysterische Störungen beobachtet wie bei der vorigen Form. 

Die Dauer solcher Stuporzustände pflegt sich über einige Wochen 
oder Monate zu erstrecken. Das klinische Bild kann dabei, wie 
schon angedeutet, allerlei Schwankungen darbieten. Nicht selten 
schieben sich Zeiten ein, in denen die deliranten Störungen stärker 
hervortreten oder auch ein Ganser scher Dämmerzustand sich aus- 
bildet. Wenn die Kranken auch im allgemeinen unzugänglich er- 
scheinen, so läßt sich doch in der Regel nachweisen, daß sie durch 
äußere Vorgänge recht erheblich beeinflußbar sind. Besonders 
deutlich wird das dann, wenn die Kranken, die bis dahin völlig 
stuporös waren, sich nach einem gelungenen Fluchtversuche in 
der Freiheit durchaus unauffällig bewegen und ihrem Erwerbe 
nachgehen. Auch sonst kommen gelegentlich solche unvermittelten 
Zustandsänderungen nach einem Verhör, einer Zustellung, einem 



lÖQO XIII. Die Hysterie. 

Besuche, einem eindringlichen Zuspruche vor. Meist allerdings 
pflegt sich der Stupor allmählich zu verlieren. Die Erinnerung an 
die durchlebte Krankheitszeit ist gewöhnlich sehr unklar oder ganz 
aufgehoben; auch von den unmittelbar vorhergehenden Ereignissen 
wissen die Kranken oft nur sehr wenig. 

In einer kleinen Gruppe von Fällen, die im übrigen offenbar 
den deliranten Formen zuzurechnen sind, kann die Bewußtseins- 
trübung so gering sein, daß sie nur bei längerer Beobachtung und 
beim Vergleich mit gesunden Tagen deutlich wird. Die Kranken 
können daher unter Umständen einige Zeit unauffällig bleiben, bis 
sie durch irgendeine absonderliche Handlung die Aufmerksamkeit 
auf sich ziehen. Bei diesen besonnenen Delirien zeigt die Auf- 
fassung keine stärkere Störung; auch Sinnestäuschungen scheinen 
keine Rolle zu spielen; höchstens hören die Kranken einmal ihren 
Namen, die Stimme der Mutter, das Geschrei eines Kindes. Dagegen 
besteht eine gewisse Einengung des Bewußtseins, welche die 
Kranken verhindert, sich ein klares Bild von ihrer Lage und den sich 
abspielenden Ereignissen zu machen. Außerdem sind sie vergeßlich 
und zerstreut, vermögen sich keine Rechenschaft über die Folge 
und den Zusammenhang ihrer Erlebnisse zu geben. Zugleich sind 
sie von wahnhaften Vorstellungskreisen beherrscht, die ihr Denken 
und Handeln in maßgebender Weise beeinflussen. Der Untersu- 
chungsrichter will sie vergiften, hält es mit ihrer Geliebten; der 
Arzt steckt mit jenem unter einer Decke. 

Bisweilen kommt es zu merkwürdigen Konfabulationen. Die 
Kranken behaupten, Besuche zu empfangen, berichten mit allen 
Einzelheiten über den Inhalt ihrer Unterredungen. Ein Kranker 
erzählte bei jeder Visite, daß Richter und Staatsanwalt gerade da- 
gewesen seien und ihn verhört hätten, daß er mit seinem Anwalt 
stundenlange Besprechungen gehabt habe. Ein anderer gab an, daß 
seine Braut täglich zu ihm komme, sich an sein Bett setze, ihn 
tröste und Zukunftspläne mit ihm erörtere ; einmal waren auch die 
beiden Hauptbelastungszeugen da, zeigten mit den Fingern auf ihn 
und äußerten, ihm gehöre nichts, als Wasser und Brot oder der Tod. 
Auch hier sind Verdrängungserscheinungen nicht selten, gelegent- 
liches Vorbeireden, Unschulds- und Begnadigungsideen. Ein Kranker 
versicherte immer von neuem, daß ihm die Wiederaufnahme des 
Verfahrens mit Bestimmtheit zugesichert worden, die Begnadigung 



Dämmerzustände. 1631 

schon unterwegs sei ; ein anderer, der nur eine kurze Strafe zu er- 
warten hatte, erklärte umgekehrt, er sei bereits zu 18 Monaten 
Gefängnis verurteilt. 

Manche Kranke werden irgendwo aufgegriffen, machen wech- 
selnde und widerspruchsvolle Angaben über ihre Persönlichkeit, ihre 
Verhältnisse, ihre Schicksale, so daß sie zunächst für Schwind- 
ler gehalten werden. Ein Kranker telegraphierte plötzlich an seine 
Verwandten, seine Frau sei tot; ein anderer kam auf die Polizei, 
um dort den Revolver abzuholen, den sein Bruder für ihn hinter- 
legt habe ; ein dritter suchte in München ziellos nach seinem in 
Wien befindlichen Bruder, fragte die Vorübergehenden nach ihm. 
Ein vierter kam aus Italien zugereist, gab an, er habe keinen Na- 
men, aber Spinngewebe im Gehirn, einen Schleier, der erst weg- 
gezogen werden müsse ; er könne hypnotisieren, Teslaströme mit 
Millionen von Unterbrechungen herstellen. Ein jüdischer Student 
aus Galizien ersuchte einen Schutzmann in München, ihn nach der 
„Heilgasse" in Genezaret zu bringen; er sei Johannes, der Sohn des 
Zebedäus aus Genezaret, geboren im Jahre 15, jetzt 45 (in Wirk- 
lichkeit 25!) Jahre alt, müsse dem Meister Jesus folgen, sei sein 
liebster Jünger; seine Mutter sei Johanna. 

An solchen deliranten Vorstellungen halten die Kranken in der 
Regel lange Zeit hindurch fest, gehen auf Einwände nicht weiter 
ein, zeigen auch wenig Neigung, sich Klarheit zu verschaffen. Ja, 
man hat öfters den Eindruck, daß sie auch dann noch nicht die 
Unsinnigkeit ihrer Angaben eingestehen, wenn sie innerlich schon 
von ihnen zurückgekommen sind. Ihr Benehmen bietet außer einer 
gewissen Reizbarkeit oder auch Schlaffheit und Willensschwäche 
meist nichts Besonderes. Gelegentlich kommt es zu Erregungen 
oder spielerischen Selbstmordversuchen. Ein Kranker zerschlug vier 
Fensterscheiben und warf mit einem Schemel, angeblich, um den 
Untersuchungsrichter zu treffen; ein anderer versuchte, sich mit 
den Nägeln das Blut auszulassen. Manche Kranke entwerfen Recht- 
fertigungsschriften und Entlassungsgesuche ; ein Kranker zeichnete 
einen Galgen, an dem die gegen ihn auftretenden Zeuginnen 
hingen. Ganz allmählich beginnen die Kranken dann, sich mit der 
Umgebung in Beziehung zu setzen und sich zu beschäftigen, 
um schließlich meist auch zögernd ihre krankhaften Ideen zu be- 
richtigen; das kann Wochen und Monate dauern. Nicht selten gibt 



1632 XIII. Die Hysterie. 

auch hier eine drohende Untersuchung den Anlaß zur Entwicklung 
des krankhaften Zustandes; in anderen Fällen ist davon keine 
Rede, doch mögen unter Umständen andersartige innere Kämpfe 
als auslösende Ursachen in Betracht kommen. 

Die zuletzt geschilderten Fälle bilden einen Übergang zu jenen 
seltenen Beobachtungen, in denen man von einem ,,second etat", 
von einer Verdoppelung der Persönlichkeit gesprochen hat. 
Es handelt sich dabei um das Auftreten von Zuständen mit sehr 
weitgehender retrograder Amnesie. Hier kann für längere Zeit die 
Erinnerung an das frühere Dasein mehr oder weniger vollständig 
verloren gehen, so daß die Kranken gewissermaßen andere Menschen 
geworden sind. Andeutungen davon haben wir schon beim Puerilis- 
mus vor uns, insofern bisweilen die Kranken auf eine frühere 
Altersstufe zurückversetzt erscheinen und alles aus dem Bewußt- 
sein ausgelöscht sein kann, was später erlebt wurde. Dabei ist 
jedoch zu betonen, daß die Kranken nicht etwa wirklich geistig 
in den kindlichen Zustand zurückversinken, sondern ihn nur un- 
willkürlich nachahmen, so wie sie ihn sich vorstellen. Durch hyp- 
notische Versuche läßt sich zeigen, daß es sich hier um Autosug- 
gestionen handelt. Als Sidis und Prince eine Kranke in die Zeit 
ein Jahr vor ihrer Erkrankung versetzten, schwand sofort die später 
entstandene Anästhesie ; sobald ihr eingegeben wurde, daß sie sich 
am Tage des auslösenden Ereignisses befinde, setzte ein Anfall ein. 

Weit merkwürdiger noch sind die Fälle, in denen Personen auf- 
gegriffen werden, die jede Erinnerung an ihr vergangenes Leben 
verloren haben, weder ihren Namen noch ihr Alter oder ihre Hei- 
mat kennen und nicht das geringste über ihr vergangenes Leben 
aussagen können, auch binnen Jahren diese Kenntnisse nicht zu- 
rückgewinnen. Öfters lassen sich in der Hypnose die Erinnerungen 
wieder erwecken. Einen hierhergehörigen Fall hat Matthies be- 
schrieben. Nach einem Selbstmordversuche wegen außerehelicher 
Schwängerung waren bei einer geschiedenen Frau alle Erinnerungen 
an die Vergangenheit ausgelöscht; nur ganz langsam tauchten alte 
Erinnerungen wieder auf, die nach etwa 5 Jahren zur Aufklärung 
der Vorgeschichte führten. Man gewann dabei schließlich den Ein- 
druck, daß die Kranke über die Aufhellung ihrer Vergangenheit 
nicht besonders erfreut war. In einem anderen Falle waren, anders 
als hier, auch, die früher erworbenen Kenntnisse verloren gegangen. 



Verlauf. 1633 

Die seltsamsten Krankheitsbilder aber ergeben sich, wenn die 
verschiedenartigen Bewußtseinszustände mehrfach miteinander ab- 
wechseln. Dabei kann in jedem, oder nur in einem Zustande die 
Erinnerung an den anderen völlig aufgehoben sein. Auf diese Weise 
entstehen gewissermaßen mehrere ungleiche, bis zu einem gewissen 
Grade voneinander unabhängige psychische Persönlichkeiten mit 
ganz verschiedenen Eigenschaften und Fähigkeiten. Das Muster- 
beispiel dafür ist die von Azam beschriebene Feiida, die für gewöhn- 
lich still, mürrisch, eigensinnig, hypochondrisch war, im zweiten 
Zustande aber lebhaft, fröhlich, leistungsfähig wurde und ihre Be- 
schwerden verlor. Eine ähnliche Kranke beobachtete Lemaitre. 
Hier trat die Spaltung mit 21 Jahren nach einer starken Gemüts- 
bewegung ein. In dem einen Zustande war die Kranke als ,, Jenny' 4 
schwach, schwermütig, leidend, im anderen als „Azaila" glücklich, 
heiter, musikalisch, mit besonderen Fähigkeiten begabt ; sie kannte 
alle Erlebnisse von Jenny; diese wußte nichts von Azaila. Die 
Spaltung der Persönlichkeit kann aber noch weiter gehen, so daß 
schließlich eine ganze Reihe verschiedenartiger Zustände miteinan- 
der abwechseln, von denen die gleichartigen immer einen engeren 
Zusammenhang untereinander darbieten. Es ist wohl unzweifel- 
haft, daß es sich dabei immer um die Wirkungen einer Züchtung 
durch die Umgebung handelt. — 

Die Gestaltung der hysterischen Krankheitsbilder im einzelnen 
ist eine sehr mannigfaltige. Verhältnismäßig recht selten nur be- 
gegnen uns eng umgrenzte Störungen; in der Regel haben wir es 
mit der Verbindung einer ganzen Reihe von dauernden und anfalls- 
artigen Krankheitserscheinungen zu tun, die wiederum vielfachem 
Wechsel unterworfen sein können. Zumeist setzen auf der all- 
gemeinen hysterischen Grundlage bei irgendeinem Anlasse zunächst 
Anfälle dieser oder jener Art ein, an die sich dann die Entwicklung 
von Dauerstörungen in Form der Stigmata anschließt. Die Ver- 
teilung der Anfälle im Leben pflegt höchst unregelmäßig zu sein. 
Sehr gewöhnlich kommt es nach dem ersten Auftreten sehr rasch 
zu einer Häufung, so daß sich die Anfälle nicht nur jeden Tag, son- 
dern 3, 4, 6, ja 20 und 25 mal am Tage einstellen, unter Umständen 
sogar Schlag auf Schlag in fast ununterbrochener Reihe einander 
folgen. Nicht selten bevorzugen sie dabei bestimmte Stunden, etwa 
die Zeit vor dem Zubettgehen oder kurz nach dem Aufstehen, 



1634 XIII. Die Hysterie. 

seltener die Nacht; ein Kranker bekam die Anfälle regelmäßig 
zwischen 6 und 8 Uhr früh. 

Nach einigen Tagen oder Wochen nimmt dann die Zahl der An- 
fälle wieder ab; sie stellen sich etwa nur noch jede Woche oder 
alle 3 — 4 Wochen, vielleicht nur einige Male im Jahre oder auch 
in ganz unregelmäßigen Pausen ein. Öfters hören sie auch für 
längere Zeit, 1 / 2} 1 oder einige Jahre, ganz auf, um sich dann 
bei irgendeinem Anlasse von neuem zu zeigen und nun vielleicht 
wiederum eine starke Häufung zu erfahren. Einer meiner Kranken 
hatte nach einer an Ärger sich anschließenden Ohnmacht 25 Jahre 
lang keine auffallenden hysterischen Krankheitserscheinungen mehr 
dargeboten, um dann, wieder nach psychischem Anlaß, einen deli- 
ranten Dämmerzustand durchzumachen. Wie schon dieses Beispiel 
zeigt, kann die Art der einzelnen Anfälle im gleichen Falle sehr ver- 
schieden sein ; Schwindelanfälle, Ohnmächten, Krämpfe und Dämmer- 
zustände aller Art können miteinander abwechseln, wenn auch meist 
die Anfälle desselben Kranken eine gewisse Ähnlichkeit unterein- 
ander aufweisen. 

Auch die nicht anfallsartigen Krankheitserscheinungen können 
vielfachem Wechsel unterworfen sein. Öfters läßt sich schon bei 
zwei, nur wenige Tage auseinanderliegenden Untersuchungen fest- 
stellen, daß der Befund sich nach dieser oder jener Richtung hin 
verschoben hat. Namentlich nach Anfällen sieht man neue Zeichen 
hervortreten, die sich dann festsetzen, aber auch allmählich wieder 
zurückbilden können; umgekehrt wieder sind nach einem Anfalle 
bisweilen früher vorhandene Störungen plötzlich verschwunden. 
Auf der anderen Seite können sich aber auch einzelne Krankheits- 
erscheinungen mit außerordentlicher Hartnäckigkeit jahrelang er- 
halten, namentlich solche, welche die Einbildungskraft der Kranken 
lebhaft beschäftigen, Lähmungen, Gangstörungen, schmerzhafte 
Kontrakturen, Erbrechen, örtliche Krämpfe. 

Die Reichhaltigkeit der Krankheitsbilder ist daher eine sehr ver- 
schiedene. Als Beispiele führe ich folgende Fälle an. Eine Kranke 
hatte als Kind 3 / 4 Jahre lang eine Geh- und Sprachstörung, konnte 
auch nicht ordentlich essen ; dasselbe wiederholte sich in abgeschwäch- 
tem Maße einige Jahre später. Im 18. Jahre setzte eine linksseitige 
Lähmung mit Unempfindlichkeit der gleichen Seite ein. Seit dem 
16. Jahre traten Anfälle mit Bewußtseinsverlust und Umsichschlagen, 



Verlauf. 1635 

zeitweise auch delirante Zustände auf ; alle diese Störungen schlössen 
sich an Aufregungen an. Bei einer zweiten Kranken zeigten sich 
nach dem Tode der Schwester mit 22 Jahren Anfälle, anfangs Ohn^ 
machten, später Krämpfe mit Bewußtlosigkeit, etwa alle 3 bis 
6 Wochen; dazwischen schoben sich Schwindelanfälle, Lach- und 
Weinkrämpfe, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Globusgefühl ein. Ein 
Jahr später trat Aphonie und monokulares Doppelsehen auf, wieder 
ein Jahr nachher Astasie-Abasie ; es bestanden eine Reihe von Stigmen. 
Bei einer dritten Kranken endlich stellten sich im 14. Lebensjahre 
Ohnmächten mit nachfolgender Verstimmung und gelegentlichem 
Zungenbiß ein. Mit 17 Jahren zeigten sich nach Schreck gehäufte 
Krämpfe mit Dämmerzuständen, zunächst Überempfindlichkeit, 
späterhin Unempfindlichkeit der rechten Seite. Ein Jahr später 
entwickelte sich unter Fortdauer der meist durch Gemütsbewegungen 
ausgelösten Anfälle eine linksseitige spastische Lähmung mit Stumm- 
heit und Strabismus, die sich rasch besserte, aber andeutungsweise 
wiederkehrte. Im weiteren Verlaufe wurden neben den Anfällen 
mehrfach traumhafte Dämmerzustände mit Selbstmordneigung be- 
obachtet, zeitweise mit linksseitiger Analgesie. 

Der psychische Zustand der Kranken unterliegt natürlich im 
Verlaufe des Leidens vielfachen Schwankungen. Zumeist pflegt sich 
jedoch nach dem Abschlüsse der Anfälle jeweils wieder ein gewisses 
Gleichgewicht herzustellen, das nur durch die dauernden Eigentüm- 
lichkeiten der hysterischen Persönlichkeit in krankhaftem Sinne be- 
einflußt erscheint. In einzelnen Fällen kann, wie schon früher 
angedeutet, längere Zeit hindurch ein abnormer seelischer Zu- 
stand fortbestehen, der durch eine außerordentlich starke Nei- 
gung zu leichteren und schwereren Bewußtseinstrübungen und oft 
auch Erregungszuständen gekennzeichnet ist. Es scheint sich hier 
um ein Gegenstück zu der Erfahrung zu handeln, daß auch die 
Krampfanfälle sich unter Umständen einige Zeit lang sehr stark 
häufen können. Wir müssen wohl annehmen, daß sich in beiden 
Fällen eine akute oder subakute Steigerung des hysterischen Krank- 
heitszustandes herausbildet. Bei den Fällen von Verdoppelung der 
Persönlichkeit kann sie anscheinend sehr lange andauern. 

Eine gemeinsame Eigentümlichkeit aller hysterischen Krank- 
heitserscheinungen ist ihre außerordentliche Beeinflußbarkeit 
durch psychische Einwirkungen, vor allem durch Gemüts- 



1636 XIII. Die Hysterie. 

bewegungen. Babinski hat den Satz aufgestellt, daß eine Reihe 
von hysterischen Zeichen, vor allem die Empfindungsstörungen, 
die konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung, die Herabsetzung 
des Bindehaut- und Würgreflexes, wesentlich den Einflüssen des 
ärztlichen Untersuchungsverfahrens ihre Entstehung verdanken. 
Er betont, daß er sie bei noch nicht anderweitig untersuchten Fällen 
nicht mehr nachweisen könne, seitdem er durch gewisse Vorsichts- 
maßregeln jeder suggestiven Einwirkung vorbeuge. Mir scheint 
diese Auffassung, die mit Babinskis allgemeiner Anschauung 
über das Wesen der Hysterie in enger Beziehung steht, etwas 
über das Ziel hinauszuschießen. Der Umstand, daß Empfindungs- 
störungen öfters ganz zufällig aufgefunden werden und den Kran- 
ken selbst überraschen, daß sie gelegentlich in unverkennbarer Be- 
ziehung zu gemütlichen Erschütterungen stehen, ihre merkwürdige 
und bisweilen lange Zeit hindurch von verschiedenen Untersuchern 
und zu verschiedenen Zeiten gleichartig feststellbare Umgrenzung, 
ihr Fehlen bei nichthysterischen, aber beeinflußbaren Personen dürf- 
ten ebenso gegen die Annahme einer regelmäßig künstlichen Ent- 
stehung (,,origine medicale") der angeführten Stigmata sprechen 
wie gewisse Erwägungen allgemeinerer Art, die wir späterhin anzu- 
stellen haben werden. Es muß jedoch ohne weiteres zugegeben werden, 
daß jene Störungen, wie viele andere hysterische Krankheitserschei- 
nungen, ganz gewiß durch das Eingreifen des Arztes beeinflußt, unter 
Umständen auch hervorgerufen oder beseitigt werden können. 

Außerordentlich lehrreich ist die Durchmusterung einer größeren 
Reihe von Beobachtungen hinsichtlich der Anlässe, die zur Aus- 
lösung hysterischer Krankheitserscheinungen geführt haben. Unter 
etwa 150 Beobachtungen, in denen mir genauere Angaben über die 
Entstehungsgeschichte von Anfällen zur Verfügung standen, waren 
diesen in fast der Hälfte der Fälle aufregende Erlebnisse der ver- 
schiedensten Art voraufgegangen. Am häufigsten waren Todes- 
fälle und schwere Erkrankungen in der Familie, Enttäuschungen 
und Gemütsbewegungen durch Liebesverhältnisse, Auflösung von 
Beziehungen, Streitigkeiten mit Geliebten, Begegnungen mit un- 
getreuen Schätzen, einmal der erste Geschlechtsverkehr, ein anderes 
Mal Verstoßung durch die Mutter wegen außerehelicher Schwanger- 
schaft. In zweiter Linie kamen Ereignisse in Betracht, die mit 
heftigem Schreck verbunden waren, Sturz oder Fall, leichtere 



Verlauf. 1637 

Verletzungen, Hundebiß, Verhaftung, Schüsse, Feuersbrunst. Ein 
Mädchen erkrankte, als es beinahe ins Wasser gefallen wäre, ein 
anderes, als es durch eine Maske erschreckt wurde, ein drittes, als 
es in der Wohnung eines Arztes unvermutet ein Gerippe sah ; ein 
junger Bursche erschrak über einen geisteskranken Bauern. 

In etwa 30% der Fälle ließen sich die hysterischen Zufälle auf 
ernstere Unfälle zurückführen, auch wenn man die traumatische Neu- 
rose, wie hier geschehen, ganz abtrennt. Bei einem Kranken, der 
einen Eisenbahnunfall erlitten und danach delirante Dämmerzustände 
durchgemacht hatte, trat, auch nach Monaten noch, sofort lebhafteste 
ängstliche Erregung mit Verwirrtheit auf, sobald man ihm eine 
als Kinderspielzeug dienende Lokomotive oder die Abbildung eines 
Eisenbahnzuges zeigte oder auch nur von einer Eisenbahn sprach. 
Hierher wären wohl auch die Fälle zu rechnen, in denen die Anfälle 
nach einem heftigen Gewitter, nach Erleiden eines elektrischen 
Schlages, eines Blitzschlages auftraten. 

Kaum weniger häufig wurde Ärger über unliebsame Erlebnisse 
als Ursache der Anfälle angegeben. Streitigkeiten in der Familie, mit 
der Herrschaft, den Kameraden, Kündigung des Dienstverhältnisses, 
der Wohnung, Tadel durch die Lehrerin, Spott, Verpassen des Zuges, 
Verlust eines Geldtäschchens, der Uhr, Ausbleiben des erwarteten 
Geldes wären hier zu verzeichnen. Ein junges Mädchen verfiel in 
Krämpfe, als der Arzt, nach ihrer Meinung wegwerfend, gesagt 
hatte : ,,Was machen wir denn mit der da?". Eine andere erkrankte, 
als sie jemand geküßt hatte, ein Kranker, als er durch falsches 
Spiel betrogen worden war, ein anderer, als er von den Beein- 
trächtigungen erzählte, die er durch seine Eltern zu erdulden habe. 
Ein junger Bursche verlor die Sprache, als er am Tage nach seiner 
Verurteilung wegen Wilddieberei von neuem im Walde wildernd be- 
troffen wurde. Eine weit geringere Rolle spielten die gemütlichen Er- 
regungen anderer Art. Spannung, ängstliche Erwartung lagen den 
Fällen zugrunde, in denen die Kranken vor und nach unbedeutenden 
Operationen, bei ärztlichen Untersuchungen, beim Verbinden, bei 
der Visite, beim Zahnarzt, bei der klinischen Vorstellung, beim 
Examen, bei einer Gerichtsverhandlung von Anfällen ergriffen 
wurden. 

Eine besondere Gruppe bilden die hysterischen Zufälle in der 
Untersuchungshaft, die meist die Form von Dämmerzuständen oder 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. l6 



j638 XIII. Die Hysterie. 

Stupor mit Verdrängungserscheinungen annehmen. Auch die durch 
spiritistische Sitzungen ausgelösten Anfälle wären hier zu erwähnen ; 
ein junges Mädchen verfiel in einen Dämmerzustand, nachdem sie 
von einem Glasergesellen hypnotisiert worden war. Ein junger Mann 
bekam einen Anfall nach Erzählen einer Raubmordgeschichte, ein 
anderer, als er in einem Boot auf den See hinausgefahren war, 
um sich zu ertränken. Weiterhin wäre der häufigen Erfahrung 
zu gedenken, daß Anfälle von der feierlichen Stimmung des Gottes- 
dienstes begünstigt werden ; ein Kranker verfiel beim Firmungs- 
essen in eine vierstündige Ohnmacht. 

In einzelnen Fällen wirkt auch die Erinnerung an frühere An- 
fälle oder aufregende Erlebnisse auslösend. Eine Kranke bekam ihre 
Anfälle immer in der Jahreszeit, in der ihr vor Jahren ein schwerer 
Unfall begegnet war, eine andere am Sterbetage ihres Vaters. 
Ein junger Mensch fühlte sich vor einem Anfalle immer zu der 
Stelle hingezogen, an der er den ersten Anfall gehabt hatte ; eine 
Kranke verfiel in Anfälle, wenn man ihr von früheren erzählte. 
Ein Kranker, der die Stimme durch den Fall eines Balkens auf seine 
Schulter verloren hatte, wurde jedesmal aphonisch, sobald er eine 
Last auf der Schulter trug. Vielleicht sind auch die Fälle, in denen 
der Geruch von Kohlen, von Äther auslösend wirkte, auf Erinne- 
rungen zurückzuführen, die sich damit verknüpften. Mehrfach 
wurden die Anfälle durch den Anblick fremder Anfälle hervor- 
gerufen. Ganz vereinzelt stehen die Angaben, daß die Anfälle durch 
festes Schnüren, durch Anstrengungen erzeugt wurden. Ein Junge 
hatte Anfälle, ,,wenn er seinen Willen nicht durchsetzen konnte 4 '; 
andere sagten den Eintritt der Anfälle voraus; ein Kranker er- 
klärte zutreffend: ,,Dies war der letzte; nun kommt keiner mehr." 

Die zeitliche Verbindung zwischen auslösender Ursache und An- 
fall ist oft eine ganz enge, so daß die Kranken bei dem erregenden 
Ereignisse sofort zusammenbrechen oder verwirrt werden, davon- 
laufen, beginnen zu delirieren. In anderen Fällen ist die Wirkung 
eine weniger stürmische ; es folgt zunächst eine kürzere oder längere 
Zeit der Vorbereitung, der „meditation" nach französischer Be- 
zeichnung, die einige Stunden, Tage oder, seltener, Wochen dauern 
kann. In dieser erscheinen die Kranken nur etwas gedrückt, ver- 
stört ; dann bricht ziemlich plötzlich der Anfall los. Bisweilen zeigen 
sich zunächst geringfügigere Störungen, Herzklopfen, leichte Zuk- 



Verlauf. 1639 

kungen, denen sich dann erst im weiteren Verlaufe schwerere 
Krankheitserscheinungen anschließen. 

Schon ein Rückblick auf die hier gegebene Übersicht, die sich 
leicht noch erheblich erweitern ließe, zeigt auf das deutlichste, daß 
in der Entstehungsgeschichte der hysterischen Krankheitserschei- 
nungen Gemütsbewegungen eine durchaus maßgebende Rolle spie- 
len. Allerdings läßt sich auch nicht im entferntesten etwa für jede 
hysterische Störung eine bestimmte gemütliche Erregung als aus- 
lösende Ursache nachweisen. Dennoch wird man in gut beobachteten 
Fällen von Hysterie kaum jemals die Angabe vermissen, daß die 
Anfälle vorzugsweise nach Aufregungen eintreten. Auch die eigen- 
tümlich launenhafte Verteilung der Anfälle im Leben spricht für 
ihre Abhängigkeit von äußeren Anlässen. Dazu kommt die Erfah- 
rung, daß vielfach Anfälle geradezu künstlich erzeugt werden kön- 
nen, sei es durch Reizung „spasmogener" Punkte, sei es, was offen- 
bar auf dasselbe hinausläuft, durch irgendwelche anderen Maß- 
nahmen, die in den Kranken die bestimmte Erwartung wecken, daß 
der Anfall kommen werde, entsprechend der obenerwähnten An- 
knüpfung an bestimmte Örtlichkeiten, Gedenktage, Jahres- und 
Tageszeiten. 

Angesichts aller dieser Tatsachen wird der Schluß nicht un- 
berechtigt sein, daß die Entstehung hysterischer Störungen, die wir 
hier überall so klar vor Augen sehen, auch dort eine ähnliche sein 
wird, wo uns ein genauerer Einblick nicht möglich ist. Da gemüt- 
liche Erregungen aus greifbarem Anlasse besonders beim ersten 
Auftreten hysterischer Zufälle nachweisbar zu sein pflegen, liegt 
die Annahme nahe, daß unter ihrem Einflüsse Wege gebahnt, Re- 
aktionsformen geschaffen werden, die späterhin auch ohne beson- 
deren äußeren Anstoß leicht gangbar sind. So würde es sich erklären, 
daß sich in ihnen dann auch die geringfügigeren Schwankungen des 
gemütlichen Gleichgewichtes aus inneren Ursachen gewohnheits- 
mäßig entladen. 

Die klinische Gestaltung der hysterischen Krankheitserschei- 
nungen entspricht im allgemeinen den Ausdrucksformen der 
Gemütsbewegungen, wenn auch in krankhafter Ausbildung. Am 
deutlichsten ist das für die Aufregungszustände, die oft einfach als 
Übertreibungen gewöhnlicher Affekte erscheinen. Die Dämmer- 
zustände dürfen wir vielleicht als eine Fortentwicklung der Bewußt- 

16* 



1040 XIII. Die Hysterie. 

seinstrübung auffassen, die durch heftige gemütliche Erregungen 
erzeugt wird. Auch das Versinken in eine Traumwelt, in die öfters 
noch die Erinnerung an die auslösenden Ereignisse hineinragt, er- 
scheint gelegentlich bei sehr stürmischen Gemütsbewegungen an- 
gedeutet; jedenfalls finden wir es bei den durch gewaltige Kata- 
strophen hervorgerufenen Erkrankungen wieder. Andererseits 
zeigen die mehr spielerischen, abenteuerlichen Träumereien Anklänge 
an die Einbildungen, in denen sich die unklaren Stimmungen und 
der sehnsüchtige Tatendrang der Entwicklungsjahre gefallen. 

Das Schwindelgefühl und die Ohnmächten, das Versagen der 
Glieder, der Sprache erinnern uns an die ähnlichen Begleiterschei- 
nungen lähmender Affekte, während die Kontrakturen etwa den Wir- 
kungen ängstlicher Erwartung, die krampfartigen Störungen dem 
wilden Herumarbeiten des Rasenden und Verzweifelten, die Ge- 
sichtsfeldeinschränkung der Blindheit des Erregten, die Empfin- 
dungsstörungen seiner Unempfindlichkeit verglichen werden können. 
Dem Herzklopfen und der Atmungsbeschleunigung, den Durch- 
fällen, den Schlundkrämpfen, dem Schwitzen begegnen wir bei der 
Angst, der Übelkeit und dem Erbrechen beim Ekel. Kurz, es dürfte 
kaum eine gesicherte hysterische Störung geben, die nicht gewisse 
Beziehungen zu den Ausdrucksformen der Gemütsbewegungen auf- 
zuweisen hätte. Freilich handelt es sich dabei, soweit sich das bei 
unserer sehr mangelhaften Kenntnis der normalen Gemütsbewe- 
gungen beurteilen läßt, nicht um glatte Übereinstimmungen; viel- 
mehr lassen sich nur ganz allgemeine Ähnlichkeiten feststellen. Sie 
scheinen mir aber immerhin so weitgehende und namentlich so 
umfassende zu sein, daß sie geeignet sind, den Gedanken einer tie- 
feren inneren Beziehung zwischen hysterischen Krankheitszeichen 
und den körperlichen Begleiterscheinungen der Gemütsbewegungen 
weiter zu stützen, den schon die Häufigkeit des ursächlichen Zu- 
sammenhanges so nahelegt. 

In manchen Fällen besteht aber nun auch noch eine weit engere 
inhaltliche Verwandtschaft zwischen auslösendem Anlaß und hyste- 
rischer Reaktionsform. So entspricht die Art der hysterischen Er- 
regung, die sinnlose Wut mit rücksichtslosem Zerstören, die ängst- 
liche Verwirrung mit Fortlaufen und triebartigen Selbstmordver- 
suchen, die allgemeine Schrecklähmung, das Zusammenbrechen, 
oft genug völlig der auslösenden Gemütsbewegung. Andererseits 



Verlauf. 1641 

kommen freilich auch widersinnige Reaktionen vor, wie das Auf- 
treten von Lachkrämpfen bei traurigem Anlasse. Die Freudsche 
Schule hat über eine Menge näherer Beziehungen zwischen Ursache 
und klinischen Einzelheiten des hysterischen Krankheitsbildes be- 
richtet, leider vielfach mit wenig überzeugender Begründung. Sehr 
klar läßt sich der Zusammenhang oft in denjenigen Fällen er- 
kennen, in denen nicht allgemeine gemütliche Erregungen, son- 
dern Schädigungen mit bestimmtem Angriffspunkte auslösend ge- 
wirkt haben. In der Regel wird dann dieser auch zum Sitze hyste- 
rischer Störungen, die sich allerdings auch noch auf andere Gebiete 
ausbreiten können, entsprechend der ebenfalls weit allgemeineren 
Wirkung der auslösenden Ursache. Eine Dienstmagd wurde von an- 
dauerndem Erbrechen mit daran sich anschließendem Singultus 
befallen, als sie gesehen hatte, daß die Köchin sich in den Küchen- 
tüchern die Nase schneuzte. Unempfindlichkeit und Schmerzen, 
Krampf und Lähmung finden wir bei der traumatischen Hysterie 
vor allem in den verletzten Körperteilen; bei allgemeineren Stö- 
rungen treten vorzugsweise dort die einleitenden Anzeichen auf. 
Ein Kranker, der vom Gerüst fiel, blieb mit dem rechten Arm 
hängen ; er bekam eine schmerzhafte Kontraktur im rechten Brust- 
muskel; ein anderer bot nach Prellung der rechten Hand Zittern 
und Schwäche derselben dar; ein dritter, der bei einem Brande 
aus dem Fenster gesprungen und auf die linke Seite gefallen 
war, zeigte jahrelang eine spastische Lähmung und Analgesie des 
Armes. Ein Schiffer, der sich beim Fall vom Mäste die rechte 
Brustseite gequetscht hatte, litt an Anfällen, die durch Schmerzen 
an der verletzten Stelle eingeleitet wurden. Das sind alltägliche 
Beispiele» 

Das Gegenstück zu der Auslösbarkeit der hysterischen Krank- 
heitserscheinungen durch äußere Eingriffe bildet ihre Beeinfluß- 
barkeit. Zunächst bewirkt schon die Versetzung der Kranken in 
eine neue Umgebung ganz gewöhnlich eine wesentliche Besserung, 
ja ein plötzliches Aufhören wenigstens der stürmischeren Störungen. 
Wie die Hinlenkung der Aufmerksamkeit den Zustand verschlech- 
tert, kann die Nichtbeachtung allein schon einen günstigen Einfluß 
ausüben ; freilich wird sie unter Umständen auch eine Verschlimme- 
rung herbeiführen, wenn die Kranken über die vermeintliche Unter- 
schätzung ihres Leidens in Erregung geraten. Weiterhin zeigt sich, 



1642 XIII. Die Hysterie. 

daß durch Maßregeln, die dem Kranken unangenehm oder schmerz- 
haft sind, durch faradische Pinselung, kalte Bäder, Übergießungen, 
öfters Krankheitserscheinungen beseitigt, Anfälle abgekürzt werden 
können. Endlich aber haben alle Mittel und Eingriffe Erfolg, zu 
denen der Kranke Vertrauen hat, deren Wirkung er zuversichtlich 
erwartet. Darauf dürfte in erster Linie die Bedeutung der krampf- 
hemmenden Zonen beruhen, deren eindrucksvolle Reizung in dem 
Kranken die Überzeugung von der günstigen Wirksamkeit erweckt. 
Allgemein lehrt die Erfahrung, daß man auch durch die sinn- 
losesten Maßregeln imstande ist, Hysterischen zu helfen, sobald sie 
selbst fest an die Hilfe glauben. Was sie heilt, ist die innere Be- 
ruhigung und die freudige Gehobenheit, welche die Hoffnung mit 
sich bringt. — 

Die Frage nach der Prognose der Hysterie ist eine sehr ver- 
wickelte. Zunächst kann gesagt werden, daß die einzelnen Krank- 
heitserscheinungen im allgemeinen die Neigung zeigen, nach einiger 
Zeit wieder zu verschwinden; allerdings können sie unter Umstän- 
den recht hartnäckig sein. Besonders gilt das von den Lähmungen 
und Kontrakturen sowie von den umschriebenen rhythmischen 
Krämpfen, während die Sprach- und Gehstörungen und namentlich 
die Anfälle aller Art günstigere Aussichten bieten. Man muß aber, 
wie schon einige früher angeführte Beispiele lehrten, auch beim 
Schwinden eines Krankheitszeichens darauf gefaßt sein, daß es 
früher oder später einmal wieder auftaucht oder auch durch irgend- 
ein anderes ersetzt wird. 

Der Grund dafür ist in der von jeher viel betonten Tatsache zu 
suchen, daß auch nach Beseitigung der einzelnen Störung doch 
deren allgemeiner Nährboden, die hysterische Veränderung des 
Seelenlebens, fortbesteht. Die Prognose eines gegebenen Falles 
wird also davon abhängen, ob Aussicht vorhanden ist, daß jene 
grundlegende Veränderung sich wieder verlieren kann. Um diese 
Frage zu beantworten, müssen wir vor allem die Ursachen und das 
Wesen der hysterischen Veränderung aufzuklären suchen; erst 
dann wird sich ermessen lassen, ob und wie weit sie eine bleibende 
Eigentümlichkeit des Einzelnen darstellt. Indem wir dieser Er- 
örterung einigermaßen vorgreifen, können wir schon hier soviel 
sagen, daß die Hysterie unter diesem Gesichtspunkte keine ein- 
heitliche Krankheitsform darstellt, sondern daß sich mehrere 



Prognose. 1643 

Gruppen von Beobachtungen auseinanderhalten lassen, deren Prog- 
nose sehr verschieden zu stellen ist. 

Eine erste große Gruppe ist die Hysterie der Kinder und der 
Entwicklungsjahre, die ich die Entwicklungshysterie nennen 
möchte. Sie entspricht der „vulgären" Hysterie der Autoren und 
bildet die Hauptmasse der Hysterischen, die einem frei geöffneten 
Krankenhause zuströmen. Die zweite, viel kleinere Gruppe wird 
von solchen Fällen gebildet, die in ausgeprägter Weise die Züge 
psychopathischer Minderwertigkeit tragen ; es ist die Entartungs- 
hysterie. In einer dritten, wieder umfangreicheren Zahl von Be- 
obachtungen läßt sich als die wesentliche auslösende Schädlich- 
keit der hysterischen Störungen der Alkoholmißbrauch nachweisen ; 
wir dürfen somit von einer Alkoholhysterie, der „toxischen 
Hysterie" der Autoren, sprechen. Weiterhin scheint es, daß auch 
die verhältnismäßig nicht allzu häufigen, nach Unfällen sich ent- 
wickelnden Formen, die wir als „Unfallshysterien" abgrenzen 
können, eine gewisse Sonderstellung beanspruchen dürfen, insofern 
sie Beziehungen zur traumatischen Neurose aufweisen. Endlich wäre 
noch die oben bereits eingehend geschilderte Hafthysterie anzu- 
führen. 

Es ist wohl nicht notwendig, besonders zu betonen, daß die hier 
umschriebenen Gruppen sich nicht haarscharf voneinander scheiden 
lassen, sondern daß es Übergangs- und Mischformen geben muß. 
Dennoch wird man in der großen Mehrzahl der Fälle kaum erheb- 
liche Schwierigkeiten finden, die Einordnung vorzunehmen. Da- 
mit ist aber auch die Prognose ziemlich genau umschrieben. Die 
Entwicklungshysterie darf als eine im allgemeinen durchweg 
günstig verlaufende Krankheit angesehen werden, während die 
Entartungshysterie einer wirklichen Heilung nicht zugänglich zu 
sein scheint. Die Alkoholhysterie ist heilbar, sobald es gelingt, die 
Kranken vom Alkohol zu befreien, und das Schicksal der traumati- 
schen Hysterie hängt wesentlich davon ab, ob Lebensverhältnisse 
und Willensanlage des Kranken die baldige Wiederaufnahme einer 
geregelten Tätigkeit ermöglichen; hier werden somit ähnliche Ge- 
sichtspunkte heranzuziehen sein wie bei der traumatischen Neurose. 
Entsprechendes gilt von der Hafthysterie. 

Aus diesen Erfahrungssätzen ergibt sich, daß im allgemeinen 
die Aussichten auf ein Schwinden der hysterischen Krankheits- 



1644 XIII. Die Hysterie. 

erscheinungen, namentlich bei jugendlicheren Kranken, verhältnis- 
mäßig recht gute sind. Dieser Schluß steht einigermaßen im Wider- 
spruche zu der landläufigen Anschauung, daß zwar die Äußerungen 
der hysterischen Anlage wechseln können, diese selbst aber im 
wesentlichen unverändert fortbestehe und daher immer von neuem 
wieder Störungen erzeuge. Diese Meinung, die ich lange geteilt 
habe, hält der Prüfung an größeren Beobachtungsreihen nicht 
Stand; sie ist offenbar wesentlich aus dem Verlaufe der allerdings 
vorzugsweise die Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Fälle von 
Entartungshysterie abgeleitet worden. Diese spielen jedoch gegen- 
über der großen Zahl der sich weit günstiger gestaltenden Erkran- 
kungsfälle mit hysterischen Störungen nur eine verhältnismäßig 
geringe Rolle. Bei der genannten kleinen Gruppe haben wir in 
der Tat zumeist mit der Entwicklung eines dauernden psychischen 
Siechtums zu rechnen, insofern auch nach Beseitigung der einzelnen, 
in wechselnder Form sehr leicht wiederkehrenden Störungen die 
krankhafte hysterische Persönlichkeit mit ihrer gemütlichen Un- 
ausgeglichenheit, ihrer weitgehenden körperlichen und seelischen 
Beeinflußbarkeit, ihrer mangelnden Selbstbeherrschung zurück- 
bleibt und den günstigen Boden für das Wiederauftauchen von 
Krankheitserscheinungen mit oder ohne Anlaß darstellt. Auch bei 
den schwersten Formen hysterischer Entartung kommt es übrigens 
niemals zu einer Verblödung ; die Verstandesleistungen werden immer 
nur mittelbar, soweit die krankhaften gemütlichen Einflüsse reichen, 
in Mitleidenschaft gezogen. Wo sich im Verlaufe des Leidens ein 
deutlicher Schwachsinn erst entwickelt, handelt es sich ausnahmslos 
um die Verbindung einzelner hysterischer Erscheinungen mit anders- 
artigen, ihrerseits zur Verblödung führenden Krankheitsvorgängen. 
Daß die Prognose der Hysterie sehr verschieden beurteilt werden 
muß, ist schon vielfach betont worden. Namentlich die ,, mono- 
symptomatische' * Hysterie hat man von jeher als eine verhältnis- 
mäßig günstige Form angesehen. Meyer stellt sie neben die eben- 
falls im ganzen gutartige ,, Organhysterie". Als ungünstigere Ge- 
staltungen grenzt er die ,, Hysterie mit Allgemeinerscheinungen" ab, 
der wieder die ,, Anfallshysterie" sich angliedert; ihnen steht als 
schwerste Form die ,, Hysterie mit Veränderung des Bewußtseins- 
lebens" gegenüber. Im allgemeinen dürften sich die hier aus der 
symptomatologischen Einteilung abgeleiteten prognostischen Ge- 



Ursachen. 1645 

Sichtspunkte mit denen decken, die sich uns aus der ätiologischen 
Gruppierung ergeben haben. 

Das Leben wird durch die hysterische Erkrankung an sich nicht 
gefährdet. Die vereinzelten, früher als ,, akute tödliche Hysterie" 
beschriebenen Krankheitsfälle sind ohne Zweifel in anderem Sinne 
zu deuten. Immerhin können manche hysterische Störungen unter 
Umständen schwere Gefahren für die Kranken heraufführen. Das 
gilt namentlich von den durchaus nicht immer harmlosen Selbst- 
verletzungen und Selbstmordversuchen, ferner von den eingreifenden 
Operationen, die durch Vortäuschung körperlicher Leiden veranlaßt 
werden. Der Mißbrauch von Arzneien, unsinnige Kuren, unver- 
nünftige Lebensweise werden unter Umständen verderblich ; ebenso 
können die mannigfachen Störungen der Ernährung, wie sie durch 
Appetitmangel, launenhafte Beschränkung in der Auswahl der 
Speisen, Erbrechen bedingt werden, die Widerstandsfähigkeit gegen 
zufällige körperliche Erkrankungen in verhängnisvollster Weise 
schwächen. Über verwertbare Leichenbefunde bei Hysterie ver- 
fügen wir noch nicht; sie sind bei der Eigenart des Leidens auch 
in absehbarer Zeit schwerlich zu erwarten. — 

Bei der Betrachtung der Ursachen der Hysterie wird zunächst 
die Beteiligung der beiden Geschlechter zu erörtern sein. Wie der 
Name andeutet (vorega, die Gebärmutter), betrachtet man die 
Hysterie so sehr als eine Krankheit des weiblichen Geschlechts, 
daß man sogar zweifelhaft gewesen ist, ob man überhaupt ein Recht 
hat, ähnliche Erkrankungen bei Männern mit derselben Bezeich- 
nung zu belegen. Indessen die ,, männliche Hysterie" 1 ) ist heute 
keine seltene Krankheit mehr. Während noch Briquet annahm, 
daß die Hysterie bei Frauen etwa 20 mal so häufig sei wie bei 
Männern, schwanken die neueren Angaben über das Verhältnis 
von Männern zu Frauen etwa zwischen 1 : 11,7 (Eulenburg), 
1 : 10 (Oppenheim), 1 : 9 (Bodenstein), 1 : 7 (Berlin), bzw. 
1 : 17 (München) (Löwenfeld), 1 : 6,5 (Leuch), 1 : 5 (Jolly, 
Holst), 1:3,5 (Brunner), 1:2 — 3 (Gilles de la Tourette), 
1 : 2 (Pitres). Marie und Souques fanden in den unteren Ständen 
von Paris die Hysterie sogar nicht unwesentlich häufiger beim 
männlichen Geschlecht. M ö b i u s denkt daran, daß in j enen Schichten 
vielleicht die Unterschiede in der psychischen Eigenart der beiden 

x ) Brunn er, Über Hysteria virilis. Diss. Zürich 1903. 



1646 XIII. Die Hysterie. 

Geschlechter noch weniger ausgebildet seien ; ich glaube vielmehr, 
daß hier der Alkoholismus des Mannes die Hauptschuld trägt. 
Raimann fand unter den in die Wiener psychiatrische Klinik 
aufgenommenen Kranken ein Verhältnis von 1 : 3,8. Meine eigene, 
498 Fälle der Münchener Klinik umfassende Zusammenstellung er- 
gibt das Verhältnis 1 : 1,9; in Heidelberg war es 1 : 2,3. 

Es ist nicht wahrscheinlich, daß diese großen Unterschiede, ob- 
gleich sie sich auch in den unter verschiedenen Bedingungen von 
demselben Beobachter gewonnenen Zahlen wiederfinden, wirklich 
eine wechselnde Beteiligung der beiden Geschlechter bedeuten. 
Daß freilich solche Unterschiede bestehen müssen, wird sich aus 
unseren weiteren Betrachtungen ergeben. Daneben aber spielen sicher 
die Bedingungen, unter denen die Kranken zuflössen, ob es sich um 
klinische oder poliklinische Beobachtungen, um Irrenabteilungen 
oder allgemeine Krankenhäuser, Sanatorien, geschlossene Anstalten 
handelte, eine wesentliche Rolle. Auch die weitere oder engere 
Fassung des Krankheitsbegriffes wird die Zahlen beeinflussen müssen. 
So weist die Statistik des Deutschen Heeres nach Boldts An- 
gaben für das Jahr 1896/97 0,23%, für 1903/04 dagegen 0,58% 
Hysterischer auf, ein Anwachsen, das sicherlich nicht durch eine 
Vermehrung der Krankheitsfälle, sondern wesentlich durch Fort- 
schritte in der richtigen Erkenntnis des Leidens bedingt ist. 

Die im allgemeinen zweifellos stärkere Beteiligung des weiblichen 
Geschlechtes an der Hysterie wird ohne weiteres verständlich, wenn 
wir die innigen Beziehungen des Leidens zu den Gemütsbewegungen 
berücksichtigen. Offenbar bestehen hier ähnliche Zusammenhänge 
zwischen der Eigenart der Erkrankung und der stärkeren gemüt- 
lichen Erregbarkeit des weiblichen Geschlechtes wie beim manisch- 
depressiven Irresein. Ein Leiden, das sich wesentlich in einer krank- 
haften Veränderung der gemütlichen Reaktionsweise äußert, muß 
dort einen besonders günstigen Boden finden, wo die Gefühlsregungen 
von vornherein eine beherrschende Stellung im Seelenleben ein- 
nehmen. Francotte bezeichnete die Hysterie als eine „amplifi- 
cation de la mentalite feminine habituelle". 

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß die Hysterie der beiden 
Geschlechter trotz allgemeiner Wesensgleichheit doch nach manchen 
Richtungen Verschiedenheiten aufweist. In der Vorgeschichte der 
Frauen waren vorwiegend diejenigen Eigenschaften vermerkt, die 



Ursachen. !Ö47 

dem weiblichen Geschlechte besonders eigentümlich sind, namentlich 
erhöhte gemütliche Erregbarkeit und kindlich zutunliches Wesen. 
Dagegen fanden sich unter den erkrankten Männern mehr schwäch- 
liche und kränkliche Personen, mehr solche, die an Zahnkrämpfen 
und Bettnässen gelitten, die sich durch hervorragend gute oder sehr 
geringe Begabung aus dem Durchschnitte herausgehoben hatten. Es 
scheint demnach, daß die Hysterie der Frauen im allgemeinen mehr 
einer natürlichen Entwicklungsrichtung entspricht, unter Umständen 
auch einem Zurückbleiben auf kindlicher Stufe, während das Leiden 
bei den Männern vorzugsweise auf der Grundlage psychopathischer 
Minderwertigkeit erwächst. Dem könnte es auch entsprechen, daß 
beim männlichen Geschlechte die allgemeine direkte erbliche Be- 
lastung, namentlich auch durch Alkoholismus der Eltern, höher zu 
sein schien, während bei den Frauen gerade das Vorkommen von 
Hysterie bei den Eltern und besonders bei den Geschwistern stärker 
hervortrat. Allerdings bedürfen diese Ergebnisse der Nachprüfung 
an weit größeren Beobachtungsreihen. Sehr bedeutsam aber ist 
ferner noch die Rolle des Alkohols für die Würdigung der Hysterie 
der beiden Geschlechter. Alkoholismus oder unmittelbare Auslösung 
hysterischer Zufälle durch Alkoholmißbrauch fand sich bei den 
Männern in 46,6%, bei den Frauen nur in 11,4% der Fälle. 

Auch die klinische Färbung der Hysterie bietet hier und dort 
gewisse Unterschiede. Bei den Frauen war das klinische Krank- 
heitsbild durchweg ein viel reicheres. Störungen der Hautempfind- 
lichkeit, der Hautreflexe, des Gehens, Lähmungen, Kontrakturen, 
Lach- und Weinkrämpfe, also diejenigen Erscheinungen, die sich 
in nähere Beziehungen zu den Wirkungen von Gemütsbewegungen 
bringen lassen, waren bei den Frauen häufiger, während bei den 
Männern verhältnismäßig etwas mehr Krampfanfälle beobachtet 
wurden ; sie traten namentlich auch nachts auf und scheinen viel- 
fach schwerer gewesen zu sein, da öfters Nässen im Anfalle ver- 
zeichnet wurde. Auch Brunner fand bei Männern besonders viel 
Krämpfe. Zittern ließ sich bei ihnen wesentlich häufiger feststellen. 
Es liegt wohl nahe, in den genannten Zügen eine gewisse Beein- 
flussung des Krankheitsbildes durch den Alkohol zu vermuten. 
Bei den Frauen zeigte sich ferner mehr Neigung zu ausgeprägteren 
Dämmerzuständen, namentlich zu den deliranten, mit lebhaften 
Sinnestäuschungen einhergehenden und zu den durch läppische 



1648 



XIII. Die Hysterie. 






EO Alter bei Erkrankung 
— " beim Eintritt 



-w- 



n 



-20- 



40- 



r ~ 



; 



Erregung gekennzeichneten, an Kinderart erinnernden Formen, 
während bei den Männern auffallend oft über Nachtwandeln be- 
richtet wurde. Endlich ist zu erwähnen, daß bei den Frauen der 
Einfluß gemütlicher Auslösungen und auch der Nachahmung stärker 
hervortrat, als bei den Männern. Insbesondere wurden Druckpunkte 
in der Bauchgegend viel öfter aufgefunden, sei es, weil mehr nach 
ihnen gesucht wurde, sei es, weil der erregende Einfluß des unter- 
suchenden Arztes ihre Auffindung erleichterte. Sollten sich die 
hier kurz angedeuteten Unterschiede auch bei genauerer Nach- 
prüfung wiederfinden, so würde man etwa sagen können, daß die 
Hysterie der Frauen enge Beziehungen zu den natürlichen, dauernden 

Eigentümlichkeiten des 
weiblichen Geschlechtes 
aufweist, während bei der- 
jenigen der Männer neben 
der persönlichen, angebo- 
renen oder erworbenen 
Minderwertigkeit nament- 
lich die Vergiftung mit 
Alkohol eine Rolle spielt. 
Das Krankheitsbild ge- 
winnt unter diesen Um- 
ständen eine gewisse Ähn- 
lichkeit mit den ebenfalls 
durch den Alkohol zur 
Entwicklung gebrachten 
Formen der Epilepsie. 
Über die Verteilung der hysterischen Erkrankungen auf die ein- 
zelnen Altersstufen gibt die nebenstehende Darstellung Fig. 284 
Aufschluß, in der 430 Fälle prozentisch nach dem Auftreten der 
ersten Krankheitserscheinungen gruppiert wurden. Man erkennt 
hier ohne weiteres, daß die Hysterie ganz vorzugsweise eine Erkran- 
kungsform der jugendlichen Altersklassen ist; Bruns sah ein 
Kind schon mit 3 Jahren erkranken. In mehr als einem Drittel der 
Fälle setzte das Leiden vor dem 15., in fast drei Viertel vor dem 20. 
Lebensjahre ein. Dieses Ergebnis stimmt fast genau mit demjenigen 
von Pitres überein, von dessen 80 Kranken 71,5% vor dem 20. Jahre 
erkrankt waren. Nach dem 30. Jahre erkranken nur noch etwa 5%. 



1 m 



Alter 5 


10 15 20 25 30 


35 


40 


45 


50 Jahre 


bei Erkr. 3,0 


7,2 24,4 38,0 14,9 7,4 


2,8 


1,6 


0,7 


— 


bei Eintr. — 


0,9 12,1 36,3 23,9 12,1 


6,3 


4,4 


1.9 


2,1 



Fig. 284. Prozentische Verteilung der hysterischen 
Erkrankungen auf die einzelnen Altersstufen 
(430 Fälle). 



Ursachen. 1649 

Eine besondere Beleuchtung erfährt diese Beziehung der Hysterie 
zum Jugendalter durch die in unserer Darstellung angedeutete Ver- 
teilung der Fälle nach ihrem Alter beim Eintritt in die Klinik. Wenn 
hier einerseits naturgemäß die ganz kleinen Kinder fehlen, die man 
nur ausnahmsweise in psychiatrische Kliniken zu bringen pflegt, so 
sehen wir andererseits die Behandlungsbedürftigkeit der Kranken 
das Alter ihrer Erkrankung merkwürdig wenig überdauern. Der 
Höhepunkt fällt hier ebenfalls in die Zeit zwischen dem 15. und 
20. Jahre; auch bis zum 25. Jahre werden noch viele Hysterische 
hilfsbedürftig. Von da ab jedoch zeigt sich für das Eintrittsalter eben- 
falls ein rasches Sinken, so daß nach dem 30. oder gar 40. Jahre nur 
noch eine sehr kleine Zahl von Hysterischen der klinischen Behandlung 
bedarf. Da bestimmt nur ein geringer Bruchteil der Kranken dauernd 
in geschlossenen Anstalten verwahrt wird und der Tod unter ihnen 
keine erhebliche Ernte hält, so läßt die hier wiedergegebene Erfah- 
rung keinen anderen Schluß zu, als daß sich die hysterischen 
Krankheitserscheinungen in der großen Mehrzahl der Fälle mit 
zunehmendem Alter wieder verlieren; jedenfalls treten sie 
meist so sehr in den Hintergrund, daß sie keinen Anlaß zum Auf- 
suchen des Krankenhauses mehr bieten. Diese Folgerung wird auch 
durch die Erwägung kaum wesentlich erschüttert werden, daß ältere 
Personen leichter in ihrer Häuslichkeit die nötige Fürsorge finden, 
da sich dasselbe für die ganz jugendlichen Altersstufen sagen ließe, 
die dennoch bei weitem die größte Hilfsbedürftigkeit aufweisen. 

Man wird aber auch nach einer Erklärung für diese wichtigen 
Tatsachen nicht lange zu suchen brauchen. Die gleichen Gründe, 
die eine stärkere Beteiligung des weiblichen Geschlechtes bedingen, 
treffen in noch erhöhtem Maße für die Jugend zu. Auch hier haben 
wir es mit einer größeren Beweglichkeit des Gefühlslebens und na- 
mentlich auch mit einer besonderen Lebhaftigkeit der willkürlichen 
und unwillkürlichen Ausdrucksformen von Gemütsbewegungen zu 
tun, die erst allmählich durch die Erziehung zur Selbstbeherrschung 
und durch die Entwicklung der geistigen Persönlichkeit gedämpft wird. 
Die Ähnlichkeit mancher hysterischer Krankheitsäußerungen, der 
krampfartigen Zornausbrüche, der läppischen Dämmerzustände, des 
Wachträumens, mit entsprechenden Erscheinungen bei Kindern ist 
wohl eine mehr als äußerliche. Auch die Eindrucksfähigkeit, die Neu- 
gierde, die Oberflächlichkeit der Gefühlsregungen, die Selbstsucht, 



1650 XIII. Die Hysterie. 

die Begehrlichkeit, die Beeinflußbarkeit, der Eigensinn der Hyste- 
rischen sind Eigenschaften, die ihr Gegenstück und vielleicht ihre 
Wurzel in Eigentümlichkeiten der Kinderseele besitzen. 

Die hier angeführten Erfahrungen sind es, die vor allem die 
Unterscheidung zwischen einer Entwicklungs- und Entartungs- 
hysterie nahe legen, wie sie auch von Schnyder gefordert worden 
ist. Wir erkennen deutlich, daß es nur ein kleiner Bruchteil von 
Kranken ist, der auch in reiferem Alter noch ausgeprägtere hyste- 
rische Störungen darbietet. Soweit hier nicht, wie bei den alkoho- 
lischen und traumatischen Formen, äußere Einflüsse maßgebend 
sind, werden wir berechtigt sein, eine besondere Veranlagung der 
Persönlichkeit anzunehmen, die eben bewirkt, daß die sonst sich 
wieder ausgleichenden hysterischen Störungen dauernd fortbestehen. 
Wir werden auch späterhin noch eine besondere Gruppe von psycho- 
pathisch minderwertigen Persönlichkeiten kennen lernen, bei denen 
sich einzelne hysterische Züge durch das ganze Leben hindurch 
erhalten. Dem gegenüber werden wir die Entwicklungshysterie 
namentlich in eine gewisse Beziehung zu den Umwälzungen bringen 
dürfen, welche die Geschlechtsreife mit sich bringt. Wenn auch 
schon das kindliche Alter mit seinen lebhaften, sich rücksichtslos 
entladenden Gemütsbewegungen das Auftreten hysterischer Störun- 
gen begünstigt, so wird der Boden dafür offenbar noch weit ge- 
eigneter, sobald die inneren Stürme und Spannungen, die sehnsüch- 
tigen Regungen und Überschwänglichkeiten der Entwicklungszeit 
herannahen und das gemütliche Gleichgewicht den stärksten Er- 
schütterungen aussetzen. 

Die Häufigkeit der Hysterie im Kindesalter 1 ) ist schon lange be- 
kannt, ebenso gewisse Abweichungen, die sie gegenüber dem Bilde 
der Hysterie der Erwachsenen darbietet. Als solche pflegt einerseits 
vor allem die ,, massive" Ausprägung der Krankheitserscheinungen, 
sodann deren ,, monosymptomatisches" Auftreten bezeichnet zu 
werden. Der erstere Umstand könnte damit zusammenhängen, daß 
die Störungen unter den einfacheren Bedingungen des kindlichen 
Seelenlebens mit ihrer ganzen ursprünglichen Naivität zur Entwick- 
lung kommen, ohne durch die Einflüsse einer verwickeiteren Per- 
sönlichkeit abgeschliffen und verändert zu werden. Dem entspricht 



] ) Bruns, Die Hysterie im Kindesalter, 2. Aufl. 1906; Sänger, Monatsschr. 
f. Psychiatrie IX, 321; Bezy, Hysterie infantile et juvenile. 1900. 



Ursachen. 1651 

es, wenn Bruns berichtet, daß jene „massiven*' Fälle namentlich 
von der Landbevölkerung geliefert werden. Daß die kindliche Hy- 
sterie vorzugsweise monosymptomatisch ist, muß zugegeben werden. 
Ähnliches gilt jedoch wohl für die Entwicklungshysterie überhaupt. 
Ferner aber pflegt auch die Entartungshysterie mit mehr umgrenzten 
Krankheitserscheinungen zu beginnen, so daß wir auch aus diesem 
Grunde bei Kindern eine größere Einseitigkeit des klinischen Bildes 
erwarten dürften. Es scheint jedoch endlich, daß der starke Nach- 
ahmungstrieb des Kindes besonders gern zur hysterischen Wieder- 
gabe bestimmter, an anderen gesehener oder früher selbst erfahrener 
Krankheitserscheinungen führt, ein Umstand, der ebenfalls die Ent- 
stehung monosymptomatischer Krankheitsbilder begünstigen muß. 
Im einzelnen führt Bruns an, daß Astasie-Abasie, Aphonie, Lid- 
krampf, choreatische Krämpfe, Kontrakturen, delirante Dämmer- 
zustände und Nachtwandeln bei Kindern häufig seien, während die 
eigentlichen Stigmata, namentlich Empfindungsstörungen, seltener 
beobachtet werden. 

Versucht man, die vor und die nach dem 15. Lebensjahre begin- 
nenden Fälle von Hysterie miteinander zu vergleichen, so ergibt sich 
zunächst, daß unter den ersteren die schwächlichen, kränklichen, 
körperlich und geistig spät entwickelten, aber auch die besonders 
begabten Kinder verhältnismäßig stark vertreten sind, ferner die- 
jenigen, die an Zahnkrämpfen und Bettnässen gelitten haben. Auf- 
fallend oft finden sich bei ihnen besondere Eigentümlichkeiten des 
Wesens, Stimmungswechsel, Eigensinn, Unlenksamkeit, Schüchtern- 
heit, Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, Kindlichkeit, hie und da 
auch verbrecherische Neigungen. Diese Erfahrungen würden dafür 
sprechen, daß gerade auch die Entartungshysterie schon früh ein- 
zusetzen pflegt, ein Satz, der nichts Überraschendes hat. Hinsicht- 
lich des klinischen Bildes läßt sich sagen, daß bei den früh Erkran- 
kenden namentlich Sprach- und Gehstörungen, Lähmungen, Ohn- 
mächten und Nachtwandeln häufiger zu verzeichnen waren, ferner 
läppische und delirante Dämmerzustände mit Sinnestäuschungen. 
Unter den nach dem 15. Jahre Erkrankten befanden sich viele 
schlecht Begabte ; im klinischen Bilde war bemerkenswert die Häu- 
figkeit von Lach- und Weinkrämpfen sowie von ängstlichen und 
hypochondrischen Stimmungen. Vor allem aber trat hier die Be- 
deutung des Alkoholmißbrauchs sehr stark hervor. 



1652 



XIII. Die Hysterie. 



Die Verteilung der hysterischen Erkrankungen auf die einzelnen 
Altersstufen gibt die Fig. 285 für Männer und Frauen gesondert 
in absoluten Zahlen wieder. Hier zeigt sich, daß die im Verhältnisse 
zum männlichen Geschlechte wesentlich stärkere Neigung der Frauen 
zur Hysterie gewissen Schwankungen unterliegt. Auf den jugend- 
lichen Stufen, namentlich zwischen dem 5. und 10. Jahre, ist das 
Überwiegen der weiblichen Kranken stark ; es wird etwas schwächer 
bis zum 15. und auch 20. Jahre. Von da bis zum 25. Jahre er- 
kranken die Frauen auffallend häufig, vielleicht im Zusammenhange 

mit den hier in ihr Le- 
ben vielfach erschüt- 
ternd eingreifenden ge- 
schlechtlichen Beziehun- 
gen. Umgekehrt wächst 
der Anteil der Männer 
zwischen dem 25. und 
30. Jahre, um bis zum 
35. sogar denjenigen der 
Frauen zu übertreffen. 
Die Ursache dafür ist 
ohne Zweifel im Alkohol- 
mißbrauche zu suchen; 
er konnte bei den vor 
dem 20. Jahre erkrank- 
ten Männern in 39%, 
bei den später Erkrank- 
ten in 85% der Fälle er- 
mittelt werden, während die entsprechenden Zahlen für Frauen 
10,2% und 14,3% betragen. 

Unter den von mir beobachteten männlichen Kranken waren 
82,9% ledig, 15,9% verheiratet und 1,2% verwitwet oder geschieden. 
Die entsprechenden Sätze für die Frauen betrugen 83,8%, 10,9% 
und 5,3%. Hier fällt zunächst der verhältnismäßig hohe Prozentsatz 
der ledigen Frauen auf. Er erklärt sich zum Teil vielleicht aus dem 
stärkeren Überwiegen des weiblichen Geschlechtes bei den früh 
Erkrankten; dennoch aber sollte man, da Frauen wesentlich früher 
heiraten, von vornherein den Anteil der Verheirateten an der Hysterie 
bei ihnen höher erwarten, als bei den Männern, während das Gegen- 




Alter bei Be-\ 
ginn d.Erkr./ 5 


10 


15 


20 


25 


30 


35 


40 


45 Jahre 


9 


22 


63 


101 


45 


19 


5 


5 


3 Fr. 


4 


9 


42 


63 


19 


13 


7 


2 


— M. 



Fig. 285. Verteilung der hysterischen Erkrankungen 
auf die einzelnen Altersstufen (159 M., 272 Fr.). 



Ursachen. 1653 

teil sehr ausgesprochen ist. Man wird daher an Umstände denken 
müssen, die der verheirateten Frau einen gewissen Schutz gewähren. 
Die größere Sicherheit vor gemütlichen Stürmen, die das Eheleben 
der Frau gewährt, könnte hier in Frage kommen. Weiter aber ist 
natürlich auch daran zu denken, daß die Hysterie eine Verheiratung 
erschwert, was freilich auch bei den Männern zum Ausdrucke 
kommen sollte. Noch einen anderen Umstand, der hier in Betracht 
kommt, werden wir bald kennen lernen. Der unverhältnismäßig 
hohe Prozentsatz der Verwitweten und Geschiedenen unter den Frauen 
scheint ebenfalls auf die erhöhte Gefährdung hinzuweisen, denen das 
ehelose Leben die Frau aussetzt ; man müßte denn etwa die Hysterie 
hier vielfach als die Ursache der Scheidung betrachten, was bei den 
Männern wieder kaum in Betracht kommen dürfte. Der Mangel 
geschlechtlicher Befriedigung nach vorheriger Gewöhnung an sie 
könnte eine Rolle spielen, doch warnt vor dieser Annahme die Tat- 
sache, daß nahezu 6% unserer weiblichen Hysterischen Prostituierte 
waren, und daß auch sonst gechlechtliche Enthaltsamkeit keines- 
wegs besonders verbreitet zu sein schien. 

Über die Beteiligung der einzelnen Berufe an der Hysterie ist 
bei den Männern nicht viel Sicheres festzustellen. Die zu Gebote 
stehenden Zahlen müßten dafür viel größere sein und dann der 
Vergleich mit der Verteilung der Berufe in den betreffenden Alters- 
klassen durchgeführt werden. Immerhin fiel mir auf, daß Fabrik- 
arbeiter und Landarbeiter ganz unverhältnismäßig wenig vertreten zu 
sein schienen. Auch unter den Frauen befanden sich ländliche Arbei- 
terinnen nur in verschwindend kleiner Zahl. Dagegen war in höch- 
stem Maße auffallend der große Anteil der Dienstmädchen und Kö- 
chinnen, der nicht weniger als 45,1% aller weiblichen Hysterischen 
betrug. Zur weiteren Klärung dieser Tatsache ist es wichtig, auf die 
Herkunft unserer Kranken etwas einzugehen. Ich konnte feststellen, 
daß von den Männern 42% aus München, 21,3% aus anderen größe- 
ren und mittleren Städten und 36,7% vom Lande oder aus kleinen 
Städten stammten. Für die Frauen betrugen die entsprechenden 
Zahlen 26,6%, 20% und 53>4%. 

Es stellt sich also die merkwürdige Tatsache heraus, daß sich 
unter den weiblichen Hysterischen ein ganz unverhältnismäßig 
hoher Prozentsatz von Mädchen befindet, die vom Lande oder 
aus kleinen Städten in die Großstadt eingewandert sind. 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 17 



1654 XIII. Die Hysterie. 

Offenbar handelt es sich gerade hier wesentlich um die oben er- 
wähnten weiblichen Hausbediensteten, die in jugendlichem Alter, 
als unreife Persönlichkeiten, ohne Lebenserfahrung, aus einfachen 
Verhältnissen unter äußerst schwierige und darum für ihr seeli- 
sches Gleichgewicht gefahrdrohende Bedingungen versetzt werden. 
Die ununterbrochene Abhängigkeit vom fremden, nicht immer 
gütigen Willen, die gemütliche Vereinsamung, der Mangel an ge- 
eignetem Verkehr, vernünftigen Erholungsmöglichkeiten und an 
Überwachung, die Einsperrung in die Mauern der Großstadt müssen 
an sich schon sehr ungünstig auf das von den unklaren und 
mächtigen Regungen der Entwicklungsjahre bewegte Gemütsleben 
wirken und leicht zu triebartigen Entladungen der inneren Span- 
nung führen. Dazu kommen aber vielfach noch Mangel an aus- 
reichendem Schlafe, Chlorose, geschlechtliche Verführungen und 
Enttäuschungen, Alkoholmißbrauch, namentlich bei den Kellnerin- 
nen, die unter unseren Kranken ebenfalls ziemlich reichlich ver- 
treten sind. Diese Hysterie der weiblichen Dienstboten, bei deren 
Entstehung die Einwirkung gemütlich schädigender Lebensbedin- 
gungen auf kindlich unentwickelte, wehr- und haltlose Persönlich- 
keiten die Hauptrolle spielt, dürfte vor allem als Musterbeispiel der 
Entwicklungshysterie anzusehen sein ; sie verschwindet, sobald eine 
günstigere Lebenslage erreicht oder die Anpassung an die neuen 
Lebensverhältnisse vollzogen ist. 

j Die Entstehung der Hysterie im jugendlichen Alter, ebenso der 
Umstand, daß über die Hälfte unserer hysterischen weiblichen Dienst- 
boten aus ländlichen Verhältnissen stammten, weisen darauf hin, daß 
die Hysterie zunächst eine Erkrankungsform des unentwickelten, 
naiven Seelenlebens darstellt; auch die starke Beteiligung des 
weiblichen Geschlechtes, in dem das natürliche Triebleben seine Ur- 
sprünglichkeit weit mehr bewahrt hat, als beim Manne, könnte in 
demselben Sinne gedeutet werden. Man darf vielleicht vermuten, daß 
der züchtende Einfluß des Daseinskampfes, der dazu zwingt, starke 
Gemütsbewegungen und deren Äußerungen zu unterdrücken, sie in 
Willensspannung und zielbewußtes Streben und Handeln umzusetzen, 
allmählich die Vorbedingungen für die triebartigen, hysterischen Ent- 
ladungsformen der Affekte beseitigt. Ist diese Auffassung richtig, 
so werden wir einerseits erwarten dürfen, daß jugendliche Völker 
wie jugendliche Menschen besonders zur Hysterie geneigt sind, 



Ursachen. J 655 

andererseits, daß sich ihre Häufigkeit mit fortschreitender Kultur- 
entwicklung verringert. 

Leider fehlt es zurzeit durchaus an sicheren Grundlagen für die 
Beantwortung dieser Fragen. Es darf indessen wohl darauf hin- 
gewiesen werden, daß hysterische Epidemien in früheren Jahr- 
hunderten und namentlich im Mittelalter sicher häufiger und aus- 
gebreiteter waren, als jetzt, und daß die reichsten Erfahrungen 
darüber in heutiger Zeit an der in einfachsten Lebensverhältnissen 
und Anschauungen lebenden russischen Bauernbevölkerung ge- 
sammelt wurden. Ferner wäre auf die große Rolle hinzuweisen, 
welche die Hysterie anscheinend im Hexenaberglauben gespielt hat. 
Endlich ist zu betonen, daß bei Naturvölkern nicht selten hyste- 
rische Störungen vorkommen, wenn wir auch über ihre wirkliche 
Häufigkeit nichts wissen. So sind das bei den Malayen verbreitete 
Latah, das Jumping der Indianer, das Meriatschenje der Sibirier 
und das von Sakaki genauer geschilderte Imubacco der Ainos 
wohl zweifellos Erscheinungsformen der Hysterie. Überall handelt 
es sich um durch Erschrecken auslösbare Anfälle von leichter Ver- 
wirrung und Erregung mit Befehlsautomatie, auch negativer, nebst 
triebartiger Ausführung unsinniger Handlungen. Auch bei Tieren 
sind vereinzelte hysterische Störungen beschrieben worden, doch ist 
die Deutung derartiger Beobachtungen einstweilen wohl sehr un- 
sicher. 

Gegen die Annahme, daß die Häufigkeit der Hysterie mit der 
Entwicklung eines Volkes abnehme, scheint der Umstand zu spre- 
chen, daß wir das Leiden gerade in der Großstadt so häufig beobach- 
ten, und daß ein altes Kulturvolk, wie das französische, die klassische 
Stätte der Hysterieforschung geworden ist. In ersterer Hinsicht ist 
zunächst zu bemerken, daß, wie unsere früheren Darlegungen zeigen, 
eben nicht die in der Großstadt geborenen, sondern in weit höherem 
Maße die erst in sie verpflanzten Personen hysterisch werden. Auch 
Bruns fand unter seinen hysterischen Kindern 40%, die vom Lande 
stammten, und ebenso gibt Schnyder an, daß die Hysterie bei der 
Landbevölkerung und beim Arbeiterproletariat besonders häufig sei. 
Sodann aber ist zu berücksichtigen, daß die seelische Unreife wohl 
nur den günstigen Boden für die Entstehung der Hysterie abgibt, 
daß aber ihre wirkliche Ausbildung fernerhin durch gemütliche Er- 
regungen bewirkt wird, zu denen die verwickeiteren Daseinsbedin- 

17* 



1656 XIII, Die Hysterie. 

gungen unseres Großstadtlebens sicherlich mehr Anlässe bieten, als 
die einfachen Verhältnisse des Landlebens oder vergangener Jahr- 
hunderte. Gerade das Beispiel der vom Lande in die Stadt verschla- 
genen weiblichen Dienstboten ist für diese Frage ungemein lehrreich. 
Endlich muß noch betont werden, daß unsere Bemerkungen natür- 
lich nur für die Entwicklungshysterie gelten, während die anderen 
Formen eine wesentlich andere Bedeutung haben. Daß namentlich 
die alkoholische und traumatische Hysterie durch unsere Lebens- 
einrichtungen besonders gezüchtet werden, ist schwerlich zu be- 
zweifeln. 

Ob die Hysterie in den einzelnen Kulturländern eine verschiedene 
Verbreitung besitzt, läßt sich heute nicht entscheiden. Immerhin 
wird vielfach behauptet, daß romanische und namentlich slavische 
Völker eine stärkere Neigung zu hysterischen Erkrankungen auf- 
weisen, als germanische. Berücksichtigt man die größere Erregbar- 
keit und Leidenschaftlichkeit der Romanen und die ausgeprägte 
gemütliche Weichheit der Slawen gegenüber der ruhigeren und nüch- 
terneren Veranlagung der Germanen, so würde jene Annahme nichts 
Unwahrscheinliches haben. Auch die Juden mit ihrer Belastung 
durch lange Inzucht sollen leichter hysterisch werden. Es wäre aber 
auch denkbar, daß nur die Ausdrucksformen des Leidens oder doch 
diese ebenfalls je nach der Volksart verschieden sind. So scheinen 
die besonders schweren und klinisch reich entwickelten Fälle bei 
den genannten Völkern häufiger zu sein, als bei uns ; es würde sich 
dabei vorzugsweise um Entartungshysterie handeln. Vorsicht in 
der Beurteilung ist jedoch auch hier geboten. Die persönliche Er- 
fahrung des Einzelnen kann in solchen Fragen immer nur unzu- 
reichend sein, zumal ihm aus fremden Ländern namentlich schwerere 
Fälle zu Gesicht kommen werden. Der Inhalt der Literatur aber ist 
in viel zu hohem Maße von dem Einflüsse bestimmter Forschungs- 
richtungen und Persönlichkeiten abhängig. Die ärztlich, wenn auch 
unabsichtlich, gezüchtete ,, Hysterie der Salpetriere" kann uns so 
wenig ein zuverlässiges Bild von der hysterischen Veranlagung der 
Franzosen oder gar der Romanen geben, wie etwa die Hysterie- 
erzeugnisse der Freudschen Schule für das Seelenleben der Wiener 
Bevölkerung kennzeichnend sind. 

Schon oben hatten wir festgestellt, daß sich ein besonders frühes 
Auftreten hysterischer Störungen vorzugsweise bei Kindern findet, 



Ursachen. ^657 

die allerlei Entwicklungsschädigungen aufweisen. Hier und da 
sieht man auch deren greifbare körperliche Überreste, sogenannte 
Entartungszeichen, steilen, sehr schmalen Gaumen, Gaumenspalte, 
Zwischenkiefer, geriefte Zähne, Hypertrichosis, Schädelverbildungen. 
Mehrfach bestand abnorme Empfindlichkeit gegen Alkohol. Weiterhin 
aber scheint die erbliche Veranlagung von erheblicher Bedeutung 
für die Entwicklung des Leidens werden zu können. Schon Briquet 
fand, daß etwa ein Drittel der an Hysterie erkrankten Kinder von 
hysterischen Eltern stammte. Batault fand 77% der von ihm unter- 
suchten männlichen Hysterischen erblich belastet; Ziehen gibt 
für Kinder 80%, Hammond im allgemeinen 62% an. 

Meine eigenen Erhebungen zeigten, daß in Heidelberg bei 70 — 80% 
der Fälle belastende Umstände nachweisbar waren. Leider sind der- 
artige Untersuchungen bei meinen Münchener Beobachtungen da- 
durch sehr erschwert, daß zahlreiche Kranke wegen flüchtiger und 
geringfügiger Störungen aufgenommen werden und nach wenigen oft 
Tagen gebessert austreten, ohne daß es möglich wäre, ihre Vorge- 
schichte genügend aufzuklären. Es ist unter diesen Umständen be- 
merkenswert, daß dennoch in 47,1% der Fälle erbliche Belastung im 
weitesten Sinne nachgewiesen werden konnte. Wichtiger jedoch 
scheint mir die Erfahrung, daß in 33,4% Belastung von Seiten eines 
der Eltern vorlag, darunter in 14,5% Alkoholismus. Wir werden 
somit der keimschädigenden Wirkung des Alkohols auch hier eine 
gewisse Bedeutung zuschreiben müssen, wenn sie auch schwächer 
ist, als bei der Epilepsie. Sonst lag die Belastung durch die Eltern 
vorwiegend in psychopathischen Zuständen, die, teilweise mit Alko- 
holismus verbunden, in 22,2% der Fälle nachweisbar waren; die 
eigentlichen Geisteskrankheiten traten dagegen völlig zurück. Die 
Häufigkeit kennzeichnender hysterischer Störungen gerade bei den 
Eltern habe ich nicht bestätigen können, wenn man den Begriff 
nicht ungebührlich ausdehnen will. Dagegen wurde in 11,7% der 
Fälle über deutliche hysterische Krankheitserscheinungen bei den 
Geschwistern berichtet. Gilles de la Tourette sah 4, Lan- 
douzy 5 und B er nutz gar 6 hysterische Schwestern. Allerdings 
wird in derartigen Fällen, wie Binswanger zutreffend betont, 
der Einfluß besonderer Lebensverhältnisse und gegenseitiger Ein- 
wirkungen immer mit zu berücksichtigen sein. Aschaffenburg 
hat darauf hingewiesen, daß Hysterische oft einzige Kinder, Spät- 



1658 XIII. Die Hysterie. 

linge oder die einzigen ihres Geschlechtes unter den Geschwistern 
sind. 

Die hier angeführten Erfahrungen gewähren uns einen Einblick 
in die Rolle, die der Entartung in der Entstehungsgeschichte der 
Hysterie zukommt. Wir dürfen uns wohl vorstellen, daß sie zunächst 
die Widerstandsfähigkeit des Kindes gegen gemütliche Erschütterun- 
gen vermindert und dadurch die Häufigkeit heftiger Gemütsbewe- 
gungen und innerer Spannungen auch aus geringfügigen Anlässen 
steigert. Weiterhin aber ist daran zu denken, daß unter dem Einflüsse 
der Entartung jene Entwicklung beeinträchtigt wird, die darauf 
hinausläuft, die Heftigkeit der gemütlichen Stürme zu dämpfen und 
die innere Erregung der geistigen Verarbeitung wie der Umsetzung 
in dauernde, zweckmäßige Willensrichtungen zuzuführen. Die Ent- 
ladung der nicht von einer fest gefügten Persönlichkeit beherrschten 
Affekte geschieht daher stürmisch, aber ohne Nachhaltigkeit. Stellt 
dieses Verhalten einen häufigen Ausdruck der psychopathischen Ver- 
anlagung im allgemeinen dar, so gewinnt es die besondere ,, hyste- 
rische Färbung" dann, wenn die gemütliche Spannung sich triebartig 
in urwüchsige körperliche und seelische Reaktionsformen umsetzt. 

Man darf vielleicht vermuten, daß unter Umständen die stammes- 
geschichtlich alte Neigung zu unmittelbarem Ausstrahlen der Ge- 
mütsbewegungen auf die verschiedensten Gebiete körperlicher und 
seelischer Leistungen infolge von Entwicklungshemmungen beson- 
ders stark erhalten bleibt und krankhaft ausgestaltet wird. Damit 
wäre dann eine Brücke von der Entwicklungshysterie zur Entartungs- 
hysterie geschlagen. Was bei jener ersteren eine bald überwundene 
Entwicklungsstufe darstellt, auf der sich, namentlich unter ungün- 
stigen Lebensbedingungen, hysterische Reaktionsformen ausbilden 
können, wäre hier eine dauernde, sich nicht mehr ausgleichende 
Minderwertigkeit der Anlage. Wir werden später einem ganz ähn- 
lichen Verhältnisse zwischen den vorübergehenden verbrecherischen 
Neigungen der Kinder und der eigentlichen Verbrechernatur begegnen. 
Zu beachten ist jedoch einmal, daß die das ganze Leben begleitende 
Entartungshysterie im weiteren Verlaufe naturgemäß die gesamte Ent- 
wicklung der Persönlichkeit und alle ihre Lebensbeziehungen beein- 
flußt, andererseits, daß die Entartung neben der Hysterie auch noch 
eine Reihe von anderen krankhaften Zügen hervorbringen kann, die 
sich mit dieser verbinden, ohne ihr anzugehören. So kann es hier 



Ursachen. 1659 

zu jener eigentümlichen Mischung von kindlichen mit degenerativen 
Zügen kommen, der wir bei der Entartungshysterie begegnen. Auf 
der einen Seite finden wir, wenn wir von den eigentlichen hysterischen 
Störungen ganz absehen, die rege Einbildungskraft, die Lebhaftig- 
keit, Triebartigkeit und Unbeständigkeit der gemütlichen Regungen, 
die Oberflächlichkeit, Begehrlichkeit und Selbstsucht, die Beeinfluß- 
barkeit und den Eigensinn des Kindes ; auf der anderen aber wären 
außer dem Schwachsinn namentlich die Neigung zum Lügen und 
Schwindeln und zu geschlechtlichen Verirrungen, ferner die Zwangs- 
vorstellungen und bis zu einem gewissen Grade wohl auch die Ab- 
schwächung und Bestimmbarkeit der natürlichen Triebe zu nennen. 

Von den äußeren Schädlichkeiten, die für die Verursachung von 
hysterischen Krankheitserscheinungen in Betracht kommen, sind 
weitaus die wichtigsten die Gemütsbewegungen. Wir haben ihre 
Bedeutung für die Auslösung von Anfällen früher schon ausführ- 
lich besprochen. Hier soll nur noch darauf hingewiesen werden, 
daß dauernder gemütlicher Druck wohl auch geradezu die Ent- 
wicklung der hysterischen Veränderung fördern kann. Mir scheinen 
wenigstens die früher angeführten Erfahrungen über das Erkranken 
der jungen, vom Lande kommenden weiblichen Dienstboten wie der 
verwitweten und geschiedenen Frauen nach dieser Richtung zu 
deuten ; man müßte denn annehmen, daß hier überall nur bestimmte 
Einzelerlebnisse für die Entstehung der hysterischen Störungen ver- 
antwortlich zu machen wären. 

An zweiter Stelle ist der Alkohol zu nennen, der bei Männern die 
nach dem 15. Lebensjahre beginnende, nicht traumatische Hysterie 
fast vollkommen beherrscht. Einmal kommt es bei Gewohnheits- 
trinkern gar nicht selten zur Entwicklung von hysterischen Zu- 
fällen ; sodann aber werden auch durch einen Rausch öfters hysteri- 
sche Krankheitserscheinungen bei Personen ausgelöst, die sonst 
davon völlig frei sind. Als Bindeglied werden wir an die Steigerung 
der gemütlichen Erregbarkeit denken dürfen, die schon im gewöhn- 
lichen Rausche so häufig zu krampfartigen Ausbrüchen von läppi- 
scher Heiterkeit, sinnloser Wut oder tränenreicher Verzweiflung 
führt, ferner an den Fortfall von Hemmungen und die erhöhte 
Beeinflußbarkeit, die den Angetrunkenen äußeren Anregungen so 
willenlos zugänglich machen. Unter den klinischen Erscheinungs- 
formen der Alkoholhysterie sind vor allem komplizierte Rauschzu- 



l66o XIn - Die Hysterie. 

stände mit Bewußtseinstrübung, heftiger Erregung, Schreien, 
Brüllen, Weinen, Herumwälzen, Umsichschlagen zu erwähnen ; 
öfters gesellen sich auch Zuckungen, Verdrehen der Augen, Steif- 
werden, Atemkrämpfe hinzu. Weiterhin kommen Krampfanfälle 
und Dämmerzustände zur Beobachtung, die bei Trinkern durch die 
Beimischung kennzeichnender Gesichtstäuschungen (abgezehrte 
Hunde und Katzen, bunte Tiere, wimmelnde Mäuse) gelegentlich 
eine unverkennbar alkoholische Färbung erhalten. 

Gewisse Eigentümlichkeiten zeigen endlich auch diejenigen Fälle 
von Hysterie, die sich an Unfälle und Verletzungen anschließen. 
Wenn dabei in der Regel auch die rasche Entwicklung der Störungen 
und ihre Begrenzung auf die betroffenen Gebiete dem Verhalten son- 
stiger hysterischer Erkrankungen entspricht, so finden sich doch Züge 
im klinischen Bilde, die eine gewisse Verwandtschaft mit der trau- 
matischen Neurose andeuten. Auf der einen Seite wird durch die 
Häufigkeit von Ohnmächten, Krampfanfällen, Dämmerzuständen 
die Zugehörigkeit zur Hysterie dargetan ; auf der anderen Seite aber 
begegnen uns vielfach Schwindelanfälle, Kopfschmerzen, Spasmen, 
Zittern, Gehstörungen, namentlich aber Verstimmungen, wie sie 
besonders der traumatischen Neurose eigentümlich sind. Man wird 
vermuten dürfen, daß dieselben Ursachen, die bei letzterer die Ent- 
wicklung des Krankheitsbildes bestimmen, die Sorge wegen des 
Verlustes der Arbeitsfähigkeit und die durch unsere Gesetzgebung 
geförderte Entwöhnung von der Arbeit, auch bei der Ausgestaltung 
der hysterisch - traumatischen Erscheinungen mitwirken. Leider 
standen mir nur 28 Fälle zu Gebote, die hierher gerechnet werden 
konnten ; sie sind bei unseren bisherigen Darlegungen außer Betracht 
geblieben. Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, daß sich in 40% 
der Fälle von traumatischer Hysterie Alkoholmißbrauch nachweisen 
ließ. Über 80% der Kranken waren Männer; ebensoviele hatten das 
20. Lebensjahr überschritten, 30% das 40., so daß in diesen Be- 
ziehungen starke Abweichungen von den früher besprochenen Ver- 
hältnissen bestehen. Mehr als die Hälfte der Kranken war verheiratet ; 
vom Lande oder aus kleinen Städten stammten 80%, auch bei den 
Männern. 

Endlich ist hier noch der Tatsache zu gedenken, daß in der Haft, 
namentlich im Beginne, unter dem Drucke eines schwebenden Ver- 
fahrens, einer unerwartet harten Verurteilung, nicht ganz selten 



Ursachen. l66l 

hysterische Krankheitsbilder zur Entwicklung gelangen. Wir stehen 
hier vor der Frage, ob die Freiheitsentziehung in solchen Fällen die 
einzige und wahre Ursache der Krankheitserscheinungen darstellt, 
oder ob dabei noch andere Umstände eine wesentliche Rolle spielen. 
Die Zahl der mir zu Gebote stehenden, einigermaßen vollständigen 
Beobachtungen reicht nicht aus, um diese Frage mit Sicherheit zu 
beantworten, doch will ich wenigstens einige Erfahrungen kurz an- 
führen. Unter meinen hierher gehörigen Kranken war das Verhältnis 
der Frauen zu den Männern wie 1:3; die Frauen waren somit gegen- 
über ihrer allgemeinen Beteiligung am Verbrechen (1 : 4 — 5) etwas 
stärker vertreten, entsprechend ihrer besonderen Neigung zu hyste- 
rischen Störungen. Das Erkrankungsalter lag bei 28% der Kranken 
unter dem 25., bei 62% unter dem 30. Jahre, ebenfalls in Überein- 
stimmung mit der Erfahrung, daß die Hysterie vorzugsweise bei 
jugendlicheren Personen beobachtet wird. Mehr als ein Drittel 
meiner Kranken waren Trinker, unter den Fällen mit Haftstupor 
sogar die Hälfte ; hier zeigen sich somit wieder die nahen Beziehungen 
des Alkoholismus zur Hysterie. Fast alle Kranke waren von Jugend 
auf abnorme Persönlichkeiten, Sonderlinge, reizbar, phantastisch 
veranlagt und dergleichen, hatten schlecht gelernt, an Bettnässen 
gelitten, waren früh mit dem Strafgesetze in Berührung gekommen. 
Mehr als die Hälfte hatten schon vor der Erkrankung an An- 
fällen oder sonstigen unzweideutigen hysterischen Störungen ge- 
litten. Die Angaben über Erblichkeit, die freilich gerade bei diesen 
Kranken ungemein lückenhafte sind, zeigten, daß etwa 60% belastet 
waren, davon 35% von Seite der Eltern und etwa 20% mit Trunk- 
sucht der Erzeuger. 

Aus diesen Erfahrungen läßt sich wohl schließen, daß ein ge- 
wisser Bruchteil der hier berücksichtigten Beobachtungen der Ent- 
wicklungshysterie, ein weiterer, erheblicherer, der Alkoholhysterie, 
die Hauptmasse aber der Entartungshysterie zugerechnet werden 
kann. Ob dann noch ein Rest von Fällen übrig bleibt, der eine be- 
sondere ,, Hafthysterie' * darstellen würde, wage ich zurzeit nicht 
zu entscheiden. Ich möchte jedoch andeuten, daß einzelne Kranke, 
wenn sie auch entartete Menschen waren, doch anscheinend 
weder vor noch nach der Erkrankung an einer hysterischen Haft- 
psychose sonstige deutliche hysterische Krankheitserscheinungen 
dargeboten haben. Ferner möchte ich daran erinnern, daß wir bei 



l662 XIII. Die Hysterie. 

der Entwicklungshysterie gerade das Gefühl der Hilflosigkeit und 
Verlassenheit bei willensschwachen, geistig unentwickelten Persön- 
lichkeiten als eine wichtige Ursache für die Ausbildung hysterischer 
Krankheitserscheinungen kennen gelernt haben. Es wäre daher 
nicht undenkbar, daß namentlich bei jüngeren, haltlosen, psychopa- 
thisch veranlagten Personen die seelischen Eindrücke der Haft in 
ähnlicher Weise hysterieerzeugend wirkten, wie wir es früher bei der 
Vereinsamung jugendlicher, ländlicher, weiblicher Dienstboten in 
der Großstadt gesehen haben. Jedenfalls vermag die Haft den 
klinischen Bildern eine besondere Färbung zu geben. 

Ob auch körperliche Erkrankungen in ursächliche Bezieh- 
ungen zur Hysterie zu bringen sind, ist sehr zweifelhaft. Hier und 
da schließen sich allerdings hysterische Störungen an eine Infektions- 
krankheit, den Erwerb der Syphilis oder eine Malaria an. In solchen 
vereinzelten Erfahrungen ist aber nicht nur der ursächliche Zusam- 
menhang, sondern oft auch die klinische Natur der auftretenden 
Erscheinungen kaum sicher festzustellen. Eine Anzahl meiner Kran- 
ken litt an Chlorose, ohne daß ich es im Hinblicke auf das Gesamt- 
bild, das wir von den Entstehungsbedingungen der Hysterie gewon- 
nen haben, wagen würde, daraus irgendwelche weitere Schlüsse zu 
ziehen. Eine Reihe von Forschern haben Stoffwechselstörungen für 
die Entstehung der Hysterie verantwortlich gemacht. So hat Bier- 
nacki aus seinen Erfahrungen über das Verhalten des Blutes der 
Hysterischen die Meinung abgeleitet, daß hier, wie bei der ,, Neur- 
asthenie", primäre Oxydationsstörungen vorliegen, die erst weiter- 
hin die übrigen Krankheitszeichen erzeugen. Ähnlich betrachtet 
Vigouroux als Grundlage der Hysterie die gichtische Stoffwechsel- 
störung, die ja auch zur Erklärung der Epilepsie wie des manisch- 
depressiven Irreseins schon hat herhalten müssen. Jakowenko 
endlich bezeichnet als Ursache des Leidens aus dem Stoffwechsel 
stammende Toxine. Alle derartigen, durch nichts gestützten An- 
schauungen sind mit unseren sonstigen klinischen und ätiologischen 
Erfahrungen unvereinbar, da sie die innigen Beziehungen der Hysterie 
zu anderen Formen der psychopathischen Entartung, die Eigenart 
der erkrankenden Persönlichkeit und die psychische Entstehungs- 
weise der einzelnen Krankheitszeichen gänzlich außer acht lassen. 

Zum Schlüsse haben wir noch kurz der alten und auch heute 
nicht ganz ausgestorbenen Anschauung zu gedenken, daß als die 






Wesen der Krankheit. 1663 

Ursache der Hysterie Erkrankungen der Geschlechtsorgane 1 ) an- 
zusehen seien. Freund hat insbesondere eine Parametritis chronica 
atrophicans für die Hysterie verantwortlich gemacht, der eine atro- 
phische Nebenhodenentzündung bei den Männern entsprechen soll. 
Es bleibt gänzlich unbegreiflich, wie sich derartige Anschauungen 
mit der Fülle von Tatsachen abfinden wollen, die bereits über die 
Entstehungsbedingungen, die klinischen Erscheinungsformen, die 
Prognose und die Behandlung der Hysterie zur Verfügung stehen. 
Überhaupt muß uns der Umstand, daß gerade eine Reihe sehr tief- 
greifender Erkrankungen der Geschlechtsorgane zwar recht schwere 
körperliche und bisweilen auch psychische Störungen zu erzeugen 
vermögen, ohne doch dabei die Erscheinungen der Hysterie auszu- 
lösen, gegen die Annahme einer maßgebenden Bedeutung der Sexual- 
erkrankungen von vornherein mißtrauisch machen. Dazu kommt 
dann weiter noch das nicht ganz seltene Auftreten der Hysterie lange 
Jahre vor der Geschlechtsentwicklung, die Gleichheit der Störungen 
bei den beiden, so verschieden gearteten Geschlechtern und das Fehlen 
jeder Sexualerkrankung in der übergroßen Mehrzahl der Fälle. 

Damit soll nicht geleugnet werden, daß öfters bei Hysterischen der 
Untersuchungsbefund oder doch die Beschwerden auf das Geschlechts- 
leben als auf den Ausgangspunkt der Neurose hindeuten, und daß die 
Beseitigung kleiner Störungen auf diesem Gebiete unter Umständen 
eine erhebliche Besserung der hysterischen Leiden herbeizuführen 
vermag. Solche Erfahrungen sind jedoch nur der einfache Ausdruck 
der Tatsache, daß wenigstens beim Weibe das Geschlechtsleben eine 
der ergiebigsten Quellen für jene Reize und Schädlichkeiten bildet, 
die auf dem vorbereiteten Boden hysterische Erscheinungen auszu- 
lösen vermögen. So erklärt es sich, daß dieselbe Genitalerkrankung 
in einem Falle fast spurlos verläuft, im zweiten leichte nervöse 
Beschwerden, im dritten aber die ganze Mannigfaltigkeit der hyste- 
rischen Erscheinungen zu erzeugen imstande ist. — 

Suchen wir uns nunmehr auf Grund der im Vorstehenden be- 
richteten Erfahrungen eine Vorstellung vom Wesen der Hysterie 2 ) 
zu bilden, so ist zunächst festzustellen, daß die hysterischen Erschei- 



x ) Meyer, Monatsschr. f. Geburtsh. u. Gynäkol. XIII, 1. 

2 ) Janet, Hallion, Claude, Dupre, Revue neurologique XVII, 24 (Dis- 
kussion der neurolog. u. psychiatr. Gesellschaften in Paris). 1902; Babinski, 
Revue neurologique, 1901, 1074; demembrement de l'hysterie traditionelle 1909, 1; 



1664 XIIL Die Hysterie. 

nungen ihre Wurzel in psychischen Vorgängen haben. Wir verdan- 
ken diese Erkenntnis vor allem den Forschungen der Franzosen ; 
ihre wichtigste Stütze ist neben der klinischen Beobachtung die Tat- 
sache, daß sich mindestens ein großer Teil der hysterischen Störungen 
künstlich, in der Hypnose, erzeugen läßt, Empfindungslosigkeit, Läh- 
mungen, Kontrakturen, Sinnestäuschungen, Beeinflussung vaso- 
motorischer Erscheinungen. Möbius hat die Eigentümlichkeit 
der Hysterie darin gesucht, daß bei ihr krankhafte Veränderungen 
des Körpers ,, durch Vorstellungen* ' hervorgerufen werden, und 
Babinski umschreibt einen ähnlichen Gedanken dahin, daß die 
hysterischen Krankheitszeichen ,, durch Suggestion" hervorgerufen 
und wieder zum Verschwinden gebracht werden können. Er be- 
zeichnet sie daher auch mit einem neuen Namen als „pithiatische", 
durch Überredung heilbare, und trennt sie scharf ab von den Wir- 
kungen der Gemütsbewegungen. 

Wir werden uns späterhin mit den Anschauungen Babinskis 
noch eingehender zu beschäftigen haben. Mir scheint es jedoch 
durch die tägliche Erfahrung vollkommen sichergestellt, daß Ge- 
mütsbewegungen als die eigentliche Quelle der hysterischen Stö- 
rungen angesehen werden müssen, eine Ansicht, der sich auch 
Möbius späterhin genähert hat. Es ist daher kein Zufall, daß wir 
bei Hysterischen so häufig eine besondere Lebhaftigkeit der gemüt- 
lichen Regungen vorfinden. Wichtiger aber, als die Stärke der Ge- 
fühle, ist ihre Flüssigkeit, die Leichtigkeit, mit der sie kommen, 
anwachsen und wieder verschwinden. Darin ist die Grundlage der 
Launenhaftigkeit und Unstetigkeit, aber auch der Beeinflußbarkeit 
der Kranken und ihrer Abhängigkeit von äußeren Einwirkungen 
gegeben. 

Diese leichte Beweglichkeit des Innenlebens der Hysterischen, das 
nicht durch einen festen, zielbewußten Willen gelenkt, sondern von 
Gefühlen und Stimmungen umhergeworfen wird, ist von jeher betont 
worden. H e 1 1 p a c h J ) spricht von der , , Lenksamkeit' ' als einer Grund- 
eigenschaft der Hysterischen, Gaupp von einer mangelhaften Ent- 
wicklung des Regulierungssystems, Raymond von einem Fehlen der 



Babinski et Dagnan-Bouveret, Journal de psychol. normale et patholog. IX, 2; 
Morselli, Rivista sperimentale di freniatria XXXVIII, 1; Skliar, Zeitschr. f. d. 
ges. Neurol. u. Psychiatrie X, 325. 

*) Hellpach, Grundlinien einer Psychologie der Hysterie. 1904. 



Wesen der Krankheit. 1665 

Korrektionsempfindungen, Eulenburg von erhöhter Impressiona- 
bilität und abulischer Insuffizienz. Orschansky meint, daß der nor- 
male Parallelismus zwischen Erregungen und Hemmungen gestört 
sei, daß eine „Dysrhythmie" im Nervensystem bestehe, und Knothe 
vertritt die Ansicht, daß eine Lähmung des Mechanismus eintrete, 
der die Erregbarkeit des Hirns regelt. Auf die Unberechenbarkeit 
der Hysterischen bezieht sich wohl auch die Äußerung von Asch äf- 
fen bürg, daß bei ihnen ein Mißverhältnis zwischen Reiz und Reak- 
tion bestehe, so daß diese entweder zu stark oder zu schwach aus- 
falle, sowie die ganz ähnliche Meinung von Ziehen, daß die Wirk- 
samkeit gefühlsbetonter Vorstellungen diejenige bei Gesunden über- 
schreite, während gefühlsarme Vorstellungen abnorm schwach wirk- 
sam seien. Poire spricht von einer ungleichen Verteilung der Energie 
im Nervensystem; vielleicht meint Binswanger etwas ähnliches, 
wenn er den Satz aufstellt, daß bei Hysterischen der Parallelismus 
zwischen Reizgröße und Empfindung gestört, die Reizschwelle für 
die Umsetzung körperlicher Vorgänge in seelische verändert sei. 
Taalman Kip denkt an eine erhöhte Erregbarkeit des ,, Organ- 
zentrums", die ein stärkeres Hervortreten der Organempfindungen 
und dadurch bedingte gesteigerte gemütliche Reizbarkeit bedingen 
soll. Binet kleidet seine Ansicht in die Formel, daß die Hysterie ein 
Spiegel der Zeit sei und nach Epoche und Arzt wechsele: Charcot 
sah eine ,, plastische", Janet eine ,, romantische", Babinski eine 
„negative" Hysterie. 

Die hier in den verschiedensten Umschreibungen ausgedrückte 
Störung, die wir in der Hauptsache wohl als Unausgeglichenheit der 
gemütlichen Vorgänge und dadurch bedingte innere Unfreiheit be- 
zeichnen können, ist zwar eine ganz gewöhnliche Begleiterscheinung, 
vielleicht sogar eine Vorbedingung der Hysterie, aber sie ist nicht 
ihr eigentliches Kennzeichen. Die gleichen oder doch ganz ähnliche 
Abweichungen finden wir auch bei anderen Formen der psycho- 
pathischen Minderwertigkeit. Was einem Krankheitsbilde den 
Stempel des Hysterischen aufdrückt, das ist, wie schon früher ange- 
deutet, weiterhin die Ausstrahlung der Gemütsbewegungen 
auf andere Gebiete des körperlichen und geistigen Lebens 
und ihre Umsetzung in Krankheitserscheinungen, die 
der Hauptsache nach übertriebenen und verzerrten Aus- 
drucksformen seelischer Erregungen entsprechen. 



1666 XIII. Die Hysterie. 

Auch diese Erkenntnis ist alt und ungezählte Male ausgesprochen 
worden. Sie stützt sich zunächst auf den Umstand, daß eine ganze 
Reihe von hysterischen Störungen in Entstehung und Gestaltung 
ohne weiteres auf diese Deutung hinweisen, so die Aphonie nach einem 
Schreck, die Ohnmacht beim Erhalten einer Trauernachricht, das 
Sichherumwälzen und Umsichschlagen nach einem Streite, die Läh- 
mung nach einem Überfalle, der Lidkrampf nach leichter Bindehaut- 
entzündung, der Krampfhusten nach einem Kehlkopfkatarrh. Wei- 
tere Überlegungen machen es jedoch wahrscheinlich, daß diese und 
viele ähnliche Erfahrungen auf das Bestehen umfassender und ver- 
wickelter, stammesgeschichtlich uralter Schutzeinrichtungen hin- 
weisen, die ohne weiteres in Wirksamkeit treten, sobald der Selbst- 
erhaltungstrieb durch Gemütsbewegungen angestachelt wird. Wir 
dürfen uns wohl vorstellen, daß diese ursprünglichsten, triebartig 
entstandenen Verteidigungsmittel im Laufe der Entwicklung mehr 
und mehr durch andere, vom Verstände geschmiedete und vom ziel- 
bewußten Willen gehandhabte Schutz- und Trutzwaffen ersetzt wur- 
den, die sich vollkommener den wechselnden Anforderungen des 
Daseinskampfes anzupassen vermochten. So verkümmerten sie, 
wurden bis zur Unkenntlichkeit umgewandelt und ihrer ursprüng- 
lichen Bestimmung entfremdet. Zum Teil haben sie sich, wie 
namentlich Darwin dargetan hat, noch als einfache Ausdrucks- 
formen von Gemütsbewegungen erhalten, wie die Gänsehaut beim 
Gruseln als schwacher Versuch, die Haare zu sträuben und dadurch 
furchtbarer zu erscheinen, wie das Weinen beim Schmerze, um gleich- 
sam einen reizenden Fremdkörper fortzuspülen, das Heben der Ober- 
lippe beim Hohn, um den drohenden Eckzahn zu zeigen usf. Ob- 
gleich die ursprüngliche Bedeutung dieser Vorgänge längst verloren 
gegangen ist, lassen sich doch die Zusammenhänge zwischen der 
Gefahr ankündenden Gemütsbewegung und der Andeutung der Ver- 
teidigungsmaßregel noch immer nachweisen. 

Im Laufe der fortschreitenden Entwicklung werden die unter 
veränderten Lebensbedingungen überflüssig oder unzweckmäßig ge- 
wordenen Hilfsmittel des Selbstschutzes allmählich zugunsten voll- 
kommenerer Einrichtungen unterdrückt. So kommt es, daß ein er- 
heblicher Teil derselben dem Bereiche der Willküreinwirkung mehr 
oder weniger vollständig entzogen wird. Unser Wille ist nicht 
mehr imstande, unmittelbar die Hautgefäße zu erweitern oder 



Wesen der Krankheit. 1667 

zu verengern, wie es Scham, Schreck, Zorn vermögen, unsere 
Haare zu sträuben, unsern Herzschlag zu beschleunigen oder zu 
verlangsamen, Tränen fließen zu lassen. Nur auf einem Umwege, 
durch Wachrufen entsprechender Vorstellungen und der daran 
sich knüpfenden Gefühle, gelingen uns derartige Beeinflussungen. 
Hier zeigt es sich also deutlich, daß es vom Seelenleben aus Zu- 
gänge zu körperlichen Vorgängen gibt, die nur den Gemütsbe- 
wegungen, nicht aber dem bewußten Willen offen stehen. Auch 
die hypnotische Suggestion vermag unter Umständen diese Wege 
aufzufinden und einzuschlagen. So dürfte es sich erklären, daß zwar 
ein Teil der hysterischen Störungen willkürlich nachgeahmt werden 
kann, daß daneben aber auch Krankheitserscheinungen vorkommen, 
die außer jedem Zusammenhange mit dem bewußten Wollen stehen. 
Ja, der Spielraum dieser letzteren scheint nicht unerheblich größer 
zu sein, als derjenige des Ausdrucks von Gemütsbewegungen; wir 
dürfen wohl annehmen, daß eben diese ungewöhnliche Ausdehnung 
alter, durch die fortschreitende Entwicklung unwegsam gewordener 
Zusammenhänge die kennzeichnende Eigentümlichkeit der Hysterie 
darstellt. 

Es ist natürlich heute kaum möglich, sich von der ursprünglichen 
Bedeutung der hysterischen gemütlichen Reaktionsformen eine zu- 
treffende Vorstellung zu machen, da sie in Gestaltung, Ausdehnung 
und Zusammenhängen durch die verschiedenartigsten stammes- 
geschichtlichen, persönlichen und krankhaften Einflüsse gewiß viel- 
fach bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Nur soviel läßt sich viel- 
leicht sagen, daß ein Teil jener Vorgänge darauf hinauszulaufen 
scheint, Leib und Seele drohenden Schädigungen zu entziehen, wie 
die Gesichtsfeldeinschränkung, die Blindheit und Taubheit, die Un- 
empfindlichkeit, die Bewußtseinstrübung, die Verdrängungserschei- 
nungen, die an die Kataplexie der Tiere erinnernden Lähmungen. 
Ein anderer Teil wäre möglicherweise als Versuch äußerster Anspan- 
nung aller Kräfte aufzufassen, so die Kontrakturen, die Krämpfe und 
Zuckungen, die Atmungsbeschleunigung, das Herzklopfen. Wieder 
andere Störungen könnten als Warnungssignale, wie die Schmerzen, 
die Überempfindlichkeit, oder endlich als Hilfsmittel zur Beseitigung 
von Schädigungen gedeutet werden, der Husten, das Niesen und 
Räuspern, der Lidkrampf, das Erbrechen, die Durchfälle, die Schweiße. 

Leichte Andeutungen derartiger, im allgemeinen früheren Ent- 



!668 XIII. Die Hysterie. 

wicklungsstufen angehörenden Entladungsformen gemütlicher Span- 
nungen kommen gelegentlich auch beim Gesunden zur Beobachtung, 
namentlich bei sehr plötzlich und übermächtig hereinbrechender, 
Überlegung und Selbstbeherrschung überwältigender Gefahr. Offen- 
bar aber sind die uns beherrschenden Züchtungseinflüsse darauf ge- 
richtet, die hier sich vordrängenden Triebhandlungen nach Möglich- 
keit zu unterdrücken und die inneren Spannungen zur Verwirklichung 
weiter reichender Zwecke der Leitung des Willens unterzuordnen. 
Am seltensten wird man daher jenen hysterieähnlichen Gefühls- 
ausbrüchen beim erwachsenen, kaltblütigen Manne begegnen ; da- 
gegen bewegt sich der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Frauen 
und namentlich bei Kindern vielfach in Formen, die unverkennbare 
Ähnlichkeiten mit hysterischen Erscheinungen aufweisen. Auch bei 
Naturvölkern scheinen die triebartigen Verteidigungsmaßregeln des 
Körpers gegenüber der überlegten, zielbewußten Abwehr noch eine 
verhältnismäßig große Bedeutung zu besitzen. 

Wir kämen somit zu dem Schlüsse, daß wir es bei der Hysterie 
in gewissem Sinne mit einer Entwicklungshemmung zu tun 
haben. Ursprünglich zweckmäßige, aber veraltete Schutzeinrich- 
tungen haben sich hier in ungewöhnlichem Umfange erhalten, zum 
Teil in krankhaft veränderten Formen, während auf der anderen 
Seite jene Eigenschaften unentwickelt geblieben sind, die sie er- 
setzen sollten, die Fähigkeit, Gemütsbewegungen zu beherrschen 
und in planmäßig geleitete Willensarbeit umzusetzen. Wir be- 
greifen unter diesem Gesichtspunkte, warum hysterische Störungen 
einmal als mehr vorübergehende Erscheinung bei jugendlichen, un- 
fertigen Persönlichkeiten, namentlich unter schwierigen Lebens- 
bedingungen, auftreten, warum sie beim weiblichen Geschlechte 
mit seinem reicher ausgebildeten Triebleben besonders häufig sind, 
auch bei Naturvölkern wie in geistig wenig entwickelten Massen 
verhältnismäßig leicht Boden gewinnen, und warum sie andererseits 
als dauernde Eigentümlichkeiten den Ausdruck der Entartung bilden 
können. Ferner verstehen wir, daß ihr Auftreten begünstigt wird, 
wo die Klarheit der Überlegung und die Fähigkeit zur Selbstbeherr- 
schung durch die Einwirkung des Alkohols beeinträchtigt wird, 
endlich, daß heftige und plötzliche Gemütserschütterungen, wie sie 
bei schweren Unfällen und in der Haft einwirken, ganz besonders 
geeignet sind, hysterische Reaktionsformen zu erzeugen. 



Wesen der Krankheit. 1669 

Aus den hier angeführten Überlegungen wird es auch erklärlich, 
daß die hysterischen Störungen von den Kranken selbst bisweilen 
gar nicht bemerkt werden. Handelte es sich bei der Hysterie lediglich 
um eine erhöhte Zugänglichkeit für Eingebungen, so wäre diese 
Erfahrung unverständlich, und Babinski ist daher auch geneigt, 
sie mit Mißtrauen zu betrachten. Dagegen brauchen die unwillkür- 
lichen Wirkungen gemütlicher Erregungen durchaus nicht ins Be- 
wußtsein zu gelangen ; man kann vor Angst schwitzen, im Zorn oder 
in der Verzweiflung für Schmerz unempfindlich werden, ohne es zu 
bemerken, gerade wie die Hysterischen. 

Gegen die Annahme innerer Beziehungen zwischen Gemütsbewe- 
gungen und hysterischen Krankheitserscheinungen kann jedoch der 
Einwand erhoben werden, daß der Zusammenhang in zahlreichen 
Fällen nichts weniger als durchsichtig ist. Vielfach bleibt es uns 
gänzlich unklar, warum etwa eine hysterische Ptosis, ein Torticollis, 
eine Gesichtsfeldeinschränkung oder Dermatographie entsteht ; wir 
begreifen auch nicht, warum eine Todesnachricht das eine Mal einen 
Krampfanfall, das andere Mal einen Mutismus, hier eine Paraplegie, 
dort einen deliriösen Dämmerzustand erzeugt. Dazu ist zu bemer- 
ken, daß natürlich auf der einen Seite die persönliche Verarbeitung 
der Lebensreize eine ganz verschiedene sein kann, und daß anderer- 
seits die Pfade, in denen sich die Ausstrahlung der gemütlichen 
Erregung bewegt, möglicherweise sehr verschlungene sind. Schließ- 
lich ist uns die innere Beziehung zwischen Trauer und Tränen, Witz 
und Lachen nicht verständlicher, als diejenige etwa zwischen Ärger 
und Hemianästhesie. Dennoch aber ist die allgemeine Verwandt- 
schaft der hysterischen Krankheitserscheinungen mit den Ausdrucks- 
formen der Gemütsbewegungen in Entstehung und Erscheinungs- 
weise eine so ausgesprochene, daß wir wohl eine gewisse Berech- 
tigung haben, sie auch dort für wahrscheinlich zu halten, wo sie 
zurzeit durchaus noch nicht nachweisbar ist. 

Wie ich denke, wirft die Ableitung der hysterischen Störungen aus 
Vorgängen, die ursprünglich dem Selbsterhaltungstriebe dienten und 
daher durchaus zweckmäßig waren, ein gewisses Licht auf die eigen- 
tümliche, sonst recht unverständliche Tatsache, daß Hysterische ihren 
Krankheitserscheinungen regelmäßig ganz anders gegenüberstehen, 
als andere Kranke mit äußerlich ähnlichen Störungen. Selbst die 
schwersten Beeinträchtigungen der Bewegungsfreiheit und des 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. l8 



IÖ70 XIII. Die Hysterie. 

Lebensgenusses werden von ihnen mit überraschendem Gleichmute 
ertragen. Ja wir stoßen gar nicht selten auf zähen, triebartigen Wider- 
stand, wenn wir ernsthaft daran gehen, die Krankheitsäußerungen 
zu beseitigen. Mag dabei auch zum Teil der Wunsch mitspielen, die 
angenehme Stellung des bemitleideten und verwöhnten Kranken 
nicht zu verlieren, so müssen doch offenbar noch andere Einflüsse 
maßgebend sein; wir würden ja sonst ähnliches auch bei allen mög- 
lichen anderen körperlichen Leiden beobachten. Was hier den natür- 
lichen Wunsch, gesund und leistungsfähig zu werden, zugunsten der 
Fortdauer hysterischer Krankheitserscheinungen zurückdrängt, dürfte 
neben anderen Einflüssen gewiß auch der alte Zusammenhang 
dieser letzteren mit dem Selbsterhaltungstriebe sein, 
der sie dem Kranken, wenn auch nur dunkel bewußt, nicht als 
quälende Leiden, sondern als nächstliegende Verteidigungsmittel 
erscheinen läßt. Verstärkt wird diese Bewertung dann durch den 
Umstand, daß sie tatsächlich oft auch jetzt noch, freilich in an- 
derem Sinne, den Kranken den Unbilden des Lebenskampfes bis 
zu einem gewissen Grade entziehen. Vielleicht läßt sich mit der ur- 
sprünglichen Zweckmäßigkeit der hysterischen Krankheitserschei- 
nungen auch die seltsame Neigung der Kranken zur hartnäckigen 
Vortäuschung von Störungen in Beziehung setzen ; man könnte sie 
als eine Verirrung eines alten, lebenswichtigen Triebes ansehen, 
ähnlich den sinnlosen, krankhaften Abwandlungen des Geschlechts- 
triebes. 

Wenn bis hierhin die Anknüpfungen an die Erfahrungen des ge- 
sunden Lebens noch verhältnismäßig nahe liegen, so werden wir als 
einen entschieden krankhaften und somit für die Hysterie besonders 
kennzeichnenden Zug die Erfahrung zu betrachten haben, daß die 
an eine gemütliche Erschütterung sich anschließenden Reaktionen 
hier nicht alsbald wieder verschwinden, sondern unbestimmte 
Zeit hindurch fortbestehen können. Während sich beim Ge- 
sunden die Nachwirkungen auch der heftigsten Gemütsbewegungen 
allmählich abschwächen und durch andersartige Regungen in den 
Hintergrund gedrängt werden, können sich bei der Hysterie, wie 
Krehl es genannt hat, ,, Dauerformen" unbewußter Fortwirkungen 
der Affekte entwickeln. Allerdings beobachten wir vielfach Zufälle, 
die ohne Überbleibsel binnen kurzem wieder verschwinden, Aufregun- 
gen, Ohnmächten, Anfälle, Dämmerzustände. Ein anderes Mal aber 



Wesen der Krankheit. 1671 

bleiben nach derartigen Entladungen noch allerlei hartnäckige, wenn 
auch langsam sich zurückbildende Krankheitserscheinungen zurück, 
Empfindungsstörungen, Gesichtsfeldeinschränkung, Sprach- und 
Gehstörungen, Lähmungen. Oder endlich es entwickeln sich mit 
oder ohne erkennbaren Anlaß hysterische Leiden, die Jahre, selbst 
viele Jahre hindurch fortbestehen können. Wie mir scheint, voll- 
zieht sich dieser Vorgang ganz besonders bei der traumatischen und 
bei der Entartungshysterie, während die Entwicklungshysterie und 
ebenso die alkoholische Form weit weniger Neigung zur Ausbildung 
von Dauerformen erkennen läßt. 

Die Erklärung dieses höchst eigentümlichen Verhaltens ist in der 
verschiedensten Weise versucht worden. In sehr eingehender Weise 
hat sich J an et mit dieser Frage beschäftigt. Er zeigte vor allem durch 
vielseitige nnd geistreiche Versuche, daß es sich bei den hysterischen 
Dauerstörungen um die Abspaltung sonst bewußter Vorgänge aus 
dem Zusammenhange mit dem bewußten Seelenleben handle. Jene 
Vorgänge verlaufen an sich wie früher, aber ohne Verbindung 
mit dem Bewußtseinsinhalt. Die Erregungen aus hysterisch unemp- 
findlichen Sinnesgebieten werden nicht wahrgenommen, wohl aber 
unbewußt weiter verwertet ; daraus erklärt sich das stereoskopische 
Sehen bei einseitiger Blindheit, das Fehlen der Unsicherheit im Räume 
trotz hochgradiger Gesichtsfeldeinschränkung, die vollkommene 
Sicherheit der Bewegung trotz Unempfindlichkeit der Glieder. Am 
überzeugendsten für diese Anschauung sind vielleicht die in ganz 
ähnlicher Weise auf hypnotischem Wege erzeugbaren negativen 
Halluzinationen, die Ausschaltung ganz bestimmter Wahrnehmun- 
gen aus dem Gesichtsfelde ohne bemerkbare Lücke. Die hysteri- 
schen Wahrnehmungsstörungen sind somit offenbar dem Übersehen, 
Nichtbeachten, Überhören, ja dem Nichtsehen- oder Nichthören- 
wollen der Gesunden einigermaßen vergleichbar. 

Ganz ähnlich verhalten sich die Lähmungen und Spannungen. 
Auch hier zeigt vielleicht die Beschränkung der Störung auf bestimmte 
Leistungen am besten den Weg zum Verständnisse, die Aphonie mit 
Erhaltung der Singstimme, die Abasie ohne Lähmung und ohne 
Störung des Rückwärtsgehens, die Ausführung von Abwehr- und 
Schutzbewegungen mit gelähmten Gliedern. Wir erkennen daraus, 
daß nur der Wille den Zugang zu den gelähmten oder steifen Gliedern 
nicht zu finden vermag, vielleicht ähnlich, wie auch der Gesunde 

18* 



1672 XIII. Die Hysterie. 

bisweilen im Halbschlafe oder im Traume das Gefühl hat, als ob sich 
unüberwindliche Hindernisse dem Versuche einer Bewegung ent- 
gegenstellen. 

Alle diese und andere Beobachtungen haben Janet zu der Auf- 
fassung geführt, daß es sich bei Hysterischen allgemein um eine 
Spaltung des Bewußtseins handle, um ein Auseinanderfallen der 
einzelnen, sich sonst zu einer Einheit zusammenfügenden Bewußt- 
seinsereignisse, deren gesundes Gegenstück die Zerstreutheit bildet. 
Auch der Zerstreute faßt viele sich ihm darbietende Reize nicht auf, 
obgleich er sie unbewußt verwertet ; auch er findet oft im Augenblick 
nicht den richtigen Weg zur Ausführung zweckmäßiger Handlungen. 
Es handelt sich demnach bei den Hysterischen nach Janets Dar- 
legungen um eine angeborene Schwäche der psychischen Synthese, 
um die Unfähigkeit zur Vereinigung der Vorstellungsmassen und 
Leistungen, welche die psychische Persönlichkeit bilden, zu einem 
festen, innerlich zusammenhängenden Kern. Die Wahrnehmungen 
werden nicht an diesen Kern angegliedert; es fehlt die ,,perception 
personnelle". Das Handeln verliert ebenfalls die feste Verbindung 
mit ihm ; das Bewußtsein schränkt sich auf einen engeren Kreis ein, 
ähnlich dem Gesichtsfelde. So kann es kommen, daß sich ganze 
große Gebiete des Seelenlebens seinem Bereiche für kürzere oder 
längere Zeit entziehen und eine Art Sonderdasein führen, das der 
Einwirkung der psychischen Persönlichkeit nicht zugänglich ist. 
Die merkwürdigen Fälle von Verdoppelung der Persönlichkeit er- 
scheinen unter diesem Gesichtspunkte nur als besonders weitgehende 
Abspaltungen, bei denen bald das eine, bald das andere Teilgebiet 
des Seelenlebens in die helle Beleuchtung des Bewußtseins rückt. 

Es kann nicht bestritten werden, daß die von Janet vorgetrage- 
nen und sorgfältig begründeten Anschauungen eine sehr bestechende 
Zusammenfassung der Ergebnisse liefern, die sich aus seinen Beobach- 
tungen an Hysterischen ableiten lassen. Sicherlich ist die Vorstellung 
richtig, daß die hysterischen Störungen im wesentlichen durch eine 
Abspaltung gewisser seelischer Gebiete aus dem Persönlichkeits- 
bewußtsein zustande kommen ; vielleicht wäre es zweckmäßiger, von 
einer Unterbrechung der Beziehungen zwischen ihnen und dem 
Persönlichkeitsbewußtsein zu sprechen. 

Weniger einleuchtend scheint mir die Ansicht, daß es sich bei 
der hysterischen Anlage um eine angeborene Schwäche der psychi- 



Wesen der Krankheit. 1673 

sehen Synthese handle, wenigstens, wenn man darunter das Fehlen 
der „pereeption personnelle", der Verknüpf ung der Wahrnehmungen 
mit dem Persönlichkeitsbewußtsein, verstehen soll, wie es den An- 
schein hat. Ich möchte meinen, daß die Neigung zur ,, pereeption 
personnelle" das ursprüngliche, natürliche Verhalten ist, und daß 
sie erst mit der höheren geistigen Entwicklung allmählich zurück- 
gedrängt wird. Naturvölker, Kinder, Frauen haben in weit höherem 
Grade die Gewohnheit, die Eindrücke der Außenwelt sofort in enge 
Beziehungen zur eigenen Person zu bringen, als etwa der forschende 
Gelehrte, dessen Streben auf möglichste Objektivität gerichtet ist. 
Auch die Einengung des Bewußtseins, die starke Beleuchtung einzel- 
ner Vorstellungen unter Vernachlässigung der übrigen, ist eine Lei- 
stung, die erst durch geistige Schulung erreicht wird. Offenbar aber 
soll es sich, wie der Vergleich mit der Zerstreutheit zeigt, bei den 
Hysterischen um ganz andere Erscheinungen handeln, um Auf- 
merksamkeitsstörungen, die mit Unklarheit und Verschwommen- 
heit aller oder einzelner Wahrnehmungsgebiete einhergehen. Sol- 
chen Störungen begegnen wir einmal in Traumzuständen, sodann 
unter dem Einflüsse von Gemütsbewegungen. Aufregende Ereig- 
nisse durchleben wir ,,wie im Traum"; die Angst verwirrt unsere 
Gedanken; im Zorn sind wir ,, nicht mehr bei Sinnen". 

Es liegt unter diesen Umständen wohl am nächsten, die Ursache 
für die Abspaltung einzelner Bewußtseinsgebiete nicht in der Un- 
fähigkeit zur psychischen Synthese, sondern in der Wirkung von 
Gemütsbewegungen zu suchen, die eben erfahrungsgemäß die Be- 
ziehungen zwischen Bewußtsein und Außenwelt zu lockern ver- 
mögen. Auch das gelegentliche plötzliche Schwinden von hysterischen 
Krankheitserscheinungen unter dem Einflüsse von Gemütsbewe- 
gungen würde dieser Anschauung zur Stütze dienen können. Jeden- 
falls haben wir die kennzeichnende Störung nicht im Bereiche der 
Verstandesleistungen zu suchen, da wir einerseits Hysterische mit 
ausgezeichneter Begabung, andererseits geistige Schwächezustände 
aller Art ohne hysterische Erscheinungen kennen. Vielmehr werden 
wir an Vorgänge denken dürfen, die mit der von v. Monakow näher 
geschilderten „Diaschisis" bei Hirnerkrankungen eine gewisse Ähn- 
lichkeit haben. Bei einer Hirnblutung oder Embolie treten regel- 
mäßig allerlei Störungen auf, die zu dem Krankheitsherde selbst 
in keiner unmittelbaren Beziehung mehr stehen, sondern auf aus- 



1674 XIII. Die Hysterie. 

strahlende Fernwirkungen zurückzuführen sind, entsprechend dem 
„Shock" bei schweren chirurgischen Eingriffen. Nach einiger Zeit 
pflegen sich diese mittelbaren Krankheitsfolgen allmählich wieder zu 
verlieren. Daß Entstehungsgeschichte und Verlauf vieler hysterischer 
Zufälle solchen Diaschisiswirkungen vollkommen entspricht, bedarf 
keiner weiteren Darlegung. Wollte man die Erklärung^verallge- 
meinern, so wäre etwa die wohl nicht allzu unwahrscheinliche An- 
nahme zu machen, daß sich die psychische Diaschisis durch Gemüts- 
bewegungen nicht nur plötzlich, sondern auch langsam herausbilden 
kann. 

Wenn wir somit als Ursache der Störungen nicht mit Janet eine 
dauernde Eigentümlichkeit der Hysterischen, sondern Gemütsbewe- 
gungen betrachten, so bleibt nur dunkel, warum sich die Krankheits- 
erscheinungen unter Umständen so lange Zeit festsetzen können. 
Einen Fingerzeig für das Verständnis dieses Verhaltens können uns 
vielleicht die bei der traumatischen Neurose gesammelten Erfahrun- 
gen geben, denen sich manche Beobachtungen bei der Hysterie, 
namentlich bei den traumatischen Formen, an die Seite stellen lassen. 
Wir sehen hier deutlich, daß Krankheitserscheinungen sich verstär- 
ken und befestigen, so lange sie Gegenstand der Aufmerksamkeit 
und namentlich der Sorge sind. So wenig wir annehmen dürfen, daß 
etwa die ursprünglich ursächliche Gemütsbewegung als solche dau- 
ernd ihren Fortbestand bedingt, so verständlich ist es doch, daß die 
Störung aus den an sie selbst sich knüpfenden gemütlichen Erre- 
gungen immer neue Nahrung zieht. Wir sehen daher vor allem 
solche Krankheitsäußerungen sich festsetzen, die durch schwere 
Behinderung der Lebensführung dauernd das Denken und Fühlen 
der Kranken beschäftigen, die Geh- und Sprachstörungen, die Kon- 
trakturen, Lähmungen, Schmerzen. Andererseits sehen wir sie oft 
genug sich abschwächen, so lange die Aufmerksamkeit der Kranken 
von ihnen abgelenkt wird, während sie sofort in alter Stärke hervor- 
treten, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Allerdings können an- 
scheinend einzelne Störungen lange Zeit fortbestehen, die der Kranke 
selbst gar nicht beachtet, die Abschwächung der Hautempfind- 
lichkeit, die Gesichtsfeldeinschränkung. Hier wird man an die von 
Babinski nachdrücklich betonte Möglichkeit denken müssen, daß 
die einmal vom Arzte aufgedeckten und so dem Kranken bekannt 
gewordenen Störungen nicht als solche dauernd vorhanden sind, 



Wesen der Krankheit. 1675 

sondern durch die Untersuchung immer nur wieder wachgerufen 
werden. Endlich ist noch darauf hinzuweisen, daß namentlich bei 
der Entartungshysterie nicht selten in der früher geschilderten Weise 
eine Hilfsbedürftigkeit gezüchtet wird, die den Kranken geradezu 
veranlaßt, sich an seine Krankheitserscheinungen anzuklammern 
und ihnen seine Aufmerksamkeit und seine Sorge in immer wachsen- 
dem Maße zuzuwenden. 

Wir kämen somit zu der Auffassung, daß sich die Abtrennung 
einzelner Bewußtseinsgebiete bei der Hysterie durch Beeinflussungen 
vollzieht, die aus den unwillkürlichen körperlichen Ausstrahlungen 
von Gemütsbewegungen entspringen, und daß diese Wirkungen 
so lange andauern, wie sie durch entsprechende gemütliche Span- 
nungen genährt werden. Damit steht die Erfahrung im Einklänge, 
daß die hysterischen Störungen, ganz ähnlich wie die Folgen der Dia- 
schisis, tatsächlich sehr häufig nach einiger Zeit von selbst verschwin- 
den ; am augenfälligsten ist das bei den zunächst sich außerordentlich 
häufenden und dann ,,von selbst" wieder seltener werdenden An- 
fällen. Bisweilen, wenn eben nicht Sorge oder Hilfsbedürftigkeit das 
Krankheitszeichen verstärken, gelingt es dem Kranken, durch eine 
selbständige oder von außen angeregte Willensanstrengung seiner 
Herr zu werden; die verwaschene Sprache wird auf Zureden deut- 
licher, der taumelnde Gang sicherer. Man erkennt hier, daß es Klein- 
mut und Mangel an Selbstvertrauen war, was den Ausgleich der ein- 
mal entstandenen Störung verhindert hat; sobald der Wille diese 
Hemmung durchbricht, ist sie verschwunden. 

Den Beziehungen der hysterischen Störungen zu den Beobach- 
tungen, die uns die Hypnose ermöglicht, ist besonders Vogt 1 ) nach- 
gegangen. Er vertritt die gewiß richtige Ansicht, daß die hysterischen 
Krankheitserscheinungen regelmäßig durch suggestive oder gemüt- 
liche Einflüsse verursacht seien, auch wenn die Kranken selbst sich 
darüber keine Rechenschaft zu geben vermögen. Klarheit darüber 
läßt sich durch Befragung im Zustande eingeengten Bewußtseins 
gewinnen, wie er in der Hypnose hergestellt werden kann. Man er- 
hält dann von den Kranken Auskünfte über die wahren Beweggründe 
ihres Tuns, die ihnen sonst selber verborgen sind, ähnlich wie bei der 
Befolgung posthypnotischer Suggestionen die wirkliche Triebfeder 
des Handelns sich hinter Scheingründen versteckt. Diese auf ein- 

x ) Vogt, Zeitschr. f. Hypnotismus V, 7; VIII, 10; 342. 



1676 XIII. Die Hysterie. 

gehende Versuche sich stützenden Anschauungen stehen einerseits 
mit der Lehre Janets von der Abtrennung einzelner Gebiete des 
Seelenlebens vom Inhalte des Bewußtseins in guter Übereinstimmung, 
und sie enthalten andererseits wohl den Kern dessen, was an den 
später zu erörternden Aufstellungen Freuds als richtig anerkannt 
werden muß. Sie würden sich auch mit der hier vertretenen Auf- 
fassung von der Hysterie insofern gut in Einklang bringen lassen, als 
wir die der bewußten Überlegung entrückte Triebhaftigkeit der hy- 
sterischen Reaktionen betont haben. Schon oben wurde darauf hinge- 
wiesen, daß im hypnotischen Zustande so manche Verbindungen zu- 
gänglich zu sein scheinen, die dem bewußten Willen verschlossen 
sind, aber gerade bei der Entstehung hysterischer Krankheitser- 
scheinungen eine wichtige Rolle spielen. 

Eine an Janets Anschauungen sich anlehnende Deutung der 
hysterischen Krankheitserscheinungen hat auch Sollier versucht, 
indem er die Abspaltung einzelner Bewußtseinsgebiete auf einen 
teilweisen Schlafzustand, einen Vigilambulismus der Hysterischen 
zurückführt. Ähnlich wie im Schlafe mannigfache Eindrücke 
wohl unsere Träume und unsere Bewegungen beeinflussen, ohne 
doch bewußte Empfindungen und Vorstellungen zu erwecken, so 
fallen auch für das hysterische Bewußtsein gewisse Gebiete der 
Sinneserfahrung aus, weil die Hirnteile schlafen, denen die Reize 
zufließen ; entsprechendes gilt für die Lähmungen. Die hartnäckige 
Schlaflosigkeit mancher Hysterischen soll sich eben daraus erklären, 
daß sie sich dauernd im Halbschlafe befinden. Ich glaube nicht, 
daß bei dem gewöhnlichen Zustande der Hysterischen von einer 
Ähnlichkeit mit dem Schlafe die Rede sein kann, wenn man darunter 
mehr versteht, als nur die Verdunkelung einzelner Bewußtseins- 
gebiete. Die Abspaltung kommt, wie ich annehme, nicht durch Er- 
schlaffung oder Erschöpfung, sondern durch affektive Hemmungen 
zustande, die durch gemütliche Erregungen wieder durchbrochen 
werden können, wenn sie sich nicht allmählich von selbst lösen. 
Knothe hat, teilweise im Anschlüsse an S olliers Auffassung, die 
Vorstellung entwickelt, daß durch die bei der Hysterie stattfindende 
Ausstrahlung der Erregung auf ferner gelegene Hirngebiete in diesen 
Gegenwirkungen angeregt würden, die dann hemmende Einflüsse 
entfalten und umschriebenen Ausfall von Leistungen bedingen 
sollen. 



Wesen der Krankheit. 1677 

Kohnstamm sucht das Wesen der Hysterie in der Abspaltung 
einzelner Teilseelen (einer Genital-Magen-Darmseele usf.), die ihren 
Zusammenhang mit dem übrigen Seelenleben deswegen verlieren, 
weil das ,, Gesundheitsgewissen" gelitten hat, das sonst die Aufgabe 
erfüllt, den Ablauf aller Leistungen des Körpers zu überwachen. Wie 
mir scheint, ist hier eine Teilerscheinung der Hysterie viel zu sehr 
in den Vordergrund gerückt; überdies ist der Begriff des ,, Gesund- 
heitsgewissens' * kaum geeignet , die Sachlage zu klären. Wieder 
eine andere Auffassung hat Aronsohn entwickelt, der die Hysterie 
in schwerlich gerechtfertigter Weise als ein Kulturerzeugnis be- 
trachtet» Er meint, daß sie ihren Ursprung nehme aus dem Kampfe 
des Eigenwillens gegen seine fortschreitende Einengung durch die 
Anforderungen der Gesittung. Sie sei daher eine „Dulderneurose", 
deren Erscheinungen wesentlich der Ausdruck des Bestrebens seien, 
das eigene Dulden ins rechte Licht zu setzen, ,, Dulderbeweise" her- 
beizuschaffen. Es liegt auf der Hand, daß hier der Ausgangspunkt 
lediglich von einzelnen, gezüchteten Fällen der Entartungshysterie 
genommen wird. 

Eine höchst eigentümliche Gestaltung hat die Lehre von der 
Umsetzung gemütlicher Erregungen in hysterische Krankheits- 
erscheinungen durch Breuer und späterhin namentlich durch 
Freud 1 ) und seine Schüler erfahren. Breuer machte bei einer 
Kranken die Beobachtung, daß sich durch Aufdeckung der Ent- 
stehungsgeschichte eines Krankheitszeichens, die in der Hypnose 
erreicht werden konnte, dieses selbst beseitigen ließ. Es zeigte sich 
aber weiter, daß bei dem Eindringen in die Vorgeschichte öfters 
starke Widerstände zu überwinden waren, bis unter lebhafter ge- 
mütlicher Erregung weit zurückliegende Erlebnisse zutage gefördert 
wurden, an die eine klar bewußte Erinnerung nicht bestand. Aus 
derartigen Erfahrungen entwickelte sich die Anschauung, daß als 
die Ursache der hysterischen Störungen unliebsame und deswegen 

x ) Freud, Monatsschr. f. Psychiatrie XVIII, 285; Über Psychoanalyse, 1910; 
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1. und 2. Reihe; Hitsch- 
mann, Freuds Neurosenlehre. 1911; Schultz, Zeitschr. f. angewandte Psycho- 
logie II, 440; Bleuler, Jahrbuch f. psychoanalytische u. psychopathologische 
Forschungen II; Isserlin, Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psychiatrie I, 52; Ergeb- 
nisse der Neurologie und Psychiatrie I, 1; Hoche, Medizinische Klinik 1910, 26; 
Kronfeld, Über die psychologischen Theorien Freuds und verwandte Anschau- 
ungen. 1912; Mittenzwey, Zeitschr. f. Pathopsychologie I u. II. Der Verbreitung 
Freud scher Lehren dienen bereits mehrere Zeitschriften. 



1678 XIII. Die Hysterie. 

,, verdrängte" persönliche Erlebnisse anzusehen seien, die gerade 
wegen ihrer Abtrennung aus dem Bewußtsein eine besondere, 
krankmachende Macht gewonnen hätten. Zur Erklärung dieses 
Vorganges wurde auf die befreiende Wirkung hingewiesen, die der 
Aussprache nach einem gemütlich erregenden Erlebnisse, der Ent- 
lastung der Seele durch die Beichte zukomme. Jede gemütliche 
Spannung muß sich nach dieser Anschauung in irgendeiner Form 
entladen. Den verdrängten Gemütsbewegungen fehlt jedoch dieses 
,, Abreagieren" ; sie wirken unbewußt weiter auf die Stimmung, auch 
wenn man sich des Ereignisses selbst nicht mehr erinnert. Die Ver- 
drängung geschieht dann, wenn der Mensch den inneren Zwiespalt, 
der durch den erregenden Vorgang erzeugt wurde, nicht lösen, 
nicht mit der Sache fertig werden kann. 

Diese Ausmerzung des Affektes aus dem Bewußtsein hat nun 
aber die Schattenseite, daß er dadurch gewissermaßen unsterblich 
wird. Wenn die ,, affektbesetzten Vorstellungen" aus dem „usurie- 
renden" Assoziationsverkehr herausgezogen werden, verblassen sie 
nicht, sondern sie behalten dauernd ihre ursprüngliche Stärke. Auf 
diese Weise entsteht ein verdrängter „Komplex", eine stark gefühls- 
betonte Vorstellungsgruppe, die ihrerseits jeder Einwirkung durch 
das bewußte Denken entzogen ist, aber auf dieses die nachhaltigsten 
Wirkungen auszuüben vermag. Dieser Komplex gewinnt dadurch 
Selbständigkeit und nach Jungs Ausdruck ,,die Neigung, sich 
schrankenlos auszuleben"; er wird, wie Ricklin meint, ,,eine 
kleine Seele in der großen, wobei die kleine, wenn sie wach wird, 
die große vergiftet". 

Wenn die mißlungene Verdrängung zu diesem Erfolge geführt 
hat, so kommt es weiterhin zur ,, Konversion". Der im Unbewußten 
weiter wirkende Komplex macht sich durch ,, unlustbetonte Ersatz- 
bildungen" bemerkbar, die zutage tretenden Krankheitserschei- 
nungen. Sein Wirken äußert sich ferner in den Träumen, freilich 
nur in Verhüllungen, die ihn unkenntlich machen ; Verschiebungen, 
Sinnbilder der verschiedensten Art, Gegensätze dienen dazu, ihn zu 
verschleiern. Auch in unbewußten ,, Symptomhandlungen", im 
Vergreifen, Versprechen, in nichtssagenden ,, Deckassoziationen" 
an Stelle der geforderten sinnvollen Anknüpfungen, in anscheinend 
ganz zufälligen Einfällen macht sich sein Einfluß für denjenigen 
geltend, der die Zeichen richtig zu deuten weiß. Freilich ist das, 



Wesen der Krankheit. 1679 

nach den bisher veröffentlichten Beispielen zu schließen, eine recht 
schwierige Sache, die eine große Beweglichkeit der Einbildungs- 
kraft und besondere Freiheit von wissenschaftlicher Bedenklichkeit 
erfordert. 

Die hier in aller Kürze wiedergegebene Auffassung von dem 
Wesen der hysterischen Krankheitserscheinungen, der wir späterhin 
bei anderer Gelegenheit noch wieder begegnen werden, zeichnet sich 
mehr durch eine gewisse derbe Anschaulichkeit, als durch die Zu- 
verlässigkeit ihrer psychologischen Grundlagen aus. Vor der „offi- 
ziellen Universitätspsychologie" hat die hier zur Anwendung ge- 
langte ,, Tiefenpsychologie" wohl nur die Kühnheit ihrer Annahmen 
voraus. Daß eine ,, Verdrängung" unliebsamer Erinnerungen mög- 
lich ist und tatsächlich in weitem Umfange geübt wird, ist freilich 
nicht zu bezweifeln. Gänzlich unbewiesen aber ist es, daß ver- 
drängte Erinnerungen Krankheitserscheinungen bewirken können. 
Im Gegenteil spricht die tagtägliche Erfahrung in so hohem Grade 
gegen eine solche Möglichkeit, daß man außerordentlich zwingende 
Beweise zu ihrer Widerlegung fordern müßte. Jedermann weiß, 
daß ein Zorn hinuntergewürgt, ein Groll verhalten werden kann, 
und daß diese gewaltsam niedergehaltenen Regungen noch nach 
längerer Zeit zu entsprechenden Taten führen können. Natürlich 
ist hier von einer eigentlichen Verdrängung nicht die Rede, da ja 
der Träger der genannten Affekte sich ihrer vollständig bewußt ist, 
sie durch allerlei neue Erwägungen, durch Aufrühren der alten Er- 
innerungen geflissentlich nährt und sich in seinem Handeln von 
ihnen leiten läßt. Trotz alledem erleben wir es immerfort, daß der- 
artige Regungen, auch wenn ihnen zum ,, Abreagieren" durchaus 
gar keine Gelegenheit gegeben wurde, mit ganz vereinzelten, be- 
sonders gelagerten Ausnahmen, im Laufe der Zeit allmählich den- 
noch verblassen und sich schließlich zu einfachen Erinnerungen 
ohne irgendwelche Stoßkraft abschwächen. Auch Gewissensbisse 
können den Sünder lange quälen und ihn auf dem Totenbette noch 
zum Geständnisse treiben, aber nur, solange er seiner Taten noch 
gedenkt, und selbst dann wird er sich, wenn es nicht besonders 
schreckliche Dinge sind, oder wenn er nicht ungewöhnlich schwer- 
blütig ist, endlich mit ihnen abfinden. Jedenfalls ist in der Psy- 
chiatrie nichts davon bekannt, daß verbissener Groll und Haß oder 
der Gedanke an alte Sünden die Menschen krank machen ; wo es so 



l68o XIII. D ie Hysterie. 

scheint, lehrt eine fortgeschrittene Erfahrung regelmäßig, daß der 
Zusammenhang ein ganz anderer ist. 

An diesem Punkte setzt die Tiefenpsychologie mit der Behaup- 
tung ein, daß zwar die bewußten Erinnerungen und deren Gefühls- 
töne allmählich verblassen, daß aber die wirklich „verdrängten" 
Seelenvorgänge sich in dieser Hinsicht durchaus anders verhalten. 
Es ist mir völlig unbegreiflich, woher die Kenntnis dieser doch un- 
gemein verblüffenden Tatsache stammt. Jedermann weiß genau, daß 
man für diejenigen Dinge, die man vergessen will, ein besonders 
schlechtes Gedächtnis hat, und ferner, daß alle Kenntnisse, Fertig- 
keiten, Leistungen, welcher Art sie sein mögen, geübt werden müs- 
sen, damit sie uns nicht verloren gehen. Demgegenüber treffen wir 
hier auf die allerdings aller offiziellen Universitätspsychologie Hohn 
sprechende Erfahrung, daß ,, Komplexe" gerade deswegen nicht nur 
stärker haften, weil sie niemals aufgefrischt wurden, sondern so^ 
gar eine Macht gewinnen, die völlig an die Besessenheit früherer 
Jahrhunderte erinnert. Als Beweis für diese Behauptung dienen 
lediglich die Aussagen einer Anzahl von hysterischen Kranken, 
die nach allereindringlichster, durch Monate und Jahre fortgesetzter, 
peinlicher Befragung aus der Tiefe ihrer Jugenderinnerungen diesen 
oder jenen Vorfall her auskramten und sich nach der Aussprache 
wesentlich erleichtert fühlten! 

Dabei ist noch zu beachten, daß die ,,pathogenen Komplexe" 
in der Regel erst durch die verwickeltsten Deutungskünste aus 
Träumen, Einfällen, Assoziationen und Symptomhandlungen er- 
schlossen werden müssen, und daß die Kranken trotz oder gerade 
wegen ihres Widerstrebens immer und immer wieder zum Grübeln 
veranlaßt wurden, bis sich eine Erinnerung fand, die den Kom- 
plexsucher befriedigte. Auf diese Weise wurden die ,, Tiefenmecha- 
nismen" aufgedeckt, denen man die Fähigkeit beilegt, des offenbar 
mit den Grundlagen unseres Lebens verknüpften psychologischen 
Gesetzes spotten zu dürfen, daß alle Spuren allmählich verblassen, 
die nicht wieder erneuert werden. Man wird allerdings diesem 
Einwände entgegenhalten, daß ja auch der Komplex nicht ruht, 
vielmehr immerfort regsam ist und sich erneut. Die Sachlage wird 
dadurch nicht klarer, da es gänzlich unverständlich bleibt, woher 
denn der verdrängte und dem Bewußtsein unzugängliche Komplex 
seine Lebensfähigkeit eigentlich schöpft. Jedenfalls genügen die 



Wesen der Krankheit. l68l 

Aussagen einer Reihe auf das stärkste suggestiv beeinflußter Per- 
sonen nicht entfernt, um auch nur die bescheidensten Anforderungen 
an die wissenschaftliche Begründung derartig erstaunlicher An- 
nahmen zu erfüllen. 

Ganz besonders bedenklich erscheint mir die Lehre von den 
Ersatzbildungen, die der verdrängte Komplex erzeugen soll. Über 
die Art solcher „Ersatzbildungen", ja über deren Möglichkeit über- 
haupt können wir gar keine begründete Kenntnis haben, da wir ja 
erst aus den dafür gehaltenen Zeichen überhaupt auf das Vorhanden- 
sein eines Komplexes schließen. So ist denn bei der Deutung der 
Komplexsymptome dem wildesten Rätselraten Türe und Tor ge- 
öffnet, und die Tiefenpsychologie hat die ihr hier gebotene Gelegen- 
heit zur Betätigung wahrlich in ausgiebigster Weise benutzt. Ihren 
Leitstern bildete dabei die besonders von Freud mit großer Leb- 
haftigkeit vorgetragene Anschauung, daß die verdrängten Erinne- 
rungen zumeist, wenn nicht ausschließlich, dem geschlechtlichen 
Gebiete angehören. Diese, noch auf eine Reihe weiterer Krank- 
heiten übertragene Ansicht gewann für die Hysterie die besondere 
Gestalt, daß es sich um in der Jugend erduldete geschlechtliche An- 
griffe handle, deren nachträgliche Lustbetonung sich dann mit dem 
Erwachen der geschlechtlichen Regungen einstelle, aber durch die 
anerzogenen Hemmungen verdrängt werde. Die hysterischen Stö- 
rungen sind demnach Sinnbilder der verdrängten Erinnerungen, 
der Krampfanfall ein verschleierter Koitus; das Erbrechen, der 
Globus, die Störungen des Essens hängen mit autoerotischen Be- 
tätigungen durch Daumenlutschen zusammen ; der kontrakturierte 
Arm vertritt das erigierte Glied usf. Die allgemeine Grundlage der 
Hysterie soll nach dieser Auffassung der mit übermäßiger Kraft 
geführte Kampf gegen ein abnorm starkes Triebleben sein; der 
Hysteriker erfüllt mit seiner Krankheit sich selbst einen unbewußten 
Wunsch, der ihn der Lösung seiner momentanen erotischen Kon- 
flikte überheben soll. 

Zur Begründung dieser ins Abenteuerliche streifenden Be- 
hauptungen wird zunächst auf den Nachweis geschlechtlicher 
Erlebnisse der angeführten Art in der Vorgeschichte Hysterischer 
verwiesen. Da unter unseren Erziehungsverhältnissen kaum ein 
Mensch dem Schicksal entgehen wird, in der Jugend einmal sehr 
unliebsame geschlechtliche Erlebnisse durchzumachen, so wird man 



1682 XIII. Die Hysterie. 

sich nicht wundern dürfen, daß es durch angestrengtes Fragen 
gelingt, bei Hysterischen derartige Erinnerungen regelmäßig auf- 
zufinden. Es muß jedoch auch darauf hingewiesen werden, daß 
gerade bei ihnen die Wahrscheinlichkeit einer Aufbauschung, Um- 
deutung oder unter Umständen auch Erfindung von Erlebnissen un- 
gemein nahe liegt, sobald sie wissen, daß danach mit so großer 
Hartnäckigkeit gefahndet wird. Nimmt man dann noch die ,, Deu- 
tungskünste" hinzu, so kann ja der Versuch eigentlich nicht mehr 
mißlingen. Wenn das Sitzen am gleichen Tisch, als Übertragung 
vom Liegen auf das Sitzen, vom Bett auf den Tisch, im Traum 
eigentlich den Beischlaf, das gemeinsame Essen als Verschiebung 
von unten nach oben ebendasselbe bedeutet, weil auch hier etwas 
in eine Öffnung ,, hineingesteckt " wird, wenn jeder Besenstiel, jeder 
Bleistift, jeder Kirchturm den Penis, jede Tasche, jede Zwetschge, 
jeder mit Nymphen bevölkerte Wald die weiblichen Genitalien be- 
deutet, so wird sich allerdings die unheimliche Macht des Komplexes, 
der die ganze Seele des Kranken mit unzüchtigen Gedanken erfüllt, 
leicht erweisen lassen. Auch die Hysterie der Kinder bildet keinen 
Damm für diese sexuellen Hirngespinste. Im Gegenteil hat Freud 
gezeigt, daß die Kinder an Reichhaltigkeit und Verstiegenheit der 
geschlechtlichen Neigungen die Erwachsenen noch weit über- 
treffen ; es macht daher keine Schwierigkeiten, auch bei ihnen mit 
der Wirkung verdrängter Sexualerinnerungen zu rechnen. 

Wenn man die Widerlegung der Lehre von den verdrängten, 
aber das Seelenleben unbegrenzte Zeit hindurch beherrschenden 
und vergiftenden Komplexen ruhig der Fortentwicklung unserer 
Wissenschaft überlassen darf, so ist es zweifelhaft, ob eine der- 
artige Haltung gegenüber der Behauptung von der sexualpatholo- 
gischen Grundlage der Hysterie noch gestattet ist. Hier handelt es 
sich nicht mehr lediglich um rein wissenschaftliche Streitfragen, 
sondern um Folgerungen, die tief in die Behandlung und damit in 
das Wohl und Wehe unserer Kranken eingreifen. Ich kann leider 
nicht mehr daran zweifeln, daß die Sexualtheorie nach dieser Rich- 
tung ernste Gefahren in sich birgt, auf die späterhin noch näher 
einzugehen sein wird. Es ist gewiß zuzugeben, daß die Einflüsse 
unseres Kulturlebens eine gewisse Zurückdrängung der geschlecht- 
lichen Regungen bedingen, einmal durch die Forderungen der Sitte, 
ferner aber durch die Ablenkung des menschlichen Betätigungs- 



Wesen der Krankheit. 1683 

dranges auf höhere und namentlich geistige Aufgaben, durch jenen 
Vorgang also, den Freud als „Sublimierung" bezeichnet hat. Auch 
daß die Unterdrückung und Beherrschung des Geschlechtstriebes 
kein gleichgültiger Vorgang ist, dürfen wir wohl annehmen; viel- 
leicht trägt sie neben manchen anderen Ursachen mit dazu bei, die 
Abnahme der Fruchtbarkeit zu bewirken und damit die Ausdehnungs- 
kraft der Kulturvölker herabzusetzen. Jedenfalls lehrt die Erfahrung, 
daß eine Verdrängung der geschlechtlichen Regungen zwar zunächst 
eine Steigerung, späterhin aber eine allmähliche Abnahme des Trie- 
bes herbeiführt. Da die Zurückhaltung auf geschlechtlichem Gebiete 
ganz vorzugsweise dem weiblichen Geschlechte auferlegt ist, würde 
sich also die Annahme Freuds mit der größeren Häufigkeit der 
Hysterie bei diesem gut in Einklang bringen lassen. 

Es kann aber nicht scharf genug betont werden, daß die Ent- 
wicklung hysterischer Krankheitserscheinungen mit dem Kampfe 
gegen geschlechtliche Gelüste an sich in gar keiner Beziehung 
steht. Wie will man mit einer solchen Annahme die Hysterie der 
Naturvölker, die traumatische und alkoholische Hysterie, die be- 
sondere Gefährdung der Dienstmädchen vom Lande erklären, die 
doch sicher auf geschlechtlichem Gebiete weniger gebunden und 
gewissenhaft sind, als die Töchter der besseren Stände! Abgesehen 
ferner von der Tatsache, daß sich unter den Hysterischen zahl- 
reiche Personen finden, die geschlechtlich sehr ausreichend befriedigt 
werden, auch Prostituierte, ist namentlich darauf hinzuweisen, 
daß hysterische Störungen dort, wo tatsächlich die geschlechtlichen 
Regungen unterdrückt werden müssen, wie bei Seeleuten, Soldaten 
im Kriege, bei katholischen Geistlichen, Krankenschwestern, durch- 
aus nicht häufig sind. Begünstigt wird durch die hier gegebenen 
Bedingungen nur die Onanie und unter Umständen die Neigung zu 
gleichgeschlechtlicher Befriedigung. Von irgendeinem auch nur 
einigermaßen einleuchtenden Beweise für die Behauptung, daß die 
Verdrängung geschlechtlicher Gelüste imstande sei, Hysterie zu er- 
zeugen, oder gar, daß sie die einzige und wesentliche Grundlage 
jener Krankheit darstelle, kann somit gar keine Rede sein. Noch 
haltloser ist demnach natürlich die Annahme, daß die nachträgliche 
Lustbetonung eines verdrängten, weit zurückliegenden geschlecht- 
lichen Kindheitserlebnisses die krankmachenden Seelenkämpfe be- 
dingen soll. 



1684 - XIIL Die Hysterie. 

Andererseits ist die unmittelbare Auslösung hysterischer Krank- 
heitserscheinungen durch die verschiedenartigsten Gemütserschüt- 
terungen eine ganz alltägliche Erfahrung und die entscheidende 
Bedeutung der Veranlagung für die Entwicklung der Hysterie 
durchaus unbestreitbar. Es müßten daher wahrlich schon sehr 
zwingende Gründe vorliegen, um uns zur Annahme ganz anders- 
artiger Ursachen zu veranlassen, zumal, wenn diese sich, wie an- 
gedeutet, so wenig in den Rahmen unserer gesicherten Erfahrungen 
einpassen lassen wie die Anschauungen Freuds. Man wende 
hier nicht ein, daß die landläufige Ansicht von den Entstehungs- 
bedingungen der Hysterie, wie sie hier vertreten wird, eben in 
die wahren, in der Tiefe des Unbewußten sich abspielenden ur- 
sächlichen Vorgänge nicht eindringe, sondern am oberflächlichen 
Augenschein kleben bleibe. Sicherlich sind unsere Vorstellungen 
von dem Zustandekommen der hysterischen Erscheinungen noch 
sehr rohe ; nicht minder sicher ist es aber, daß die Verfahren, welche 
die Grundlage der Psychoanalyse bilden, nicht die mindeste Gewähr 
für die Gewinnung wirklich zuverlässiger Einblicke in die Wirrnisse 
des Unbewußten bieten. Gerade die maßlose Übertreibung der Rolle, 
die geschlechtlichen Kindheitserlebnissen in der Verursachung der 
Hysterie zukommen soll, ist nicht geeignet, das Vertrauen in die 
Zuverlässigkeit der psychoanalytischen Ergebnisse zu stärken. — 

Die Umgrenzung der Hysterie ist von jeher strittig gewesen. 
Man ist hier, wie auf anderen klinischen Gebieten, der Gefahr nicht 
immer entgangen, einzelnen, besonders auffallenden Krankheits- 
erscheinungen eine zu große kennzeichnende Bedeutung beizulegen. 
So haben die erhöhte Beeinflußbarkeit, das aufgebauschte, anspruchs- 
volle Benehmen mancher Hysterischer, die Neigung zum Schwindeln, 
die erotischen Züge, wie man sie bei einzelnen Hysterischen sehr 
stark ausgeprägt sieht, den Anlaß dazu gegeben, allerlei psycho- 
pathische, depressive, paranoide Zustände als hysterisch zu bezeich- 
nen, die nach der hier vertretenen Auffassung ganz anders zu deuten 
sind. Im allgemeinen hat sich jedoch heute wohl die von Möbius 
im Anschlüsse an Charcots Forschungen aufgestellte Anschauung 
Geltung verschafft, daß als hysterisch diejenigen Krankheitserschei- 
nungen anzusehen sind, die durch gefühlsbetonte Vorstellungen er- 
zeugt werden. 

Der Hauptgegner dieser Lehre ist Babinski, der mit größtem 



, 



Umgrenzung. 1685 

Nachdrucke an dem „demembrement" der Hysterie, an der Zer- 
legung des Krankheitsbildes in seine verschiedenartigen Bestandteile, 
gearbeitet hat. Er ist zu dem Schlüsse gelangt, daß die durch Ge- 
mütsbewegungen bewirkten Störungen aus dem Rahmen der Hy- 
sterie völlig ausgeschieden werden sollten, ebenso manche andere 
Erscheinungen, die überhaupt nicht psychisch bedingt seien, wie die 
Steigerung der Reflexe, die Dermatographie. Hysterisch ist nach 
seiner Begriffsbestimmung alles, was man durch Suggestion erzeugen 
und durch „Persuasion", die Suggestion vernünftiger Dinge, wieder 
beseitigen kann. Die Stigmata der Hysterischen entstehen nach 
seiner Ansicht lediglich durch äußere Beeinflussung, sei es durch 
Nachahmung oder durch die Maßnahmen des Arztes bei der Unter- 
suchung. Kranke, die niemals mit anderen Hysterischen in Berüh- 
rung gewesen und auch nicht ärztlich untersucht worden sind, 
bieten nach seiner Erfahrung bei vorsichtiger, jede Suggestion ver- 
meidender Prüfung weder Gesichtsfeldeinschränkung noch um- 
schriebene Anästhesien noch Fehlen des Rachen- oder Korneal- 
reflexes noch Ovarie dar. Gemütsbewegungen spielen weder bei 
der Suggestion noch bei der ,, persuasion" eine Rolle; wo sie als 
Ursachen in Betracht kommen, handelt es sich nicht um Hysterie. 
Wenn man Babinski darin Recht geben kann, daß die sug- 
gestive Beeinflussung zum Schlimmen und zum Guten für das Auf- 
treten, die Gestaltung und den Verlauf hysterischer Störungen von 
allergrößter Bedeutung ist, so wird man doch schwerlich der grund- 
sätzlichen Scheidung von suggestiver und gemütlicher Beeinflussung 
zustimmen können. Ich möchte im Gegenteil den Standpunkt 
vertreten, daß Suggestion und Persuasion stets auf das innigste 
mit Gemütsbewegungen verknüpft sind, ja daß mit größter Wahr- 
scheinlichkeit erst diese letzteren der angeregten Vorstellung die 
Triebkraft verleihen, die ihr eine Einwirkung auf andere Seelen- 
gebiete ermöglicht. Mag auch bei sehr einfachen Beispielen, beim 
Gähnen durch Nachahmung, bei der Beseitigung einer Anästhesie 
oder einer Stimmbandlähmung durch den faradischen Strom, das 
Hineinspielen gemütlicher Einflüsse nicht sehr deutlich sein, so 
wird man doch auch hier bei genauerer Beobachtung die Be- 
unruhigung, die Entstehung einer gemütlichen Spannung nicht 
übersehen können, die den Eintritt der Suggestivwirkung vor- 
bereitet. Ganz unmöglich aber scheint es mir, alle die zahllosen 

Kr aepel in, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 19 



1686 XIII. Die Hysterie. 

Beobachtungen, in denen Lähmungen, Kontrakturen, Empfindungs- 
losigkeit, Krampfanfälle, Dämmerzustände unmittelbar und unver- 
kennbar durch heftige Gemütserschütterungen hervorgerufen wer- 
den, aus dem Krankheitsbilde der Hysterie auszuscheiden. Wir 
sehen mit solcher Regelmäßigkeit bei denselben Kranken Sug- 
gestionswirkungen im Sinne Babinskis und die Auslösung hyste- 
rischer Störungen durch Gemütserschütterungen nebeneinander, 
daß mir die Zuteilung dieser verschiedenen Erscheinungen an zwei 
Krankheiten undurchführbar erscheint. Vielmehr glaube ich, daß 
wir in der Suggestion Babinskis und in der Wirkung von Ge- 
mütsbewegungen nur Abstufungen eines und desselben Vorganges 
vor uns haben, bei denen dort mehr der Inhalt, hier mehr die Trieb- 
feder der Beeinflussung im Vordergrunde des Bewußtseins steht. 
Wir werden ja auch niemals die Tatsache aus den Augen verlieren 
dürfen, daß Vorstellungen und Gemütsbewegungen von uns nur in 
der Theorie auseinandergehalten werden, daß sie sich aber tatsäch- 
lich immer untrennbar miteinander verknüpfen. 

Babinski hat nun allerdings darauf hingewiesen, daß bei dem 
Erdbeben von Messina trotz der ungeheuren gemütlichen Erschüt- 
terungen, die es hervorrief, doch keine eigentlich hysterischen Stö- 
rungen, keine Lähmungen und Kontrakturen, beobachtet worden 
seien. Er hat ferner eine Rundfrage bei den Aufsehern der Leichen- 
ausstellungssäle in Paris angestellt und erfahren, daß sie bei den 
Besuchern zwar hier und da Ohnmächten, aber fast niemals kenn- 
zeichnende hysterische Zufälle gesehen haben. Mir scheinen diese 
Feststellungen gegenüber dem überwältigenden Eindrucke der täg- 
lichen Erfahrung nicht allzu schwer ins Gewicht zu fallen. Daß 
bei der Entstehung umschriebener hysterischer Krankheitszeichen 
in der Regel noch irgendeine richtunggebende Wahrnehmung oder 
Vorstellung eine Rolle spielen wird, kann man ohne weiteres zu- 
geben; die Todesangst der Opfer von Messina wird sich daher, so- 
weit überhaupt hysterische Erscheinungen erzeugt wurden, mehr 
in allgemeineren Störungen entladen haben. Hinsichtlich der an- 
geführten Rundfrage sind schon von Dejerine und Janet allerlei 
Einwendungen erhoben worden. Abgesehen von der Frage nach der 
Zuverlässigkeit der Auskünfte, wurde darauf hingewiesen, daß 
einerseits die Besucher der Leichensäle schon einigermaßen darauf 
vorbereitet sind, dort einen Angehörigen wiederzufinden, und daß 



Umgrenzung. 1687 

sich andererseits gerade die hysterischen Krankheitserscheinungen 
vielfach nicht sofort, sondern erst nach einer gewissen Zwischenzeit 
entwickeln. 

Obgleich wir somit die von Babinski versuchte Zerlegung der 
Hysterie nicht für glücklich halten können, wird doch soviel zuzu- 
geben sein, daß nicht alle durch Gemütsbewegungen bewirkten 
psychischen Störungen der Hysterie angehören. Es leuchtet ja auch 
ein, daß z. B. die Verzweiflung über einen Todesfall, auch wenn sie 
das gesunde Maß überschreitet, ebensowenig ohne weiteres als 
hysterisch angesprochen werden kann, wie etwa die Übertragung 
querulatorischer Wahnbildungen von einer Person auf eine andere. 
Die Grenze, die hier zwischen psychogener Beeinflussung im wei- 
teren und hysterischer im engeren Sinne gezogen werden muß, ist, 
wie ich glaube, zweckmäßig an den Punkt zu verlegen, an dem die 
wirksamen Gemütsbewegungen bestimmte, kennzeichnende körper- 
liche und psychische Störungen erzeugen. Ganz scharf wird sie sich 
freilich nicht ziehen lassen, weil schließlich jede Gemütsbewegung 
einen gewissen Einfluß auf die körperlichen Verrichtungen, nament- 
lich auf Eßlust und Schlaf, gewinnt. Einerseits wird hier die über- 
triebene, die Gesundheitsbreite überschreitende Stärke der körper- 
lichen Begleiterscheinungen einen Maßstab für die Kennzeichnung 
des Hysterischen abgeben können, andererseits aber das Auftreten 
von Wirkungen, die ihrer Art nach beim Gesunden entweder über- 
haupt nicht oder doch nur in den leichtesten Andeutungen zur 
Beobachtung kommen. Außer den körperlichen Störungen ist dann 
weiter noch die allgemeine Trübung des Bewußtseins in Betracht zu 
ziehen, wie sie die Form von Verwirrtheits- und Dämmerzuständen 
oder Ohnmächten annimmt. Die innere Zusammengehörigkeit der 
so umschriebenen hysterischen Erscheinungen wird dadurch dar- 
getan, daß sie sich bei den schulmäßig entwickelten Fällen von 
Hysterie immer wieder neben- und nacheinander vorfinden. Wir 
werden durch diese Erfahrung in den Stand gesetzt, auch solche 
Fälle richtig zu deuten, deren hysterische Grundlage nur in Einzel- 
zügen angedeutet ist. 

An dieser Stelle tritt uns eine Schwierigkeit entgegen, der wir 
in ähnlicher Weise auch sonst schon öfters begegnet sind. Wir 
machen nämlich die Erfahrung, daß „hysterische" Störungen in 
dem engeren, hier umschriebenen Sinne nicht nur bei der eigent- 

19* 



1688 XIII. Die Hysterie. 

liehen Hysterie, sondern nicht ganz selten auch bei völlig anders- 
artigen Erkrankungen zur Beobachtung gelangen. Mit anderen 
Worten, wir haben zwischen der Krankheit Hysterie und den 
hysterischen Begleiterscheinungen anderer Formen des Irreseins zu 
unterscheiden, ähnlich wie wir katatonische Krankheitszeichen 
nicht nur bei der Katatonie, die Korssakowschen Störungen nicht 
nur bei der Korssakowschen Krankheit vorfinden. Am einleuch- 
tendsten wird dieser Unterschied vielleicht, wenn wir sehen, daß 
bei groben Hirnerkrankungen, bei Geschwülsten, Erweichungen, 
multipler Sklerose, hysterische Krankheitszeichen auftreten können, 
die unter Umständen die wahre Natur des vorliegenden Leidens 
ganz verdecken. Aber auch bei der Dementia praecox und noch 
häufiger beim manisch-depressiven Irresein beobachten wir hyste- 
rische Störungen, die wir wohl nicht als den Ausdruck der Krank- 
heit Hysterie ansehen dürfen, da sie beim Eintritte der Genesung 
oder beim Fortschreiten des Leidens wieder völlig verschwinden 
können. 

Am ungezwungensten erscheint mir die Auffassung, daß die 
hysterischen Krankheitszeichen in den angeführten Fällen auf 
ähnliche Weise durch besondere gemütliche Umwälzungen aus- 
gelöst werden wie bei der Hysterie nach Unfällen oder bei Alkohol- 
mißbrauch. Wir erinnern uns hier daran, daß unser landläufiges 
Krankheitsbild der Hysterie in Wirklichkeit keine Einheit darstellt, 
sondern eine Reihe ganz verschiedenartiger Bestandteile in sich 
schließt. Streng genommen sollte die Entartungshysterie als be- 
sondere Krankheitsform abgegrenzt werden, wenn sie auch fließende 
Übergänge mit der Entwicklungshysterie verbinden. Letztere wäre 
vielleicht besser den psychischen Entwicklungsstörungen zuzu- 
rechnen, wie wir sie späterhin noch näher zu betrachten haben 
werden. Die alkoholische und traumatische Hysterie dagegen und 
ebenso die gelegentlichen Beobachtungen, in denen bei Lues oder 
nach schweren körperlichen Krankheiten hysterische Störungen 
hervortreten, wären am besten grundsätzlich als ,, symptomatische" 
Hysterie abzutrennen. 

Besondere Schwierigkeiten hat von jeher die Abgrenzung der 
Hysterie von der Epilepsie gemacht. Die nach meiner Ansicht hier 
in Betracht kommenden Gesichtspunkte sind schon in dem Ab- 
schnitte über Epilepsie ausführlich erörtert worden. Hier sei nur soviel 



Umgrenzung. 1 6 8 9 

wiederholt, daß beide Krankheiten grundsätzlich durchaus verschie- 
den sind, aber in gewissem Sinne Mischformen darbieten. Einmal 
beobachten wir bei der Epilepsie, ebenso wie bei den oben angeführten 
Leiden, öfters einzelne hysterische Krankheitszeichen, namentlich 
allgemeine Unempf indlichkeit für Schmerz. Andererseits aber müssen 
wir uns wohl an die Anschauung gewöhnen, daß unter Umständen 
bei Hysterischen einmal ein Anfall vorkommen kann, der völlig die 
Züge des epileptischen trägt. Derartige Beobachtungen haben un- 
gemein viel Verwirrung in die Lehre von den Beziehungen beider 
Krankheiten zueinander gebracht, da die unbedingt kennzeich- 
nende Bedeutung des epileptischen Anfalles über allem Zweifel 
festzustehen schien. Bedenkt man, daß epileptische oder besser 
epileptiforme Anfälle bei einer großen Zahl andersartiger Krank- 
heiten auftreten können, ja daß sie ohne besondere Schwierigkeit 
vorgetäuscht, nachgeahmt werden können, so wird man zu dem 
Schlüsse gedrängt, daß ihre Entstehung und ihr Ablauf wesentlich 
durch vorgebildete Einrichtungen unseres Hirns bestimmt wird, die 
auf sehr verschiedenen Wegen in Gang gesetzt werden können, 
unter Umständen wohl auch einmal durch heftige Gemütsbewe- 
gungen. Da wir ferner Epilepsien kennen, bei denen die großen 
Krampfanfälle ganz fehlen oder doch äußerst selten sind, werden wir 
gut tun, die Grenzlinie zwischen Hysterie und Epilepsie nicht mehr 
ausschließlich nach der Art der beobachteten Anfälle zu bestimmen, 
sondern daneben vor allem auch den psychischen Gesamtzustand 
unserer Kranken zu berücksichtigen. Unter diesem Gesichtspunkte 
bin ich geneigt, namentlich die von Bratz als Affektepilepsie be- 
zeichneten Beobachtungen von der Epilepsie loszulösen und in 
nähere Verbindung mit der Hysterie zu bringen. Es muß allerdings 
zweifelhaft bleiben, ob jene Form ohne weiteres der Hysterie zu- 
gerechnet werden darf, da sie eine Reihe von sehr auffallenden 
Zügen aufweist, die diesem Leiden nicht eigentümlich sind. Am 
richtigsten ist es vielleicht, die Affektepilepsie als eine Mischung 
von schwerer und eigenartiger psychopathischer Veranlagung mit 
hysterischen Krankheitserscheinungen aufzufassen. 

Eine gewisse Stütze findet diese Deutung in der Erfahrung, daß 
uns auch bei anderen Formen der Psychopathie nicht selten mehr 
oder weniger starke hysterische Beimischungen begegnen. Vor allem 
sind es die krankhaften Lügner und Schwindler, die fast niemals 



1690 XIII. Die Hysterie. 

einzelne hysterische Krankheitszeichen vermissen lassen. Aber auch 
bei den Nervösen, Erregbaren, Haltlosen, seltener bei der Erwar- 
tungsneurose und beim Zwangsirresein, treffen wir gelegentlich auf 
Züge, die wir als hysterische ansprechen dürfen. Wir werden das 
erklärlich finden, wenn wir bedenken, daß die eigentliche Hysterie 
eine Erscheinungsform der Entartung ist und sich daher leicht mit 
anderen Gestaltungen der Entartung verbinden kann. Es kann somit 
für die Einreihung des einzelnen Falles unter Umständen zweifelhaft 
werden, ob den psychopathischen oder den besonderen hysterischen 
Bestandteilen des klinischen Bildes mehr Gewicht beigelegt werden 
soll. Die Unterscheidungsmerkmale werden späterhin genauer zu 
erörtern sein. 

Noch nach einigen anderen Richtungen hin treffen wir auf ähn- 
lich fließende Übergänge. Im Anschlüsse an Unfälle entwickeln sich 
Störungen, die bald das Gepräge der Hysterie, bald dasjenige der 
traumatischen Neurose tragen. Kennzeichnend für die erstere Gruppe 
ist der unmittelbare Anschluß an den Unfall, das Auftreten von 
Krampfanfällen, Ohnmächten, Dämmerzuständen, die Häufigkeit 
von hysterischen Stigmen und Charaktereigentümlichkeiten. Dem 
gegenüber entwickelt sich die traumatische Neurose regelmäßig erst 
nach einer Wochen, Monate und selbst über ein Jahr dauernden 
Zwischenzeit, während derer zunächst keine oder nur geringfügige 
Störungen bestehen. Ihr klinisches Bild wird beherrscht durch eine 
Veränderung der Gemütslage, düstere, ängstliche, verzagte Stimmung, 
zu der sich einerseits Gedächtnis- und Schlafstörung, Wehleidigkeit 
und Willensschwäche, andererseits Kopfweh, Schwindelgefühle, 
Mißempfindungen und örtliche Schmerzen, Zittern, Muskelspannun- 
gen, Geh- und Sprachstörungen hinzugesellen können. Diese letzte- 
ren Krankheitszeichen werden in ähnlicher Form auch bei der trau- 
matischen Hysterie beobachtet, wenn sie hier auch weniger hervor- 
zutreten pflegen. Beide Krankheiten besitzen somit eine Reihe von 
gemeinsamen Zügen ; ihre klinischen Bilder weichen aber darin aus- 
einander, daß im einen Falle die allgemeine Beeinflussung des Stim- 
mungshintergrundes sehr stark ausgeprägt ist, während im anderen 
die kennzeichnenden hysterischen Störungen ohne dauernd einseitige 
Färbung der Gemütslage die besondere Natur der Erkrankung ver- 
raten. Diesem Unterschiede entspricht die viel größere Einförmig- 
keit des Krankheitsbildes, die weit geringere Beeinflußbarkeit durch 



Umgrenzung. 1 6 9 1 

suggestive Maßregeln, das Fehlen des Stimmungswechsels, der Lau- 
nenhaftigkeit und Sprunghaftigkeit, der Unternehmungslust, wie 
wir sie bei Hysterischen so häufig beobachten. Es gibt indessen 
auch Mischformen zwischen beiden Erkrankungen, in denen sich zu 
den Erscheinungen der einen einzelne Züge der anderen hinzu- 
gesellen. 

Auf die Unterschiede zwischen der hysterischen und der durch 
Angst bedingten Unfähigkeit zu gewissen einfachen Handlungen, ins- 
besondere zum Gehen und Stehen, hat Möbius hingewiesen. Wäh- 
rend wir es dort mit der Unmöglichkeit zu tun haben, den Willens- 
anstoß zum Muskel gelangen zu lassen, erzeugt hier die Vorstellung 
der zu lösenden Aufgabe heftige gemütliche Erregung, die nun ent- 
weder zu unangenehmen, selbst schmerzhaften Empfindungen oder 
zu einem ganz unzweckmäßigen und störenden Eingreifen des Wil- 
lens in die sonst unwillkürlich ablaufenden Vorgänge führt. Dort 
sind also die Kranken gar nicht imstande, auch nur den Versuch zur 
Ausführung der verlangten Handlung zu machen, so daß ihr Zustand 
völlig demjenigen wirklich Gelähmter ähnelt; hier dagegen scheitert 
der Versuch an den sofort auftretenden krankhaften Begleiterschei- 
nungen ; erst infolge dieser Erfahrungen wird er dann abgelehnt. 
Diese Unterschiede grenzen einerseits die Hysterie von gewissen, 
äußerlich ähnlichen Formen der Phobien ab ; sodann aber begründen 
sie auch die Sonderstellung, die wir der Erwartungsneurose gegeben 
haben, bei der wir es ebenfalls mit Behinderungen ängstlichen Ur- 
sprunges zu tun haben. Zudem pflegen diese sich hier immer nur auf 
ein einzelnes, bestimmtes Gebiet zu erstrecken, ohne den mannig- 
faltigen Wechsel der Erscheinungen, wie er der Hysterie eigentüm- 
lich ist. Auch die Unfallsneurose bietet eine viel einförmigere Ent- 
wicklung, doch ähneln die ungünstig ausgehenden Fälle sehr den 
schweren, fortschreitenden Formen der Hysterie. 

Das Vorbeireden der Hysterischen, wie es namentlich beim 
Gans er sehen Dämmerzustande beobachtet wird, kann unter Um- 
ständen mit dem negativistischen Ausweichen bei der Dementia 
praecox verwechselt werden, namentlich wenn die Abwehr auf Nadel- 
stiche ausbleibt, was durch Analgesie oder ebenfalls durch Negativis- 
mus bedingt sein kann. Bei der Hysterie ist regelmäßig noch die Be- 
ziehung zwischen Frage und dem Inhalte der unpassenden Antwort 
erkennbar, während es sich bei der Dementia praecox vielfach um 



IÖQ2 XIII. Die Hysterie. 

ein gänzlich beziehungsloses, bisweilen echolalisches Vorbeireden 
handelt. Wesentlich ist ferner für die Annahme einer Hysterie der 
Nachweis einer, wenn auch leichten, Bewußtseinstrübung, erschwerte 
Auffassung, Unbesinnlichkeit, eine gewisse Unklarheit über Zeit, 
Ort, Umgebung. 

Die Gefangenschaft erzeugt neben unverkennbar hysterischen 
Krankeitsbildern auch solche, die wir aus dem Rahmen der Hysterie 
auszuscheiden haben, namentlich den querulatorischen Verfolgungs- 
wahn, den Unschulds- und Begnadigungswahn. Ihnen fehlen im 
allgemeinen durchaus die hysterischen Krankheitszeichen, die Däm- 
mer- und Stuporzustände, die starken gemütlichen Schwankungen, 
die Beeinflußbarkeit, die Krämpfe und Ohnmächten, die Stigmata. 
Dennoch können bisweilen nächtliche, aufregend gefärbte delirante 
Erlebnisse, läppische oder zornige Erregungen, zielbewußte Erfin- 
dungen sehr an die hysterischen Formen erinnern. Man wird auch 
hier vielleicht an die Beimischung von hysterischen Zügen zu Krank- 
heitsbildern denken dürfen, die sonst ihrem Wesen nach anderen 
Ursprungs sind. 

Wir haben endlich noch kurz der Erfahrung zu gedenken, daß 
die Hysterie, die ,,grande simulatrice" nach der Bezeichnung der 
Franzosen, unter Umständen eine große Reihe von körperlichen Er- 
krankungen vorzutäuschen vermag. In erster Linie kommen hier 
organische Hirn- und Rückenmarksleiden in Betracht, deren Be- 
stehen durch Lähmungen, Spasmen, Ataxie, Empfindungsstörungen, 
Krämpfe wahrscheinlich gemacht werden kann. Die richtige Deu- 
tung wird hier wesentlich nach neurologischen Gesichtspunkten zu 
erreichen sein. Da die hysterischen Störungen wegen ihrer psychi- 
schen Entstehung sich nicht an die anatomischen Ausbreitungs- 
bezirke der Hirn- und Rückenmarksbahnen halten, sondern durch 
die Vorstellungen beeinflußt werden, die der Kranke von den Teil- 
gebieten seines Körpers hegt, werden sich bei sorgfältiger Unter- 
suchung die so entstehenden Widersprüche unschwer ergeben. Au- 
ßerdem wird das Fehlen oder Vorhandensein unzweifelhafter Zeichen 
organischer Erkrankungen (Erloschensein der Kniesehnenreflexe, 
Babinskis Zeichen, Entartungsreaktion) wichtige Fingerzeige lie- 
fern. So konnte ich in einem Falle stärksten Muskelschwundes mit 
völliger Lähmung und Unempfindlichkeit der Beine die Annahme 
einer durch Wirbelkaries bedingten Myelitis leicht dadurch wider- 






Umgrenzung. 1693 

legen, daß die Reflexe, wenn auch schwach, erhalten waren, keine 
Entartungsreaktion bestand und die Unempfindlichkeit Strumpf- 
form aufwies; dazu kam das Fehlen von Blasen- und Mastdarm- 
störungen. In einem anderen Falle war bei einem von seinem Lehrer 
geohrfeigten Knaben, der danach in einen hysterischen, halb stupo- 
rösen, halb deliranten Dämmerzustand verfallen war, eitrige Menin- 
gitis mit voraussichtlich tödlichem Ausgange angenommen worden, 
so daß der Lehrer in Anklagezustand versetzt wurde. Die Beein- 
flußbarkeit des Zustandes und das gänzliche Fehlen organischer 
Krankheitszeichen ermöglichten rasch die richtige Auffassung. 

Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, wie 
man die durch die Hysterie bedingten diagnostischen Schwierigkeiten 
zu überwinden vermag. Da natürlich jeder einzelne Fall seine beson- 
deren Aufgaben stellt, ist es unmöglich und an dieser Stelle auch un- 
nötig, auf die Einzelheiten dieser Unterscheidungskunst näher ein- 
zugehen. Nur das sei noch betont, daß der Nachweis hysterischer 
Störungen die Möglichkeit eines daneben bestehenden organischen 
Leidens keineswegs ausschließt, daß sich vielmehr beide nicht so 
ganz selten miteinander verbinden. 

Ganz ähnliche Gesichtspunkte gelten für die Beziehungen zwi- 
schen Hysterie und anderen körperlichen Erkrankungen. Nament- 
lich Lungenblutungen, Magen- und Darmerkrankungen (Geschwüre, 
Appendicitis) , Herzerkrankungen, Genitalleiden, Knochen- und Ge- 
lenkleiden werden oft bei Hysterischen fälschlich vermutet und auch 
gefunden und führen dann bisweilen zu sehr heroischen Eingriffen, 
da alle milderen Behandlungsverfahren naturgemäß wirkungslos 
bleiben und der ,,furor operatorius passivus" der Hysterischen zu 
außerordentlichen Maßnahmen drängt. Sander hat über zwei 
Hysterische berichtet, bei denen mehrfach Bauchschnitte gemacht 
worden waren, um vermeintliche Erkrankungen des Wurmfortsatzes 
zu beseitigen ; einen ähnlichen Fall habe ich vor kurzem erlebt. Vor 
derartigen Mißgriffen kann neben sorgsamster Feststellung des 
körperlichen Befundes nur eine genaue Vertrautheit mit den Tücken 
der Hysterie schützen. Wo das psychische Gesamtverhalten oder gar 
das Bestehen einzelner kennzeichnender Störungen die Möglichkeit 
einer Hysterie nahelegt, wird man gut tun, nur dann zu ernsteren 
Eingriffen zu schreiten, wenn deren Notwendigkeit, durch den kör- 
perlichen Befund unzweifelhaft dargetan ist. — 



1694 XIII. Die Hysterie. 

Eine vorbeugende Bekämpfung der Hysterie 1 ) hätte mit einer 
gesundheitsgemäßen, auf die körperliche Ausbildung gerichteten, 
einfachen Erziehung einzusetzen. Sehr häufig sind gerade die Eltern 
gefährdeter Kinder aus naheliegenden Gründen am wenigsten ge- 
eignet, die schlummernden Krankheitskeime an weiterer Entwick- 
lung zu verhindern. Verweichlichung und Verzärtelung, namentlich 
einziger oder jüngster Kinder, Ungleichmäßigkeit und Launenhaftig- 
keit oder übermäßige Strenge der Erziehung können hier sehr viel 
Unheil anrichten. In solchen Fällen wird man geradezu die Entfer- 
nung der Kinder aus dem Einflußbereiche ihrer Angehörigen durch- 
zusetzen suchen. Auch die Einflüsse des Großstadtlebens, die Ab- 
schließung von der Natur, die Begünstigung geistiger Frühreife, die 
Anregung der Einbildungskraft und der Begehrlichkeit, können auf 
die Entwicklung hysterisch veranlagter Kinder ungünstig einwirken ; 
weit zweckmäßiger ist für sie das Aufwachsen auf dem Lande (Land- 
erziehungsheime) . Besonderes Gewicht ist auf die körperliche 
Entwicklung zu legen, die durch reichlichen Aufenthalt im 
Freien, Leibesübungen, einfache, gesunde Ernährungsweise und 
Sorge für reichlichen Schlaf angestrebt werden soll. 

Bei der großen Bedeutung, welche der Nachahmung für die Aus- 
lösung hysterischer Störungen zukommt, wird auch der Schutz vor An- 
steckung durch psychopathische oder bereits hysterische Personen zu 
berücksichtigen sein ; solche üble Vorbilder müssen sofort aus Schulen 
und Pensionaten ausgemerzt werden. Das Erwachen geschlechtlicher 
Regungen ist durch Vermeidung äußerer Anlässe dazu nach Möglich- 
keit hinauszuschieben, die Entwicklung sinnlich gefärbter Freund- 
schaften und onanistischer Neigungen entschieden zu bekämpfen. 
Wichtig ist ferner die Überwachung des Lesestoffes, da hysterisch ver- 
anlagte Kinder gern zu unpassender, ihre Einbildungskraft erhitzender 
und irreleitender Lektüre greifen. Die Verstandesentwicklung soll 
nicht überstürzt, eher zurückgehalten werden. Dagegen ist vor allem 
die Ausbildung der Selbstbeherrschung und des Willens anzustreben. 
Das kameradschaftliche Beispiel, der Wetteifer und die Abhärtung, 
die Gewöhnung an das Ertragen von Unbequemlichkeiten und Be- 
schwerden sind die dafür geeigneten Hilfsmittel. Mit unbeugsamer 
Festigkeit muß das Einwurzeln von Bindungen und Einschrän- 



x ) Strümpell, Behandlung der allgemeinen Neurosen, Penzoldt u. Stint 
zing, Handbuch der speziellen Therapie V. 



Behandlung. 1695 

kungen des Willens bekämpft werden, zu denen Hysterische sehr 
neigen. Es darf für gefährdete Kinder innerhalb vernünftiger Gren- 
zen nichts geben, was sie nicht ohne weiteres zu tun oder auf sich 
zu nehmen vermöchten, und ebenso wenig dürfen sich bei ihnen 
Sonderbedürfnisse herausbilden, auf deren Befriedigung sie nicht 
jederzeit mit Leichtigkeit zu verzichten imstande wären. 

Die Erfahrungen über die Häufigkeit der Erkrankung bei 
jugendlichen weiblichen Dienstboten, die vom Lande unvermittelt 
in die schwierigen Lebensverhältnisse der Großstadt hineingeworfen 
werden, legen die Notwendigkeit nahe, einmal den Zuzug solcher 
Personen in die Stadt erst in reiferem und gefestigterem Alter zu 
gestatten, andererseits, Maßregeln zu treffen, um ihnen durch eine 
zweckmäßige Fürsorgetätigkeit Rat, Halt und Schutz vor Gefahren 
und Verführungen zu gewähren. Daß für die Verhütung der männ- 
lichen Hysterie der Kampf gegen den Alkoholmißbrauch eine wesent- 
liche Bedeutung gewinnen kann, bedarf nach unseren ursächlichen 
Feststellungen keiner weiteren Ausführung. 

Da man im einzelnen Falle mit mehr oder weniger Recht allerlei 
körperliche Störungen als auslösende Ursachen der hysterischen 
Krankheitserscheinungen zu betrachten pflegt, wird man sich unter 
Umständen von deren Beseitigung einen günstigen Einfluß auf das 
Leiden versprechen dürfen. Ohne weiteres einleuchtend ist die 
Heilung der Alkoholhysterie durch die Enthaltung von geistigen 
Getränken. Aber auch sonst kann man es erleben, daß gelegentlich 
durch die Behandlung eines Magenleidens, eines Stirnhöhlenkatarrhs, 
die Beseitigung hartnäckiger Verdauungsstörungen hysterische 
Krankheitserscheinungen vorübergehend, vielleicht sogar dauernd 
zum Schwinden gebracht werden. Die noch immer sehr verbreitete 
und durch Freuds Bestrebungen neu belebte Ansicht, daß ein engerer 
Zusammenhang zwischen Hysterie und Geschlechtsleben bestehe, 
hat namentlich die weiblichen Geschlechtswerkzeuge von jeher zum 
Hauptangriffspunkt derartiger Heilbestrebungen gemacht. Die Be- 
seitigung greifbarer, quälender Veränderungen an den Genitalien 
übt auch wirklich bisweilen einen sehr günstigen Einfluß auf die 
Krankheitserscheinungen aus, weil dadurch eine Quelle gemütlicher 
Beunruhigung verstopft wird. Auch die Behandlung ganz gering- 
fügiger, von ihren Trägerinnen bis dahin gar nicht bemerkter Ab- 
weichungen, allerlei gleichgültige kleine Eingriffe können von Erfolg 



1696 XIII. Die Hysterie. 

begleitet sein, wenn die Kranken durch sie die beruhigende Gewiß- 
heit gewinnen, daß ihnen gründlich und wirkungsvoll geholfen wird ; 
in solchen Fällen ist der wesentliche Umstand das Vertrauen zum 
Arzte und nicht die Art der von ihm getroffenen Maßnahmen. Wo 
dieses Vertrauen erschüttert ist, oder die Behandlung sonst erhebliche 
Unzuträglichkeiten mit sich bringt, kann eine übereifrige Beunruhi- 
gung der weiblichen Geschlechtswerkzeuge auch entschiedene Ver- 
schlechterungen des psychischen Zustandes zur Folge haben. 

In neuerer Zeit ist man auch vor sehr eingreifenden Operationen, 
bis zur Kastration, nicht zurückgeschreckt, um auf diese Weise den 
Hysterischen Hilfe zu bringen. Wie es scheint, hat dieses schneidige 
Vorgehen, welches selbst zur Entfernung ganz gesunder Eierstöcke 
fortgeschritten ist, in einzelnen Fällen etwas geholfen, namentlich 
dann, wenn die Störungen einen gewissen Zusammenhang mit der 
Menstruation darboten, oder wenn der psychische Eindruck ein be- 
sonders wirksamer war. Es hat sich jedoch gezeigt, daß nur allzu 
häufig die zunächst erzielte Besserung keinen Bestand hatte, oder 
daß die Verstümmelung sogar schwere Depressionszustände nach 
sich zog. Ich habe Gelegenheit gehabt, eine ganze Reihe von Hy- 
sterischen zu behandeln, welche von der Keilexcision bis^zur Kastra- 
tion und selbst zur Uterusamputation die ganze Stufenleiter der 
gynäkologischen Eingriffe überwunden hatten. Nur in einem ein- 
zigen Falle schien mir durch das Wegbleiben der sonst immer mit 
starken Beschwerden verbundenen Menses eine länger anhaltende 
Erleichterung des Leidens erreicht worden zu sein. Meist blieb der 
Eingriff für die Dauer völlig wirkungslos; einige Male sah ich sehr 
bedeutende Verschlechterungen. Angelucci und Pieracini 1 ) haben 
festgestellt, daß unter 116 chirurgisch behandelten Fällen von 
Hysterie nur 17 gebessert oder geheilt wurden, während sich nach 
Totalexstirpation das Leiden zehnmal verschlimmerte und siebzehn- 
mal geistige Störungen auftraten. Glücklicherweise scheint die 
Messerfreudigkeit auf der ganzen Linie bedeutend nachgelassen zu 
haben. 

Um dem vermeintlich unbefriedigten Geschlechtstriebe der Hy- 
sterischen zu seinem Rechte zu verhelfen und damit ihr Leiden zu 
heilen, wird nicht selten die Ehe oder doch der Geschlechtsverkehr 
ins Auge gefaßt. Nun ist daran zu erinnern, daß in Wirklichkeit die 

x ) Angelucci e Pieracini, Rivista sperimentale di freniatria XXIII, 290. 



Behandlung. 1697 

geschlechtlichen Bedürfnisse der Hysterischen keineswegs besonders 
starke sind, ja, daß oft genug geradezu geschlechtliche Kälte be- 
steht. Jedenfalls aber kann von einer geschlechtlichen Betätigung 
kein günstiger Einfluß auf die Hysterie erwartet werden ; hier und 
da löst sie sogar Anfälle aus. Die Entwicklungshysterie pflegt sich 
allerdings in der Ehe, wenn auch nicht infolge derselben, zu ver- 
lieren. Bei der Entartungshysterie aber müssen gegen eine Ehe- 
schließung die schwersten Bedenken geltend gemacht werden. Ab- 
gesehen davon, daß die geschlechtlichen Beziehungen der Hysteri- 
schen vielen tiefgreifenden und einschneidenden Störungen ausgesetzt 
sind (Frigidität, Vaginismus, triebartige Abneigungen und Verirrun- 
gen) , machen schwerere Formen des Leidens ein dauerndes Zusam- 
menleben fast unmöglich ; dazu kommt aber noch die hier besonders 
große Gefahr der Vererbung. 

Wo bei Hysterischen, wie so häufig, allgemeinere Störungen auf 
körperlichem Gebiete bestehen, namentlich Abmagerung, Erbrechen, 
Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit, wird man mit gutem Nutzen 
zunächst für einige Zeit zur Bettbehandlung greifen, die man bei 
heruntergekommenen Kranken zweckmäßig mit einer Mastkur nach 
Weir- Mitchells 1 ) Vorschrift verbindet. Die Erfolge dieses Ver- 
fahrens, das sich allerdings nur für eine gewisse Gruppe durch den 
Versuch zu erprobender Fälle eignet, sind im allgemeinen recht gute ; 
selbst nach langjähriger Dauer schwerer Erscheinungen gelingt es 
bisweilen, eine durchgreifende Besserung herbeizuführen. 

Leider ist jedoch die Zahl jener Fälle nur allzu groß, in denen die 
Mastkur nichts erreicht oder undurchführbar ist. Dahin gehören 
namentlich die Formen mit sehr ausgeprägten psychischen Stö- 
rungen, mit denen es der Irrenarzt vor allem zu tun hat. Auch hier 
wird -man freilich sein Augenmerk zunächst auf eine Verbesserung 
des körperlichen Allgemeinzustandes durch die Sorge für zweck- 
mäßige Ernährung, Regelung der Darmtätigkeit, für ausreichende 
Bewegung in frischer Luft und genügenden Schlaf zu richten haben. 
Demselben Zwecke dienen ferner Bäder mit kühlen Überrieselungen, 
Massage, Gymnastik, allgemeine Faradisation, von Arzneimitteln 
Eisen- und Arsenpräparate. 

Die Bekämpfung der oft sehr hartnäckigen Schlaflosigkeit ge- 
schieht einmal durch ausgedehnte Bettruhe, sodann durch ver- 

*) Burkart, Volkmanns Klinische Vorträge 245. 



1698 XIII. Die Hysterie. 

längerte warme Bäder und Packungen, um die den Schlaf stö- 
rende innere Erregung nach Möglichkeit herabzusetzen. Mit 
Schlafmitteln sei man äußerst sparsam, da die Kranken oft die bei 
der langen Dauer ihres Leidens besonders gefährliche Neigung 
haben, Arzneien zu mißbrauchen. Man beschränke sich daher, wo 
lebhafte innere Unruhe besteht, auf die Darreichung abendlicher 
kleiner Bromgaben (1 — 2 g) ; höchstens kann man hier und da einmal 
etwas Adalin, Veronal oder Luminal geben. Unbedenklicher sind 
Aqua Laurocerasi und die mannigfachen Valerianapräparate, die 
den Kranken oft augenblickliche Beruhigung verschaffen und ihnen 
auch über allerlei kleine „Anfälle", Schwindel, Beklemmungen, 
Herzklopfen, Schwächeanwandlungen, hinweghelfen. Die Schmerzen 
der Kranken kann man je nachdem durch Einreibungen, kalte oder 
warme Umschläge, vorsichtiges Streichen und Kneten, Heißluft- 
duschen, Elektrisieren behandeln. Unter keinen Umständen 
aber lasse man sich dazu verleiten, zum Morphium zu 
greifen, da die Gefahr der Gewöhnung an das Mittel bei der Weh- 
leidigkeit und Willensschwäche der Kranken eine außerordentlich 
große ist. Eine meiner Kranken hatte sich daran gewöhnt, regel- 
mäßig Chloroform einzuatmen. 

Lähmungen und Kontrakturen wird man durch planmäßige 
Übung, durch passive Bewegungen, Massage und Faradisation zu 
beseitigen suchen. Nicht selten zeigt es sich, daß durch Wieder- 
erweckung der meist gleichzeitig verloren gegangenen Empfindlich- 
keit in den unbrauchbar gewordenen Gliedern auch die Beweglich- 
keit wiederkehrt. Diesem Zwecke dienen starke Hautreizungen mit 
dem faradischen Pinsel. Das Erbrechen kann man durch Sondierun- 
gen, Magenausspülungen, Bettruhe, heiße Umschläge, Schlucken von 
Eisstückchen oder einige Tropfen der obenerwähnten Nervenmittel 
zu beseitigen suchen. Kommt man auf diese Weise nicht rasch zum 
Ziele, so verzichtet man besser auf diese Sonderbehandlung, da sie 
die Gedanken der Kranken immer wieder auf ihre Beschwerden 
hinlenkt. Man wird dann in der Regel sehen, daß die Störung mit 
der Besserung des psychischen Gesamtzustandes von selbst ver- 
schwindet. Erfahrungsgemäß wird selbst lange fortgesetztes und 
regelmäßiges Erbrechen von Hysterischen meist ohne schwerere Schä- 
digung ertragen, da sie doch immer noch ausreichende Nahrungs- 
mengen zurückzuhalten pflegen. Erregungszustände werden durch 



Behandlung. 1699 

Bettlagerung, Dauerbäder oder Wicklungen bekämpft; in schweren 
Fällen kann auch einmal eine Hyoscingabe notwendig werden. Von 
manchen Seiten wird empfohlen, durch Apomorphin Übelkeit und 
Brechneigung zu erzeugen, die der Erregung rasch ein Ende zu 
machen pflegen. Krampfanfälle und Dämmerzustände lassen sich 
durch kalte Übergießungen oder durch den faradischen Pinsel nicht 
selten wesentlich abkürzen. 

Den bei weitem wichtigsten Teil der Behandlung Hysterischer 
bildet indessen die psychische Einwirkung, ja, wir können 
kaum daran zweifeln, daß der Heilerfolg der meisten bisher auf- 
geführten Maßnahmen zu einem erheblichen Teile einer Beein- 
flussung des Seelenlebens unserer Kranken zuzuschreiben ist. Dafür 
sprechen unter anderem namentlich auch die bisweilen nach Schein- 
operationen beobachteten Besserungen, wo die Kranken die Über- 
zeugung haben, daß sie nur durch einen bestimmten chirurgischen 
Eingriff Genesung finden können. Sehr häufig liegen in der Um- 
gebung der Kranken, wie sie sich von selber oder unter deren Ein- 
flüsse gestaltet hat, oder in der ganzen Lebensführung Schädlich- 
keiten, die immer von neuem das Entstehen der krankhaften Er- 
scheinungen begünstigen. In allen schwereren Fällen läßt sich daher 
eine Kur Hysterischer erfolgreich nur dann durchführen, wenn sie 
vollständig aus ihren bisherigen Verhältnissen entfernt und 
bedingungslos in die Hände des Arztes gegeben werden. Nichterfüllung 
dieser wichtigen Voraussetzung führt fast regelmäßig zu Mißerfolgen, 
während man sonst unter Umständen glänzende Heilungen in kür- 
zester Frist erleben kann. Namentlich bei Kindern schwinden oft die 
aufregendsten Störungen mit einem Schlage, sobald sie der ängstlich- 
verständnislosen Fürsorge ihrer Angehörigen entzogen werden. 
De j er ine hat diese Abschließung durch Verhängen der Betten, 
Schweigegebot und gelegentliche Anwendung der Verdunkelung ge- 
radezu planmäßig ausgebildet und mit reichlicher Milchdiät ver- 
bunden. Erst ganz allmählich wird dann den Kranken, die zunächst 
nur mit Arzt und Pflegepersonal in Berührung kommen, gestattet, 
die Beziehungen mit Angehörigen, Mitkranken und der Außenwelt 
wieder aufzunehmen. 

Unter dem Gesichtspunkte, daß als die Grundursache der hyste- 
rischen Krankheitserscheinungen der Schlaf einzelner Hirnabschnitte 
anzusehen sei, hat Sollier versucht, eine „resensibilisation" der- 



lyoo XIII. Die Hysterie. 

selben zu erreichen. Zu diesem Zwecke wird zunächst die Empfind- 
lichkeit in den unempfindlichen, den schlafenden Hirnteilen ent- 
sprechenden Sinnesgebieten durch kräftige Reize wiederhergestellt. 
Sodann werden die aus dem Bewußtseinsverbande ausgeschalteten 
Körperabschnitte durch Suggestion in der Hypnose wieder mit dem 
bewußten Fühlen und Handeln in Zusammenhang gebracht. End- 
lich kann, gleichfalls in der Hypnose, durch den entschiedenen Be- 
fehl, ganz zu erwachen, der dauernde Halbwachzustand der Hyste- 
rischen, unter Umständen mit einem Male, beseitigt werden; es 
kommt dabei vor, daß die Kranken sich nunmehr plötzlich in einem 
Zustande befinden, wie er unmittelbar vor dem Beginne ihres Leidens 
bestand. Offenbar kommen die auf diese Weise erzielten Erfolge, die 
so ganz den Anschauungen des behandelnden Arztes entsprechen, 
durch die den Kranken eingepflanzte Überzeugung zustande, daß 
sie so Genesung finden werden. 

Die Auffassung, daß als letzte Ursache der Hysterie verdrängte 
geschlechtliche Jugenderlebnisse anzusehen seien, ist, wie früher 
erwähnt, zunächst aus der Erfahrung herausgewachsen, daß in ein- 
zelnen Fällen die Aufdeckung derartiger Zusammenhänge den Kran- 
ken eine große Erleichterung brachte. Breuer und Freud schrieben 
diesen Erfolg dem ,, Abreagieren'* des bis dahin ,, eingeklemmten" 
Affektes zu, mit anderen Worten der beruhigenden Aussprache über 
heimlich nagende, freilich unbewußte Erinnerungen. Daß in diesen 
Erfahrungen ein richtiger Kern steckt,wird nicht zu bestreiten sein. 
Wenn man, namentlich in forensischen Fällen, allerdings nicht nur 
bei Hysterischen, oft sehr deutlich sieht, wie die Kranken ihre pein- 
liche Vergangenheit nach Möglichkeit aus ihrer Erinnerung zu ver- 
drängen oder sie doch wesentlich umzuformen suchen, dürfen wir 
vielleicht annehmen, daß auch bei Hysterischen häufiger, als es 
zunächst scheint, stark unlustbetonte Erlebnisse den Stimmungs- 
hintergrund beeinflussen, obgleich die Kranken mit Erfolg bemüht 
sind, ihr deutliches Wiederauftauchen zu verhindern. Man könnte 
sogar zugeben, daß die so erzeugte gemütliche Spannung bei hyste- 
rischer Veranlagung die entsprechenden Krankheitszeichen auszu- 
lösen imstande wäre. Wirklich nachweisbar scheint mir allerdings 
ein solcher Zusammenhang bisher nur für innere Spannungen, deren 
Ursachen nicht zum Abschlüsse gekommen sind, sondern noch die 
Zukunft bedrohen. 



Behandlung. 1701 

Daß man durch Aussprache über verborgenen Kummer sein Herz 
erleichtern kann, ist eine alltägliche Erfahrung. Ebenso bekannt ist 
es aber auch, daß ein Aufwühlen vergangener Seelenschmerzen neue 
Beunruhigung bringen kann. Die Verschiedenheit solcher Wirkun- 
gen wird wohl hauptsächlich davon abhängen, ob durch die Mittei- 
lung und Erörterung noch fortbestehende Zweifel, Befürchtungen, 
Selbstvorwürfe beseitigt oder ob einfach peinliche, längst begrabene 
Erinnerungen neu belebt werden. Es erscheint unter diesen Gesichts- 
punkten gewiß möglich, daß bei Hysterischen das Wachrufen ,, ver- 
drängter " Erinnerungen und die sachliche Ausgleichung durch sie 
bedingter innerer Spannungen günstige Wirkungen und vielleicht 
auch die dauernde Beseitigung von Krankheitserscheinungen er- 
zielen kann. Leider scheinen jedoch die tatsächlichen Erfolge 
dieses Verfahrens weit hinter den von Freud und seinen Anhängern 
gehegten Erwartungen zurückzubleiben. Soweit es sich nach den 
vorliegenden Veröffentlichungen und nach den gelegentlichen Er- 
fahrungen an derart behandelten Kranken beurteilen läßt, wird 
schwerlich mehr erreicht, als auch sonst durch eine verständige 
psychische Behandlung Hysterischer mit sorgfältiger Berücksich- 
tigung des Einzelfalles möglich ist. Der Grund dafür liegt nach 
meiner Überzeugung in dem Umstände, daß eben in der Regel die 
angenommenen ursächlichen Beziehungen der hysterischen Krank- 
heitszeichen zu verdrängten Erinnerungen, insbesondere geschlecht- 
lichen Inhalts, gar nicht bestehen. Auch dort, wo ein Behandlungs- 
erfolg jene Annahme zu bestätigen scheint, darf nicht vergessen 
werden, daß ja den Kranken durch das ganze Verfahren vorher mit 
größtem Nachdrucke die Überzeugung von dem Bestehen eines der- 
artigen Zusammenhanges und von der sicheren Aussicht auf Ge- 
nesung durch Aufdeckung desselben aufgedrängt wurde. Anderer- 
seits muß aber auf das eindringlichste vor den leider in größtem Maß- 
stabe geübten, nach meiner Auffassung geradezu ungeheuerlichen 
Bestrebungen gewarnt werden, um jeden Preis alle möglichen ge- 
schlechtlichen Erinnerungen ans Licht zu ziehen und gar aus harm- 
losen Regungen und Erlebnissen der Vergangenheit die scheußlich- 
sten geschlechtlichen Verirrungen herauszulesen. Wem die Schäd- 
lichkeit und Verwerflichkeit dieses Treibens beim Lesen des von 
Freud veröffentlichten ,, Bruchstückes einer Hysterieanalyse' ' nicht 
klar wird, dem ist freilich nicht zu helfen. 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 20 



1^02 XIII. Die Hysterie. 

Da mir weder die wissenschaftlichen Grundlagen der Freud- 
schen Lehren noch deren Heilerfolge überzeugend erscheinen, sehe 
ich keinen Anlaß, in der psychischen Behandlung der Hysterie von 
den allgemein geübten und vielfach bewährten Verfahren abzugehen. 
Freilich führen auch sie, namentlich bei der Entartungshysterie, 
nicht immer und nicht dauernd zum Ziele; bei der Entwicklungs- 
hysterie, die ja ohnedies günstige Heilungsaussichten bietet, wird 
man in der Regel gute Erfolge haben. Das Ziel, dem zugesteuert 
werden muß, ist eine Art Erziehung ; es gilt, dem Kranken die Herr- 
schaft über sein Gefühlsleben und dessen bewußte und unbewußte 
Äußerungen zu verschaffen. Für die Lösung dieser Aufgabe lassen 
sich allgemeine Vorschriften kaum entwerfen, da sich die Behandlung 
der besonderen Eigentümlichkeit des einzelnen Kranken anzupassen 
hat. Unter allen Umständen wird daher der Arzt die ganze psychische 
Persönlichkeit zu berücksichtigen haben, mit der er es zu tun hat, 
wenn er die Krankheitserscheinungen bekämpfen will. Ohne jeden 
Zweifel beruhen die Erfolge, welche hier durch die verschiedensten 
Heilverfahren, durch elektrische und diätetische Kuren, durch Hydro-, 
Metallo-, Klimatotherapie, durch die Psychoanalyse, von Natur- 
ärzten, Homöopathen und Magnetiseuren, von Gesundbetern und in 
Wallfahrtsorten erzielt werden, wesentlich oder vollständig auf dem 
Glauben der Kranken. 

Diese Erfahrung muß die Richtschnur des gesamten ärztlichen 
Handelns bei Hysterischen bilden. Es ist daher für den Arzt vor 
allem notwendig, sich das unerschütterliche Vertrauen und damit 
die unerläßliche Macht über die Kranken zu verschaffen. Ihre feste 
Überzeugung, daß ihnen geholfen werden wird, ist das mächtigste 
Behandlungsmittel in der Hand des Arztes und läßt ihn oft genug 
durch ganz unbedeutende, ja scheinbar unsinnige Eingriffe weit- 
tragende Erfolge erringen. Seiner Menschenkenntnis und seiner 
persönlichen Gewandtheit ist somit hier ein Spielraum überlassen 
wie bei keiner anderen Form psychischer Erkrankungen. 

Im einzelnen kann sich das Vorgehen sehr verschiedenartig ge- 
stalten. Bei Kindern und geistig unentwickelten Personen, über 
die der Arzt von vornherein eine große Überlegenheit besitzt, ist es 
öfters möglich, durch rücksichtslose Überwältigung aller inneren 
und äußeren Widerstände sofort die vorliegenden Störungen zu be- 
seitigen (,, Überrumpelungsverfahren"). Die starre Beugung des 



Behandlung. 1 7 O 3 

Arms wird einfach mit rascher Gewalt gelockert, der gelähmte Kranke 
ohne weiteres auf die Füße gestellt und unter steter, kräftiger Nach- 
hilfe zum Gehen und Stehen gebracht, ein Lach- oder Schreikrampf 
durch plötzliches Übergießen mit kaltem Wasser unterdrückt. Leider 
sind die so erreichten Erfolge nicht immer von Bestand, und ein 
zweites Mal pflegt die Überrumpelung zu versagen. Außerdem läuft 
man Gefahr, beim Ausbleiben sofortiger Wirkung einen guten Teil 
des notwendigen Vertrauens zu verlieren, das man vielleicht nur 
schwer oder gar nicht zurückerobern kann. Man tut daher gut, die 
Überrumpelung nur dort anzuwenden, wo man seiner Sache durchaus 
sicher zu sein glaubt. 

Bei Kranken, deren Störungen durch übermäßige Besorgtheit von 
ihrer Umgebung hochgezüchtet wurden, und deren Klagen sich durch 
die Beachtung steigern, empfiehlt sich das Verfahren der „ziel- 
bewußten Vernachlässigung". Man geht über ihre Beschwerden mit 
wenigen Worten hinweg, kümmert sich auch wohl scheinbar gar 
nicht weiter um sie, behandelt die aufregendsten Krankheitserschei- 
nungen als ganz unwesentliche Kleinigkeiten. Selbstverständlich 
muß man aber dabei jederzeit über den psychischen Zustand der 
Kranken genau im klaren sein, um im rechten Augenblicke, wenn das 
krankhafte Bedürfnis, Aufsehen und Mitleid zu erregen, zurücktritt, 
sofort mit ihnen Fühlung zu gewinnen. 

Nunmehr ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die tätige 
Einwirkung auf das Seelenleben der Kranken beginnen kann. Zu- 
nächst wird es sich empfehlen, sie ruhig und sachlich über 
Wesen und Bedeutung ihrer Krankheitserscheinungen aufzuklären. 
Man wird ihnen deren psychische Entstehungsweise sowie deren 
Ungefährlichkeit klar machen und ihnen versichern, daß zu ihrer 
Bekämpfung nur Gemütsruhe und ein fester, zielbewußter Wille 
notwendig sei, deren Wirkung jedoch durch die übrigen, noch an- 
zuwendenden Behandlungshilfsmittel kräftig unterstützt werden 
könne. Die Mithilfe des Arztes und damit die Erreichung der 
Genesung wird man an die Bedingung knüpfen, daß der Kranke 
sich ernstlich bestrebe, an der Wiedererwerbung seiner Gesundheit 
zu arbeiten und den ihm erteilten Ratschlägen widerspruchslos zu 
folgen. Besonders wichtig ist es, alle aufkeimenden Widerstände, 
alle kleinen Eigenmächtigkeiten, Unterlassungen und Schrullen 
in der Lebensführung rechtzeitig zu erkennen und sofort gründ- 

20* 



1704 XIII. Die Hysterie. 

lieh zu bekämpfen, ebenso Nebeneinflüsse aller Art unerbittlich ab- 
zuschneiden und sich so die unbedingte Herrschaft über das Gemüt 
der Kranken zu sichern. Dieses letztere Ziel kann, namentlich gegen- 
über weiblichen Kranken, unter Umständen durch schroffes, herri- 
sches Auftreten erreicht werden, so daß sie aus Angst alles tun, was 
man von ihnen verlangt. Auf die Dauer aber weit wirksamer und 
vielfach allein erfolgreich ist ernste, geduldige und wohlwollende, 
aber unbeugsame Festigkeit, die sich jedoch von kleinlicher Recht- 
haberei weit entfernt halten muß. Der Kranke soll die sichere Über- 
zeugung gewinnen, daß der Arzt mit allen seinen Maßnahmen und 
Ratschlägen nur sein Bestes im Auge hat ; er soll wissen, daß seine 
Wünsche und Bedürfnisse im Rahmen des Vernünftigen und Zu- 
lässigen gern berücksichtigt werden, aber auf unüberwindlichen 
Widerstand stoßen, sobald sie mit dem Heilplane unvereinbar sind. 
Aus diesen Erfahrungen wird sich dann, vielleicht erst nach manchen 
Kämpfen, der Wunsch entwickeln, sich vom Arzte leiten zu lassen 
und die Hindernisse im eigenen Innern mit seiner Unterstützung zu 
überwinden. 

Es kostet oft viel Mühe, Geduld und Zeit, bis man zu diesem Punkte 
gelangt. Worte und Auseinandersetzungen vermögen ja nicht ohne 
weiteres, krankhafte Willensrichtungen zu beseitigen ; dazu gehören 
gemütliche Einflüsse, die nur auf dem Wege persönlicher Beziehun- 
gen wirksam werden können. Die Behandlung schwererer Hysterien 
ist daher ohne die Gewinnung eines gewissen Freundschaftsverhält- 
nisses zum Kranken unmöglich. Man muß ihm nicht nur als der 
ordinierende Arzt, sondern als verständiger Berater in allen möglichen 
Fragen zur Seite stehen, die ihn beunruhigen und damit seinen 
Krankheitszustand unterhalten. 

Ist einmal das volle Vertrauen des Kranken zu seinem Arzte und 
damit jene innere Beruhigung und Hingabe erreicht, welche die 
Grundlage für die Genesung bilden muß, so wird es notwendig sein, 
seine seelischen Kräfte schrittweise und planmäßig zu üben. Zu- 
nächst unter unmittelbarer Beihilfe des Arztes, dann nach seiner 
Vorschrift müssen die durch das Leiden gestörten Leistungen wieder 
versucht und allmählich zur normalen Höhe gesteigert werden. Ab- 
gesehen von solchen besonderen Aufgaben, ist die regelmäßige Be- 
schäftigung mit anregender und nützlicher Arbeit das wichtigste 
Heilmittel, unter dessen Einfluß die meisten Beschwerden ganz von 



Behandlung. 1705 

selbst zu schwinden pflegen. Freilich ist hier oft noch Nachhilfe, 
ermunternder Zuspruch, Wechsel der Tätigkeit, Beseitigung von 
äußeren und inneren Hindernissen nötig. Behält man dabei das Ziel, 
die freie Herrschaft des Kranken über seinen Willen, unverrückbar 
im Auge, so wird man immer wieder Mittel und Wege finden, auf- 
tauchende Schwierigkeiten zu überwinden. 

Sehr wesentlich ist es, mit fortschreitender Besserung dem Kran- 
ken nicht nur gegenüber seinem Leiden, sondern auch gegenüber 
dem Arzte seine Unabhängigkeit wiederzugeben. Im gleichen Maß- 
stabe, wie der Kranke seine Selbstbeherrschung wiedergewinnt, muß 
die Bevormundung durch den Arzt zurücktreten. Nur dann wird 
dieser noch eingreifen, wenn der Kranke irgendwo zu straucheln 
beginnt ; im übrigen soll er bemüht sein, das Gefühl der Freiheit und 
Verantwortlichkeit und damit das Vertrauen zur eigenen Kraft in 
ihm nach Möglichkeit zu pflegen. 

Da den Grundzug des hier angedeuteten Behandlungsverfahrens 
die psychische Beeinflussung bildet, liegt der Gedanke nahe, zu diesem 
Zwecke auch die hypnotische Suggestion mit heranzuziehen. Die 
Erfahrung hat indessen gezeigt, daß die Zugänglichkeit der Hysteri- 
schen für die Hypnose vielfach in krankhafter Weise verändert ist. 
Bei den schweren Formen, für die uns jenes Behandlungsmittel am 
meisten erwünscht wäre, pflegt die hypnotische Beeinflußbarkeit 
äußerst gering zu sein oder ganz zu fehlen, wohl infolge von ent- 
gegenstehenden Eigensuggestionen. Auf der anderen Seite wieder 
begegnet uns häufig eine sehr starke Beeinflußbarkeit, die zwar die 
rasche Annahme von Suggestionen, aber auch geringe Nachhaltig- 
keit ihrer Wirkungen mit sich bringt. Nicht selten verbindet sich 
damit die Neigung, während der Hypnose in Krämpfe oder Dämmer- 
zustände zu verfallen, die dann auch autohypnotisch auftreten und 
damit erhebliche Gefahren nach sich ziehen können. Ich glaube 
zwar, daß durch sehr sorgfältiges und vorsichtiges, sachgemäßes 
Vorgehen diese Übelstände fast ganz vermieden werden können, sehe 
aber von der hypnotischen Behandlung keine wesentlichen Vorteile 
gegenüber der Wachsuggestion. Zu berücksichtigen ist auch noch, 
daß sich bei längerer hypnotischer Behandlung eine höchst uner- 
wünschte Abhängigkeit des Kranken vom Arzte herausbilden kann, 
die eine wirksame Erziehung des eigenen Willens zum Kampfe gegen 
die krankhaften Störungen sehr erschwert. Das günstigste Feld bietet 



1706 



XIII. Die Hysterie. 



für die hypnotische Suggestion, wie ich gegenüber den Angaben 
anderer Fachgenossen betonen muß, die Hysterie der Kinder, nament- 
lich, wenn sich die Krankheitserscheinungen auf ein bestimmtes 
Gebiet beschränken. Ich habe eine ganze Reihe von derartigen 
Kranken, die zum Teil mit allen möglichen Verfahren monatelang 
vergeblich behandelt worden waren, durch wenige hypnotische 
Sitzungen dauernd von ihren Störungen befreien können. Freilich 
wird man hier in der Regel auch auf anderen Wegen zum Ziele 
gelangen, wenn man dabei nur zum Kerne des Krankheitsvorganges, 
zur psychischen Ursache der Störungen, vordringt. 



XIV. Die Verrücktheit (Paranoia) 1 ). 



Die Geschichte des Paranoiabegriffes ist auf das engste mit der 
gesamten Entwicklung unserer psychiatrisch-klinischen Anschau- 
ungen verknüpft. Die zuerst von Kahl bäum 1863 in besonderem 
Sinne, dann von v. Krafft-Ebing und Mendel gebrauchte Be- 
zeichnung Paranoia trat an die Stelle des älteren Namens ,, Ver- 
rücktheit", mit dem man eine wesentlich auf dem Gebiete der Ver- 
standestätigkeit sich abspielende Form des Irreseins belegte. Nach 
der älteren Lehre Griesingers, die in der Hauptsache eine einzige, 
in verschiedenen Abschnitten gesetzmäßig ablaufende Art psychischer 
Erkrankung annahm, war die Verrücktheit stets der Ausgang einer 
voraufgegangenen Störung des Gemütslebens. Jede Psychose sollte 
mit einem melancholischen Abschnitte beginnen, dem, wenn nicht 
an irgendeinem Punkte Heilung eintrat, nacheinander eine Zeit der 
manischen Erregung, dann der Verrücktheit, der Verwirrtheit und 
endlich des Blödsinns folgen konnte. Man sprach daher damals 
ausschließlich von einer ,, sekundären* ' Verrücktheit als dem un- 
glücklichen Ausgange einer nicht zur Heilung gelangten Geistes- 
störung. Da ferner die Verwirrtheit auch als „allgemeine Verrückt- 
heit" bezeichnet wurde, die man als eine Ausbreitung der ursprüng- 
lich mehr umgrenzten Störung auf das gesamte Seelenleben auf- 



x ) Snell, Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie XXII, 368; Griesinger, Archiv 
f. Psychiatrie I, 148; Sander, ebenda 387; Westphal, Allgem. Zeitschr. f. Psy- 
chiatrie XXXIV, 252; Merc kl in, Studien über primäre Verrücktheit. 1879; Neurolog. 
Zentralbl. 1909, 846; Amadeie Tonnini, Archivio italiano per le malattie nervöse, 
1884, 1, 2; Werner, Die Paranoia. 1891; Schule, Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie L, 
1 u. 2; Cramer, ebenda LI, 2; Sandberg, ebenda LH, 619; Smith, Journal of 
mental science 1904, Okt.; Pastore, Giornale di psichiatria clinica e tecnica manico- 
miale XXXV, 3; Serieux et Ca p gras, Les folies raisonnantes. 1909; L'annee 
psychologique XVII, 251; Binet et Simon, ebenda XVI, 215; Sommer, 
Leydens Deutsche Klinik 297. 1906; Alberti, Note e riviste di psichiatria, 1908; 
Wilmanns, Zentralbl. f. Nervenheilk. 1910, 204. 



IjoS XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

faßte, so wurde ihr wohl auch die zusammenhängende, auf einzelne 
Gebiete beschränkte Wahnbildung als ,, partielle Verrücktheit" 
gegenübergestellt. 

Erst die Untersuchungen von Snell, Westphal, Sander 
haben in den 60 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dazu 
geführt, daß man auch eine ,, primäre" Entstehungsweise der Ver- 
rücktheit allgemein anerkannte. Unter dem Eindrucke dieses un- 
leugbaren Fortschrittes kam man dazu, die neugewonnene Krank- 
heitsform als primäre Erkrankung des Verstandes in Gegensatz 
zu der Manie und Melancholie zu stellen, bei denen man die maß- 
gebenden Störungen auf dem Gebiete des Gefühlslebens erblickte. 
Die bei der ersteren Form gelegentlich beobachteten Gemütsbewe- 
gungen sollten ausschließlich ,, sekundär", durch Vermittlung von 
Wahnbildungen oder Sinnestäuschungen, zustande kommen, gerade 
so, wie man das Auftauchen von Verstandesstörungen bei den ,, Ge- 
mütskrankheiten" erst als Folgeerscheinung aus der primären hei- 
teren oder traurigen Verstimmung ableiten zu können glaubte. Es 
war daher für die Diagnose von größter Bedeutung, im einzelnen 
Falle zu wissen, ob die Störungen der Stimmung oder diejenigen des 
Verstandes den Ausgangspunkt der Krankheitserscheinungen ge- 
bildet hatten. 

Besonders verhängnisvoll für die weitere Entwicklung der Pa- 
ranoiafrage wurde der von Westphal zuerst kurz angedeutete 
Begriff einer akuten Paranoia, der sich späterhin noch die 
,, periodische" Paranoia anschloß 1 ). Durch die Verschiebung des 
ursprünglichen Begriffes, der nur mit chronischen, unheilbaren Zu- 
ständen rechnete, wurde die Umgrenzung des Krankheitsbildes 
nach der äußerlichen Erscheinungsform sehr begünstigt. Wenn 
der Verlauf und Ausgang der Krankheit nicht mehr maßgebend 
war, blieb die Verstandesstörung, das Auftreten von Wahnideen 
oder Sinnestäuschungen, als das einzig greifbare Kennzeichen der 
Verrücktheit übrig. So kam es, daß ihr nun eine Reihe von Krank- 
heitsbildern eingegliedert wurden, die, klinisch genommen, nicht 
mehr die geringste Gemeinschaft mit der ursprünglichen Verrückt- 
heit darboten, so die Amentia, der Alkoholwahnsinn und zahlreiche 



J ) Koppen, Neurolog. Zentralbl. XVIII, 434; Thomsen, Archiv f. Psy- 
chiatrie XLV, 803; LV, 3; Böge, ebenda XLIII, 299; Kleist, Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Psychiatrie V, 366. 



Begriffsbestimmung. 1 7 9 

Zustandsbilder, die unzweifelhaft der Dementia praecox oder dem 
manisch-depressiven Irresein angehören. 

Daß an sich eine Krankheit akute und chronische Verlaufs- 
formen aufweisen kann, lehrt uns die Paralyse, die Dementia prae- 
cox und in gewissem Sinne auch das manisch-depressive Irresein. 
Überall jedoch sind hier die akuten Zufälle nur Abschnitte eines im 
Grunde chronischen Verlaufes ; die Prognose hinsichtlich des End- 
zustandes bleibt darum grundsätzlich für jeden Krankheitsvorgang 
die gleiche. Gerade dieses Kennzeichen trifft aber für die Fälle von 
sogenannter akuter Paranoia nicht zu. Die Sichtung der diesem 
Bilde entsprechenden Krankheitsfälle nach genügend langer Be- 
obachtungszeit lehrt unweigerlich, daß von Jahr zu Jahr eine im- 
mer größere Zahl derselben ganz andersartigen, bekannten Er- 
krankungen zufällt. Jedenfalls weist die Hauptmasse der Fälle 
von sogenannter akuter Paranoia weder eine eigenartige Ursache 
noch einen besonderen Verlauf und Ausgang noch sonstige klinische 
Kennzeichen auf, die gestatten würden, sie von anderen Zustands- 
bildern abzutrennen. Ich persönlich bezweifle sogar, daß bei genauer 
Prüfung irgendein klinisch verwertbarer Rest von Beobachtungen 
übrig bleibt. Will man aber dennoch daran festhalten, so ist es 
jedenfalls zweckmäßiger, dem Krankheitsbilde nicht den Namen 
der Paranoia zu geben, weil dadurch wesentliche Merkmale der 
allgemein anerkannten Formen dieser Krankheit verwischt werden, 
der schleichende Verlauf, die ungünstigen Heilungsaussichten, das 
dauernde Fortbestehen der auftretenden Wahnbildungen. 

Es gab eine Zeit, in der die Zahl der Paranoiker in unseren 
Irrenanstalten auf 70—80% aller Fälle angewachsen war. Der 
Nachweis einiger Wahnvorstellungen oder Sinnestäuschungen ge- 
nügte für die klinische Kennzeichnung. Man ging dabei von der Vor- 
stellung aus, daß jeder Paranoiker eigentlich einen geistig verarbei- 
teten Wahn, ein ,, System* ' habe, das auch als die Grundlage seiner 
Verstimmungen und Erregungen wie seines krankhaften Handelns 
betrachtet wurde. Allerdings zeigte die Beobachtung selbst, daß in 
sehr vielen Fällen von einem Wahnsystem nicht recht etwas nach- 
zuweisen war, sondern daß nur einzelne, dürftige, zusammenhangs- 
lose oder verworrene Wahnvorstellungen geäußert wurden. Um 
den Widerspruch zwischen Voraussetzung und Befund zu erklären, 
pflegte man zu der Annahme zu greifen, entweder, daß der Kranke 



ijlO XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

zwar ein Wahnsystem besitze, aber aus irgendwelchen Gründen 
davon keine Mitteilung mache, oder, daß ein System zwar früher 
bei ihm bestanden habe, daß es jedoch bereits ,, zerfallen" sei. In 
diesem Falle handelte es sich um einen ,, alten Paranoiker", der 
freilich an Jahren noch sehr jung sein konnte. Die weitere Er- 
fahrung hat gelehrt, daß beide Annahmen, wenn sie auch in einem 
einzelnen Falle einmal zutreffen mochten, das Fehlen eines syste- 
matisierten Wahnes bei der ungeheuren Zahl der vermeintlichen 
Paranoiker nicht erklären konnten. Vielmehr stellte sich klar 
heraus, daß es sich hier um Krankheitsbilder handelte, die ihrem 
Wesen nach in der Regel nicht von systematisierten, sondern von 
zerfahrenen, widerspruchsvollen, wechselnden, ärmlichen Wahn- 
bildungen begleitet waren. Der Hauptsache nach handelte es sich 
um diejenigen Formen, die wir heute unter dem Namen der De- 
mentia praecox zusammenfassen. Daneben kamen vielleicht noch 
einzelne Fälle von senilen, epileptischen, syphilitischen Erkran- 
kungen in Betracht. 

Wenn man nun aber auch für die Diagnose der Paranoia auf die 
Forderung eines einigermaßen feststehenden, geistig verarbeiteten 
Wahnes zurückkam, zeigte es sich, daß die noch immer recht große 
Gruppe derartiger Fälle keineswegs klinisch einheitlich erschien. 
Vor allem trat die Tatsache hervor, daß die Entwicklung der Krank- 
heit zumeist von mehr oder weniger lebhaften und ausgebreiteten 
Sinnestäuschungen begleitet war, während sich in einer kleineren 
Zahl von Fällen die Ausbildung des Wahnes dauernd oder doch 
lange Jahre hindurch lediglich mittels krankhafter Deutung wirk- 
licher Vorkommnisse oder durch Erinnerungsfälschungen vollzog. 
Diesem Unterschiede suchte man durch die Aufstellung einer 
halluzinatorischen und einer kombinatorischen oder einfachen 
Paranoia gerecht zu werden. Ferner zeigte es sich, daß manche 
Fälle, und zwar vorzugsweise die mit lebhaften Sinnestäuschungen 
einhergehenden Formen, die Neigung zu verhältnismäßig raschem 
Übergange in geistige Schwächezustände darboten, die sich in 
Abenteuerlichkeit der Wahnvorstellungen, Urteilslosigkeit, Zer- 
fahrenheit und gemütlicher Stumpfheit kundgab. Demgegenüber 
sah man andere Kranke, namentlich solche mit rein kombinatori- 
scher Wahnbildung, bisweilen Jahrzehnte hindurch ohne wesentliche 
Einbuße ihrer psychischen Leistungsfähigkeit unverändert bleiben. 



Begriffsbestimmung. 1 7 1 1 

Diese Erfahrungen mußten die Annahme nahelegen, daß der 
Verschiedenheit des Verlaufes und Ausganges auch eine solche im 
Wesen des Krankheitsvorganges entsprechen werde. Deswegen habe 
ich mich entschlossen, zunächst die sich ganz schleichend ent- 
wickelnden und nicht zu ausgesprochenen psychischen Schwäche- 
zuständen führenden Formen als Paranoia im engeren Sinne von 
den übrigen abzutrennen. Der dabei verbleibende, weit umfang- 
reichere Rest stellte die ,, paranoiden" Erkrankungen dar, eine in 
sich noch keineswegs einheitliche, sondern aus recht verschiedenen 
Bestandteilen zusammengesetzte Gruppe. Da ihre Hauptmasse 
immerhin von Fällen gebildet wurde, die in vielen klinischen Einzel- 
zügen wie in Verlauf und Ausgang unverkennbare Übereinstim- 
mungen mit der Dementia praecox aufwiesen, glaubte ich sie zu- 
nächst, bis zur weiteren Klärung dieser Fragen, als paranoide 
Formen der genannten Krankheit angliedern zu sollen. Die weitere 
Erfahrung hat mich aber dazu veranlaßt, wie früher ausführlich 
dargelegt, einige kleinere Gruppen wegen der abweichenden Ge- 
staltung ihrer Endzustände unter der Bezeichnung der Paraphrenien 
wieder von den paranoiden Verlaufsformen der Dementia praecox 
abzutrennen. 

Die Betrachtung der Ursachen und der Entwicklungsgeschichte 
paranoischer und paranoider Erkrankungen lehrt, daß in dieser 
Richtung eine große Mannigfaltigkeit herrscht. Man pflegte früher, 
wo die Zustandsbilder in erster Linie als Richtschnur für die Ab- 
grenzung von Krankheitsbildern dienten, auf diesen Umstand kein 
besonderes Gewicht zu legen. Mir scheint jedoch, daß mit fort- 
schreitender Erkenntnis der wahren Ursachen des Irreseins die 
Abhängigkeit des klinischen Bildes von seinen Entstehungsbedin- 
gungen deutlicher hervortritt, mag auch unsere Einsicht in diese 
Verhältnisse bisher noch eine beklagenswert unzulängliche sein. 
Versucht man, nach diesem Gesichtspunkte zu gruppieren, so stellt 
sich heraus, daß sich sowohl unter den paranoiden wie unter den 
paranoischen Erkrankungen im oben umschriebenen Sinne eine 
gewisse Zahl von Beobachtungen findet, die sicher oder doch mit 
größter Wahrscheinlichkeit auf bestimmte äußere Ursachen zurück- 
zuführen sind. Dahin gehören einerseits manche alkoholische und 
syphilitische Psychosen, sodann aber namentlich auch eine Reihe 
von psychogenen Irreseinsformen. Es empfiehlt sich daher, wie es 



1^12 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

auch in unserer Darstellung geschehen ist, derartige Beobachtungen 
von vornherein auszuscheiden und zu besonderen Gruppen zu ver- 
einigen. Wir behalten dann für die uns hier allein beschäftigende 
,, echte" Paranoia nur solche Fälle übrig, die sich rein aus inneren 
Ursachen heraus entwickeln. 

Eigentümliche Schwierigkeiten entstehen dabei, wie schon früher 
angedeutet, für die Einordnung des Querulantenwahns. Er galt 
lange Zeit als die am besten gekennzeichnete Form der Paranoia, 
bei der namentlich die Systematisierung des Wahns, seine Ein- 
förmigkeit und Unerschütterlichkeit, weiterhin die Beschränkung 
des Krankheitsvorganges auf gewisse Vorstellungskreise, die dau- 
ernde Erhaltung der psychischen Persönlichkeit, das Ausbleiben 
von Verblödungserscheinungen deutlich ist. Auch mir haben diese 
Eigentümlichkeiten des Querulantenwahns als Vorbild für die Um- 
grenzung des Paranoiabegriffes gedient. Es ist jedoch unverkenn- 
bar, daß in einer Hinsicht ein auffallender Unterschied zwischen 
dem Querulantenwahne und den ihm sonst nach allen aufgeführten 
Richtungen hin ähnlichen Paranoiaformen besteht, in der An- 
knüpfung der Wahnbildung an einen bestimmten äußeren An- 
laß, an die gemütlich stark erregende, wirkliche oder vermeintliche 
rechtliche Benachteiligung. In dieser Beziehung läßt sich vielmehr 
eine Übereinstimmung mit anderen, psychogenen Erkrankungen 
feststellen, namentlich mit manchen Formen der Gefängnispsychosen 
und der Unfallsneurose. Man wird daher die Frage zu prüfen haben, 
ob nicht die Verwandtschaft des Querulantenwahns mit den ge- 
nannten klinischen Formen eine engere ist, als mit den paranoischen 
Erkrankungen. Auf Grund der mir vorliegenden Erfahrungen habe 
ich geglaubt, diese Frage bejahen zu sollen, und deswegen den 
Querulantenwahn, der früher als eine Unterform der Paranoia auf- 
gefaßt worden war, in die Gruppe der psychogenen Psychosen ein- 
gereiht, in die Nähe jener anderen, ebenfalls querulatorische Züge 
annehmenden Krankheitsformen. 

Es soll jedoch betont werden, daß dieser Verschiebung nur eine 
verhältnismäßig untergeordnete Bedeutung zukommt. In gewissem 
Sinne darf auch der Paranoia eine psychogene Entstehungsweise zu- 
geschrieben werden ; auch bei ihr können bestimmte Lebenserfah- 
rungen einen maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung des Wahn- 
systems gewinnen. Der Unterschied liegt nur darin, daß hier die 



Begriffsbestimmung. 1 7 1 3 

eigentlich treibenden Kräfte für die krankhafte Verarbeitung der 
Lebensereignisse lediglich im Kranken selbst gelegen sind, während 
bei den verschiedenen Querulanten der äußere Anlaß die maßgebende 
Voraussetzung für die Entstehung des Krankheitsbildes liefert. Aller- 
dings ist darauf hinzuweisen, daß auch im letzteren Falle wieder eine 
eigenartige Veranlagung die allgemeine Grundlage für die Entwick- 
lung querulatorischer Erscheinungen bilden muß, da eben unter den 
gleichen äußeren Bedingungen nur ein Bruchteil der Erkrankungen 
gerade diese Richtung nimmt. Die Unterschiede in der Entstehungs- 
geschichte des Querulantenwahns und der Paranoia laufen somit 
nur auf eine gewisse Verschiebung des Verhältnisses zwischen 
äußeren, psychogenen Einflüssen und inneren Krankheitsursachen 
hinaus. Dazu kommt aber weiterhin noch die besondere, auf den 
Kampf mit der Rechtsordnung gestimmte Eigenart der Querulanten, 
die dann durch den äußeren Anlaß in eine ganz bestimmte, von 
dem Verhalten der Paranoiker vielfach abweichende Entwicklungs- 
richtung hineingetrieben wird. * 

Suchen wir an der Hand dieser Erörterungen den Begriff der 
Paranoia zu bestimmen, wie er unserer folgenden Darstellung zu- 
grunde liegt, so würde es sich bei ihr um die aus inneren 
Ursachen erfolgende, schleichende Entwicklung eines 
dauernden, unerschütterlichen Wahnsystems handeln, das 
mit vollkommener Erhaltung der Klarheit und Ordnung 
im Denken, Wollen und Handeln einhergeht. Hierbei pflegt 
sich jene tiefgreifende Umwandlung der gesamten Lebensanschau- 
ung, jene „Verrückung" des Standpunktes gegenüber der Umwelt 
zu vollziehen, die man mit dem Namen der ,, Verrücktheit" zu 
kennzeichnen wünschte. 

Die Entwicklung des hier besprochenen Krankheitsbegriffes hat 
sich in der französischen Psychiatrie wesentlich anders vollzogen. 
Während es sich in Deutschland hauptsächlich um Fragen der Ein- 
teilung und Gruppierung der Geistesstörungen handelte, waren die 
französischen Forscher weit mehr bemüht, klinische Einzelformen 
in möglichst lebendiger Darstellung zu schildern. Der mannig- 
faltige Inhalt der Wahnvorstellungen, des „delire", wurde berück- 
sichtigt, seine Entstehung aus Sinnestäuschungen oder wahnhaften 
Deutungen, „interpretations delirantes", seine Verarbeitung (delire 
systematise) , der psychische Allgemeinzustand der Kranken (folie 



I^ 14 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

lucide, raisonnante"). Von besonderer Bedeutung für die hier be- 
sprochene Frage wurden die Arbeiten von Fair et und Lasegue. 
Ersterer beschrieb die fortschreitende Entwicklung der Wahn- 
bildung, von einer Vorbereitungszeit zu derjenigen des systema- 
tischen Aufbaues und endlich der gleichförmigen Fixierung des 
Wahnes, und kennzeichnete damit eine Eigentümlichkeit des Ver- 
laufes, der wir vielfach bei der echten Paranoia, aber auch bei 
der Dementia paranoides und bei paraphrenischen Erkrankungen 
begegnen. Lasegue stellte das Krankheitsbild der verfolgten Ver- 
folger, der „persecuteurs persecutes" auf, das namentlich die 
Querulanten, aber auch andere Formen des Verfolgungswahns 
umfaßt, bei denen die Kranken schließlich zu gefährlichen An- 
griffen gegen ihre vermeintlichen Feinde schreiten. 

Von einem wesentlich anderen Standpunkte aus trat Magna n der 
Lösung der Paranoiafrage näher. Seine klinischen Anschauungen 
sind von dem Bestreben beherrscht, die Geistesstörungen der Ent- 
arteten von den auf gesunder Grundlage erwachsenden Formen ab- 
zugrenzen. Die kennzeichnende paranoide Erkrankung der letzteren 
Gruppe ist das früher von uns besprochene „delire chronique a evo- 
lution systematique", während der ersteren einmal die verfolgten Ver- 
folger und die Querulanten, sodann diejenigen wahnbildenden Krank- 
heitsformen angehören, die sich durch ihre ,, atypische*' Gestaltung 
mehr oder weniger weit von dem Vorbilde des „delire chronique* ' 
entfernen, durch Plötzlichkeit der Entwicklung, die Verbindung ver- 
schiedener Richtungen der Wahnbildung, Abweichungen im Verlaufe. 
Wenn der für Magnan maßgebende Einteilungsgrund heute auch 
kaum mehr als berechtigt anerkannt werden kann, so bedeutete 
doch seine Einteilung, die Querulanten und echte Paranoiker einiger- 
maßen von anderen, paranoiden Erkrankungen abtrennte, einen 
entschiedenen Fortschritt. 

Die jüngste Entwicklung der französischen Psychiatrie hat Auf- 
fassungen der Paranoialehre gebracht, die sich, ungeachtet mancher 
Abweichungen im einzelnen, doch so ziemlich in den gleichen 
Bahnen bewegen wie die hier versuchte Darstellung. R£gis hat 
eine ,,psychose systematisee progressive" aufgestellt, die mit ihrer 
chronischen Entwicklung eines Wahnsystems ohne Sinnestäu- 
schungen in der Hauptsache der ,, echten" Paranoia entsprechen 
dürfte. Serieux, der diesen Fragen zahlreiche Arbeiten gewidmet 



Allgemeine Krankheitszeichen. 17*5 

hat, trennt scharf voneinander das „delire d'interpretation" und das 
„delire de revendication" ; ersteres umfaßt genau unsere Paranoia, 
letzteres den Querulantenwahn. Daß und warum ich diese Ab- 
grenzung für begründet halte, wurde bereits erörtert. Von ver- 
schiedenen Forschern, namentlich von Dupre, ist endlich noch 
ein ,, delire d'imagination" beschrieben worden, bei dem reine 
Einbildungen beziehungsweise Erinnerungsfälschungen, ohne An- 
knüpfung an wirkliche Wahrnehmungen, die treibende Kraft der 
Wahnbildung sein sollen. Auch Neisser hat von einer ,, konfabu- 
lierenden Paranoia" gesprochen. Wenn ich von der früher beschrie- 
benen konfabulierenden Paraphrenie absehe, scheint mir kein 
eigentlich paranoisches Krankheitsbild unter dem angeführten Ge- 
sichtspunkte abgrenzbar zu sein. Allerdings spielen phantastische 
Erfindungen und Erinnerungsfälschungen in der Entstehungs- 
geschichte des Wahnes vielfach eine erhebliche Rolle, aber doch 
immer nur neben anderen wahnbildenden Vorgängen. Wo jene 
ersteren ausschließlich das Feld beherrschen, dürfte es sich mehr 
um krankhafte Lügner und Schwindler handeln, um „Mythomanen" 
nach Dupres Bezeichnung. — 

Das Krankheitsbild der Paranoia ist verhältnismäßig arm an 
Einzelzügen, da sich die auffallenderen Störungen nur über enge 
Gebiete des Seelenlebens erstrecken, andere aber ganz oder nahezu 
unberührt lassen. Wahrnehmung und Auffassung gehen im all- 
gemeinen unbehindert vonstatten, wenn auch die Eindrücke viel- 
fach in krankhafter Weise gedeutet werden. Die Kranken bleiben 
dauernd besonnen, klar und geordnet. Eigentliche Sinnestäuschungen 
sind, wie ich nach neueren Erfahrungen und in Übereinstimmung 
mit Serieux annehmen muß, dem Krankheitsbilde fremd; in 
einem meiner Fälle, in dem sich nach langjähriger Krankheit zahl- 
reiche Gehörstäuschungen entwickelten, stellte sich später heraus, 
daß wahrscheinlich eine syphilitische Hirnerkrankung bestand. 

Dagegen berichten die Kranken nicht selten über vereinzelte oder 
häufigere visionäre Erlebnisse, die meist in die Nacht verlegt 
werden, bisweilen aber auch bei irgendeinem besonderen Anlasse am 
Tage aufgetreten sein sollen. Sie sehen Sterne, glänzende Figuren, 
göttliche Erscheinungen. Es ist möglich, daß es sich hierbei öfters 
um traumartige Verzückungen handelt. In anderen Fällen werden 
natürliche Vorkommnisse umgedeutet; im Vollmonde wird Gott- 



Ijj6 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

vater sichtbar ; eine Wolke nimmt die Gestalt eines apokalyptischen 
Tieres an. Manchmal aber erwecken die Schilderungen der Kranken, 
die sich meist auf weit zurückliegende Vorkommnisse beziehen, 
den Verdacht auf Erinnerungsfälschungen ; so sah eine Kranke an- 
geblich schon mit 4 Jahren den Himmel offen. Bisweilen erhalten 
die Kranken bei solchen Anlässen auch Aufträge oder Verheißungen 
von Gott ; einem Kranken wurde der Segen Esaus auf die linke, der 
Segen Jakobs auf die rechte Schulter verliehen. Andere werden 
vom Teufel bedroht, gewürgt, bestehen Kämpfe. Solche Erlebnisse 
werden von den Kranken stets als übernatürliche, aus dem Rahmen 
der gewöhnlichen Erfahrung herausfallende Vorkommnisse auf- 
gefaßt. Einzelne Kranke behaupten auch wohl, dauernd mit Gott 
in Verbindung zu stehen, von ihm Eingebungen zu erhalten, aber 
es handelt sich dabei niemals um wirkliche Gehörstäuschungen, 
sondern immer nur um das Auftauchen mahnender, warnender, 
verheißender Gedanken, die nach Art der ,, Stimme des Gewissens" 
auf übersinnliche Einflüsse zurückgeführt werden. 

Das Gedächtnis und die Merkfähigkeit der Kranken zeigt auf 
Gebieten, die außerhalb ihres Wahnes liegen, keine Störung. Über- 
aus häufig sind jedoch Erinnerungsfälschungen, die in engster 
Beziehung zu den krankhaften Vorstellungskreisen zu stehen pflegen. 
Bald handelt es sich nur um die nachträgliche Umwertung und Um- 
wandlung von Erlebnissen, bald um das Auftauchen völlig erfundener 
Äußerungen oder Vorkommnisse in der Form von Erinnerungsbildern. 
Der Kranke berichtet über Mitteilungen, die ihm in geheimnisvoller 
Weise gemacht wurden, über Begegnungen, die er mit hervorragen- 
den Personen hatte, über seltsame Angriffe, denen er ausgesetzt war. 
Sehr bemerkenswert ist dabei immer das unbedingte, blinde Zu- 
trauen, das den angeblichen Äußerungen beliebiger Personen über 
die wichtigsten Geheimnisse geschenkt wird. Öfters sind es ganz 
verwickelte Erlebnisse, die mit allen Einzelheiten wiedergegeben 
werden. Der Eifersüchtige sah und hörte seine Frau sich in der 
schamlosesten Weise mit seinem Nebenbuhler vergehen ; auf den 
Kranken fiel ein Schuß, der ihm den Hut herunterriß und ihn zu 
Boden streckte; zugleich erschien jemand mit einem Messer, um 
sein Gesicht zur Unkenntlichkeit zu zerschneiden. 

Bisweilen kann man es unmittelbar verfolgen, wie derartige Er- 
innerungen in dem Kranken auftauchen und sich festsetzen. Einzelne 



Allgemeine Krankheitszeichen. I7 J 7 

Kranke geben an, das Eintreten dieses oder jenes Ereignisses, so ihre 
Verbringung in die Irrenanstalt, schon vorher gewußt zu haben ; es 
sei ihnen sofort wieder eingefallen. Ein Kranker meinte, schon früher 
sei alles wahr geworden, was er sich dachte ; andere behaupten, sie 
könnten prophezeien. Die Abenteuerlichkeit und offenkundige Un- 
wahrscheinlichkeit der vorgebrachten Erzählungen macht es öfters 
leicht, sie als Erinnerungsfälschungen zu erkennen. Dahin ge- 
hören die Angaben der Thronanwärter über die Aufklärungen, die 
sie schon in der Jugend über ihre Geburt und über ihre Ansprüche 
erhalten haben. In anderen Fällen, wo mit großer Bestimmtheit 
über Wahrnehmungen berichtet wird, die im Rahmen des Möglichen 
oder sogar Wahrscheinlichen liegen, kann es außerordentlich schwie- 
rig werden, die krankhafte Entstehungsgeschichte der Fehlerinne- 
rungen aufzudecken. So wird man beim Eifersuchtswahn öfters im 
Zweifel darüber sein, wie weit den Berichten der Kranken über 
angebliche verdächtige Wahrnehmungen, ja über scheinbare Zu- 
geständnisse des Ehegatten wirkliche Vorgänge oder wahnhafte 
Erfindungen zugrunde liegen. Die letztere Annahme wird, abgesehen 
von allgemeinen Wahrscheinlichkeitsgründen, berechtigt sein, wenn 
die Kranken ihre Erzählung mit sehr genauen, sich bei Wieder- 
holungen noch häufenden Einzelheiten ausschmücken, wenn sie 
ihre angeblichen Beobachtungen erst lange Zeit nachher vorbringen, 
sowie wenn ihr Verhalten bei und nach den geschilderten Erlebnissen 
durchaus nicht demjenigen entsprach, was man in Wirklichkeit 
hätte erwarten müssen. 

Es ist mir nicht zweifelhaft, daß die Rolle der Erinnerungs- 
fälschungen in der Paranoia vielfach unterschätzt worden ist. Man 
findet nicht selten die Angabe, daß die Wahnbildung hier bis in die 
frühe Kindheit zurückgehen könne, ein Umstand, der als besonders 
beweisend für den Ursprung des Leidens aus einer krankhaften An- 
lage betrachtet worden ist. Wenn auch die Richtigkeit dieser letz- 
teren Anschauung rückhaltslos anerkannt werden kann, halte ich 
doch ihre Begründung durch Aussagen der Kranken über wahn- 
hafte Erlebnisse in der Kindheit nicht für stichhaltig. Offenbar 
sind sie ebenso der Ausdruck von Erinnerungsfälschungen wie die 
entsprechenden Erzählungen bei der Dementia praecox und der 
Paraphrenie. 

In noch ungleich höherem Grade, als das Bild der Vergangen- 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 21 



lyiS XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

heit, wird die psychische Verwertung der gegenwärtigen Erlebnisse 
durch die wahnbildenden Vorgänge beeinflußt. Die hier das Krank- 
heifobild beherrschende Störung läßt sich vielleicht am besten mit 
dem Ausdrucke Beziehungswahn kennzeichnen. Zahlreiche 
Eindrücke und Vorkommnisse werden nicht in ihrer nüchternen 
Alltäglichkeit hingenommen, sondern sie treten in irgendeine Be- 
ziehung zum eigenen Wohl und Wehe. Vor allem ist es das Tun 
und Treiben der Menschen, das diese vorurteilsvolle Deutung er- 
fährt. Die Mienen und Blicke der Vorübergehenden, eine Hand- 
bewegung, ein Achselzucken haben für den Kranken einen geheim- 
nisvollen, bald quälenden und peinigenden, bald erhebenden und 
beglückenden Sinn. Man will ihn damit beleidigen, tadeln, ver- 
ächtlich machen, warnen, aufmuntern, ihm irgendeine wichtige 
Mitteilung zukommen lassen. Ein zufällig aufgefangenes Wort, 
eine Bemerkung am Nebentische enthält eine versteckte Anspielung ; 
es ist ,,die gewohnte Bildersprache"; ,,sie haben gemeint, ich ver- 
steht nicht", meinte ein Kranker. Die Gespräche der Tischgesell- 
schaft deuten halbverhüllt auf ein geheimes Einverständnis hin; 
der Kranke ,, merkt, daß etwas da ist, weiß aber nicht, was es ist". 
Die gleichen Redewendungen werden mit auffallender Absicht- 
lichkeit bei ganz bestimmten Gelegenheiten zu Tode gehetzt ; man 
pfeift in bemerkenswerter Weise gewisse Lieder, um damit auf kleine 
Erlebnisse in der Vergangenheit des Kranken hinzuweisen, ihm Winke 
für sein Handeln zu geben. In Theaterstücken, im neuesten Zeitungs- 
roman finden sich Beziehungen auf sein Tun und Treiben; der 
Geistliche auf der Kanzel, ein Wahlredner macht nicht mißzuver- 
stehende Anspielungen über seine Person. Er begegnet plötzlich 
immerfort denselben Menschen, die ihn anscheinend beobachten, 
ihm wie zufällig folgen; man fixiert ihn, räuspert sich, hustet um 
seinetwillen, spuckt vor ihn hin oder weicht ihm aus. In öffent- 
lichen Lokalen rückt man von ihm fort oder steht auf, sobald er 
erscheint, wirft ihm verstohlene Blicke zu und kritisiert ihn. Die 
Droschkenkutscher, Eisenbahnschaffner, Arbeiter unterhalten sich 
über ihn. Überall ist die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet; seine 
Kleidung wird trotz ihrer Ungewöhnlichkeit von zahlreichen Un- 
bekannten nachgeahmt. Einzelne Bemerkungen, die er hat fallen 
lassen, werden sofort zur öffentlichen Parole. Einer meiner Kranken 
hatte gelb als die Farbe des Verstandes bezeichnet ; am nächsten 



Allgemeine Krankheitszeichen. ij ig 

Tage trug alle Welt gelbe Rosen, um ihm, da die Rose das Symbol 
des Schweigens ist, anzudeuten, daß er klug sein und schweigen 
solle. „Wer will all das aufzählen, was hier zu mir spricht!" 

Alle diese Erfahrungen sind an sich ganz gleichgültigen Inhalts ; 
sie erscheinen ,, jedem nicht Eingeweihten ganz natürlich", als Zu- 
fälligkeiten, aber der Kranke merkt nur zu deutlich, daß alles mit 
der ausgesuchtesten Schlauheit ,, gemacht" wird, daß es sich um die 
,, künstliche Erzeugung von Zufällen" handelt, hinter der sich 
irgendein niederträchtiger Anschlag, eine wichtige Staatsaktion 
verbirgt. Allerdings wird das ganze Spiel äußerst geschickt ein- 
gefädelt, um ihn zu täuschen, oder um nicht vorzeitig große Zu- 
kunftspläne zu enthüllen. So oft er jemanden offen zu Rede stellt 
und zu erkennen gibt, daß er alles durchschaut, tut man ganz un- 
schuldig und erfindet allerlei Ausflüchte ; man steuert nicht gerade- 
zu, sondern auf Umwegen dem Ziele zu, indem die wirklichen 
Zwecke nur in verschleierten Andeutungen berührt werden. Man 
kommt ihm freundlich entgegen, um seine Wachsamkeit zu täu- 
schen, verwickelt ihn in eigentümliche Gespräche, macht ihm 
allerlei Vorspiegelungen mit Hintergedanken, deren wahren Sinn 
er freilich sofort erkennt. 

Von der ganz eigentümlichen Verschiebung, die sich in dem 
Verhältnisse des Kranken zur Außenwelt vollzieht, gibt vielleicht 
eine Vorstellung die folgende Stelle aus dem Tagebuche eines 
Kranken, der sich von einem Geheimbunde zur Beförderung der 
Päderastie aufs Korn genommen glaubte : 

„Daß eine Verbindung mit Zwecken, wie sie aus diesen Zeilen ersicht- 
lich sind, alles aufbietet, um dieselben nicht in die Öffentlichkeit kommen 
zu lassen, und daher in versteckter oder symbolischer Form Propaganda zu 
machen sucht, ist einleuchtend. Da sie nun nicht sicher sein kann, welche 
Stellung der von ihr Beeinflußte der Sache gegenüber einnehmen wird, so 
sucht sie durch allerlei mit der Hauptbestrebung gleichsam parallel laufende, 
aber in sich unschuldige Kunstgriffe denselben zu verwirren bzw. sich vor 
unliebsamen Enthüllungen zu schützen. So z. B. hatte ich mir damals, 
wie dies ja bei fast allen Menschen der Fall ist, einige stereotype Redens- 
arten angewöhnt, unter anderem: ,, Gewiß!" und „Kaum zu glauben", und 
siehe da, ich fand diese beiden Sentenzen und noch manches andere in 
rascher Aufeinanderfolge als Überschrift einer Reklame fett gedruckt im 
Generalanzeiger. Daraus mußte ich natürlich schließen, daß das Zufall 
und mein Leben also tagtäglich aus lauter Zufällen zusammengesetzt sei, 
so daß es schließlich das reinste phantastische Doppelleben geworden wäre. — 
Das ist allerdings kaum zu glauben! — " 

21* 



1^20 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Sehr häufig werden innere Zusammenhänge zwischen zwei 
zufällig aufeinander folgenden Ereignissen angenommen. Ein 
Kranker unterbreitete dem badischen Ministerpräsidenten eine 
Karte, auf der die noch nicht besetzten Gebietsteile der Erde an- 
gezeichnet waren ; unmittelbar darauf begann die deutsche Kolonial- 
politik. 

Bisweilen gewinnen auch Naturereignisse für den Kranken eine 
besondere Bedeutung. Das eigentümliche Blinken der Sterne, die 
Änderung des Wetters, der Flug der Vögel, der Klang der Glocken 
versinnbildlichen nach irgendeiner Richtung hin Lebensereignisse 
oder Zukunft des Kranken. Sie erschrecken oder ermutigen ihn, 
enthalten Drohungen oder Verheißungen. Gewöhnlich handelt es 
sich um vereinzelte Vorkommnisse, bei denen sich der Kranke in 
besonders empfänglicher Stimmung befindet. Hier finden sich Be- 
rührungspunkte mit dem gewöhnlichen Aberglauben, der ebenfalls 
den zufälligen Vorkommnissen in der Außenwelt tiefe Beziehungen 
zum eigenen Schicksal zuschreibt; man denke an die Beweggründe, 
die den einzelnen veranlassen können, gerade mit dieser oder jener 
Nummer sein Glück in der Lotterie zu versuchen! 

Die wahnhaften Deutungen führen gelegentlich zu eigentüm- 
lichen Personenverkennungen, bei denen äußere Ähnlichkeiten 
durchaus gar keine Rolle spielen. Ein vorbeireitender Offizier ist 
der Landesfürst oder doch sein Adjutant, der dem Kranken so ein 
Zeichen geben will; eine Dame im Wagen ist eine Prinzessin, die 
sich mit ihm in Beziehung zu setzen sucht. Seine Verfolger, die 
überall auftauchen, erkennt der Kranke trotz ihrer Vermummungen 
und äußeren Veränderungen unfehlbar sofort wieder; auch die ge- 
heimnisvolle Geliebte kann unter Umständen die mannigfaltigsten 
Gestalten annehmen. 

Als gemeinsame Quelle der Erinnerungsfälschungen wie der 
wahnhaften Deutungen dürfen wir wohl die Neigung zu krank- 
haften Einbildungen ansehen, wie sie von Dupre und Logre 1 ) 
als ,,delire d'imagination" beschrieben worden ist. Vor dem gei- 
stigen Auge der Kranken tauchen Vorstellungsreihen auf, die ihnen 
bald ein Netz geheimer Machenschaften vorspiegeln, in dessen 
Maschen sie sich rettungslos verstricken, bald beglückende Zu- 
kunftshoffnungen, deren Erfüllung sie zuversichtlich entgegen- 

x ) Dupre et Logre, L'Encephale 1911, 209. 



Allgemeine Krankheitszeichen. 1721 

sehen. Auch dem Gesunden können sich mit oder ohne äußeren 
Anlaß unheimliche Ahnungen aufdrängen; er kann Luftschlösser 
bauen, sich mit der Ausmalung lockender Glücksmöglichkeiten 
beschäftigen und heilverheißende Zeichen mit Befriedigung auf- 
nehmen. Während er sich aber doch stets der Unwirklichkeit seiner 
Gedankenspiele bewußt bleibt und sie durch Überlegung berichtigt, 
erscheinen sie dem Kranken als der zuverlässige Ausdruck der 
Wirklichkeit. Sie gewinnen einen maßgebenden Einfluß auf sein 
gesamtes Denken und Handeln und werden durch Nachdenken und 
Erfahrungen nicht verscheucht, sondern sie wandeln ihrerseits 
Erinnerungsschatz, geistige Verarbeitung der Lebensereignisse und 
Weltanschauung in entscheidender Weise um. 

Die Verstandesstörung, die das Krankheitsbild der Paranoia 
beherrscht, läßt sich somit nach zwei Richtungen hin kennzeichnen. 
Einmal trägt die gesamte Denkarbeit ein krankhaft persönliches 
Gepräge. Der Kranke ist der Mittelpunkt einer Umgebung, die sich 
in der mannigfaltigsten Weise nur mit ihm und seinem Schicksale 
beschäftigt ; was um ihn herum geschieht, ist nicht gleichgültig 
oder zufällig, sondern hat eine tiefere Beziehung zu ihm selbst. 
Weiterhin aber fehlt ihm die Fähigkeit, die Erzeugnisse seiner 
Einbildungskraft mit dem Maßstabe nüchterner Erfahrung zu 
messen. Sie haben für ihn jene unmittelbare Gewißheit des 
Glaubens, die dem Zweifel überhaupt keinen Raum läßt. 

Das Ergebnis dieser Störungen ist die der Paranoia eigentümliche 
Wahnbildung, die sich nach den beiden Grundrichtungen des Be- 
einträchtigungs- und des Größenwahns hin entwickeln kann. 
Der Wahn pflegt hier ganz langsam, binnen vieler Jahre, zu reifen. 
Zunächst hält er sich im Rahmen mißtrauischer Vermutungen, 
hochmütiger Selbstüberschätzung, geheimer Hoffnungen, die aber 
aus der vorurteilsvollen Verwertung der Lebenserfahrungen immer 
neue Nahrung ziehen und sich mehr und mehr befestigen. Gelegent- 
lich, unter dem Einflüsse besonderer Lebenslagen oder innerer Zu- 
stände, scheint es zu mehr schubähnlichem Fortschreiten des 
Wahns zu kommen, wenn nicht die Schilderungen der Kranken 
über solche Vorkommnisse nachträglich durch Erinnerungsfäl- 
schungen gefärbt sind. Bei irgendeinem Anlasse fällt es ihnen wie 
Schuppen von den Augen; blitzartig erhellen sich ihnen geheime 
Zusammenhänge; Erleuchtungen enthüllen ihnen Gegenwart und 



1^22 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Zukunft. Zu anderen Zeiten kann die Wahnbildung anscheinend 
viele Jahre lang stillstehen; die gleichen Vorstellungen werden, 
höchstens durch einige Erinnerungsfälschungen ausgeschmückt, in 
unveränderter Weise vorgebracht, ohne durch neue wahnhafte Er- 
lebnisse bereichert zu werden. 

Der Wahn der Paranoiker ist regelmäßig ,, systematisiert", 
geistig verarbeitet und einheitlich zusammenhängend, ohne grö- 
bere innere Widersprüche. Die Kranken bemühen sich, ein frei- 
lich arg egozentrisch verzerrtes Bild von ihrer Stellung im Getriebe 
des Lebens, eine Art Weltanschauung zu gewinnen. Sie bringen 
ihre Erfahrungen miteinander in Verbindung, suchen nach Ursache 
und Wirkung, nach Beweggründen und Zusammenhängen. Un- 
klarheiten und Widersprüche werden durch ausgleichende Ge- 
dankenarbeit nach Möglichkeit beseitigt, so daß ein Wahngebäude 
entsteht, das bei aller Unwahrscheinlichkeit und Unsicherheit der 
Grundlagen doch keine augenscheinlichen und unbedingten Unmög- 
lichkeiten zu enthalten pflegt. Selbst für Einwände sind die Kranken 
bis zu einem gewissen Grade zugänglich. Sie wissen sie zwar durch 
den Hinweis auf ihre besonderen inneren und äußeren Erfahrungen 
sofort zu widerlegen, erkennen aber doch wenigstens die Notwendig- 
keit an, ihre Behauptungen zu begründen und gegen Zweifel zu 
verteidigen. 

Gerade diese innerliche Verarbeitung des Wahnes führt dazu, daß 
er ein Bestandteil der geistigen Persönlichkeit wird, den 
Kranken in Fleisch und Blut übergeht. Damit hängt seine Uner- 
schütterlichkeit zusammen. Obgleich die Kranken vielleicht selbst 
zugeben, daß sie selten oder nie einen wirklich zwingenden Beweis 
für die Richtigkeit ihrer Auffassung erbringen können, prallt doch 
jeder Versuch, sie von der Wahnhaftigkeit ihrer Ideen zu überzeugen, 
wie an einer Mauer ab. Höchstens räumen sie ein, daß sich die Er- 
kenntnis des inneren Zusammenhanges aller der scheinbaren Zu- 
fälligkeiten nur vom Standpunkte jener persönlichen Überzeugung 
aus gewinnen läßt, ,,die einmal unerschütterlich bestand und be- 
stehen wird", wie ein Kranker sagte. „Ich lebe in der Einbildung, 
daß das keine Einbildung ist." Der Kranke fühlt daher auch bis- 
weilen, daß ein Uneingeweihter seinen Gedankengängen nicht über- 
all folgen kann, und fürchtet dann, daß seine Verfolger sich diese 
Sachlage zunutze machen möchten, um ihn für einen mit Ver- 



Allgemeine Krankheitszeichen. 1723 

folgungswahn Behafteten zu erklären. Von einer Krankheitsein- 
sicht ist niemals die Rede; ein Kranker meinte zwar, er wisse 
jetzt selbst, daß er geisteskrank sei, denn 

„so lange sich ein Mensch von dem heiligen lebendigen Gott, seinem 
Schöpfer und Erhalter, noch durch Sünde und Schuld oder seinen eigenen 
inneren bösen Geist, welcher von Fressen und Saufen lebt, noch geschieden 
weiß, also sich mit Gott im Geiste noch nicht eins weiß und in seinem Ge- 
wissen darum noch nicht durch den heiligen Geist gerechtfertigt fühlt, ist 
es selbstverständlich, daß er sich geisteskrank fühlen muß." 

Das ist natürlich keine Krankheitseinsicht, sondern eine ver- 
rückte Begriffsauslegung, hinter der deutlich die Anmaßung einer 
besonders strengen und rechtgläubigen Auffassung des Verhältnisses 
zu Gott erkennbar ist. Der Kranke fügte denn auch hinzu : ,,Dem 
heiligen, dreieinigen Gott gegenüber sind alle Menschen geistes- 
krank. " 

Die grundsätzliche Unwandelbarkeit der Wahnvorstellungen 
gilt mit einem gewissen Recht als ein Hauptkennzeichen der Pa- 
ranoia. Erst in neuester Zeit sind Zweifel darüber aufgetaucht, ob 
eine allzu schroffe Fassung dieses Satzes der Erfahrung entspricht. 
Einerseits sind von Friedmann 1 ) ,, milde Paranoiaformen" be- 
schrieben worden, bei denen nach einigen Jahren der Wahn all- 
mählich wieder zurücktritt. Andererseits hat Gaupp auf Fälle 
von „abortiver Paranoia" hingewiesen, in denen sich unter dem 
Einflüsse unliebsamer Lebensschicksale weniger starre Wahn- 
systeme herausbilden, die ohne eigentliche Berichtigung wieder 
verblassen können. Wir werden späterhin zu prüfen haben, wie weit 
es angängig scheint, die genannten Beobachtungen dem Krank- 
heitsbegriffe der Paranoia einzuordnen. In Betracht "zu ziehen ist 
jedoch wohl auch, daß die Unbeeinflußbarkeit des paranoischen 
Wahns schwerlich von vornherein vorhanden sein kann. Vielmehr 
dürfen wir annehmen, daß der Wahn in den langen Jahren der Vor- 
bereitung erst ganz allmählich heranwächst, daß die Kranken den 
sich ihnen aufdrängenden Vermutungen Widerstand leisten, sie 
zunächst zurückweisen, um dann nach langen inneren Kämpfen 
endgültig überwältigt zu werden. Man wird daher grundsätzlich 
die Möglichkeit kaum bestreiten können, daß die Entwicklung des 
Leidens einmal nicht über eine solche Vorbereitungszeit mit schwan- 
kenden Wahnbildungen hinausgedeiht. 

*) Fried mann, Monatsschr. f. Psychiatrie u. Neurol. XVII, 467. 



1724 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Die Stimmung der Kranken entspricht durchgängig dem In- 
halte der von ihnen geäußerten Wahnvorstellungen. Manche 
Kranke sind scheu, argwöhnisch, mißmutig, gereizt, andere selbst- 
bewußt und zuversichtlich. Vielfach ist für gewöhnlich überhaupt 
keine auffallendere Färbung der Stimmungslage erkennbar, tritt aber 
vielleicht bei der Erörterung über die Wahnideen deutlicher her- 
vor. Stärkere Schwankungen des gemütlichen Gleichgewichtes ge- 
hören, wie ich gegenüber den Darlegungen Spechts betonen möchte, 
nicht zum Krankheitsbilde. Dennoch wird man mit Bleuler 1 ) 
und Specht annehmen dürfen, daß in der Entstehungsgeschichte 
des paranoischen Wahns gemütliche Spannungen eine erhebliche 
Rolle spielen, wenn ich auch Bleulers Neigung, bestimmte ,, affekt- 
betonte Komplexe" als den Ausgangspunkt der paranoiden Wahn- 
bildung zu betrachten, für zu weitgehend halte. Die beiden, sich 
häufig miteinander verbindenden, entgegengesetzten Richtungen 
der Wahnvorstellungen scheinen jedoch auf eine enge Beziehung 
zu Gemütsbewegungen hinzuweisen; wir haben es, wie Maier 2 ) 
es ausgedrückt hat, mit „katathymen" Wahnbildungen zu tun. 
Ihr Inhalt zeigt, wenn auch in krankhaft entwickelter Form, eine 
so bemerkenswerte Übereinstimmung mit jenen Befürchtungen, 
Wünschen und Hoffnungen, die auch beim Gesunden aus dem 
Gefühle der Unsicherheit und dem Streben nach Glück hervor- 
gehen, daß man versucht ist, hier an eine ähnliche Grundlage zu 
glauben. Auf der einen Seite begegnen wir der Furcht, verachtet, 
verhöhnt, von einer planmäßigen Verfolgung bedroht, in der Ehe 
betrogen zu werden, auf der anderen Seite der beglückenden 
Überzeugung, vornehmer Abstammung, der Erkorene einer hohen 
Persönlichkeit, Erfinder und Volksbeglücker, Auserwählter Gottes 
zu sein. 

Das Handeln und Benehmen der Kranken bleibt vielfach 
ohne deutlichere Störung. Meist sind sie imstande, dauernd selbst 
ihren Lebensunterhalt zu erwerben, ohne ihrer Umgebung sonder- 
lich aufzufallen. Allerdings treten öfters allerlei Eigentümlich- 
keiten in ihrer Lebensführung hervor. Ein Kranker äußerte sich, 



x ) Bleuler, Affektivität, Suggestibilität, Paranoia. 1906; Specht, Über den 
pathologischen Affekt in der chronischen Paranoia. 1901; Zentralbl. f. Nerven- 
heilk. u. Psychiatrie, 1908, 817. 

2 ) Maier, Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie XIII, 555. 



Allgemeine Krankheitszeichen. J 7 2 5 

soweit möglich, nur schriftlich, weil er der Ruhe und der Gemein- 
schaft mit Gott bedürfe; er schob häufiger mehrtägige Fasten ein 
und erklärte : 

,, Fasten und Beten schwächt den Menschen keineswegs, sondern das 
gerade Gegenteil; es stärkt den Geist, reinigt das Herz und macht den Men- 
schen frei von seiner sündhaften Natur." 

Manche Kranke ziehen sich zurück, vergraben sich in Büchern, 
verfassen umfangreiche Schriften ; andere ziehen unstet umher, 
wechseln häufig ihre Stellungen, tauchen bald da, bald dort auf. Zu 
regelmäßiger, ausdauernder Beschäftigung besteht wenig Neigung. 
Ein Kaufmann, der sich in Amerika ein kleines Vermögen er- 
worben hatte und krank von dort zurückgekehrt war, verzehrte 
allmählich sein Geld, bis er der Armenpflege anheimfiel, zu stolz, 
um eine seiner hohen Selbstschätzung nicht angemessene Arbeit zu 
übernehmen. Nun erst stellte sich heraus, daß er seit fast 20 Jahren 
an ausgeprägten Verfolgungs- und Größenideen litt. Vielfach bringen 
die Kranken trotz guter Anlagen doch nichts Rechtes fertig, sondern 
haben überall Mißerfolge, machen Ausgaben, die weit über ihre 
Verhältnisse hinausgehen, beschäftigen sich ohne genügendes Ver- 
ständnis und ohne Kenntnisse mit den schwierigsten Fragen. 
Dennoch sind sie nicht selten imstande, auf ihre Umgebung einen 
bedeutenden Einfluß auszuüben, sich ein gewisses Ansehen zu ver- 
schaffen, einzelne Personen von der Richtigkeit ihrer Wahnvor- 
stellungen zu überzeugen und sie auch wohl zu begeisterten An- 
hängern zu machen, wie wir es im Abschnitte über das induzierte 
Irresein näher geschildert haben. 

Mit dem Irrenarzte kommen die Kranken, falls überhaupt, 
regelmäßig erst spät und auch dann meist nur vorübergehend in 
Berührung, wenn sie durch irgendeine in der Richtung ihres Wahns 
liegende Handlung Aufsehen oder Anstoß erregt haben. Sie pflegen 
soviel Selbstbeherrschung zu besitzen, daß sie für gewöhnlich 
jedem Widerstreite mit den Gesetzen aus dem Wege gehen. Zudem 
sind sie niemals so gequält, daß sie durch übermächtige innere 
Spannungen zu rücksichtslosen Gewalttaten getrieben würden. 
Darum bleibt es meist bei verhältnismäßig harmlosen Handlungen, 
Schimpfereien, Drohungen, Zeitungsanzeigen, Beschwerden bei der 
Polizei, Versuchen, zu hochgestellten Personen vorzudringen, un- 
befugten Religionsübungen, Ausbeutung von Personen auf Grund 



1^26 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

wahnhafter Ansprüche. Hier und da kommt wohl auch einmal ein 
Selbstmordversuch vor. 

Auf körperlichem Gebiete bestehen keine greifbaren Abwei- 
chungen; Eßlust und Schlaf sind in der Regel ungestört. Manche 
Kranke bringen allerlei hypochondrische Beschwerden vor; sie 
klagen über Nervosität, Kopfdruck, Verdauungsschwäche, für die 
gern die ärztliche Behandlung verantwortlich gemacht wird. Sie 
nehmen dabei wohl auch zu allerlei absonderlichen, zum Teil 
selbsterfundenen Kuren ihre Zuflucht. — 

Die klinischeGruppierung der paranoischen Krankheitsbilder 
bietet deswegen besondere Schwierigkeiten, weil es, wie man es wohl 
ausgedrückt hat, soviel Formen wie einzelne Kranke gibt. In der 
Tat übt hier die durch das Leiden verhältnismäßig wenig berührte 
persönliche Eigenart einen weitgehenden Einfluß auf die Ausge- 
staltung der Krankheitserscheinungen aus. Die Mannigfaltigkeit 
der Einzelzüge wird daher eine viel größere, als etwa bei dem grob 
zerstörenden Krankheitsvorgange der Paralyse oder auch der De- 
mentia praecox. Dennoch wiederholen sich wenigstens gewisse all- 
gemeine Richtungen der Wahnbildung so regelmäßig, daß sie wohl 
als Anhaltspunkt für eine Zerlegung des Beobachtungsstoffes in 
einige kleinere Untergruppen dienen können. Wir werden dabei 
zunächst vielleicht am besten die Krankheitsbilder mit vorwiegen- 
dem Beeinträchtigungswahn und diejenigen mit Größenideen 
auseinanderhalten ; nach beiden Richtungen hin werden sich dann 
noch einige besondere Spielarten abtrennen lassen. 

Am häufigsten nimmt die Paranoia die Form des Verfolgungs- 
wahnes an. Der Kranke, der sich vielleicht schon lange zurück- 
gesetzt, ungerecht behandelt, unterdrückt, nicht genügend geschätzt 
fühlt, macht die Beobachtung, daß man ihm bei dieser oder jener 
Gelegenheit nicht mehr so freundlich entgegenkommt wie früher, 
daß man zurückhaltender gegen ihn ist, ihm aus dem Wege geht 
und trotz manchen, wie er meint, heuchlerischen Freundschafts- 
beweises nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Infolgedessen 
steigert sich seine Empfindlichkeit und sein Mißtrauen; er wird 
aufmerksam auf das Verhalten seiner Umgebung und findet all- 
mählich zahlreiche Anzeichen dafür, daß man planmäßig darauf 
ausgeht, ihn auf alle Weise zu schädigen, seine Stellung zu unter- 
graben, ihn unmöglich zu machen. ,,Ich lese jedem Menschen die 



Verfolgungswahn. 1 7 2 7 

Meinung aus dem Gesicht und höre gut", erklärte ein Kranker. 
Man überwacht und belauert ihn, schickt ihm Detektivs nach, die 
ihn beobachten und Material gegen ihn sammeln sollen. Auf der 
Straße hat er das Gefühl, als ob er Spießruten laufen müsse. Die 
Leute werfen ihm verächtliche Blicke zu, pfeifen und lachen hinter 
ihm her, fordern ihn heraus, suchen ihn zu reizen. Harmlose Be- 
merkungen enthalten versteckte Bosheiten ; allerdings spricht man 
sich nicht aus, sagt nichts Bestimmtes. In den ,, Fliegenden Blät- 
tern" finden sich anzügliche Verhöhnungen; überall wird gehetzt 
und verleumdet, gestichelt und schikaniert. ,, Alles ist Lug und 
Trug, Heuchelei ; ich traue keinem Menschen mehr ; niemand meint 
es gut mit mir", sagte ein Kranker. Man behandelt ihn in der 
wegwerfendsten Weise, äfft seine Stimme nach, gibt ihm Spott- 
namen, pfeift ihm wie einem Hunde, wirft ihm Schneeballen und 
Steine nach. Es ist ein abgekartetes Spiel ; alle stoßen in dasselbe 
Hörn; „manus manum lavat", meinte ein Kranker. Hier und da 
wird die Wahnbildung auch durch Erinnerungsfälschungen unter- 
stützt ; die Ärzte hätten ihr ganz recht gegeben in ihren Ideen, 
erklärte eine Kranke. 

Art und Umfang der unaufhörlichen Schikanen sind sehr man- 
nigfaltig. Die Zimmerherren geben falsche Namen an, zahlen nicht, 
stellen Bierflaschen vor die Türe, werfen sie auf die Straße, damit 
man glauben soll, der Kranke sei ein Trinker. Die an ihn gerich- 
teten Briefe werden geöffnet und gelesen, unterschlagen ; eine 
Kranke erhielt auf Betreiben ihres Gegners vom Bezirksamte einen 
gefälschten, abschlägigen Bescheid. Die für Kunden bestimmten 
Sendungen werden verdorben und beschmutzt, so daß fortwährend 
Beschwerden einlaufen. Man verstopft das Ofenrohr, beschädigt 
die Stiefel, ruiniert Kleider und Wäsche. In Prozessen zettelt man 
feindselige Machenschaften an, so daß sie verloren werden ; die 
Anwälte werden bestochen ; es finden Geldintriguen, Schwindeleien 
und Betrügereien statt; der Pächter wird angestiftet, keine Pacht 
mehr zu zahlen. Verleumdungen werden über den Kranken aus- 
gestreut, als habe er sich durch Ausschweifungen ein Nervenleiden 
zugezogen, sei syphilitisch, der Päderastie ergeben. Man hat seine 
Photographie in Bordells gesandt, um ihn dort als Stammgast hin- 
zustellen; es wurden gefälschte Rechnungen veröffentlicht, als ob 
er täglich unsinnige Mengen Alkohol trinke. Durch solche Mittel 



1^28 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

vertreibt man ihn aus seinen Stellungen, bringt ihn um sein Hab 
und Gut, um sein Erbteil, und legt es schließlich darauf an, ihn zu 
geschlechtlichen Ungeheuerlichkeiten, zur Onanie zu verführen, 
närrisch zu machen oder gar aus dem Wege zu räumen. Die Ärzte 
sind bestochen, geben bedenkliche Arzneien ; im Bier ist Gift ; das 
Essen schmeckt höchst verdächtig und macht Leibschmerzen, 
Schwindelgefühl und Ohrensausen; ,,ich weiß schon, was das ist", 
erklärte ein Kranker. Der Tischnachbar erkrankt, nachdem er zu- 
fällig aus dem für den Kranken bestimmten Glase getrunken hat. 

So dehnt sich der Kreis der Verfolger allmählich mehr und mehr 
aus. Wechselt der Kranke seinen Aufenthalt, so hat er zunächst 
vielleicht für einige Zeit Ruhe, bemerkt aber sehr bald, daß man ihm 
wie einer bereits angemeldeten Persönlichkeit begegnet, über ihn 
und sein gesamtes Vorleben vollständig unterrichtet ist. In allerlei 
Andeutungen spinnen sich geheime Fäden aus seiner früheren in 
die jetzige Umgebung hinein. Man spioniert ihm überall nach; 
einzelne Personen, die er trotz vermeintlicher Verkleidung, falscher 
Barte, gefärbter Haare überall wiedererkennt, folgen ihm auf Schritt 
und Tritt, so daß seine Lage oft „schlimmer ist, als die eines steck- 
brieflich Verfolgten" ; es ist ein „Boykott und Fehmgericht". 

Im Zusammenhange mit derartigen Wahrnehmungen pflegt sich 
der Kranke höchst merkwürdige Vorstellungen von den Urhebern 
und der Ausdehnung der gegen ihn gerichteten Verfolgungen zu 
machen. Als eigentlich treibende Kraft wird bisweilen eine be- 
stimmte Person betrachtet, ein untreuer Geliebter, die ehemalige 
Braut, die Schwägerin, ein Kollege, der Bürgermeister. Oder aber 
es stecken die Freimaurer, die Sozialdemokraten, irgendeine ge- 
heime Gesellschaft dahinter. Natürlich verfügen sie über ungeheure 
Machtmittel, haben überall Helfershelfer ; nicht nur alle möglichen 
Privatpersonen, sondern auch Beamte, Gerichte, die Polizei, Geist- 
liche, Ärzte, Zeitungsschreiber, Schriftsteller sind mit an der all- 
gemeinen Verschwörung beteiligt. Einen Einblick in diese Vor- 
stellungskreise gewähren die nachstehenden Ausschnitte aus dem 
Briefe einer Kranken : 

,,Seit 14 Jahren, daß ich hier wohne, habe ich ein Märtyrerleben durch- 
gemacht, was aller Vergleiche spottet. Es handelt sich eben wegen Unter- 
schlagungen von Erbgeldern, und wegen dem wurde alles erdenkliche Schlechte 
und Raffinierte aufgeboten, um mich für irrsinnig usw. auszugeben oder zu 



Verfolgungswahn. 1729 

machen und mir den nötigen Lebensunterhalt, Kredit und Ehre zu nehmen. 
Dieses unverantwortliche Treiben Tag und Nacht wird ausgeführt von der 
Geheimpolizei und ihren Helfershelfern, weiblich und männlich, jung oder 
alt, arm oder reich — alles muß beistehen; ist es doch für die Polizei! Die 
Hetzereien wurden in allen Häusern und Stadtvierteln befohlen und wurde 
keine Rücksicht auf eine alte, bejahrte Witfrau gehalten. Seit ich in Mün- 
chen bin, wurden mir sämtliche Briefe hinterhalten, geöffnet und ohne 
Stempel eingehändigt; Briefe von Erbangelegenheiten wurden mir einfach 
unterschlagen, so daß ich mich nie bei einer Verteilung wie die andern Erben 
einfinden konnte; wird doch alles aufgeboten, um daß man mich nicht sieht 
und ich mit Niemandem in Berührung kommen sollte, ja es ist schrecklich 
und unglaublich, daß solche abscheuliche Vorkommnisse sich abspielen 
können, ausgeführt durch gewisse Advokaten, wo meine Gelder unterschlagen 
haben; natürlich zu dem haben sie eine gewisse Polizei, Gericht an der 
Hand, die ihnen ihr infernales Treiben erleichtert, um daß es nicht an den 
Tag kommen soll; zudem sind sie reich, mit was man manchem Verbrechen 
den Mund schließen kann . . Angekommen in München fand ich meine 
Wohnung in größter Unordnung, obschon ich, bevor ich verreist bin, alles 
peinlich tadellos verlassen habe. Die Möbel waren mit einer Schicht Schmutz 
und Staub bedeckt, mein Bett durchwühlt, sämtliche Möbel geöffnet, ob- 
schon ich doch genau alles abschloß, den Schlüsselkasten absperrte und mit 
mir nahm, in der Küche den netten Spiegel in Trümmern. Es ist soweit 
gekommen, daß ich Bedenken haben mußte, etwas zu essen, denn nach 
diesen Schurkenstreichen ist man zu allem fähig, was es nur schreckliches 
und gemeines zu denken giebt . ." 

Neben dem Verfolgungswahne treten regelmäßig noch aller- 
lei andere, weniger im Vordergrunde stehende Wahnbildungen auf. 
Häufig begegnen uns hypochondrische Befürchtungen. Der 
Kranke merkt, daß sein Gedächtnis nachläßt, fürchtet Gehirner- 
weichung ; er klagt über Kopf- und Kreuzschmerzen, Brustbeschwer- 
den, Magenkrämpfe, Blutspucken ; seine Gesundheit ist schwer ge- 
schädigt, der ganze Körper kaput. Hier und da finden sich Eifer - 
suchtsideen. Auf der anderen Seite aber besteht vielfach ein ge- 
hobenes Selbstgefühl. Der Kranke ist sehr religiös, gescheidter 
als alle, versteht alles besser, leistet ,, buchstäblich das doppelte", 
wollte etwas recht Großes werden, geachtet, geehrt sein, eine 
höhere Stellung einnehmen. Eine Kranke hatte die Überzeugung, 
daß ,,Geld irgendwo hängen müsse"; andere behaupten, daß sie 
große Summen als Entschädigung, als Erbteil, von dem Vater 
ihres unehelichen Kindes zu fordern hätten. 

Die Stimmung der Kranken ist meist eine aufgeregte, gereizte 
und verbitterte. „Mir hat die Sonne nicht gestrahlt und wird mir 



1730 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

auch nicht mehr scheinen", erklärte ein Kranker; „das Leben ist 
abscheulich ; für mich bleibt es liebeleer. Die Menschen sind schlecht ; 
schon im Kind steckt Bosheit und Falsch, Verachtung und Spott! 
Warum spricht man stets von mir und spuckt vor mir aus? Man 
kann mich nicht sehen und will mich nicht sehen — so ist es." 

Selbstverständlich sucht sich der Kranke auf alle Weise den Ver- 
folgungen zu entziehen, wechselt Wohnort und Stellung, erhebt Be- 
leidigungsklagen, schafft Waffen und Hunde zu seinem Schutze 
an. Er richtet querulierende Eingaben an die Behörden, die Mi- 
nister, an Großherzog und Kaiser, in denen er gewöhnlich eine sehr 
heftige Sprache führt, von ,, Sauregierung und Raubmörderstaat" 
spricht, die Absetzung und Bestrafung seiner Gegner verlangt und 
hohe Entschädigungsforderungen stellt. Weiterhin sucht er durch 
die Zeitung oder durch Flugblätter das schändliche Spiel seiner 
Feinde öffentlich zu brandmarken und sich gegen die versteckten 
Anschuldigungen zu verteidigen. Er schreitet auch wohl zu irgend- 
einer aufsehenerregenden Handlung, um die allgemeine Aufmerk- 
samkeit auf seine gefährdete Lage zu lenken, führt einen Straßen- 
auflauf herbei, wirft eine Bittschrift unter die versammelten Volks- 
vertreter, oder er sucht zum Landesfürsten vorzudringen. Einzelne 
Kranke machen Selbstmordversuche ; andere stellen ihre vermeint- 
lichen Widersacher öffentlich zur Rede, beschimpfen sie, bedrohen 
sie mit Gewalttaten, so daß ein Einschreiten der Polizei notwendig 
wird. Unter Umständen erfolgen jetzt, da die krankhafte Grund- 
lage des Handelns nicht immer leicht erkennbar ist, zunächst Maß- 
regelungen, die den Kranken noch mehr verbittern. „Zuerst 
schikaniert so ein Kerl einen fleißigen, tüchtigen Menschen jahre- 
lang, und wenn dieser, zum äußersten gebracht, ohne Aussicht 
auf Stütze, zur Selbsthilfe greift, dann — Strafe, strenge Strafe!" 
schrieb ein Kranker. 

Da sich die Kranken, abgesehen von den angeführten, aus ihrem 
Wahne hervorgehenden Handlungen, dauernd geordnet benehmen 
und ernstere Gewalttaten nicht zu unternehmen pflegen, verlieren 
sie ihre Freiheit in der Regel nur vorübergehend. In ihrem Be- 
nehmen sind sie bald leidenschaftlich, lebhaft, redselig, gewandt, 
bald verschlossen, mürrisch, ablehnend. An ihren Wahnvor- 
stellungen halten sie unerschütterlich fest, wenn sie auch zeitweise 
nicht mehr darüber sprechen. Er wolle das böse Gewissen seiner 



Eifersuchtswahn. 



1731 



Gegner bleiben, erklärte ein Kranker. Erst nach jahrzehntelanger 
Dauer der Krankheitserscheinungen läßt vielleicht die innere Span- 
nung und die Lebhaftigkeit der Wahnbildung allmählich nach, 
ohne daß jedoch eine Berichtigung der paranoischen Lebensauf- 
fassung zustande käme. 

Der bisher geschilderten Form in vieler Beziehung verwandt ist 
der paranoische Eifersuchtswahn 1 ). Der Kranke wird ganz all- 
mählich von dem Argwohn erfaßt, daß seine Frau ihn hintergehe, 
und macht nun allerlei Beobachtungen, die ihn darin immer mehr 
bestärken. Die Frau erscheint ihm kälter, abweisend, streitet und 
schimpft ; sie geht aus, wann sie will, ins Kaffeehaus und ins Theater, 
besucht auffallend oft einen Verwandten oder Nachbarn, auch zu 
ungewöhnlicher Stunde und übermäßig lange. Bei ihrer Heimkehr 
ist sie verlegen, bringt allerlei Ausflüchte vor. Die Leute machen 
Anspielungen, sprechen durch die Blume, so daß er Verdacht schöpfen 
muß; es sind ,, geistige Beweise". ,,Es sind viele Dinge, die zu- 
sammengenommen eine volle Beweiskette bilden", erklärte ein 
Kranker. Ein anderer, der seinen Bruder für seinen Nebenbuhler 
hielt, bekam Schmerzen beim Beischlafe, als jener angesteckt war ; 
,,ich kann mir den ganzen Gedankengang erklären", meinte er. 

Eine erhebliche Rolle spielen hier öfters Erinnerungsfälsch- 
ungen. Der Kranke berichtet über schwerbelastende Äußerungen der 
Frau, über Geständnisse, die sie ihm gemacht habe. Er erinnert sich 
daran, daß allerlei verdächtige Männer ins Haus kamen, die unter 
verschiedenen Vorwänden nach seiner Frau fragten und nichts zu 
sagen wußten, wenn sie nur ihn antrafen. Bisweilen wird ihm nach- 
träglich klar, daß es gerade diejenigen Personen waren, die er jetzt 
im Verdacht hat, daß sie also offenbar schon seit langer Zeit mit der 
Frau in Beziehungen standen. Ein Kranker erzählte mit allen 
Einzelheiten, daß seine Frau sich zu wiederholten Malen mit ihrem 
Liebhaber im Abort eingeschlossen habe. Er habe letzteren dann 
schnell aufsuchen wollen und gedroht, die verschlossene Türe auf- 
zusprengen; darauf sei dann der Liebhaber schnell an ihm vorbei 
hinausgehuscht, ein Vorgang, der sich nach wenigen Wochen noch- 
mals in genau gleicher Weise abgespielt habe. Er sah auch einmal 
durch die Stubentüre, wie sein Schwager die Frau von hinten be- 
nutzte. Ein anderer, von Jaspers beschriebener und auch von mir 

l ) Jaspers, Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie I, 567. 



1732 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

beobachteter Kranker merkte, wie ihm nachts ein Tuch über das 
Gesicht gelegt wurde, wie die Frau im Bette neben ihm mit seinem 
Nebenbuhler den Beischlaf vollzog, wie beide zusammen wisperten, 
und wie jener dann das Haus verließ. Die übergenaue Schilderung 
der Vorgänge, im ersten Falle auch die gleichartige Wiederholung, 
endlich das angeblich rein zuwartende Benehmen der Kranken in 
solcher Lage machen das Vorliegen von Erinnerungsfälschungen 
unzweifelhaft. 

Im Anschlüsse an seine wahnhaften Erfahrungen erhebt der 
Kranke gegen seine Frau die schwersten Anschuldigungen. Sie 
führt ihn von jeher an der Nase, hält sich eine ganze Reihe von 
Liebhabern, verkehrt wahllos mit Hausierern und Zimmerherren. 
Ein Kranker behauptete, sein Bruder treibe fortgesetzt Blutschande 
mit seiner Mutter und Ehebruch mit seiner Frau. Ein anderer be- 
schuldigte seine Frau des Verkehrs mit ihren Söhnen; eine Kranke 
gab an, ihr Mann vergehe sich mit ihrer kleinen Tochter schon seit 
deren frühester Kindheit. Der Kranke erkennt seine Kinder nicht 
mehr an, weil sie nicht von ihm seien, ihm nicht ähnlich sähen; 
er bemerkt bei ihnen unverkennbare Züge von Nebenbuhlern. Es 
sind Hurenkinder, für die er jede Verantwortung ablehnt. Öfters 
bringt er auch noch andere Vorwürfe gegen seine Frau vor. Sie 
ist grob, verschwenderisch, will ihn vernichten, ins Zuchthaus 
oder ins Irrenhaus bringen, aus der Welt schaffen; der Lieb- 
haber hilft dazu. Ein Kranker erklärte, seine Frau sei ,, geistig 
minderwertig, sittlich-moralisch verkommen und von gemein, 
schlecht, frech und dummer Herkunft" ; sie tauge zu Wasser und zu 
Land nichts. Manche Kranke äußern allerlei Verfolgungsideen. 
Sie werden von der Gemeinde verfolgt, von Spitzeln beobachtet; 
man kundschaftet alles aus, öffnet die Briefe, erzählt überall Einzel- 
heiten aus ihrem Leben; der Arzt ist mit der Frau im Komplott. 
Der schon oben erwähnte, von Jaspers beschriebene Kranke be- 
hauptete im Anschlüsse an eine ärztliche Untersuchung dauernd, 
er sei amtlich für närrisch erklärt worden, und führte trotz immer 
wiederholter, wohlwollendster Belehrung über die Grundlosigkeit 
dieser Meinung viele Jahre hindurch einen erbitterten Kampf, um die 
Aufhebung dieser vermeintlichen ,, Närrischerklärung" zu erreichen. 

Daneben besteht vielfach ein stark gehobenes Selbstgefühl. 
Der Kranke rühmt seinen ,, Rechtssinn und unermüdeten Fleiß", 



Eifersuchtswahn. r 733 

ist ein anständiger Staatsbürger, will nur, was recht ist, hilft jedem 
Menschen, wenn er kann und wenn er recht ist. „Ich war stets be- 
strebt, meinen Standpunkt zu erhöhen", erklärte ein Kranker. 
Der Kranke von Jaspers, der ein recht geschickter Uhr- 
macher war und eine große Kunstuhr verfertigt hatte, sprach 
von dem Undanke, mit dem das Vaterland seinen großen Söhnen 
lohne. Andere wiederum machen den Eindruck von gutmütigen, 
willensschwachen Persönlichkeiten. Ein Verständnis für die Krank- 
haftigkeit der Eifersuchtsideen fehlt gänzlich ; immerhin äußerte 
mir ein Kranker, er habe immer das Angstgefühl gehabt, sein Wahn 
möchte doch auf Richtigkeit beruhen. Anscheinend war demnach 
bei dem durchaus einsichtslosen Kranken eine Zeit des Zweifels 
voraufgegangen ; er bohrte auch Löcher in die Türe, um sich durch 
Beobachtung der Frau Gewißheit zu verschaffen. 

Im Zusammenhange mit den Wahnvorstellungen entwickelt 
sich regelmäßig eine starke Gereiztheit gegen den vermeintlich 
schuldigen Ehegatten. Es kommt zu heftigen Vorwürfen und Streitig- 
keiten. Der Kranke beschimpft seine Frau, sucht ihr ein Geständnis 
abzuringen, bedroht und mißhandelt sie. Ein Kranker trug einen 
Revolver mit sich herum und legte ihn nachts unter das Kopf- 
kissen, weil er seine Frau erschießen oder erstechen müsse ; ein 
anderer sprach davon, seiner Frau den Bauch aufzuschlitzen. Er 
meinte dann allerdings, das sei ,,nur ein Mundausdruck"; ,,das ist 
ja etwas, was man nicht tut; das sagt man nur, daß das Maul eine 
Arbeit hat". Dennoch wurde er später sehr gewalttätig gegen die 
Frau. Auch die Kinder werden geschimpft und geschlagen. Eine 
Kranke bedrohte Mädchen, mit denen sie ihren Mann hatte gehen 
sehen ; eine andere brachte ihren Mann wegen angeblicher Blut- 
schande zur Anzeige. Ein Kranker strengte einen Prozeß gegen 
seinen vermeintlichen Nebenbuhler an ; ein anderer verklagte drei 
seiner Kollegen gleichzeitig wegen Ehebruchs mit seiner Frau. Ge- 
wöhnlich kommt es zur Scheidung oder doch zur Trennung der 
Ehegatten. Die Kranken pflegen sich dann allmählich zu be- 
ruhigen, ohne doch ihren Wahn zu berichtigen. 

Als eine weitere Spielart paranoischer Wahnbildung mit de- 
pressiver Färbung wird vielfach eine hypochondrische Form 
beschrieben. Es ist auch sicher, daß hypochondrische Wahnvor- 
stellungen häufig von Paranoikern geäußert werden. Dennoch ist 

Kr aepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 22 



1^34 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

es mir bei sorgfältiger Sichtung meiner Erfahrungen nicht möglich 
gewesen, einen unzweifelhaften Fall von Paranoia aufzufinden, 
der allein oder doch ganz überwiegend durch diese Richtung des 
Wahns gekennzeichnet gewesen wäre. Ich glaube daher, auf die 
Abgrenzung einer hypochondrischen Paranoia einstweilen ver- 
zichten zu sollen. 

In den verschiedenen klinischen Gestaltungen des paranoischen 
Größenwahns kommen die Hauptrichtungen menschlichen Stre- 
bens zum Ausdrucke. Eine erste Gruppe bilden die wahnhaften 
Erfinder. Die Kranken fühlen sich von ihrer gewöhnlichen Be- 
rufstätigkeit nicht befriedigt und beschäftigen sich nebenher mit 
allerlei weitausschauenden, hochfliegenden Plänen, die allmählich 
ihr eigentlicher Lebensinhalt werden. Ihnen schwebt vor, durch 
aufsehenerregende Erfindungen mit einem Schlage weltberühmt zu 
werden und ungemessene Reichtümer zu erwerben. Ohne Vor- 
kenntnisse, mit gänzlich unzulänglichen Hilfsmitteln machen sie 
sich daran, die ihnen auftauchenden Ideen zu verwirklichen. Sie 
entwerfen Zeichnungen, bauen Modelle, suchen Geldgeber und be- 
mühen sich um Patente. Bisweilen handelt es sich um Pläne für 
bestimmte praktische Maschinen oder Gebrauchsgegenstände, für 
eine Eisenbahnschienenverbindung, eine Stiefelsohle mit Gelenk, 
einen elektrischen Bierdruckregler, einen Eismaschinenkompressor, 
eine Luftheizungsklappe, einen Automobilpflug, einen Aluminium- 
sarg. Unter Umständen liegt solchen Erfindungen auch ein allen- 
falls verwertbarer Gedanke zugrunde, aber es fehlt den Kranken 
durchaus die Fähigkeit, ihn in eine brauchbare Form zu bringen, 
da sie weder mit den technischen, noch mit den kaufmännischen 
Vorbedingungen irgendwie vertraut sind. Bei ihrer laienhaften 
Unkenntnis der wirklichen Verhältnisse beschäftigen sie sich auch 
vielfach mit Fragen, die längst von anderen in befriedigender Weise 
gelöst sind. 

Gerade diese naive Unwissenheit veranlaßt sie aber ganz ge- 
wöhnlich, sich alsbald den allerschwierigsten, ja gänzlich unlös- 
baren Aufgaben zuzuwenden. Besonders beliebt sind die Luft- 
schiffahrt, die Ausbeutung der Sonnenwärme und der Elektrizität 
in der Natur, namentlich aber das Perpetuum mobile, eine ,, billige 
Kraftausbeutungsmaschine ohne jegliche Nahrungskraft." Mit un- 
ermüdlichem Eifer werden trotz aller Abmahnungen und Verspot- 



Erfinderwahn. 1735 

tungen immer neue, immer abenteuerlichere Zeichnungen ange- 
fertigt, mit denen der Kranke seinem Ziele näher zu kommen 
glaubt. Jahrelang baut er an einem ungefügen Modell herum, 
hier ein Zahnrad, dort ein Gewicht oder eine Strebe einfügend oder 
ersetzend, so daß die merkwürdigsten Ungetüme aus Holz, Draht, 
Bleiklötzen, Gasröhren, alten Messingteilen entstehen, deren Aus- 
bau der Kranke jede freie Stunde und jeden ersparten Pfennig opfert. 

Die gemeinsame Eigentümlichkeit aller dieser Erfinder ist der 
unerschütterliche Glaube an ihren Stern, an ihre große, einzigartige 
Begabung und ihre aussichtsreiche Zukunft. Er komme zu seinen 
Erfindungen, deren er noch viele plane, durch seine angeborene 
Anlage, erklärte ein Kranker. Wie man nicht singen könne ohne 
Stimme, könne man auch keine Erfindung machen, wenn man 
kein Organ dazu habe. Ein anderer, sehr schwach veranlagter 
Kranker verglich sich mit einem bekannten Erfinder, der denselben 
Namen trug wie seine Mutter ; er besuchte in weihevoller Stimmung 
dessen Grab und entwickelte die feste Überzeugung, daß jener ihm 
ein Erbteil hinterlassen haben werde. Die Wichtigkeit und nament- 
lich auch der wirtschaftliche Wert der eigenen Erfindungen wird 
maßlos überschätzt ; regelmäßig handelt es sich nach Meinung der 
Kranken mindestens um Millionen. Sie tun daher auch meist sehr 
geheimnisvoll damit, fürchten, daß man ihnen ihre Ideen, ihren 
geistigen Schatz stehlen könne. Ihre Aufgabe betrachten sie als 
vollkommen erledigt, wenn sie irgendeine Idee ausgesprochen und 
allenfalls ein paar stümperhafte Zeichnungen dazu geliefert haben ; 
von einer wirklichen Durchbildung ihrer Pläne mit genauerem Ein- 
gehen in die Einzelheiten ist gar keine Rede. Von ihren Modellen 
sind sie stets hochbefriedigt, sehen über alle Schwierigkeiten und 
Fehler harmlos hinweg und erklären trotz der handgreiflichsten 
Mißerfolge immer wieder zuversichtlich, daß nur noch eine ganz 
unbedeutende Verbesserung nötig sei, um binnen kurzem das er- 
strebte Ziel zu erreichen. 

Auch auf anderen Gebieten zeigt sich öfters diese Selbstüber- 
schätzung. Die Kranken machen große Heiratspläne, belästigen un- 
bekannte oder entschieden ablehnende Damen mit ihren Anträgen und 
sind äußerst erstaunt, daß man sie nicht mit offenen Armen aufnimmt. 
Ein Kranker meinte : ,,Ein Rockefeller hätte vielleicht zu mir gesagt : 
,Gut, mein Freund; alle Achtung vor dir! Hier hast du meine Toch- 

22* 



1736 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

ter; ich bin dein Helfer.' " Sie erheben unbegründete Geldansprüche, 
fordern vom Staate Unterstützung für ihre Bestrebungen, erwarten 
bestimmt, in hervorragenden Stellungen beschäftigt zu werden, da 
sie sich den höchsten Anforderungen gewachsen fühlen. Auch Er- 
innerungsfälschungen können durch die Größenideen gefärbt wer- 
den; ein Kranker erzählte, der Minister habe ihm versichert, daß 
Geld für die Ausbeutung seiner Erfindungen bereit liege. In ihrem 
Benehmen zeigen die Kranken öfters eine gewisse zurückhaltende 
Würde; ein Kranker ließ sich lange Künstlerhaare wachsen. 

Natürlich entsprechen die tatsächlichen Erfolge den hoch- 
gespannten Hoffnungen durchaus nicht. Vor allem scheitern die 
Bemühungen, die vermeintlich so aussichtsreichen Erfindungen 
praktisch zu verwerten, sie zu verkaufen, Patente zu erlangen. 
Vielleicht glückt es dem Kranken einmal, irgendeine Kleinigkeit 
anzubringen, aber der erhoffte Millionensegen bleibt aus. Schuld 
daran trägt nach seiner Meinung nicht nur seine Mittellosigkeit, 
die ihm nicht gestattet, selber die Verwirklichung seiner Pläne in die 
Hand zu nehmen, sondern auch der Unverstand der Menschen, die 
seine Bedeutung nicht zu schätzen wissen. 

Vielfach sind es aber auch feindselige Machenschaften, die ihn 
um die wohlverdienten Früchte seiner Arbeit bringen. Man 
hänselt ihn, schickt ihm zur Verhöhnung seiner Armut Wein- 
preislisten zu, arbeitet ihm überall entgegen, verhindert sein 
Emporkommen, stiehlt ihm seine Erfindungen und verwertet sie. 
Ein Kranker, dem plötzlich der nach seiner Meinung völlig neue 
Gedanke gekommen war, einen Automobilpflug zu bauen, und 
der kurze Zeit nachher in den Zeitungen einen solchen angezeigt 
fand, war sogleich darüber im klaren, daß man ihm seine kind- 
lichen Zeichnungen entwendet und schleunigst benutzt habe; 
er bezeichnete sich daher immer als den ,,bestohlenen Erfinder". 
Er meinte, er stehe nun durch seine Schicksalsarmut als ,, Spott- 
subjekt", als Bestohlener, Betrogener, vielleicht vor aller Welt als 
Lächerlicher und noch dazu Verachteter da. Als Vermittlerin jenes 
Diebstahls hatte er ein junges Mädchen in Verdacht, das seine 
Heiratsanträge abgewiesen hatte. Ein anderer Kranker schrieb 
Drohbriefe an einen Verwaltungsbeamten, den er dafür verantwort- 
lich machte, daß er eine von ihm geforderte größere Summe aus 
Staatsmitteln nicht erhielt. 



Abstammungswahn. 1737 

In der Regel führen die Kranken ein unscheinbares, gedrücktes, 
aber von der unbesieglichen Hoffnung auf endlichen Erfolg er- 
helltes Dasein. Durch keinen Mißerfolg dauernd entmutigt, arbeiten 
sie unentwegt an ihren Plänen weiter. Da sie sich meist daneben 
ihren Lebensunterhalt noch auf andere Weise verdienen, geben sie 
zu Schwierigkeiten keinen Anlaß, wenn sie nicht einmal der Kampf 
gegen ihre Widersacher oder der Versuch, sich größere Mittel zu 
verschaffen, zu ungewöhnlichen Schritten treibt. 

Eine weitere, aus dem Wunsche nach Macht und Reichtum her- 
vorwachsende Form der Paranoia wird durch den Wahn hoher 
Abstammung beherrscht. Die Franzosen sprechen von ,, Ge- 
nealogen", „interpretateurs filiaux" 1 ). Bei dem Kranken schießt, 
vielleicht nach jahrelangem Grübeln und Träumen, siegreich die 
Ahnung auf, daß er nicht das rechte Kind seiner Eltern, sondern 
viel höherer und herrlicherer Abstammung sei. Den äußeren An- 
laß zur Entstehung dieser Wahnidee, die für ihn sofort unzweifel- 
hafte Gewißheit erlangt, gibt oft eine ganz gleichgültige Begeben- 
heit. In einem Streite gebraucht der Vater einen heftigen Ausdruck, 
den er seinem wirklichen Kinde gegenüber niemals anwenden würde. 
Der Kranke merkt, daß seine Eltern im Nebenzimmer flüstern, bei 
seinem Eintritte erblassen, ihn mit besonderem Ernste begrüßen ; 
in seiner Gegenwart wird ,, bedeutungsvoll* ' der Name einer hoch- 
gestellten Persönlichkeit genannt. Auf der Straße, im Theater 
blickt ihn irgendeine vornehme Dame außergewöhnlich freundlich 
an; beim Beschauen des Bildes eines Grafen oder Fürsten, der 
Büste Napoleons fällt ihm plötzlich eine überraschende Ähnlichkeit 
zwischen sich und jenem auf, oder endlich es wird ihm ein Brief 
in die Hände gespielt, zwischen dessen Zeilen er die bedeutungs- 
volle Kunde ohne Mühe herausliest. Ein Kranker sprach von 
geheimnisvollen Offenbarungen, von denen er niemandem Mitteilung 
machen dürfe. 

Mit besonderer Genugtuung erkennt der Kranke, daß auch von 
seiner näheren und ferneren Umgebung die Überlegenheit seiner 
Person und seiner Stellung mehr oder weniger offen anerkannt wird. 
Man behandelt ihn, wohin er kommt, mit unverkennbarer Ehr- 
erbietung ; fremde Personen ziehen tief den Hut vor ihm ; die könig- 
liche Familie sucht ihm möglichst oft zu begegnen ; die Musik auf 

*) Serieux et Capgras, L'encephale i, 113, 1910. 



1738 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

der Parade oder im Theater beginnt zu spielen, sobald er erscheint. 
In den Zeitungen, die ihm vom Kellner vorgelegt werden, in den 
Büchern, die ihm der Buchhändler zuschickt, findet er mehr oder 
weniger verblümte Anspielungen auf sein Schicksal; die Vorüber- 
gehenden auf der Straße begleiten ihn mit beifälligen und beziehungs- 
reichen Bemerkungen. 

Auch dieser Wahn geht vielfach mit Erinnerungsfälschungen 
einher. Namentlich eine Reihe der angeblichen Kindheitserleb- 
nisse verraten diesen Ursprung. Der Kranke erinnert sich, wie 
er als kleines Kind seinen wirklichen Eltern aus einem schönen 
Schlosse geraubt, in der Welt herumgeschleppt und schließlich bei 
seinen falschen Eltern untergebracht wurde. Er vermag vielleicht 
noch die prächtige Ausstattung der Zimmer, den schönen Park zu 
schildern, in dem er seine Kindheit verlebte. Vielfache Äußerungen 
und Handlungen der Pflegeeltern, der Zuschnitt und die Farbe 
seiner Kleidung, die Behandlung in der Schule, prophetische Träume, 
alle kleinen und großen Ereignisse seines Lebensganges haben von 
seiner frühesten Jugend an auf seine Abstammung, seinen zukünfti- 
gen hohen Beruf hingewiesen. Von verschiedenen Seiten wurden 
ihm unverblümte Mitteilungen über seine Herkunft und über seine 
Abstammung gemacht ; Unterhändler waren beauftragt, ihm ansehn- 
liche Abfindungssummen anzubieten, die er jedoch nicht annahm. 

Im weiteren Verlaufe versucht dann der Kranke allmählich, seine 
vermeintlichen Rechte geltend zu machen. Er entdeckt sich einem 
Vertrauten, wendet sich an die Behörden, schreibt Briefe an seine 
hohen Eltern. Meist ist er in dem Gefühle, daß er schwerlich volle 
Anerkennung finden wird, bestrebt, wenigstens eine möglichst große 
Abfindungssumme herauszuschlagen. Er hält sich für berechtigt, 
besondere Ansprüche an seine Lebenshaltung zu stellen, legt Wert 
auf sein Äußeres und hat zugleich meist wenig Neigung, sich durch 
regelmäßige Berufsarbeit zu erniedrigen. So sieht er sich denn 
dazu genötigt, sich Geldmittel durch den Hinweis auf die sicher 
in Aussicht stehende Erledigung seiner bedeutenden Forderungen 
zu verschaffen. Da er mit großer Zuversichtlichkeit auftritt, sein 
Benehmen seiner vornehmen Abstammung anzupassen bemüht ist 
und wirklich Schritte tut, um seine Sache zu fördern, gelingt es 
ihm häufig, Gläubige zu finden, die ihn in Erwartung späterer 
hoher Entschädigungen unterstützen. 



Abstammungswahn . 1739 

Allerdings stellen sich ihm harte Widerstände entgegen. Vor- 
nehme Verwandte suchen in ihrem eigenen Interesse seine An- 
erkennung zu hintertreiben; man trachtet ihm nach dem Leben, 
sucht ihn auf alle Weise unschädlich zu machen. Auch die Ver- 
bringung in die Irrenanstalt, die dann erfolgt, wenn der Kranke 
durch seine immer dringenderen Schritte zur Geltendmachung 
seiner Rechte oder durch die Ausbeutung seiner Anhänger un- 
bequem geworden ist, betrachtet er als einen besonders hinter- 
listigen Streich seiner Gegner, die ihm schon längst angedeutet 
haben, daß er mit Wahnsinn endigen müsse. Zunächst fügt er sich, 
da er sicher ist, daß man seine geistige Gesundheit bald erkennen 
werde. In allen seinen Äußerungen hält er sich sehr zurück, weicht 
eindringlicheren Fragen aus und verbirgt seine Wahnideen hinter 
einem tadellosen Benehmen, bis sie ihm ein besonderer Anlaß, eine 
gemütliche Erregung herauslockt. 

Allmählich wird ihm klar, daß die Ärzte gedungen sind, ihn 
unschädlich und womöglich wirklich geisteskrank zu machen, 
da man ihm auf andere Weise nicht beizukommen vermochte. 
Kleine Reibereien und Unannehmlichkeiten, Änderungen im Be- 
finden, gelegentliche Bemerkungen zeigen ihm, daß die Anfech- 
tungen und Einschüchterungen auch von der neuen Umgebung 
ins Werk gesetzt werden. Seine Mitpatienten sind gar nicht krank, 
sondern bestochene Simulanten oder Polizeispione, die ihn durch 
ihr Verhalten, ihre unsinnigen Streiche ,, prüfen" sollen. 

Oder aber der Kranke erkennt, daß der Aufenthalt in der An- 
stalt nur ein notwendiges Glied in der Kette der Proben darstellt, 
die er bestehen muß, um am Ende zu seinem hohen Ziele zu ge- 
langen. Ja, bei genauerem Nachdenken ergibt sich ihm klar, daß 
schon in seiner Vergangenheit vielfache Hinweise auf dieses Fege- 
feuer der Irrenanstalt enthalten waren. Weit entfernt daher von 
Mutlosigkeit und Verzweiflung, schöpft er aus dem pünktlichen 
Eintreffen alles dessen, was das Schicksal vorher mit ihm bestimmt 
hatte, neue Hoffnung auf die Erreichung auch seiner letzten und 
höchsten Ziele. Eine besondere Bestätigung findet diese seine Auf- 
fassung nicht selten in der alsbald von ihm gemachten Wahrneh- 
mung, daß auch in der Anstalt die geheimnisvollen Andeutungen 
über seine glänzende Zukunft nicht ausbleiben. Er wird mit be- 
sonderer Aufmerksamkeit behandelt; man gießt ihm Rosenöl in 



1740 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

sein Badewasser, sagt ihm verblümte Schmeicheleien, spielt ihm 
Zeitungen und Bücher in die Hand, deren Inhalt sich auf ihn be- 
zieht. Es kann ihm daher nicht entgehen, daß die Ärzte ihn nur 
„auf höheren Befehl" zurückhalten und gar nicht daran denken, 
ihn wirklich für krank anzusehen. Unter seinen Mitkranken ent- 
deckt er sehr hochgestellte Persönlichkeiten, die man unter falschem 
Namen zu seiner Gesellschaft mit in die Anstalt versetzt hat. Manch- 
mal führen die Kranken lange und abenteuerliche Kämpfe für ihre 
Befreiung und Anerkennung; andere fügen sich würdevoll in ihr 
Schicksal, in der sicheren Erwartung, daß ihre Stunde dereinst 
kommen wird. Serieux und Capgras haben eine ganze Reihe 
geschichtlicher Thronanwärter angeführt, von denen manche viel- 
leicht Kranke der hier beschriebenen Art gewesen sind. 

Auf die Beziehungen zur übersinnlichen Welt richtet sich der 
Wahn einer weiteren Gruppe von Paranoikern, der Propheten 
und Heiligen, der „Mystiker", wie man sie wohl auch zu nennen 
pflegt. Über die erste Entwicklung des Leidens berichtete ein 
Kranker wie folgt : 

„Ich bin in der Fremde vom Jahre 66 — 73 durch meine Reisen bei meiner 
Arbeit als Zimmermann oder Zeichner in Ländern und unter Völkern mit 
verschiedenen Religionsbekenntnissen nach und nach selbst ganz religionslos 
geworden, so daß ich in dieser Beziehung zuletzt dachte, was der Mensch 
zu thun und zu lassen hat, das sagt mir mein Gewissen, und wenn ich danach 
thue, brauche ich mich auch nicht vor dem Tode zu fürchten. Leider aber 
spürte ich trotzdem je länger je mehr Tag und Nacht eine unbeschreibliche 
Unruhe in mir, von welcher mich Gott durch seine Gnade auf Veranlassung 
eines Briefes meiner Mutter nach Wien im Frühjahr 73 endlich erlöste, so 
daß ich danach in mir Ruhe und Frieden hatte und deshalb zum Dank dafür 
Gott dem Herrn zugleich auch gelobte, für sein heiliges Wort zu leben und 
zu sterben. Auf Grund dessen bin ich nach Sachsen zurückgekehrt und habe 
im August 73 in Leipzig durch einige Plakate, welche ich in der Nacht an- 
kleben wollte, jedoch von der Polizei verhindert worden bin, Störung ver- 
ursacht, so daß ich deshalb einige Tage eingesteckt wurde. . In diesen Pla- 
katen hatte ich ausgesprochen, daß ich glaube, daß Gott, welcher in der Bibel 
zu uns redet, unser alleiniger Herr ist, was ich auf Grund der heiligen Taufe 
auf den dreieinigen Gott auch unbedingt zu glauben verpflichtet bin, und 
mich nebenbei in verächtlicher und verletzender Weise gegen Kaiser Wilhelm 
geäußert. . Bis Pfingsten 75 habe ich meinem Berufe nach wieder praktisch 
und theoretisch gearbeitet; mein Verhältnis zu den Eltern wurde zuletzt 
aber ein völlig fremdartiges, so daß ich sie sogar auf Grund meines Glaubens 
an das Wort Gottes völlig verleugnete und das kindliche Verhältnis zu den- 
selben sogar zerschnitt und sie mit Herr und Frau F. anredete . ." 



Prophetenwahn. I74 1 

Vielfach beschäftigen sich die Kranken mit religiösen Grübeleien 
aller Art, Theosophie, Spiritismus, Sektenwesen. Eine entscheidende 
Bedeutung gewinnen dann gewöhnlich visionäre oder ekstatische 
Erlebnisse. Der Kranke sieht in der Nacht göttliche Erscheinungen 
und empfindet dabei eine unbeschreibliche Glückseligkeit ; er hört 
Gottes Stimme, bekommt von ihm Aufträge ; auch der Teufel zeigt 
sich ihm. Christus erscheint; zugleich ertönt eine Stimme: ,, Weide 
meine Schafe!" Gott ruft ihm zu: ,,Du bist der einzige !" Eine 
Kranke erblickte die heilige Magdalene, die ihr verkündete: ,,Du 
bist nicht als Bettlerin geboren ; du bist zu etwas Höherem auser- 
koren." „Mit diesem Traum begann das Geistige", erklärte sie. 

Hier und da werden auch bei Tage ähnliche Wahrnehmungen ge- 
macht. Ein Kranker schaute Gott in dem Augenblicke, als er betete : 
„erlöse uns von dem Übel" ; es ging ihm durch und durch wie eine 
höhere, unsichtbare Kraft, wie wenn die Luft in ihn hineinhauche, 
Feuer durch Fleisch und Knochen fahre, als ob die Seele den Körper 
verlasse. Ein anderer hörte plötzlich eine Stimme von oben: ,,Du 
mußt fort!" und fühlte sich seitdem durch eine höhere Macht ge- 
lenkt; ein anderes Mal empfand er beim Dreischlagen der Uhr die 
Dreifaltigkeit in der Brust, die ihm verkündete: ,,Du bist das Salz 
der Welt." Er sah auch einmal die Sonne wie ein Ei aufgehen, 
merkte, daß eine Gloriole ihn umgebe ; eine Kranke fühlte, wie sie 
in der Kirche über dem Boden hinschwebte. Man wird freilich bei 
allen derartigen Erzählungen mit der Möglichkeit von Erinnerungs- 
fälschungen rechnen müssen. Regelmäßig bleiben solche Er- 
lebnisse, die sehr genau geschildert und auf einen bestimmten Tag 
verlegt zu werden pflegen, vereinzelt, wenn sie sich auch hier und 
da einmal in ähnlicher Weise wiederholen. 

Gewöhnlich entwickelt sich auch eine höchst persönliche, selbst- 
sichere Verarbeitung der Lebenserfahrungen. Der Kranke wächst 
immer mehr in die Wahrheit hinein, „sieht alle Zusammenhänge 
in seinem Kopfe", braucht keine Zeitungen zu lesen, um zu wissen, 
was in der Welt vorgeht. Bei seinen Besuchern fühlt er sofort, ob 
sie den rechten Glauben haben, bekommt Zeichen, ob man mit ihm 
zufrieden ist. Er macht „ständige Beobachtungen", bemerkt, daß 
seine Ansichten weiter getragen, seine Gespräche ausgenutzt werden. 
Hat er etwas Schönes gesagt, so begegnet ihm ein schöner Mann 
mit einer lilafarbenen Krawatte, sonst ein häßlicher mit einer un- 



1742 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

angenehmen Farbe. Ein Kranker legte dem Aussehen der ihm auf 
der Straße begegnenden Hunde geheime Bedeutung bei: ,, schwarzer 
Hund mit rotem Bande um den Hals — Reaktionär, der sich mit fort- 
schrittlichen Federn schmückt ; weißer Hund mit blauer Schleife — 
süßliche Handlungsweise, die auf Beschränktheit schließen läßt; 
weißer Hund mit rotem Bande — süßliches Verhalten mit radikalen 
Äußerungen". 

Mehr und mehr befestigt sich nun in dem Kranken die an- 
scheinend bisweilen blitzartig aufleuchtende Überzeugung, daß er 
ein Erwählter Gottes ist. Er fühlt sich als Prophet, als ,, Elias redi- 
vivus", als Erlöser, Gottes Sohn, als ,, himmlischer Hochzeitsmahl- 
geber' ', der das Gleichnis von der zweimaligen Einladung zum 
Hochzeitsmahle erfüllen, die große Schlacht mit dem Antichristen 
schlagen und das tausendjährige Reich heraufführen soll. Er ist 
der einzige, der Gott erkannt hat, ,, alles wissend, er allein nur 
wissend", die oberste richterliche Gewalt in kirchlichen und welt- 
lichen Sachen, vom Vater gesendet, zur Erlösung der ganzen Mensch- 
heit berufen ; er muß die Gesetzgeber warnen, wartet, was Gott 
mit ihm vorhat. Ein Kranker erklärte, der himmlische Vater 
sende alle 200 Jahre einen Mann, der dem Judenvolke 1. den Unter- 
gang, 2. den rechten Glauben bekannt geben solle. Ein anderer 
merkte, daß von seinen Brüdern eine umfassende Organisation 
,,mit maßgebender Spitze, zentraler Persönlichkeit, ausgleichendem 
Mittelpunkte" zustande gebracht worden sei, und fügte hinzu: 
„Ich leide an dem Größenwahn, daß ich dieses Zentrum sein sollte; 
das ist meine Krankheit." Die Entstehung dieses Wahns schilderte 
er folgendermaßen: 

„Daß meine Brüder die Organisation durchgeführt haben, kann ich sehr 
schwer bestimmen, denn ich glaube, das ist in mir mehr eine Gefühlssache. 
Aber ich will es versuchen, zu erklären, wie ich zu dieser Anschauung komme. 
Obwohl ich es nicht beweisen kann, trage ich in mir den festen Glauben, daß 
es tatsächlich so ist. Ein ganz winziger Vorfall gab dazu Veranlassung: 
gelegentlich einer Pflichterfüllung im Geschäfte hat ein Arbeiter den Aus- 
druck fallen lassen : das ist einer von den A. W. (Anfangsbuchstaben aller 
drei Brüder). Dieser Ausspruch des Arbeiters bestätigte in mir fest, was ich 
längst vermutete." 

Es wird dem Kranken klar, daß die Menschheit in schrecklicher 
Verwirrung ist. Die Menschen schauen nicht auf Gott; was Astro- 
nomen und Gesetzgeber sagen, ist unwahr. Der Papst ist der Anti- 



Prophetenwahn. 1743 

Christ; Auferstehung und jüngstes Gericht stehen vor der Türe. 
Jesus war die Schlange aus der Wüste, ein Zauberer, Faulenzer. 
Dieb, Mörder, Lügner und Betrüger; Paulus, Petrus und Jakobus 
waren falsche Propheten. Der Kaiser ist Saturn oder Satan, dessen 
Sohn die Schlange, die Eva verführte ; der Landesfürst ist sehr ge- 
neigt zum Satan. Bisweilen tauchen auch ,, genealogische' ' Wahn- 
bildungen auf. Ein Kranker meinte, sein wahrer geistiger Vater 
sei Kaiser Franz Joseph; vorher war ihm sein angeblicher Vater 
im Traume erschienen, auf blutigen Knien vor ihm herumgerutscht, 
und hatte ihn um Verzeihung gebeten, weil er nicht gewußt habe, 
was sein Sohn eigentlich sei. Andere Kranke haben wichtige Er- 
findungen gemacht. Hier und da kommen Verfolgungsideen vor ; 
die Geistlichkeit will den Kranken unterdrücken ; der Kaiser macht 
ihm die größten Qualen ; im Brot könnte etwas Unrechtes sein. 

Große Bedeutung für die Wahnbildung scheinen gerade hier wieder- 
um vielfach Erinnerungsfälschungen Zugewinnen. Der Kranke 
erzählt, daß alle über seine Schönheit staunten, als er auf die Welt 
kam; eine Nachbarin sagte: ,,Das gibt noch einen Erlöser." Später 
äußerte jemand: ,,Ein Messias muß her." Ein Kranker sah mit 
4 Jahren den Himmel offen ; eine Kranke hatte schon mit 5 Jahren 
einen Traum, der in Erfüllung ging, was ihr dann später einfiel. 
Wenn die Stiefmutter sie züchtigen wollte, träumte sie es jedesmal 
schon vorher, ebenso, als ihr Geliebter 15 000 Mark veruntreute. 
Manche Kranke schreiben sich die Gabe der Weissagung zu. Ein 
Kranker behauptete, er habe ein Erdbeben vorhergesagt ; eine 
Kranke prophezeite angeblich Feuersbrünste, die letzten Kriege, 
die Cholera, den Tod ihrer Schwester, ihre Verbringung in die Klinik. 
Sie sah eine Frau in Italien, die man krank glaubte, richtig gesund 
vor ihrem Hause stehen und sich kämmen. Infolgedessen hatte sie 
großen Zulauf von Gläubigen und behauptete, ein Glaubenskrieg 
werde kommen, nach dem König Otto Kaiser des Heiligen Römischen 
Reiches werde. Auch andere Konfabulationen werden vorgebracht. 
Ein Kranker hatte Paulus in der Herberge zur Heimat getroffen, 
wie ihm eine innere Stimme verriet ; ein anderer war von Judas 
im Kartenspiel um drei Silberlinge betrogen worden ; ein dritter gab 
an, er sei nicht zum ersten Male auf der Welt. 

Einzelne Kranke besitzen anscheinend die Fähigkeit, sich in 
ekstatische Zustände zu versetzen. Ein Kranker sprach davon, 



1^44 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

daß die theosophische Schulung im Menschen Sinnesorgane und 
höhere Bewußtseinszustände entwickeln könne, von denen der ge- 
wöhnliche Durchschnittseuropäer nichts wisse; dadurch nehme er 
Tatsachen und Phänomene in der Natur wahr, die er vorher nicht 
bemerkte. Eine Kranke machte nächtliche Reisen, die sie von 
ihren Träumen unterschied. Sie befand sich dann nach ihrer Schil- 
derung im Astralleibe, brauchte den Körper nicht mitzuschleppen, 
war von einem Engel und einer Heiligen begleitet. Bei ihrer Rück- 
kehr „sickerte ihr Geist in den Körper wie Öl in Fließpapier"; zu- 
gleich kündigte ihr eine dumpfe Stimme das Ziel der nächsten 
Reise (,, Unterwelt") an. Da die Kranke auch einmal ein halbes 
Jahr hindurch mit täglichen kurzen Unterbrechungen schlief, 
handelte es sich wahrscheinlich um hysterische Erscheinungen. 

Nach längerer Vorbereitungszeit gehen die Kranken daran, ihre 
vermeintliche Sendung zu erfüllen. Sie suchen durch Unterredungen, 
Sendschreiben, Predigten Anhänger zu werben. Gewöhnlich gelingt 
ihnen das. Die Sicherheit ihres Auftretens, ihre Überzeugungstreue 
und Bibelfestigkeit pflegen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Dazu 
kommt, daß, wie ein Kranker sagte, ,,in Glaubenssachen einen nie- 
mand widerlegen kann"; ,,in Glaubens- und Gewissenssachen kann 
nur Gott selbst Richter sein", erklärte ein anderer. Die Nachbarn 
versammeln sich zunächst aus Neugier bei dem Kranken, bestaunen 
seine angebliche Fähigkeit, zu weissagen, seine mit Bibelsprüchen 
reich gespickten Reden; sie beschenken ihn, halten mit ihm An- 
dachten ab, erhoffen von ihm besondere Gnaden. 

Der schon oben erwähnte ,, himmlische Hochzeitsmahlgeber", ein 
Schuhmachermeister, hatte eine kleine Gemeinde von 17 Personen 
um sich versammelt, die zumeist seine Weissagungen von dem An- 
brechen des 1000 jährigen Reiches nach der großen Entscheidungs- 
schlacht gegen den Antichristen sehr wörtlich aufnahmen. Bei ihm 
fanden sich, von einem seiner Anhänger höchst sauber und eingehend 
ausgearbeitet, Adelsstatuten, Rangklasseneinteilung sowie Vorschrif- 
ten für die verschiedensten Hofbediensteten (Leibjäger, Kammerlakai, 
Leibkleiderbewahrer, Zeremonienmeister, Offizier in unmittelbarem 
Dienst für Privatangelegenheiten) ,,Sr. Allh. Kgl. Majestät des 
Königs des ewigen Jerusalems des Reiches Gottes auf Erden, des 
Königs über alle Völker des Erdkreises, regiert durch das Szepter 
Seines Vaters des Weltschöpfers, angestammt durch den Zeichen- 



Prophetenwahn. 1745 

diener König David' '. Nachfolgende kurze Ausschnitte mögen 
einen Begriff von diesen merkwürdigen Schriftstücken geben : 

„Die allernächsten Umgebungsbeamten des Königs bilden: i. der Tron- 
general, 2. der Generalhofmarschall, 3. der Generalhofmeister, 4. Die Offi- 
ziere vom unmittelbaren Dienste des Königs, 5. der Generaladjutant, Flügel- 
adjutant und die übrigen Adjutanten, 6. der Generalzeremonienmeister mit 
den übrigen Zeremonienmeistern, 7. der Fourier des Königs, 8. der Oberst- 
leibdiener des Königs, 9. die Leibjäger des Königs wie die Generalbeamten 
der Allh. kgl. Kabinetskanzleien. . Das Amt eines Allh. kgl. Kammerlakaien 
1. Klasse sei nach der vom 11. Mai 1898 zu Würzburg vollzogenen Bestim- 
mung des Königs der Allh. kgl. 2. Hofrangklasse der Herrlichkeitsbeamten 
zugeteilt, für den Beamten mit einem definitiv festgesetzten Jahresgehalte 
von 16 000 fl. (zehn und sechstausend Gulden), welcher in Monatsraten 
zu I 333 fl« zu erheben sei. Desgleichen wird dem Kammerlakai 1. Cl. eine 
Kleidungszulage von 960 fl. zugeteilt, welche ebenso wie das Jahresgehalt 
in Monatsraten pro Monat zu 80 fl. zu erheben sei. . Die Umkleidung des 
Königs geschieht nach jeder hohen Dienstzeit u. zwar morgens 4 Uhr, 6 Uhr 
und Mittags 1 / 4 auf 1 Uhr, nachmittags bis 1 / 2 4, und sei eine Ausfahrt mit 
betreffendem Tage verbunden, so geschieht die Umkleidung 20 Minuten vor 
der Abfahrtszeit. . Das Bier des Königs geht auf Rechnung aus der Restau- 
ration der Herrlichkeitsbeamten, wozu in der Kanzlei des Oberstleibdieners 
das Bierkontobuch aufliegt. . In sämmtlichen Allh. kgl. Appartements wer- 
den Wachslichter während der Nachtzeit bis an das Ende der Welt unter- 
halten, welche aus den Wachslichtern der Riesenlüsters und der Wandarm- 
lüsters der Säle und Zimmer bestehen. . Hat den König ein Kammerlakai 
während des Spazierganges zu begleiten, so hat er an der linken Seite des 
Königs zu gehen, doch hat der Kammerlakai Stillschweigen zu beobachten, 
wenn der König ihn nicht zum Gespräche auffordert. Denn wie immer so 
hat auch in solchen Spaziergangsfällen der König seinem Geiste die tätige 
Audienz zu geben, worüber der König ungestört sein will. . Der Leibjäger 
hat in streng vorgeschriebener Diensteskleidung zu erscheinen, welche aus 
Rock, Beinkleid, Dienstesbeschuhung, Leibjägerhut, Handschuhen, Degen, 
Sporen und der üblichen Dienstleibwäsche besteht. Zum Dienste hat sich der 
hohe Beamte durch seinen Friseur frisieren zu lassen, sowie auch jeden Tag 
zu rasieren, wenn starker Bartwuchs vorhanden ist. Vollbart sei gestattet . . 
Schlag 6 Uhr morgens empfangen der Generaladjutant und der General- 
zeremonienmeister nebst zwei Zeremonienmeistern den König im Kabinette, 
worauf sich dann das übrige diensthabende Kortege zu beteiligen hat. Das 
übrige Kortege schließt vom Spiegelsaale aus dem umgebenden Kortege sich 
an zur Begleitung und der weiteren Bedienung des Königs an der Tafel. 
Die beiden Leibjäger, an der Tafel angekommen, haben dem König den Sessel 
an der Tafel zurecht zu richten und die aufliegende Speisekarte vorzulegen, 
worauf dann durch die Leibjäger die Umschürzung des Königs sowie die 
Serviettenbedienung zu geschehen hat; desgleichen haben auch die Leibjäger 
den König mit den an der Tafel aufliegenden Journalen zu bedienen, d. h. der 



IJa6 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Leibjäger hat den König zu fragen, ob ein und welches Journal gefällig sei. . 
Alle während der Dienstzeit im Tafelsaale nicht am Platze gehörigen An- 
näherungen an Damen, welche die Art einer Liebschaft oder Liebesanbahnung 
erkennen lassen, sind strengstens verboten, indem es ein grober Verstoß 
gegen die gute Sitte des Hofes wäre." 

Weiterhin ist von dem ,, Orden der beiden himmlischen Bräute" 
die Rede, durch den ein Ritter des Reiches unter prunkvollen Zere- 
monien zur ersten Rangstufe des Adels erhoben wird, von dem 
Viergespann mit silbernem Zaumzeug, das der Ritter halten, von 
dem Ahnensaal, den er sich einrichten muß, von den Dienstkleidern, 
die nicht abgewetzt und verschwitzt sein dürfen, von der Notwendig- 
keit für die Hofbeamten, ,, öfters ein Bad zu nehmen" und sich 
mittels Bartbürste den Schnurrbart von Tabaksbesudelung zu rei- 
nigen. Die Einkleidung sämtlicher Herrlichkeitsbeamten findet 
„am Tage der Erhebung des Königs über alle Völker des Erdkreises" 
statt; dem Regierungssitze werden die Reiche Judäa, Samaria, 
Galiläa, Idumäa und Peräa einverleibt. Als Kleider des Königs 
werden aufgeführt: ,, Ornate des Dienstes der Lösegewalt", oberhirt- 
liche Dienstesornate, Lehramtskleider, Regierungsornate, Kirchen- 
festornate, weltliche Festesornate, Hauskleider, die alle genau be- 
schrieben werden. Die Zahl der Hofbeamten beläuft sich auf 157, 
vom ersten Thronbischof Primas, Generalthronmeister, Thron- 
general, Generalschatzmeister, Generalarchivar, einer Menge von 
Generaldirektoren (u. a. der Kabinetstapezierschule, Hutmacherei- 
schule, Harnischbrüsteschneidereischule, der Leibjournale) zum 
Generalhofmarschall, Generalstallmeister, Generalzeremonienmei- 
ster, Leibarzt, Barbier, Friseur, Mundkoch, Generalfischamtsmeister, 
Thronnotar, Stempelbeamten usf. Die in diesen Aufzeichnungen 
hervortretende naive Auffassung der zukünftigen Herrlichkeiten 
kehrt bei der Sektenbildung und Religionsstiftung vielfach wieder. 
Es läßt sich auch unschwer verfolgen, daß paranoische Kranke der 
hier geschilderten Art nicht selten die Begründer von großen Ge- 
meinden geworden sind. 

Weitere Schritte des Kranken bestehen darin, daß er Briefe an 
die geistlichen und weltlichen Machthaber richtet und sie über seine 
Sendung aufklärt oder ihnen Fehde ansagt. Eine Probe davon gibt 
der folgende Ausschnitt : 

„Die Stunde sei nämlich jetzt gekommen, wo ihr kathl. Pfaffenbrut das 
Spiel mit Eurem Spott gegen Mich und Meine heil. Schriften zu Ende ge- 



Prophetenwahn. 1747 

spielt habt! Jetzt folgt nämlich die Abrechnung für eure Missetaten! d. h. 
Ich fordere euch mitsamt euren antichristlichen Halunken am hl. Stuhle 
zu Rom jetzt selbst auf, daß ihr Mir und Meiner hl. Schrift da mit euren be- 
kannten Spott und euren sonstigen gemeinen Verdächtigungen nochmal 
entgegentreten sollet und dies also, auf daß laut Offbg. Joh. die Einleitung 
zur Abrechnung für eure Missetaten gegen Mich getroffen werden kann. 
Die Einleitung hiezu wird nämlich nicht nur durch derartige Erdbeben und 
Vulkanausbrüche getroffen, daß es ein allgemeines Weheklagen geben wird! 
es würde auch die weitere Einleitung hiezu noch durch derartige Krank- 
heiten, Hungersnot und Elend getroffen werden, daß die Kathl. Christenheit 
bereits gänzlich vom Erdboden vertilgt würde, sobald sie sich auf die Erd- 
beben und Vulkanausbrüche hin auch noch nicht von euch lumpigen kathl. 
Pfaffen trennen würde. " 

Andere schicken sich an, ein Buch über die wichtigsten Wahr- 
heiten zu schreiben; vielleicht das dritte Testament, meinte ein 
Kranker. Der ,, himmlische Hochzeitsmahlgeber" erfüllte das Gleich- 
nis dadurch, daß er zweimal die Einladung in Form von umfang- 
reichen Sendschreiben über das herannahende iooo jährige Reich 
ergehen ließ. Der Erzbischof erhielt ein Buch im Gewichte von 
2 1 / 2 Zentnern. Als darauf nichts außer einer Anklage wegen Re- 
ligionsstörung erfolgte, erklärte der Kranke, nun habe er seine Auf- 
gabe erfüllt, bescheide sich und werde dem Verderben seinen Lauf 
lassen. Ein anderer Kranker erschien auf den Straßen Münchens, mit 
Silbergaze geschmückt und mit einer Tafel um den Hals, auf der 
folgende Ankündigung stand : 

„Hierher und nicht weiter geht das Wort Gottes. Tut Buße, denn das 
Ende von Europa ist nahe. Zehn Jahre habt Ihr noch Zeit, Buße zu thun, 
und dann wird im ganzen Europa kein Mensch mehr sein." 

Auch er wurde festgenommen und begab sich ruhig wieder in 
seine Heimat, da er nun seine Pflicht getan habe. Ein anderer 
Kranker reiste durch die Welt, überquerte 12 mal den Ozean, fühlte 
sich getrieben, zu den Juden zu gehen, die das Gesetz halten ; eine 
Kranke fuhr mit Unterstützung ihrer Anhänger nach Wien, um 
dort durch ihre Buße, die sie in zahlreichen Kirchen tat, die Pest 
zu bannen. Manche Kranke fühlen in sich den Beruf, die Welt zu 
verbessern, das Volk zu beglücken. Ein israelitischer Kranker be- 
trieb mit größter Hartnäckigkeit und in immer wiederholten Ein- 
gaben an die Volksvertretungen die Heilighaltung des Sabbats und 
die Entrichtung des Zehnten durch die Juden sowie die täglich 
zweimalige unentgeltliche Verteilung von Brot. Er verlangte auch 



1748 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

die Fütterung der Fische im Meere und schrieb Schiffsunfälle dieser 
Unterlassungssünde zu. In einer Eingabe an den Gastwirtetag 
regte er die allgemeine Aufhängung von Tafeln mit Gesundheits- 
vorschriften an: „Man atme nie durch den Mund — man spucke 
nie auf den Fußboden, nicht auf die Straße, nur ins Taschentuch." 
Auf der Straße machte er die Leute darauf aufmerksam, daß sie sich 
nicht auf die Steine setzen sollten, um sich nicht zu erkälten, riet 
den Schutzleuten, sich mit ihren Helmen nicht zu sehr der heißen 
Sonne auszusetzen, sondern lieber in den Schatten zu gehen. 

Das äußere Verhalten der Kranken pflegt im allgemeinen völlig 
geordnet zu sein. Sie üben gewöhnlich einen Beruf aus und er- 
scheinen ihrer Umgebung vielfach als geistig besonders hochstehend. 
Meist haben sie eine große Sprachgewandtheit, vermögen in sal- 
bungsvollem Predigertone lange, bilderreiche, tiefsinnig klingende, 
wenn auch recht unklare Reden zu halten. Ein schon oben mehrfach 
erwähnter Kranker gab für seine Anhänger regelmäßig eine hekto- 
graphierte Zeitschrift ,,Aus der Schule des Lichts" heraus, in der er 
sich über die verschiedensten religiösen Fragen, namentlich aber 
auch über die Vorgänge bei der Schöpfung, die Entdeckung des 
Feuers, das Leben der vorsintflutlichen Menschen ausführlich ver- 
breitete. Zu seinem Geburtstage erschien jedesmal eine Festschrift, 
von deren einer Nummer ich den Titel abbilde (Fig. 287). Bei Sterbe- 
fällen in der „Gemeinde" wurden Todesanzeigen herausgegeben, in 
denen dem Dahingeschiedenen, der an allen Ereignissen der heiligen 
Sache innigen Anteil genommen und Gott schwere Opfer an ir- 
dischem Besitze gebracht habe, die Freuden des ewigen Lebens 
verheißen wurden, die ihr „geistiges Gottmenschwesen" bis zum 
jüngsten Tage genießen solle, um dann als edler Diener Gottes, im 
Leibe neu erstanden, des Grußes „Meiner Allerhöchst Königlichen 
Majestät des Königssohnes" sicher zu sein. Stets tragen die Kranken 
ein großes, bisweilen nur durch gesuchte Bescheidenheit verhülltes 
Selbstgefühl zur Schau. Manche suchen schon in ihrem Äußeren 
ihre heilige Sendung zum Ausdrucke zu bringen, lassen sich Haare 
und Bart lang wachsen, legen eine Art Christusgewand an. 

Als eine letzte Form des paranoischen Größenwahns wäre noch 
die erotische Verrücktheit zu erwähnen. Der Kranke macht 
die Bemerkung, daß eine wirklich oder vermeintlich durch hervor- 
ragende Stellung ausgezeichnete Person des anderen Geschlechts 



1749 




Zurreier des 6ideburstags unseres 
Herrn u. Meislers somezuffeier 
des25^öh\läumSjS einer honen 
M iss lonsth äu^keit' als eruig ICgl 
Woch2eitmahlqeber! 



Fig. 287. Paranoischer Festschrifttitel. 



Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 



23 



1750 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

ihm gewogen ist und ihm eine nicht mißzuverstehende Aufmerk- 
samkeit schenkt. Bisweilen ist es ein aufgefangener Blick, eine 
vermeintliche Fensterpromenade, eine zufällige Begegnung, die dem 
Kranken diese verborgene Liebe zur Gewißheit werden läßt. Eine 
Kranke bemerkte, daß der Landesfürst sich vor ihr im Theater be- 
sonders höflich verneigte, auch seine Kinder dazu anhielt, sie zu 
grüßen ; einem Kranken wurden Kußhände zugeworfen. Andere er- 
fahren von der Sache nur auf Umwegen durch verblümte Anspie- 
lungen der Umgebung, Zeitungsanzeigen, ohne daß sie vielleicht 
den Gegenstand ihres Interesses jemals gesehen haben. 

Sehr bald mehren sich die Zeichen des geheimen Einverständ- 
nisses. Jedes zufällige Erlebnis, Kleidung, Begegnungen, Lektüre, 
Gespräche gewinnen für den Kranken eine Beziehung zu seinem 
eingebildeten Abenteuer. Seine Liebe ist öffentliches Geheimnis 
und Gegenstand allgemeinster Aufmerksamkeit ; überall spricht man 
davon, allerdings niemals mit klaren Ausdrücken, sondern immer 
nur in feinen Andeutungen, deren tiefen Sinn er aber sehr gut ver- 
steht. Vielfach laufen hier Erinnerungsfälschungen mit unter. Na- 
türlich muß diese außerordentliche Liebe einstweilen geheim gehalten 
werden ; darum erhält der Kranke alle Nachrichten nie auf geradem 
Wege, sondern stets durch Vermittlung anderer, durch die Zeitung 
und in Form versteckter Bemerkungen. Auf dieselbe Weise weiß er 
sich durch gelegentliches Fallenlassen von Anspielungen mit dem 
Gegenstande seiner Liebe in Verbindung zu setzen. Der Flug der 
Tauben, die symbolisch ihn und die Geliebte darstellen, zeigt ihm, daß 
man ihn verstanden hat, daß er nach langen Kämpfen endlich sein 
Ziel erreichen wird; irgendeine Person, mit der er in Berührung 
tritt, erscheint ihm als die Erkorene, die sich verkleidet hat, um ihre 
Zuneigung der Welt zu verbergen, ja, eine geheime Ahnung vermag 
ihn bei einer derartigen Erkennungsszene über die handgreiflichsten 
Unähnlichkeiten, sogar über die Geschlechtsverschiedenheit hinweg- 
zusetzen. Ein Kranker, der nach zweimaliger flüchtiger Begegnung 
ein reiches Fräulein mit Heiratsanträgen bestürmte, sah sie später 
unter anderem Namen wieder; sie warf ihm Blicke zu. Sodann traf 
er sie, ganz verändert und unter anderem Namen, als Kranke in 
einer, als Pflegerin in einer anderen Irrenanstalt; Mitkranke und 
der Pfarrer sprachen mit versteckten Worten über seine Angelegen- 
heit. Nachdem er weiterhin einen Brief an sie mit dem Vermerk 



Liebeswahn . 1 7 5 ! 

ihres Todes — von ihr selbst geschrieben, wie er wahrnahm — er- 
halten hatte, suchte er sie auf und fand sie nunmehr verheiratet. 

Dieser eigentümliche Wahn kann sich, besonders durch Ver- 
mittlung von verblümten Zeitungsanzeigen genährt, lange Zeit hin- 
durch in der geschilderten Weise fortspinnen, ohne daß im sonstigen 
Tun und Treiben des Kranken, der ja seine Angelegenheit geheim 
zu halten sucht, etwas Verkehrtes hervortritt. Im weiteren Verlaufe 
gesellen sich nicht selten traumhafte Sinnestäuschungen, das Ge- 
fühl eines Kusses im Schlafe u. dgl., hinzu. Die ganze Färbung der 
Liebe ist dabei stets eine schwärmerische, romanhafte, der eigent- 
liche Geschlechtstrieb bei dem Kranken oft wenig oder in ungesunder 
Weise (Onanie) entwickelt. 

Endlich entschließt sich der Kranke zu weiteren Schritten. Er 
macht seiner Angebeteten Fensterpromenaden, richtet einen Brief 
an sie oder übermittelt ihr einen regelrechten Heiratsantrag. Die 
nunmehr erfolgenden Abweisungen kränken ihn vielleicht zunächst 
tief, erscheinen ihm aber dann nur als Mittel, ihn auf die Probe zu 
stellen. Bestärkt wird er in dieser Ansicht durch die Erfahrung, 
daß die früheren geheimnisvollen Verbindungen fortbestehen. 
Durch Zeitungsanzeigen wird er zum Stelldichein geladen ; 
Äußerungen Vorübergehender weisen darauf hin, daß er zu der 
Geliebten gehen soll; er hat das Gefühl, als versäume er etwas, 
wenn er es nicht tut. Eine Kranke erhielt im Feuilleton der Zeitung 
mehrere Jahrzehnte hindurch Nachrichten von ihrem hohen Ge- 
liebten, dem sie dann brieflich zu antworten pflegte. So erfuhr sie, 
daß er einen Ehevertrag an sie abgesandt, ein Haus für sie gekauft 
und eine Jahresrente von 30 000 Franken für sie ausgesetzt habe. 

Indessen die Dinge gestalten sich nicht günstig. In dem er- 
wähnten Falle wurde der Geliebte untreu, da ihn eine Hauptmanns- 
witwe für 15 Jahre in Liebesfesseln geschlagen hatte. Der Ehe- 
vertrag wurde unterschlagen ; man wollte die Ehe verhindern. Üble 
Gerüchte wurden ausgestreut ; eine Hofdame schickte sich an, die 
Kranke öffentlich zu ohrfeigen und dadurch unmöglich zu machen ; 
die Köchin wurde von einer eifersüchtigen Prinzessin angestiftet, sie 
zu vergiften. Man streute Morphium in die Betten; im Nachtlicht 
war Gift ; Gas stieg von unten auf. So kann die Geliebte zum Feinde 
und Verfolger des Kranken werden, oder sie will doch wenigstens 
seinen Hochmut brechen, um ihn dann zu heiraten. Sie schickt ihm 

23* 



17152 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

überall Spione nach, läßt heimlich seine Sachen durchsuchen, ver- 
hindert, daß er eine gute Stellung bekommt. Auf Briefen wird sein 
Name falsch geschrieben, bei der Unterschrift das „hochachtungs- 
voll" weggelassen; man rempelt ihn auf der Straße an, zeigt ihm die 
Zunge, spuckt vor ihm aus. Die Speisen machen ihm, offenbar in- 
folge von gesundheitsschädlichen Beimengungen, Magen- und Ver- 
dauungsbeschwerden, so daß er selbst für sich kochen muß; er 
schreibt deswegen Drohbriefe, wendet sich um Schutz an die Polizei. 

Wie schon die gegebenen Schilderungen erkennen lassen, sind 
die hier auseinandergehaltenen Spielarten der Paranoia keineswegs 
scharf abgegrenzte Krankheitsformen. Vielmehr verbinden sich die 
einzelnen Gestaltungen des Wahns ganz gewöhnlich miteinander, 
aber in unregelmäßiger Weise. Zumeist wird man jedoch keine er- 
heblichen Schwierigkeiten finden, die einzelnen Beobachtungen in 
die verschiedenen Gruppen einzureihen, wenn man die Hauptrich- 
tung der Krankheitsentwicklung berücksichtigt. Hier und da finden 
sich freilich Fälle, deren Zuteilung zu der einen oder anderen 
Form einigermaßen willkürlich ist. Von den einzelnen Gestaltungen 
des Wahns schienen mir der Verfolgungswahn, der Eifersuchtswahn 
und der religiöse Wahn am häufigsten zu sein; es kann aber sein, 
daß diese Krankheitsbilder nur besonders leicht die Notwendigkeit 
psychiatrischer Beobachtung bedingen. — 

Der allgemeine Verlauf des Leidens ist in unserer Darstellung 
wiederholt angedeutet worden. Die Entwicklung vollzieht sich immer 
ganz allmählich, so daß sich der Beginn der Krankheitserscheinun- 
gen in der Regel kaum annähernd festlegen läßt. Man spricht daher 
von einer Vorbereitungszeit, in der als Vorläufer der eigentlichen 
Wahnbildung Ahnungen, Vermutungen auftauchen, die wieder zu- 
rücktreten, vergessen, auch wohl berichtigt werden. Manche Kranke 
drücken sich auch dann noch in sehr vorsichtigen Wendungen über 
ihre Ideen aus, wenn man aus ihrem ganzen Verhalten schon die 
Überzeugung schöpfen muß, daß ihr System vollkommen festwurzelt ; 
ein derartiger Kranker kam, um zu fragen, ob seine Vorstellungen 
Wahnwitz oder Wirklichkeit seien. 

Die beiden entgegengesetzten Richtungen der Wahnbildung 
können von vornherein nebeneinander erkennbar sein. Der Kranke 
glaubt sich vielleicht schon von seinen Eltern und Geschwistern 
nicht mit der rechten Liebe behandelt, sondern vielfach verkannt; 



Verlauf. 1753 

man hat für seine Eigenart kein Verständnis. So entwickelt sich 
ein geheimer, allmählich wachsender Gegensatz zwischen ihm und 
seiner Umgebung. Er steht seinen Angehörigen wie ein Fremder, 
als Mensch aus einer anderen Welt gegenüber; sein Verhältnis zu 
ihnen ist ein kaltes, äußerliches, unnatürliches, selbst feindliches. 
,,Gott ist mein Vater und die Kirche meine Mutter*', sagte ein 
Kranker, der durch häufiges Fasten das Irdische in sich abtöten 
und dadurch in ein inniges Verhältnis zu Gott kommen wollte. 
Der Kranke zieht sich daher von seinen Angehörigen zurück, be- 
gegnet ihnen schroff, abweisend, sucht die Einsamkeit auf, um un- 
gestört seinen Gedanken nachhängen zu können, beschäftigt sich 
mit unpassender und unverstandener Lektüre. Zugleich aber regt 
sich in seinem Innern eine tiefe Sehnsucht nach etwas Großem und 
Hohem, ein geheimes Drängen nach kühner Betätigung, die stille 
Hoffnung auf ein unfaßbares Glück. Mehr und mehr befestigt sich 
in ihm die Überzeugung, zu etwas ,, Besonderem" geboren zu sein. 
Er glaubt an seine ,, Bestimmung", an seine Mission, die er zu er- 
füllen hat. 

Den letzten, entscheidenden Anstoß zur Anerkennung des Wahns 
scheint nicht selten ein an sich ganz unbedeutender Vorgang zu 
bilden, wie es in der oben wiedergegebenen Darstellung gerade des 
an der Tatsächlichkeit seines Wahnes zweifelnden Kranken ge- 
schildert wurde ; auch dort, wo die Wahnbildung an Visionen oder 
ekstatische Zustände anknüpft, kann man ein plötzliches Auf- 
tauchen des Wahnes annehmen. In anderen Fällen setzt die wahn- 
hafte Erleuchtung bei den Kranken angeblich mit Erlebnissen ein, 
die sich unzweifelhaft als Erinnerungsfälschungen kennzeichnen. 

Auch die weitere Entwicklung des Wahns vollzieht sich in der 
Regel äußerst langsam. In einzelnen Fällen können sich, wie 
Jaspers gezeigt hat, die wahnhaften Erlebnisse auf eine ganz 
kurze Zeitspanne zusammendrängen, so daß weiterhin wesentlich 
nur noch deren Verarbeitung durch Schlußfolgerungen und kon- 
fabulierende Ausschmückung erfolgt. Daß sich in den Verlauf ge- 
legentlich auch hysterische oder doch psychogene Bewußtseinsver- 
änderungen einschieben können, wurde bereits erwähnt; sie haben 
anscheinend eine gewisse Verwandtschaft mit Beobachtungen, die 
wir beim Verfolgungswahn der Gefangenen und beim induzierten 
Irresein machen. Meist jedoch schreitet die Wahnbildung nur ganz 



1754 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

allmählich fort, auch wohl in kleineren oder größeren Schüben ; die 
alten Gedankenkreise erweitern und bereichern sich; neue treten 
hinzu und beeinflussen Wahrnehmung, Deutung, Erinnerung und 
Einbildungskraft in ihrem Sinne. 

Man wird aber gewöhnlich einen Abschnitt der Krankheit unter- 
scheiden können, nach dessen Ablauf die Wahnbildung in der 
Hauptsache abgeschlossen ist und sich wohl in Einzelheiten, nicht 
aber in ihren Grundzügen ausbreitet. Den natürlichen Ausgang 
der Paranoia bildet demnach wahrscheinlich regelmäßig ein Resi- 
dualwahn. Die Erzeugung neuer Wahnvorstellungen läßt, bis- 
weilen früher, bisweilen später, allmählich nach, aber das einmal 
aufgebaute Wahnsystem pflegt in der Hauptsache unverändert 
fortzubestehen. Kleine Erweiterungen sind wohl noch möglich, 
und nebensächliche Züge können in Vergessenheit geraten oder auch 
gewisse Wandlungen erfahren, namentlich durch Erinnerungsfäl- 
schungen, aber der wesentliche Wahninhalt bleibt der gleiche. Im 
Laufe der Zeit pflegt aber die Stärke der gemütlichen Betonung des 
Wahns und damit die treibende Kraft für seine Entwicklung lang- 
sam abzunehmen. Der Kranke bringt zwar seine Wahnideen noch 
in alter Weise vor und gerät dabei auch vielleicht noch in ein ge- 
wisses Feuer, aber sie beschäftigen ihn doch nicht mehr dauernd so 
stark wie früher. Damit verlieren sie auch mehr und mehr ihren 
Einfluß auf sein Handeln. Der Kranke lehnt sich nicht mehr mit 
der alten Tatkraft gegen die Verfolgungen auf, strebt nicht mehr 
leidenschaftlich seinen hohen Zielen zu, sondern er fügt sich in sein 
Schicksal und sucht sich, so gut es geht, mit den Verhältnissen ab- 
zufinden. Ein Kranker richtete an mich folgendes Schreiben: 

„Wenn ich jetzt auch schweige auf alle Insulten, so kommt doch der 
Tag noch, wo das alles ans Tageslicht kommt, was man mit mir für ein ge- 
meines Spiel treibt. In München allein sind es Tausende, die wissen, daß ich 
nicht irrsinnig bin, daß ich nur irrsinnig sein muß, um um meine Erbschaft 
zu kommen. Da dürfen diese renitenten Herren noch lange warten, bis ich 
zur Gewalt gegen meine Bedränger schreite. O nein, solches tue ich in meinen 
alten Tagen nicht und warte ruhig den Ausgang ab, was da kommen mag . ." 

Auch ein schon oben erwähnter Kranker, der Fasten, Beten und 

Stillschweigen aus religiösen Gründen für notwendig hielt, schrieb: 

,,Da ich von Seiten des Gerichts entmündigt und für geisteskrank er- 
klärt worden bin, ist es vollständig gerechtfertigt, wenn ich mich schriftlich 
äußere; das Recht steht auf Grund dessen vollständig auf meiner Seite. Da 



Häufigkeit. 1755 

sich dieses aber im praktischen Leben nicht gut durchführen läßt, mache 
ich davon nur in dem Falle Gebrauch, wenn mich die Gewissenhaftigkeit 
dazu zwingt, was namentlich denen gegenüber gerechtfertigt ist, welche 
meine traurigen Verhältnisse kennen." 

Ein eigentlicher Schwachsinn scheint sich auch nach sehr langer 
Dauer der Krankheit nicht zu entwickeln, wenn auch öfters die 
Wahnvorstellungen und ihre Begründung ziemlich unklar und un- 
sinnig sind. Ich konnte eine Kranke bis über das 90. Lebensjahr 
hinaus beobachten, die mit 43 Jahren erkrankt war. Außer einer 
gewissen senilen Vergeßlichkeit hatte sich kein Zeichen geistiger 
Schwäche eingestellt; auch in Haltung und Benehmen zeigte die 
Kranke keinerlei Störung, während sie an ihren alten Wahnvor- 
stellungen durchaus festhielt. 

Es bedarf wohl nur eines kurzen Hinweises auf die Tatsache, 
daß die hier geschilderte Entwicklung der paranoischen Persönlich- 
keit lediglich ein krankhaft verzerrtes Abbild der allgemeinen Wand- 
lungen darstellt, die menschliches Denken und Streben im Laufe 
des Lebens zu erfahren pflegen. Der zu großen Taten und Erleb- 
nissen drängende Überschwang der Jugend verebbt allmählich an 
den Widerständen des Lebens, oder er wird durch die Reifung des 
zielbewußten Willens in geregelte Bahnen gelenkt. Enttäuschungen 
und Hindernisse führen zur Verbitterung, zu leidenschaftlichen 
Kämpfen oder zur Entsagung, die ihre Zuflucht zu kleinen Lieb- 
habereien und tröstenden Zukunftsplänen nimmt. Allmählich aber 
schwindet die Spannkraft; Denken und Wollen erstarren im engen 
Kreise des Alltäglichen, nur hier und da noch von der Erinnerung 
an die einstigen Hoffnungen und Niederlagen belebt. — 

Die Häufigkeit der Paranoia erreicht nach meinen Erfahrungen 
lange nicht 1% der Aufnahmen, namentlich wohl deswegen, weil 
die Mehrzahl der Kranken nicht oder nur vorübergehend anstalts- 
bedürftig wird. Mercklin sah in Treptow auf etwa 200 Aufnahmen 
einen Paranoiker. Zur Beleuchtung dieser Tatsachen gebe ich nach- 
stehend eine Übersicht über die Dauer der Krankheit bis zum Ein- 
tritte in die Anstalt für die kleine Zahl von Fällen, in denen sich 
darüber ein einigermaßen sicheres Urteil gewinnen ließ. 

Dauer (Jahre) 3 4 5 6 7 9 10 12 14 17 21 26 41 44 
Fälle 611112 31 1 1 1 1 1 1 

Man erkennt hieraus, daß die Hälfte der Kranken mehr als 



1756 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

9 Jahre ungestört in der Freiheit lebten, bevor sie in die Hände des 
Irrenarztes gelangten ; nicht ganz selten verflossen bis dahin über 20, 
hie und da über 40 Jahre. Auch dann dauerte der Anstaltsaufenthalt 
in der Regel nur verhältnismäßig kurze Zeit, da die Kranken bereit 
und imstande waren, sich den Forderungen des Gemeinschaftslebens 
zu fügen. Nur die Thronanwärter und ähnliche Kranke, die hohe 
Personen und Behörden querulatorisch zu belästigen pflegen oder 
andere ausbeuten, verfallen dem Schicksale längerer Freiheits- 
entziehung. Aus diesen Gründen ist es dem einzelnen Irrenarzte 
nur schwer möglich, selbst in größerem Umfange Erfahrungen 
über paranoische Kranke zu sammeln, ein Umstand, der gewiß für 
unsere mangelhafte Kenntnis dieses Gebietes und für die großen 
Meinungsverschiedenheiten mit verantwortlich zu machen ist. 

Soweit die kleine, mir zur Verfügung stehende Beobachtungs- 
reihe ein Urteil erlaubt, scheint das männliche Geschlecht erheblich 
stärker an der Paranoia beteiligt zu sein; fast 70% meiner Kranken 
waren Männer. Sie überwiegen begreiflicherweise besonders unter 
den Erfindern und Religionsstiftern, während beim erotischen und 
Verfolgungswahn auch die Frauen ziemlich stark vertreten sind. 
Das Lebensalter bei Beginn der Erkrankung lag in 2 / 3 der Fälle 
jenseit des 30. Jahres, verhältnismäßig am häufigsten zwischen 
dem 30. und 40 Jahre. In vereinzelten Fällen ließen sich die Spuren 
der Krankheit bis ins 16. und 18. Jahr zurückverfolgen. Dagegen 
habe ich mich niemals von einer wirklich ,, originären* ', bis in die 
frühe Kindheit reichenden Entstehung der Wahnvorstellungen über- 
zeugen können, wie sie Sander bei der Aufstellung seiner ,, origi- 
nären Paranoia" im Auge hatte. Vielmehr handelt es sich bei solchen 
Erzählungen der Kranken regelmäßig um Erinnerungsfälschungen. 
Die merkwürdigen, mit auffallend genauen Einzelzügen berichteten 
Äußerungen und Erlebnisse fallen dem Kranken nachträglich wieder 
ein, wenn er sein ganzes Leben wie ein aufgeschlagenes Buch durch- 
mustert; sie haben vorher gar keinen Eindruck auf ihn gemacht 
und waren ganz vergessen. Nicht selten gehören übrigens die in 
diesem Sinne originären Fälle der Dementia praecox an und ver- 
blöden rasch ; andere zeigen das Bild der konfabulierenden Para- 
phrenie. 

Über die Erblichkeitsverhältnisse unserer Kranken wage ich 
kaum etwas zu sagen, nicht nur wegen der geringen Zahl der Be- 



Ursachen. !757 

obachtungen, sondern namentlich auch deswegen, weil die Nach- 
richten über die Familiengeschichte bei diesen, zu 2 / 3 erst nach 
dem 40. Jahre in die Klinik eingetretenen Kranken viel zu unsicher 
sind. Eine ganze Reihe von ihnen hatte ein so unstetes Leben ge- 
führt, daß man lediglich auf ihre eigenen, naturgemäß sehr unzu- 
verlässigen Angaben angewiesen war. Ich lege unter solchen Um- 
ständen auf die Erfahrung, daß in etwas mehr als 1 j i der Fälle 
Geisteskrankheit bei einem der Eltern angegeben wurde, keinerlei 
Wert. Wichtiger ist es wohl, daß uns in mehr als der Hälfte der Fälle 
über persönliche Eigentümlichkeiten berichtet wurde, die auf eine 
psychopathische Veranlagung schließen ließen. Am häufigsten 
schien ein reizbares, aufgeregtes, bisweilen rohes, gewalttätiges 
Wesen zu sein. Andere Kranke waren mißtrauisch, eigenwillig, 
abergläubisch oder ehrgeizig, streberisch, unstet, unwahrhaftig, 
noch andere willensschwach und unbegabt. Mehrere Kranke 
zeigten gleichgeschlechtliche Neigungen; einige waren lange Bett- 
nässer gewesen. Wenn demnach vorderhand auch von einer ein- 
heitlichen paranoischen Veranlagung nicht die Rede sein kann, 
läßt sich doch soviel sagen, daß die Kranken vielfach von vornherein 
deutlich persönliche Eigentümlichkeiten darboten, die ihnen die Ein- 
fügung in das Gemeinschaftsleben wesentlich erschweren mußten. 
Äußere Anlässe spielen bei der Entstehungsgeschichte gar keine 
oder doch nur eine ganz untergeordnete Rolle. Auch die hier und 
da berichteten unliebsamen Lebenserfahrungen schienen mir höch- 
stens für den Inhalt, nicht aber für den Ursprung des Wahnes von 
Bedeutung zu sein ; öfters waren sie offenbar erst die Folge krank- 
haften Verhaltens. Schon die schleichende Entwicklung des Leidens 
dürfte dafür sprechen, daß der Krankheitsvorgang durch innere 
Ursachen erzeugt wird, und die allgemeine Meinung neigt zu der 
Annahme, daß wir in der Paranoia eine Ausdrucksform der Ent- 
artung vor uns haben. Stimmen wir dieser Ansicht im Hinblicke 
auf die Eigenart des Leidens und auf die Häufigkeit vorbereitender 
psychopathischer Züge bei unseren Kranken zu, so stehen wir 
weiterhin vor der besonders von Jaspers scharf umrissenen Frage, 
ob die Paranoia als die folgerichtige Entwicklung einer abnorm ver- 
anlagten Persönlichkeit oder als ein Vorgang aufzufassen sei, der 
von einem gegebenen Zeitpunkte an eine krankhafte Umwälzung 
in dem bis dahin gesunden Menschen herbeiführt. 



iy^8 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Die erstere, wohl mehr den Anschauungen der französischen 
Forscher entsprechende Auffassung ist neuerdings bei uns nament- 
lich von Mercklin und Gaupp vertreten worden; ersterer spricht 
geradezu von „paranoischen Keimen", die späterhin in der Krank- 
heit zur Entwicklung kommen sollen. Zur Stütze dieser Meinung 
könnte zunächst die Mannigfaltigkeit der Wahnsysteme heran- 
gezogen werden, die trotz Wiederkehr gewisser Grundzüge doch 
jedem einzelnen Falle sein ganz persönliches Gepräge verleiht. 
Einwenden läßt sich dagegen, daß auch ein Krankheitsvorgang, der 
etwa nur gewisse geistige Höchstleistungen in Mitleidenschaft zöge, 
der Beeinflussung des klinischen Bildes durch die persönlichen 
Eigentümlichkeiten des Erkrankten einen weiten Spielraum lassen 
würde. Weiterhin aber ist es vielleicht beachtenswert, daß die ver- 
schiedenen Wahnrichtungen bei der Paranoia ungefähr den all- 
gemeinen Befürchtungen und Hoffnungen des gesunden Menschen 
entsprechen. Sie erscheinen daher gewissermaßen als der krankhaft 
umgeformte Ausdruck der natürlichen Regungen des menschlichen 
Herzens. Indessen begegnen uns ähnliche Beziehungen auch bei 
schweren, zerstörenden Hirnerkrankungen, wie bei der Paralyse 
und der Dementia praecox, ein Zeichen dafür, daß eben der Inhalt 
der Wahnvorstellungen überall durch die allgemeinen Gemüts- 
bedürfnisse mitbestimmt wird. Es wäre ja auch in der Tat schwer 
einzusehen, woher denn sonst der Wahn seine Gestaltung nehmen 
sollte. 

Man wird aber dennoch wohl den Standpunkt vertreten dürfen, 
daß der Zusammenhang des Wahns mit der persönlichen Eigenart 
bei der Paranoia ein wesentlich innigerer ist, als bei den genannten 
Krankheitsformen. Ganz abgesehen davon, daß sich die Millionen- 
glückseligkeit des Paralytikers, der telepathische Beeinflussungs- 
wahn des Frühdementen weit einförmiger wiederholt, lassen sich 
doch bei der Paranoia die Wurzeln des später hervortretenden 
Wahns gar nicht selten in bestimmten, vorbereitenden Wesenszügen 
aufdecken. Ganz allgemein scheint mir dabei einmal die starke 
gemütliche Betonung der Lebenserfahrungen und die damit zu- 
sammenhängende persönliche Färbung der Beziehungen zur Außen- 
welt im feindlichen und freundlichen Sinne in Betracht zu kommen. 
Sodann spielt eine Rolle das mit Mißtrauen gepaarte Gefühl der 
eigenen Unsicherheit sowie das ehrgeizige, leidenschaftliche Streben 



Ursachen. 1759 

nach Anerkennung, Reichtum, Macht nebst maßloser Selbstüber- 
schätzung. Hier haben wir gewissermaßen die Bestandteile vor 
uns, aus denen sich die Entwicklung einer paranoischen Lebens- 
und Weltanschauung einigermaßen erklären ließe. Sie tragen in 
sich die Vorbedingungen nicht nur für ein dauerndes Mißverhältnis 
zwischen Wunsch und Wirklichkeit, sondern auch für eine Beein- 
flussung der gesamten Lebensauffassung durch diesen inneren 
Zwiespalt. Specht hat die Meinung ausgesprochen, daß Lebensver- 
hältnisse, die eine Verbindung von hoher Spannung des Selbst- 
gefühls mit ungenügender äußerer Anerkennung herbeiführen, die 
Entstehung der Paranoia begünstigen; als Beispiel gelten ihm die 
Volksschullehrer. 

Suchen wir nunmehr der Frage näher zu treten, unter welchen 
Voraussetzungen sich aus der paranoiden Stimmungslage hier 
der Verfolgungs-, dort der Größenwahn entwickelt, so ließe sich 
vielleicht daran denken, daß die ursprüngliche Gemütsart, die Nei- 
gung zu rosiger oder düsterer Färbung der Lebenserfahrungen, die 
Wahnbildung bald in diese, bald in jene Richtung lenkte. Durch- 
mustert man die Vorgeschichte unserer Kranken, so wird man dieser 
Annahme eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können ; eine 
verbitterte, gallige Lebensauffassung scheint in der Tat oft die Ent- 
wicklung des Verfolgungswahns, zuversichtliches Selbstvertrauen 
diejenige des Größenwahns vorzubereiten. 

Gegen eine so einfache Annahme spricht indessen einigermaßen 
die Erfahrung, daß wir ungemein häufig beide Wahnrichtungen 
nebeneinander vorfinden. Man hat diese Verbindung gewöhn- 
lich durch eine Art mehr oder weniger klar bewußter Überlegung 
zu erklären gesucht. Der von Größenideen erfüllte Kranke soll 
durch den Widerstand, auf den er bei der Verwirklichung seiner 
Pläne stößt, zu der Annahme feindseliger Machenschaften gedrängt 
werden. Dagegen läßt sich einwenden, daß man unter diesen 
Gesichtspunkten auch bei anderen wahnbildenden Krankheiten 
regelmäßig eine derartige Entwicklung erwarten sollte, was doch 
nur in ziemlich beschränktem Maße zutrifft. Immerhin läßt sich 
die Annahme verteidigen, daß die Kämpfe und Schwierigkeiten, in 
die der Kranke teils durch seinen Wahn, teils aus anderen Grün- 
den verwickelt wird, für die Ausbildung des Verfolgungswahns 
von erheblicher Bedeutung sind. Abgesehen davon, daß wir bei 



1760 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

den Haftpsychosen die Entstehung von Verfolgungsideen unter 
dem Drucke widriger Lebensschicksale mit der Klarheit des Ver- 
suches verfolgen können, beobachten wir auch nicht selten, daß 
sich dem Größenwahn Beeinträchtigungsvorstellungen dann hin- 
zugesellen, wenn die Kranken in mißliche Lebenslagen geraten und 
auf ernste Widerstände stoßen. 

Man darf aber vielleicht noch weiter gehen und annehmen, daß 
unter Umständen schon ihre aus mangelhafter Veranlagung ent- 
springende Unzulänglichkeit für den Kampf mit dem Leben als 
die Wurzel ihrer Verfolgungsideen anzusehen ist. Wer von dem 
geheimen Gefühle der Unsicherheit beherrscht wird und sich durch 
seine Schwächen in der Erfüllung seiner Lebenswünsche behindert 
sieht, ist nur zu leicht geneigt, Gefahren zu wittern und die Schuld 
an seinen Mißerfolgen auf äußere Einflüsse zu schieben. Nicht 
selten begegnet es uns, daß sich Paranoiker, wenn es ihnen mög- 
lich ist, im Gefühle ihrer Verwundbarkeit von vornherein dem 
ernsthaften Lebenskampfe zu entziehen suchen, keine feste Stellung 
einnehmen, sondern unstet umherziehen, sich nur mit Liebhabereien 
beschäftigen, die Berührung mit dem Leben meiden. 

Wäre die unvollkommene Ausrüstung für die Überwindung der 
Lebensschwierigkeiten und der aus ihr sich entwickelnde Gegensatz 
zur Umgebung eine wesentliche Grundlage für den Verfolgungswahn, 
so würde sich auch seine Unheilbarkeit begreifen lassen. Denn 
dieses Mißverhältnis besteht dauernd fort. Während bei den Haft- 
psychosen die Triebfedern der Wahnbildung durch die Entlassung 
des Kranken in die Freiheit entspannt werden, erneuert hier jeder 
Tag das Gefühl der Schutzlosigkeit gegenüber den feindseligen 
Mächten des Lebens. Daß trotzdem die Wahnbildung erst im dritten 
oder vierten Lebensjahrzehnt zu beginnen pflegt, könnte in dem 
allmählichen Verluste der jugendlichen Spannkraft begründet sein, 
die zunächst noch jeden Mißerfolg durch Erweckung neuer Zukunfts- 
hoffnungen ausgleicht. 

Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß bei der paranoischen Ge- 
staltung des Wahnes noch ein weiterer Umstand mitspielen muß. 
Uns begegnen zahlreiche Psychopathen, die dem Lebenskampfe nicht 
gewachsen sind und ihm ausweichen, ohne Verfolgungsideen zu 
entwickeln. Was den Paranoiker kennzeichnet, ist sein Wider- 
stand, sein leidenschaftlicher Kampf gegen die Unbilden des Le- 



Ursachen. 1761 

bens, in denen er feindselige Einflüsse erkennt. Gerade darin zeigt 
es sich, daß der Wahn hier einen Bestandteil der Persönlichkeit bildet. 
Mißerfolge sind dem Kranken nicht zufällige oder selbstverschuldete 
Ereignisse, sondern ein ihm angetanes Unrecht, gegen das er sich 
auflehnt. Diese Reaktionsweise scheint mir darauf hinzudeuten, daß 
bei ihm auch da, wo er dauernd die innere Unsicherheit empfindet, 
zugleich ein gesteigertes Selbstgefühl vorhanden ist ; dies eben 
bedingt seine besondere Empfindlichkeit. Dürften wir das anneh- 
men, so würde sich auch einigermaßen die Häufigkeit von Größen- 
ideen neben dem Verfolgungswahne verstehen lassen. 

Den paranoischen Größenwahn hat man öfters aus der ver- 
standesmäßigen Würdigung der ungeheuerlichen Machtmittel abge- 
leitet, die von den Verfolgern aufgeboten werden ; dadurch soll in 
dem Kranken die Vorstellung von einer ganz besonderen Bedeutung 
seiner Person erweckt werden. Mir scheint das eine gekünstelte 
Annahme. Wir müßten dann doch Ähnliches bei melancholischen 
Kranken beobachten; das trifft aber, wenn keine manischen Bei- 
mischungen vorhanden sind, nicht zu. Egozentrische Richtung des 
Denkens kann jedenfalls nicht ohne weiteres mit dem Größenwahn 
zusammengeworfen werden. Dagegen läßt sich außer dem Hin- 
überspinnen hochfliegender Jugendpläne in das reifere Leben noch 
eine andere Quelle paranoischer Größenideen denken, die wohl nicht 
weit von jener ersten entspringt. Der Kampf mit dem Leben kann 
auf doppelte Weise diese Gedankenrichtung begünstigen. Demüti- 
gungen können zu trotziger Selbstüberhebung aufrütteln, die in der 
starken Betonung des eigenen Wertes ein Gegengewicht gegen die 
Mißachtung von außen schafft, oder aber die Niederlagen und Ent- 
täuschungen führen zum Versenken in eine freundlichere Schein- 
welt, wie wir das beim präsenilen Begnadigungswahn kennen gelernt 
haben. Wenn sich der hoffnungsfreudige Größenwahn der Jugend 
an seinem Kraftgefühle berauscht, weil er den Ernst des Lebens 
und seine Widerstände nicht kennt, werden hier die niederdrücken- 
den Erfahrungen des Lebenskampfes verdrängt, weil sie nicht über- 
wunden werden können. Namentlich da, wo die Waffen versagen, 
die zur Überwindung und Niederwerfung der entgegenstehenden 
Hindernisse notwendig sind, Zähigkeit und Nachhaltigkeit des 
Willens, wird die Selbstbehauptung auf einen dieser Wege gedrängt, 
die beide zum Größenwahn führen, sei es durch hochfahrende Auf- 



1762 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 



( 



lehnung gegen fremdes Urteil, sei es durch Ausweichen in Zukunfts- 
hoffnungen, die kein Mißgeschick zu zerstören vermag. 

Vielleicht wird es einmal möglich sein, die verschiedenen Ent- 
stehungsmöglichkeiten des paranoischen Größenwahns auch klinisch 
zu verfolgen. Dort, wo er von Jugend auf das Krankheitsbild be- 
herrscht, werden wir mehr an seinen Ursprung aus selbstgefälligen 
Träumereien denken dürfen. Wo er sich aber im Anschlüsse an Ver- 
folgungsideen und erst in reiferem Alter entwickelt, haben wir es wohl 
mehr mit einer Abwehrmaßregel gegen die niederdrückenden Einflüsse 
des Lebens zu tun. Während der Wahn im ersteren Falle seine Ent- 
stehungsgeschichte in der romantischen Färbung, in dem Reichtum 
an Erinnerungsfälschungen und wahnhaften Erfindungen verrät, 
beschränkt er sich im letzteren inhaltlich auf eine maßlose Über- 
schätzung der eigenen Fähigkeiten. Endlich kann, ebenfalls im 
späteren Leben, mit oder ohne Anschluß an Verfolgungsideen, 
namentlich bei willensschwachen oder sonstwie unzulänglich aus- 
gerüsteten Naturen, ein Größenwahn zur Entwicklung gelangen, 
der ähnliche Züge trägt wie im ersten Falle, und eine Art psycholo- 
gischen Ersatzes für die Enttäuschungen des Lebens bildet. Es 
muß der Zukunft überlassen werden, zu prüfen, ob sich diese, zu- 
nächst aus gewissen Voraussetzungen abgeleiteten Formen in der 
Erfahrung tatsächlich wiederfinden lassen; vermutlich werden sie 
vielfach ineinander verschwimmen. 

Die im vorstehenden geschilderten gemütlichen Voraussetzungen 
können nun wohl die Entstehung von Wahnvorstellungen erklären, 
nicht aber ihre besondere, paranoische Gestaltung. Jedenfalls wird 
durchaus nicht jeder paranoisch, der die angeführten Eigentümlich- 
keiten aufweist. Es müssen also noch Umstände hinzukommen, 
die das Einnisten und die geistige Verarbeitung des Wahnes ver- 
mitteln. Hier ist vielfach auf das überraschende Versagen der 
Kritik gegenüber den auftauchenden Wahnvorstellungen hingewie- 
sen worden, das den Kranken deren Einflüsse widerstandslos an- 
heimfallen läßt. Zumeist wurde diese Urteilslosigkeit als das An- 
zeichen einer gewissen geistigen Schwäche aufgefaßt. Dazu ist zu- 
nächst zu bemerken, daß die Wahnbildungen der Paranoiker nach 
den soeben angestellten Erörterungen ihre Wurzel doch wohl in 
gemütlichen Spannungen haben, wie sie auch beim Gesunden die 
Fähigkeit zu sachlichem Abwägen stark zu beeinträchtigen pflegen. 



Ursachen. 1 7^3 

Bezeichnend dafür ist bekanntlich das feste Haften von politischen 
und religiösen Überzeugungen, die in der Regel nicht durch eigene 
geistige Arbeit erworben, sondern durch die gemütlichen Einflüsse 
der Erziehung und des Beispiels eingeimpft werden und dadurch 
„ans Herz wachsen* * ; auch ihnen gegenüber versagt vielfach in 
sonst unbegreiflicher Weise die rein verstandesmäßige Überlegung. 

Indessen auch abgesehen von der gemütlichen Verankerung des 
paranoischen Wahns, dürften noch gewisse Unvollkommenheiten der 
Verstandesarbeit bei unseren Kranken wesentlich mit dazu beitragen, 
ihre Widerstandsfähigkeit gegen das Auftauchen und Einmischen 
wahnhafter Vorstellungen zu verringern. Wie mir scheint, zeigt die 
Wahnbildung der Paranoiker manche bemerkenswerten Übereinstim- 
mungen mit dem unentwickelten Denken. Zunächst begegnen 
wir der schwärmerischen, durch nüchterne Erwägungen nicht abge- 
kühlten Sehnsucht nach überspannten Zielen, Idealen, wie sie an- 
scheinend vielfach die Grundlage des paranoischen Größenwahns 
bildet, in ähnlicher Weise bei der Jugend. Späterhin, mit Reifung 
des Urteils, führen die Lebenserfahrungen allerdings unwidersteh- 
lich zu einer Einschränkung der Hoffnungen auf das Erreichbare, 
während sich im Paranoiker gerade dann die Überzeugung befestigt, 
der Erfüllung seiner Träume nahe zu sein. Auch die eigentümlich 
romantische Färbung der paranoischen Wahngebilde, die Aus- 
malung der Prinzen- und Königsherrlichkeit, das still beglückende, 
süße Geheimnis des erotischen Wahns, die Neigung zu Wachträu- 
merei und zur Umgestaltung der Welt nach den eigenen unreifen 
Wünschen erinnern uns sehr an die ähnlichen Schöpfungen der 
jugendlichen Einbildungskraft. Das gleiche gilt für die Stümpereien 
der Erfinder, die wir in den unbeholfenen Basteleien unserer für die 
Wunderwerke der Technik begeisterten Kinder wiederfinden. 

Weiterhin ist darauf aufmerksam zu machen, daß die ego- 
zentrische Richtung des Denkens, die Belebung der Außenwelt mit 
freundlichen und feindlichen Mächten, die abergläubische Deutung 
der Ereignisse, kurz die gesamte Grundlage des Beziehungswähns, 
eine allgemeine Eigentümlichkeit geistig unentwickelter Völker und 
Menschen darstellt. Dromard 1 ) spricht in diesem Sinne von in- 
fantilen Zügen im Denken der Paranoiker. Je weiter sich das Denken 
von der Stufe rein sinnlicher Erfahrung entfernt, je mehr sich be- 

] ) Dromard, Journ. de psychologie norm, et pathol. VIII, 406. 



1764 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

griffliche Allgemeinvorstellungen ausbilden, um so mehr verblaßt 
die persönliche Färbung der Verstandesarbeit, und um so sachlicher 
wird das Urteil. Endlich aber wäre noch zu betonen, daß auch das 
Aufschießen unmittelbar gewisser, dem Zweifel unzugänglicher 
Überzeugungen ein Vorgang ist, den wir in derselben Weise auf 
niederen Entwicklungsstufen des Denkens wiederfinden. Die Sicher- 
heit ist das Natürliche, Selbstverständliche, der Zweifel die bittere 
Frucht einer gereiften Erfahrung. 

Wir kommen somit zu dem Schlüsse, daß dem paranoischen 
Denken eine Reihe von Eigentümlichkeiten anhaften, die wir als 
Zeichen von Entwicklungshemmungen aufzufassen berechtigt 
sind. Sie können dazu führen, daß Denkgewohnheiten, die sonst 
mit der Reifung der geistigen Persönlichkeit mehr und mehr über- 
wunden werden, hier dauernd fortbestehen und bei entsprechen- 
der gemütlicher Veranlagung allmählich jene Verfälschung der 
Lebensanschauungen bedingen, die unsere Krankheit kennzeichnet. 
Wenn man will, könnte man sagen, daß sich die Vorstellungswelt 
eines Wilden, der sich überall von Dämonen umlauert sieht und eine 
Menge Unheil oder Glück verkündender Zeichen wahrnimmt, oder 
des Medizinmannes, der die Zauberkräfte des Fetischs beherrscht 
und durch seine Beschwörungen übernatürliche Wirkungen herbei- 
führt, grundsätzlich nicht allzusehr von paranoischen Wahnsystemen 
unterscheide. Nur handelt es sich dort um allgemeine Kulturstufen, 
hier um rein persönliche, krankhafte Entwicklungen. 

Zu beachten bleibt ferner, daß wir den Paranoiker natürlich nicht 
einfach als ein großes Kind auffassen dürfen. Vielmehr wäre etwa 
anzunehmen, daß sich bei ihm eine ungleichmäßige Ausbildung der 
psychischen Persönlichkeit vollzogen habe, daß also nur gewisse Ge- 
biete des Seelenlebens unreif geblieben seien. Es würde sich demnach 
um eine Art Verzerrung des seelischen Bildes handeln, bei der die 
verschiedenartig ausgebildeten Einzelzüge einander gegenseitig be- 
einflussen und stören. So könnte sich auch die Unerschütterlichkeit 
des paranoischen Wahnsystems erklären, die zunächst in Wider- 
spruch zu der Beeinflußbarkeit der jugendlichen Einbildungen zu 
stehen scheint. Die spielerischen Träumereien der unentwickelten 
Persönlichkeit vollziehen sich in einem leichtbeweglichen Seelen- 
leben, mit dessen Reifung und Festigung sie ihren Boden verlieren. 
Bei der Paranoia aber bestehen die geschilderten Unzulänglichkeiten 



Ursachen. 1765 

der Verstandesarbeit in einer schon erstarrenden Persönlichkeit 
fort; sie werden daher auch eine wesentlich abweichende, an- 
dauerndere Wirkung entfalten. Zu vergessen ist endlich nicht, 
daß auch der Kampf ums Dasein unter den verwickelten Kultur- 
bedingungen, die stete Erregung durch die gesteigerten Schwierig- 
keiten des Lebens, zu der besonderen Gestaltung des Bildes bei- 
tragen muß, das unter den geschilderten Voraussetzungen zustande 
kommt. Wenn wir demnach auch anerkennen, daß gewisse Eigen- 
tümlichkeiten der paranoischen Wahnbildung sich aus umschrie- 
benen Entwicklungshemmungen herleiten lassen und deswegen 
Übereinstimmungen mit dem Verhalten unreifer Menschen und 
Völker darbieten, so bestehen doch nach anderen Richtungen hin 
tiefgreifende Unterschiede. 

Eigenartige Denkstörungen hat auch Berze 1 ) als den Aus- 
gangspunkt der paranoischen Wahnbildung bezeichnet. Er meint, 
daß bei den Paranoikern eine Apperzeptionsstörung vorliege, die 
ihnen die Erhebung eines psychischen Inhalts in den Blickpunkt 
des Bewußtseins erschwere. Aus diesem Fortfallen der ,, aktiven 
Apperzeption* ' soll sich ein Gefühl des „Erleidens" entwickeln, das 
dann wohl der Ausbildung des Verfolgungswahns die Wege ebne. 
Der Beweis für diese Aufstellungen dürfte sich kaum erbringen 
lassen. Auf der einen Seite beobachten wir Erschwerung oder Auf- 
hebung der aktiven Apperzeption in zahlreichen Krankheitszustän- 
den, die gar nicht oder nur vorübergehend von Wahnbildungen 
begleitet sind (Manie, Delirien, Paralyse, Idiotie) ; andererseits kann 
bei der Paranoia von einer allgemeinen Verbreitung der genannten 
Störung gar keine Rede sein; setzt doch gerade die systematische 
Ausbildung des Wahnes hier die Festhaltung leitender Gedanken- 
gänge und die auswählende Bevorzugung bestimmter Eindrücke 
und Vorstellungen entschieden voraus. 

Fassen wir alle diese Erörterungen noch einmal kurz zusammen, 
so wäre also etwa zu sagen, daß mir eine wesentliche Grundlage 
der Paranoia das erhöhte Selbstgefühl zu sein scheint. Aus ihm 
gehen einmal die hochfliegenden Pläne, andererseits die gesteigerte 
Empfindlichkeit für die besonders dem Psychopathen sich entgegen- 
türmenden Schwierigkeiten des Daseinskampfes hervor. Zugleich 
wird durch die starke Gefühlsbetonung der Lebenserfahrungen deren 

x ) Berze, Über das Primärsymptom der Paranoia. 1893. 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 24 



Ij66 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

persönliche Deutung und Wertung begünstigt. So sind die Vor- 
bedingungen für die Entwicklung von Größenideen und Verfolgungs- 
ideen gegeben. Daß es aber zur Wahnbildung im paranoischen 
Sinne kommt, beruht auf Unzulänglichkeiten der Verstandesarbeit 
infolge von teilweisen Entwicklungshemmungen, die gewisse ur- 
sprüngliche Denkgewohnheiten dauernd fortbestehen lassen. Da- 
hin gehört die Neigung zu Wachträumereien, zu egozentrischer 
Lebensauffassung und zu urteilsloser Hingabe an auftauchende 
Ideen. Durch diese Auffassung würde die Paranoia, wie es auch 
unter klinischen Gesichtspunkten wohl angängig ist, in die Nähe der 
Entartungshysterie gerückt werden, bei der wir es ebenfalls mit der 
Fortdauer überwundener Entwicklungsstufen auf einzelnen Seelen- 
gebieten zu tun haben. 

Haben wir uns bisher bemüht, die Gesichtspunkte zu erörtern, 
unter denen die Entwicklung einer Paranoia aus einer eigenartigen 
Veranlagung verständlich gemacht werden könnte, so fehlt es doch 
auch nicht an Gründen, die für das Vorliegen eines wirklichen, von 
einem bestimmten Zeitpunkte an die Persönlichkeit umwandelnden 
Krankheitsvorganges geltend gemacht werden können. Da greif- 
bare äußere Ursachen in der Regel nicht nachweisbar sind, müßte 
man an Leiden denken, die sich aus inneren Gründen entwickeln. 
Im Hinblicke auf die unzweifelhaften Beziehungen der Paranoia 
zur Entartung könnten Krankheitskeime in Betracht kommen, die 
schon in der Anlage vorhanden waren, sich aber erst späterhin in 
selbständiger Weise fortentwickeln, wie bei gewissen familiären 
Nervenkrankheiten, z. B. der Huntingtonschen Chorea. Von 
Bedeutung ist für diese Frage zunächst der Umstand, daß sich die 
Wurzeln des paranoischen Wahns durchaus nicht immer bis in 
eine ferne Vergangenheit zurückverfolgen lassen; öfters treten die 
Ideen, wenigstens nach der Darstellung der Kranken, ziemlich un- 
vermittelt hervor. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, daß uns 
die Kranken regelmäßig erst lange Jahre nach dem Beginne des 
Leidens zu Gesicht kommen, und daß ihre Angaben sehr gewöhnlich 
durch Erinnerungsfälschungen mehr oder weniger stark entstellt sind. 

Weiterhin könnte für die Annahme eines Krankheitsvorganges 
der nicht selten beobachtete Verlauf in Schüben angeführt werden, 
das Zusammendrängen der Wahnbildung auf verhältnismäßig kurze 
Zeitabschnitte, ihr jahrelanger Stillstand dazwischen. Es liegt auf 



Ursachen. 1767 

der Hand, daß dieser Beweisgrund nur dann Bedeutung hätte, wenn 
die früher angenommene paranoische Persönlichkeitsentwicklung 
als gänzlich unabhängig von äußeren Einflüssen gedacht wäre. 
Erkennt man aber an, wie wir es taten, daß für das Zustandekommen 
des paranoischen Wahns der Kampf mit dem Leben von maß- 
gebender Bedeutung ist, so könnte ein Verlauf in Schüben recht wohl 
auch durch äußere Einflüsse zustande kommen. Leider liegen über 
diese Frage bisher keine zureichenden Untersuchungen vor ; sie 
dürften auch auf kaum überwindliche Schwierigkeiten stoßen. An- 
gedeutet werden soll jedoch, daß sich in die Entwicklung einer 
Persönlichkeit wohl auch aus inneren Gründen einmal raschere 
Umwälzungen und ebenso Stillstände einschieben können ; die Er- 
fahrungen des gesunden Lebens scheinen dafür zu sprechen. 

Sehr beachtenswert ist der Umstand, daß sich der Inhalt der 
Wahnvorstellungen bisweilen außerordentlich weit vom gesunden 
Denken entfernt. Es fällt daher zunächst schwer, hier eine einfache 
Entwicklung aus der Gesundheitsbreite heraus anzunehmen. Einen 
Anhaltspunkt für unser Urteil geben uns jedoch vielleicht die Haft- 
psychosen, bei denen wir ganz ähnliche, unter Umständen niemals 
wieder verschwindende Wahnbildungen unter dem Drucke psychi- 
scher Schädigungen entstehen sehen. Demnach wird sich auch die 
Möglichkeit nicht in Abrede stellen lassen, daß ein paranoischer 
Wahn trotz seiner Unsinnigkeit lediglich durch ungünstige gemüt- 
liche Einwirkungen zustande kommen ■ kann. Allerdings werden 
wir dabei unter allen Umständen eine ausgeprägte paranoische 
Veranlagung voraussetzen müssen, da wir es ja nicht, wie bei den 
Gefangenen, mit ungewöhnlichen Lebensschicksalen, sondern mit 
der Wirkung der alltäglichen Schwierigkeiten des Daseinskampfes 
zu tun haben, die nur hier besonders drückend empfunden werden. 

Wir kommen somit zu dem Schlüsse, daß sich zurzeit ein aus- 
schlaggebender Grund für die Annahme eines Krankheitsvorganges 
als Ursache der Paranoia nicht auffinden läßt, daß wir aber mit 
krankhaften Vorbedingungen in Form von ganz bestimmten Un- 
zulänglichkeiten der Veranlagung zu rechnen haben. Insofern wären 
Berührungspunkte mit der zuletzt besprochenen Anschauung vor- 
handen. Nur würde es sich nicht um die Fortentwicklung von 
Krankheitskeimen zu selbständigen, in das psychische Leben zer- 
störend und verzerrend eingreifenden Krankheitsvorgängen han- 

24* 



iy68 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

dein, sondern um die natürlichen Umwandlungen, denen eine 
psychische Mißbildung unter dem Einflüsse der Lebensreize unter- 
liegt. 

Es hat nicht fehlen können, daß sich auch die Freudschen 
Lehren der Paranoiafrage bemächtigt haben. Nach den Ergebnissen 
der Psychoanalyse bildet den Ausgangspunkt der Paranoia der Auto- 
erotismus, Narzismus, die Homosexualität. Die Krankheit errichtet 
das Abwehrsymptom des Mißtrauens gegen andere zur Bewältigung 
ihrer unbewußt verstärkten Homosexualität; ihre Wahnbildung ist 
in Wirklichkeit der Heilungsversuch nach der Katastrophe. Da 
diesen Behauptungen weder eine klare Begriffsbestimmung der 
Paranoia noch eine nur irgend annehmbare Beweisführung zu- 
grunde liegt, dürfte es unnötig sein, sich weiter mit ihnen zu be- 
fassen. — 

Nicht weniger schwierig, als das Eindringen in das Wesen der 
Paranoia, ist ihre Umgrenzung. Wir haben schon in der Ein- 
leitung die Wandlungen erwähnt, die der Umfang des Paranoia- 
begriffes im Laufe der letzten Jahrzehnte durchgemacht hat. Wenn 
man, wie es hier geschehen, die Dementia paranoides, die Para- 
phrenien und eine Reihe von anderen paranoiden Erkrankungen 
ausscheidet, bleiben noch nach zwei Richtungen wichtige Umgren- 
zungsfragen zu lösen. Einmal handelt es sich um die Entschei- 
dung darüber, ob es abortiv verlaufende, heilbare Paranoia- 
formen gibt. Zwar werden wir der Ansicht von Westphal, der 
seinerzeit Fälle von Zwangsirresein als abortive Paranoia auffaßte, 
heute nicht mehr zustimmen können, aber es bleibt doch zu unter- 
suchen, ob die paranoische Wahnbildung unter allen Umständen 
dauernd fortbestehen muß. Die Franzosen haben „bouffees deli- 
rantes" beschrieben, die sie in Beziehung zu den paranoischen Er- 
krankungen zu setzen geneigt sind, und auch bei uns spricht man 
von Wahnbildungen bei Degenerierten, denen man nach ihrer Ent- 
stehungsgeschichte wohl eine Verwandtschaft mit denjenigen der 
Paranoiker einzuräumen hätte. Unter Hinweis auf die Wer- 
nickesche Annahme einer ,, überwertigen Idee", die den Kranken 
kürzere oder längere Zeit beherrschen kann, hat Friedmann, 
wie oben erwähnt, Beobachtungen über ,, milde Wahnformen" 
veröffentlicht. Hier trat im Anschlüsse an äußere, gemütlich er- 
schütternde Lebensereignisse (getäuschte Heiratshoffnungen) ein 



Umgrenzung. 1769 

systematisierter, aber umschriebener Wahn auf, namentlich Be- 
achtungswahn, der nach 2—3 Jahren ohne eigentliche Berichtigung 
allmählich wieder verblaßte ; es handelte sich meist um Frauen 
zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre. Endlich hat Gaupp Fälle 
von gebildeten Männern mit ,, depressiv-paranoider" Veranlagung 
erwähnt, bei denen sich unter dem Drucke peinlicher Lebens- 
ereignisse schleichend ein mißtrauischer Beziehungswahn mit 
halber Einsicht und schwankendem Verlaufe entwickelte, ohne zu 
starrer Systematisierung zu führen. 

Es ist nicht leicht, zu allen diesen Erfahrungen Stellung zu 
nehmen. Eine Hauptschwierigkeit liegt zurzeit nach meiner Mei- 
nung noch in der Diagnostik. Namentlich habe ich mich davon 
überzeugt, daß es Anfälle des manisch-depressiven Irreseins gibt, 
die wegen des starken Hervortretens der Wahnvorstellungen und der 
unscheinbaren Färbung des Stimmungshintergrundes ungemein 
leicht für abortive Paranoiafälle gehalten werden können. Mir selbst 
ist es trotz besonders darauf gerichteter Aufmerksamkeit bis in die 
jüngste Zeit hinein begegnet, daß ich derartige Anfälle als para- 
noische Schübe aufgefaßt habe. Man wird daher immer mit der 
Möglichkeit rechnen müssen, daß der eine oder andere günstig, 
wenn auch ohne Gewinnung voller Krankheitseinsicht, auslaufende 
paranoide Krankheitsfall in dem angeführten Sinne zu deuten ist. 
Wir werden auf diese Frage noch zurückzukommen haben. 

Die Wahnbildungen der Entarteten sind, soweit heute bekannt, 
regelmäßig psychogenen Ursprungs und knüpfen sich an einen be- 
stimmten, greifbaren Anlaß an, soweit sie überhaupt eine gewisse 
Ähnlichkeit mit der Paranoia erkennen lassen. In diesem Punkte 
unterscheiden sie sich also durchaus von der schleichenden Ent- 
wicklung der paranoischen Wahnbildung. Mir scheint es daher 
zweckmäßig, sie von ihr abzutrennen. Es wird aber zuzugeben sein, 
daß es hier Übergänge geben kann, je nachdem der persönlichen 
Eigenart einerseits, dem äußeren Anstoße andererseits eine größere 
oder geringere Rolle in der Entstehungsgeschichte der Krankheits- 
erscheinungen zukommt. Die Paranoia und die psychogene Wahn- 
bildung darf man sich vielleicht als die Endglieder einer Kette vor- 
stellen, in der alle möglichen Zwischenglieder vertreten sind. 

Von diesem Standpunkte aus wäre grundsätzlich gegen das Vor- 
kommen ,, milder", psychogener, in Heilung ausgehender Paranoia- 



1770 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

formen keine Einwendung zu erheben. Man würde nur annehmen 
müssen, daß hier dauernd eine ,, latente" Paranoia besteht, die nicht 
unter allen Umständen, sondern nur bei besonderem Anlasse zur 
Wahnbildung führt; so wäre es auch verständlich, daß die Wahn- 
bildung wieder zum Stillstande käme, wenn der Anlaß beseitigt oder 
seine Wirkungen ausgeglichen wären. Irgendein anderes Lebens- 
ereignis könnte dann später in ähnlicher Weise krankmachend 
wirken. Wir hätten es also mehr mit der dauernden Neigung 
zur Wahnbildung, mit einzelnen Wahnschüben zu tun, nicht, wie 
bei der ausgebildeten Paranoia, mit einer unerbittlich fortschreiten- 
den wahnhaften Umwandlung der gesamten Lebensanschauungen 
in einer bestimmten Richtung. 

Es läßt sich zurzeit nicht mit Sicherheit sagen, ob und wie weit 
sich die hier entwickelten Anschauungen mit den klinischen Er- 
fahrungen zur Deckung bringen lassen. Immerhin scheint es mir, 
daß es Veranlagungen gibt, die zwar den Keim zu einer Fort- 
bildung in .paranoischer Richtung in sich tragen, diesen aber nur 
zu einer vorübergehenden und verschwommenen Wahnbildung 
weiterentwickeln. Mercklin spricht von Persönlichkeiten, die sich 
ihr ganzes Leben hindurch auf dem Wege zur Paranoia befinden. 
Man wird auch unter den ausgesprocheneren Paranoiafällen manche 
finden, bei denen das Wahnsystem eine weniger starre und ge- 
schlossene Form darbietet, als man schulmäßig anzunehmen pflegt. 
Mir ist unter den unserer Klinik zuströmenden Psychopathen eine 
gewisse, allerdings nicht sehr große, Zahl von Persönlichkeiten auf- 
gestoßen, die ich als ,, paranoide* ' bezeichnen möchte, insofern sie mir 
wesentliche Vorbedingungen für die Entwicklung einer Paranoia dar- 
zubieten schienen, zum Teil auch Ansätze dazu zeigten, ohne daß 
doch ein wirkliches Wahnsystem zur Ausbildung gelangt wäre. Ich 
will versuchen, soweit das nach den mir vorliegenden beschränkten 
Erfahrungen möglich ist, eine kurze Schilderung dieser Gruppe von 
paranoiden Persönlichkeiten zu geben. 

Bei der Mehrzahl der Kranken standen Verfolgungsideen im 
Vordergrunde des klinischen Bildes, wohl deswegen, weil sie am 
häufigsten Anlaß zur Befragung des Irrenarztes geben. Der hervor- 
stechendste gemeinsame Zug war das Gefühl der Unsicherheit und 
des Mißtrauens gegen die Umgebung, das sich in den verschie- 
densten Formen äußerte. Der Kranke fühlt sich bei jeder Ge- 



Umgrenzung. 1 7 7 1 

legenheit ungerecht behandelt, angefeindet, beeinträchtigt, unter- 
drückt. Die Seinigen handeln schlecht an ihm; die Arbeitsgenossen 
mögen ihn nicht; sie hänseln ihn, machen Bemerkungen über ihn, 
sehen ihn spöttisch, wie einen Geisteskranken, an, lachen ihn aus. 
Alles drängt auf ihn ein; er hat ein Martyrium zu erdulden, klagt 
über sein ,, zertretenes Leben". Ein Kranker sprach von , Jahrelanger 
pekuniärer Mißhandlung* ', als sein Vormund im Hinblicke auf seine 
geringen Mittel nicht alle seine übertriebenen Geldansprüche zu be- 
friedigen vermochte. Man will den Kranken aus seiner Stelle ver- 
treiben ; der Arbeitgeber hat es auf ihn abgesehen. In unbestimmten 
Andeutungen spricht er von geheimen Zusammenhängen, von der 
Wühlarbeit gewisser Leute. Es geht nicht mit rechten Dingen zu ; er 
wittert überall unlautere Beweggründe, Unterschlagungen, Durch- 
stechereien; die Drahtzieher der Benachteiligungen, die er erfährt, 
sind ihm bekannt, aber er will sich nicht aussprechen. Ein Kranker 
konnte den Leuten das Böse vom Gesicht ablesen. Die Ärzte, die ihn 
untersuchen sollen, urteilen nach Gunst ; die Behörden sind parteiisch. 
Ein Kranker, der meinte, seine Frau habe ihm Trippergift in die 
Suppe getan, behauptete, die Polizei habe die Sache deswegen nicht 
untersuchen lassen, weil er kein Geld gehabt habe, zu zahlen. Ein 
anderer beschwerte sich, weil er zu Unrecht für geisteskrank er- 
klärt worden sei, während das Gutachten sich gerade für seine 
geistige Gesundheit ausgesprochen hatte. Einige Kranke äußer- 
ten Eifersuchtsideen; ein Kranker merkte, daß seine Frau sich 
nichts aus ihm mache; sie zeigte ihm durch ihr Verhalten zu an- 
deren, ,,daß sie ihm vielleicht untreu war". Er wollte sie los werden, 
bekam aber bei ihrer Abwesenheit starke Sehnsucht nach ihr, um 
sofort wieder die alten Vorwürfe zu beginnen, als sie zurückkehrte. 
Hand in Hand mit solchen, bald bei dieser, bald bei jener Ge- 
legenheit auftauchenden Wahnvorstellungen geht eine starke ge- 
mütliche Reizbarkeit und eine unzufriedene, mißmutige Stimmung. 
Der Kranke ist unverträglich, nörgelig, macht überall Schwierig- 
keiten, lebt dauernd in Mißhelligkeiten mit seinen Arbeitsgenossen, 
gerät bei unbedeutenden Anlässen in maßlose Erregung, schimpft, 
tobt und flucht. Er verfaßt langatmige Beschwerdeschriften, be- 
droht die Frau, mißhandelt die Kinder, reicht Scheidungsklage ein, 
spricht davon, den Arbeitgeber zu erschießen. Andere ziehen sich 
zurück, lehnen alle Beziehungen zur Umgebung ab. Ein Kranker 



1*7*72 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

verkehrte mit seiner Frau nur schriftlich ; ein anderer weigerte sich 
hartnäckig, gerichtlichen Vorladungen Folge zu leisten. 

Ein Verständnis für die in ihrem ganzen Verhalten hervor- 
tretenden Unzulänglichkeiten ihrer Persönlichkeit besitzen die 
Kranken nicht. Sie sind unduldsam und eigensinnig, glauben sich 
vollständig in ihrem Rechte, finden ihre auffallenden Handlungen 
ganz in der Ordnung, halten hartnäckig an ihren Ideen fest. Auf 
der anderen Seite sind sie oft äußerst leichtgläubig für Mitteilungen, 
die in ihrer Gedankenrichtung liegen; sie nehmen jeden Klatsch 
ohne weiteres als Wahrheit hin, lassen sich etwas weiß machen, 
verrennen sich. 

In der Regel läßt sich deutlich ein gesteigertes Selbstgefühl nach- 
weisen. Die Kranken rühmen ihre Leistungen, halten sich für ihrer 
Umgebung überlegen, machen besondere Ansprüche, schieben ihre 
Mißerfolge lediglich auf äußere Behinderungen, ohne die sie zweifel- 
los in der Lage gewesen sein würden, ,, Nützliches und Ersprießliches 
zu leisten". Einzelne Fälle sind mir auch vorgekommen, die man als 
Vorstufen des paranoischen Größenwahns in seinen verschiedenen 
Gestaltungen auffassen könnte. Ich sah einige Erfinder, die sich mit 
dem Perpetuum mobile beschäftigten und durch ihre zukünftigen 
Erfolge Geld und Ehre in bedeutendem Maßstabe zu gewinnen 
hofften ; einer erwartete Großes von Rabattsparmarken mit Ge- 
schäftsreklamen. Andere Kranke fielen durch hochfliegende Pläne 
und Weltbeglückungsideen auf, die außer jedem Verhältnisse zu 
ihrem Wissen und Können standen; sie hatten sich in eine Art 
Mission hineingedacht, die sie zu erfüllen hätten, obgleich sie nicht 
den gewöhnlichsten Anforderungen des Lebens zu entsprechen ver- 
mochten. Auch Andeutungen erotischen Wahns bin ich begegnet, 
Kranken, die trotz unzweideutigster Abweisung doch immer wieder 
der vermeintlichen Geliebten nachstellten und sie durch Bitten und 
Drohungen gefügig zu machen suchten. 

Die Verstandesbegabung war bei den hier besprochenen Kranken 
durchschnittlich ziemlich gut ; um so auffallender war das Versagen 
des Urteils gegenüber ihren Wahnvorstellungen. Vielfach wurde 
ein launenhaftes Wesen mit häufigem Stimmungswechsel be- 
obachtet, dessen Einfluß sich auch in einer unsteten, abenteuerlichen 
Lebensführung erkennen ließ. Gelegentlich wurden hypochondrische 
Beschwerden geäußert, ziehende Schmerzen im Rücken, Zusammen- 



Umgrenzung. 1773 

schnüren auf der Brust. Mehrfach wurde über starke geschlecht- 
liche Erregbarkeit berichtet. Einige Kranke machten Selbstmord- 
versuche, zum Teil wiederholt. In einzelnen Fällen traten hyste- 
rische Störungen auf, Weinkrämpfe, Ohnmächten, Herabsetzung 
des Würgreflexes, konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung. Manche 
Kranke trieben zeitweise Alkoholmißbrauch. Fast alle lebten 
dauernd in der Freiheit, meist ohne besondere Schwierigkeit; sie 
wurden nur aus besonderem Anlasse einmal vorübergehend der 
Klinik zugeführt. 

Was die Wahnbildungen dieser Kranken von denjenigen der 
ausgesprochenen Paranoia unterschied, war ihre Verschwommen- 
heit und das Fehlen einer systematischen Verarbeitung. Ihre Be- 
fürchtungen und Hoffnungen waren mehr unbestimmter Art, 
wurden als Andeutungen und Vermutungen vorgebracht, oder sie 
bestanden in einer stark persönlichen Wertung tatsächlicher Vor- 
kommnisse, die sich nicht allzu weit von den Einseitigkeiten Ge- 
sunder entfernte. Soweit es sich erkennen ließ, hatte keine innere 
Verknüpfung der einzelnen Wahnbestandteile zu einer paranoischen 
Lebensauffassung stattgefunden. Sie schienen auch den Kranken 
nicht eigentlich in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, tauch- 
ten auf, um wieder mehr zurückzutreten, ohne doch ganz zu ver- 
schwinden. Man kann natürlich einwenden, daß die Kranken ihre 
innersten Gedankengänge vielleicht geheimgehalten haben, oder 
daß sich die Ausbildung eines Wahnsystems späterhin noch voll- 
ziehen wird. Die weitere Erfahrung muß über diese Möglichkeiten 
entscheiden. Zurzeit scheint mir die Annahme begründet, daß Fälle 
von unausgebildeter, ,, rudimentärer* ' Paranoia sich nicht nur in den 
Rahmen unserer Auffassung vom Wesen der Krankheit einfügen 
würden, sondern auch tatsächlich zur Beobachtung kommen. 

Es wird freilich im einzelnen Falle vielfach strittig sein können, 
ob und wann wir das Recht haben, eine krankhafte Persönlichkeit 
in dem hier umgrenzten Sinne als ,, paranoid" zu bezeichnen. We- 
sentlich scheint mir eine Verbindung von Unsicherheit mit über- 
triebener Einschätzung der eigenen Person zu sein, die eben dazu 
führt, daß der Kranke in einen feindseligen Gegensatz zu den Ein- 
flüssen des Lebenskampfes gedrängt wird und sich ihnen durch 
innere Erhebung zu entziehen sucht. Weiterhin dürften stark per- 
sönliche Färbung des Denkens durch lebhafte Gefühlstöne, Reg- 



1 774 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

samkeit der Einbildungskraft und Selbstsicherheit von Bedeutung 
sein. Führen diese Eigentümlichkeiten zu einzelnen oder all- 
gemeinen Wahnbildungen ohne Systematisierung, so wäre damit 
etwa der paranoide Psychopath gekennzeichnet. 

Die starke Einschränkung, die der Paranoiabegriff im Laufe 
der letzten Jahrzehnte erfahren hat, führte vielfach zu der Pro- 
phezeiung, daß er alsbald gänzlich verschwinden werde. Einen 
Versuch, das ganze Krankheitsbild der Paranoia aufzulösen, hat in 
der Tat Specht unternommen. Er fand, daß zunächst der Queru- 
lantenwahn, dann aber auch die Paranoia ,,das ganze Inventarium 
der Manie' ' in sich schließe, den Rede- und Schreibdrang, die Ruhe- 
losigkeit, das Abschweifen, die Schlagfertigkeit. Ihm bedeutet die 
Krankheit demnach nur die Reaktion eines manisch-depressiv Ver- 
anlagten auf ein gemütlich erregendes Ereignis. Zuzugeben ist, daß 
sich einzelne der angeführten Züge hier und da bei Paranoikern fin- 
den, ferner, daß es manische Kranke mit reichlichen, geistig ver- 
arbeiteten Wahnbildungen gibt, die wegen der Geringfügigkeit ihrer 
Erregung längere Zeit für Paranoiker gehalten werden können. Da- 
gegen scheint mir die Anschauung Spechts weit über das Ziel hinaus- 
zuschießen. Es gibt zahlreiche Paranoiker, denen die an manische 
Kranke erinnernden Eigentümlichkeiten durchaus fehlen. Wo sie 
aber vorhanden sind, haben sie regelmäßig eine ganz andere Ent- 
stehungsgeschichte und Bedeutung, als die ähnlichen manischen 
Krankheitserscheinungen. Rede- und Schreibdrang erklären sich 
aus dem lebhaften Bestreben, sich gegen Verfolgungen zu ver- 
teidigen oder die eigenen hohen Ansprüche zu vertreten, die Ruhe- 
losigkeit aus der Unfähigkeit zu ausdauernder, nutzbringender 
Arbeit infolge der wahnhaften Störungen, das Abschweifen aus der 
erhöhten Regsamkeit der Einbildungskraft, die Schlagfertigkeit aus 
dem gesteigerten Selbstgefühl und aus der geistigen Verarbeitung 
des Wahninhaltes, die alle Einwände längst erledigt hat, wenn auch 
oft in höchst unzulänglicher Weise. 

Die Erkennung der Paranoia hat bei aufmerksamer Beach- 
tung der langsamen Entwicklung, der eigentümlichen, zusammen- 
hängenden Wahnbildung, der ausgezeichneten Erhaltung des Ver- 
standes sowie der Ordnung in Gedankengang, Benehmen und 
Handeln kaum irgendwelche Schwierigkeiten. Allerdings können 
vorübergehend eine Reihe von Erkrankungen ein ähnliches Bild 






Erkennung. !775 

darbieten. Der Abgrenzung des Leidens von den verschiedenartigen 
,, paranoiden" Geistesstörungen haben wir früher bereits gedacht. 
Daß von Übergängen zwischen der Paranoia in dem hier umgrenz- 
ten Sinne und der Dementia praecox, wie sie von einigen Beob- 
achtern angenommen werden, nicht die Rede sein kann, bedarf 
keiner besonderen Ausführung. 

Dagegen ist an dieser Stelle noch kurz der Möglichkeit zu ge- 
denken, daß manche Fälle anscheinender Paranoia in Wirklich- 
keit unvollkommen entwickelte Schizophrenien sein könnten. 
Es ist im einzelnen Falle nicht immer leicht, diese Frage zu 
entscheiden. Das Wahnsystem des Paranoikers ist innerlich ge- 
schlossener, abgerundeter, durchdachter; es berücksichtigt bis zu 
einem gewissen Grade Einwände, sucht Schwierigkeiten zu erklären, 
gegenüber den unvermittelt, oft widerspruchsvoll nebeneinander- 
stehenden, auch vielfach wechselnden Wahnvorstellungen der para- 
noiden Schizophrenen. Bei diesen wird man ferner nicht die An- 
zeichen gemütlicher Verödung vermissen, die geringe innere Anteil- 
nahme nicht nur an der Umgebung, sondern auch am eigenen 
Wahne, der höchstens zu gelegentlichen Ausbrüchen führt, aber 
keine dauernden Beweggründe für das Handeln liefert. Auch beim 
Paranoiker begegnen uns mitunter ein verschlossenes, ablehnendes 
Wesen und mancherlei Absonderlichkeiten in der Lebensführung. 
Sein Verhalten ist aber regelmäßig weit mehr durch Überlegungen 
oder gemütliche Vorgänge begründet, als die triebartigen Eigentüm- 
lichkeiten der Schizophrenen. Die ganze Persönlichkeit erscheint 
trotz ihrer krankhaften Züge verständlicher, natürlicher, beeinfluß- 
barer. Es gelingt durch verständnisvolle Behandlung weit leichter, 
innere Beziehungen zu ihr herzustellen, als bei dem schrullenhaft 
unzugänglichen Schizophrenen. Schneider hat einen Fall, den 
ich für eine echte Paranoia halte, als paranoiden Endzustand einer 
Dementia praecox beschrieben, wie ich glaube, ohne genügende 
Begründung. 

Weiterhin haben wir noch die Unterscheidung der Paranoia 
von den paraphrenischen Erkrankungen, namentlich von der syste- 
matischen Form, zu erörtern. In den ersten Abschnitten des Lei- 
dens kann die Ähnlichkeit der klinischen Bilder eine so große 
sein, daß es recht schwierig wird, sie auseinanderzuhalten. Von 
Bedeutung scheint mir der Umstand zu sein, daß bei der Paranoia 



1776 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

von vornherein das gehobene Selbstgefühl stärker hervortritt; be- 
herrscht der Größenwahn von Anfang an oder doch sehr bald das 
Krankheitsbild, so handelt es sich wahrscheinlich um Paranoia. 
Mit diesem Unterschiede hängt es vielleicht auch zusammen, daß 
der Paranoiker durch seine Verfolgungsideen lange nicht so ge- 
quält und weiterhin auch in seinem Handeln nicht so stark be- 
einflußt zu werden pflegt wie der paraphrenische Kranke. Dieser 
geht weit rücksichtsloser gegen seine vermeintlichen Verfolger vor, 
schreitet bald und mit allen Mitteln zur Selbsthilfe, so daß er regel- 
mäßig verhältnismäßig früh in die Irrenanstalt gelangt und oft 
auch dauernd dort festgehalten werden muß. Dabei führt er den 
Kampf mit größter Erbitterung weiter. Demgegenüber besitzt der 
Paranoiker weit mehr Selbstbeherrschung, beschränkt sich auf die 
gesetzlichen Kampfmittel, fügt sich der offenbaren Übermacht und 
versteht es, die dauernde Freiheitsentziehung durch vorsichtiges 
Benehmen und Zugeständnisse zu vermeiden. Der Zwang der 
krankhaften Veränderung unterjocht die Persönlichkeit lange nicht 
in dem Maße wie bei der Paraphrenie. Ferner haben wir bei dieser 
letzteren einen stetig, wenn auch langsam, fortschreitenden Verlauf 
vor uns, während der Paranoiker jahrzehntelang ein ziemlich gleich- 
förmiges Bild darbieten kann, vielfach auch lernt, sich mit den aus 
seinem Wahne fließenden Schwierigkeiten praktisch leidlich ab- 
zufinden. Zudem gestaltet sich der Wahn bei der Paraphrenie all- 
mählich immer abenteuerlicher; Sinnestäuschungen und üppige 
Größenideen treten hinzu, und die Kranken zeigen sich in ihrem 
Gesamtverhalten so stark von den Krankheitserscheinungen be- 
herrscht, daß sie nunmehr mit den geordneten, umgänglichen, meist 
sogar erwerbsfähigen Paranoiker n kaum mehr verwechselt werden 
können. 

Zur konfabulierenden Paraphrenie gehören wohl manche Fälle 
des „delire d'imagination" oder „retrospectif", die von den Fran- 
zosen mit dem „delire d'interpretation", unserer Paranoia, zu- 
sammengefaßt werden. Bei ihr ist die außerordentliche Fülle der 
Erinnerungsfälschungen bemerkenswert; sie dienen durchaus nicht 
lediglich der Ausbildung eines bestimmten Wahns, wie bei der Pa- 
ranoia, sondern fördern alle möglichen, vielfach ganz belanglosen 
Einzelzüge** zutage. Die wahnhafte Deutung, die Vermutung und 
Ahnung, die bei der Paranoia immer im Vordergrunde stehen und 



Erkennung. ! 7 7 7 

durch Erinnerungsfälschungen nur ergänzt und bestätigt werden, 
treten hier ganz zurück hinter dem wahllosen Fabulieren. Die 
Entwicklung des Leidens pflegt sich wesentlich schneller zu voll- 
ziehen, als bei der Paranoia ; zugleich stellen sich meist schon ziem- 
lich bald unverkennbar die Anzeichen geistiger Schwäche heraus, 
auffallende Urteilslosigkeit, gemütliche Stumpfheit, Zerfahrenheit. 

Wesentliche Schwierigkeiten können, wie unter anderen Lahr 1 ) 
gezeigt hat, gelegentlich bei der Unterscheidung der Paranoia von 
wahnbildenden Krankheitsbildern des manisch-depressiven Irre- 
seins entstehen, da gerade derartige Anfälle bisweilen einen sehr 
,, gestreckten* l Verlauf und verhältnismäßig wenig auffallende ge- 
mütliche Störungen zeigen. Dazu kann noch Auslösung durch 
einen äußeren Anlaß, Wechsel oder Mischung verschiedenartiger 
Krankheitserscheinungen und zögernde Genesung ohne rechte Ein- 
sicht kommen. Im einzelnen ist zu bemerken, daß bei den depressiv 
gefärbten Formen die genauere Beobachtung doch deutlich die 
dauernd gedrückte oder ängstliche Stimmung erkennen läßt, die 
derartige Zustände kennzeichnet. Demgegenüber erscheint der Pa- 
ranoiker im allgemeinen gemütlich freier ; er wird nur gereizt und 
erbittert, wenn er von den Beeinträchtigungen berichtet. Unver- 
mittelte Schwankungen der Stimmung, namentlich plötzliches Her- 
vorbrechen scherzhafter Laune, Unternehmungslust, Andeutungen 
von Ideenflucht, ebenso das Auftreten von Versündigungsideen, 
Hoffnungslosigkeit, Verzagtheit sprechen für manisch-depressives 
Irresein. 

Bei hypomanischen Kranken wird man namentlich auf ihre 
Willensunruhe zu achten haben, die sich in immer neuen Plänen 
gefällt, im Gegensatze zu der stetigen, einförmigen Verfolgung eines 
bestimmten Zieles durch den Paranoiker. Ferner ist der Nachweis 
erhöhter Ablenkbarkeit und Beeinflußbarkeit durch die Umgebung 
von Bedeutung. Die Wahnbildung läßt meist einen spielerischen, 
prahlerischen Zug nicht verkennen, wechselt auch wohl ihren In- 
halt, während der Paranoiker überzeugungstreu an den einmal ent- 
wickelten Ideen festhält. Endlich ist die manische, zu Zornaus- 
brüchen oder zur Selbstverspottung neigende Stimmung kennzeich- 
nend, die sich von der würdevollen Zurückhaltung oder der naiven 
Zuversicht des Paranoikers wesentlich abhebt. 

x ) Lahr, Schweizerhof, 3. Bericht, 59. 1903. 



1778 XIV. Die Verrücktheit (Paranoia). 

Besonders ins Gewicht fällt für die Annahme eines manisch- 
depressiven Irreseins, unabhängig von der Färbung des vorliegenden 
klinischen Bildes, das Voraufgehen früherer, günstig verlaufener 
Krankheitsanfälle. Dagegen läßt sich das Fehlen weiterer Anfälle 
vorher und nachher nicht für die Diagnose Paranoia verwerten, 
auch wenn das Schicksal der Kranken, wie es Thomsen getan hat, 
längere Jahre hindurch verfolgt wird. Wir haben ja früher gesehen, 
daß sich die freien Zwischenzeiten beim manisch-depressiven Irre- 
sein über 3 — 4 Jahrzehnte erstrecken können, vor allem aber, daß 
gut gekennzeichnete Beobachtungen mit nur einem Anfalle im 
Leben durchaus keine Seltenheiten sind. Das ist auch der Grund, 
warum ich den geheilten, ,, akuten" Formen der Paranoia, soweit 
sie nicht in den Rahmen der oben geschilderten ,, abortiven" Paranoia 
fallen, mit Kleist die stärksten Zweifel entgegenbringen muß. 

Mit den paranoiden Persönlichkeiten, soweit sie Größenideen 
darbieten, können die krankhaften Lügner und Schwindler eine ge- 
wisse äußerliche Ähnlichkeit haben. Allein bei diesen handelt es 
sich nicht um eigentliche Wahnvorstellungen, sondern um ,, wahn- 
hafte Einbildungen", um Einfälle, die in mehr spielerischer Weise 
vorgebracht werden, kommen und gehen, ohne maßgebenden Ein- 
fluß auf die innere Gestaltung der Persönlichkeit zu gewinnen. Der 
Inhalt dieser Erfindungen pflegt auch ein weit bunterer und aben- 
teuerlicherer zu sein, als die einförmigen und sich mehr den tat- 
sächlichen Lebensverhältnissen anschmiegenden Wahnbildungen 
der Paranoiker. Bei den falschen Thronanwärtern, Geldforderern 
und Volksbeglückern wird bisweilen die Frage auftauchen, wie weit 
es sich um Paranoiker oder um bewußte Schwindler handelt. Maß- 
gebend ist hier der Umstand, ob die betreffenden Personen selbst 
an die Berechtigung ihrer Ansprüche, an ihre Mission glauben 
oder nicht. Bei längerer Beobachtung wird sich meist feststellen 
lassen, ob sie ihr Vorgehen lediglich zur Erreichung eigennütziger 
Ziele benutzen, oder ob ihnen wirklich die Sache selbst am Herzen 
liegt, ob sie also auch dann an ihr festhalten, wenn sie darunter 
lediglich leiden müssen. — 

Von einer eigentlichen Behandlung der Paranoiker kann nach 
der Natur der Sache kaum die Rede sein. Selbstverständlich wird 
man hoffen dürfen, daß ein Leben ohne stärkere gemütliche Er- 
schütterungen und Spannungen, geschützt vor Ausschweifungen 



Behandlung. 1779 

und ausgefüllt mit geregelter Tätigkeit, dazu beitragen kann, die 
Entwicklung der schlummernden paranoischen Keime hintan- 
zuhalten und etwa auftretende Schübe des Leidens abortiv verlaufen 
zu lassen. Heilung einer ausgesprochenen Paranoia durch un- 
mittelbare psychische Beeinflussung wird wohl nur ein Psycho- 
analytiker erwarten können. Bjerre hat einen derartigen Fall 
veröffentlicht, in dem er, allerdings ohne eigentliche Psychoanalyse, 
durch eine Art vorsichtiger Überredungskunst einen mehr als ein 
Jahrzehnt bestehenden Verfolgungswahn heilte. Leider läßt die 
Diagnose Paranoia starke Zweifel zu. So werden wir uns also einst- 
weilen darauf beschränken müssen, unsere Kranken durch Ab- 
lenkung und Beschäftigung möglichst von der Versenkung in ihre 
Wahnvorstellungen abzuhalten. Vielfach gelingt das unter gün- 
stigen Verhältnissen jahrzehntelang so gut, daß die Kranken trotz 
der ausgeprägtesten Wahnbildungen doch imstande sind, ohne allzu 
große Schwierigkeit in der Freiheit zu leben. Die Zurückhaltung in 
der Anstalt wird man daher bestrebt sein, ihnen, soweit es irgend 
angeht, zu ersparen. 



XV* Die originären Krankheitszustände. 



Schon mit der Betrachtung der Hysterie und der Paranoia 
haben wir ein Gebiet der Psychiatrie betreten, auf dem wir es nicht 
mehr, wie bis dahin, mit eigentlichen Krankheitsvorgängen von 
bestimmtem Verlaufe zu tun haben, sondern mit andauernden 
abnormen Zuständen, deren Wandlungen in erster Linie durch 
den Einfluß seelischer Erlebnisse mitbestimmt werden. Die Grund- 
lage der krankhaften Störungen hatten wir daher in Eigentümlich- 
keiten der psychischen Persönlichkeit gesucht, die sich je nachdem 
als Unzulänglichkeit der Veranlagung oder als eine sich späterhin 
ausgleichende Unreife des Seelenlebens auffassen ließen. Ganz 
ähnliche Gesichtspunkte dürften sich nun auch für die allgemeine 
Würdigung derjenigen psychischen Erkrankungsformen als frucht- 
bar erweisen, mit denen wir uns in den folgenden, letzten Ab- 
schnitten unserer Darstellung zu beschäftigen haben werden. 

In der Tat handelt es sich in der Hauptsache überall um dauernde 
oder vorübergehende Unzulänglichkeiten der psychischen 
Persönlichkeit, denen sich allerdings gelegentlich auch im 
engeren Sinne krankhafte Züge beimischen können. Wenn es 
heute schon möglich wäre, die ursächliche Gruppierung dieser 
Zustände einigermaßen scharf durchzuführen, so würden wir hier 
lediglich die Entwicklungsstörungen durch erbliche Entartung oder 
Keimschädigung zusammenfassen, die auch ohne Zweifel die 
Hauptmasse der klinischen Beobachtungen bilden. Dagegen würden 
die Folgezustände krankhafter Zerstörungen, die natürlich eben- 
falls Unvollkommenheiten der psychischen Entwicklung bedingen 
können, für die wissenschaftliche Betrachtung an dieser Stelle 
auszuscheiden sein; sie wären den Krankheitsvorgängen anzu- 
gliedern, durch die sie verursacht werden, wie wir es zum Teil 
beim Kretinismus, bei den Jugendformen der Dementia praecox, 
den Äußerungen der Erbsyphilis bereits versucht haben. Leider 
erscheint jedoch die weitergreifende ursächliche Abgrenzung der 
klinischen Erfahrungen zurzeit noch unmöglich, so daß wir uns 



Allgemeine Gesichtspunkte. 1781 

auf großen Gebieten mit einer Gruppierung nach den äußerlichen 
Krankheitszeichen begnügen müssen. Immerhin werden wir fest- 
halten dürfen, daß es sich auch dort, wo wir etwa die Folgen von 
wirklichen Krankheitsvorgängen und nicht einfache Entwicklungs- 
störungen vor uns haben, um längst abgelaufene Umwälzungen 
handelt, deren krankhafte Wirkungen auf das Seelenleben im 
wesentlichen unveränderlich sind. 

Es steht wohl zu hoffen, daß die Scheidung der Entwicklungs- 
störungen von den Krankheitsvorgängen allmählich in vollkomme- 
nerer Weise sich wird durchführen lassen, wenn auch gewisse 
grundsätzliche, später zu besprechende Schwierigkeiten nicht zu 
verkennen sind. Für die weitere Gruppierung der Entwicklungs- 
störungen würde dann namentlich die Ausdehnung und der Grad 
der hervortretenden psychischen Unzulänglichkeiten heranzuziehen 
sein. In ersterer Richtung pflegt man seit jeher diejenigen Krank- 
heitszustände, bei denen das gesamte Seelenleben in seiner Ent- 
wicklung zurückgeblieben ist, von denjenigen zu trennen, die ganz 
vorzugsweise oder ausschließlich eine Minderwertigkeit im Gemüts- 
leben oder in der Willensausbildung aufweisen. Während man 
die ersteren unter dem Namen der angeborenen geistigen 
Schwächezustände mit verschiedenen Unterformen zusammen- 
faßt, freilich vereint mit Formen ganz anderer Entstehungsart, 
bezeichnet man die zweite große Gruppe zumeist mit dem Sammel- 
namen der Psychopathien. Grundsätzlich könnte man vielleicht 
daran denken, auch solche Zustände abzugrenzen, bei denen ledig- 
lich die Verstandesleistungen geschädigt wären. Eine erheblichere 
Entwicklungshemmung des Verstandes scheint jedoch ohne eine 
gewisse Einbuße des Gemütslebens und des Wollens kaum je- 
mals vorzukommen; auch haben die nicht seltenen Fälle, in denen 
wenigstens ein verhältnismäßig stärkerer Ausfall auf jenem ersteren 
Gebiet besteht, keine selbständige psychiatrische Bedeutung. 

Zu den Psychopathen im weitesten Sinne gehören auch die 
Hysterischen und die Paranoiker, ferner die verschiedenen Ver- 
anlagungsformen, die wir als Vorstufen des manisch-depressiven 
Irreseins kennen gelernt haben. Weiterhin aber können wir viel- 
leicht zweckmäßig zwei Hauptgruppen auseinanderhalten, je nach- 
dem die Störungen deutlich das Gepräge des Krankhaften 
oder dasjenige einer persönlichen Eigentümlichkeit tragen, die 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 25 



1^82 XV. Die originären Krankheitszustände. 

nur unter besonderen Umständen einmal der psychiatrischen Beurtei- 
lung zugeführt wird, für gewöhnlich aber sich ohne weiteres in die 
unübersehbare Mannigfaltigkeit der menschlichen Charaktere ein- 
ordnet. Natürlich führen fließende Übergänge von jenen ersteren 
zu diesen letzteren Formen und weiter zu den Durchschnitts- 
gestaltungen der Gesundheitsbreite. Zur Erleichterung der Über- 
sicht aber sollen in diesem Abschnitte zunächst nur die ausge- 
sprochen krankhaften Abweichungen als ,, originäre Krankheits- 
zustände* * betrachtet werden, denen wir dann im nächsten die 
Besprechung der ,, psychopathischen Persönlichkeiten" in 
dem soeben angedeuteten Sinne folgen lassen wollen, um danach 
zu einer Darstellung der allgemeinen psychischen Entwick- 
lungshemmungen überzugehen. 

Den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen bildet am zweck- 
mäßigsten jene Form der psychopathischen Unzulänglichkeit, die 
wir mit dem volkstümlichen Namen der „Nervosität" belegen. 
Wir fassen unter dieser Bezeichnung eine Reihe von Störungen 
des Gemütes und des Willens zusammen, die in peinlicher Weise 
eine Durchsetzung der Persönlichkeit im Lebenskampfe erschweren. 
Sie bildet den günstigen Boden für die Entwicklung einer weiteren, 
umfangreichen Gruppe von Krankheitszuständen, die wir als 
„Zwangsneurose" bezeichnen wollen, weil sie besonders durch 
das Gefühl des Unterliegens im Kampfe gegen die sich aufdrängen- 
den Störungen gekennzeichnet ist. In dritter Linie werden wir 
einer zwar nur kleinen, aber wichtigen Reihe von Beobachtungen 
zu gedenken haben, in denen unbeherrschte, krankhaft entwickelte 
Triebe zu folgenschweren Handlungen führen ; wir sprechen hier 
von einem impulsiven Irresein. Nahe verwandt damit sind 
die verschiedenen Verirrungen des Geschlechtstriebes, die 
wegen ihrer besonderen Eigentümlichkeit in einem eigenen Ab- 
schnitte behandelt werden sollen. 

A. Die Nervosität. 

Die gemeinsame Eigentümlichkeit derjenigen psychopathischen 
Zustände, die wir als Nervosität 1 ) bezeichnen, ist die dauernde 

l ) Saury, etude clinique sur la folie hereditaire (les degeneres). 1886; Koch, 
Die psychopathischen Minderwertigkeiten. 1893; Binswanger, Die Pathologie 
und Therapie der Neurasthenie. 1896; v. Krafft - Ebing, Nervosität und neurasthe- 



Nervosität. 1783 

Beeinträchtigung der Lebensarbeit durch unzulängliche 
Veranlagung auf dem Gebiete der gemütlichen und 
namentlich der Willensleistungen. In der Hauptsache han- 
delt es sich um eine Herabsetzung der Widerstandsfähigkeit gegen 
gemütliche Einflüsse einerseits, um ungenügende Spannkraft des 
Willens andererseits. Damit verbindet sich in der Regel ein Mangel 
an Ebenmaß in der Ausbildung der gesamten psychischen 
Persönlichkeit. Auf einzelnen Gebieten finden sich hervorragende 
Eigenschaften neben ganz auffallenden Unvollkommenheiten auf 
anderen. So entsteht der Eindruck des Unausgeglichenen, Wider- 
spruchsvollen, Unberechenbaren im Denken, Fühlen und Handeln, 
der den nervösen Menschen ihren eigenartigen Stempel aufdrückt. 
Die verstandesmäßige Begabung kann eine gute, gelegentlich, 
bei den „Degeneres superieurs", sogar eine bedeutende und selbst 
geniale sein. Von meinen Kranken, bei denen darüber Nachrichten 
vorlagen, waren über 70% gute oder sehr gute Schüler gewesen ; 
etwa 8% hatten schlecht gelernt. Verhältnismäßig häufig scheint 
sprachliche, dichterische, schriftstellerische und überhaupt künst- 
lerische Veranlagung zu sein, während die Befähigung zur Mathe- 
matik und zu naturwissenschaftlicher Beobachtung bei Nervösen 
weit seltener stark entwickelt sein dürfte. Oft sind gewisse, ganz 
umschriebene Fähigkeiten in besonderer Weise ausgebildet, Formen- 
sinn, Farben-, Zahlengedächtnis, oder die ganze Richtung der 
geistigen Entwicklung ist eine auffallend einseitige; es findet sich 
großer Scharfsinn ohne Menschenkenntnis, weites Wissen ohne 
praktischen Blick, glänzende formale Begabung bei Unklarheit und 
Verschwommenheit der Begriffe. Sehr häufig begegnet uns geistige 
Frühreife ; pflegen doch gerade die sogenannten Wunderkinder das 
Ergebnis krankhafter Veranlagung zu sein und sich in diesem Sinne 
weiter zu entwickeln. 



nische Zustände, 2. Auflage. 1900; Gilles de la Tourette, Les etats neurasthe- 
niques. 1898; Möbius, Die Nervosität, 3. Auflage. 1906; Wollenberg, Die Hypo- 
chondrie, Notnagels Handbuch der inneren Medizin. 1904; Cramer, Die Ner- 
vosität, ihre Ursachen, Erscheinungen und ihre Behandlung. 1906; Bernheim, 
Neurasthenie et psychonevroses. 1908; Harte nberg, Psychologie des neurasthe- 
niques. 1908; Trömner, Die Neurasthenie. 1907; Dubois, Die Psychoneurosen 
und ihre psychische Behandlung, deutsch von Ringier, 2. Auflage. 1910; Dorn- 
blüth, Psychoneurosen. 1911; Dejerine et Gauckler, Les manifestations fonc- 
tionelles des psychonevroses. 191 1; Heilbrunner, Psychoneurosen, Handbuch der 
inneren Medizin von Mohr und Stähelin. 191 2. 

25* 



1784 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Eine sehr gewöhnliche Begleiterscheinung der Nervosität ist 
die gesteigerte Ermüdbarkeit. Der psychologische Versuch 
hat uns gelehrt, daß hohe Übungsfähigkeit sich anscheinend regel- 
mäßig mit großer Ermüdbarkeit verbindet, vielleicht deswegen, 
weil beide nur der gemeinsame Ausdruck einer erhöhten Beein- 
flußbarkeit unseres Nervengewebes sind. Wir verstehen es daher, 
wenn der spielenden Leichtigkeit, mit der wir bisweilen nervöse 
Menschen sich Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen sehen, auch 
eine bedeutende Ermüdbarkeit entspricht. Damit hängt zum Teil 
wohl auch das rasche Erlahmen der Kranken, ihre geringe Aus- 
dauer bei langwierigen Aufgaben zusammen, die auf den ersten 
Blick in auffallendem Gegensatze zu ihren Augenblicksleistungen zu 
stehen scheint. Die Ermüdungshemmung wächst bei ihnen unver- 
hältnismäßig rasch an, so daß sie bald eines großen Aufwandes 
von Willensspannung bedürfen. Sie greifen wohl mit einer ge- 
wissen Lebhaftigkeit und erfolgreich die Arbeit an, lassen aber 
schon nach kurzer Zeit erheblich nach und fühlen sich veranlaßt, 
ihre Tätigkeit immer wieder durch kürzere oder längere Pausen 
zu unterbrechen. 

Dazu kommt aber regelmäßig auch noch die Entwicklung 
von Abspannung und Ermattung ohne wirkliche Ermüdung 
infolge von Willenshemmungen durch Angst- und Unlust- 
gefühle, die unter Umständen binnen kürzester Frist hochgradige 
Arbeitsunfähigkeit herbeiführen. Ein Kranker geriet bei jeder 
Arbeit in heftiges Schwitzen und hörte dann auf; ein anderer 
meinte immer im Laufe des Arbeitstages, er erlebe den Feierabend 
nicht mehr, weil er sich so elend und angegriffen fühlte. So ge- 
winnen die Lehrer schon Von den Schulkindern vielfach das Urteil, 
daß sie bei ihrer Begabung weit mehr leisten könnten, wenn sie 
sich nur gehörig zusammennehmen wollten. 

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die erhöhte Ablenk- 
bar keit, die wohl nur ein Ausdruck des raschen Erlahmens der 
inneren Willensspannung ist, aber gewöhnlich der Unlust zu nach- 
haltiger Einstellung der Aufmerksamkeit auf die vorliegende Auf- 
gabe zugeschrieben wird. Hier und da hört man, daß die Kinder 
außerordentlich ungleich in ihren Leistungen sind, zeitweise vortreff- 
lich auffassen und lernen, dann aber auch wieder eine Zeitlang 
vollständig versagen. Die Kranken sind oft sehr empfindlich gegen 



Nervosität. • I7&5 

äußere Störungen und Unterbrechungen, gewöhnen sich schwer an 
veränderte Arbeitsbedingungen, werden durch neue Anregungen 
leicht von ihren früheren Gedankenkreisen und Plänen abgezogen. 
In einem gewissen Zusammenhange mit der erhöhten allgemeinen 
Beweglichkeit der Seelenvorgänge steht wohl die Herabsetzung 
der Übungsfestigkeit, die vielfach die Nervosität begleitet. Die 
Kranken lernen zwar öfters leicht, vergessen aber auch ungemein 
rasch wieder. 

Noch häufiger ist allerdings schon die Einprägung neuer Ein- 
drücke erschwert. Die Kranken können sich nichts merken und be- 
halten nur wirre, unscharfe Bilder ihrer Erlebnisse. Wie mir scheint, 
spielt dabei regelmäßig eine dauernde Erhöhung der gemütlichen 
Spannung mit, die eine unbefangene Eingliederung der Wahr- 
nehmungen in den bestehenden Vorstellungsschatz stört und ihre 
klare, gegenständliche Auffassung beeinträchtigt. Jan et spricht 
demgegenüber von einer Herabsetzung der ,,tension psychique". 
Diese psychische Spannung bedeutet aber natürlich etwas ganz 
anderes, eben die Fähigkeit zu klarer und scharfer Einstellung der 
Aufmerksamkeit, wie sie durch die gemütliche Spannung gestört 
wird. Eine Wirkung der ungenauen Auffassung und Einprägung 
ist die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses. Die Erinne- 
rungsbilder verfälschen sich leicht durch persönliche Zutaten, ohne 
daß der Kranke sich dessen recht bewußt wird. Weiterhin aber 
machen auch Gefühle und Stimmungen ihren Einfluß auf die Fär- 
bung und Gestaltung des Gedächtnisinhaltes in besonderem Maße 
geltend. Die große Lebhaftigkeit der Abneigungen und Befürch- 
tungen, Wünsche und Hoffnungen verführt den Kranken vielfach 
zu erheblichen Wandlungen und Ausschmückungen der Erinnerung. 
Infolge aller dieser Einflüsse entwickelt sich eine gewisse Flüch- 
tigkeit und Oberflächlichkeit der zunächst vielleicht blendenden, 
aber rasch versagenden und abspringenden Verstandesarbeit. 

Daneben findet sich nicht selten eine besondere Beweglichkeit 
der Einbildungskraft. Die Vorstellungen besitzen große sinn- 
liche Lebendigkeit und knüpfen sich leicht aneinander. Infolge- 
dessen kann sich eine starke Neigung zu Träumereien entwickeln, 
die noch durch die Ablenkbarkeit der Kranken begünstigt wird. 
Manche lieben es, sich unwirkliche Lebenslagen und Abenteuer 
mit der größten Ausführlichkeit auszumalen und sich ganz in sie 



I y86 XV. Die originären Krankheitszustände. 

hineinzuleben ; sie gefallen sich in der Rolle von großen Herren 
und kühnen Helden in einem Lebensalter, in dem diese kindliche 
Neigung sonst längst verschwunden ist. Ich erinnere mich des 
entarteten Sprößlings einer alten Familie, der sich mit 21 Jahren 
in den Besitz unermeßlicher Reichtümer hineinträumte, große 
Schloßpläne zeichnete, genaue Budgets für die vornehmen Hof- 
haltungen aufstellte, die er sich in Gedanken an den verschiedensten 
schönen Punkten eingerichtet hatte. Auch die Ernennung zum 
Fürsten, die Beleihung mit hohen Orden und schließlich die Krö- 
nung zum Könige fehlten in diesen Aufzeichnungen nicht. 

Wie diese Gedankenspielereien vermuten lassen, entwickelt sich 
häufig eine sehr bedeutende Selbstüberschätzung, die sich in 
guten Vorsätzen aller Art, verlockenden Zukunftsplänen und An- 
läufen zu weit über die eigenen Fähigkeiten hinausgehenden Ar- 
beiten kundgibt. Der Beruf des Dichters, Schriftstellers, Künstlers, 
Philosophen pflegt für die Kranken besondere Anziehungskraft 
zu haben, wohl mit deswegen, weil dabei das Maß der Betätigung 
ganz dem eigenen Ermessen überlassen bleibt. Die Lehre vom 
Übermenschen hat nirgends so begeisterte Anhänger und so viele 
überzeugte Vertreter jener Zukunftsrasse gefunden wie in den 
Reihen der Nervösen. Der Mangel an geistiger und sittlicher Selbst- 
zucht erhält in dieser Beleuchtung das Gepräge der persönlichen 
Eigenart, die sich ausleben muß; die nüchterne und ausdauernde 
Arbeit tritt zurück hinter dem Genießen und dem gelegentlichen 
Einfalle. Ein Kranker, der über seinen ,, geistigen Stumpfsinn" 
klagte, schilderte dabei gleichzeitig seine ,, heiße Sehnsucht nach 
Lebensgenuß, Ehre, Ruhm". Manche Kranke sind bei äußerlicher 
Demut innerlich hochmütig, tun sich, wie Koch bemerkt, heimlich 
etwas auf ihre eigenen Ansichten und Grundsätze zugute, haben 
die Neigung zur Weltverbesserung. Dennoch kommt es nicht etwa 
zu Wahnbildungen; auch die oben erwähnten Luftschlösser pflegen 
nur als solche betrachtet zu werden und sind in der Regel nicht, 
wie ich früher annahm, die erste Entwicklungsstufe eines para- 
noischen Größenwahns. Bei der Mehrzahl der Kranken stoßen wir 
übrigens vielmehr auf mangelndes Selbstvertrauen und Unter- 
schätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Es fehlt den Kranken 
also insgemein das richtige Augenmaß für die Beurteilung des Ver- 
hältnisses zwischen der eigenen Person und der Umgebung. 



Nervosität. !7^7 

Auf eine sehr eigentümliche, bei Nervösen nicht seltene Störung 
hat nachdrücklich Jan et hingewiesen, dem wir eine feinfühlige 
und in der Hauptsache sicherlich zutreffende Zergliederung dieser 
Zustände verdanken. Den Kranken kann das Wirklichkeits- 
bewußtsein (,,sentiment du reel") bis zu einem gewissen Grade 
verloren gehen. Die alltäglichen, unmittelbaren Beziehungen zur 
Umgebung erscheinen ihnen merkwürdig fremd und verändert ; 
beim Blick in den Spiegel ist ihnen, als sähen sie sich zum ersten 
Male ; sie überkommt der Gedanke, als ob das alles gar nicht Wirk- 
lichkeit sei, sie gar nichts angehe, als ob sie selbst nicht lebten, 
,, getrennt von der Welt", längst gestorben seien. Einer meiner 
Kranken hatte dieses Gefühl des ,, Fremdseins" anfangs nur kürzere 
Zeit, späterhin fast dauernd; er meinte, wenn er seine Mutter sehe, 
so wisse er gar nicht, wer das eigentlich sei ; auch wenn er selbst 
spreche, sei ihm unklar, wer das sage. Die Störung habe begonnen, 
als er sich selbst in einem Spiegel von hinten sah. Die Deutung 
dieser Erscheinung ist schwierig. Wir wollen hier nur darauf hin- 
weisen, daß uns in epileptischen Zuständen und namentlich beim 
manisch-depressiven Irresein ähnliche Äußerungen gemacht werden ; 
auch bei starker Ermüdung scheint derartiges vorzukommen. An- 
scheinend begünstigen denn auch leichte Bewußtseinstrübungen, wie 
sie hier überall vorhanden sind, das Auftreten der Störung. Fauser 
spricht von einer Insufficienz der aktiven Apperzeption. Es handelt 
sich wohl um ein Versagen jener Associationshilfen, die beim Ge- 
sunden sofort die Anknüpfung der äußeren Eindrücke an früher 
gewonnene Erinnerungsbilder vermitteln und ihnen dadurch die 
Eigenschaft der ,, Bekanntheit" verleihen. Dadurch kommt es dann 
zu einer Art innerer Abschließung von der Außenwelt, zu einer 
Einschränkung der lebhaften natürlichen Wechselbeziehungen 
zwischen Eindrücken, Bewußtseinszuständen und Willenshandlungen. 
Die Grundlage der Störung dürfte hier, wie schon angedeutet, eine 
Erhöhung der gemütlichen Spannung bilden, von der wir ja wissen, 
daß sie die Ansprechbarkeit für äußere Eindrücke herabsetzt. 

Das Denken und Urteilen der Kranken kann im einzelnen 
überraschend scharf und geistreich sein. Es pflegt jedoch in be- 
sonderem Maße dem Einflüsse gemütlicher Regungen unterworfen 
zu sein. Den Kranken geht daher nur allzu leicht die ruhige, sorg- 
fältig abwägende Sachlichkeit verloren. Neigungen und Abneigungen, 



1^88 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Stimmungen verleiten sie vielfach auch in reinen Verstandesfragen 
zu gefühlsmäßiger Stellungnahme und zu leidenschaftlicher Un- 
belehrbarkeit selbst gegenüber den triftigsten Gründen. Daraus 
entspringt ganz gewöhnlich ein gewisser Mangel an richtigem 
Augenmaß bei der Abschätzung von Lebenswerten. Manchen 
Kleinigkeiten wird eine ungebührliche Wichtigkeit beigelegt, Wesent- 
liches dagegen übersehen oder mißachtet. Ferner begegnen wir 
öfters einer eigentümlichen Verbindung von Leichtgläubigkeit mit 
übertriebenstem Skeptizismus; diese oder jene Ideen werden mit 
bedingungsloser Zustimmung aufgenommen, während andere ohne 
verständige Begründung schroff abgelehnt werden. Auf dieser 
Grundlage vollziehen sich dann nicht selten unvermittelte Wand- 
lungen in den Überzeugungen, jäher Übergang von einer Schule, 
einer Richtung zur anderen, Wechsel des religiösen Bekenntnisses, 
der politischen Stellungnahme, bei dem die bisherige Begeisterung 
in eine nicht minder rückhaltlose Ablehnung umzuschlagen pflegt. 

Sehr tiefgreifende Störungen bietet, wie schon angedeutet, das 
Gemütsleben dar. Zunächst besteht vielfach eine übergroße ge- 
mütliche Beeinflußbarkeit. Die Kranken nehmen sich alles sehr 
zu Herzen ; es geht ihnen auf die Nerven, aufs Gemüt ; sie empfinden 
jedes Mißgeschick ,,wie einen Hammerschlag' '. Sie sind schreck- 
haft, wehleidig, rührselig, zimperlich, ,,wie ein Lamm", haben 
übertriebenes Mitleid, können kein Blut, keine Operation sehen, 
laufen bei jeder Rauferei davon, verlieren bei Gefahren sofort den 
Kopf. Frank betont eindringlich die besondere Feinfühligkeit und 
Gemütszartheit der Psychopathen. Sie führt leicht zu einseitigem, 
verstiegenem Ästhetentum. Vielfach fehlt ihnen nach Breuers 
Ausdruck die Fähigkeit, ,, abzureagieren", sich rasch und endgültig 
mit dem Vergangenen und Unabänderlichen abzufinden. Es wurmt 
sie; sie kommen nicht darüber hinweg, quälen sich lange damit 
herum, fressen es in sich hinein. So erklärt sich das Einnisten 
von Angstzuständen, das Kleben an trüben Erinnerungen, die klein- 
liche Unversöhnlichkeit gegenüber längst verjährten Kränkungen. 

Sehr verbreitet ist eine große Reizbarkeit, die unter Umständen 
das Zusammenleben mit den Kranken recht erschwert und bei un- 
bedeutenden Anlässen zu unvermutet heftigen Ausbrüchen führen 
kann. Dabei überrascht uns vielfach das Mißverhältnis zwischen 
der augenblicklichen Stärke der Gefühlswallungen und ihrer ge- 



Nervosität. 17^9 

ringen Nachhaltigkeit. Die Kranken brausen heftig auf, beruhigen 
sich aber ebenso rasch wieder; sie geraten bei diesem oder jenem 
Anlasse ganz außer sich, um doch kurz nachher verblüffend leicht 
über die schwersten Verluste hinwegzukommen. Da ihren Gemüts- 
bewegungen die richtige Dämpfung abgeht, sind sie gewöhnlich 
launenhaft, wetterwendisch, ungleichmäßig, raschem Stimmungs- 
wechsel unterworfen, zeitweise unvermittelt ausgelassen, über- 
sprudelnd lustig, um ebenso plötzlich wieder in verzagte, ja ver- 
zweifelte Stimmungen oder maßlose Wutausbrüche zu verfallen. 
Man vermißt an ihnen den rechten Ernst und die Tiefe ; sie scheinen 
oft mit ihren schillernden Gefühlen zu spielen. 

Die allgemeine Färbung der Stimmung pflegt vorwiegend eine 
trübe zu sein. Manche Kranke sind zwar selbstbewußt, gelegentlich 
patzig und anmaßend oder ausgelassen und übermütig. In der Regel 
aber haben wir es mit weichlichen, wehleidigen, empfindlichen Naturen 
zu tun, für die ihre innere Unzulänglichkeit wie die Berührung mit 
der rauhen Außenwelt eine Quelle dauernder Unlustgefühle wird. Sie 
nehmen alles schwer, fühlen sich nie so recht frei, ,,seit je nicht wohl 
auf der Erde", werden ihres Lebens nicht froh, haben kein Glück auf 
der Welt. Bei irgendeiner Gelegenheit oder auch unter dem Ein- 
flüsse weltschmerzlicher Stimmungen brechen sie in heftiges 
Weinen aus. Er lächle wider Willen, meinte ein Kranker, und ein 
anderer erklärte, er sehe die Welt mit trüben Gläsern an, verliere 
leicht allen Lebensmut. Sehr verbreitet sind unbestimmte Angst- 
zustände, innere Spannungen und Beklemmungen, besonders in 
der Nacht, in der Einsamkeit ; die Kranken machen sich über alles 
mögliche Sorgen, werden quälende Gedanken nicht los, fühlen 
sich in ihrem Gemüte zerrüttet. 

Nicht selten beobachtet man vorübergehende reizbare oder trau- 
rige Verstimmungen ohne erkennbaren Anlaß, bei Frauen namentlich 
zur Zeit der Menses. Das Gefühl der Vereinsamung und der Un- 
sicherheit im Verkehr mit den Menschen kann sich den Kranken 
zeitweise mit großer Gewalt aufdrängen. Gelegentlich kommt es zu 
förmlichen Verzweiflungsausbrüchen, die allerdings leicht einen über- 
triebenen Eindruck machen. Hie und da werden Selbstvorwürfe 
geäußert; ein Kranker erklärte, er sei immer ein böser, tyranni- 
scher Vater gewesen; ein anderer meinte, er bringe seiner Mutter 
nicht genug Liebe entgegen. Manche Kranke quälen sich mit grund- 



179O XV. Die originären Krankheitszustände. 

losen Befürchtungen, wie wir ihnen später in stärkster Entwick- 
lung begegnen werden ; es könne plötzlich jemand in die Türe 
kommen, ihnen auf der Treppe nachgehen, sie beobachten; in der 
Dunkelheit, auf der Straße, wenn sie allein seien, könne ihnen 
etwas Schlimmes zustoßen. Sehr bemerkenswert ist es, daß es 
meist gelingt, die Kranken aus ihren Verstimmungen durch äußere 
Anregungen herauszureißen; sie sind in angenehmer Gesellschaft, 
bei Unterhaltungen lebhaft und selbst auffallend vergnügt, um 
alsbald wieder in ihre alte Trübsal zu versinken. 

Sehr nahe liegt den Nervösen vielfach der Gedanke, das Leben 
von sich zu werfen; von meinen Kranken hatte fast die Hälfte 
derartige Neigungen gezeigt; sie stellen freilich insofern eine Aus- 
wahl dar, als sie oft nur deswegen in die Klinik gekommen waren. 
Das Leben erscheint ihnen verpfuscht; ihnen ist alles gleich; sie 
sehen keinen anderen Ausweg, als den Selbstmord, um nicht wahn- 
sinnig zu werden. Manche Kranke weisen solche Gedanken aus 
religiösen oder sittlichen Gründen ab; andere spielen damit und 
machen wohl auch einige schwächliche Anläufe, um sie zu ver- 
wirklichen, tragen lange einen Revolver bei sich, schreiben Ab- 
schiedsbriefe, die rechtzeitig in die Hände ihrer Angehörigen ge- 
langen. Ein Kranker begann in Gegenwart seines Freundes an 
seinem Halse herumzuschnitzeln ; ein anderer ging in die Donau, 
kam selbst wieder heraus, wollte sich dann auf die Schienen legen, 
begab sich aber, als kein Zug kam, erleichtert auf die Polizei. 
Ein dritter schüttete Salzsäure in seinen Morgenkaffee und trank 
einen Schluck davon, hatte aber schon vorher die Sanitätswache 
benachrichtigt, die ihn in die Klinik brachte. Manche Kranke 
wählen von vornherein sonderbare und unzulängliche Mittel zu 
ihren Selbstmordversuchen. Ein Forstwart suchte sich dadurch 
zu töten, daß er nachts wiederholt, stark schwitzend, unbekleidet 
in den Winterfrost hinauslief ; ein anderer brachte sich zu demselben 
Zwecke einige kleine Ätzwunden mit Salpetersäure bei. Man hat 
in solchen schwächlichen Anläufen wohl nicht immer spielerische 
Schaustellungen, sonders öfters auch den Ausdruck der Unfähig- 
keit zu sehen, die trüben Stimmungen in entschlossene Tat um- 
zusetzen. Immerhin kommt es nur allzuoft auch zu ernsthaften 
Selbstmordversuchen, gewöhnlich im Anschluß an irgendeine 
Aufregung, einen Streit, an Kündigung, Geschäftsverluste. Ein- 



Nervosität. I79 1 

zelne Kranke gehen auch ganz planmäßig vor; ein Kranker hatte 
sich schon im Frühling vorgenommen, sich im August zu vergiften, 
und führte sein Vorhaben aus, indem er in seinem Zimmer den 
Leuchtgashahn öffnete. 

Eine sehr ergiebige Quelle des Unbehagens liefert dem Kranken 
sein eigener Zustand. Im Vordergrunde steht gewöhnlich das 
„Insufficienzgefühl", die Unsicherheit und Verzagtheit gegen- 
über den Anforderungen des Lebens, die Neigung, vor den andrän- 
genden Aufgaben zurückzuweichen. Adler hat aus diesem In- 
sufficienzgefühl, das sich besonders auf bestimmte Gebiete er- 
strecken kann, die Richtlinien für die ganze spätere Entwicklung 
der Kranken abzuleiten versucht. Sie sollen in der ,,Gier nach 
Triumph", um ein hochgespanntes Persönlichkeitsideal zu erreichen, 
ihre Schwächen zum Machtmittel auszubilden suchen, um ihre 
Umgebung zu beherrschen, oder sie durch starke Betonung der 
entgegengesetzten, erstrebten Eigenschaften verdecken. Wenn ich 
auch Adlers Ausführungen für viel zu weitgehend halte, so ist doch 
zuzugeben, daß manche Psychopathen ihre Schwächen mit einem 
gewissen, hysterisch gefärbten Stolze zur Schau tragen und mit 
ihrer Empfindsamkeit, ihrem Weltschmerze Eindruck zu machen 
suchen. Ebenso ist es richtig, daß sich hinter verblüffender Frech- 
heit gelegentlich ängstliche Schüchternheit, hinter sinnlosem Trotze 
Schwäche und Haltlosigkeit, hinter barschem, widerborstigem 
Wesen gemütliche Weichheit verbirgt. 

Die Kranken empfinden in der Regel peinlich ihre Abhängigkeit 
von Stimmungen und Befinden, den Mangel an innerer Freiheit und 
Beweglichkeit. Die Schwierigkeiten, die ihnen die Klarheit des Den- 
kens, die unbekümmerte Hingabe an die Eindrücke des Lebens, die 
Leichtigkeit des Entschließens so oft behindern, richten ihre Auf- 
merksamkeit auf das eigene Innenleben. So entsteht die bei Ner- 
vösen so überaus häufige Neigung zu grüblerischer Selbstbetrach- 
tung und Selbstzergliederung. Die Beschäftigung mit den eigenen 
Zuständen nimmt in ihrem Interessenkreise einen unverhältnis- 
mäßig großen Raum ein und beeinträchtigt naturgemäß die An- 
teilnahme an den Dingen der Außenwelt. Sie erscheinen daher 
vielfach in sich gekehrt, weitabgewandt, grüblerisch, versenken 
sich in psychologische und psychiatrische Fragen, zu denen sie sich 
durch ihre inneren Kämpfe öfters besonders angeregt fühlen. 



1792 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Die dauernde Neigung zur Selbstbeobachtung pflegt weiterhin 
auch die körperlichen Vorgänge in ihren Bereich zu ziehen. Die 
ängstlich-mißtrauische Beachtung aller inneren Wahrnehmungen, 
die Spannung, mit der sie verfolgt werden, ist wohl die wesentliche 
Grundlage für das Auftreten von allerlei Mißempfindungen, die zu 
ausgiebiger hypochondrischer Verwertung zu gelangen pflegen. 
Besonders häufig sind Kopfschmerzen, dumpfer Druck, Spannung, 
Empfindlichkeit im Hinterkopf, Zusammenpressen an den Schläfen, 
Migräne. Ferner klagen die Kranken über Herzklopfen, Be- 
klemmungsgefühle, Stechen und Brennen, krampfartiges Zusammen- 
ziehen in der Herzgegend, Bohren, in der Brust, unangenehme 
Empfindungen, Druck, Schmerzhaftigkeit in der Magengegend, 
Übelkeit, Heißhunger, Rücken- und Kreuzschmerzen, Vertauben 
der Glieder, Hautjucken, Frost- und Schwächegefühl in den Beinen, 
Kratzen im Halse, Flimmern vor den Augen, Ohrensausen, Emp- 
findlichkeit gegen Geräusche. Alle diese und viele ähnliche Be- 
schwerden stellen sich ein oder verstärken sich besonders dann, 
wenn der Kranke gemütlich erregt oder angespannt ist, so ganz 
gewöhnlich beim Versuche zu arbeiten. Sie führen ihn mehr und 
mehr zu der Ansicht, daß er an irgendeinem schweren, verhängnis- 
vollen Leiden erkrankt sei. Ihm droht ein Schlaganfall ; er leidet 
an den Folgen eines ungenügend behandelten Trippers, an Syphilis 
und Gehirnerweichung ; seine Nerven sind vollständig ruiniert durch 
das Laster der Onanie. 

Das ängstliche Mißtrauen, mit dem der Kranke nunmehr seinen 
Zustand betrachtet, läßt ihn immer beunruhigendere Beobachtungen 
machen. Der Harn fließt zu langsam, scheint Blut zu enthalten ; 
der Leib ist wie eine Tonne ; der Boden schwankt unter den Füßen ; 
die Schmerzen werden unerträglich. Beim Harnlassen brennt es; 
die Wäsche hat einen eigentümlichen Geruch ; in den Gelenken 
kracht es. Der Kranke fürchtet den Verstand zu verlieren, wird 
bald unheilbar sein, sucht sich in Büchern über die Bedeutung 
seiner Krankheitserscheinungen zu belehren, geht zum Arzte, um 
von ihm die schreckliche Wahrheit zu hören. Nicht immer schafft 
ihm die Versicherung, daß er nichts zu fürchten habe, wirkliche 
Beruhigung. Ein Fall wie der seine war ja noch nicht da, und 
niemand kann in ihn hineinsehen. Er meint daher, daß man ihn 
vielleicht nicht aufmerksam genug angehört, seine Klagen nicht 



Nervosität. 1793 

genügend beachtet, ihn nicht sorgfältig untersucht oder ihm aus 
Schonung den Ernst der Lage verschwiegen habe, und sieht sich 
deswegen veranlaßt, immer neue Ärzte zu befragen. Ein Kranker 
hatte sich im Laufe von 6 Jahren an 36 Ärzte gewendet ; ein anderer 
war nach Lourdes gefahren. Manche Kranke versagen sich, um 
ihre vermeintlich schwer gefährdete Gesundheit nicht zu schädigen, 
jeden Lebensgenuß, vermeiden Alkohol, Tabak, Kaffee, Tee, 
leben von Pflanzenkost, verzichten auf Geschlechtsverkehr, be- 
suchen weder Theater noch Konzerte, bewegen sich mit peinlicher 
Regelmäßigkeit in einem eng umgrenzten Kreise einförmiger 
Lebensgewohnheiten. 

Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit ist es wohl vor allem, 
das den Kranken veranlaßt, sich von der Berührung mit der Um- 
gebung nach Möglichkeit zurückzuziehen. Er ist schüchtern, un- 
beholfen, fühlt sich in Gesellschaft überflüssig, da er nicht plaudern 
kann wie die andern, an der allgemeinen Fröhlichkeit nicht innerlich 
teilnimmt. Bei seiner Empfindlichkeit hat er den Eindruck, schlecht 
behandelt, nicht ernst genommen zu werden; die Leute ziehen ihn 
auf, setzen ihn zurück, zum Teil mit Recht, weil er sich in seiner 
Unsicherheit täppisch und ungeschickt benimmt. Für ihn ist kein 
Platz da draußen unter den gesunden, lebenslustigen Menschen. 
Das Gefühl der Verlassenheit, des Verstoßenseins bemächtigt sich 
seiner, die unerfüllbare Sehnsucht nach guten Freunden und Be- 
kannten, das Heimweh nach den Eltern und nach der Kindheit. 
Ein Kranker, der nach auswärts in eine Stellung gereist war, kehrte 
schon am gleichen Tage zurück, weil er sich in der Fremde zu ein- 
sam fühlte. Nicht selten führt der Mangel an Selbstvertrauen den 
Kranken dazu, sich möglichst von der Welt abzuschließen, ein 
stilles, einsames Leben zu führen, vielleicht ins Kloster zu gehen. 
So hatte sich bei Ascona die von Grohmann 1 ) vortrefflich ge- 
schilderte Gruppe von Psychopathen einen Zufluchtsort geschaffen, 
an dem jeder ohne Pflichten unbehelligt ganz seinen eigenen Nei- 
gungen leben und dem bei ihnen weit verbreiteten Hange nach- 
gehen konnte, an Stelle tatkräftigen Schaffens die spintisierende 
Beschaulichkeit zu setzen. Auch von den nächsten Angehörigen 
zieht sich der Kranke vielleicht zurück, weil sie ihn nicht verstehen, 

l ) Grohmann, Die Vegetarieransiedlung in Ascona und die sog. Natur- 
menschen im Tessin. 1904. 



1794 ^^' ^ e originären Krankheitszustände. 

ihn nicht mögen und ihn seine Unzulänglichkeit fühlen lassen, 
sei es durch Rücksichtslosigkeit, sei es durch geflissentliche Scho- 
nung. Er wird daher nörgelig und ungerecht, muß behandelt 
werden wie ein rohes Ei. Manche Kranke sind bestrebt, durch 
gesuchte Grobheit und Rauheit des Benehmens die Umgebung 
abzuschrecken und so die Weichheit ihres Innenlebens zu verbergen. 
Jan et macht die treffende Bemerkung, daß gerade die Familien- 
tyrannen oft im Grunde haltlose und willensschwache Menschen 
sind. 

Die Gemütsart der Kranken ist vielfach eine gutherzige, 
liebenswürdige, schwärmerische. Manche Kranke sind sehr religiös ; 
viele haben große Liebe zu Tieren. Bei andern überwiegt mehr ein 
mißmutiges, unverträgliches Wesen, das von der Umgebung immer- 
fort Rücksichten heischt und überall unverdiente Zurücksetzungen 
und Kränkungen wittert. Bisweilen erzeugt die gemütliche Spannung 
eine dauernde innere Unruhe, die sich auch in der Neigung zu Selbst- 
gesprächen äußern kann. In einzelnen Fällen stellen sich unver- 
mittelte Abneigungen gegen bis dahin geliebte und geschätzte 
Personen ein. Sehr auffallend ist vielfach auch auf gemütlichem 
Gebiete eine ungleichmäßige Ausbildung der verschiedenen Ge- 
fühlsrichtungen. Große Feinfühligkeit, Geschmack, überschwäng- 
liche Begeisterungsfähigkeit kann sich mit Verkümmerung der 
grundlegenden natürlichen Regungen verbinden. Neben über- 
mäßiger Empfindsamkeit besteht vielleicht eine unbegreifliche 
Gemütsroheit, neben zartem künstlerischem Verständnisse Mangel 
an Takt oder sittliche Stumpfheit. Manche Kranke sind feig und 
tollkühn zugleich, andere geizig und verschwenderisch oder schüch- 
tern und eingebildet, gemütvoll und daneben von rücksichtsloser 
Grausamkeit (Robespierre). Auf dem Boden dieser gemütlichen 
Unausgeglichenheit gedeihen dann gern einzelne triebartige Re- 
gungen von unüberwindlicher Heftigkeit. Dahin gehört die ab- 
göttische Verehrung bestimmter Personen, die ,, tolle", plötzlich 
auftauchende, alle Rücksichten über den Haufen werfende, den 
Willen vollständig unterjochende Liebe, die „Fascination", die 
willenlose Unterwerfung unter fremden Einfluß. Ferner sind hier 
zu erwähnen die zahlreichen „Idiosynkrasien", der sinnlose Ab- 
scheu oder die Furcht vor bestimmten Personen, Tieren (Spinnen, 
Fröschen, Mäusen), Gegenständen, Erlebnissen, Krankheitserschei- 






Nervosität. 1795 

nungen, die allerdings zum Teil schon in das Gebiet der Phobien 
hineinreichen. Daneben bestehen vielfach gewisse auffallende 
Eigentümlichkeiten der Gemütslage, krankhafte Weichmütigkeit, 
Überschwänglichkeit, leichtherzige Hoffnungsfreudigkeit oder dau- 
ernde Gedrücktheit und Verzagtheit. 

Die folgenschwerste Krankheitserscheinung ist bei den Nervösen 
eine dauernde Unfreiheit des Handelns. Ihnen fehlt die 
zuverlässige Steuerung des Willens durch einen festen, geschlossenen 
Charakter, der einerseits imstande wäre, mit klarer Entschiedenheit 
alle inneren und äußeren Hindernisse aus eigener Kraft zu über- 
winden, andererseits das Handeln von den wechselnden Einflüssen 
des Augenblicks unabhängig zu machen. So kommt es, daß die 
Willensentschlüsse vielfach durch unberechenbare Zufälligkeiten, 
Hemmungen, Stimmungen, Befürchtungen, gemütliche Erregungen 
behindert, durchkreuzt und abgelenkt werden. Das gesamte Wollen 
und Handeln entbehrt deswegen der unbeirrbaren Einheitlichkeit 
und Stetigkeit. Die dadurch bedingte innere Unsicherheit führt, 
wie Jan et mit Recht immer wieder betont, sehr häufig zu einer 
gewissen Abulie, einer Einschränkung der Willenstätigkeit über- 
haupt. Vor allem leidet die Fähigkeit zu tatkräftigen Entschlüssen. 
Die Kranken können, wie Jan et es ausdrückt, in keinem Punkte 
bis an das Ende gehen, schrecken überall vor dem Abschlüsse, 
der Entscheidung zurück, lassen sich durch geringfügige Hinder- 
nisse entmutigen, bleiben in Anläufen stecken, bringen nicht die 
Kraft auf, einem weitgesteckten Ziele planmäßig zuzustreben. So 
manche hochbegabte Naturen, die schon in jungen Jahren eine 
große Zukunft ,, hinter sich" haben, gehören hierher. Immer 
wieder, wenn es gälte, mit Entschiedenheit drauf loszugehen, 
stellen sich hemmende Zweifel, Einwände und Bedenken ein ; die 
frische Farbe des Entschlusses wird, wie es Shakespeare so 
treffend geschildert hat, „von des Gedankens Blässe angekränkelt". 

Die Kranken sind zaghaft und unsicher in ihren Hand- 
lungen und in ihrem Auftreten, werden leicht verlegen und verwirrt, 
wenn sie die Aufmerksamkeit auf sich gerichtet wissen. Eine nicht 
seltene Folge davon sind linkische, ungeschickte Bewegungen, 
Neigung zum Stolpern, zum Stottern, namentlich beim Spontan- 
sprechen, Erschwerungen beim Harnlassen, alles besonders stark 
oder nur dann auftretend, sobald die Gegenwart Fremder den 



1796 



XV. Die originären Krankheitszustände. 



Kranken befangen macht. Auch das Schreiben kann bis zur krampf- 
haften Unfähigkeit gestört sein, oder die Schriftzüge werden un- 
sicher und ausfahrend. Eine derartige Schriftprobe von einer 
Psychopathin gebe ich beistehend wieder. Sie erinnert auf den 
ersten Blick ganz an ein paralytisches Schriftstück, doch fehlen 
die dort so kennzeichnenden Auslassungen, Verdoppelungen, Ein- 













uU^ Y^i-f^tU^ ^t/V^ 




^ML typ! *rf ^ 



Schriftprobe 44. Ataktische Schrift einer Psychopathin. 

Schiebungen und Verwechselungen von Buchstaben; nur einige 
verkehrte Ansätze sind zu verzeichnen. 

Andererseits führt eine hemmungslose Abhängigkeit von zufäl- 
ligen Einflüssen leicht zu plötzlichen, unüberlegten Handlungen, 
übereilten Unternehmungen und Absagen, Wechsel der Stellung und 
des Berufes, planlosen Reisen, überstürzten Verlobungen, über- 
raschenden Selbstmordversuchen. Vielfach kommen die Kranken auch 
dazu, sich mit vollen Segeln irgendeiner auffallenden Bewegung an- 
zuschließen und nun eine Zeitlang mit ihr durch dick und dünn zu 
gehen. Die Gefühlsmäßigkeit ihres Denkens trägt sie dabei leicht 
über Zweifel und Bedenken hinweg. So werden sie leidenschaftliche 
Spiritisten und Mystiker, Impfgegner, Rohköstler, Anhänger irgend- 
einer gesundheitsgemäßen Lebensweise, Antivivisektionisten, Frauen- 
rechtler; auch die alkoholgegnerische Bewegung hat unter ihrer 
Beteiligung zu leiden gehabt. Einzelne Kranke begehen, wenn 
sie sich arbeitsunfähig fühlen, kleine Schwindeleien und Gelegen- 
heitsdiebstähle. 



Nervosität. 1 797 

Die Arbeitsfähigkeit der Nervösen ist stets auf das empfind- 
lichste beeinträchtigt. Unangenehme Ermüdungsgefühle lassen sie 
nach kurzer Zeit erlahmen. Es stellen sich die mannigfachsten Be- 
schwerden ein, Abspannung, Kopfdruck, innere Erregung, Schlaf- 
losigkeit. Sie sind daher vielleicht imstande, eine Arbeit mit Scharf- 
sinn und Geschick anzugreifen, müssen aber aussetzen, wenn sie 
nicht rasch ans Ziel kommen, sondern eine längere, unbefriedigende 
Anstrengung vor sich sehen. Darum arbeiten sie mit vielen Unter- 
brechungen, schützen sich durch besondere Vorsichtsmaßregeln, 
teilen ihr Leben peinlich regelmäßig ein und vermögen auf diese 
Weise bisweilen trotz aller inneren Hindernisse auch auf geistigem 
Gebiete Genügendes und selbst Bedeutendes zu leisten. Namentlich 
der Zwang der Verhältnisse kann die sonst unfehlbar auftretenden 
Hemmungen durchbrechen. Ich kannte einen geistig sehr hoch- 
stehenden Gelehrten, der schon nach wenigen Minuten Lesens 
oder gleichgültigen Gespräches von den quälendsten Empfindungen 
im Kopfe befallen wurde, aber recht wohl imstande war, seine 
Vorlesung zu halten oder sonstige, wirklich notwendige geistige 
Arbeit zu leisten. 

Natürlich kommen die Kranken immer mehr dazu, ihre Be- 
tätigungen einzuschränken, um sich zu schonen. Sie arbeiten 
schließlich vielleicht nur noch eine oder zwei Stunden am Tage, 
nehmen längeren Urlaub, suchen immer leichtere, weniger anstren- 
gende Beschäftigung. Bei ihren vielfach schwankenden Stimmungen 
vermögen sie sich nicht in den Zwang geregelter Betriebe einzu- 
fügen, setzen plötzlich aus, lassen wichtige Dinge unerledigt, ver- 
sagen, wenn man sie am notwendigsten braucht. Manchmal sind 
sie imstande, sich zu einmaliger, vorübergehender Anstrengung 
aufzuraffen, und vermögen dabei vielleicht recht Brauchbares zu 
leisten. Sie sind aber zu allen Arbeiten unfähig, die Geduld, Hin- 
gabe und Ausdauer erfordern, lassen sie nach kurzer Zeit liegen 
oder lehnen sie von vornherein unter allerlei Vorwänden ab, finden 
sie langweilig, aussichtslos, überflüssig. Besondere Schwierigkeiten 
pflegen ihnen die Prüfungen zu bereiten, die nicht nur eine plan- 
mäßige Vorbereitung, sondern auch Sammlung und Geistesgegen- 
wart erfordern. Immer von neuem schieben sie den Zeitpunkt 
hinaus, treten im letzten Augenblicke zurück, sind derart auf- 
geregt und verwirrt, daß sie auch nicht den mildesten Anforderungen 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 20 



1798 XV. Die originären Krankheitszustände. 

zu genügen vermögen. Nicht wenige scheitern dauernd an der 
Unmöglichkeit, die Klippe der vorgeschriebenen staatlichen Prü- 
fungen zu überwinden. Einzelne verzichten schließlich auf jede 
ernsthafte Tätigkeit, leben wunschlos und tatenlos dahin, werden 
zur Plage ihrer Familie, die für sie sorgen muß, lassen alles gehen, 
wie es geht. 

Es kann nicht fehlen, daß die Erschwerung und Zerfahrenheit 
des psychopathischen Handelns die gesamte Lebensführung der 
Kranken in entscheidender Weise beeinflußt. Die steten Hemmungen, 
die Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit der Entschlüsse durch- 
brechen fortwährend die sachliche und selbstverständliche Ab- 
wicklung der Tagesgeschäfte; überall entstehen Schwierigkeiten 
und unerwartete Verwicklungen. Gerade darin zeigt sich eben die 
Entartung, die Unzweckmäßigkeit der psychopathischen Veran- 
lagung. Sie hindert den glatten Ablauf der Lebensarbeit durch 
gänzlich unnötige Reibungen und bewirkt eine Verzettelung geistiger 
wie gemütlicher Kräfte in kleinlichen Nebendingen, so daß für die 
wirklich großen Kämpfe nichts mehr übrigbleibt. Klare und ein- 
fache Verhältnisse werden schwierig und verworren, sobald die 
nervöse Hand des Psychopathen in sie hineingreift. 

Die mangelhafte Entwicklung eines zielbewußten, selbstsicheren 
Willens gewährt dem Triebleben bei unseren Kranken gewöhnlich 
einen weiten Spielraum. Unklare Gefühlsregungen überwältigen 
vielfach ohne weiteres die verstandesmäßige Überlegung. Trieb- 
artige Neigungen und Abneigungen, Sammelwut, grundlose Be- 
fürchtungen erzwingen sich rücksichtslose Beachtung; Ahnungen, 
abergläubische Zusammenhänge, Deutungen werden oft genug auch 
dort eine Macht, wo ihre Unsinnigkeit vollkommen klar erkannt 
wird. Sehr leicht entwickeln sich bestimmte gewohnheitsmäßige 
Willensrichtungen, deren wachsende Herrschaft späterhin kaum 
mehr durchbrochen werden kann. Manche Kranke müssen ihre 
Verrichtungen immer in ganz derselben Weise, unter den gleichen 
äußeren Bedingungen erledigen, fühlen sich behindert, unter Um- 
ständen sogar völlig unfähig, sobald irgendeine kleine Änderung 
eintritt. Sie fallen daher auch sehr leicht der Verführung zum 
Mißbrauche von Genußmitteln und Arzneien zum Opfer, werden 
Trinker, übermäßige Raucher, Morphinisten, gewöhnen sich an 
unsinnig starken Tee oder Kaffee, nehmen dauernd Schlafmittel. 



Nervosität. 1799 

Die hypochondrische Neigung zu Quacksalbereien wird dabei oft 
verhängnisvoll. 

Eine ganz besondere Rolle spielt bei der nervösen Veranlagung 
regelmäßig das Geschlechtsleben; es tritt weit stärker in den 
Vordergrund der Lebensvorgänge, als beim Gesunden. Gewöhnlich 
erwacht der Geschlechtstrieb auffallend früh und mit großer Leb- 
haftigkeit. Er führt sehr häufig von selbst oder unter freund- 
schaftlicher Anleitung zur Masturbation, die dann ungemein hart- 
näckig zu wurzeln pflegt und unter Umständen selbst neben dem 
regelrechten Geschlechtsverkehr fortgesetzt wird. 

In nicht ganz seltenen Fällen wird hier der Geschlechtstrieb zum 
Mittelpunkte des gesamten Seelenlebens. So entsteht das formen- 
reiche Bild der ,, sexuellen Neurasthenie' ', die, wie allmählich immer 
klarer erkannt wird, nicht etwa die Folge von Ausschweifungen, 
sondern eine einfache Begleiterscheinung der angeborenen Nervo- 
sität darstellt. Das Anwachsen der geschlechtlichen Spannung kann, 
wie es scheint, in manchen Fällen von äußerst lebhaften Unlust- 
gefühlen, innerer Erregung bis zur Arbeitsunfähigkeit begleitet sein, 
die erst mit der Entladung schwinden. Umgekehrt können sich an 
den Geschlechtsakt lebhafte Angstgefühle knüpfen, die sein Gelingen 
vereiteln und zur psychischen Impotenz führen. Die erhöhte ge- 
schlechtliche Erregbarkeit verleitet, namentlich bei starken inneren 
Hindernissen gegen eine natürliche Befriedigung, zum Versenken in 
geschlechtliche Träumereien (psychische Onanie), oft auch zu rück- 
sichtsloser Masturbation mit der Folge dauernder Überreizung, vor- 
zeitiger Ejakulation, Spermatorrhöe und den an sie sich anschlie- 
ßenden Empfindungen und hypochondrischen Befürchtungen. Alle 
möglichen krankhaften Empfindungen und Vorstellungen können 
sich um diesen Mittelpunkt herumgruppieren und dadurch das Ge- 
wicht noch verstärken, das ihm ohnehin schon im Seelenleben zu- 
kommt. Vielleicht ist, wie von manchen Beobachtern angegeben 
wird, der zur Vermeidung von Nachkommenschaft betriebene Coitus 
interruptus geeignet, die Entwicklung nervöser Beschwerden be- 
sonders zu fördern. 

Recht verhängnisvoll kann namentlich auch der Umstand wer- 
den, daß sich an das Erwachen der geschlechtlichen Regungen viel- 
fach die Entwicklung jener Verschrobenheiten der geschlechtlichen 
Befriedigung knüpft, in deren Aufdeckung unser Zeitalter so frucht- 

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l8oo XV. Die originären Krankheitszustände. 

bar gewesen ist. Die Erinnerung an bestimmte Anlässe, bei denen 
der Geschlechtstrieb sich zuerst deutlicher regte, verbindet sich so 
innig mit dem Geschlechtsbedürfnisse, daß eine Befriedigung des- 
selben schließlich nur noch unter ähnlichen Bedingungen möglich 
wird. Einer meiner Kranken, dem die Erzieherin in der Jugend 
gesagt hatte, sie werde ihm die Augen verbinden, wenn er immer 
so nach den kleinen Mädchen hinüberschaue, vermochte den Bei- 
schlaf später nur mit solchen Weibern auszuführen, denen die Augen 
verbunden waren. Wir werden derartige Erfahrungen später noch 
eingehend zu würdigen haben. 

Auf körperlichem Gebiete begegnen uns bei den Nervösen 
vielfach Störungen, wie wir sie bei der Hysterie kennen gelernt haben, 
wenn auch meist nur in Andeutungen. Am häufigsten sind Steige- 
rung der Sehnenreflexe, Zittern der Hände, besonders bei Aufregun- 
gen, Schwindelanfälle, auch gelegentliche Ohnmächten. Hie und da 
beobachtet man Herabsetzung des Konjunktival- oder Würgreflexes, 
konzentrische Gesichtsfeldeinschränkung, Hypalgesien oder Hyper- 
algesien, umschriebene Zuckungen, Dermatographie. Der Aus- 
druck der Gemütsbewegungen kann gelegentlich die hysterische 
Maßlosigkeit zeigen ; die Kranken verfallen in Weinkrämpfe, 
sinken vor Schreck zusammen, schlottern am ganzen Körper, wälzen 
sich am Boden, schlagen um sich, schreien, raufen sich die Haare. 
Bei anderen finden sich schwer ausrottbare üble Angewohnheiten, 
Nägelkauen, Neigung zum Kratzen, Hautzupfen, Haarebeißen, oder 
einförmige, gewohnheitsmäßige Bewegungen („Tics" 1 ), Gesichter- 
schneiden, choreaartige Zuckungen, Kopfschütteln, Blinzeln, Schnüf- 
feln oder Gautzen, Schnalzen mit der Zunge, Räuspern, Spucken, 
Leckbewegungen, Achselzucken, Aufspringen. In der Regel handelt 
es sich um die erstarrten Reste von Ausdrucks- oder Verlegenheits- 
bewegungen, in denen sich die innere Unruhe und Spannung entlädt ; 
eine etwas andere Entstehungsweise werden wir später kennen 
lernen. 

Weiterhin beobachten wir oft die allgemeinen Zeichen einer er- 
höhten nervösen Erregbarkeit, auffallende Empfindlichkeit gegen 
Alkohol, auch wohl gegen Tee oder Kaffee, rasches Zusammen- 
brechen bei länger dauernden Anstrengungen, Unfähigkeit, Hunger 

1 ) Meige und Feindel, Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung, deutsch 
von Giese. 1903. 



Nervosität. l8oi 

und Durst lange Zeit zu ertragen, große Abhängigkeit von Witte- 
rung und Temperaturen, starkes Fiebern und Delirieren bei leichten 
Erkrankungen. Auch die krankhafte Empfindlichkeit gegen manche 
Geräusche (Reiben des Schieferstiftes, der Kreide auf der Tafel) oder 
Hautempfindungen (Berührung mit Samt) sind hier vielleicht zu er- 
wähnen. Dagegen ist es mir sehr zweifelhaft, ob das gelegentlich 
in diesem Zusammenhange mit angeführte Auftreten von Verdauungs- 
störungen oder Hautausschlägen nach dem Genüsse von Erdbeeren, 
Krebsen, Eiern, Mandeln in irgendeiner Beziehung zur nervösen 
Veranlagung steht. 

Der Puls wird leicht unregelmäßig, besonders wenn sich die Auf- 
merksamkeit auf die Schlagfolge richtet. Nicht selten findet man 
eine peinliche Neigung zum Schwitzen oder Erröten bei gemütlicher 
Erregung, Störungen in der Blutverteilung, Wallungen zum Kopfe, 
Kälte der Hände und Füße. Rohde spricht von einer ,, vasomotori- 
schen Diathese" der Psychastheniker. Die Pupillen sind wegen Hem- 
mung des Sphinkterentonus öfters auffallend weit; ihre Reaktion 
pflegt sehr ausgiebig, die Pupillenunruhe verstärkt zu sein. 

Ziemlich häufig ist lange fortgesetztes Bettnässen. Wir haben 
darin wohl nicht den Ausdruck einer durch Rückenmarksstörungen 
bedingten Schwäche des Blasenschließmuskels und auch nicht das 
Zeichen nächtlicher epileptischer Anfälle zu sehen, sondern die Folge 
einer ungenügenden Herrschaft des Willens über die Harnentleerung. 
Trömner spricht von einem ,, Reflexinfantilismus". Das Austreiben 
des Harns aus der Blase geschieht beim Tiere wie auch beim Säug- 
ling im allgemeinen ohne weiteres selbsttätig. Erst durch eine ge- 
wisse planmäßige Einübung gelingt es dem entwickelten Willen, 
diese wie so viele andere Verrichtungen des Körpers bis zu einem 
gewissen Grade zu beherrschen, so daß Entleerung und Zurückhal- 
tung willkürlich erfolgen können. Es dürfte sich um ein ganz ähn- 
liches Verhältnis handeln wie bei der Regelung unserer Glieder- 
bewegungen, die auch vom Säugling zunächst planlos und ohne be- 
stimmte Ordnung ausgeführt werden, bis sich allmählich der ziel- 
bewußte Wille ihrer bemächtigt. Daß auch hier der Erfolg sehr ver- 
schieden ist und manche Kinder lange Zeit oder selbst ihr Leben 
hindurch ungeschickt und unsicher in ihren Bewegungen bleiben, 
ist bekannt genug. So gibt es erfahrungsgemäß auch zahlreiche 
Menschen, die dem Harndrange nur verhältnismäßig kurze Zeit 



l802 XV. Die originären Krankheitszustände. 

widerstehen oder die Blase nur unter gewissen Vorbedingungen will- 
kürlich entleeren können. Im Wachen wird hier ein vollständiges 
Versagen des Willens nur ganz ausnahmsweise, etwa bei heftigen 
Gemütserschütterungen, eintreten. Im Schlafe dagegen, wo ohnedies 
der Einfluß des Willens auf den Körper stark abgeschwächt ist, 
wird sich die Harnentleerung verhältnismäßig leicht von ihm unab- 
hängig machen können. Besonders begünstigt wird das durch große 
Tiefe des Schlafes, die einerseits die Willenseinflüsse vollkommener 
ausschaltet, andererseits den Harndrang weniger leicht zum Be- 
wußtsein gelangen läßt. Am Tage beobachtet man bei unseren Kran- 
ken öfters Pollakiurie, sehr häufig wiederkehrenden Harndrang, der 
durch die allzu ängstlich auf die Blasenentleerung gerichtete Auf- 
merksamkeit bedingt wird. 

Auch die Nahrungsaufnahme nimmt vielfach an der allgemeinen 
Störung teil. Heißhunger wechselt mit Appetitlosigkeit; gar nicht 
selten entwickelt sich das launenhafte Krankheitsbild der nervösen 
Dyspepsie, die Empfindung von Druck und Völle in der Magen- 
gegend, Würgen, Aufstoßen, Erbrechen, gelegentlich selbst Wieder- 
käuen, Verstopfung, psychisch ausgelöste Durchfälle. Manche Kranke 
zeigen starke Abmagerung. Der Schlaf ist ungemein häufig gestört. 
In einzelnen Fällen besteht ein ganz außerordentliches Schlafbedürf- 
nis, so daß die Kranken nach 8 — 9 stündigem Schlafe noch kaum zu 
erwecken sind. Wir haben wohl anzunehmen, daß dabei in der 
Regel die Tiefe des Schlafes ungenügend ist. Durch die Messungen 
der Schlaftiefe ist es wahrscheinlich geworden, daß Steigerung der 
nervösen Erregung den Schlaf oberflächlicher macht und die Er- 
reichung einer größeren Tiefe verzögert. Ich habe auch immer den 
Eindruck gehabt, daß unter den nervösen Menschen die Abend- 
arbeiter verhältnismäßig häufiger sind, als die Morgenarbeiter ; ihr 
Nervengewebe kommt nach der Arbeit langsamer zur Ruhe. Dem- 
entsprechend leiden viele unserer Kranken an großer Müdigkeit 
beim Erwachen, während ihnen das Einschlafen oft sehr schwer 
wird und der Schlaf selbst durch lebhafte und unruhige Träume ge- 
stört ist. 

Eine weitere Gruppe von körperlichen Störungen ist deswegen 
von Bedeutung, weil sie zwar nicht der Ausdruck des nervösen Lei- 
dens selbst sind, wohl aber Hinweise auf ursächlich wichtige Schä- 
digungen enthalten. Dahin gehören zunächst die sogenannten Ent- 



Nervosität/ 1803 

artungszeichen, aus denen wir auf ungünstige erbliche oder keim- 
schädigende Einflüsse zu schließen pflegen. Wir finden Zurück- 
bleiben der gesamten Körperentwicklung auf kindlicher Stufe, auf- 
fallend jugendliches oder frühzeitig gealtertes Aussehen, örtliche und 
allgemeine Wachstumshemmungen des Gehirns und Schädels, schie- 
fes Gesicht, abnorme Zahn- und Kieferstellung, Fistelstimme, Miß- 
bildungen aller Art an Ohren, Gaumen, Geschlechtsteilen (Krypt- 
orchismus, Epi- oder Hypospadie), Händen (Syndaktylie), Behaarung. 
Hie und da treffen wir ferner auf die Überbleibsel früherer Hirnkrank- 
heiten, halbseitige Schwäche, Lähmungen, Atrophien, Babinskis 
Zeichen, Spasmen. Öfters wird über Zahnkrämpfe berichtet. Auch 
die Spuren der Rachitis und adenoide Wucherungen sind als Hin- 
weis auf allgemeine Ernährungsstörungen wohl nicht ganz ohne 
Belang; einige Male bestanden Andeutungen von Basedowscher 
Krankheit. Manche Kranke sind von Jugend auf schwächlich und 
zart, wenig widerstandsfähig gegen krankmachende Einflüsse ; ein- 
zelne sind Frühgeburten. — 

Da die Nervosität nach unserer Begriffsbestimmung ein ange- 
borener krankhafter Zustand ist, kann von einem eigentlichen Ver- 
laufe des Leidens nicht wohl die Rede sein. Gewöhnlich zeigt sich 
die krankhafte Anlage schon in früher Jugend. Manche Kinder 
sind übertrieben brav, still, scheu, ängstlich, wehleidig, ziehen sich 
zurück, haben wenig Geschick und Neigung zu körperlicher Be- 
tätigung. Bei anderen tritt mehr ein reizbares, empfindliches, un- 
zufriedenes, unverträgliches Wesen in den Vordergrund, oft gepaart 
mit weinerlichem Eigensinn. Die gesteigerte Erregbarkeit kann sich 
in nächtlichem Aufschrecken, ängstlichen Träumen, Nachtwandeln 
bemerkbar machen. 

In der Schule kündigt sich die Nervosität namentlich durch er- 
höhte Ablenkbarkeit, Zerstreutheit, Neigung zur Träumerei, Schlaff- 
heit, Unruhe, rasches Versagen an. Gleichwohl werden manche 
Kinder, weil sie ängstlich allen Anforderungen nachzukommen 
suchen, keine Nebenbeschäftigungen treiben, sich in den Büchern 
vergraben, gute Schüler. Andere, bei denen die Erregbarkeit und 
Unstetigkeit überwiegt, kommen trotz allen Nachdrängens nicht recht 
vorwärts und erwerben sich nur ein oberflächliches, lückenhaftes 
Wissen. Häufig sind einseitige Begabungen und Mängel, geistige , 
Frühreife, sprachliche Gewandtheit, musikalisches, zeichnerisches 



1804 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Talent, Unfähigkeit zu rechnen, auswendig zu lernen, Fehlen des 
Ortssinnes, Zeitsinnes. 

Eine stärkere Ausprägung der Störungen pflegen die Umwälzun- 
gen der Entwicklungsjahre zu bringen. Binswanger berichtet, 
daß die Krankheit in 46 unter 131 von ihm beobachteten Fällen im 
zweiten Lebensjahrzehnt begann. Ein nicht unerheblicher Teil der 
krankhaften Erscheinungen bewegt sich ja in derselben Richtung 
wie die inneren Vorgänge, von denen die Geschlechtsreifung begleitet 
ist. Die gemütliche Erregbarkeit wächst; die Neigung zum Grübeln 
und Träumen, zu Wertherstimmungen und triebartigen Entgleisun- 
gen nimmt zu. Weiterhin aber machen sich nunmehr auch noch 
eine Reihe von anderen Einflüssen geltend, die geeignet erscheinen, 
den Keim der Nervosität zu vollerer Entwicklung zu bringen. Die 
Anforderungen an Willensstärke und Selbstbeherrschung erhöhen 
sich mit dem Eintritte in selbständigere und verantwortungsvollere 
Betätigungen. Damit steigen für den Kranken die Schwierigkeiten, 
sich zu behaupten, und die Reibungsflächen gegenüber der Umge- 
bung vergrößern sich. Verführungen treten an ihn heran, unter 
denen diejenigen zur Onanie, zum Alkoholmißbrauche, unter Um- 
ständen auch zum Morphium, für ihn besonders verhängnisvoll wer- 
den können. Die Erregungen und Enttäuschungen, die mit dem 
Liebesleben verbunden sind, tragen dazu bei, die Bewahrung des 
inneren Gleichgewichts zu erschweren. Beim Weibe mögen auch 
die Chlorose und die körperlichen Schädigungen durch das Fort- 
pflanzungsgeschäft öfters eine Rolle spielen. 

Im späteren Leben pflegt sich der Zustand der Nervösen lange 
Zeit hindurch nur wenig zu ändern. Selbstverständlich gibt es er- 
hebliche Schwankungen, wenn sich die äußeren Lebensbedingungen 
besonders günstig oder ungünstig gestalten. Immerhin zeigt es sich, 
daß von unseren Kranken mehr als 2 / 3 vor dem 35. Lebensjahre in 
die Klinik kamen. Daraus scheint hervorzugehen, daß wenigstens 
die auffallenderen Störungen, Selbstmordversuche, Erregungszu- 
stände, überwiegend in die ersten Lebensjahrzehnte fallen. Da aber 
die einfache Nervosität, abgesehen von den hie und da glückenden 
Selbstmordversuchen, das Leben nicht bedroht und auch nicht zur 
dauernden Abschließung in Anstalten zu führen pflegt, so ist die 
Annahme berechtigt, daß in den späteren Lebensjahrzehnten die 
Krankheitsäußerungen im allgemeinen mehr zurücktreten. Zum 



Nervosität. 1805 

Teil mag das dadurch bedingt sein, daß eine erhebliche Zahl von 
Kranken dann bereits irgendwie ein Plätzchen im Leben gefunden 
hat, dessen Anforderungen sie ihre Kräfte haben anpassen können. 

Koch berichtet auch über periodische Verlaufsformen, die ich 
jedoch geneigt bin, als den Ausdruck manisch-depressiver Erkran- 
kungen anzusehen. Allerdings werden öfters Besserungen oder Ver- 
schlimmerungen des Zustandes auch ohne erkennbaren äußeren An- 
laß beobachtet. 

Auf dem allgemeinen Boden der Nervosität können sich aber 
weiterhin auch noch andersartige Störungen entwickeln. Sehr häufig 
ist, wie schon angedeutet, das Auftreten einzelner hysterischer 
Krankheitserscheinungen. Bisweilen, namentlich unter dem Ein- 
flüsse gemütlicher Erregungen, kann es vorübergehend zu Sinnes- 
täuschungen und nächtlichen deliranten Zuständen kommen. Die 
Kranken hören Geräusche, Glocken, Frauenzimmerstimmen, Schreien 
ihrer Kinder, sehen farblose Gestalten, Telephonstangen, Gespenster. 
Sodann können sich die Angstzustände im Sinne von Phobien aus- 
bilden, das Grübeln in der Richtung der Grübel- und Fragesucht ; 
die sexuelle Neurasthenie kann die Vorstufe mannigfaltiger Ver- 
irrungen des Geschlechtstriebes abgeben. Endlich finden sich im 
Bilde der Nervosität allerlei Züge, von denen uns bald dieser, bald 
jener in schärferer Ausprägung bei der Betrachtung der späterhin 
zu schildernden Spielarten psychopathischer Persönlichkeiten wieder 
begegnen werden. — 

Die allgemeine Prognose des Leidens ist in den vorstehenden 
Erfahrungen bereits angedeutet. Da es sich um eine Form der an- 
geborenen Veranlagung handelt, wird eine grundsätzliche Umwand- 
lung der krankhaften Persönlichkeit im Laufe des Lebens nicht 
erwartet werden können. Man wird jedoch die Möglichkeit offen 
lassen müssen, daß sich bei jugendlichen Kranken manche Eigen- 
tümlichkeiten mit fortschreitender Reifung noch bis zu einem 
gewissen Grade wieder ausgleichen. Eine ganze Reihe der geschil- 
derten krankhaften Züge, die Erregbarkeit, die Ängstlichkeit, die 
Ablenkbarkeit, die Neigung zum Träumen, der Mangel an Selbst- 
beherrschung, die Bestimmbarkeit, haben ihre Wurzel im seelischen 
Gefüge der unreifen Persönlichkeit. Wir dürfen daher erwarten 
und finden es auch durch die Erfahrung bestätigt, daß derartige 
Störungen unter Umständen nur als vorübergehende Entwicklungs- 



l8o6 XV. Die originären Krankheitszustände. 

hemmungen stärker hervortreten, um späterhin ganz oder doch zum 
größten Teile wieder zu verschwinden. Nur bei einer gewissen Zahl 
der Fälle, bei denen wir die Erscheinungen der nervösen Veranlagung 
in der Jugend antreffen, werden wir mit deren dauerndem Fort- 
bestehen, vielleicht auch noch mit einer Verschlechterung im Lebens- 
kampfe zu rechnen haben. Leider sind die Anhaltspunkte für die 
Beantwortung der Frage, ob wir es mit einer vorübergehenden „Ent- 
wicklungs"- oder mit einer dauernden „Entartungsnervosität" zu 
tun haben, zurzeit noch ganz unsichere. Bei sehr jugendlichem 
Alter, vielleicht bis zur Mitte der 20 er Jahre, wird man die erstere 
Möglichkeit noch im Auge behalten dürfen. Man kann wohl auch 
annehmen, daß diejenigen Züge des Krankheitsbildes, die wir ähn- 
lich auf jugendlicheren Altersstufen wiederfinden, einen weniger 
ungünstigen Ausblick auf die Zukunft eröffnen, als solche, die dem 
gesunden Leben mehr oder weniger fremd sind, wie die umschrie- 
benen Angstzustände, das Fremdheitsgefühl, die kleinliche Bindung 
des Willens. 

Römer hat bei einer größeren Zahl von Nervenkranken durch- 
schnittlich 6—7 Jahre nach Abschluß einer bei ihm durchgeführten 
Kur Nachforschungen über ihr Befinden angestellt. Unter ihnen 
befanden sich 184 Fälle von „konstitutioneller Neurasthenie", die 
wohl in der Hauptsache dem hier geschilderten Krankheitsbilde zu- 
zurechnen wären. Er kommt zu dem Schluß, daß, im Gegensatze zu 
der immer gutartig verlaufenden nervösen Erschöpfung (erworbenen 
Neurasthenie), hier wohl in 70% der Fälle ein günstiger Einfluß der 
Behandlung andauerte, daß aber doch nur etwa 20% der Kranken 
als annähernd genesen zu bezeichnen waren. Immerhin waren unter 
den Männern 70, unter den Frauen 73% wieder voll und dauernd 
arbeitsfähig geworden, während dort 7%, hier 13% arbeitsunfähig 
blieben und der Rest wenigstens teilweise imstande war, seinen 
Pflichten zu genügen. Bratz fand bei den allerdings viele schwerere 
Formen der Entartung in sich schließenden und nach jeder Rich- 
tung weit ungünstiger gestellten psychopatischen Zwangszöglingen 
noch bei 1 / 10 bis 1 / 8 einen erheblichen Einfluß der Erziehung. Er 
weist, ganz im Einklänge mit unseren früheren Erörterungen, darauf 
hin, daß man vor Mitte der 20 er Jahre die Hoffnung auf einen Er- 
folg nicht ganz aufzugeben brauche. — 

Die Ursachen der Nervosität sind, wie schon wiederholt an- 



Nervosität. 1807 

gedeutet, vor allem in der angeborenen psychopathischen Veran- 
lagung zu suchen. In ganz besonderem Maße scheint die erbliche 
Entartung in Betracht zu kommen. Leider sind die Bedingungen 
für eine genauere Feststellung dieser Zusammenhänge bei den meist 
nur flüchtig durch unsere Klinik hindurchgehenden Psychopathen 
recht ungünstig, so daß die gewonnenen Zahlen zweifellos weit hinter 
den wirklichen Verhältnissen zurückbleiben. Dennoch wird man 
vielleicht den Vergleich mit anderen ähnlichen Krankheitsgruppen 
wagen dürfen. Dabei zeigt sich, daß eine unmittelbare Belastung 
seitens der Eltern, genau wie bei der Hysterie, in 1 / 3 der Fälle an- 
gegeben wurde. Wie dort trat auch hier die Bedeutung der eigent- 
lichen Geisteskrankheiten bei den Eltern sehr zurück, noch mehr 
aber, im Gegensatze zur Hysterie, der Einfluß des elterlichen Alko- 
holismus. Dagegen fand sich in 27,5% Belastung durch psycho- 
pathische Zustände der Eltern. Wenn diese Erfahrungen, was mir 
aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich ist, mehr als Zufällig- 
keiten wiedergeben, so würden sie wohl für eine starke Neigung zu 
gleichartiger Vererbung sprechen, während Keimschädigungen hier 
weniger eine Rolle spielen dürften. Bei diesem Anlasse ist vielleicht 
darauf hinzuweisen, daß die Hysterie auch unmittelbar durch Alko- 
holmißbrauch erzeugt werden kann ; von unseren Kranken pflegten 
dagegen nur etwa 5% reichlichere Alkoholmengen zu sich zu nehmen. 
Vielleicht gewinnt, wie Mö bius angedeutet hat, unter Umständen 
auch die Keimfeindschaft, das Zusammentreffen von Keimen, die 
nur mangelhaft miteinander verschmelzen, eine gewisse Bedeutung 
für die Entstehung psychopathischer Veranlagung. Wir wissen durch 
Darwin, daß die Vereinigung sehr weit auseinanderstehender Ras- 
sen leicht zu Rückschlägen in weit zurückliegende Entwicklungs- 
stufen führt ; gerade ein solcher Vorgang würde aber wohl das Auf- 
treten umschriebener oder allgemeinerer Entwicklungshemmungen 
besonders begünstigen. Endlich kann wohl auch ein starker Alters- 
unterschied zwischen den Eltern, hohes Alter eines Teiles oder Er- 
schöpfung der Mutter durch eine lange Kinderreihe eine Unzuläng- 
lichkeit der nervösen Veranlagung bewirken, wenn auch über alle 
diese Fragen noch sehr eingehende Untersuchungen notwendig sind. 
Ebenso fehlt es noch an genügend sicheren Beobachtungsreihen 
darüber, wieweit Schädigungen der Mutter während der Schwanger- 
schaft, körperliche Krankheiten, Ernährungsstörungen, gemütliche 



l8o8 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Erschütterungen, zur Entwicklung der Nervosität beim Kinde bei- 
tragen können. 

Daß sich die Anfänge des Leidens in der Regel bis in die Kind- 
heit, mindestens bis in die Entwicklungsjahre zurückverfolgen las- 
sen, wurde bereits näher erörtert. Die Beteiligung der Geschlech- 
ter stellte sich so, daß etwa 65% meiner Kranken Männer waren. 
Das kann zum Teil damit zusammenhängen, daß die krankhaften 
Störungen im männlichen Erwerbsleben weit stärker ins Gewicht 
fallen und daher häufiger zum Aufsuchen ärztlicher Hilfe Anlaß 
geben. Man wird aber wohl auch daran denken dürfen, daß beim 
weiblichen Geschlechte in höherem Maße die Neigung zur Umsetzung 
gemütlicher Spannungen in hysterische Ausdrucksformen besteht, 
die dann für die klinische Einordnung maßgebend werden. Römer 
fand unter seinen „konstitutionell Neurasthenischen" 88 Männer 
und 46 Frauen, also fast genau das gleiche Verhältnis der Geschlech- 
ter (65,7% Männer). Fast 2 / 3 meiner Kranken waren ledig, zum 
Teil wohl, weil sie sich mangels einer Familienpflege leichter 
zum Aufsuchen der Klinik entschlossen, vielleicht aber auch wegen 
der Abneigung vieler Psychopathen gegen die Ehe und wegen der 
Schwierigkeiten, die sich ihrer Verheiratung entgegenstellen. Unter 
den Frauen fanden sich, möglicherweise zufällig, eine Anzahl Ver- 
witweter und Geschiedener. Nach ihrer Herkunft waren nur etwa 
1 / 3 der Kranken Münchener, bei den Männern etwas mehr. Dabei 
mag die größere Hilfsbedürftigkeit der Zugewanderten im Erkran- 
kungsfalle eine Rolle spielen. Da aber ferner die Zahl der vom Lande 
oder aus kleinen Städten stammenden Kranken verhältnismäßig groß 
war, ist es vielleicht auch hier, wie wir es bei der Hysterie versucht 
haben, gestattet, die Annahme zur Erklärung mit heranzuziehen, 
daß die Versetzung aus kleinen, einfachen Verhältnissen in das Er- 
werbsgetriebe der Großstadt vielfach einen ungünstigen Einfluß auf 
die Entwicklung nervöser Anlagen ausübt. Hinsichtlich des Anteils 
der Berufe fiel mir, abgesehen von der stärkeren Vertretung der viel- 
deutigen Gruppe der ,, Kaufleute", bei den Männern auf, daß eine An- 
zahl Studenten zu verzeichnen waren. Eine besondere Beteiligung der 
gebildeteren Stände ließ sich sonst nicht erkennen. Unter den Frauen 
erschienen auch hier in größerer Anzahl die in abhängiger häuslicher 
Stellung sich befindenden Dienstmägde, Köchinnen, Kinderfräulein, 
Stützen, teils wohl aus äußeren, teils wohl auch aus inneren Gründen. 



Nervosität. 1809 

Wenn wir auch die wesentlichen Ursachen der Nervosität in der 
persönlichen Veranlagung zu suchen haben, so sind doch, wie wir 
schon andeuteten, die weiteren Lebensschicksale des Kranken kei- 
neswegs ohne Bedeutung für die Gestaltung seines Zustandes. Ganz 
auffallend häufig fanden sich in der Vorgeschichte unserer Kranken 
Angaben einmal über mißliche wirtschaftliche Verhältnisse, sodann 
über Zwistigkeiten und Zerwürfnisse mit den nächsten Angehörigen. 
Es liegt auf der Hand, daß man hier zunächst an Folgen der psycho- 
pathischen Veranlagung zu denken hat. Die Kranken haben eine 
geringe und namentlich sehr ungleichmäßige Arbeitskraft, und sie 
verstehen es schlecht, ihre Lebenspläne sicher und zielbewußt durch- 
zuführen. Daraus ergibt sich ihre Minderwertigkeit im Erwerbs- 
leben, die sie im Wettbewerbe leicht erliegen läßt. Weiterhin sind 
sie reizbar, empfindlich und geben ihrer Umgebung wegen ihrer 
Entschlußunfähigkeit und Planlosigkeit vielen gerechten Anlaß zum 
Tadel. 

Es ist aber doch wohl nicht zu bezweifeln, daß die gemütlichen 
Erregungen, die sich aus diesen Verhältnissen mit einer gewissen 
Notwendigkeit ergeben, ihrerseits wieder geeignet sind, die ner- 
vösen Störungen erheblich zu verstärken. Sobald sich aus irgend- 
einem Grunde die Daseinsbedingungen günstiger gestalten, pflegen 
auch die krankhaften Erscheinungen mehr in den Hintergrund zu 
treten. Umgekehrt zeigt sich oft eine deutliche Steigerung unter 
dem Einflüsse von Schädigungen, die ganz außer Zusammenhang 
mit den nervösen Unzulänglichkeiten stehen, bei Erkrankungen der 
Angehörigen, Unglücksfällen, unverschuldeten Verlusten. Eine 
Kranke geriet in die größte Erregung, als ihr durch fremdes Versehen 
10 Mark verloren gegangen waren; sie konnte sich aber auch lange 
nicht beruhigen, nachdem ihr der Verlust ersetzt worden war. Eine 
starke Verschlimmerung des Zustandes bringen hie und da bevor- 
stehende Gerichtsverhandlungen; alljährlich pflegen uns einige Fälle 
von schwerer depressiver Verstimmung zuzugehen, bei denen sich 
dann herausstellt, daß es sich um eine schwebende Untersuchung 
handelt. 

Vielfach ist die Ansicht vertreten worden, daß die Großstadt die 
Entwicklung der Nervosität besonders begünstige; Trömner be- 
zeichnet sie als das ,, Treibhaus neurasthenischer Schößlinge". Es 
erscheint mir nicht leicht, ein zuverlässiges Urteil über diese Frage 



l8lO XV. Die originären Krankheitszustände. 

zu gewinnen. Wenn es richtig ist, daß in der Entstehungsgeschichte 
der Nervosität vor allem die angeborene Anlage, und zwar mehr 
die ererbte Unzulänglichkeit, als die Keimschädigung, in Betracht 
kommt, so läge eine erhebliche ursächliche Bedeutung des Groß- 
stadtlebens nicht ohne weiteres auf der Hand. Man wird aber 
daran denken dürfen, daß die Verführungen und Erregungen, 
denen der einzelne in den Brennpunkten menschlichen Verkehrs 
ausgesetzt ist, die weitere Entwicklung einer mangelhaften Anlage 
sehr ungünstig beeinflussen können. Lahr hat hier besonders auf 
das Wohnungselend, gesundheitswidrige Einflüsse im Fabrikbetriebe, 
die Schädigung durch aufreibende Akkord- und Nachtarbeit, die 
Unsicherheit der wirtschaftlichen Lage, die aufreizenden Wirkungen 
des Klassenkampfes hingewiesen. Freilich können dabei manche 
Störungen, so etwa wirkliche nervöse Erschöpfung oder die Folgen 
des Alkoholmißbrauches, hinzutreten, die an sich mit der Nervosität 
nichts zu tun haben. Weiterhin aber werden sich bei den erhöhten An- 
forderungen, welche die Großstadt an Selbstbeherrschung und Lei- 
stungsfähigkeit stellt, hier nicht wenige Personen als unzulänglich 
erweisen und so in die Hände des Arztes gelangen, die unter ein- 
facheren Lebensbedingungen ihren bescheidenen Platz ohne Schwie- 
rigkeiten hätten ausfüllen können. Auf welche der erörterten beiden 
Möglichkeiten es vorzugsweise zu beziehen ist, daß die vom Lande 
oder aus kleinen Städten stammenden Großstadtbewohner unter den 
Nervösen stärker vertreten sind, muß vorderhand dahingestellt 
bleiben. 

Suchen wir den wesentlichen Inhalt der vorstehenden Darle- 
gungen noch einmal kurz zusammenzufassen, so haben wir es bei 
der Nervosität mit einer bestimmten Form unzulänglicher Veran- 
lagung zu tun, die zum mindesten recht häufig in gleicher oder ähn- 
licher Form von den Eltern ererbt wird. Die Störungen liegen vor 
allem in einer ungenügenden Ausbildung jener dauernden Gefühls- 
und Willensrichtungen, die uns einerseits eine gewisse Unabhängig- 
keit unserer Stimmungen und unseres Wollens von äußeren Einwir- 
kungen, andererseits die Fähigkeit zu selbständigem, tatkräftigem 
Handeln aus inneren Beweggründen gewährleisten. Dieses Ver- 
halten kann als eine Entwicklungshemmung im Aufbau der Persön- 
lichkeit aufgefaßt werden, als das Ausbleiben eines der Abstraktion 
der Vorstellungen entsprechenden Vorganges in der Ausbildung de? 



Nervosität. 1 8 1 1 

Willens. Wie dort die Erhebung der sinnlichen Einzelvorstellungen 
zu Allgemeinvorstellungen, Begriffen, Denkrichtungen unentwickelt 
bleiben kann, so sehen wir hier die Augenblicksantriebe nicht zu 
festen, das Handeln dauernd in bestimmten Bahnen haltenden, bald 
hemmenden, bald treibenden Charakterzügen werden. Eine solche 
Entwicklung kann dauernd ausbleiben oder nur verspätet und viel- 
leicht unvollkommen eintreten. Daneben finden sich in der Regel 
auf den verschiedensten Seelengebieten noch andere Zeichen un- 
gleichmäßiger Ausbildung der Persönlichkeit. 

Ihre besondere Färbung erhält die Nervosität durch die häufige 
Beimischung von Behinderungen des Denkens und Wollens durch 
Ängstlichkeit. Man könnte meinen, daß die ängstliche, unter Um- 
ständen bis zur völligen Willenlosigkeit gehende Zurückhaltung eine 
natürliche Folge des Gefühls der eigenen Unzulänglichkeit darstelle. 
Es mag innerhalb gewisser Grenzen zutreffen, daß die Wahrnehmung 
der eigenen Unsicherheit diese wiederum verstärkt. Da es aber, wie 
wir späterhin sehen werden, Zustände mit mangelhafter Ausbildung 
des Willens gibt, denen die ängstlichen Willenshemmungen nahezu 
oder gänzlich fehlen, werden wir zu der Annahme genötigt, daß wir 
es hier mit einer besonderen Form der Entwicklungsstörung zu tun 
haben. Man könnte sogar an die Möglichkeit denken, daß die an- 
geborene Neigung zu trüben, verzagten Stimmungen, zu Zweifeln 
und Bedenken ihrerseits die Ausbildung des Willens hindert, der 
natürlich, ebenso wie alle anderen seelischen Leistungen, geübt wer- 
den muß, um sich zu entwickeln. — 

Aus der Mannigfaltigkeit der Krankheitserscheinungen und den 
klinischen Beziehungen zu anderen Formen des Entartungsirreseins 
darf man vielleicht den Schluß ziehen, daß die Nervosität in dem hier 
umschriebenen Sinne ein Sammelbegriff für eine Reihe von Zustän- 
den ist, die wohl gewisse gemeinsame Züge aufweisen, nach anderen 
Richtungen aber auseinanderweichen und gewissermaßen verschie- 
denartige Entwicklungsmöglichkeiten in sich schließen. H arten - 
berg hat den Versuch gemacht, eine Reihe von Unterformen zu 
kennzeichnen; er unterscheidet eine depressive, eine ängstliche, 
eine erregte, eine reizbare und eine weichmütig-resignierte Form. 
Unsere Darstellung, die als kennzeichnendes Merkmal die Bindung 
des Willens durch Mangel des Selbstvertrauens betrachtet, würde 
wesentlich die letztgenannte und diejenigen Fälle der beiden ersten 



l8l2 XV. Die originären Krankheitszustände. 

Formen umfassen, die nicht den Grundzuständen des manisch-depres- 
siven Irreseins oder der Zwangsneurose angehören. Die erregte 
Form dürfte zum größten Teile der manischen Veranlagung ent- 
sprechen, während wir die reizbare Form später bei der Besprechung 
der psychopatischen Persönlichkeiten näher zu würdigen haben wer- 
den. Scholz hält Indolente, Depressive, Manische, Periodische, Affekt- 
menschen, Triebhafte, Haltlose, Verschrobene, Phantasten, Zwangs- 
kranke, sittlich Minderwertige und geschlechtlich Abnorme ausein- 
ander. Den meisten dieser Formen werden wir bei der Besprechung 
der krankhaften Persönlichkeiten begegnen ; andere haben wir schon 
bei der Schilderung des manisch-depressiven Irreseins erwähnt. 

Vielfach ist die Nervosität im hier umgrenzten Sinne mit anderen 
verwandten oder ähnlichen Krankheitszuständen verschmolzen wor- 
den. So hat Koch die hier geschilderten Zustände unter den ,, ange- 
borenen psychopathischen Minderwertigkeiten" beschrieben, wobei 
sie mit einer ganzen Reihe verwandter Krankheitsformen zusammen- 
gefaßt wurden. Auch Jan et hat in seiner weit ausgreifenden Bear- 
beitung des ganzen Gebietes in dem Ausdrucke „Psychasthenie" eine 
gemeinsame Bezeichnung geschaffen, die neben der Nervosität na- 
mentlich noch die Zwangsneurose, aber wohl auch noch anders- 
artige Krankheitsbilder in sich schließt. Er nimmt an, daß die all- 
gemeine Grundstörung überall in einer Herabsetzung der ,, psychischen 
Spannung" zu suchen sei, eine Vorstellung, auf die wir späterhin noch 
zurückzukommen haben werden. Ich halte es vorderhand für 
zweckmäßig, die Nervosität von den Zwangszuständen abzutrennen. 
Sie scheint zwar vielfach die Vorbedingung für deren Entstehung 
aufzuweisen, bietet aber doch ein wesentlich anderes klinisches Ge- 
samtbild dar. 

Sehr gewöhnlich wird die Nervosität mit der erworbenen nervösen 
Erschöpfung unter dem gemeinsamen Namen der ,, Neurasthenie" 
vereinigt. Die Gesichtspunkte, die mich veranlassen, diese beiden 
Krankheitsformen durchaus voneinander zu trennen, sind früher 
dargelegt worden. Hier soll nur nochmals betont werden, daß wir 
es bei der Neurasthenie immer mit einer körperlich begründeten, 
hier aber mit einer psychisch, durch mangelndes Selbstvertrauen 
bedingten Arbeitsbehinderung zu tun haben, mögen auch die klini- 
schen Erscheinungen einander noch so ähnlich sein. Es handelt 
sich also um eine ganz verschiedene Entstehungsgeschichte. Zu- 



Nervosität. 1 8 1 3 

gegeben werden muß jedoch, wie oben ausgeführt, daß wenigstens 
bei manchen Nervösen auch wirklich eine Steigerung der Ermüd- 
barkeit besteht, die dann ihrerseits wieder das Vertrauen in die 
eigene Leistungsfähigkeit empfindlich beeinträchtigen kann. 

Eine scharfe Scheidung der Nervosität von der Hysterie erscheint 
angesichts der Häufigkeit einzelner hysterischer Krankheitszeichen 
kaum durchführbar. Dennoch wird man sich auf den Standpunkt 
stellen dürfen, daß die hysterischen Störungen hier, wie bei so vielen 
anderen Krankheitsformen, nur eine Begleiterscheinung darstellen, 
neben der die gesamte Eigenart des Seelenzustandes als die wesent- 
liche Veränderung erscheint. Sie unterscheidet sich von derjenigen 
der Hysterischen eben durch die weitgehende allgemeine Bindung 
des Willens ; dazu kommt die immerhin geringe Ausdehnung und 
nebensächliche Stellung, die hier den hysterischen Zeichen im Krank- 
heitsbilde zukommt. Freilich wird man nicht in Abrede stellen können, 
daß es sich nur um Gradunterschiede handelt, und daß die Seelen- 
zustände der Hysterischen wie der Nervösen eine Breite der Gestal- 
tungen zeigen, die vielfache Berührungen ermöglicht. 

Die Häufigkeit, mit der sich traurige Verstimmungen und Angst- 
zustände bei Nervösen finden, kann es schwer machen, ihr Leiden 
von der depressiven Veranlagung zu unterscheiden, die wir früher 
als Vorstufe des manisch-depressiven Irreseins kennen gelernt haben. 
Bei manchen Fällen von ,, psychogener " Depression bei Psychopathen 
sind wir in der Tat, bevor wir die uns geflissentlich verschwiegene, 
auslösende Ursache kannten, zu der Auffassung einer manisch- 
depressiven Erkrankung gekommen. Im allgemeinen läßt sich sa- 
gen, daß die Verstimmungen der Nervösen in weit höherem Grade 
von äußeren Verhältnissen abhängig sind, als diejenigen der depressiv 
Veranlagten. Sie knüpfen sich an ganz bestimmte Einwirkungen 
an und schwinden mit ihnen. Aus den grundlos auftretenden Ver- 
stimmungen aber kann man die Kranken in der Regel sehr rasch 
durch einen Scherz, ein anregendes Gespräch, eine Zerstreuung her- 
ausreißen; sie fühlen sich in angenehmer Gesellschaft, im Theater, 
auf Reisen vollkommen wohl, während die depressiv Verstimmten 
den trüben Grundton ihres Wesens kaum jemals loswerden. Die 
Verbringung in die Klinik und beruhigender Zuspruch pflegt bei 
den Nervösen auch die heftigsten Angstzustände und Verstimmungen 
außerordentlich schnell zum Verschwinden zu bringen. Von einer 

Kraepelin, Psychiatrie IV. 8. Aufl. 27 



1814 XV. Die originären Krankheitszustände. 

gewissen kennzeichnenden Bedeutung für die depressive Veran- 
lagung im Sinne des manisch-depressiven Irreseins ist wohl auch 
eine regelmäßige, deutliche Besserung des Zustandes gegen Abend 
nach sehr trüben Morgenstunden. 

Es ist indessen zu betonen, daß es Fälle genug gibt, in denen 
sich diese Unterscheidungsmerkmale mehr oder weniger ver- 
wischen; es ist ja auch nicht immer möglich, zu erkennen, 
ob eine hartnäckige Verstimmung durch irgendeinen geheimen 
Kummer oder durch Krankheitsvorgänge bedingt ist, ob eine 
Aufhellung der Stimmung als zufällige Schwankung oder als Vor- 
läufer des Überganges in einen hypomanischen Zustand aufge- 
faßt werden muß. Im ganzen kann ich mich des Eindrucks kaum 
erwehren, als ob zwischen den Verstimmungen der Nervösen und 
der depressiven Veranlagung eine gewisse tiefere Verwandtschaft 
bestände. Wir werden späterhin noch andere Tatsachen kennen ler- 
nen, die in derselben Richtung zu deuten scheinen. Natürlich soll 
aber damit nicht etwa von einer Zugehörigkeit der Nervosität zum 
manisch-depressiven Irresein gesprochen werden. Vielmehr könnte 
man sich das Verhältnis vielleicht ähnlich vorstellen wie dasjenige 
zwischen Nervosität und Hysterie; gewisse Krankheitserscheinun- 
gen, die wir anderwärts zu ausgeprägten klinischen Bildern sich 
entwickeln sehen, gesellen sich in leichtesten Andeutungen zu an- 
deren Krankheitszuständen hinzu, die ebenfalls aus dem Grunde 
der Entartung hervor wachsen. 

Das scheue, zurückgezogene Wesen der Nervösen kann unter 
Umständen mit der negativistischen Abschließung schizophrener 
Kranker verwechselt werden. Indessen das Verhalten der Nervösen 
entspringt einer gesteigerten Verwundbarkeit und Empfindlichkeit, 
dasjenige der Schizophrenen einer feindseligen Ablehnung. Dort 
haben wir es mit einem angeregten, unter Umständen reichen Innen- 
leben zu tun, das sich mitfühlender Teilnahme zugänglich erweist, 
mit einem mehr oder weniger weiten, wenn auch nur in der 
Stille gepflegten Interessenkreise, hier mit innerer Verödung und 
starrer Unzugänglichkeit. Zudem läßt sich hier meist ein deutlicher, 
wenn auch schleichender Beginn und auch ein gewisses Fortschreiten 
der Veränderung nachweisen, im Gegensatze zu dem mehr gleich- 
mäßigen, wesentlich nur durch äußere Bedingungen beeinflußten 
Zustande des Nervösen. Man trifft aber doch gelegentlich Fälle, 



Nervosität. 1 8 1 5 

in denen sich erst nach längerer Beobachtung entscheiden läßt, ob 
man es mit einer schleichenden, mäßig entwickelten Schizophrenie 
oder mit einer Psychopathie bei geringer geistiger Begabung und 
minderwertiger gemütlicher Veranlagung zu tun hat. 

Nach der Gesundheitsbreite führen überall fließende Übergänge 
hinüber. Es gibt selbstverständlich keinen Menschen, bei dem alle 
Fähigkeiten des Gemütes und des Willens vollkommen gleichmäßig 
ausgebildet sind. Kleinere oder größere Unzulänglichkeiten auf 
diesem oder jenem Gebiete wird man daher überall entdecken können ; 
sie treten dann am stärksten hervor, wenn die Sachlage besonders 
hohe Anforderungen stellt, oder wenn durch ungünstige Einwirkun- 
gen die allgemeine Leistungs-, Widerstands- und An